
Alle Jahre wieder, Parkfest im Park Gleisdreieck, bei mir vor der Hautür. Da wird mir meine privilegierte Wohngegend bewusst: Mitten im Bergmannkiez – leider in allen Kiezrankings auf Platz 1 oder 2, entsprechend belagert von der Jugend der Welt -, im Westen die charmante Gegend um die Kunsthochschule, wo auch schon David Bowie und Iggy Pop hausten, im Osten SO 36, und ansonsten umgeben vom Viktoriapark, an den sich die riesige Freifläche Tempelhofer Feld anschließt, und vom besagten Park Gleisdreieck, über 30 Hektar auf dem Gelände des ehemaligen Anhalter und Postbahnhofes. Einmal im Jahr veranstaltet irgendein Plärrsender da sein Fest, umsonst und draußen. Laue Sommernächte, Popmusik, fremdländische Küche, Comedy.
Bei Kabarett treten die Künstler*innen nach oben, bei Comedy nach unten. Unangenehm fiel beim Parkfest ein Zeitgenosse namens Wischmeyer auf, ein von den gesellschaftlichen Veränderungen überforderter weißer, alter Mann, der pöbelnd, krakeelend und witzelnd unter anderem auf irgendein armes Verkäuferwürstchen eintrat, das sein Gestammel nicht richtig verstanden hatte. Das Ganze war irgendwo zwischen, Zitat „Pimmel“ und „Struller“ angesiedelt, hatte etwas zutiefst regressives und vergällte mir für zehn Sekunden den Abend. Beschreibt aber die Fallhöhe des deutschen Humors und den Zustand einer Gesellschaft, die sich überwiegend von Psychopharmaka ernährt, ganz gut.

Leitbilder dieser Gesellschaft sind unter anderem, und hier wird es regelrecht würdelos, Geisterbahngestalten wie diese hier. Weiße, alte Männer, die sich mit dem Schicksal des allmählichen Verfalls nicht abfinden können. An ihnen ist alles falsch, die Haare, die Zähne, das Gesicht, das Leben. Carsten Maschmeyer, der mit seinen AWD-Drückerkolonnen zehntausende Anleger*innen schädigte , bis in den Ruin trieb, und Jürgen Klopp, Fussballtrainer, der wie ein Untoter durch alle TV Werbesendungen geistert und jedem das Glotzen final vergällt, der auch nur einen Funken Geschmack besitzt. Figuren wie Klopp sind einer der Gründe, warum ich selbst einer von Stalin angeführten Sowjet-Auswahl in einem Fussballspiel gegen die Ostgoten die Daumen drücken würde.
Gerade hat die Kriegssaison wieder angefangen, die Bundesliga. Die Ultras verwandeln die Stadien der Republik permanent in eine Gewaltzone, mit lebensgefährlicher Pyrotechnik, mit Schwerletzten jedes Wochenende bei Schlägereien und Überfällen, verwüsteten Züge und Innenstädten. Es gibt ca. 25.000 gewaltbereite Ultras, die zwar im Verfassungsschutzbericht am Rande erwähnt werden und einmal im Jahr in der Presse thematisiert werden, nämlich zum Start einer neuen Saison. Aber ansonsten ist das kaum ein gesellschaftliches Thema.
Man stelle sich vor, gewaltbereite Linksextreme (ca. 11.000 laut Verfassungs-schmutzbericht) würden die Republik permanent derart terrorisieren wie es Ultras jede Woche praktizieren, es würden wöchentlich Blutbäder sonder Zahl stattfinden mit Dutzenden erschossenen Linksextremen.
Mag ja sein, dass dieser bis auf wenige Ausnahmen immer auch faschistisch konnotierte Fußball-Terror eine Art Katharsis-Ritual bildet, in denen die mörderischen Männerphantasien zigtausendfach regelmäßig halbwegs kanalisiert und geläutert werden. Die sich sonst permanent als Bürgerkrieg in der ganzen Republik abreagieren würden, so dass sich ansonsten Frauen, Schwule, Diverse, Jüd*innen überhaupt nicht mehr sicher auf den Straßen bewegen könnten. Trotzdem sollte öfter mal seitens des Repressionsapparates von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden.
Oops, da ist wohl meine Phantasie mit mir durchgegangen.
Enden wollen wir versöhnlich-melancholisch mit dem allmählichen Abschied vom Sommer. An einem Abend spielten bei obigem Parkfest überlebende Reste von Ton Steine Scherben.

Im Publikum klassische Gesamtschullehrer mit Rio-Tournee-T-Shirts, aber auch einige prekäre Existenzen, die aus der SO 36 Revolte von damals nicht den Absprung gefunden hatten. Wermutstropfen in einem ansonsten sehr charmanten Sommerabschied, umsonst und draußen.