
DB – 100 Minuten Fahrzeit, 80 Minuten Verspätung. Ein fast ausgewogenes Verhältnis. Auf der schier endlosen Liste von Störungen und Verspätungsgründen fiel mir besonders einer ins Auge: Zug fährt mit einem anderen Fahrzeug. Trecker? Dachte ich. Sackkarre?
In Japan, der Heimat des legendären Shinkansen , der Pünktlichkeit, der Disziplin, ist es üblich, dass der Zugführer bei einer Verspätung von mehr als 100 Sekunden noch auf dem Bahnsteig Seppuku vollzieht. Seppuku ist die rituelle Form des Selbstmords in Japan zur Wiederherstellung der Ehre, bei der in diesem Fall der Zugführer mit dem Kurzschwert Wakizashi den Bauch ungefähr sechs Zentimeter unterhalb des Bauchnabels in der Regel von links nach rechts mit einer abschließenden Aufwärtsführung der Klinge aufschneidet.
So etwas, eine Verspätung des Shinkansen um mehr als 100 Sekunden, kommt in Japan aber seit Jahrhunderten nicht mehr vor. Oder haben Sie, liebe Leserinnen, in letzter Zeit etwas von Seppuku bei Zugführern in Japan gelesen? Quod erat demonstrandum.
Richtig ist allerdings, dass es in Deutschland in den letzten Jahren vermehrt zu Selbsttötungen von Bahnreisenden auf Grund der irrsinnigen Verspätungen kommt. Sie werden mittlerweile auch in ritueller Form durchgeführt, indem sich oft mehrere Personen gemeinsam hinter einen fahrenden, zumeist allerdings stehenden Zug werfen. Das meldet die Bahn dann in rot als: Unbefugte Personen auf der Strecke. Siehe oben.
Ich erholte mich vom Bahnterror auf der Terrasse vom Hotel Neptun in Warnemünde bei einem excellenten Saale-Unstrut Riesling vom Weingut Schloss Proschwitz.

Hotel Neptun. Warnemünde

Humor: Keine Kellner, sondern Geschmacksträger. Hotel Neptun.
Das Hotel Neptun war das führende DDR-Hotel, wo Staatsgäste untergebracht und von der Stasi, gerne auch weiblichen Agentinnen, abgeschöpft wurden. Der Wiki-Eintrag zählt hier mit feinem Humor Barschel und Willy Brandt auf. Von Beiden ist bekannt, dass sie dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt waren.
Soviel aus der Ecke „Altherren-Humor“. Ich saß allein auf der Terrasse. Nebenan befindet sich das preislich günstigere Restaurant „Broiler-Stuben“, das gedrängelt voll war mit Hähnchenknabbernden Eingeborenen. Nennen Sie mich einen Ressentimentisten, aber ich erkenne heute noch auf 50 Meter Insassen der Ostzone.
Ich sinnierte auf der Terrasse über den – durchaus ungerechten – Lauf der Geschichte, je mehr Riesling, desto fröhlicher. Schließlich wurde exakt vor 50 Jahren der Palast der Republik eingeweiht, auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin. Wenn es ein Bauwerk in der DDR gab, das eine eigene DDR-Identität konstruiert hat, dann dieses. Demzufolge wurde der Bau von den Siegern in imperialer Manier sofort nach der Annexion der DDR 1990 geschlossen und ab 2006 abgerissen. Begründung: Asbest. Hinter der Schamlosigkeit dieser Lüge verschwand der Parademarsch zurück in die Restauration auch via Namensgebung völlig: Der Marx-Engels-Platz wurde in Schlossplatz umbenannt. Vielleicht erlebe ich ja dessen Umbenennung in Adolf-Hitler-Platz noch. Zur Erinnerung: Heute, 20.04, Hitler Geburtstag.
Gegen Asbestverseuchung gibt es ein probates Mittel: Nicht dran rühren. Und wenn alle asbestkontaminierten Gebäude der BRD abgerissen werden sollten, würde die aussehen wie die Steppen von Kasachstan. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz sind immer noch, auch 20 Jahre nach Abriss des Palastes der Republik, mehr als 20 Prozent aller BRD Gebäude mit Asbest kontaminiert. Da kräht völlig zurecht kein Broiler mehr nach.
Anstelle des Palastes haben die Sieger das grauenhafteste Gebäude des Universums hingeklotzt: Das Humboldt Forum. Ein Micky-Maus-Bau der allerdümmlichsten Art. Das ist ungefähr so, als ob man die sieben Weltwunder in einem Disneypark rekonstruieren würde. Nur nicht so lustig.
Sie werden also verstehen, liebe Leserinnen, dass mir zwar nie der Humor vergeht, ich aber ab einem bestimmten Punkt keinen Spaß mehr verstehe.