
Zugewucherte Parkbank mit Kühlschrank. Bei mir vor der Haustür im Kreuzberger Bergmannkiez. Nicht gerade das, was man ein „Problemviertel“ nennt. Trotzdem sieht es da immer öfter aus wie bei Hempels unterm Sofa. Das Grün hinter der Parkbank war monatelang abgesperrt wegen akutem Rattenbefall und ausgelegten Giftködern.
In Berlin wird am 20.09 das Abgeordnetenhaus neu gewählt und der Müll in der Stadt ist ein zentrales Thema. Selbst die Linke hat das aufgegriffen. Früher hat mich, anders als Heute, Müll im Stadtbild nicht besonders gestört und die Diskussionen darum fand ich meist ärgerlich bis kontraproduktiv. Das aufgeregte Geschnatter des Bürgertums hatte mitunter was verbal Amokhaftes. Nie wurde nach Ursachen gefragt, nie nach sozialverträglichen Lösungen. Am liebsten wollte der Bürgermob das Problem wegkärchern. Also den Müll weg auf die Halde und all den in ihren Augen menschlichen Müll gleich mit. Also die Opfer der Spaltung der Gesellschaft, die immer zahlreicher werdenden Obdachlosen, die notgedrungen ein anderes Sauberkeitsverhalten an den Tag und an die Nacht legen müssen als Frieda Normalverbraucherin, gleich mit.
Die oberflächliche und oft asoziale Art, in der die Mülldiskussion geführt wird, nervt mich noch immer. Der Müll als solcher aber zunehmend auch. Also lausche ich in mich hinein und frage mich: Liegt das an der wachsenden Müllmenge in der Öffentlichkeit? Liegt das an meiner altersbedingt veränderten ästhetischen Wahrnehmung? Oder, was zweifellos die angemessene Entrüstung wäre, an der zunehmenden Verwahrlosung unserer Gesellschaft grundsätzlich, die sich einen Dreck (sic!) um die Verlierer*innen des wachsenden kapitalistischen Rattenrennens kümmert. Sondern, typisch bürgerlich, immer nur an der Oberfläche der Symptome kratzt.
Natürlich ist die Berliner Linke wie in vielen Bereichen auch hier auf der richtigen Spur, indem sie strengere Bußgelder und eine Videoüberwachung von derartigen Spots wie oben ablehnt, sondern unter anderem auf eine Stärkung der Stadtreinigung setzt.
Aber leider, und das macht alle sympathischen Ansätze der Linken auf vielen Politikfeldern zunichte, leidet gerade die Berliner Linke unter einem ganz erheblichen innerparteilichen „Müll“problem, nämlich einem massiven Antisemitismus vor allem, aber nicht nur, ihrer Neuköllner Gliederungen. Da Antisemitismus wahnhaft ist, gibt es für diesen Konflikt keine Lösung, außer die Antisemit*innen aus der Partei zu schmeißen. Das wird nicht passieren, dazu ist diese Strömung zu stark. Das dürfte die Linke ihre Position als derzeit umfragenstärkste Partei in Berlin kosten und die Bildung einer fortschrittlichen rotgrünroten Koalition verhindern. Im Verbund mit der Enteignungsfrage von Vonovia und anderen werden SPD und Grüne eine Koalition mit der CDU bevorzugen. Für die SPD der nächste Schritt in die Bedeutungslosigkeit. Enteignungen sind für die SPD sozialistisches Teufelszeug und mit Sozialismus haben die Genoss*innen nun aber auch gar nichts mehr am Hut. Mir ist das ehrlich gesagt egal. Hauptsache der Kühlschrank kommt da bald weg. Und ich würde mich freuen, wenn ich mich, wie so oft, in meiner Einschätzung der Lage und der Perspektive täusche.
Zu erwähnen bleibt, dass die Aufführungsgeschichte des Theaterstücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Tonnenknüpfer aus den Siebzigern von massiven Antisemitismusvorwürfen begleitet wurde.
Die Auseinandersetzung mit Schmutz, Unrat, Dreck, Müll scheint in der deutschen Seele an etwas Fundamentales zu rühren. Wenig ist der bürgerlichen Gesellschaft so zuwider, wie jener Dreck, den sie fortwährend unter ihre eigenen Teppiche kehrt.