27.09.2026 – Mann, freu ich mich auf den 1. Mai.

DGB-Kundgebung Hannover, 26.09.2026. Rund 175.000 Menschen haben bei Demonstrationen und Kundgebungen in 15 Großstädten ein starkes Zeichen gesetzt: für sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen, einen starken Sozialstaat und den Schutz der Arbeitnehmerrechte. . Mehr als ich erwartet hatte, aber nicht genug, um am Gang der Gesetzgebung etwas zu ändern.

Mitunter ist aber allein aus psychohygienischen Gründen notwendig, bei sowas mitzumachen. Um sich selbst zu zeigen: Ich lass mich nicht verarschen. Ich empfand auch gestern bei der Kundgebung in Hannover mit ca. 13.000 TN wieder in Momenten das Gefühl von Verbundenheit und Solidarität. Die trägt deshalb über alle Grenzen und über Trennendes, weil sie nicht nur über reine Erkenntnis, den Intellekt der Einsicht funktioniert, sondern durchaus auch körperlich präsent ist, irgendwo zwischen Heiterkeit, Energie, Wärme, Mut, Zuversicht. Nicht umsonst ist der Satz so wirkmächtig: Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.

Also bis zum Zärtlichkeitsgefühl ging es bei der Kundgebung nicht bei mir gestern.

Dafür sorgten allein die Protagonist*innen in der ersten Reihe des Demonstrationszuges, Vorsitzende und Geschäftsführer der beteiligten Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände. Mit einigen von denen habe ich in einem früheren Leben zusammengearbeitet. Meine private Einschätzung von denen tut hier nichts zur Sache, es geht mir um deren politische Funktion in den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten und damit um ihre Integrität und Glaubwürdigkeit. DGB-Chef Harder und IG BCE Chef Vassiliadis z. B. sind seit Jahrzehnten Mitglied der spd. Die ist seit fast 30 Jahren Teil der Bundesregierung, hat sie unter Schröder und Scholz angeführt. Die spd ist zentral mitverantwortlich für den mittlerweile asozialen Zustand unserer Gesellschaft.

Wie man sich vor diesem Hintergrund bei derartigen Kundgebungen mit billigen Phrasen und krakeelendem Blabla hinstellen und die herrschende Politik kritisieren kann, wie Vassiliadis und Harder bei einer Talkrunde, aber weiter Mitglied dieser asozialen Partei ist, das ist eine Art der Schizophrenie, die mit dem Licht der Pathologielampe betrachtet, schwer behandlungsbedürftig scheint. Das ist ein Ausmaß an Opportunismus, Feigheit und Dickfelligkeit, das mitverantwortlich ist für die Abkehr von so Vielen von den demokratischen Parteien der Mitte.

Bundes-Verdi-Chef Werneke, natürlich Mitglied der spd, neulich in einem Interview: „Ich bin seit 25 Jahren Mitglied im Bundesvorstand von Verdi – eine so brodelnde Atmosphäre habe ich selten erlebt.“

Dann setz endlich ein Zeichen und tritt aus dieser Partei aus.

Weiße, alte Männer in Gewerkschaften, ein vermodernder Cocktail aus Altersstarrsinn, Lernunfähigkeit, Opportunismus. Schrecklich.

Vassiliadis war gestern Hauptredner. Als ich nach gefühlten zwei Stunden aus dem Gehirnkoma erwachte, erbrach sich der Phrasendrescher immer noch ins Mikrofon. Und vertrieb Satz um Satz die revolutionären Massen.

Mann, freu ich mich auf den 1. Mai. Das wird noch schlimmer.

Aber was wäre die Alternative?

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