
Irgendwann im 140er Bus, eine Art Kreuzberg Kieztransfer, wenn die Füße beim Flanieren nicht mehr tragen. Das Rad als Stadterkundungsinstrument ist in Berlin eher ein Himmelfahrtskommando, an immer mehr Ecken weiße Räder als Memento mori für von rechtsabbiegenden LKWS plattgewalzte Radler*innen. Der Kopf des Mannes war fast völlig von Plastikfolie umwickelt. Selbstmordversuch? Irgendein Extrem-Fetisch oder Stimulationssupport? Was Kulturelles, Performance oder ne Pilzinfektion? In Berlin ist alles möglich und es kümmert niemanden, schon gar nicht die Businsassinnen. In Bussen als Kieztransfermittel sitzen tagsüber fast ausschließlich Rentner*innen mit ihren Einkaufswägen, junge Migrations-Mütter mit Kinderkarren, Flaneure wie ich und Durchgeknallte wie der Plastikkopf.
War er durchgeknallt? Seine Zigarette zündete sich der Mann jedenfalls brav draußen an, als er am Kotti ausstieg. Das Kottbusser Tor ist momentan mal wieder zyklisch in aller Munde, zu 50 Prozent leben die Medien vom abkupfern. Das Kottbusser Tor ist in der Phantasie von Provinzlern und Spießerinnen das Tor zur Hölle: Dreck & Drogen. Diese wildgewordenen Phantasien gestatten einen tiefen Blick. Nicht so sehr auf den Kotti. Eher in das Innenleben und die Sehnsüchte der Kleinbürger. Abstoßend. Nein, nicht der Kotti.
Natürlich möchte ich da nicht wohnen und ich kann jede Mutter (Väter sind da oft abgängig) verstehen, die ihre Kinder hier nicht aufwachsen sehen möchte. Ich sitze mitunter im Flanieren da, der Kotti ist von meiner Homebase im Bergmannkiez im eher schicken Kreuzberg aus eine Art Verteilzentrum in die Richtungen Friedrichshain, Neukölln und SO 36, woher unser Plastikkopf vermutlich stammt.
Es stimmt, es ist laut da, dreckig, es stinkt, Pisse, Kotze, und sieht mitunter erbärmlich, für ängstliche Gemüter bedrohlich aus. Aber das ist nur die Erscheinung, der Spiegel zieht in einem angenehm unaufgeregten Artikel das zutreffende Fazit:
„Was ist der Kotti für Sie, Herr Aktürk? »Meine Heimat.«
Wer auch nur mal zwei Stunden in einem orientalischen Café dort Tee getrunken hat, merkt das. Das ist Heimat da.
Hintergrund der Artikel: Die Eröffnung einer Polizeiwache am Kotti. Repression statt Sozialarbeit. Zitat BZ (raten Sie mal, aus welche Hause die stammt): „Donnerstag kamen Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) in die künftige Polizeistation im Herzen Kreuzbergs – und wurden erstmal von Demonstranten beschimpft. Eine Gruppe junger Linker.“
Da läuft der Kleinbürger Amok und die SPD freut sich über zusätzliche Stimmen nächsten Sonntag bei der Wahl. Und nein, hier keine abgehangenen Witze über Berlin Wahlen, Chaos, Flughafen. Wer den Hauch von Freiheit und Anarchie in Berlin schätzt – auch wenn das nur noch ein Mythos ist, nehmen Mythen doch durchaus materiellen Gehalt in unserem Erleben an – der muss auch Chaos-Wahlen in Kauf nehmen. Die ja eh nix ändern, sonst wären sie schon lange verboten.
Schadensbilanz: Ich weiß nicht, wieviel Geld im Drogenhandel täglich am Kotti umgesetzt wird, Tausende Euro? Andrea Tandler ist die Tochter des korrupten ehemaligen CSU-Finanzministers Gerold Tandler, der nach Rücktritt und Einstellung (natürlich, was sonst) der strafrechtlichen Ermittlungen gegen Geldbuße Vorstandsmitglied der Linde AG wurde. Andrea Tandler sitzt in U-Haft, nachdem sie sich 48 Millionen Euro Provision für korrupte Maskendeals erschlichen hat. Familien-Bande.
Wenn Sie, liebe Leserinnen, demnächst am Kotti über einen Haufen Kotze stolpern, der könnte von mir sein.








