Donald Trump ist also der Kandidat. Die zentrale Botschaft um diesen Kasper ist für mich, dass die Umfragen ihn nicht 60 Prozent hinter Hillary Clinton sehen, sonder nur vier, fünf Prozent. 40 Prozent aller Amerikaner_innen können sich also vorstellen, einen Mann zu wählen, dessen einzig adäquates Kleidungsstück die Zwangsjacke wäre. Ich bin weit entfernt von dem reflexartigen Antiamerikanismus vieler alternativ-linker Kasperköpfe hierzulande, aber da sach ich doch mal ’n Stück weit: Ils sont fous ces americains. Wenn schon in amerikanischen Medien die Möglichkeit eines Militärputsches gegen Trump im Falle seiner Wahl diskutiert wird, sagt das mehr als meine lichtvollen Analysen. Ich glaube, ich schaufele diesen Blog nicht nur deshalb voll, weil in meinem realen Tagebuch für so was kein Platz ist, sondern auch aus Rechthaberei. Erst gestern habe ich bei einem Arbeitsessen im Garten – ok, es war ein Zechgelage inclusive laber laber – mich selbst zitiert, aus meinem Blog, nach dem Motto „Wie ich bereits in meinem Blog schon vor Wochen formulierte…“. Nüchtern war ich nicht mehr … Witzig ist übrigens, wenn ich alte Blogeinträge noch mal lese und mich partout nicht mehr erinnern kann, ob die komplett erfunden sind oder ein Korn Wahrheit dabei ist.
Das hier ist ja eher ein cum grano salis Tagebuch. Höhöhö, famoser Bildungsscherz. Käme gut bei einem Kabarettauftritt vor Kolleginnen der GEW.

Hauser Dramatische Republik. Neukölln.
Eine Anspielung auf Kaspar Hauser, den Vorläufer von Bowies „Hero just for one day“? Ich flanierte daran vorbei, auf dem Weg zum U-Bahnhof Sonnenallee. In Neukölln gibt es an jeder Ecke ein öffentlich gefördertes Kulturprojekt und an jeder zweiten einen Laden mit Betreuungsangeboten von Wohlfahrtsverbänden. Das muss auch so sein, denn die Armutsquote ist die höchste von Berlin, mit 21,5 Prozent. Nur ist das mit ein Wegbereiter für Gentrifizierung. Neukölln mitsamt seiner noch subkulturellen Aura zieht Touris wie mich an, die gerne mal einen guten Weißen trinken und auch mal was anderes essen wollen als einen Döner. Und schon kommt die Spirale in Gang und die Mieten steigen und die Verdrängung läuft …
Interessanterweise ist im schicken Berlin-Mitte die Armutsquote überdurchschnittlich mit 18,5 Prozent (Gesamt-Berlin 14,1). Es findet also nicht nur Verdrängung aus Kiezen statt, sondern auch Vertiefung der Spaltung zwischen Arm und Reich innerhalb von Kiezen. Da liegt Musike resp. Randale drin, denn es glaubt doch niemand, dass in unserem Lande mehr Gerechtigkeit Einzug halten wird. Ein Mittel gegen Riots ist ja: Repressionsapparat aufrüsten. Ich sollte Aktien kaufen von Firmen, die Polizei und Militär ausrüsten. Eine guten Linken wie mich zeichnet immer auch fundiertes Verständnis nationalökonomischer Zusammenhänge aus.

Cappy ab! Solange noch solche Schilder an Neuköllner Spielhallen hängen, ist mir nicht bange um den Kiez.
Yo mon!
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19.07.2016 – Wo bleibt der nächste Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein?
Die Deutsche Bank schließt ein Viertel ihrer Filialen und ein paar Tausend Arbeitsplätze fallen weg. Strukturwandel im Rahmen der Digitalisierung. Ich frage mich, wie der Strukturwandel weiter geht, Stichwort Industrie 4.0. Schon vor Jahren war klar: Wenn der gesamte damalige technologische Fortschritt realisiert wäre, fielen cirka 30 Prozent der existierenden Jobs weg. Das dürften heute eher mehr sein. Kommt noch. Und wie sieht dann die gesellschaftliche Antwort darauf aus? Zur Erinnerung Industrie 1.0: Das Patent auf die Dampfmaschine erhielt James Watt 1769. Den Fortschritt der Produktivität und die gesellschaftlichen Veränderungen bis hin zum Manchester Kapitalismus mit massenhafter Kinderarbeit und Verelendung lese man bei Wikipedia nach. Hätte es nicht aufgeklärte Geister gegeben, die sich für ein paar soziale Verbesserungen einsetzten, wäre da schon mal Ende im Manchester Gelände gewesen.
Weitere Antworten damals:
1848 – Das kommunistische Manifest von Karl Marx.
1865 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Vereins als erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland.
Zum Vergleich Industrie 4.0:
1990 – Der erste kommerzielle Internetprovider World.
2059 – Das … Manifest von …?
2078 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Digitalarbeiter-Vereins?

Ich weiß nur eins: 1968 wurde der SCHUPPEN 68 gegründet. 2018 haben wir 50 Jahre Jubiläum. Die Vorbereitungen laufen bereits jetzt. Das mit dem Manifest habe ich mir für 2053 auf Wiedervorlage gelegt. Vorher habe ich keine Zeit und da werde ich 100. Passt.

Karl Marx Str. inna Neukölln. Hoffentlich gehen diese Schriftzüge nicht im Rahmen der Gentrifizierung von Neukölln flöten! Blaupunkt, Telefunken, Saba – Ikonen der Unterhaltungselektronik. Diese Namen erfüllen ältere Semester mit Gänsehaut und Erinnerungen. Wo ist der zeitgenössische Hölderlin, der diesen Göttern der klassischen Moderne Oden dichtet?
Nein, ich mach’s nicht. Jetzt ist Sommer, endlich. Paar Tage nur Abhängen. Da muss ich echt nicht an Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst rumschrauben.
18.07.2016 – Bitburger? Shitburger!

Bitburger? Shitburger!
In Fachtrinkerkreisen hat Bitburger zuverlässig seit Jahren den Ruf des schlechtesten Bieres des Universum seit der Einführung des intergalaktischen Reinheitsgebotes. Bei dieser Plörre ist wirklich Hopfen und Malz verloren: die Blume sieht vor dem Einschenken schon verwelkt aus, der Geruch erinnert eine Mischung an einen nassen Hund, der in der Kloschüssel gebadet wurde und der Geschmack ist unbeschreiblich – nach dem ersten (und letzten) Schluck riefen meine Geschmackspapillen noch Wochen später empört beim Großhirn an und drohten, sie würden auswandern, wenn sie je wieder mit diesem Saft des Grauens behelligt würden. Die Shitburger Flaschenfarbe ist passend in dezentem Kotbraun gehalten. Wer die letzten Gäste seiner Party sofort loswerden will, braucht nur laut zu rufen: „Folks, es ist nur noch Shitburger da!“ Und wusch, ist die Bude leer.
Zur Fußball EM hatte Shitburger eine adäquate Werbekampagne gestartet. Die Pullen des Grauens waren mit Kronkorken versehen, unter denen sich ab und an Gewinncodes befanden, die man auf der Shitburger Homepage einlösen konnte. Ich testete das seitens des „SEK VV – Sonder-Einsatz-Kommando Verarschte Verbraucher“, denn wer so ein Un-Bier braut, der kann nur aus Bitburg kommen. Was fällt selbst einem Einzeller zu Bitburg ein? Richtig: Waffen SS!
Und siehe! Das Verfallsdatum dieser Gruselbrühe war teilweise auf den September datiert, Monate nach Ende der EM! Der ahnungslose Verbraucher kauft also in freudiger Gewinn-Erwartung auch noch nach Ende der EM diesen Saft des Schreckens und was ist? Laut Homepage ist das Gewinnspiel abgelaufen! Obwohl auf den Kronkorken steht: Jetzt mitmachen!
Das schlägt dem Fassbier den Kronkorken ins Gesicht.
Wenn das kein Leberhaken mitten in das Vertrauen der Kampftrinkergemeinde ist – was dann? Ist das unlauterer Wettbewerb? Betrug? Oder geht das gar in Richtung § 129a StGB?
Es bleibt nur eins: Shitburger muss lernen. Mit einer viralen Kampagne, die diesem Tropfen das gibt, was er verdient. Ich rufe alle Promillaner des Planeten Erde auf: schickt mir Bilder, Videos, Gedichte, was auch immer, die das Prinzip Shitburger künstlerisch-satirisch bearbeiten. Mit den Einsendungen werden wir vom SEK VV eine Ausstellung gestalten, inclusive facebook bis twitter etc. und unter den Besten wird eine Kiste Bier ausgelost: Carlsberg. Das ist das Bier, das Lemmy trank. Wir erinnern uns: wer in die Garderobe von Motörhead eine Flasche Shitburger brachte, wurde erschossen.
Am Ende der Campagne veranstalten wir einen Sternhagelvollmarsch vor die Shitburger Zentrale und fordern Gerechtigkeit.
Verbraucher sind ehrlos – aber nicht wehrlos!
Stay on tune, Bro’Sis! Und Prost, liebe Leberianer und Milzonier!
16.07.2016 – Montage ohne Montage oder: Terror, Putsch und schöne Zähne.
Die Montage ist ein Stilmittel der klassischen modernen Kunst (Dada z. B.) und Literatur (Döblin, Alexanderplatz), bei der unterschiedliche Fragmente zu einem ästhetischen Ganzen gefügt werden. Die Fragmente stehen oft in keinem erkennbaren Zusammenhang, scheinen beliebig und ungleichwertig. Die Montage ist die ästhetische Antwort auf die komplexer werdende äußere Welt und die aus den Fugen geratende innere Welt der Subjekte. Mit einem naturalistischen Portrait auf einem Tafelbild wird man kaum der Welt des 21. Jahrhunderts gerecht. Ich montiere dauernd was, bei mir gibt keine Freitage oder Montage ohne Montage.
Der Normalzustand bei dauernder medialer Überflutung der Cortex ist allerdings die quasi implementierte Montage, Fetzen werden bruchstückhaft (nicht) verarbeitet, gleichwertig nebeneinandergesetzt, laufen in Loops durchs Gehirn, um sonstwo wieder rauszukommen, unverdaut, unverstanden. Ich lese „Schöne Zähne für 7,70 Euro“, ich höre „Terror in Nizza“, ich sehe „Putsch in der Türkei“, ich denke „Meine Zähne sehen beschissen aus, mein Gott, auf der Promenade des Anglaises habe ich vor ein paar Jahren in der Sonne bei einem Weißwein gesessen, hoffentlich ist der durchgeknallte Erdogan bald weg vom Fenster“. Natürlich setzt sich das alles irgendwann und wird geordnet, aber was richten die unbewussten Prozesse vorher an? Und was kommt dabei im übertragenden Sinne des großen abendländischen Filosofen Helmut Kohl „hinten“ raus?
Mir fällt das Titelbild einer alten Zeitung ein, die ich mal herausgegeben habe.

Tête Carrée
Das Foto habe ich in einem Park in Nizza aufgenommen. Weiter fällt mir ein: das habe ich doch in dem Blog schon mal verwendet, hier?
Wie oft wiederhole ich mich hier in dem Blog eigentlich?
Putschendes Militär in der Türkei, im Hintergrund läuft gerade Deutschlandfunk, alle Regierungen insistieren in ersten Stellungnahmen auf dem verfassungsrechtlichen Gang der Dinge. Hitler wurde auch vom Volk gewählt, das war verfassungsrechtlich sauber, und es gibt durchaus Beispiele, wo das Militär den zivilisatorischen Gang der Dinge beschleunigt hat, siehe Nelkenrevolution in Portugal. Das war ein Militärputsch: Povo unido, Soldado esta contigo.
Manchmal ist die Realität komplizierter als die Wirklichkeit (siehe auch H. Kohl). Aber wenn das kein säkulares Militär sondern nur so eine Gülen Truppe ist, wäre der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Schade um jeden Toten. Ob man die Wahrheit je erfährt? Das sollen unsere Verschwörungstheoretiker klären, bei denen im Zweifel immer CIA oder Mossad dahintersteckt. Ich geh jetzt Blumen gießen, dann Arbeit und nächste Woche hoffentlich endlich Sommer. Mal Gehirn in der Sonne abschalten. Nichts denken, nur fühlen.
14.07.2016 – Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben

Keiner will da rein, aber jeder ist froh, dass es sie gibt: Krankenhäuser.
Mich umwehte ein Gefühl von Ehrfurcht, als ich unlängst die Hallen der ehrwürdigen Charité betrat. Freiwillig und mit dem Drang nach Erkenntnis ausgestattet und Gottseidank weder von Milzbrand, Tuberkulose oder Cholera befallen. Deren Todesfeldzug durch die Reihen der Menschheit stoppte Robert Koch, indem er überhaupt erst mal ihre Erreger entdeckte. Bei der Suche nach einem Mittel gegen Tuberkulose unterlief ihm ein folgenschwerer Fehler, der jede Menge Kranken in die Kiste verhalf: Sein Wundermittel Tuberkulin tötete Bakterien nicht nur nicht ab, sondern aktivierte diejenigen, die im Wirtskörper eher noch vor sich hindösten. Das Tuberkulin hatte er unter anderem an seiner siebzehnjährigen Geliebten (er war 30 Jahre älter) getestet. Sie berichtete in ihren Erinnerungen, dass sie nach den Worten Kochs „möglicherweise recht krank“ werden könne, „sterben würde ich voraussichtlich nicht.“ Den Reibach mit dem vermeintlichen Wundermittel wollte er privat machen. Koch, ein Arsch wie er im Buche steht.
Aber wie misst man überragende Wissenschaftler? Karl Marx war ja auch kein Engel. Bei Fritz Haber ist die Grenze sicher überschritten. Der war federführend und aktiv an der erstmaligen Entwicklung der Giftgaskriegsführung im ersten Weltkrieg beteiligt. Und was ist mit Oppenheimer?
Eine schöne Volte hat die Tuberkulin Geschichte doch noch. Den Nachweis über die komplett kontraproduktive Wirkung führte Rudolf Virchow, Teilnehmer der 1848er Revolution, Vertreter einer sozial orientierten Medizin (Zitat: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“) und engagierter Kämpfer gegen den aufkommenden Antisemitismus im wilhelminischen Deutschland. Endlich siegt mal einer von den Guten.
Das wär’ doch mal Stoff für einen Film, mit den Beiden als Protagonisten, ein Film, der seriös auch naturwissenschaftliche Zusammenhänge der breiten Masse näher bringt. Ich sehe schon die erste Einstellung vor meinem inneren Kamera-Auge: Dämonisch von unten ausgeleuchtet nähert sich sabbernd der geile alte Koch-Bock seiner in weiß gekleideten und seufzend die Hände ringenden Geliebten, die in Wirklichkeit den gleichaltrigen Gärtner (Lady Chatterly läßt grüßen!) des Hauses liebt, sich aber aus wirtschaftlicher Not dem Lustgreis hingibt. Ich mach mich gleich ans Exposé. Wenn das nicht mein Durchbruch wird, dann weiß ich es auch nicht. Arbeitstitel des Films:
Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben.
13.07.2016 – Frauen mit Möpsen mit Möpsen

In dieser Werbung eine Frau mit Möpsen mit Möpsen abzubilden, wäre offensichtlicher Sexismus. So ist es „nur“ Verbalsexismus. Ich würde gerne wissen, wie bei solchen Entscheidungen in der Werbebüros diskutiert wird. Schließlich sitzen auch Frauen dabei. Bei Entscheidungen sicher nicht sehr oft, meist dürfen sie Kaffee für die Sitzungen bereit stellen und – im Fall von Migrationshintergrund – nach Feierabend (gibt es den in der Werbebranche?) die Büros sauber machen, aber ein paar Frauen werden es sich in dieser hippen Branche auch auf Entscheiderplätze gebracht haben. Was sagen die dann? „Find ich krass, handwerklich echt cool.“ „Das ist ein Burner, damit handeln wir uns vielleicht sogar ne Beschwerde vom Werberat ein. Die machen wir dann öffentlich unter dem Hashtag #macht euch mal locker.“
In der Ostzone hätte es so was nicht gegeben. Es gibt nicht wenige Neoliberale, denen selbst die Reste unseres Sozialstaates noch ein Dorn im Auge sind, und die die BRD für eine Wiedergängerin der DDR halten.

Stimmt ja auch irgendwie. In Berlin gibt es fast nur noch Trabbis.
Für den klassischen Neoliberalen ist Merkel als verkappte Kommunistin verantwortlich für eine sozialistische Wärmestuben-Wohlfühlromantik in unserem Lande, wo jeder Stützesauger 52 Wochen lang Urlaub in der sozialen Hängematte macht.
Wir arbeiten dran. Spätestens in der übernächsten Krise, die im zyklischen Sinuskurven Auf und Ab so sicher kommt wie – nein, nicht wie das Amen in der Kirche, das kost 5 Euro ins Phrasenschwein (noch mal 5 Euro) – der morgendliche Kackreiz, also durchaus mal phasenverschoben, wird unter anderem über die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung als Sozialleistung diskutiert werden.
Das durchschnittliche Arbeitslosengeld liegt rund 200 Euro unter der Armutsrisikogrenze.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung gegen Arbeitslosigkeit?
Mehr als ein Fünftel der Beschäftigten, die im ersten Halbjahr 2015 den Job verloren, sind schon zu Beginn der Arbeitslosigkeit in Hartz IV gerutscht.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Der durchschnittliche Versicherungsschutz lag im Dezember 2012 bei 131,4 Tagen.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Das geht doch privat versichert viel besser. Riester, übernehmen Sie!
12.07.2016 – Hass
Glühender Hass wälzte sich unlängst gleich Lava durch mein Gemüt. Sanftmütig bin ich sowieso nicht und jeder Verbalrauferei sofort zugänglich, aber das ich coram publico ausraste und anfange rumzubrüllen, kommt nicht alle Tage, derer noch nicht Abend ward, vor. Und das kam so: In Berlin läuft zur Zeit die Biennale, für den Kunstafficionado (afficionada?) ein must have. Bestandteil der diesjährigen Biennale ist die Feuerle collection, eine der immer zahlreicher werdenden Privatsammlungen in Berlin. Da kriegen sie genug von der Droge, nach der alle Kunst giert: Aufmerksamkeit. Ich suchte die Location verzweifelt, ich war vorher bei einer am Pariser Platz gewesen, da war die Biennale mit Bannern, Wimpeln, Schildern gut ausgeschildert. Ausschilderung ist ja eh in meiner Theorie die Grundlage jeder Zivilisation. Hier nichts, mit einem schüchternen Asiaten im Schlepptau irrte ich über ein unübersichtliches Gelände, durch einen riesigen Bunker mit zig Türen, immer durch die falsche, überall lagen Skelette von Leuten, denen es so ergangen war wie mir und die nicht diesen titanischen Überlebenswillen hatten. Nirgendwo der kleinste Hinweis.

Doch, ein Hinweis, ca. 10 cm hoch.
Nach Monaten endlich an der Kasse, mittlerweile halb Japan im Schlepptau, ich war nicht auf 180, ich war auf 360. Unglücklicherweise war der junge Mann an der Kasse einer jener Kunstschnösel, die glauben, sie hätten „es“ geschafft, nur weil sie in so einem Kunstbunker die Karten abreißen oder das Klo sauber machen dürfen. Auf meine Ansage, dass das die unprofessionellste Ausschilderung der letzten 30 Jahre sei, die ich gesehen hätte, ließ er sich wie folgt ein: „Vielleicht ist das so gewollt?“ Ich war auf 540: „Schon mal was von inklusiver Kunst gehört?“ – „Was soll das denn sein?“
Dummheit, dein Name ist Kartenabreißer und meiner ist LAUTSTÄRKE:
„Es gibt Menschen mit Behinderungen, die es vielleicht nicht so drollig finden, umsonst über Feuerleitern und Baugruben zu klettern.“ (Das ist nur der Teil meiner Einlassungen, die mich in positivem Licht erscheinen lassen). Kartenabreißer:
„Mann, Alter, komm mal wieder runter.“
Da aber geschah es, dass sich glühender Hass gleich Lava durch mein Gemüt wälzte, ich meine Stimme erhob wie weiland Stentor und ich den jungen Kartenabreißer frug, ob wir weiland zusammen Schweine gehütet hätten und damals das „Du“ als allgemeine Kommunikationskonvention vereinbart hätten. Meine Japaner, eher klassische Harmoniesucher, hatten längst das Weite gesucht und aus den Tiefen des Bunkers strömte allerlei Besuchervolk herbei. Ich habe eine wirklich sehr laute Stimme.
Mir war der Auflauf scheißegal, da bin ich bei meinen Performances in der Öffentlichkeit ganz anderes gewohnt. Der Kartenabreißer schien eher unfroh.
Die Kunst im Bunker ist übrigens postmoderner Mist, aufgepimpt mit strukturalistischem Kunstblabla. Und ich hasse Privatsammlungen. Machen auf dicke Hose, um ihren Namen der Welt zu hinterlassen und für die Folgekosten muss der Steuerzahler aufkommen, siehe Sprengelmuseum bei mir um die Ecke.
Das Einzige, was mich übrigens am Pariser Platz gestört hatte, war meine Begleiterin.

Dauernd machte sie Selfies.
Peinlich.
11.07.2016 – Versöhnliches Ende
Portugal hat die EM gewonnen. Das ist für mich ein versöhnliches Ende einer ansonsten desaströsen Fußball EM. Nicht eine einzige meiner Wetten war erfolgreich. Bezeichnenderweise hatte ich das erstemal seit Jahrzehnten heuer keinen Cent auf Portugal gesetzt, nachdem mich mein Lieblingsland bisher nur Geld gekostet hatte bei Meisterschaften (Ich sage nur: EM 2004!). Versöhnlich war auch das völlig unverdiente Ausscheiden der überlegenen Ostgoten gegen Frankreich im Halbfinale. Ich sah das Spiel BRD – Frankreich in der IG Metall Bildungsstätte Berlin-Pichelssee. Ich war anlässlich des Berliner Armutskongresses dort abgestiegen. Warum sollen Hotels das Übernachtungs-Geld kassieren, wenn es auch an meine Gewerkschaft fließen kann. Ich war vermutlich der Erste in den letzten 30 Jahren, der dieses Ansinnen gestellt hatte, dort auch abseits des Seminarbetriebs unterzukommen, mit meinem berechtigten Argument, dass bei über 100 Seminarteilnehmerinnen immer eine ausfallen dürfte. Ich mache keine gewerkschaftliche Bildungsarbeit mehr, kenne Pichelssee aber seit Jahrzehnten. Liegt an den Seen im Westen von Berlin, mitten in einem riesigen Park.

Blick aus meinem Fenster

Morgens eine Runde Schwimmen im See.
Das Spiel BRD – Frankreich sah ich gemeinsam mit Dutzenden Kolleginnen. Es war ziemlich anstrengend, bei den Toren der Franzosen mehr so nach innen zu jubeln. Gewerkschaften sind ziemlich patriotisch und auch wenn ich seit Jahrhunderten Gewerkschaftsmitglied bin, trennt uns doch einiges und das Letzte, was ich bin, ist Patriot. Au contraire.

Griezmann Elfmeter zum 1:0, in der 46. Minute. Stellte den Spielverlauf völlig auf den Kopf, um so inniger mein Triumphgeheul – nach innen. Ungerechtigkeit ist eine süße Frucht, wenn der Feind sie genießen muss.
Schöne Formulierung, ob die von mir ist?
10.07.2016 – Alles Togo oder was?
In einem Kabarettprogramm hatte ich mal eine Nummer über den grassierenden „to go“ Wahn, mittlerweile ist ja alles „to go“, vom Kaffee über Kultur bis zum Auto (da gibt es einen Anbieter „cartogo“. Ich lese da immer „cartago“ und muss an dann an „cato“ denken, der mit dem Spruch „Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden sollte“. So verwinkelt ist die Welt der Gedanken). Ich stellte mich in der Nummer dumm und tat so, als ob „to go“ was mit dem Land Togo zu tun hätte und wunderte mich dann darüber, wieso so viele Mettbrötchen aus Togo kämen.
Kein Wunder, dass ich irgendwann die Kabarettkarriere an den na gel gehängt habe – („na, gel im Haar?“ Hohoho). Also zivilisationskritisch steht die „to go“ Un-Kultur für schnellen Verzehr zwischendurch ohne Muße, Genuss oder Kennerschaft. Keine Zeit für nichts, wer rastet, der rastet aus, weil er rostet und was rostet, kostet. Mein Ding ist to go nicht. Wenn ein Kaffee oder ein Mettbrötchen so schlecht ist, dass sie nicht der Mühe wert sind, beachtet zu werden, lasse ich es lieber ganz. Auf Reisen kann es schon mal passieren, dass ich mir unterwegs ne Schrippe kaufe, aber dann raste ich auch, hänge auf ner Parkbank oder Wiese oder was auch immer ab.
Bei manchen „to go“ Produkten gerät meine Phantasie richtig ins rotieren. Respektive an ihre Grenzen.

Erotik to go.
Hm.
Allen Leserinnen einen sonnigen Wochenbeginn und viele kreative Impulse. (Typisches Workshop & Kongress Gelaber.)
06.07.2016 – Von Mao, Liebe und Hass.

Wir sind ein Landvolk.
Dass der Antisemit und Neonazi Wolfgang Gedeon von der Afd in Baden-Württemberg früher Maoist war, wundert nur den, der nicht weiß, dass der Ministerpräsident des selben Bundeslandes aus dem gleichen Lager stammt. Politische Einstellungen sind ähnlich leicht zu wechseln wie Socken. Die dahinter stehende und sie bedingende psychische Disposition legt man sein Leben lang nicht ab. Narzissten und Egomanen z. B. nutzen politische Gruppen zur Selbstdarstellung und späteren Karriere, siehe das unübersehbare Lager von Ex-Maoisten, KBW, KDP, KDP A0, KB, – weiß der Geier, was es da noch alles gab an durchgeknallten Spinnerinnen – bei den Grünen, von Kretschmann über Trittin zur unsäglichsten aller Nervensägen Antje Vollmer, etc. pp. To be continued. Autoritäre Charakter wie Mahler, Rabehl etc. werden echte Nazis und landeten teilweise hinter Gittern. Früher beschrieb man so was – unzureichend, da nur phänomenologisch vorgehend – als: Unten links anfangen, oben rechts enden. Charakterlich defekt sind die alle irgendwo. Wenn ich von solchen Charaktermasken höre, muss ich oft lachen, neben einer gewissen Anerkennung über die handwerklichen Fähigkeiten, unter solchen Umständen eine beachtliche bürgerliche Karriere hinzulegen. Allerdings bin ich auch wütend über Arschlöcher wie Gedeon zum Beispiel.
Wo kippt eigentlich Wut oder Zorn in Hass um? Hass braucht ja immer eine längere Vorgeschichte, anders als Liebe, zumindest in individuellen Gefühlswelten. (Beim kollektiven eliminatorischen Hass von Antisemiten oder Rassisten geht es nicht um Vorgeschichten sondern um grundsätzliche Defekte. Davon ist hier nicht die Rede). Beim verzehrenden Hass muss vorher Zorn gewesen sein, bei Liebe muss vorher gar nichts gewesen sein.
Ich wünsche solche Leuten wie Gedeon ziemlich viel Schlechtes, aber meist grundiert mit erheiterenden Momenten wie:
10 Jahre Umerziehung in einem Landschulheim mit sieben Tage in der Woche lang kritische Lektüre der Mao Bibel. Verschärfte Bedingung: Ich als Kursleiter.
Dass ich solchen Leuten mal wünsche: Rübe ab, kommt eher selten vor. Das wäre dann die Hasskappe und dafür ist mein Leben echt zu kurz. Außerdem muss ich jetzt packen, für eine Dienstreise, zum Armutskongress. Nach Berlin.
Bei dem Un-Sommer gibt es schlimmeres.