30.04.2016 – Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein.

Ich bin wohl das, was man früher, als es noch eine nennenswerte Linke gab, undogmatischen Linken nannte. Grundüberzeugungen müssen sein, Tradition auch, aber bitte immer auf der Höhe der Zeit und am besten Avantgarde-mässig vorweg marschieren. Der 1. Mai ist traditionell sehr Traditionsbehaftet: Erbsensuppe, Arbeiterlieder, Fahnen, Marschkolonne. Muss sein, aber da kann mitunter ein bisschen mehr Selbstironie dabei sein.
In diesem Sinne haben in den letzten Jahrzehnten verdiente Genoss_innen des Arbeiter- und Bauernkollektivs SCHUPPEN 68 immer wieder kritisch die Plakat- und Transpi (für Nichteingeweihte: hat nichts mit Deo und Achselgeruch zu tun, ist Kürzel für: Transparent)-Frage gestellt.
weg mit dem dfb verbot
Es kam immer wieder zu Fragen aus der Arbeiterschaft: Was soll das?
1. Wussten wir das teils selber nicht. Wir waren jung, wir waren benebelt. Der Gott, der rote Fahnen wachsen ließ, möge uns vergeben.
2. War mit den Fragen unser Aufklärungsziel schon erreicht. Nur eine Arbeiterschaft, die Fragen stellt, ist eine mit Zukunft!
Dass es dann doch nicht so gut mit der Zukunft der Arbeiterklasse gelaufen ist, lag jedenfalls nicht an uns!
Die Plakatschaffenden Kolleg_innen des DGB waren leider selten ästhetisch so gelungen im Bilde wie hier
1956_MaiPlakat1

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Mai 1956

 

1950_MaiPlakat Kopie

 

 

 

 

 

 

 

 

Völlig daneben, aber hochinteressant: Das erste Maiplakat nach dem Kriege, 1950.
„Neuordnung der Wirtschaft“ heißt nichts anderes, als das da noch die Systemfrage diskutiert wurde. Klar war nach 1945: Nie wieder Faschismus. Und Faschismus galt als eine zwar abartige, aber eben doch eine Form bürgerlicher Herrschaft. Also stand auch in Westdeutschland die Einführung eines wie auch immer gearteten Sozialismus auf der Agenda.
Das erlebe ich ja nun nicht mehr. Gottseidank. Bevor das Experiment wieder angegangen wird, muss noch ne Menge aufgearbeitet werden.
Zum Schluss noch ein Requiem für einen, der immer Teil der Lösung und nie Teil des Problems war:
günther paul fechner
Günther „Paul“ Fechner, ehemaliger Betriebsrat der Fa. Hermann Berstorff. Ich kenne keine Handvoll Leute, die mich ähnlich beeinflusst haben. Ein Jahr nach Renteneintritt gestorben. Wenn ich mir dagegen angucke, wer alles noch lebt, zweifle ich am gerechten Gang der Dinge. Also, liebe Genossinnen: Frei sein, high sein, am 1. Mai dabei sein!
Wie allerdings der hiesige DGB auf die Annahme kommt, das in Hannover 20.000 Leute dabei sein werden, ist mir rätselhaft. Weil Sonntag ist? Oder gibt’s Freibier und Erbsensuppe?

29.04.2016 – Geht doch, Mann muss nur wollen.

niederländischer pavillon 1
Expo Gelände Hannover, niederländischer Pavillon. Im Verfall.
Natürlich war ich wie alle aufrechten Linken vor der Expo in Hannover dagegen. Jedes Großereignis ist dem Linken a priori nicht nur suspekt sondern gleich verhasst. Ich habe irgendwo noch ein Feuerzeug, auf dem steht: Expo – wir lieben Dich brennend. Und das war nicht als Kompliment gedacht.
Letztlich war die Expo lediglich eine Riesenparty für die Region. Sie hat ihr einen excellent ausgebauten ÖPNV gebracht und ohne die Wohnungsprojekte wie das Kronsberg-Viertel wären die Mieten in Hannover noch höher als sie es eh schon sind. Inwieweit das Großkapital seine patriarchalisch-technoide, eurozentrische Sicht der Welt mittels Expo noch massiver durchgesetzt hat, liegt wohl im Auge der Betrachterin. Ich wüsste dafür keine Maßeinheit.
Ich selber war damals für ein Expo Projekt der Carl-Duisberg-Gesellschaft verantwortlich und hatte öfters die Gelegenheit, vor der Eröffnung auf das streng abgeschirmte Gelände zu kommen, wo über die letzte Minute hinaus gezimmert und gehämmert wurde.
pavillon im aufbau
Niederländischer Pavillon. Im Aufbau.
Ich war sofort vom Expo Feeling infiziert.
Es gibt drei Dinge im Leben, die ich bereue. Eins davon, dass ich aus Geldgründen diesen Job gemacht habe und nicht den eines Expo VIP-Guides, wo ich jeden Tag auf dem Gelände gewesen wäre, mit gekrönten Häuptern! So war ich nur ab und zu da und es war einfach eine Riesenparty. Die Stimmung in der afrikanischen Halle war unbeschreiblich. Deshalb lass ich es auch.
niederländischer pavillon 2
Neulich war ich wieder im niederländischen Pavillon.
Und darauf bin ich richtig stolz. Der ist natürlich hermetisch abgeriegelt, weil er verrottet. Da sind Löcher im Boden, es gibt keine Brüstungen mehr etc. pp. Also treiben sich da jede Menge Skater, Graffiti Künstler, Streetgangs rum. In dem Alter bin ich auch noch über jeden Zaun gekommen. Aber in die höheren Stockwerke dieses Pavillons zu kommen, wo die Treppen abmontiert sind: Chapeau. Vor mir selber. Geht doch, Mann muss nur wollen.
Und solange niemand das Gegenteil beweist, behaupte ich: Ich bin der älteste Mensch, der den abgesperrten Pavillon jemals bestiegen hat.
Wenigsten in einem der Beste.
Auch so ein Männerding, dieser Drang.

26.04.2016 – Volksentscheid, Revolution und kalte Füße

Ich habe meinen Fusssack mit drei „s“ wieder rausgekramt. Mein Platz am PC ist so fußkalt, dass einem Sibirien wie eine Sommerfrische vorkommt. Ab November kommt da ein Fusssack hin, der vor dem Frühstück mit einer Wärmflasche gefüllt wird. Das garantiert bis zum Mittag warme Füße. Den notwendig kühlen Kopf hole ich mir vor Arbeitsbeginn durch Schreiben dieses Blogs. Besagter Sack wird natürlich im März aussortiert, Frühlingserwachen und so. Aber bei den aktuellen Temperaturen krieg ich Eisbein, ohne Sauerkraut. Meine Setzlinge Sonnenblumen und Stockrosen hole ich vorsichtshalber nachts rein. Diese Kälte macht einen urlaubsreif. So wie die Durchsicht der Fotos von den TTIP Demos.
volksentscheid oder revolution
Volksentscheid oder Revolution (links hinten im Bild).
Wer unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen für Volksentscheide oder Revolutionen ist, sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Den Gegner für verrückt zu erklären, ist übrigens nicht nur in Beziehungen ein probates Mittel. Die Psychiatrisierung von Gegnern hat vermutlich die nachhaltigste Wirkung in der Gesellschaft hinterlassen, seit der Kokser Sigmund Freud seinen Ödipus hat raushängen lassen. Mit Sicherheit jedenfalls mehr Wirkung als alle Psychoanalysen und Therapien dieser Welt.
Der TTIP Demonstrationszug war so unübersehbar lang, dass ich ihn nur zum Teil abfahren konnte, was ich immer mache aus Dokumentationszwecken. (Außerdem war es mir schlicht zu kalt, da stundenlang rumzueiern). Der Zustand einer Opposition im Lande lässt sich auch am ästhetischen Abdruck ablesen, den ein Demonstrationszug hinterlässt. Jede Demo ist insofern auch eine soziale Plastik, eine künstlerische Intervention, eine Performance.
Daher kann man die Kulturschaffenden mal wieder komplett in die Tonne treten.
kestnergesellschaft
Demo vor der Kestnergesellschaft, Musentempel für die gehobenen Stände.
Vielleicht habe ich es ja übersehen: Aber wo war der bunte Block von Kulturschaffenden?
Über TTIP ist nicht viel bekannt. Aber TTIP ist ein Instrument des Wettbewerbs, das erklärtermaßen für Freihandel eintritt, einen Freihandel ohne Schranken wie öffentliche Subventionen. Wenn ein privater Investor hier eine Musicalbutze hinstellen will für „Das Phantom in der Oper“ oder so Zeug, was sollte ihn hindern, das hiesige Opernhaus von der Bildfläche zu klagen, weil da genreverwandte Operetten aufgeführt werden, bei denen jede Eintrittskarte mit ca. 160 Euro Steuergeldern subventioniert wird? Gleiches lässt sich auf alle Kulturbereiche runterbrechen.
Wo also war der Block von Staatstheater, Oper, Kunstverein, Projekten, Organisationen, all jenen, die an stattlichen staatlichen Tröpfen hängen und die, wie ich (außer bei SCHUPPEN 68 Aktionen, da fließt Null Staatsknete) kein Projekt ohne Steuermittel durchführen könnten?
Eine lausige Bande von entpolitisierten Duckmäusern, Weicheiern, Faulpelzen und ästhetischen Maulhelden, auf diesen kurzen Nenner kann man die Kulturszene präzise bringen. Soviel zu einem Teilaspekt der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen.
Meine Füße sind jetzt so was von wohlig warm, dass ich überhaupt keinen Bock habe, zum ersten Termin zu radln. Muss aber sein. Das Leben und die Realität sind zwei verschiedene Schuhe.

25.04.2016 – Spinner, aber nicht liebenswert.

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Anti-TTIP Demo in Hannover am Maschsee mit Leuten vom rechten Rand, Verschwörungs-theoretikern und anderen Spinnern.
Obwohl es saukalt war und hagelte und mir die Sonne von Mallorca noch in den Knochen steckte, habe ich mir das angetan. Das versetzt mich eine excellente Argumentationsposition: „Ich weiß, wovon ich rede! Ich habe damals vor Ort recherchiert.“ Ich steh auf Besserwisserei.
„Lügenpresse“ und „9/11 war der Geheimdienst“ fiel gleich im ersten Statement. Von den angekündigten 5.000 Teilnehmenden waren keine 300 da. Prima Blamage, aber schlimm genug. Die Klientel deutlich jünger als auf der Hauptdemo am 23.04 und prekärer vom Habitus her. Am 23.04 hatte ich ziemlich schnell dieses wärmende Solidaritätsgefühl, man trifft ja auch diverse Bekannte und Kumpels. Am Maschsee hab ich mich nur unwohl gefühlt und das lag nicht nur daran, dass ich natürlich niemanden da kannte. Die wachsende Spaltung der Gesellschaft nimmt immer schärfere politische Konturen an. Man muss kein Prophet sein, um für die Kommunalwahl am 09.11 in Niedersachsen gerade in sozialen Brennpunkten verheerende Ergebnisse zu erwarten. In manchen Quartieren wird real kaum noch jeder Zehnte zur Wahl gehen und von denen wählen bis zu 20 und darüber Prozent AfD und Übleres. Darauf wette ich eine Flasche Bollinger. Wer zuerst dagegen hält, ist meine Wettpartnerin. Der Gegenwert einer Flasche geht an eine soziale Organisation, das macht man so in Charity Kreisen. Die Wette sei zynisch? Bestimmt nicht. Zynisch ist die Realität, die solche Entwicklungen nimmt. Von mir kriegt die Realität nur einen satirischen Scheitel gezogen, mittels einer Pulle Schampus.
160124ttip maschsee 2
Auch nicht zynisch, sondern einfach nur lustig: Ami go home, dieses Mal von rechts.
Dass die alte Opa-Apo Parole nun in rechten Kreisen wieder fröhliche Urständ feiert, das find ich eine drollige Volte der Geschichte. Manchmal möchte man fast zur Totalitarismustheorie einschwenken. Möge der Jesus Christus von gestern mich vor soviel Zynismus schützen.

24.04.2016 – TTIP und Jesus Christus.

Eine Großdemo wie TTIP gestern in Hannover verändert das Stadtbild komplett. Der Verkehrsfluss ändert sich, stockt, der staatliche Repressionsapparat wird ein sichtbar stattlicher und jede Menge Spinner wollen von der Sonne des Ereignisses ein paar Strahlen auf ihr Anliegen abziehen.
nur jesus rettet
Ich drücke die Daumen.
greenpeace dgb
Natürlich waren auch die Kraxler von Greenpeace wieder dabei.
Langsam langweilig, aber medienwirksam. Insgesamt ein ungewöhnlich heterogenes Erscheinungsbild, viele ältere Leute, auch aus einem eher Demofernen Milieu. Wohl die Klientel, die Angst davor hat, dass ihnen das viel zitierte Chlorhühnchen das Müsli vergiftet. Das macht vermutlich auch den Erfolg der Demo aus: da sich TTIP in alle Lebensbereiche einnistet, waren auch andere als klassischen Demo-Organisationen wie attac, ver.di, Paritätischer, GEW etc. pp. unterwegs und erleichterten selbst dem Opernabonnenten eine Teilnahme, der um die Struktur der öffentlich geförderten Musentempel fürchtet.
trojanisches pferd börse
Ich fürchte die Trojaner, selbst wenn sie Geschenke tragen: Die Standardsymbolik dieser Demo.
Will meinen: Der hinterhältige Ami will uns Böses. So wie damals mit der Negermusik? Der „Timeo“ Satz fängt übrigens im Original an mit „Quidquid id est“: Was immer es ist. Könnte bei dem notorischen Antiamerikanismus vieler Demonstranten passen. Egal was der Ami macht: Ich bin dagegen. Um ein paar grandiose Amis zu zitieren: „Whatever it is, I’m against it.“ (Marx Brothers). Ich sage: God bless America. Zumindest für die Marx Brothers, für Rock’n Roll, Jeans und die Befreiung von den Nazis. Wobei daran ja auch der Russe nicht ganz unbeteiligt war.
Ich bin ja allein wegen des Verfahrens gegen TTIP, verfalle aber dabei nicht in altlinke Reflexe von Genossinnen, deren Reflexion der sich ständig ändernden gesellschaftlichen Verhältnisse vor 30 Jahren endete. Seitdem heißt es pathologisch: Amis und Israel böse, Palästinenser prima. Großereignisse wie EXPO und Olympia böse, Stadtteilfest prima. Alles, was nicht meiner Meinung ist, böse, ich prima.
Kein Wunder, dass in einem solchen Umfeld die komplett schiefe antiamerikanische Trojanerpferd-Symbolik gut gedeiht. Im globalisierten Kapitalismus geht es aber nie um die Nation, es geht immer um das Kapital. Konzernen wie Apple, Toyota oder Siemens geht es nicht um die Nation. Das einzig Positive, was man über Großkonzerne sagen kann: Sie kennen keine Vaterländer.
Die nächste Freihandelsoffensive kann genauso gut von Peking oder Berlin ausgehen. Von Brüssel eher nicht. In Europa gehen die nationalen Rollläden hoch und in einigen Regionen demnächst noch mehr Lichter aus.
Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Wenn so viele Menschen so vehement gegen etwas sind, dessen Inhalt ihnen zwar fast komplett unbekannt ist, das sie aber für bedrohlich halten, wie viele Menschen müssen denn dann vehement gegen etwas sein, dessen Inhalt allgemein bekannt ist und das bedrohlich ist: die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich.
War ein Witz, das mit dem Rettenden. Fröhlichen Untergang und sonnigen Start in die Woche, liebe Leserinnen und ich gehe jede Wette ein, das der Standort des Pferdes vor der Börse zufällig gewählt wurde.

23.04.2016 – Schatz, gehen wir heute zu Ikea oder Ferrari?

zu ikea oder zu ferrari
Hannover, Expo Gelände.
Im Vergleich zum Lissabonner Expo-Gelände ein Trauerspiel, aber immer noch einen Ausflug wert. Und mitunter einfach komisch. Was gibt es sonst noch in Hannover? Heute ist TTIP Demo, erwartet werden über 50.000 Leute. Ich weiß nicht viel über TTIP, wer tut das schon. Allein das Verfahren stimmt mich so misstrauisch, dass ich dagegen bin. Was ich mich frage: Wie funktioniert das, das in eher apolitischen Zeiten so viele Leute auf die Strasse gehen? Am 1. Mai werden in Hannover vielleicht ein Zehntel unterwegs sein und in Hannover ist traditionell eine der größten Maidemos der BRD.
Wieso geht zur geplanten Novellierung von Hartz IV kein Schwein auf die Straße, obwohl Millionen direkt davon betroffen sind?
Was ist mit der drohenden Altersarmut als Folge der von rotgrün demolierten gesetzlichen Rente? Kleines Schmankerl zum gleichnamigen Erfinder der Riesterrente, mit der sich Konzerne dumm und dämlich verdienen: Riester war u. a. 2. Vorsitzender der IG Metall und ganz früher ein Verbalradikalinski von hohen Graden, bevor er korrupt bis auf die Knochen wurde. Bei einem oder zwei Bieren während eines Lehrgang in einer IGM Bildungsstätte erzählte mir einer der Teamer, dass Riester ihn mal zusammengefaltet habe, als er über ein gemeinsames Projekt mit Arbeitgebern verhandelt hatte: „Man setzt sich nicht dem Klassenfeind auf den Schoß.“
Wie man bei Riester später sah, ist der bessere Weg, ihm direkt in den Arsch zu kriechen.
Was mich interessieren würde: Wie hoch ist mein Kaufpreis? Ich hab hier leicht reden als Verbalradikalinski.
Mein Lieblings-Sprichwort kommt aus dem Orient:
„Es gibt keine Mauer, die hoch genug ist, als dass sie ein mit Gold beladener Esel nicht überklettern könnte.“
Also: Ich warte auf Angebote. Und darauf, dass mir jemand die Welt erklärt, siehe oben.

21.04.2016 – Ich bin normalerweise ein toleranter Mensch.

Das ist eine faustdicke Lüge, und das „normalerweise“ weist auch daraufhin, dass eine in dem Zusammenhang getroffene Aussage a priori null und nichtig ist. Das ist wie bei „grundsätzlich“: „Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu“ heißt nichts weiter als „Ihre Position ist von vorne bis hinten schwachsinnig und ich werde sie bis an mein Lebensende mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen“. Also noch mal, aber diesmal in ehrlich: Ich bin überhaupt kein toleranter Mensch, vieles am Kapitalismus stinkt mir ganz gewaltig, und im privaten Bereich gehen mir andere Meinungen, Lebensstile, Ansichten je mehr auf den Senkel desto älter ich werde. Ich halte ca. 90 % der Bevölkerung für nicht satisfaktionsfähig und den Rest dulde ich meist nur, weil mit irgendjemandem muss man ja ab und zu mal reden (nur in seltenen, nüchternen Momenten beschleicht mich eine böse Ahnung, dass ich vielleicht doch nicht ganz so toll bin, wie ich mir einbilde und es noch zwei, drei, vier Leute gibt, die auch was in der Birne haben …).
radler
Wenn ich etwas ganz besonders nicht toleriere, ja regelrecht verabscheue, sind es Radfahrer in Urlaubsregionen.
Auf Malle ist ja zu dieser Jahreszeit nicht viel los, bis auf eine Ausnahme: Myriaden von Radfahrern auf Rennrädern und in närrischen Trikots machen die Strassen in kilometerlangen Peletons unsicher, jeder Zentimeter radlbarer Asphalt wird von ihnen mit einer Dreistigkeit in Beschlag gelegt wie es nur Scheißhausfliegen mit ihrem Haufen praktizieren. Die Augen stur auf den Asphalt gerichtet, resistent gegen jede Schönheit der Landschaft und gegen andere Verkehrsteilnehmer.
asphalt
Das ist das ideelle Gesamturlaubsbild eines Rennradlers, egal ob Malle, Lanzarote, Andalusien oder Bad Klappsmühlen.
Mehr sieht er nicht, mehr kennt er nicht, mehr interessiert ihn nicht. Die Kolonnen dieser Hohlmantelgeschosse erinnern mich an die Panzerkolonnen auf den Autobahnen oder Eisenbahnen im kalten Krieg, stur, gleichförmig nur einem Ziel unterworfen: Der Vernichtung des Gegners, sei es der Kommunist im Osten oder die Zeit auf der Uhr. Hass überflutet mich, wenn ich auf einem zauberhaften Marktplatz eines kleinen Ortes wie etwa Santa Margalida sitze, Stille und Ruhe allenthalben, und dann fällt ein Division dieser Schwachköpfe gleich einem Heuschreckenschwarm da ein. Das Klicken der Sicherung an ihren Schuhe, mit denen sie die jahrhundertealten Fliesen des Marktplatzes ruinieren, gemahnt an den Marschtritt von Soldateska und wie sie dann breitbeinig da rumfletzen, unfähig eines vernünftigen Gedankens nur Schrott absondernd wie was für einen Schnitt sie denn gerade gefahren sind, und wie fertig sie gestern waren und morgen erst sein werden. Es ist alles so erbärmlich, dass man weinen möchte.
Sie sind alle so uniform hässlich, so unlebendig. Ich habe noch einen Radfahrer oder Radfahrerin gesehen, der oder die erotisch aussah, und das bei den hautengen Trikots. Radfahrer und Sex? Unvorstellbar. Der natürliche Feind des Radfahrers ist der Orgasmus. Wenn ich sie abends sehe, wie sie in das Nachtleben eintauchen, bis 21 Uhr, kommt befreiendes Lachen auf: wieder in Pulks, wieder uniform, in Jeans und Jack Wolfskin Jacken, gleiche Frisuren, unsicher lautes Gehampel, drauf achtend, dass bloß keiner aus der Herde ausbricht.
Ich habe unterwegs mal einen Einzelgänger, der innerorts hinter der Herde zurück geblieben war und deshalb in Panik geratend mir die Vorfahrt nehmen wollte, angeschnauzt: „Mach die Augen auf, Meister.“
Jedes Mitglied einer Streetgang weiß, dass nach der Ansage „Meister“ Kampfposition einzunehmen ist. Das ist ne klare Ansage. Unser Einzelgänger jedoch geriet derart in Hektik, dass er nach einem Schlenker über den Bordstein rumpelte. Hoffentlich ist sein Felge hinüber.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.
Ich fahre auch Rad im Urlaub, jeden Tag. Aber für mich gilt natürlich Lukas 18.:
„O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen der Menschen, ….“

21.04.2016 – Löschflugzeuge und Trostspender.

Urlaubslektüre waren heuer der notorische Hölderlin Gedichtband, Heft 4/2016 der „Blätter für Deutsche und Internationale Politik“, der Roman „Der Mittelstürmer“, Autor hab ich vergessen und den werd ich jetzt auch nicht googeln, der aktuelle „Spiegel“ und die aktuelle „konkret“. Ich hab nicht eine einzige Zeile gelesen.
Stattdessen habe ich lieber stundenlang aufs Meer geglotzt, kein Gedanke trübte mein Hirn, nur manchmal dachte ich, wenn sich was am Horizont veränderte: „Whow, jetzt bist Du schon stoned, ohne zu kiffen.“ Zu dieser Jahreszeit ist auf Malle weder am Strand noch am Horizont viel los. Reflexartig riss ich meine Digitalkamera aus dem Holster und feuerte mehrere Bilder ab.
löschflugzeug
Im Hotel stellte ich erstaunt fest, dass das gelbe Flugzeug wohl tatsächlich existiert hatte, vermutlich ein Löschflugzeug.
Ich beschloss, öfter mal nichts zu denken. Und Lesen wird sowieso überbewertet. Was nützt mir die dadurch gewonnene Erkenntnis? Angesichts des aktuellen Zustandes der vermeintlichen Zivilisation müsste man konsequenterweise zur Waffe greifen und dafür bin ich viel zu ungeschickt. Das erste Opfer wären sicher meine Füße.
Wozu nützt Lesen noch? Der Unterhaltung vielleicht. Aber wenn ich Spaß haben will, fahre ich zum Beispiel mit dem Rad durch eine Touri-Meile auf Malle. Das ist wie Theater, nur umsonst und authentischer. Also wozu Lesen? Trost? Das ist ein Argument.
kalvarienberg
Kalvarienberg Pollenca – Trostspender für Gläubige. Für den Rest: Grandioser Ausblick und Fitnessprogramm, 365 Stufen.
Trost kann ich brauchen. Hab im Urlaub Börse verloren, mit Ausweis, Karte, Krankenkasse, Geld, etc. pp. Dummheit muss bestraft werden und irgendwann ist so was mal fällig. Angesichts der Frage, wie die einen am Flughafen ausreisen lassen ohne Papiere, und der Scheißhausparolen, die zu dem Thema im Internet kursieren, fühlte ich mich auf einmal nackt, hilflos. Ohne Papiere.
Lächerlich, an jeder Ecke im EU-Ausland gibt es ein Konsulat und mit jeder polizeilichen Verlustmeldung kommt man problemlos aus dem Urlaubsland raus. Aber da sieht man mal, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist. Kaum weicht etwas vom Gang der Dinge ab, wird man gleich hektisch. Regelrecht albern fand ich meinen Gedanken in der Situation, wie es wohl grundsätzlich Papierlosen gehen mag. Hinter dieser Art von Empathie schlummert doch jenes Selbstmitleid, dass sich aus dem Vergleich mit Papierlosen speist. Und der ist angesichts deren Situation degoutant.
Ungerecht fand ich allerdings, dass ich meine Börse verloren hatte, nachdem ich sie nur zum Trinkgeldgeben gezogen hatte.
Zuhause angekommen, ging ich erst mal auf Tournee, alles muss ja wiederbeschafft werden.
Keine zwei Stunden nach Ende der Tournee rief die Polizei von Malle an: Meine Börse hat sich angefunden. Wieder los, alles rückgängig machen.
Tröstlich immerhin: Offensichtlich hatten höhere Mächte ein Einsehen mit mir und wollten soviel Ungerechtigkeit auf Erden doch nicht zulassen.

19.04.2016 – Klassenkampf und Urlaub.

Klassenkampf von oben heißt auch Abgrenzung durch Ausgrenzung. Die da Oben grenzen die da Unten aus durch Verweigerung von Teilhabe an materiellen Gütern, an Bildung, an Gesundheit, an gesellschaftlichem Leben … . Abgrenzung heißt auch, denen da Unten durch Sprache, Style-Codes, Habitus, Klassenjustiz klarzumachen: Du gehörst nicht dazu.
Klassenkampf von Unten kann niemals Ausgrenzung gegen die da Oben bedeuten, wohl aber: Abgrenzung. Abgrenzung – und damit Selbstbewusstsein – durch eigene Sprache, Rituale (1. Mai), Kultur (früher: Abeiterkultur). Arbeiterkultur gibt’s nicht mehr und Abgrenzen tut sich der deutsche Facharbeiter oder auch das Prekariat durch Tritte nach unten, auf Flüchtlinge zum Beispiel. Soviel zur Chronik eines fortschreitenden Verfalls der Sitten.
Der Klassenkampf macht keinen Urlaub. Ich schon. Die Zeiten sind vorbei, als ich monatelang mit dem Daumen im Wind und dem Zelt auf dem Rücken durch Europa trampte. Eine Woche Hotel am Meer, das war’s dann. Ich steige meist in Hotels einer bestimmten Kategorie ab, anders formuliert: Ich bleibe innerhalb meiner Klasse. Ich grenze mich auch gefühlsmäßig ab, Leute in gehobeneren Hotels als dem meinen sind für mich Snobs, Leute in niederen Kategorien Prolls. Das ist schäbig gedacht, das würde ich auch niemals öffentlich so formulieren, das verrate ich nur Ihnen, liebe Leserinnen, hier im Blog und im Vertrauen. Ich habe auch nie behauptet, dass ich die Wiedergeburt von Jesus bin.
Wie sah die Klassengesellschaft eigentlich früher aus?
nekropole
Nekropole aus dem 7. Jahrhundert vor unserer Zeitrechung.
Ungefähr 300 Tote waren da bestattet, der herrschenden Klasse angehörend. Selbst der Tod macht die Menschen nicht gleich und das angenehme Klima hat offensichtlich schon in grauer Vorzeit viele Leute angezogen. Wenn ich mir vorstelle, was das damals für ein Aufwand gewesen wäre, da Urlaub zu machen. Hätte man damals trampen können? Mich hat mal ein Bauer mit einem Eselskarren mitgenommen. War schön. Aber die ganze Strecke? Gut, dass es Flugzeuge gibt. Und nach mir die Öko-Sintflut.
Erwähnte ich das mit „Jesus“ schon …?

10.04.2016 – Ich war schon immer Avantgarde

Dass Digitalisierung, Virtualität und Internet unter Avantgarde-Gesichtspunkten out sind, ist evident. Ich zum Beispiel höre zu Hause, wenn überhaupt Popmusik, nur Cassetten, auf einem Original Denon Cassettenrekorder aus dem vorigen Jahrtausend.
cassettendeck denon
James Gang und Flying Burrito Brothers. Die Flying Burritos Brothers habe ich mal im Nashville in Hannover live gesehen, mit einem unfassbar genialen Pedal Steel Gitarristen namens Sneaky Pete Kleinow, der mir regelrecht die Tränen in die Augen getrieben hat. Das Nashville war (ist?) ein gruseliger Country Club, bei dem Konzert nur Männer, alle hatten Cowboy-Hüte auf, tranken Bourbon, trugen Südstaaten T-Shirts und glotzen mich an, als ob ich Otis Reding wäre. Gut, dass ich keine Opfer-Ausstrahlung habe.
Ich schwor mir, das nächste Mal da mit einem T-Shirt hinzugehen mit Sam & Dave drauf und der Aufschrift „I am a Soulman“. Was ich auch bin. Mein Ding ist schwarze Musik. Dancing Stuff. Ich weiß aber fantastische Musiker wie die Burrito Brothers zu schätzen. Deren Konzert war eines jener raren mit Gänsehautfaktor und hat mich beeinflusst, die Band „Flying Sackbarrow Brothers“ zu gründen, allerdings völlig andere Richtung: psychedelischer Postpunk.
Ich war schon immer Avantgarde, ich nenne es wegen der soziologischen Trennschärfe nur „Antizyklisches Agieren“. Avantgarde ist auch historisch kontaminiert, die frühe italienische Avantgarde schwenkte fast komplett zum Mussolinifaschismus über. Vollidioten.
In den Siebzigern war es schwer angesagt, politisch zu agieren. Ich hatte natürlich eine Haltung, aber dieses massenhafte unreflektierte Politkaspern war mir auch aus ästhetischen Gründen schwer verdächtig. Ich tat mich nicht gemein.
NaNa Nullnummer
Beispiel politischer Arbeit von damals – die NaNa. Nullnummer vom Februar 1982.
Neulich bei Freund und Kollegen drauf gestoßen, der die kompletten 50 Ausgaben besitzt. Tolle Zeitung, aber verpeilt.
Heute agieren immer weniger Leute explizit nachhaltig politisch. Das Motto muss also lauten: Antizyklisch agieren, Genoss_innen. Mach ich. Unter anderem mit einer unverpeilten eigenen Zeitung, der NETZ. Zur Not auch mit Staatsknete. Mao hat mal gesagt: Flexibel sein wie ein Tisch im Wasser. Also dann: Heraus zum 1. Mai!
Aber den 30. April nicht vergessen!