
Corona-Kid, kurz vor dem Banküberfall. Das Bild hat ein bisschen was von Armageddon. Ich trage jetzt zumindest im Supermarkt und ähnlichen Zusammenhängen eine Maske. Ab dem Wochenende wahrscheinlich auch grundsätzlich outdoor, da wird es frühlingshaft, dann verdrängen die Menschen Corona, wollen dem heimischen familiären Mord- und Totschlag entgehen (Wann gibt es die Blöd-Schlagzeile: Erster Corona-Mord!..?) und klumpen sich auf Flaniermeilen und Spazier-Hotspots. Das treibt die Infektionsraten in die Höhe. Da wett ich drauf. Ich würde aber auch auf Hasenrennen oder Froschweithüpfen wetten, wenn es Wettbüros gäbe, die solche Wetten annehmen. Die Maske koche ich ab und hoffe, dass das Virus dadurch inaktiviert wird (Viren werden nicht abgetötet, das sind keine Lebewesen). Veränderungen im Alltag.
Neulich wollte ich Briefmarken in einer Postfiliale kaufen, lange Schlange bis auf die Straße. Also via Internet welche ausgedruckt. Folge: Zukünftig kaufe ich natürlich alle Briefmarken im Netz.
Mein Reisebüro hat vor ein paar Tagen dichtgemacht, Internet-Konkurrenz. Der kleine Abschieds-Sektempfang für Stammkunden wie mich ist natürlich leider ausgefallen. Normalerweise stelle ich mir Reisen im Internet zusammen und buche im Reisebüro. Support your local dealer, und das Schwätzchen mit den Damen ist auch immer viel angenehmer als vor einem blöden Bildschirm zu hocken und da zu buchen. Nun wird mich kein Reisebüro mehr von innen sehen. Nicht aus Überzeugung, sondern Bequemlichkeit.
Selbst das Essengehen verlagert sich ins Internet. Unlängst war mir nach deftiger Hausmannskost von meinem dafür zuständigen Restaurant, das krieg ich Zuhause niemals so hin. Zwei, drei Klicks, ein paar Stunden später wurde das Happe angeliefert, im Vakuumbeutel, frisch und lecker. Und hier wenigstens gibt es in der durchaus deprimierenden aber zwangsläufigen Verlagerung der analogen in die digitale Welt eine lustige Geschichte.

Ich hab’s mit Beutel angebraten, das gab dem Ganzen eine zusätzliche Würze.
Meine Arbeit im Homeoffice verändert sich, die sozialen Beziehungen natürlich. Was machen diese Veränderungen mit einem? Interessant wird es dann, wenn die durchaus faszinierende Analyse und Wahrnehmung der Veränderungen in einem selbst und in der Gesellschaft abgelöst wird durch langsam aufkommende Mangelgefühle. Eigentlich wollte ich das griechische Ostern in einem kleinen Bergdorf auf Corfu erleben. Nicht weil ich gläubig wäre. Gott bewahre, ich bin Atheist. Sondern weil es eine faszinierende und auch für mich spürbare spirituelle Erfahrung wäre, und eine Riesenparty, mit Hammel am Spieß und Ouzo. Fällt natürlich aus.
Ab wann wird mir das fehlen? Ab wann meine zweite Homebase Berlin?
Und was kommt dann?
Hier ein paar schöne Zeilen über das Reisen:
„ … Reisen heißt für mich daher: mich infrage stellen, Vorurteile loslassen, mutig sein, Glücksmomente spüren. Und danach oft mein Zuhause und meine Heimat umso mehr schätzen. Auch, weil sich Frieden und Sicherheit in so manchen bereisten Ländern als so fragil erwiesen…. Seit Jahren plane ich nach dem Motto: „Wenn ich morgen nicht mehr reisen könnte, was will ich erlebt haben?“
Das ist die zentrale Frage am Ende des Tages: Was will ich erlebt haben? Und wieder 5 Euro ins Phrasenschwein.
Ich wünsche Ihnen, liebe Lesende, ein entspanntes Wochenende, und halten Sie sich vom Park Gleisdreieck oder ähnlichem fern.
Oje, ich merk gerade, der fehlt mir ein bisschen…Fängt schon an…
Archiv für den Autor: admin
31.03.2020 – Einziger mobiler Witze-Verleih der Welt wegen Corona-Krise ab 01.04.2020 online!

Noch analog – der einzige mobile Witze-Verleih der Welt bei der Arbeit mit Randgruppen und dem NDR-TV, bei der Produktion einer Doku über dieses Start-up. 2009 in der City von Hannover.
Angesichts der Corona-Krise hat der einzige mobile Witze-Verleih der Welt sein Geschäftsmodell ins Internet verlagert. Die Witze können jetzt online ausgeliehen werden. Die digitale Variante dieses seit über 10 Jahren vom Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 eingeführten Geschäftsmodells startet pünktlich zum Quartalsbeginn am 01.04.2020. Klaus-Dieter Gleitze, SCHUPPEN 68 Geschäftsführer und 2009 Gründer des Witze-Verleihs, betont:
„ In der Corona – Krise wie bisher durch die Innen städte zu ziehen und Witze anzubieten ist natürlich angesichts des Menschenauflaufs – siehe Foto City von Hannover 2009 – beim Anblick der mobilen Witzothek unmöglich . Da Humor in Krisenzeiten wie der jetzigen immer wichtiger wird, haben wir uns entschlossen, Witze unter folgender E-Mail zu verleihen: witzeverleih@ist-einmalig.de . Kund *innen geben die gewünschte Witz – Rubrik an und bekommen einen passenden Witz zugeschickt. Sie können den Witz ein Jahr lang verwenden und zahlen dann das , was ihnen der Witz in der Zwischenzeit wert war: an Unterhaltung, Humor oder Sozialprestige in Folge Anerkennung als Stimmungskanone.“
Als Service exclusiv vorab für Sie, liebe Leserinnen, hier die komplette PM, die morgen pünktlich zum Quartalsbeginn weltweit veröffentlicht wird – hoffentlich: PM SCHUPPEN 68 mobiler Witze-Verleih wegen Corona-Krise ab 01.04.20 online
Wenn Sie wissen wollen, wie das alles anfing, hier exclusiv für Sie ein Hintergrundartikel des Wochenblatts von 2009, der die ganze Bandbreite dieser Unternehmensgründung skizziert

Damals war auch Krise, Weltwirtschaftskrise und in deren Folge Eurokrise, mit der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten in Südeuropa. Weltweit hungerten 75 Millionen Menschen zusätzlich.
Wie geht man mit solchen Krisen um, wenn man in gesicherten Verhältnissen im wohlhabenden Teil der Welt lebt, und in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt – immer noch, trotz skandalöser Privatisierung und Kaputtsparens. Ein einziges Beispiel nur: Bis 1985 war es per Gesetz verboten, in Krankenhäusern Gewinne zu machen. Was dann passierte, können Sie hier nachlesen. Ich finde es zutiefst abartig, aber auch systemimmanent, das Gesundheitswesen (siehe auch Bildung, Verkehr, Energie …) auf Gewinn auszurichten. Die Verantwortlichen dafür müßte man wegen vielfacher und vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zur Rechenschaft ziehen, schliesslich war ihnen und auch den Dümmsten im Bundestag klar, was dabei rauskommt. Zu begutachten jetzt in Italien, Spanien, Großbritannien etc. pp. Was also tun? Eigentlich müßte man zur Waffe greifen. Aber leider bin ich handwerklich so ungeschickt, dass ich mir als erstes in den Fuss schiessen würde und da im Krankenhaus dann kein Bett frei sein wird, siehe Corona, lass ich es. Mein Waffe ist die Feder.
Na ja, der PC. Also bleibt mir nur, den gerechten Zorn des Klassenkämpfers mit Unternehmensgründungen wie der obigen zu kanalisieren. Den Kapitalismus mit Unternehmensgründungen bekämpfen, da muss man auch erstmal drauf kommen.
Kommen Sie gut durch die Krise, liebe Leserinnen.
29.03.2020 – Wie ich einmal stolzfrech satirisch an Humorgrenzen rüttelte

taz Artikel über die März Intervention zum 250. Geburtstag von Hölderlin. Der Artikel hat mir aus zwei Gründen gefallen: 1. Fehlt ihm der hohe Ton, der Hölderlin Artikel sonst mit weihevoller Bildungsbürgerhuberei durchweht und damit hat der Artikel den grundsätzlichen Ansatz meiner Interventionen auch im Duktus getroffen – bei aller Ernsthaftigkeit des Anliegens und aller Autonomie der Kunst sollte in allem ein heiter-leichtes Augenzwinkern wirken, als ob ein Taschentuch im Windhauch unter dem Gelächter der Musen zu Boden schwebt. So ungefähr jedenfalls, ich bin ja kein Hölderlin des Sprachgesangs sondern eher Hufschmid der Satire. 2. Grund: Mir gefällt jeder Artikel über mich. Ein Kulturarbeiter, der behauptet, er sei nicht eitel, lügt oder ist anders begabt (= voll bekloppt) in seiner Selbstwahrnehmung.
Meine Selbstwahrnehmung sagt mir gerade, dass ich ein Idiot wie jeder andere bin. Bei der im Artikel erwähnten Performance Anfang März hatte ich mich über Gäste mokiert, die sich umarmten und Hände schüttelten. Aber ich war selber als Performer mitten drin.

Corona Performance, die Handschuhe fanden auch hier Erwähnung ..
Der Median der Corona-Inkubationszeit liegt bei 5-6 Tagen in einer Spannweite von 1 – 14 Tagen. Ich bin darüber wech, aber woher weiß ich, ob ich nicht als Virusträger bei eigener milder Symptomatik, die ich von meinem morgendlichen Röcheln auf Grund der Wohnsituation an der dreckigsten Straße des Universums nicht unterscheiden konnte, jemanden aus einer Hochrisikogruppe angesteckt habe …. Natürlich habe ich mich am nächsten Tag für meine Idiotie gescholten, die Performance gemacht zu haben, aber scheiß auf den nächsten Tag. In Krisenzeiten ist heute der Tag der Entscheidung, nicht morgen.
Soweit das Wort zum Sonntag. Unser Krisenbewusstsein ist evolutionsbiologisch wohl immer noch auf das Erscheinen des Säbelzahntigers in unserer Höhle oder den Speer-Angriff der Horde aus der Nachbarhöhle ausgerichtet. Den notwendigen Adrenalin-Ausstoß, der uns die Kraft und Fähigkeit zum Überleben verleiht, gibt es nur im direkten Reiz-Reaktionsmoment: Säbelzahn, Adrenalin, sofortige Flucht oder direkter Angriff. Auf sowas abstraktes wie Virus oder Ökokatastrophe reagieren wir verhalten, nur über Bewusstsein, bis auf die Hochrisikogruppen, die reale Angst haben und Zuhause bleiben, Fluchtreflex. Also reagieren wir oft idiotisch, wie ich. Pater peccavi …
Und was kommt am Ende hinten dabei raus? Jetzt ist die Zeit der Krisenszenarien, die Zeit der großen Schwafler wie Matthias Horx, selbsternannter Zukunftsforscher, abgebrochener Soziologiestudent, früher linksradikaler Autor beim Pflasterstrand , Motto „Links von uns ist nur die Wand“. Später als geheilt entlassen in die Welt des real existierenden Neoliberalismus mit schwerer Schlagseite nach rechts, wie bei der Achse des Guten.
Liebe Leserinnen, hören Sie nur auf meine Krisenszenarien! Ich bin der wahre Futurologe:
Szenario 1: Die postcoronale Welt wird sich wandeln.
Szenario 2: Alles bleibt wie es ist.
Rütteln gehört zum Handwerk. Übrigens nicht nur in der Satire, sondern auch in der Sektherstellung.
Prost und eine gesunde Woche, liebe Lesende.
24.03.2020 – Draußen. Alles. Sauber.

Draußen. Alles. Sauber.
Heute hatte ich kurz das Gefühl, es könnte besser werden: Der Dax deutet mit einem Plus von fast 10 Prozent so etwas wie eine Bodenbildung an, der niedersächsische MP macht Hoffnung, dass es nach Ostern normaler werden könnte und die Wissenschaft arbeitet emsig am Transfer der Grundlagenforschung in die klinische Praxis, Impfstoff ante portas?
Und meine Stadtverwaltung lässt mich auch nicht im Stich. Das Erste Reinigungs-Bataillon unter Führung von Generalmajor Kampmann zog vor dem Fenster meines Arbeitszimmers in die Schlacht, siehe oben, und intonierte dabei die Divisionshymne: Draußen. Alles. Sauber.
Wie’s drinnen aussieht, geht keinen etwas an.
Wie im richtigen Leben und damit sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema, dem Kapitalismus, in dem auch alles unter den Bürgerteppich gekehrt wird, was die äußere Ordnung stört. Was aber schlecht weg ist, kommt niemals gut wieder und zwar hoch und so erbrach sich der Gouverneur des Mörderstaates Texas, in dem mit Abstand die meisten Hinrichtungen in den USA stattfinden, alles Schwarze, Latinos und Weiße, die zu arm für Anwälte sind, wie folgt in die Mikrophone, dass nämlich Ältere für die Wirtschaft ihr Leben opfern sollten. Du bist Nichts, das Kapital ist Alles.
Selbstverständlich ist unser Killer-Gouverneur strikter Gegner von Abtreibungen. Wenn es gegen Frauenselbstbestimmung geht und für mehr Kanonenfutter, zählt natürlich die absolute Unverletzlichkeit jeden Lebens, vom Sperma bis zur Eizelle.
Was sich für Europäer nach einen Ausbruch von Hirn-Corona anhört, dürfte in Texas für eine Wiederwahl mit absoluter Mehrheit sorgen. Und sooo weit weg ist das Gedankengut ja nicht. Kriege funktionieren nur so, bis auf den heutigen Tag, auch in Europa, dass alte weiße Männer in sicheren Bunkern in der Etappe dem Mob auf der Straße und an der Front von den Wonnen des Todes predigen. Mit Aussicht auf Beute alleine, ein bisschen Töten und Vergewaltigen, lockt man keinen Mob mehr hinter dem TV vor. Da bedarf es schon eines, Phrasenmäher weghören, Narratives. Wie: Die Nation ist bedroht und Dein Volk in Gefahr.
Und sooo weit weg ist Texas gedanklich auch nicht. Nach dem Sterbehilfe Urteil des Verfassungsgerichts stellten Dignitas und die Gesellschaft für Humanes Sterben schnell ein Beratungstelefon für Sterbewillige vor. Was meinen Sie, wie viele Angehörige den Alten, die das Erbteil im Pflegeheim verfrühstücken, mit dieser Nummer die Hölle heiß machen, endlich mal abzutreten. „Dann musst Du Dich doch nicht mehr so quälen..“
Das ist der gleiche texanische Geist, nur dass der Killer-Gouverneur ehrlicher ist und das jetzt schon offen ausspricht, was bei uns erst in ein paar Jahren comme il faut ist. Ungefähr dann, wenn den Richterinnen des Sterbehilfe-Urteils die eigenen Erben im Genick sitzen….
23.03.2020 – Woher kommt eigentlich unser Geld? Oder: Von Mythen und Märchen.

Zur Zeit haben wir einen Bärenmarkt. Die Börsenkurse kennen nur eine Richtung: Den freien Fall. Wer sein Geld in einem Dax-Fond angelegt hat, der die 30 größten Unternehmen Deutschlands abbildet, verzeichnet Stand heute vor Börsenöffnung einen Verlust von 35 Prozent für die letzten vier Wochen. Da Geld der zentrale Schmierstoff unseres Systems ist, die Antriebskraft allen ökonomischen Handelns und aus Sicht der Ideologiekritik die mörderischste Droge überhaupt, stellt sich gerade in Krisenzeiten die Frage:
„Also, wat is en Jeld? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: en Jeld is …“
Und hier wird es im Gegensatz zur Feuerzangenbowle mit der legendären Dampfmaschin komplex. Gehen Sie spaßeshalber mal in die nächste Bürgerin-Sprechstunde ihrer Bundestagsabgeordneten mit der Frage:
„Wo kommt eigentlich unser Geld her? Wie entsteht Geld?“
Sie werden entweder satirischen Blödsinn zu hören bekommen, wie: „Durch harte Arbeit.“ Scheinwissenschaftliches wie: „Die Geldmenge bildet unser Bruttoinlandsprodukt ab.“ Oder vorherrschende Meinung wie: „Die Banken kriegen von den Sparenden Geld, das sie als Kredite weitergeben.“
Sie werden nur in seltenen Ausnahmen die richtige Antwort erhalten:
Geld entsteht aus dem Nichts.
Die 750 Mrd. Euro, die die EZB z. B. zur Krisenintervention locker machen will, hat sie nicht im Tresor liegen oder als Guthaben bei anderen Banken, dieses Geld ist eine fiktive Buchungsgröße, eine Frage von Nullen und Einsen. Das EZB-Geld wird beim Kauf von Anleihen dem Verkäufer virtuell gutgeschrieben, aus Null = kein Geld wird 1 = Geld. Es kommt aus dem Nichts.
Das deutet sich hier im versteckten, aber zentralen Satz in der Süddeutschen an, die das dann leider nicht weiter ausführt:
„ …Eine Notenbank kann grenzenlos Geld schaffen..“
Wer den Hintergrund verstehen will: Hier ist ein sehr lesenswerter taz-Artikel von 2017, in dem mit Mythen und Märchen aufgeräumt wird. Zitat, nach der Deutschen Bundesbank:
„ … Erst sagt die Bank einen Kredit zu – und dann bucht sie dieses Geld einfach auf das Konto ihres Kunden. Das Geld gab es vorher nicht, sondern es entsteht erst durch diese Kreditvergabe…“
Geld wird also durch einen Buchungsakt geschaffen, aus dem Nichts.
Das hat weitreichende Folgen, die sich im Krisen-Moment mit atemberaubender Geschwindigkeit in Politik umsetzen. Waren vor Corona Schulden Teufelszeug, die Schuldenbremse sogar im Grundgesetz festgeschrieben und die am häufigsten zitierte Nervensäge die schwäbische Hausfrau, die auch nicht mehr ausgeben könne als sie einnähme, ist es innerhalb von wenigen Tagen völlig egal, ob „wir“ zwei oder drei Billionen Schulden haben, wie ein Wirtschaftsweiser (!) in einem seltenen Anfall von Erkenntnis verlautbart.
Das Schlimme an Mythen und Märchen über Geld ist, dass sie viel wirksamer haften als die Realität der Fakten. Es ist eben wesentlich einfacher, kenntnisfrei über eine schwäbische Hausfrau zu faseln als sich mit einer relativ komplexen ökomischen Realität wie Geld auseinanderzusetzen. Wenn es nicht so brandgefährlich wäre, könnte man es putzig finden, wie wenig Kenntnis über den zentralen Schmierstoff unseres Systems besteht: Geld, das uns bis in jede Faser des Denken und Handelns verfolgt, Alpträume und Glück produziert und lebendige Beziehungen von Menschen zu Menschen zu Stein erstarren lässt.
Putzigen Tag noch, liebe Leserinnen, und stecken Sie sich beim Geldausgeben nicht an.
22.03.2020 – Virenfreie Erzählung, Teil 1.

Judith und Holofernes, Gemälde von Artemisia Gentileschi, einer Malerin (!) aus dem 17. Jahrhundert. Es wird vermutet, dass sie mit der Geschichte der Enthauptung des Holofernes durch Judith in dem Bild ihre eigene Vergewaltigung verarbeitet hat und insofern ist von Biografie und Sujet her verständlich, dass wir es hier mit einer Ikone des Feminismus zu tun haben. Ich bin ja ganz bei Euch, Schwestern, was das mit dem Patriarchat angeht, es sollte zu Phall gebracht werden. Ich könnte mich auch damit anfreunden, die Unterdrückung der Frauen nicht als Nebenwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise zu sehen, vielmehr funktioniert Kapitalismus nur durch das Patriarchat. Darüber gibt es Millionen von Abhandlungen. Hier ist nicht der Platz für Vertiefung.
Mir geht es um den flüchtigen Moment der Wahrnehmung, als ich an dem Plakat vorbeiflanierte, in vorcoronösen Zeiten. Das Bild verbindet den weiblichen Körper und Lust mit Tod, mit Mord.
Das ist eine brandgefährliche Ikonografie, und was dabei am anderen Ende der Kopf-ab-Geschichten herauskommt, sieht man an der perfiden Salome Darstellung von Lovis Corinth (Salome brachte mit einem verführerischen Tanz Herodes dazu, ihr den Wunsch der Enthauptung Johannes des Täufers zu erfüllen.) Was das für ein Frauenbild produziert, das bis heute nachwirkt, kann man und frau sich ausmalen.
Außerdem wollte ich zu obigem Plakat anmerken: Judith war Kapitalistin, sie beging den Mord mit ihrer Magd, also einer Lohnabhängigen, und sie war radikale Nationalistin, sie stellte das Wohl ihres Volkes mit mörderischer Konsequenz über ihr eigenes Leben. Ich gehe davon aus, Schwestern, dass ihr diese von mir hier skizzierten Nebenwidersprüche, wenn es denn nicht sogar Hauptwidersprüche sind, offen und angstfrei diskutiert habt.
Wieso ich gerade bei meinem Versuch einer Erzählung frei vom Virentopos ausgerechnet auf diese Geschichte gekommen bin? Es war das erste Bild im aktuellen Foto-Download meines Smartphones.
Was lernt uns das?
Kreative Arbeit orientiert sich nicht immer nur an stundenlangen Grübeleien beim Flanieren oder vor dem Einschlafen, sondern an pragmatischen Verrichtungen des Alltags. Sonniges Restwochenende, liebe Leser, und arbeiten Sie an Ihrem Frauenbild.
21.03.2020 – Man kann ja nicht 24 Stunden am Tag hypnotisiert wie die Zelle vor dem Virus hocken und auf den Angriff warten.

Aus der HAZ vom 20.03.2020 zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin. Im Original heißt es: „Mit gelben Birnen ….“
Richtig ist allerdings der Satz, der auf das Gedicht folgt: „In der Rezeption dieses Poeten spielte der Wahnsinn lange die entscheidende Rolle.“
Wie man sieht, tut er das immer noch, und es ist ein Wahnsinn, der Methode hat. Nicht nur in Tageszeitungen findet flächendeckend eine Endredaktion, ein Lektorat, ein Korrektorat, wenigstens eine Überprüfung auf Plausibilität aus Kostengründen nicht mehr statt. Jede Ausgabe wimmelt nur so von sinnentstellenden Fehlern. Das tut dieser Blog hier auch des Öfteren. Der ist allerdings kostenlos, findet oft in Zeitbedrängnis statt und hat monatlich maximal 30.000 Leserinnen (visits). Das ist privates Hobby, und nicht wie eine Tageszeitung res publica.
Daher schrieb ich der HAZ:
„Sehr geehrte Damen, Herren, Korrekturverlesende und Lektoratsvolontierende,
im HAZ-Artikel „Aus Welt und Zeit gefallen“ vom 20.03.2020 zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin ist Ihnen ein schwerer Fehler beim Abschreiben des Gedichtes „Hälfte des Lebens“ unterlaufen. Dort heißt es: „Mit gelben Bienen hänget …“
Richtig muss es heißen „Mit rosaroten Hummeln hänget …“.
Ersatzweise: „… Mit gelben Besen hänget …“.
Der Feuilletonchef verlautbarte, der Autor sei zerknirscht.
Wir haben im Moment sicher andere Probleme, aber man kann ja nicht 24 Stunden am Tag hypnotisiert wie die Zelle vor dem Virus hocken und auf den Angriff warten.
Es werden allerdings flächendeckend immer mehr Schrauben locker, der eingangs erwähnte „Wahnsinn“ macht sich breit. So delirierte der diabolische Söder in alle Mikrofone und die Bild übernahm das willig in ihre Headline: „Gott schütze unsere Heimat!“ Stehen die Bolschewisten schon an der Oder was? Nun Volk, steh auf und Sturm brich los? Gott & Heimat in einem Satz, wenn das wieder Mode wird, wird es Zeit zum Kofferpacken. Geht aber nicht, wg. Reiseverbot.
Ich will den Ernst der Lage nicht kleinreden, allein schon deshalb nicht, weil er alles Unschöne im Menschen aus dem Semibewussten nach oben, ins Öffentliche, spült. Mich packt Grimm, wenn ich Nachrichten kriege wie: „Gestern beim Italiener, war echt leer da“. Wenn ich Leute geklumpt in Straßencafés sitzen sehe, usw. usf., ich muss hier nicht alles runterbeten, was eh in allen Gazetten steht.
Keine Reisen, keine Restaurants, social distancing etc. pp. ist selbstverständlich auch für mich oberstes Gebot. Und ausnahmsweise schätze ich das alternative Weicheier-Getue in meinem Kiez mal, wo die Globulischluckerinnen auf dem Erzeugermarkt und im Bioladen lieber 3 Meter Abstand statt 1,50 Meter halten. Aber bitte sine ira et studio (heißt: Ball flachen halten, Vernunft einschalten). Ich geniesse Faulheit und die Möglichkeit zur Reflexion. Ich bin mir aber nicht sicher, ob da immer und bei Allen Gutes rauskommt, bei der Selbstbesinnung. Was erblickt ein von Frauenverachtung, Antisemitismus, Homophobie getriebener Faschist, wenn er in sich geht, einsam, zu Hause bei Mutti wohnend, vor dem PC sitzend? Vermutlich einen Abgrund von Hass, Todeswahn, Aggression … Und von denen laufen immer mehr da draußen rum, die unter den aktuellen Zuständen vermutlich gedeihen wie Pilze nach dem warmen Regen. Vielleicht hat der diabolische Söder doch recht: Gott schütze unsere Highmat?
Halten Sie Distanz, liebe Leserinnen, in jeder Beziehung. Und schönes Wochenende.
19.03.2020 -Kulturspezifisches Hortungsverhalten in Krisenzeiten oder: Exkursion über das Arschabwischen.

Wir zeigen dem Virus den Mittelfinger. Was ihn sicher zu Tode erschrecken wird.
Der Franzose hortet Rotwein und Kondome, der Österreicher Nagellack, der Niederländer Marihuana, der Ami Waffen und der Doitsche Klopapier. Rätselhaftes Österreich, bist Du doch Heimat von mehr Conchita-Würsten als gedacht? Der Rest an Differenz von kulturspezifischem Hortungsverhalten ist nachvollziehbar und mir wird beim Gedanken an das Vaterland und sein Klopapier warm ums Herz, bestätigt dieses Hortungsverhalten doch aufs Schönste meine Ressentiments dem gemeinen Ostgoten gegenüber: Die BRD ist eine Ansammlung analfixierter Zwangsneurotiker.
Ich kann ja wirklich alle Hamsterkäufe irgendwie verstehen, Nudeln, Südfrüchte, Eier, etc. – aber Klopapier? Wie tief kann man auf der nach unten offenen Dämlichkeits-Skala noch sinken? Ich kann mich noch an Jugendzeiten auf Eichsfelder Plumpsklos erinnern, in denen geachtelte Seiten des Eichsfelder Tageblatts lagen, zum Behufe der Reinigung. Was bei der ideologischen Ausrichtung des Käseblatts auch ein treffender politischer Kommentar war, aber soweit war ich als Waldbauernbub natürlich noch nicht. Interkulturell Viertelgebildete wissen, dass es Regionen gibt, in denen die linke Hand Tabu ist, weil sich damit der Arsch abgewischt wird. Ohne Eichsfelder Tageblatt. Sollte es also so dicke kommen, dass hier sogar der Nachschub an Hakle-Feucht zusammenbricht, besorgen Sie sich zum Arschabwischen einfach ein paar Gummihandschuhe, siehe oben. Wenn die Lage sich zu derartigen Engpässen entwickelt, werden Sie ganz andere Probleme haben als Ihre analen Zwangsneurosen zu überwinden. Bitte, gern geschehen.
Meine ersten Ansätze von interkultureller Bildung erhielt ich auf frühen Reisen, wie sonst. Mein erstes Bidet hielt ich für ein Fuß-Waschbecken und das erste arabische Stehklo im geliebten Lusitanien stellte mich besoffen vor unlösbare Probleme. Die Jüngeren mögen bedenken: Damals gab es kein Internet und wer trampte, hat sein Gepäck mit ganz anderem belastet als mit einem Bildungshubernden Reiseführer (Aus Hochglanz-Papier. Das ist eher ungeeignet zur rückwärtigen Reinigung.). Das war Erwerb von interkultureller Kompetenz im Crashkurs und der erste Schritt zur einzigen Position, die ich heute noch an mir akzeptiere: die des Weltbürgers.
Reisen bildet also Kompetenzen, Mentalitäten, Bildung, Erfahrung wie Nichts anderes. Was das Fehlen von Reisen in Zeiten der Krise an gesellschaftlichen Folgen hat, neben einem komplexen Bündel von anderen Mängeln, Verlusten, Ängsten etc., wird sich in den postviralen Jahren zeigen. Wobei: Nach dem Virus ist vor dem Virus. Besonders optimistisch bin ich nicht, aber ich lerne gerne dazu. Ich wünsche allen Leserinnen eine gesunde Zeit.
18.03.2020 – Crémant in Morgensonne

Nicht, dass Sie mich jetzt für einen Alki halten, aber in manchen Situationen braucht es einfach etwas Luxuriöses. Mit manchen Situationen meine ich: jeden Morgen. Zumindest als antizyklisches Ritual in Krisenzeiten wie diesen.
Die Corona-Krise lässt sich jenseits von alltäglichen Belastungen und Bedrohlichkeiten natürlich auch als kulturelles Phänomen lesen. Sie gleicht wie Macbeth, Schillers Räuber, die Wiedervereinigung, das Internet, das Smartphone einem Drama, mit tragödienhaften Zügen.
Im Falle Corona ist die Drama-„Exposition“ der Patient Null. Das „erregende Moment“ ist z. B. der Lock-Down, wenn alles dicht macht. Die „Peripetie“, also der Umschwung, entspricht dem Kippen der Infektionsrate.
Ob das Corona-Drama im trägodenhaften Untergang wie bei Macbeth endet und wie beim Internet überwiegend in einem Haufen gequirlter Scheiße, oder eher komödienhaft sich auflöst im Sinne eines „Siehste, alles halb so wild“, wird der Gang der Geschichte zeigen. Eins unterscheidet das Corona Drama, einem 24-Stunden-Echtzeit Drama mit 80 Millionen Mitwirkenden und 80 Millionen Zuschauenden, von allen anderen: Niemand kann sich ihm entziehen, weder körperlich noch emotional. Dem postmodernen Smartphone- oder Internet-Drama kann man sich durch Abstinenz entziehen, womit man sich zwar von der Erkenntnis über die Welt, wie sie ist und wird, abkoppelt, aber man ist wech von. Geht.
Die Wiedervereinigung, ein bürgerliches Trauerspiel, konnte man ignorieren. Aber Corona?
Mein Terminkalender ähnelte bis vor kurzem einem Schweizer Käse, jetzt der Wüste Gobi, was etwas anderes ist als die wüste Gabi. Eine Sinnkrise hat sich bisher noch nicht eingestellt. Aber natürlich ändert sich die Richtung des Denkens unter dem Druck der Verhältnisse. Vermehrte Selbstreflexion und Veränderung des Alltags. Kleinigkeiten wie die vermutlich Virenübersäte Oberfläche eines Bankterminals. Sie lässt die Sehnsucht nach früher verschmähtem Online-Banking aufkeimen (sic!). Oder die Einsicht, dass in Zeiten bedrohlicher Körpernähe in Supermärkten mit x Virenherden, nicht nur an den notorischen Einkaufswagen, die früher geschmähte Variante der Online-Lieferungen von Waren des täglichen Bedarfs wie Portweine et. al. eine sowohl sinnvoll-gesundheitsförderliche („Stellen Sie’s vor der Tür ab. Das Trinkgeld liegt im Klingelbeutel neben der Klingel“) als auch solidarische Maßnahme ist, erhält sie doch den Kollegen von Amazon und Bringdiensten die Arbeit. So beschissen und schlecht bezahlt die ist, ist sie doch vermutlich 90 Prozent der Beschäftigten lieber als der Gang zum Jobcenter.
13.03.2020 – Was uns noch alles blüht

Pastellfarbene Blüten in der Morgensonne. Sonst sieht’s zappenduster aus, sieht man von der Mail von Sheema Khawaja von heute Nacht ab, laut der ich als Erbe des verstorbenen Goldhändlers 30 Millionen geerbt habe. Damit käme ich erstmal über die Runden. Aber irgendwann wird sich herausstellen, dass Geld nicht essbar ist. Auf den rauchenden Trümmern unserer Zivilisation wird sich ein neues Gesellschaftsmodell erheben, in dem die wenigen Überlebenden der Seuche Subsistenzwirtschaft betreiben. Die Produzent*innen sind dann autonom und betreiben Naturaltausch. Bei meinen handwerklichen Gärtnerfähigkeiten sehe ich ganz duster in die Zukunft. Außer Marihuana-Anbau sehe ich da keine Chancen für mich. Am besten, ich fange morgen gleich an. Eigentlich müsste ich mich jetzt, wo ich den Blog schreibe, auf die Landespressekonferenz vorbereiten, in der ich die drei Botschafter*innen der Landesarmutskonferenz der Weltpresse präsentiere. Die drei renommierten sozialpolitischen Frontleute von SDP, Grünen und CDU der letzten Legislaturperiode stellen uns ihre Fähigkeiten und Erfahrungen zur Verfügung und das wäre unter normalen Umständen eine feine Berichterstattung geworden. Ein Termin, der einiger Vorarbeit bedurfte.
Aber ach, angesichts der viralen Umstände rauscht nachher der Ministerpräsident mitsamt Kabinett da ein bei der Landespressekonferenz (das ist auf Länderebene das, wo im Bund immer Steffen Seibert mit sonorer Stimme Nichts verlautbart) und verkündet die Maßnahmen des Landes zum Seuchen-Containment, Schulschließungen etc. pp. Und sofort im Anschluss daran werden sämtliche Medienleute in alle Windrichtungen zerstieben und Berichte produzieren und für uns wird sich kein Schwein auch nur eine Sekunde interessieren.
Zu Recht.
Früher hätte noch Gram mein Haupt gebeugt. Erst hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech dazu. Mittlerweile umwölkt heitere Altersgelassenheit mein Gemüt. Was soll’s. Es bleibt das Gefühl, dass gestern ein Zäsurtag war, was die Seuche angeht. Was vorher irgendwie wattig-surreal war, ein Geschehen, das eigentlich nur wenig mit einem selbst zu tun hat, bis auf Händewaschen, rückt nun fühlbar in den Alltag, und das nicht nur wegen einer vermutlich verkackten Pressekonferenz. Und keine weiß, was uns noch alles blüht. Aber Kopf hoch, liebe Leserinnen, was uns unter anderem vom Tier unterscheidet, ist das Prinzip Hoffnung.
Zum Beispiel darauf, dass im April der Flugverkehr noch läuft.