08.10.2026 – Was soll’s.

Regen, kalt, trübe. Ich habe eine Dipladenie an die wärmende Verandatür gestellt, wenn es nächste Woche nachts 3 Grad werden sollen, geht die hinten im Garten sonst ein. So wie ich mental. Der Blick auf das Wetter korreliert mit dem auf die Nachrichten – trostlos.

Gerade eben noch Seeluft geschnuppert, ferne Horizonte erahnt.

Und nun das hier… Was soll’s. Muss ja.

Schreiben hilft. Beim Sortieren der Nachrichtenlage ist mir eins in skurril-unangenehmer Erinnerung: Der heldenhafte Marsch der spd-Bundestagsfraktion durch das Brandenburger Tor und das Absingen der Nationalhymne unter der Stabführung vom Fraktionsfeldwebel Noske 2.0, Boris Pistorius. In ihrem Antifaschismus lässt sich die spd kaum unterbieten. Als PR-Gag ist das Ganze aber gelungener als alle Wahlkämpfe der Genoss*innen der letzten 25 Jahre. Erst produzieren sie mit ihrer Politik die derzeitige gesellschaftliche Situation, und dann beschweren sie sich über die Konsequenzen. Nämlich den aufkommenden Faschismus in Deutschland und den Untergang ihrer eigenen Partei. Schizophrenie als Diagnose ist da noch untertrieben. Geärgert hat mich diese billige Effekthascherei am Marsch durch das Brandenburger Tor, bürgerlich-betulicher Behauptungs-Antifaschismus, ohne jede Konsequenz und Wirkung. Die AfD ist ihren nebenan gelegenen Fraktionsräumen bestimmt vor Angst gestorben und hat sich angesichts des machtvollen Marsches der 200 sofort zur Demokratie bekannt.

Wenn aus solchen Gesten nichts folgt an Realpolitik, die die Spaltung in der Gesellschaft bekämpft, ist das hohl und peinlich. Nichts und niemand hätte die Genoss*innen gehindert, durch Marzahn zu marschieren, wo die AfD bei der letzten Berlin-Wahl fast 50 % der Stimmen erzielt hat. Gerne auch mit einer Mahnwache vor den dortigen AfD-Parteibüros, ich verlange ja gar nicht den Einsatz eines Entglasermeisters dabei, wir wollen die alte Tante spd nicht überfordern. Aber wenigstens den Plenarsaal bei Reden von Faschisten im Bundestag verlassen, das sollte doch drin liegen.

 Mich erinnert die SPD-Aktion an den Behauptungs-Antifaschismus dieser hohlköpfigen Graffiti-Schmieranten in Szenevierteln, die überall Sachen hinschmieren wie „Antifazone“. In Gegenden, wo garantiert kein Nazi das Maul aufmacht, weil da 80 % der Leute Linke und Grüne wählen. Wieso kleistern diese Schmieranten nicht soziale Brennpunkte mit Anti-Nazi Parolen voll, wo über 50 Prozent AfD wählen? Oder wenigstens in Villenvierteln, wo sich die Richtigen einen Herzinfarkt an den Hals ärgern?

Besonders unangenehm an der spd-Aktion hat mich das Absingen der Nationalhymne berührt:


„Einigkeit und Recht und Freiheit

Für das deutsche Vaterland.“

Antifaschismus mit Nationalcharakter. Da muss man auch erstmal draufkommen.

Genoss*innen früherer Zeiten, als sie noch welche waren, hätten zu solchen Anlässen die Internationale angestimmt. In der heißt es:

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

die stets man noch zum Hungern zwingt!

Das Recht wie Glut im Kraterherde

nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

Heer der Sklaven, wache auf!

Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger,

alles zu werden, strömt zuhauf!

Völker, hört die Signale!

Auf zum letzten Gefecht!

Die Internationale

erkämpft das Menschenrecht.“

Und später:
„Diese Welt muss unser sein“

(In kursiv von mir).

Keine Rede von Vaterland und Nation.

Was soll’s, früher war sowieso alles besser.

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