
Ölbaum nach Schnitt. Wenn eine Olive erfroren ist, hilft, wenn überhaupt, nur ein radikaler Kopfschnitt. Selbst bei einem kleinen Exemplar von ca. 2,50 Meter Höhe sollten Besitzerinnen eines Normal-IQ da nicht mit einer Handsäge ran. Da muss eine Kettensäge her. Eine Prozedur, der ich mich so gerne unterziehe wie einer Darmspiegelung. Es gibt ja Menschen, die lieben sowas. Vorzugsweise Schreibtischtäter, die im normalen Leben nie eine Ahnung hatten, wie Schweiß schmeckt, der aus Arbeit rührt. Da kommen dann so schnurrige Vorstellungen zum Vorschein wie: „Endlich spüre ich mich mal wieder, sehe, was bei meiner Arbeit rauskommt, bin der Natur nahe, blablabla.“ Halbesoterisches, kraftmeierisches Anti-Zivilisations-Zeug, bei dessen Absonderung man das Gefühl hat, demnächst packt der Erzähler seine Keule aus und geht in der Nachbarhöhle auf Brautschau. Wenn ich schon Sätze höre wie: „Endlich spüre ich mich mal wieder“, möchte ich am liebsten meine Pistole entsichern. Von da führt in 103 Prozent aller Fälle eine direkte Verbindungslinie zu Esoterik, Aberglauben, Mystik. Wer sowas unsatirisch äußert, lässt sich nicht impfen, hängt Verschwörungserzählungen an und ist auf Quernazi-Demos anzutreffen, zu erkennen an Rastalocken oder Peacefahnen.
Höre ich da ein
“Du, das ist jetzt aber polemisch, Du, und macht mich echt betroffen. Wo rührt denn Deine Wut her, Du? Horch doch einfach mal nach drinnen, was jetzt in Dir vorgeht, Du …“
Dem halte ich entgegen:
„Du, hörst Du das Klicken in meiner Tasche? Das ist der Sicherungshebel meiner Parabellum, Du.“
Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Moderne auf dem Rückzug ist. Der rasende Fortschritt der Technologien überfordert uns und produziert Fluchten in Traumwelten. Also den Schlaf der Vernunft. Und als Folge ethische Bankrotterklärungen. Diesen Prozess zu verstehen, heißt aber nicht, ihn zu begrüßen oder auch nur zu akzeptieren. Ich verstehe die Mechanismen, die da ablaufen. Ich selber bin jeden Tag dreimal überfordert, und nicht nur an der Kettensäge. Heute Morgen beispielsweise habe ich einen Artikel in der Tageszeitung gelesen über eine Reform beim Leitungsausbau der Glasfaseranschlüsse für schnelles Internet und HD-TV. Es geht dabei also um Medien, Kommunikation, Kosten, wer ist dabei Verlierer, Gewinner, was sind gesellschaftliche Folgekosten? Dem Thema kann man sich kaum verweigern.
Ich hab von dem Artikel nicht die Bohne verstanden. Allerdings fange ich deswegen jetzt nicht an, die Sterne über meine Zukunft zu befragen und im nächsten Urlaub darauf zu hoffen, am Strand bei Vollmond zu menstruieren, damit ich eins werde mit dem Kosmos. Dann lieber ein kaltes Mythos-Bier am Strand, kühlen, klaren Kopf bewahren und die Weltlage analysieren.
Oder in die Fluten hechten. Korfu Wasser aktuell 14 Grad, da spürt man sich dann tatsächlich.
Beim Zeus, wie mir das fehlt …
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21.04.2021 – Durchbruch

Birnenblüte im Garten. Mangels externer Aktionsmöglichkeiten goutiere ich mittlerweile sogar Gartenarbeit. Tiefer kann ich kaum sinken. Man muss sich also die vorzeitige und überraschende Einladung des hiesigen Sozialministeriums zur Impfung wie einen Fanfarenstoß für mein Innenleben vorstellen. Wenn Sie’s visualisiert haben wollen, hilft Ihnen das Video weiter, wo Meister Händel in der Ouvertüre zur Feuerwerksmusik das ganz große Besteck auspackt (und selbst der größte Klassikbanause sagen wird: Das hab ich schon mal gehört).
Leider stellte sich heraus, dass das Schreiben hunderttausendfach verschickt wurde, u. a. auch auf Basis schlechter Leberwerte, und soviel Stoff noch nicht vorhanden ist. Was für entsprechenden Frust sorgt, bei dem sich mancher erstmal die Kante gab. Leber, duck Dich …
Ich empfinde einen Impftermin als Befreiungsschlag, das erste offensive Agieren nach einer Zeit voller Defensive, in der es immer nur um Schutz & Vermeidung ging (und weiter geht natürlich!). Endlich nicht mehr nur Opfer. Selbst wenn der reale Aktionsradius noch gar nicht so groß erweitert würde (eine Restaurantöffnung z. B. ist nicht absehbar), wird doch der Funken Hoffnung auf die Rückkehr eines besseren Lebens zu einem Schwelbrand entfacht.
Ich habe eine edle Pulle eines Fürsten aus dem Burgund für einen besonderen Anlass beiseitegelegt, nein, keinen 65er Romanée, den halte ich für überschätzt, ich präferiere den 68er (1868! Nicht 1968), und den werde ich nach der ersten Impfung verklappen. Das ist ja der entscheidende subjektive Moment in diesem Epoche-Ereignis Corona.
16 Prozent nehmen zur Zeit in Hannover ihre Impftermine nicht wahr und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Risiken einer Erkrankung um ein x-faches höher und schwerer sind als Impfcollateralschäden. Naiverweise könnten wir Aufgeklärte die Hoffnung hegen, dass die Seuche solche Idioten schon ausmerzen würde. Leider erhöht so ein Verhalten nur die Wahrscheinlichkeit von resistenten Mutationen, ganz abgesehen von den gesellschaftlichen Folgekosten wegen massenhafter Long-Covid Erkrankungen.
Das ist natürlich ein dicker Wermutstropfen in meinem Burgunder. Wobei der Erfinder dieses Sprichworts keine Ahnung hatte von den unfassbar leckeren Wermuten, die es mittlerweile gibt. Da könnte man angesichts des Elends vieler Weißweine nur froh über jeden Tropfen Wermut sein.
Ich hatte mir vor Jahrhunderten schon mal eine Sonderpulle zurückgelegt, Weißen. Es gab einen besonderen Anlass nach dem nächsten und jedes Mal sagte ich: Nächstes Mal. Und was war nach dann endlich, nach Vollzug? Essig. Und was lernt uns das, liebe Genossinnen? Dazu das nächste Mal mehr. Bleiben Sie drin!
20.04.2021 – Leporello

DIN EN 14683 – Medizinische Gesichtsmasken. Dieses hochexakte Hinweisschild an einem Gartencenter weckte in mir selige Erinnerungen an ein anderes Leben, in dem ich noch als Angestellter eines Maschinenbauunternehmens unter anderem für die Verwaltung des gigantischen Normenbestandes zuständig war, in einer Zeit, als die nationalen Normen, wie DIN, EU-weit angeglichen und standardisiert wurden, in eben EN, also Euro-Normen.
In einer Zeit, in der es praktisch kein Internet gab, in der der Bürostandard noch klafterdicke Leporellolisten war und die Erstellung eines Textdokumentes ein viersemestriges Aufbaustudium voraussetzte. Grausige Zeiten.
Ich entwickelte im Büro, wenn ich mal nüchtern war, ein geradezu libidinöses Verhältnis zur Normung und plante eine Lesung aus dem deutschen Normenwerk. Es gibt ja nichts, was nicht genormt ist, von Kondomen über Pissrinnen bis hin zu Atomkraftwerken. Die letztlich auch nur Druckwasserreaktoren sind, was sich viel charmanter anhört. Und das ganze Normenwerk in einer vollkommen eigenen Sprachwelt.
Feinde der Normung verfolgte ich mit dem jedem aufrechten Linken innewohnenden Vernichtungsfuror. Eine Zeitlang parkte in der Nähe meiner Homebase ein rosa(!)farbener Uralt-Daimler, erkennbar alternativ-verbeult-ungewaschen, mit der breit gemalten Anarcho-Aufschrift „Keine Normen!“. Ich überlegte, in den Lack der Karre zu ritzen: „Wenn es keine Normen gäbe, könntest Du Dir noch nicht einmal ein Dreirad leisten, Du Penner! Geh lieber arbeiten!!“
Schon damals wurde der Keim in mir gelegt für meinen später abgrundtiefen Hass auf alle alternativen Mief-Kieze dieses Planeten, in denen der Horizont der Insassen im Normalfall an der Theke der nächsten Szene-Saufstube endet.
Zu DIN etc. fällt mir immer wieder der Spruch aus einem alten Normungs-Lehrbuch der Sechziger (!) ein:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.
Die einzige Fundstelle dazu ist mein eigener Blog mit einem Eintrag von 2018. Welch anmutiger Witz, welch scharfsinnige Analyse. Aber auch: welch Melancholie. Damals war meine Homebase offensichtlich Berlin, Schöneberg umme Ecke. Was im Moment so weit weg ist wie der Mars, ein Restaurantbesuch und die SPD von der Kanzlerschaft.
Aber das mit der Normen-Lesung, das ist keine schlechte Idee. Später mal, vor der nächsten Seuche. Sowas geht nur in einem Avantgarde-Laden, mit einem kultursinnigen Publikum voller Geschmack und Kenntnis, das zum Beispiel die Geschichte von Leporello und seinem Herrn, Don Juan, kennt und es zu würdigen weiß, wenn mein Manuskript aus einer ellenlangen Leporelloliste besteht. Sowas geht nur in Berlin. Seufz.
Aber ich sehe Licht am Tunnel.
19.04.2021 – 0,12 % Zinsen.


Die schönsten Ergebnisse der letzten Zeit meiner Internet-Routine-Checks. Ich weiß schon ganz gerne, was im Netz über mich kursiert. Natürlich habe ich in den obigen Fundstellen bei den Folgezeilen nach meinem Namen abgeschnitten. So ist die Wirkung eindrucksvoller, selbst bei mir. Für einen Moment träumte ich vor der Inangriffnahme meines Tagwerks, dass ich mit Brinkhaus und Dobrindt, die ich intern nur Brickhouse und Klobrill nenne, die K-Frage kläre. Etwas Frust kam nur bei der Phantasie über den Eurojackpot-Millionengewinn auf. Wofür den Zaster ausgeben im Moment? Reisen …hahaha. Also dann Bausparvertrag und Lebensversicherung und eine Million auf das Festgeldkonto. Damit es mir später mal besser geht. 1 Mio. mit 0,12 % Zins p. a. macht 1.200 Euro, jeden Monat 100 Euro mehr. Wahnsinn.
Mein Leben bekam wieder Sinn, Ziel und Zuversicht. Und das in verschärften Seuchenzeiten, wo ich mir im Moment vorkomme wie ein 10.000 Meter Läufer in der Endphase des Rennens.
Der Läufer biegt in die letzte Runde ein, die Glocke dafür bimmelt, laut und durchdringend. Er atmet schwer, weiß nicht, an welcher Position er liegt, viele sind vor ihm, noch mehr hinter ihm. Jetzt nur keinen Schwächeanfall, nicht stolpern oder gar mit einem Konkurrenten kollidieren. Das Zielband flattert am Ausgang der Zielgraden, rot, grell, wie ein letztes Warnsignal. Was will es sagen? Bedenke, Mensch, du bist von Staub und wirst zu Staube werden. Memento, homo, quia pulvis est et in pulverem revertis? Aber nicht jetzt. Der Läufer erhöht das Tempo. Endspurt.
Endsieg. Was macht eigentlich Hitler. Wegen der K-Frage.
Das, liebe Leserinnen, war ein Excurs über freies Assoziieren im Schreibprozess. Für Laien: Lassen Sie von sowas die Finger. Da kommen Sachen bei raus, die in Ihnen schlummern, die bleiben besser da, wo sie sind. Mal im Ernst, wer will schon gerne wissen, wer oder was er wirklich ist. Wenn der Mensch von Natur aus schon nicht böse ist, so ist er doch zumindest Arschloch. Das wird ihm, wenn es gut läuft, im Prozess der Zivilisierung zum größeren Teil ausgetrieben. Was zunehmend weniger klappt. Guten Start in die Woche
12.04.2021 – Ein Wort gab das andere, wir hatten uns nichts zu sagen.

Alles Gute kommt von oben.
Sollten Sie 2068, dem 100. Geburtstag des SCHUPEEN 68, zufällig auf der Erde sein, setzten Sie sich lieber einen Helm auf oder besuchen Sie Verwandte im All. Dann könnte der Asteroid Apophis auf dem Planeten einschlagen. Kein Drama, bereits 250 km vom Aufschlagpunkt entfernt ist die Wahrscheinlichkeit zu überleben nicht schlecht. Aber wenn der Klumpen mit einem Durchmesser von ca. 300 Meter z. B. in die Nordsee plumpst, dürfte selbst ich, ca. 200 km von der Nordsee entfernt, in 68 Meter Höhe über Normalnull, nasse Füße kriegen. Kurzfristig hatte eine mögliche Annäherung dieses Asteroiden 2029 an die Erde die Stufe 4 von 10 auf der Turiner Skala, was eine weitere Beobachtung durch Astronomen erforderlich machen würde und eine gewisse Einschlag-Wahrscheinlichkeit nicht ausschließt. Sollte der Brocken unterwegs mit jemandem anders kollidieren und aus der Bahn geworfen werden, was leicht passieren kann, wie manche Leser bestätigen können, erstelle ich neue Berechnungen der Kollisionswahrscheinlichkeit und lasse es Sie wissen.
Soviel zum Unsicherheitsereignis vom letzten Blogeintrag „Asteroideneinschlag“. Meine Küche sieht auch mitunter so aus, als ob ein Asteroid da eingeschlagen wäre, das ist aber nicht so leicht vorauszuberechnen und ein Helm nutzt da auch nichts. Globale Unsicherheitsereignisse sind eher punktueller Natur, kaum vorhersehbar und mit schwer zu kalkulierenden Folgen, wie der Fall der Mauer, Corona oder die Lehman Pleite. Meine Pleiten hingegen waren immer vorhersehbar und die Folgen eher nicht global sondern im Lokal.
Unsicherheitsereignisse sind strikt zu trennen von sozialen oder ökologischen Prozessen, die sich über Jahrzehnte abspielen, wie der Siegeszug des Neoliberalismus und in dessen Folge das Anwachsen von Nationalismen und faschistischen Tendenzen oder die Klimakatastrophe.
Die im Prinzip aber schon vorhergesehen wurde mit dem Einzug von Familie und Privateigentum in die Menschheitsgeschichte, also seit Adam und Eva. Bei solchen Konstruktionen kommt nie was Gutes bei raus. Und danach wird’s richtig finster. Bei Matthäus heißt es dazu: „ …. Direkt nach der Drangsal jener Tage wird sich die Sonne verfinstern, der Mond hört auf zu leuchten, die Sterne (siehe Apophis, d. A.!) fallen vom Himmel und die Kräfte des Himmels werden erschüttert….
Und am Ende heißt es, auch wieder bei Matthäus: „ Ein Wort gab das andere, wir hatten uns nichts zu sagen.„
Womit wir wieder bei Adam und Eva, Zweierbeziehungen und anderen Katastrophen wären.
Passen Sie auf sich auf, liebe Leserinnen, nicht immer kommt alles Gute von oben, siehe oben, und auf keinen Fall niemals Sand in den Kopf stecken (Vorsicht bei doppelter Verneinung!)
10.04.2021 – Muntermacher zum Wochenende

Eigenheime, bei mir umme Ecke. Erinnern in ihrer eigenwillig faszinierenden Ästhetik an Bunker. Gewappnet sein für alle Fälle. Aber welche? Setzen wir die Liste der großen, globalen Unsicherheiten vom gestrigen Blogeintrag fort:
Ein elektromagnetischer Impuls, der alle elektrischen Geräte (inclusive Handys!) lahmlegt. Zitat:“ Die Schutzkommission beim Bundesminister des Innern schreibt 2011: Der EMP kann alle elektronisch gestützten Maschinen vom Flugzeug bis zum Herzschrittmacher stören oder zerstören, er gefährdet die zentralen Systeme von Rundfunk, Rettungswesen, Krankenhäusern, Energieversorgung und Bahntransport – mit entsprechender Gefahr für das Warnwesen, die Patientenversorgung und Evakuierungen.“
Ein Virus, das die Steuerung aller Kraftwerke (inclusive Kernkraftwerke!) außer Betrieb setzt.
Kriegerische Konflikte mit Atomwaffen, die Gefahr dafür ist so hoch wie nie .
Ein Asteroideneinschlag.
Am schlimmsten ist aber jene Unsicherheit, für die wir heute weder Namen noch Vorstellung haben, die sich für manch begabte Seherinnen vielleicht in Schemen am Horizont der Geschichte abzeichnet. Wofür sie heute aber noch verlacht würden.
Es gibt für globale Unsicherheiten keine allgemeingültige Norm. Das, was manche als kollektives Unsicherheitsereignis bezeichnen, sehen andere als Fortschritt der Geschichte. Beispiel: Das größte globale Unsicherheitsereignis in meiner Wahrnehmung zu meinen Lebzeiten war der Fall der Mauer und der Zusammenbruch des Wettkampfs de Systeme 1990 ff. Das sehen mit Sicherheit 90 Prozent der BRD-Insassen anders.
Beschränken wir uns hier mal klassisch eurozentristisch auf die Folgen für Europa: Kriege wurden nach dem Fall der Mauer(n) wieder zum Mittel der Politik. Weit über 100.000 Tote allein in den Jugoslawienkriegen nach 1990, davon 5.000 in Folge des völkerrechtswidrigen Nato-Angriffs auf Serbien. Im Konflikt in der Ostukraine 13.000 Tote. Krieg zwischen Armenien und Aserbeidschan über 6.000 Tote. In der Folge der Kriege jeweils ethnische Säuberungen mit hunderttausenden Flüchtlingen.
What’s left?
Die Beuteländer aus dem Osten wurden zum großen Teil Mitglieder der EU und liefern „uns“ seitdem zuverlässig billige Arbeitssklaven für unsere Schlachthöfe und Spargelfelder. Bis auf die baltischen Staaten würde ich sie als failed democracies bezeichnen. Von Polen über Ungarn bis Bulgarien herrschen dort nationalistische, halbfaschistische Autokarten, Arturo Uis in (noch) Westentaschenformat. Korruption, Vetternwirtschaft, mangelnde Rechtsstaatlichkeit sind an der Tagesordnung. Diese Staaten delegitimieren die EU nachhaltig und die Frage nach einer Weiterexistenz der EU stellt sich so zwingend wie nie. Man kann von der EU halten, was man will, aber sie hat in Mitteleuropa für die längste Friedensperiode gesorgt, seit es sowas wie „Nationbuilding“ gibt. Wenn es die EU nicht mehr gibt, was sollte Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Slowakei, etc. pp. davon abhalten, territoriale Ansprüche untereinander mit Waffengewalt durchzusetzen? Und haben „wir“ im Osten nicht auch noch alte Rechnungen offen, oder mit dem Franzmann?
Ach ja, das – übrigens sehr tanzbare – Zitat zum Foto oben hab ich noch vergessen:
Down in their bunkers under the sea.
Men pressing buttons don’t care about me.
(Fischer Z, Red skies over Paradise)
Unsicherheiten soweit man sehen kann. Und noch weit darüber hinaus.
Nur eins ist sicher: Die nächste Seuche ist immer die schwerste. Fröhliches Wochenende, liebe Leserinnen.
09.04.2021 – Blüten und Schnee.

Blüten und Schnee. Das ist nicht der Titel einer Unterweltsaga über Falschgeld und Koks, das war unlängst der morgendliche Blick in meinen Garten. Naturromantiker mögen darob feuchte Hände vor Entzücken kriegen, ich fand’s überwiegend zum Kotzen. Nach Ostern so ein Wetter und dann noch Seuchenbedingt an diese nasskalten Breitengrade gekettet wie Prometheus an den Kaukasus, da möchte man am frühen Morgen schon wieder für den Rest des Tages die Bubumaschine aufsuchen.
Ich sinnierte im Blick nach draußen über die Vulnerabilität meines Gartens und menschlicher Existenz schlechthin. Im Garten die Corfu-Olive erfroren, trotz Christo-Ummantelungen, zwei Rosen und der Rosmarin, der lediglich winterfest, aber nicht winterhart war. Dass es diesen Unterschied gibt, wusste ich bis zum Tod des Rosmarins auch nicht. Kein Verlust, kein Mensch braucht so viel Zeug wie an einem jahrealten Strauch wächst.
Aber nix von wegen Klimakatastrophe, warme Winter und so, der Letzte hatte Bitterkaltes im Gepäck. Was aber kein Vergleich ist zu dem, was uns erwartet bei einem Ausbruch der Phlegräischen Felder, deren Bestandteil der Vesuv ist. Der letzte große Ausbruch dieses Supervulkans vor ca. 40.000 Jahren war erheblich stärker als der stärkste Ausbruch bisher der Zivilisationsgeschichte, der des Tambora. Er hatte 1816 ein Jahr ohne Sommer zur Folge, mit Seuchen, Hungersnöten, erheblich erhöhter Mortalität und verstärkten Migrationsbewegungen im Gefolge. Weil der ganze Globus verfinstert war ob der Aschewolken, entstanden prachtvolle nahezu surreale Gemälde von Turner oder Caspar David Friedrich. Der Ausbruch dürfte ähnliche Folgen für den Gang der Zivilisationsgeschichte gehabt haben wie die napoleonischen Kriege.
Das letzte Mal rummste das geologische Gebiet der Phlegräischen Felder 2017, tödlich auf der zauberhaften Insel Ischia, beim vorletzten Erdbeben 1883 gab es 2.000 Tote. Kein Mensch weiß, wann dieser Supervulkan in die Luft fliegt, ob in 40.000 Jahren oder nächstes Jahr, wenn ich meine morschen Knochen in den Thermalbädern von Ischia pflegen will. Wenn es soweit ist, werden wir uns die Seuche zurückwünschen und ich nehme solche bisher von mir vernachlässigten Naturgewalten in die Liste der großen Unsicherheiten der Zukunft auf. Und zwar meiner theoretisch noch erlebbaren, das macht sie so düster wie ein Turner Gemälde. Als da wären: Die nächste Seuche nach Corona, Hitze- und Dürrekatastrophen mit Wassermangel (ohne Wasser kein Bier!), Banken- und Börsencrash und, neu: Ausbruch der Phlegräischen Felder. (Hier bietet mir meine Rechtschreibkorrektur an: Pflegerische Felder. Hahaha.) Also von meinem Mantra: „Nach mir die Sintflut“, bin ich immer mehr wech.

Fast erscheint mir mein erfrorener Rosmarin wie ein Menetekel. Vielleicht sollte ich sicherheitshalber wieder gläubig werden. Ich halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden.
07.04.2021 – Leckt mich doch am Arsch

Vorgarten oder Vorhölle – Anzeichen eines Peter-Pan-Syndroms?
Um diese Jahreszeit ist Aufräumen angesagt, innerlich, aber auch in Schubladen. Dabei fiel mir ein Karton mit alten bedruckten T-Shirts in die Hände. Bis weit in die Achtziger war es schwer in Mode, seine politischen Überzeugungen und, schlimmer noch, seine vermeintliche Originalität mittels Auto-Aufkleber, Buttons oder bedrucken T-Shirts öffentlich zu Markte zu tragen. Das Ganze erinnerte irgendwie an aufgeregte, fingerschnipsende Quintaner: „Herr Lehrer, ich weiß was! Auf dem Scheißhaus hat jemand das Licht angelassen. Und ich hab’s wieder ausgemacht!“ Also ein leicht wichtigtuerisches Gehabe, mit dem Bemühen, hervorzustechen, irgendwie anders zu sein, aber bloß nicht zu sehr, doch lieber aufgehoben in Massenkompatibilität, und das alles in Verbindung mit der unstillbaren Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe. Nehmt mich wahr und lasst mich mitspielen. Meistens gepflegt von Männern.
Auch wenn dieses Posen normalerweise mit dem Erreichen des magischen 30. Geburtstags ausklingt und in den 90ern noch schrecklicheren Attitüden wie dem Körperwahn in Fitnessstudios wich, fällt es doch unter die Kategorie: Peinlich wie ein Furz im Fahrstuhl.
Umso schlimmer, als ich offensichtlich Teil dieser Bewegung war. Natürlich nicht mit Politparolen, davor hielt meine Stilsicherheit mich denn doch ab. Aber zumindest mit einem Donald Button. Bis weit jenseits der 30 trug ich sowas stolz wie ein Indianer seinen Beute-Skalp. Kreisch Brüll Jammer jaul.
Genug der klebrigen Jugendsündenbekenntnisse. Heutzutage werden Buttons nur noch bedruckt an Wahlständen von Parteien und Info-Tischen von Wohlfart-Verbänden (das ist kein Schreibfehler, darauf können Sie Einen lassen!) und Motiv-T-Shirts können in größerer Anzahl überwiegend besichtigt werden an Strandpromenaden auf Malle und ähnlichen Orten. Die allerdings sprengen so sehr jedes Schamgefühl, dass ich vor Jahren, nach meiner großen Foto-Serie „Menschen im Süden mit Sackkarren“, eine begann mit Motiv-T-Shirts. Auslöser war eins mit „Gleichberechtigung ist, wenn die Weiber auch mal einen ausgeben“. Sicher, AfD Humor, bevor es die Partei gab, aber im Umfeld von Schädel-Sprengern wie „Bier und Mett formten diesen Körper“ mit abgebildeten Bierhumpen und Mettklumpen, über monströsen Männerplautzen, doch von so hervorstechender Eloquenz, dass es den Impuls für eine Foto-Serie gab.
Liegen im hier Geschilderte Symptome des Peter-Pan-Syndroms? Und was wäre schlimm daran, sich dem Erwachsenwerden zu verweigern, abgesehen von einer gewissen Würdelosigkeit, Flucht vor Verantwortung und pathologischer Sucht nach Anerkennung und Liebe?
Unter anderem Lieder wie „Forever young“ von Bob Dylan, ein unfassbarer Müll aus Kitsch, Pathos und reaktionärem Gegreine.
Das darf man als 16jähriger verliebter Pennäler putzig finden, aber bestimmt nicht als Erwachsener. Also, Jugend der Welt, hergehört: Ab 21 lautet das Motto: „Growing older in dignity“!
Nichts ist übrigens einzuwenden gegen Werbe-T-Shirts für eigene Projekte. Ich schreibe gerade an einem Ratgeber mit dem Titel: „Leckt mich doch am Arsch – 99 Wege zu mehr Gelassenheit in Krisenzeiten!“ Wenn der auf dem Markt ist, trage ich selbstverständlich ein T-Shirt zu jeder Gelegenheit mit dem Aufdruck:
Leckt mich doch am Arsch!
05.04.2021 – Dresscode autonomes Schwarz

Schwarzgekleidet I. Angehörige des Repressionsapparates bei Demo gegen Wohnungslosigkeit und Gentrifizierung am 27.03.2021.

Schwarzgekleidet II. Autonome bei der gleichen Demo ein paar Meter nebenan.

Später kam die Sonne durch. Zu spät, ich war durchgefroren und genervt, hatte ich doch meine goldene Regel für alle Demos gegen Unterdrückung und Not auf dieser Welt gebrochen: Ich hatte meinen Rucksack nicht mit, in dem sich für solche Fälle immer ein Flachmann mit den edelsten Tropfen befindet. Wie anders soll man das Elend der Welt sonst aushalten. Hier wäre das ein 16 Jahre alter Hudson Manhattan Rye Whiskey gewesen, mit jahreszeitlich angemessenen 46 % Alk.
Mich heiterte ein wenig die Tatsache auf, dass ich neben vier, fünf anderen unter ca. 200 Demonstrant*innen der einzige Vertreter der Generation Best-Ager war. Der Rest war U 30, dazwischen altersmäßig eine Lücke von mehreren Popgenerationen, die zählen, anders als biologische, in 5-10er Jahres-Schritten. Logisch, einen 25jährigen trennen von einem 35jährigen Welten. Ein Dandy sollte sich immer antizyklisch verhalten, keinesfalls das tun, was alle (in seinem Alter) tun, und das spielte mir auf besagter Demo eindeutig in die Karten.
Als dann auf der Demo auch noch eine Soli-Botschaft aus der Rigaer 94 verlesen wurde, die vor Militanz nur so strotzte, fühlte ich ein Prickeln jenes Stoffes in meinen Adern, das ich in der Pandemie je länger, desto schmerzlicher vermisse: Leben.
Das Prickeln wich aber schnell der kriechenden Kälte in meinen langsam vor sich hin modernden Knochen, das jähe revolutionäre Flackern in meinem Gemüt und der geballten linken Faust in der Tasche wich einem Fluchtreflex. Ich schüttelte die Nässe der Wallstatt von meinen Schuhen, wandte mich meiner 5 Minuten entfernten Homebase zu, holte dort den Hudson Manhattan nach und ward für den Rest des Tages nicht mehr von der Heizung zu holen. Soll die Jugend der Welt mal machen.
Was sie dann auch auf einem Marsch durch den Kiez tat, mit einer Gedenkveranstaltung an den vor zwei Jahren hier auf der Straße gestorbenen Genossen „Bauer“, der unverschuldet zwangsgeräumt wurde und dadurch auf eine tödliche Rutsche ins Elend geriet.
Nachzulesen hier im anrührenden und doch hochpolitischen Demo-Redebeitrag meines Freundes Jürgen Otte, der mit Bauer in der „Korn“ und anderen linken Zusammenhängen groß geworden ist: 210327Jürgen Otte Redebeitrag

Wandgemälde in der Fröbelstr. 5 in Hannover.
04.04.2021 – Alter verschwindet, Jugend hört nicht mehr auf.

Mein erster selbstgemachter Schnelltest. Eine Schnapsidee, das Ding zur seligen Seuchenerinnerung an der Kühlschrank-Pinnwand ausgerechnet mit einem Portwein-Magneten zu fixieren, aus der Stadt des Portweins, welche nicht Porto, sondern das am gegenüberliegenden Douro-Flussufer befindliche Vila Nova da Gaia ist. Natürlich tauchen sofort wermütige Erinnerungen auf, von leicht beschwingten Märschen aus der Altstadt von Porto über die spektakuläre Douro-Brücke hin zu den Portweinkellern von Vila Nova. Der Rückweg wird dann auch irgendwie stattgefunden haben. Das Alles ist so weit weg im Moment wie der Mars.
Diese Schnelltests sind ja eine feine Sache und tragen sicher zur Seuchenkontrolle bei. Sie werden bestimmt zentraler Bestandteil im mählichen Öffnungsprozess, bei Besuch von Einzelhandel, Konzerten, Restaurants etc.. Wobei ich bei Letzteren etwas skeptisch bin. Das Schnelltest-Procedere ist einfach, es ist nicht schmerzhaft, aber schon etwas unangenehm. Es hat mich zumindest zu diversen Niesreizen veranlasst, in deren Folge mir alles Mögliche aus den Gesichtsöffnungen mitunter regelrecht explodierte. Nun ist ein sorgfältig aufgetragenes Make-up nicht die conditio sine qua non eines Restaurantbesuches, aber förderlich ist das Farbschichtenzerstörungsdesaster für empfindsame Gemüter sicher nicht. Bei mir hat es, auch ohne Make-up, eine Weile gedauert, ehe meine Sinnesorgane wieder voll auf Empfang wären für den irritationsfreien Genuss eines Aperitifs in Form eines edlen Ports.
Das sind zugegeben Luxusgedanken, ich würd’s auch nicht Problem nennen. Aber der Alltag besteht nun mal aus einer Menge von Kleinigkeiten, die in Summe die Qualität unseres Lebens ausmachen, und denen man durchaus mal feinfühlig und scharfsinnig nachspüren kann. Wenn man, so wie ich, gerade keine Lust hat, allfällige dreckige Gartenräumaktionen oder den Abwasch zu machen.
Und dieses Sinnieren regt ja auch Gedanken über die Zukunft an. Was ist, wenn permanente Mutationen über die Wirksamkeit von Vakzinen hinwegwuchern, und Reisen zu einem unabschätzbaren Risiko machen? Wirkt z. B. meine Impfung von letztem Monat überhaupt noch am Douro?
Wie lädt man sein Leben dann nach dem Sinn- und Sinnes-Verlust durch Reiseerfahrungen auf? Meine Option z. Zt.: Ich werde Best-Ager Influencer. Ein Widerspruch in sich? Peinlich? Von wegen. Es gibt einen ehernen Satz in der aktuellen Generationen-Soziologie: Alter verschwindet, Jugend hört nicht mehr auf. Die peinlichen Auswüchse sind auf allen Fitness-Parcours dieser Welt zu beobachten. Mein Blog demnächst: Gutes Leben für Silberrücken – Ratschläge, Weisheiten, Anlagetipps.
Vom Rollator zum Rock’n’Rollator. Da liegt ne Menge Kohle in der Luft.
Und schon bin ich wieder hoffnungsfroh und gut drauf. Ich liebe meinen Blog. Ihnen, liebe Leserinnen, entspannte Eiertage.