Da es sich in diesem Tagebuch-Blog nur dann um die Kommentierung der Welt im allgemeinen und der Politik im besonderen handelt, wenn die sich steigernd auf meinen Blutdruck auswirkt (was sie mittlerweile jeden Tag tut), ist dieser Blog natürlich auch einer über das Altern. Was passiert mit einem im Alter? Wird man gelassener? Lebt man bewusster? Wird man starrsinniger? Konservativer? Und was heißt das überhaupt: Konservativ? Ist man konservativ, wenn man an der Überzeugungen festhält, dass wir in einer Klassengesellschaft leben? Und dass der Markt nicht nur nicht mitnichten alles regelt, sondern vielmehr zuverlässig dafür sorgen wird, dass die Erde den Bach runtergeht, und zwar einen Bach, in dem bestimmt keine Regenbogenforelle mehr schwimmt? Ist man konservativ, wenn man die Mehrzahl der Menschen für verrohte Vollidioten hält, die strengster Erziehungsmaßnahmen bedürfen? Der Dichter hat das vor 300 Jahren lyrischer ausgedrückt, aber es kommt auf das Gleiche raus:
„ … Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes …“ (Friedrich Hölderlin über die Deutschen)

Berlin, Frankfurter Tor. Notfall Hubschrauber bei einer Übung.
Wäre es ein echter Notfall gewesen, hätte ich bestimmt kein Foto gemacht, sondern mit einem Ochsenziemer das Gafferpack vertrieben. Solche Leute gehören hinter Gitter und umerzogen (Böse Vokabel, politisch kontaminiert, wer grundlegendes über Sprachfallen lesen will, ist hier richtig). Hinter Gitter gehören auch AfD Wählerinen, Auto-Raser und Drängler, Smartphone Nervensägen, Leute, die beim Brötchenholen nicht richtig Schlange stehen, Steuerhinterzieher, Calenberger-Pfannenschlag-Esser, usw. usf.
Eins ist sicher: Im Alter wird man immer älter. Und das mit dem Blutdruck (siehe oben) ist für mich ne feine Sache. Meiner ist eh viel zu niedrig und Aufregung tut da nur gut. Den zu niedrigen Blutdruck hab ich von meiner Mutter geerbt. Rezept unseres Hausarztes damals: Auf nüchternen Magen Scheibe fetten Speck und Glas Rotwein. Wir Kinder fanden das prima. In diesem Zustand speckiger Beduseltheit am Morgen war unsere Mutter am besten auszuhalten.
22.5.2016 – Die Nacht, in der der wahnsinnige Clown mit seinen Maschinen die Weltherrschaft übernahm, war milde.

Der wahnsinnige Clown marschiert mit seinen Maschinen im Einkaufszentrum ein und übernimmt die Macht über die Menschheit. Sein Plan geht auf: Die Realität war derart aus den Fugen geraten, die Politik so grotesk geworden, dass die Menschheit es gar nicht merkte. Bis auf mich natürlich, ich dokumentierte den Einmarsch, relativ leidenschaftslos. Ich dachte mir: Noch verrückter kann die Welt kaum werden und das ist doch wieder ein prima Foto für meinen Internet Blog.
Ein paar rebellische Freiheitsgeister leisteten Widerstand. Ich war skeptisch.

Hoffentlich gehört die Orthografie nicht zu den selbstverwalteten Freiräumen.
Und so wie ich meine Genossinnen kannte, hatten sie sich über die Frage, ob mensch sich in Wunstorf an der Bahnhof Südseite, Nordseite oder Ostseite treffen soll, schon in vier Fraktionen zerlegt. Die Wetteraussichten für heute: 29 Grad, sonnig. Ich wünsche allen Leserinnen einen zauberhaften Wochenbeginn.
20.05.2016 – Korn Ein Euro. Quadratmeter Wohnung 18.000 Euro.

Stärkt den öffentlichen Dienst. Wenn doch alle gewerkschaftlichen Forderungen so schnell in die Praxis umgesetzt würden.

Köpenicker Str. Berlin, beim Karneval der Subkulturen. Die „Köpi“ ist seit über 25 Jahren ein praxisbasierter und diskurstreibender Kristallisationspunkt in der Gentrifizierungsdebatte, also schon zu einer Zeit, in der es diesen Begriff noch gar nicht gab, jedenfalls nicht hierzulande. Ich mach mir da keine Illusionen, außer ein paar irgendwie selbstverwalteten Inseln (die meist früher oder später an internen Widersprüchen implodieren) wird das Kapital von Orten, die sich dem Verwertungskarussell querstellen wollen, nicht viel übrig lassen. Zitat nach – nicht von! – Karl Marx über den Profit : „… für 100 Prozent stampft es (das Kapital, d. A.) alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß …“
Im Palais Varnhagen in Berlin Mitte werden Stand Mai 2016 Wohnungen verkauft für 18.000 Euro pro Quadratmeter. Die Zahlen des Tagesspiegel von 2014 von zwischen 5.500 und 12.000 Euro sind innerhalb von nicht einmal zwei Jahren um bis zu fast 300 Prozent (siehe auch dazu das obige Zitat) übertroffen. Die Wohnungen dort sind alle verkauft.
Am Mariannenplatz, Ort jährlicher 1. Mai Hönkelarien, weht ein leichter Wind. Meine Füße werden langsam dick, wir halten in meiner Berliner Lieblingskneipe Einkehr. Der Bier- und Tabakbrodem raubt einem die Luft, am hellen Tag. Plastikblumen, Asbach Uralt Werbeschilder, eine Musikbox, Holztische, am Tresen Betrunkene, ein Amerikaner torkelt sturzbetrunken herein, fängt an zu grölen und wird unsanft entfernt. Korn kostet einen Euro.
Wir halten inne, trinken schnell und viel und fühlen uns wohl.

Kneipe nähe Mariannenplatz. Der Name wird nicht verraten.
Es gibt Momente, da wünscht man sich eine Zeitmaschine, in der man ein paar Jahre zurückreisen kann, um die Welt da draußen zu vergessen.
18.05.2016 – Da ist der Wurm drin? Wir sind im Wurm drin!
„Erwin Wurm bei Mutti“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Ich muss in Ausstellungen des Österreichers immer lachen. Nicht bildungsbürgerliches Schmunzeln a la „Hoho, da hat der Wurm aber der Gesellschaft mal wieder köstlich den Spiegel vorgehalten“ sondern proletarisch laut, wie in einem Film mit Dick und Doof.
Von Wurm lasse ich mich sogar zum Idioten machen.

Anweisung von Wurm

Ich mache mich zum Idioten.
Von Wurm lasse ich mich auch gerne zu neuen Formen kommunikativen Handelns anleiten.

Anleitung

Skizze

Wir sind im Wurm drin.
Sollten Sie jemals auch nur in die Nähe des Wurmschen Kosmos kommen: Betreten Sie ihn, liebe Leserinnen. Es lohnt sich! Und wer vermutet, dass sich hinter derart humorbasierter Suche nach Erkenntnis ein Geist auf der Höhe der Zeit verbirgt, hat recht.

Einsichten eines Wurms.
17.05.2016 – Von Lenin, Buddha und anderen Gipsköpfen

Alle Jahre wieder treibt mich der Karneval der Kulturen nach Berlin, dieses Mal eher kühl, aber trotzdem feurig wie immer und einfach bunt und schön. Am Vortag hingen wir zu zweit (zusammen über 120 Jahre alt) beim Karneval der Subkulturen ab, ein Pendant zur Hate Parade früherer Zeiten der Love Parade.

Obwohl wir den Altersdurchschnitt extrem nach oben prügelten bei dieser Vollversammlung sämtlicher autonom-schwarz gekleideten Genoss*innen Berlins, fühlte ich mich dort weder unwohl noch fehl am Platz.
Die Publikums-Schnittmenge beider Karnevale dürfte nur unwesentlich über (uns) zwei gelegen haben. Bei der Erkundung Restberlins stießen wir auf jede Menge Gipsköpfe.

Der revolutionäre Umzugsgenosse Zapf ist ebenso schon verstorben wie Lenin.

Und der ist schon lange tot und fragt sich sicher, wie das Auto in seinem Rücken auf diesen Parkplatz gekommen ist.
Es steht mir nur gering an, den derzeitigen Dalai Lama zu kritisieren, ein Linienhalter der Gelbmützen-Schule (Googlen Sie’s, ic h bin zu faul für Link-Einfügung). Was ich massiv kritisiere, ist die Trägheit der Hirne unserer alternativen Mittelschichts-Kasper*innen, die zu Massen die vor Schlichtheit brummenden Parolen des Gelbmützen-Trägers anbeten und nachplappern. Wir leben im Hier und Jetzt und nicht im Tibet vor 2.000 Jahren, auch wenn das mitunter anstrengend ist.
Warum ist der Rest der Welt nicht so erleuchtet von der Fackel der Aufklärung wie ich? Andererseits: Wer zahlt mir was dafür? Seufz. Aber schön war’s in Berlin
13.05.2016 – Einfach krank.

Balsam für die Nerven.
Rückwand unseres Gartens, ich hab drauf bestanden, dass die in diesem Grün gestrichen wird und nicht in diesem alternativen 08/15 Ockerton. Wenn ich Stress habe, gehe ich morgens in den Garten und gucke da drauf. Wenn die aufgehende Sonne da drauf scheint, ist das heiterer Balsam für die Nerven. Ich habe im Moment im Job viel zu tun, Redaktionssitzungen für die nächste NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung ziehen sich mitunter bis Mitternacht hin und die Aktion zu ihrem Kick-off am 10.06 in der City von Hannover will auch geplant sein. Die Sozialministerin hat ihr Kommen zugesagt und wenn die Aktion gegen die Wand läuft – Prost Mahlzeit. Da gibt es einige Interventionen dabei, die kann man nicht planen, üben, und nach meiner Erfahrung passiert gerade bei Straßenaktionen das, was passieren kann, – und mitunter noch schlimmeres. Die Vorstellung, dass die Ministerin hinterher zu mir sagt: „Herr Gleitze, für so was rauben Sie mir meine Zeit?“ versetzt mich nicht gerade in Euphorie. Gut, dass ich ne alte Rampensau bin und alles, was schief läuft, als Bestandteil eines genialen Plans verkaufen kann. Und die Ministerin ist zwar ziemlich energisch, aber auch freundlich. Sie würde wohl eher sagen:
„Ich fand das heute hier recht ungewöhnlich und interessant.“
Als ob das nicht reicht, ereilte mich gestern der Ruf einer Castingfirmen für ein Hammer
TV-Quiz. Ich bin immer noch in den Datenbanken aller Castingfirmen dieser Welt, nach meiner nicht ganz erfolglosen Tour durch die Quizszene.

They called me the Champ.
Aber Günther Jauch hab ich in nicht so guter Erinnerung und der moderiert die neue Show.
Und als Krönung kam noch eine Einladung für eine Fraktions-Anhörung im Landtag. Meinen ersten Satz weiß ich ja schon: „“Ceterum censeo carthaginem esse delendam – hat einmal der große Cato gesagt und er hatte recht! Die alte Arbeitsmarktpolitik gehört auf den Misthaufen der Geschichte!“
War das überhaupt Cato und wie geht es danach weiter und stehen Abgeordnete überhaupt derlei rhetorische Geniestreiche?
Eins weiß ich sicher: Im Juli und August lass ich alle viere grade sein! Zeit sich auszuruhen.
Dazu ein Zitat des Chefs von Adidas von heute morgen, der sich jetzt zurückzieht und auf eine Bilanz verweist, in der der Umsatz verdreifacht und der Gewinn verfünffacht wurde: „Natürlich können wir uns trotz aller Erfolge nicht ausruhen.“
Warum sagt ein Konzernchef niemals: „Leute, wir hatten sensationelle Erfolge, unsere Aktionäre haben sich derartig die Taschen vollgeschaufelt, dass die nur noch krumm gehen. Wir lassen es in diesem Jahr mal etwas langsamer angehen und ruhen uns ein bisschen aus.“
Weil das ganze System einfach krank ist. Die Krankheiten, die am meisten zunehmen, sind psychischen Ursprungs, Depressionen, Burn-Out. Und Paranoia. Die Definition eines neuen Krankheitsbildes, für das man umgehend in die Klapsmühle eingewiesen wird, zeichnet sich schon ab – für die, dieses System so sehen, wie es ist:
Die Krankheit nennt sich Realismus.
11.05.2016 – Nicht sterben sollt Ihr unbescheiden sondern leben wie die Könige!
Was sich anhört wie ein Zitat aus Shakespeares „Was Ihr wollt“ hab ich mir in Wahrheit selber ausgedacht. Mit meinem eigenen Kopf. Wohl dem, der so was hat. Wieso ich auf diesen Appell auf ein gutes Leben vor dem Tode komme? Deshalb:

Bestattungen Unbescheiden.
Was mich an dem Bild irritiert: Das sieht so aus, als ob der Steinmetz sich mit seinem Hammer das Bein zertrümmern will. Selbstverstümmelung. Darauf stand bei den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe.
Wie schnell man doch von Shakespearischer Heiterkeit ruckzuck im Reich von Thanatos landen kann. Also nicht bescheiden sein im Leben. Sich auch mal was Nettes zum Anziehen gönnen. Umständehalber durfte ich neulich durch die edleren Läden von Hamburgs Shopping Zone flanieren. Unter anderem fiel mir dieses Outfit auf:

Das sieht doch voll Scheiße aus.
Für eine komplette Hose hat der Stoff nicht gereicht, klobige Arbeitsschuhe und ein Anorak, für den ich früher auf dem Schulhof wegen Streberalarm Senge gekriegt hätte. Der Bundeswehrschlips reißt das genauso wenig raus wie das Beerdigungshemd. Wer mit diesem Outfit des Grau-ens bei Regen unterwegs ist, braucht keine Tarnkappe. Meine Erwartung, dass derartige Geschmacksverirrungen kostenlos an Bedürftige verteilt würde, erweisen sich als fundamentaler Irrtum, wie ein Blick auf die Preisschilder zeigte.

Beruhigt zog ich meines Weges. Geld und Geschmack scheinen mitunter natürliche Feinde zu sein.
09.05.2016 – Du kannst ihn mir auch hinten reinstecken
Ich war dann doch an den Landungsbrücken gelandet beim Hamburger Hafengeburtstag. Völlig abgenervt von Abermillionen Feierwütigen starrte ich auf diese Barkasse.

Ob das der richtige Namen der Eignerin ist? Der ist doch irgendwie … fragwürdig.
Ich meine, wer will schon Gabi heißen? (Das mit „Gabi“ war eine Einführung in die Kunst des Gagschreibens. Grundregel Nr. 3 dabei: Die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn Sie beim Gagschreiben 6 oder 7 Grundregeln beachten, können Sie jederzeit Gags für Comedy oder Sitcom produzieren. Am besten erst mal im eigenen YouTube Kanal.)
Im Grübeln über Glitscher hörte ich hinter mir eine Frauenstimme:
„Du kannst ihn mir auch hinten reinstrecken.“
Ich drehte mich um und starrte die Sprecherin entgeistert an. Die adressierte mit diesem Satz ihren einen Kaffeebecher tragenden Begleiter und deutete in ihrer Rede nach hinten auf ihren Rucksack.
Den Rest meiner Flucht nach Blankenese grübelte ich darüber nach, ob die Welt um mich herum völlig versaut ist oder ob ich an präsenil-projektiver Erotophilie leide. In Blankenese – home of the very rich – war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hatte der Fachwelt in Sachen Psychopathologie den Begriff der „Präsenil-projektiven Erotophilie“ geschenkt und hier war die Welt ruhig, beschaulich, heiter, gediegen und mit Wohlstand, Eleganz und Überfluss getränkt. Ich musste an die von Sozialneid zerfressenen Gentrifizierungsgegner in meinem Kiez denken, die schon hyperventilieren, wenn eine Wohnung mal 4.500 Euro pro Quadratmeter kostet.
Ich sach nur: Reisen bildet.

Ein Quadratmeter kostet 8556 Euro. Vermutlich eine billige Wohnung für das Gesinde. Bei den richtig teuren steht kein Preis dabei.
Nach diesem Hamburg Besuch fiel es mir schwer, in die Niederungen des Klassenkampfes hinabzusteigen. Ich war wütend auf die da oben, die denen da unten den Krieg erklärt hatten. Gerne hätte ich weiter geschwebt auf einer Wolke von präsenil-projektiver Wohlstands-Erotophilie.
04.05.2016 – Lieber David Hasselhoff als Reiner Haseloff
Reiner Haseloff, Ministerpräsident einer Provinz in der Ostzone, will den „rechten demokratischen Rand zurückzugewinnen“. Aus Gewohnheit hat sich bei diesem heutigen Statement in der „Welt“, die aber vor lauter Deutschland die Welt nicht wahrhaben will, noch die Demokratie mit eingeschlichen. Bei weiteren Wahlerfolgen der AfD wird sich auch das erledigen. Man gibt also jenen Affen Zucker, die zu Mord und Totschlag gegenüber Menschen aufrufen, die nicht der eigenen Leitkultur frönen.
Wie die aussieht, kann gerne auf Oktoberfesten besichtigt werden. Ich wollte da mal eine Lesung mit Gedichten von Hölderlin machen, immer neben den Lederbehosten, die gerade coram publico auf ihre Trachtenjanker kotzen oder hinpissen, wo es ihnen gerade einfällt. Hab’s gelassen. Ich bin mutig, aber nicht lebensmüde. Da ist mir der Ex-Kampfschwimmer und jetzige Kampftrinker David Hasselhoff lieber, von dem heute morgen durch die Medien ging, dass er pleite ist. Eine ehrliche Pleite und kaputte Leber ist mir allemal sympathischer als dieses verkniffene Spaßbremsengesicht von Reiner Haseloff. Und David war immerhin mal mit Pamela Anderson verheiratet. Reiner war wohl mal Direktor eines Arbeitsamtes. Also vor die Wahl gestellt, wäre ich allemal lieber eine Woche mit Pamela Anderson verheiratet als eine Woche Direktor eines Arbeitsamtes. Ich hoffe, dieses Statement ist nicht irgendwie Arbeitsamtfeindlich.

Fazit: Die Welt ist Dada und ich bin im Bilde.
Die Politik – wer ist das eigentlich „die Politik“? – ist hilflos angesichts der Erfolge der AfD. Hinterherlaufen klappt nicht, die Leute wählen eh das Original. „Den Menschen unsere Politik besser erklären“, schallt es aus dem Bundestag. Wie gut das mit Erklärungen und Argumenten klappt, kann man gerade in den USA beobachten. Da wird ein Typ Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der noch wirreres Zeug daherdeliriert als David Hasselhoff im Wachkoma und der hierzulande noch nicht mal ins Dschungelcamp dürfte, weil er so durchgeknallt ist.
Mit dem Appell an die Ratio, und das ist für mich als vehementer Anhänger der Aufklärung besonders bitter, kommt man in heutigen Zeit nicht weiter. Wenn Vernunft auf Ressentiment prallt, klingt es allemal hohl, und zwar nach jenem Schädel, in dem außer Ressentiments nur Bankauszüge gespeichert sind. Wenn wir keine bildträchtige und wirkmächtige große gesellschaftliche Erzählung mit kulturgetränkten, emotionalen Unterströmen produzieren, können sich die Parteien ihre Wahlprogramme an die Türen ihrer mangels Masse demnächst zu schließenden Parteibüros nageln. Nur das Luther mit dem Nageln damals mehr Erfolg hatte. Die große, neoliberale Erzählung der letzten zwei Jahrzehnte hieß „Ich, Ich, Ich“. Wenn der keine neue solidarische Erzählung eines unvölkischen, kosmopolitischen „Wir, Wir, Wir“ folgt, dann kann demnächst der Letzte die Tür hinter der Zivilisation zumachen.
Mir egal, ich setz mich demnächst wieder in den Garten und grille. Was geht mich die Welt da draußen an. Ich erfülle meine Staatsbürgerpflicht mit dem Schreiben dieses aufklärerischen Blogs hier.

Zeichnet sich am Horizont die nächste große gesellschaftliche Erzählung ab oder ist es einfach nur ein schöner Tag?
02.05.2016 – Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.

Maimotiv von 1956 – nach 60 Jahren aktueller denn je.
Arbeitszeit wird immer entgrenzter und Arbeit immer prekärer. Dazu ein Zitat aus der Rede von Edeltraut Glänzer, der stellvertretenden Vorsitzenden der IG BCE, auf der Kundgebung in Hannover:
„Andrea Nahles macht einen tollen Job.“
Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist bei Strafe des eigenen Untergangs zur Wiederholung seiner alten Fehler verurteilt. Auf dem 1. Mai wiederholen sich solche Fehler dann als Farce. Dass die SPD schnurstracks auf dem Weg zur Fünf-Prozent-Hürde ist, ist regelrecht tragisch und daher – so ist das Wesen der Tragödie – unvermeidlich. Ich bedaure das zutiefst, denn die Alternative zur SPD ist gruselig. Dass die Gewerkschaften da treu und brav wie die Lemminge hinterherdackeln, ist schon skurril.

Der Gewerkschaftsdackel. Der Fortschritt ist auf den Hund gekommen.
Zählen die Kolleg_innen eigentlich ihre Truppen nicht? Gehofft hatte der DGB auf 20.000 Teilnehmer_innen, verkündet hat er dann 10.000. Die Polizei kam auf 5.000, nach meiner Wahrnehmung waren es eher noch weniger, die Leere auf dem Trammplatz war erschreckend. Die Lehre daraus? Vielleicht sollten sich Gewerkschaften mal ein bisschen mehr um die Spaltung im Lande kümmern und sich nicht überwiegend als Versicherungsvertreter für weiße, männliche Facharbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst inszenieren.
Erster Schritt: Kampf um eine drastische Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Wochenstunden. Wir haben eine Arbeitsplatzlücke von ca. 10 Millionen und die wird immer größer. Das deutsche Jobwunder ist ein Mythos. Kein Wunder, dass Gewerkschaftsmitglieder überdurchschnittlich AfD wählen. Denen sitzt die nackte Angst im Nacken.
Ich träume von einer Gewerkschaftskampagne 2030:
Müßiggang und Schlendrian
gegen deutschen Arbeitswahn.

What’s left? Autonome Fackelfolklore – glänzend inszeniert. Angekündigt mit einem Feuerwerk, dann zwei, drei starke Bilder und abtauchen im Dschungel der Großstadt.
Fazit: Es war ein zauberhafter 1. Mai.
Aber nicht wegen der Gewerkschaften.