10.08.2026 – Ich bin Gewinner des Klimawandels

Oliven in meinem Garten. Sowas hatte ich früher nicht

Der Baum, ein korfiotischer Ölbaum, erinnert an einen verstorbenen Freund. Wir haben den vor Jahren feierlich gepflanzt und begossen. Mittlerweile ist er so groß, dass ich ihn winters nicht mehr in den Keller stellen kann und er, siehe oben, unter veränderten Klimabedingungen auch in unseren Breitengraden Früchte trägt. Besagter Freund flüchtete, wann immer möglich, sein ganzes Leben lang vor den Zumutungen des hiesigen Daseins nach Korfu. An den FKK-Hippiestrand Mirtiotissa, vor 30 Jahren ein Paradies. Das Beste, was man heute über den sagen kann, dass es ihn bald nicht mehr gibt, weggespült und überschwemmt. Klimawandel. Heute liegen dort nur noch Touris in drangvollster Enge und alte griechische Säcke, die sich da einen runterholen. Ein paar Kilometer nördlicher liegt der neuntschönste Strand Europas, laut Stern.

Porto Timoni auf Korfu. Ich halte ihn für den achtschönsten. Was aber nicht so viel heißt, ich kenne nur zwei Hände voll Strände. Was sich übrigens reimt, deswegen habe ich es auch geschrieben. Porto Timoni sieht sehr schön aus. Positiv: Man kommt nur zu Fuß dahin, über eine anspruchsvolle Kraxelei. Junge, unbefangene Väter aus aller Welt packen sich ihren Nachwuchs auf die Schultern und stiefeln den steilen Stolperpfad in Flipflops da runter. Man möchte weinen vor so viel Blödheit.

Um 11 Uhr liegen die Leute da gestapelt übereinander. Das ist ja schließlich ein weltweit bekannter Geheimtipp. Da dort keine Infrastruktur vorhanden ist, scheißen diese Myriaden von Touris ein paar Meter abseits (wenn man Glück hat) überall hin. Das Ganze ist ab Nachmittag in prallster Sonne eine im wahren Sinne atemberaubende Schönheit.

Wir sind mal ein paar Meter weiter über den hellen Pfad zum Strand gekraxelt, wo steht: „Hier ist einigermaßen ok.“ Die Kraxelei ist aber so ambitioniert, dass ich mir das mittlerweile schenke.

Als Fluchtpunkt eignet sich die Gegend im Nordwesten Korfus allerdings abseits der hier geschilderten Vorhöfe zur Hölle immer noch. Drei Kilometer hinter der Strandlinie sterben die kleinen Dörfer langsam aus und atmen eine melancholisch-zauberhafte Atmosphäre.

Nichts. Wie. Hin.

Vielleicht fragen Sie, geschätzte Leserin, jetzt, wieso ich das nicht meinem Barbier erzähle?

Erstens werde ich für diesen Blog nicht bezahlt, er ist also ein Ort großer individueller Freiheit.

Und zweitens will ich mit diesem meinem subjektiven Faktor (Kampfbegriff aus früheren Zeiten) meinen persönlichen Fluchtreflex verdeutlichen. Ein Reflex, der viele auf unterschiedliche Weise angesichts der objektiven, herrschenden Zustände befällt.

Fluchtreflexe werden auch in Süchten ausagiert. Die klassischen Süchte nehmen etwas ab, weniger Jugendliche rauchen Tabak und trinken Alkohol, dafür hat sich der Gebrauch von Kokain, Crack und neuen Drogen in den letzten 10 Jahren vervielfacht. Die Zahl der Drogentoten hat im gleichen Zeitraum sich verdoppelt. Psychische Erkrankungen nehmen zu. Dazu kommen neue Suchtformen bei Verhaltenssüchten in Social Media und Gaming. 25 Prozent der Jugendlichen zeigen hier ein riskantes oder pathologisches Nutzungsverhalten.

So wird die Gesellschaft von zwei Seiten in die Zange genommen: Der wachsenden Zahl der Demokratiefeinde und der wachsenden Zahl von Desintegrierten, Süchtigen, Behandlungsbedürftigen. Und das auf Basis einer massiven, nachhaltigen ökonomischen Krise, in der die Massenarbeitslosigkeit rapide steigen wird als Folge von KI.

Also, ich sach mal, wer vor diesen Hinter- und Abgründen keinen Fluchtreflex verspürt, der hat ne Meise.

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