03.05.2026 – Der 1. Mai

Kunst ist Arbeit. 1. Mai in Hannover. Tag der Arbeit.

Schreiben als Arbeit – Die zentrale Frage, vor der Autor*innen, egal auf welcher Ebene, in welcher Funktion, ob Broterwerb (Wein kann auch dabei sein), freiberuflich oder zur reinen Erkenntnis und zum schieren Vergnügen (wie hier – noch …) immer häufiger stehen: Wie schreibe ich, ohne das Verdacht auf KI-Nutzung aufkommt? Wie schreibe ich so, dass ich nicht durch KI ersetzt werden kann? (Von der am Tag der Arbeit naheliegenden Frage ganz zu schweigen: Wie schreibe ich, um mich gegen KI als Jobkonkurrenten durchzusetzen?)

Die Antwort ist ebenso einfach wie deprimierend: Das geht nicht. Ich kann hier im Blog so brillant wie möglich schreiben, witzig, originell, tiefschürfend, wie auch immer – wenn ich ChatGPT mit meinen Texten des letzten Jahres füttere, würde niemand, mich eingeschlossen, bei den Texten des nächsten Jahres merken, welcher davon KI-generiert oder von mir geschrieben ist.

Was das für den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft, die Kultur der Zukunft bedeutet, ist nur in schemenhaften Konturen zu erahnen. Positives jedenfalls nicht, zumal Unternehmen und Konzerne den Rationalisierungsdruck aktuell extrem erhöhen, Digitalisierung und damit die Nutzung von KI ausbauen, Globalisierung forcieren, Personal abbauen und politischen Druck erhöhen zur Zerschlagung der Reste unseres früheren Sozialstaates. Gute Voraussetzungen für einen kämpferischen 1. Mai. Ein Blick ins Portemonnaie, ein Fuffi lachte mich an, das sollte erstmal reichen für Grundnahrungsmittel auf dem Festplatz

Der Zug in Hannover war groß wie lange nicht

Fahne Partizan. Die Partisanen warteten auf das Zeichen zum Losschlagen. Friede den Hütten, Krieg den Palästen

Die revolutionären Massen lauschten begeistert dem klassenkämpferischen Furor der Festrednerinnen.

Ein Wermutstropfen gehört dazu (was nicht schade ist, da es sich dabei um Muntaner-Wermut aus Mallorca handelt, den besten Wermut der Welt): Das ist natürlich erstunken und erlogen, was Revolution und Klassenkampf angeht. Es war so wie immer versöhnlerisches Renegaten-Gewinsel, was die Rednerinnen anstimmten. Nehme ich an. Zuhören tue ich da schon lange nicht mehr. Ich sprach vielmehr dem Bier zu. Ich hasse Bier. Aber am 1. Mai trinkt man Bier und isst Bratwurst. Ich traf zwei Mädels, die ich von meinem letzten Auftritt bei der AWO her kannte, lud sie zum Bier ein. Drei Bier 13,50, mit Pfand. Aber oje, beim Griff ins Portemonnaie stellte ich fest, dass ich den Fuffi mit einem Zehner verwechselt hatte, beide irgendwie braun. Peinlicher geht’s kaum. Ein DGB-Kumpel neben mir rettete die Situation, bezahlte die Biere. Und wir hatten eine lustige Geschichte, über die alle, fast alle, herzlich lachten, und die noch öfter am Tag zitiert wurde.

Schöne Pointe: Am Ende des Tages war ich leicht angedüdelt, den Zehner hatte ich immer noch. Den behalte ich erstmal…

Soweit das persönlich positive Fazit vom 1. Mai. Das politische Fazit, über den Tag hinaus, fällt wesentlich weniger positiv aus. Fazit einer aktuellen ifo-Studie : Seit 2020 tritt Deutschlands Wohlstand auf der Stelle oder schrumpft sogar. Besonders auffällig sind folgende Entwicklungen:

  • Die Wirtschaftskraft pro Kopf sinkt, das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner wächst kaum noch oder geht zurück.
  • Die Lebenszufriedenheit stagniert: Subjektives Wohlbefinden entwickelt sich nicht mehr positiv.
  • Die Lebenserwartung verliert Dynamik: Auch hier flacht der Fortschritt ab.
  • Das Wachstum insgesamt schwächelt: Deutschland fällt im internationalen Vergleich zurück.
  • Die Bildungssituation ist miserabel, soziale Mobilität nimmt immer mehr ab.

Natürlich ist da, wie üblich aus dem Hause Focus Lokus, nach dem die Studie hier zitiert wird, viel dummes Zeug dabei. „Deutschlands Wohlstand“ gibt es so nicht. Es gibt Wohlstand von Vielen, explodierenden Wohlstand von Reichen und Superreichen, und Null Wohlstand, sondern wachsende Armut und Verelendung bei immer mehr Millionen.  Aber in Verbindung mit der nach der Sommerpause drastisch anziehenden Inflation (Energie jetzt schon + 10 %) ergibt das eine Gefühlsgemengelage beim Mob, vor der einem nur gruseln kann angesichts der bevorstehenden Herbstwahlen.

So bleibt als politisch-kulinarisches Fazit nur der wehmütige Zweizeiler vom viel zu früh verstorbenen Matthias Beltz:

Partisan und Parmesan, wo sind sie geblieben?

Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben.

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