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22.01.2021 – Reflexionen über Kartoffelklöße im Kapitalismus


Neues vom Zeichner Thomas Stethin. Die winterlich-melancholisch-kapitolinischen Striche passen zur Lage der Situation und umgekehrt. Dieses Gesumse um Joe Biden zur Inauguration erinnert ein wenig an die peinlich-hymnischen Elogen zum Amtsantritt Obamas. Man hatte den Eindruck, der Mann tritt seine Dienstreisen über den Atlantik zu Fuß an, wie weiland der Heiland übern Jordan oder war‘s der See Genezareth, so melodramatisch konnte die Bürgerpresse das Wasser der Begeisterung über den ersten men of colour im Amt nicht halten. Das sprach nicht gegen Obama, Charisma hatte der Mann, sondern nur gegen das Politikverständnis der Bürgerpresse, die lieber vom Sexappeal des Potus schwadronierte anstatt vom Kapitalismus zu reden. Die logische Konsequenz der Politik Obamas war Trump. Mit Sexappeal allein lässt sich die Spaltung eines Landes nicht verhindern, im Gegenteil. Und ebenso logisch wird am Ende der Amtszeit von Joe Biden eine noch tiefere Spaltung der USA stehen, wobei man sich seit Jahren fragt, wie das überhaupt möglich ist. Aber das kriegt er immer wieder aufs Neue hin, der Ami, das mit der Vertiefung der Spaltung. Bleibt nur zu hoffen, dass mit einer Gesundheits- und Migrationsreform ein paar Millionen Menschen wenigstens das Ärgste erspart bleibt im Amiland.
Das Pendant zu Biden, bei dem ich bei jedem Gang zum Rednerpult immer gezittert habe, dass er sich altersbedingt bloß nicht auf die Schnauze legt, weil’s das sonst gewesen wäre mit seiner Wahl, ist hierzulande für mich Winfried Kretschmann, MP von Baden-Württemberg. Bei dem habe ich bei dessen Reden immer den Eindruck, dass ihm über den begonnenen Satz ermattet das Haupt auf den Tisch sinkt und er sanft wegdöselt. Alter ist nicht unbedingt eine politische Kategorie, aber von jemandem derartig schwäbisch-kraftlos-verschnarcht-undynamischen möchte ich nicht regiert werden. Überall in der Politik nur (schlaf-)wandelnde Argumente für eine Regentschaft von Angela Merkel bis an ihr Lebensende, die Frau beleidigt wenigstens nicht meine Intelligenz.
Ich will auch nicht von Armin FLaschet regiert werden, aus ästhetischen Gründen nicht. Wenn ich dessen nordrhein-westfälisches Caesarenhaupt sehe, muss ich immer an Kartoffelklöße denken. Ich möchte nicht von einem Kartoffelkloß regiert werden. Das ist jetzt auch keine politische Kategorie, aber wir leben im Kapitalismus, da kommt’s auf sowas kaum an. Der erledigt die Geschäfte schon von alleine. Bleiben Sie gesund, liebe Leserinnen.

18.01.2021 – Tau wech den Scheiß!


Sieht für zwei Minuten malerisch aus, aber wer mit dem dialektischen Blick durch die Erscheinung auf das Wesen blickt, den gruselt‘s. Der Winter steht für nix Gutes außer dem Scheitern der doitschen Wehrmacht in der Zoffjetunion im Großen Vaterländischen Krieg.
Zu Kälte, Dunkelheit, Matsch kommt jetzt auch noch Seuche dazu respektive das Anwachsen der Infektionszahlen. Der heutigen Verlustmeldung des RKI habe ich sofort misstraut, jenseits der wochenendlichen Unschärfe. Und siehe, gerade Meldung, dass Rheinland-Pfalz lediglich zwei Infektionen gemeldet hatte, also alles Asche.
Man tröstet sich mit der vollständigen und finalen Demütigung der Sauerländer Hans-Wurst Friedrich Merz durch Angela Merkel. Man weiß nicht, worüber man bei diesem sehr dummen und charakterlich überaus defekten Menschen sich mehr wundern, aber auch freuen darf: Über die unfassbare Unprofessionalität seiner Rede oder den grenzenlosen Größenwahnsinn, der ihn glauben ließ, im 21. Jahrhundert mit Satiresätzen durchzukommen wie:
„ … wenn ich wirklich ein ‚Frauenproblem‘ hätte, wie manche sagen, dann hätten mir meine Töchter längst die gelbe Karte gezeigt – und meine Frau hätte mich nicht vor 40 Jahren geheiratet.
Und weil ich schon mal Döner gegessen habe, kann ich kein Rassist sein.
Damit kommt man selbst bei so einer nicht Satisfaktionsfähigen Gurkentruppe wie der CDU nicht mehr durch, wenn auch gruselig knapp. Und so muss Merz bis zum Ende seiner Tage nicht nur damit leben, dass er von einer Frau, Dr. Angela Merkel, zum dritten, vierten, fünften Mal in den Staub getreten wurde, sondern dass er mit diesem ikonischen Satz Dauer-Häme und Spott über alle Kabarettbühnen hinaus ernten wird.
Zu Rhetorik gehört neben dicker Hose und aufgeplustertem Gefieder auch ein Restverstand, den der Versager Merz nicht besitzt. Wenn der Mann ein guter Rhetoriker sein soll, bin ich Churchill, Cicero und Gregor Gysi in einer Person. Und so lauteten die letzten Worte in meinem letzten Blogeintrag vor dem Parteitag in vollkommener und bewusster Antizipation der Zerschmetterung des Friedrich Merz:
„… um ihn auszumerzen.“
Traurig, dass mich der Abgrund eines Anderen so heiter stimmt. Aber wer so drum gebettelt hat wie der Merz ….
Schöne Aussichten zum Schluss:

Kalabrien, irgendwann im Winter.
Von Mafia nix zu sehen. Oder um mit Merz zu sprechen: In Kalabrien gibt es keine Mafia, ich war im Urlaub da und hab keine gesehen.
Heitere Woche, liebe Leserinnen.

16.01.2021 – Was ist der Sinn des Lebens?


Diese kleine Karaffe, in der Rosmarinöl war, hatte ich ausgespült und zum Lüften und Austrocknen ohne den Stopfen in den Küchenschrank gestellt, was mir heute Morgen auffiel und mich in heitere Laune versetzte. Ich hatte etwas Sinnvolles zu erledigen: den Stopfen auf die Karaffe setzen.
Das ist der bisherige Tiefpunkt in meiner individuellen Alltags-Seuchenwahrnehmung: Dass mir der Sinn meines Lebens über den Stopfen einer Karaffe vermittelt wird. Was kommt demnächst? Feiere ich den morgendlichen Kackreiz mit einem Glas Champagner: Willkommen, Du strukturierendes Element meines Alltags, das meinem Leben Sinn, Ordnung und Berechtigung vermittelt?!
Die morgendliche Kriegsberichterstattung von der Seuchenfront vermittelt auch nichts Erfreuliches: Die Zahlen wanken nicht und verharren auf viel zu hohem Niveau. Die Maßnahmen reichen nicht aus, selbst die nicht ausreichenden Maßnahmen werden von zu wenigen Menschen umgesetzt und die Virus-Mutationen dürften sich definitiv nicht Infektionsmindernd auswirken.
Mir fiel gestern meine Wette ein, die ich am 13.11.2020 in diesem Blog platziert hatte: Ich tippte für den 24.01.21 auf 30.726 Neuinfizierte. Diese exakte Zahl täuscht – augenzwinkernd – eine Extrapolations-Kompetenz vor, die natürlich schon gar nicht ich, aber auch niemand anders besitzt. Eine Angabe wie: Über 30.000 oder ähnliches hätte ernsthaft auch gereicht, um meiner Befürchtung Ausdruck zu geben, dass weder die getroffenen Maßnahmen noch das Vernunftverhalten der Eingeborenen ausreichen, um die Seuche wirkungsvoll und nachhaltig (!) einzudämmen. Herdenblödheit halt.
Ich habe noch nie in meinem Leben so sehr wie jetzt gehofft, eine Wette zu verlieren, respektive mit meiner permanenten Unkerei Unrecht zu behalten. Wenn die aktuellen Impfstoffe nachhaltig in ihrer Wirksamkeit gegen die sich entwickelnden Mutationen reduziert sind, können wir alle an unsere Frühjahrshoffnungen einen Haken machen.
Um mit Positivem zu enden, hier meine Hausapothekenempfehlung der Woche. Rosmarinöl gegen Entzündungen. Lassen Sie kleingeschnittenen frischen Rosmarin mehrere Wochen in Olivenöl ziehen, abseihen, filtrieren, fertig. Sowohl Rosmarin als auch Olivenöl haben eine stark Entzündungshemmende Wirkung und wo immer Sie, gerade im Winter, raue Stellungen auf der Haut haben, egal wo, einreiben. Ist echt sinnvoll. Apropos: Ich gieß mir jetzt Glas Champagner ein …
Prost, liebe Leserinnen, und viel Spaß bei der Suche nach dem Freudschen Verschreiber in diesem Beitrag, der mir erst beim Hochladen aufgefallen und zu schön und passend ist, um ihn auszumerzen.

14.01.2021 – Porentiefe Reinigung des Planeten


Bei mir umme Ecke. Früher hätte ich sowas noch als Neo-Dali-Kitsch gerügt, in Zeiten reizarmen Lockdowns in einem trüben Nieselwinter bin ich für jeden Farbklecks, für jede umkippende Mülltonne dankbar. Weniger dankbar bin ich für die aktuellen Seuchenzahlen, Höchststand bei Toten, in Krematorien wird es langsam eng. Wenn die heutigen Zahlen ein Beleg dafür sind, dass sich die Statistikrealität nach der Neujahrspause langsam wieder der epidemiologischen annähert, dann Gute Nacht, Marie und Michel. Wir haben seit einem Monat Lockdown, die Infektionen gehen trotzdem nicht signifikant zurück und das Infektionsgeschehen nach Weihnachten ud Neujahr muss zahlenmässig erst noch komplett abgebildet werden.
Wer das und die Konsequenzen daraus weiter verdrängt, ist entweder dumm oder hat Angst, daher die Vogel-Strauß-Methode, die dem Reifegrad einer Sechsjährigen entspricht: Wenn ich die Augen zu mache, existiert die Realität nicht. Dritte Möglichkeit: Der oder die steht unter Druck von Interessengruppen, wie Politiker*innen, denen die Industrie im Nacken sitzt mit Ansagen wie: „Ein Lockdown in der Arbeitswelt ist absurd, stürzt uns in den Abgrund.“
Der Industrie sitzt die Gier nach Profit im Nacken. Und was die mit einem macht, kann man bei Marx nachlesen, wenn man schon keinen Blick für die Realität hat.
Der gebietet: Flächendeckende FFP 2 Pflicht, drakonische Strafen bei Verstößen gegen Versammlungsverbot und gegen Hygiene Maßnahmen, Homeoffice Pflicht, Total Lockdown für drei Wochen, Impfpflicht für alle. Wer sowas nicht öffentlich diskutiert, nimmt in Kauf, dass bis zum Frühjahr/Sommer und bis zur Durchimpfung weitere zusätzliche zehntausende Corona-Tote ins Grass beißen. Und dass wir bei der nächsten Seuche wieder dumm aus den Masken gucken. Was jetzt durchgesetzt wird, bildet die Grundlage für eine gute Bekämpfung der nächsten Seuche.
Wobei beim derzeitigen Zustand des Globus sich die Frage stellt, ob das überhaupt wünschenswert ist. Aber für den zynischen Wunsch, dass die nächsten Epidemien für eine porentiefe Reinigung des Planeten sorgen mögen, zumindest was die vom Homo sapiens angeht, habe ich noch zu viel vor. Denn wer garantiert mir, dass nicht beispielsweise 2025 eine Seuche grassiert mit der Mortalität von Ebola, in Verbindung mit extremer Wasserknappheit nach 8 Dürrejahren und Rekordhitzewellen mit über 40 Grad über Monate? Mal ehrlich, wer will denn da durch Berlin cruisen oder ans Mittelmeer …
Ersatzweise Urlaube in Lappland?
Wer weiß, was einem da durch die Lappen geht. Rosige Zukunft, liebe Leserinnen.

11.01.2021 – Ist Donald Trump der Kaiser Wilhelm von Adolf Hitler?


Rosmarin Verdampfer. Fördern Krisenzeiten die Regression? Bei mir fängt es langsam an. Noch bin ich nicht im Windelstadium, dessen Wiederkehr kommt noch früh genug. Aber im Hippie-Stadium bin ich schon. Unlängst hatte ich Bilder und Gerüche aus diesen Zeiten in mir, der Geruch von Räucherstäbchen, Sie wissen schon. Grässliches Zeugs, zu 120 Prozent aus krebserregenden Stoffen bestehend, was einem das ohnehin schon zugenebelte Hippie-Hirn vollends verkleisterte. Es geht auch Öko, bei mir im Garten wächst Rosmarin wie Unkraut, kein Mensch braucht so viel Rosmarin, und winterhart ist es auch. Also flugs einen Rosmarin-Verdampfer mit Alufolie und Stövchen gebastelt und getrockneten Rosmarin drin verdampft. Soll ja gesund sein. Bald waren Bude und Hirn so vernebelt, dass ich befürchtete, mein Rauchmelder springt an und ich trampe Morgen nach Katzmandu.
Ob Donald Trump auch unter Regression leidet? Alle Anzeichen sprechen dafür, er hat sehr viel von einem bösartigen Kleinkind, nur mit der Hand am Atomwaffen-Knopf. „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen.[1] Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ . Demzufolge war Kaiser Wilhelm die Farce und Adolf Hitler die Tragödie. Was man natürlich erst post factum weiß. Insofern kann man nur hoffen, dass Trump schon die Tragödie ist und nicht erst die Farce. Sicher ist das nicht. Trump ist natürlich kein Adolf Hitler, aber mindestens ein Halbfaschist, mit seiner Verachtung von demokratischen Regeln und Institutionen, seinem Rassismus, Frauenhass, Nationalchauvinismus, womit er zig Millionen Amerikaner hinter sich weiß.
Wesensmerkmal des Faschismus ist die fortschreitende Selbstradikalisierung. Dass eine Revolution, auch eine faschistische, ihre Kinder selber frisst, ist bekannt. In den USA im Kleinen zu besichtigen, wo diejenigen Republikaner, die sich von Trump absetzen, schon jetzt teilweise körperlich von Hardcore Trumpisten bedrängt werden. Die im Zweifel auch Trump selber als möglichen Verräter der eigenen Sache auf dem Scheiterhaufen verbrennen würden.
Und wer weiß schon, wer auf den Schultern von Trump dereinst stehen wird. Das Internet und den Fall der Berliner Mauer hat auch niemand kommen sehen. Die Basis ist jedenfalls bereitet und so ist es noch nicht ausgemacht, ob Donald Trump in der Marxschen Analogie der Kaiser Wilhelm von Adolf Hitler ist oder schlimmeres…
Das letzte Wort gehört heute dem geschätzten Freund und Kollegen Sievers mit noch ‚nem Gedicht:
Haben die, die täglich auf die Maßnahmen schimpfen –
Corona-Leugner und AfD-Faschisten
Sowie Nazis mit ihren Abschuss-Listen –,
Wenn es sie trifft, ein Recht auf das Impfen?

09.01.2021 – Reflexion über Orte von Sehnsucht


Ich wohne an einem Hafen. Der ist zwar eher niedlich, im Schnitt läuft hier ein Drittel Schiff pro Tag aus (2018), aber er hat alles, was zu einem Hafen gehört:

Wasser, Hafenbecken, Kräne, Schleuse, Industrieareal drumherum. Eine Hafenschänke gab es auch mal, schräg gegenüber von meiner Homebase, da verkehrten gerüchteweise Nazis, heute ist da eine Shishabar. Es mag angesichts der Dimension dieser Drittelschiffanlage und im Vergleich zum famosen Hamburger Hafen lächerlich klingen, aber jedes Mal, wenn ich am hiesigen Areal vorbeikomme, ergreift mich ein leises Hafengefühl, eine Mischung von Sehnsucht nicht unbedingt nach großer, aber anderer Welt, von Melancholie, die über Orten von Abschied oft schwebt und von Zuversicht, es ist Leben in der Welt, es passiert was. Ein, zweimal im Jahr mache ich sogar eine Tour durch das Hafenareal, bevorzugt am Sonntag, wenn eine postapokalyptische Stille über dem ganzen Areal liegt und es zu einem archaischen, sterbenden Metallkörper macht. So weit so sensibel.
Oft werden in Reiseberichten und ähnlichem Gesülze Häfen mit Bahnhöfen und Flughäfen in einen Topf gerührt und unterschiedslos zu Orten von Sehnsucht, Abschied, Aufbruch, Begegnung, Verlockung etc. hochstilisiert. In meiner Wahrnehmung gibt es da gewaltige Unterschiede. Bahnhöfe, so sie sich in Metropolen befinden, sind entweder Konsumtempel mit inkludierter Hektik, Gereiztheit, Fußballterroristen und angeschlossener Dauerverspätung. In der Provinz sind Bahnhöfe Orte depressivster Einsamkeit und unbeschreiblicher Hässlichkeit, die nur einen Wunsch auslösen: Nach einem schnellen Tod. Flughäfen sind einfach gefühlsferne Orte von kalter Transport-Funktionalität, die nur einen Wunsch erwecken: So schnell wie möglich von A nach C zu kommen.
Häfen sind siehe oben und haben einen unschätzbaren Vorteil: In ihnen ist man an der meist frischen Luft und es weht der Duft der großen, weiten Welt um die Nase. Also krebserzeugender Diesel, aber welches Leben ist schon ohne Risiko.
Das ging mir bei meinem letzten Power-Walk längs des obigen Hafens durch den Kopf, als ich innerlich angesichts des Gruselgriesel von Schnee, Regen und Abgasen bei Null Grad und Ostwind darüber greinte, dass Reisen, wohin auch immer, zurzeit keine Option sind.
Dieses Greinen und Jammern ist kontraproduktiv, es erzeugt nichts weiter als eine sich selbst verstärkende Negativspirale. Es gilt, von den alten Römern zu lernen, die Stoa postulierte schon vor über 2000 Jahren heitere Gelassenheit und emotionale Selbstbeherrschung als Maxime. So schritt ich weiter heiter fürbass, auf den Pfaden Marc Aurels und des Lindener Hafens wandelnd.
Aber ach, all mein Stoizismus ging auf dem hiesigen Boulevard flöten, wo natürlich Maskenpflicht gilt, als ich eine Bekannte traf, die irgendeinen Lappen oder Rollkragenpullover als Gesichtswindel hochgezogen hatte. Können sich die Leute nicht einfach mal an Regeln, Vernunft und Empathie halten und ihre verfickten Scheiss-Hackfressen mit FFP 2 bedecken? Es wird Sie, liebe Leserinnen, vielleicht überraschen, aber in mir quollen irgendwie negative Vibrations empor …
Was hätte Marc Aurel jetzt gemacht?

08.01.2021 – Was Nun?


Kneipe. An Kneipennamen lassen sich oft, das ist keine neue Erkenntnis, die Epochen ablesen, in denen sie gegründet wurden. Und natürlich lässt sich auch die ideologische Verortung daran ablesen. Was Nun? liegt einen autonomen Steinwurf von der hannöverschen Uni entfernt und wurde Anfang der Achtziger gegründet. Der Kneipenname kann beim damaligen notorischen Hang zum Linksradikalismus nicht nur der hannöverschen Politszene als ironisierender Spätsiebziger Reflex auf Lenins „Was tun?“ gelesen werden. Darin schreibt Lenin die Rolle der Parteikader als Avantgarde der Arbeiterbewegung fest und spricht der Arbeiterklasse eine autonome Rolle als revolutionäres Subjekt im Klassenkampf ab. Für Notabiturienten: Arbeiter blöd, Partei weiß alles, auf jeden Fall aber besser. Ende der 70er war klar, dass nicht nur dieses Konzept von revolutionärer Veränderung, sondern auch alle anderen gescheitert waren. Was blieb, waren Stoßseufzer wie: „Was Nun?“
Andere gingen in den Untergrund, wie hier im um die Ecke gelegenen Sumpf,

wo es Nudeln mit Gulaschsosse für 55 Pfenning gab und wenn zwei da unten kifften, waren alle anderen auch breit, weil es keine Fenster gab. Der Laden war im Keller, unterirdisch, in jeder Beziehung. Aber er wärmte das Gemüt, so wie der hier schon mehrfach zitierte auch untergründig orientierte Maulwurf. Keine Ahnung, wie Kneipen sich heute nennen, „Treffpunkt für Arschlöcher“ oder „Halle der Blödmänner“?
Unschwer zu erkennen, aus mir spricht ein verbitterter alter weißer Mann, der sich angesichts der kumulierenden Krisen jeden Tag fragt: Was Nun? Der erste Blick in den morgendlichen Spiegel gibt die Antwort: Liften, straffen, schneiden und zwei Kilo Botox. Hilft aber auch nur begrenzt. Die Frage des „Was Nun?“ wird sich aber immer drängender stellen, denn alle Anzeichen deuten darauf hin, dass wir uns auf einem Marsch in ein Zeitalter der Gegenaufklärung bewegen. Ein Prozess, der mich sicher auch in nächster Zeit in diesem Blog umtreiben wird. Umgetrieben heute Morgen haben mich die aktuellen Seuchenzahlen. Hohe Infektionszahl von deutlich über 30.000 könnte darauf hinweisen, dass das Weihnachtsgeschehen jetzt schon durchschlägt, aber die da Infizierten legen ja jetzt noch nicht die Löffel weg. Wir haben aber eine Rekordzahl an Coronatoten.
Vielleicht alles statistische Artefakte. Oder ich zu blöd. Partei fragen? … Alles im Dunkeln. Mehr Licht.

07.01.2021 – Krisenbewältigung: Saufen, Vögel, Kotzen


Gestern die Pullen aus dem aktuellen Lockdown zum Container gebracht. Man trinkt doch das eine oder andere Glas mehr. Die Gurkengläser sind übrigens nicht von mir.
Habe Vogelfutter im Garten aufgehängt und betätige mich als Hobbyornithologe. Kann jetzt schon Bussard vom Buchfink unterscheiden. Die Seuche als Instrument der Weiterbildung. Bildung kann nie schaden. Nützen tut sie allerdings auch nicht groß, es sei denn, man bewirbt sich für ein TV-Quiz.
Angesichts der Tatsache, dass in den aktuellen Seuchen-Zahlen das Infektionsgeschehen von Weihnachten und Sylvester noch nicht eingepreist ist, das findet seinen Eingang in die Statistik erst ab Mitte Januar, bin ich mal gespannt, was da für Lockdown-Verschärfungen noch auf uns warten. Und wieviel Lockdowner es noch geben wird. Man tappt im Dunkeln. Ich komme mir im Moment vor wie in einem dunklen Tunnel, der mit zähem Schlick gefüllt ist. Man watet mühsam durch, es ist kein Ende abzusehen, kein Licht am Tunnel. Man weiß aus Erfahrung, kein Tunnel währet ewig, alles hat ein Ende und ein Tunnel sogar zwei – aber wie lang ist der? Und wie sieht es am Tunnel-Ausgang aus: Sonnenschein mit Strand oder Regen mit weiterem Schlick, nur ohne Tunnel?
Und als ob das nicht genug wäre, hört man hinter sich aus der Ferne ein unheilvolles Tuten – der Zug mit der nächsten Pandemie, von dem man keine Ahnung hat, wie groß und wie schnell er ist ….
Eine tolle Seuchen-Lockdown-Metapher. Ich sollte Wanderprediger werden. Was besser ist als Rattenfänger wie Armin-Paulus Hampel, seines Zeichens lupenreiner Faschist, für die AfD im Bundestag, der sich für seine Zwecke klebrig-braun an meine Arbeit ranwanzt. Dass wir in und vor Krisenzeiten leben, ist Thema meines Jobs, siehe hier. Der Hampel-Nazi referiert korrekt:„ ... Niedersachsens Landesarmutskonferenz warnt vor einer Verschärfung der Armut durch wirtschaftliche und kulturelle Lockdowns im Land. …. Um dann in purer Faschismus-Demagogie zu machen:
„Sie (die Armen, d. A.) dürfen sich nicht länger treiben lassen – und müssen jene aus den Ämtern jagen, die mit schwarzroter Inkompetenz, linker Ideologie und grünem Starrsinn eine Situation zu verantworten haben, die uns immer tiefer in den Ruin führt. Wenn Armut erst in jedem Haushalt sichtbar wird, wenn Leistungen wie Renten gekürzt werden und wenn unsere Innenstädte vollständig verödet sind, kann auch die pastorale Raute einer kinderlosen Frau nicht mehr darüber hinwegtäuschen, wie dramatisch es um Deutschland steht.“
„Aus den Ämtern jagen“, ein antidemokratischer Appell an den Mob, der in Mord und Totschlag enden kann, wie wir vor Stunden in Washington gesehen haben.
Die volle Verachtung weißer alter Männer bis hin zum Hass auf demokratische Institutionen, auf deren Normen und deren Vertreterinnen kommt in der niederträchtigen Formulierung „ … die pastorale Raute einer kinderlosen Frau … “ zum Tragen.
Da krieg ich schon am frühen Morgen das Kotzen.

03.01.2021 – Quitte mit Wodka


Volker höret die Urinale. Wer derartig ästhetisch formschön-funktionale Gefäße aus Glas für die Reifung von Obst in Alkohol noch besitzt, kann sie mir gerne zum Kauf anbieten. Sowas gibt es nur noch in Plastik, was ich für ein weiteres Indiz des anschwellenden Verfalls von Zivilisation, Kultur und Anmut halte. Aber vielleicht kommt Glas auch mal wieder.
Alles wiederholt sich. Die ewige Wiederkunft des Gleichen soll ja bei Nietzsche etwas Tröstliches haben, in der Vorstellung eines ständigen Zyklus allen Lebens liegt beim schnauzbärtigen Großdenker etwas Befreiendes. Mir geht das in Zeiten der Seuche ehrlich gesagt auf den Sack. Als Folge eines eklatanten Mangels an Ereignissen nehme ich ständig wiederkehrende Tätigkeiten wie das Wechseln von Socken, den Müll zur Tonne bringen oder Haare aus dem Gesicht schaben verstärkt, ja mitunter sehnsüchtig erwartet, wahr. Es geschieht etwas, von Wichtigkeit, von Notwendigkeit, das den Gang der Dinge hin zu einer besseren Welt befördert.
Wie armselig ist das denn. Und vor allem beschleunigt es den Lauf der Welt nur, weil diese Tätigkeiten in all ihrer Nichtigkeit im Hirn präsent sind. Ah, schon wieder an der Tonne mit dem Müll! War das nicht erst ein paar Augenblicke her? Das Leben rinnt wie Wasser durch ein Sieb.
Das Ganze bekommt eine Eigendynamik, bei der Tätigkeiten außer der Reihe wie dienstliche Obliegenheit eine inferiore Priorität erlangen. Auch das Führen dieses Blogs wird nachlässig, steht hinter der Tonne als Fixstern meiner Existenz zurück. So habe ich beim Ausmähren über die digitale Podiumsdiskussion neulich die Pointen glatt vergessen: 1. Geht mir beim Anblick des Publikums als digitale Kacheln auf meinem Bildschirm völlig die Fähigkeit flöten, Publikum lesen zu können, wie sind die drauf, was kann man denen zumuten, wo kann man improvisieren und 2. Und das ist ein unschätzbarer Vorteil von Zoom Veranstaltungen, habe ich während der fast vierstündigen Zumutung dieser Veranstaltung einfach meine Kamera ausgemacht und mich minutenlang aufs nahe Sofa gepackt, ahnend, dass der gerade wortschwallende Co-Diskutant locker 30 Minuten brauchen würde, bis er das ergriffene Wort wieder hergeben würde. Was auch eintrat. Machen Sie sowas mal live, da werden Sie mit Sicherheit nie wieder eingeladen. Was auch nicht das Schlechteste wäre.

02.01.2021 – Warum ist Israel „Impf-Weltmeister“?


Chanukka Kerzen. Chanukka ist nicht das jüdische Weihnachten, wie manche glaubt, sondern erinnert an die Einweihung des Tempels in Jerusalem nach dem Sieg der Makkabäer über die hellenisierten Juden, also die Durchsetzung jener Variante des jüdischen Glaubens, wie wir ihn heute kennen. Ich kriege die Kerzen von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zugeschickt und da ich aus dem Alter des militanten Antiklerikalismus, der zusätzlich sowas von 80er Jahre ist, raus bin, lasse ich mir gerne von den Kerzen ein warmes PC-Licht im Dämmer der trüben Wintermorgen spenden. Damit die Dinger stehen, fülle ich eine Schale mit Gartenerde, siehe Foto. Beim heutigen Erdesammeln stand ich unvermittelt Aug in Aug mit einem Reiher, der über einem unserer Teiche hockte. Ein Anblick irgendwo zwischen Erhabenheit und Skurrilität.
Die Erhabenheit ging mir bei der darauf folgenden Morgenlektüre des hiesigen Käseblatts, der HAZ, flöten. Das tut sie immer, über den Redaktionsräumen der HAZ steht in ehernen Lettern: „Lektoratsfreie Zone!“ Die obige Headline ist das Zitat der Überschrift eines HAZ-Artikels von der Titelseite. Überraschungsfrei geht der Artikel mit keiner Silbe auf die Ursachen ein, warum der Staat Israel es binnen kurzer Zeit geschafft hat, über eine Millionen Staatsbürger zu impfen, sondern schwafelt zeilenlang davon, dass Netanjahu öfter mit dem Boss irgendeines Pharmaunternehmens telefoniert, der jüdisch-griechischer Abstammung sein soll.
Ich hab noch nie gelesen, dass der VW-Chef Diess, oder wer auch immer aus den hiesigen Konzernen, katholisch-deutscher Herkunft sei. Da würde selbst einem Käseblatt-Redakteur der Griffel streiken. Aber wenn es darum geht, subkutan antisemitische Klischees nach alter Väter Sitte zu verbreiten, ist hiesigen Schreiberlingen jeder Schwachsinn rechts. Man hört schon zigfach an hiesigen Frühstückstischen empört ausrufen: „So isser halt, der Jude, mauschelt wie immer weltweit ordentlich rum und wir gucken mal wieder in die Impfröhre.“
Auf die Überlegung, dass das extrem schnelle Durchimpfen in Israel etwas damit zu tun hat, dass der Staat sich seit Gründung in einer Kriegswirtschaft befindet, weil er von fast allen Anrainern mehr oder minder nachhaltig mit der Vernichtung bedroht wird, kommt das Käseblatt nicht. Und erfolgreiche Kriegswirtschaft heißt, das wissen wir seit Moltke, innerhalb kürzester Zeit Menschen und Material maximal effizient von A nach B bewegen zu können. (Verglichen mit Israel müßten „wir“ übrigens demnächst bei über 10 Millionen Gepimpften, äh, Geimpften liegen … )
Also Happy Chanukka, wobei das Fest wohl schon vorbei ist. So sattelfest bin ich in religiösen Dingen auch nicht, obwohl sich sowas für TV-Quiz oder ähnliches als hilfreich erweisen kann.