24.08.203 – Module einer antifaschistischen Strategie

Oranienstr., im Zentrum vom rebellischen Kreuzberg SO 36. Links und radikal, so es das überhaupt noch gibt. Die Linke ist hierzulande in einem verheerenden Zustand, ihre parlamentarische Repräsentanz zerlegt sich gerade selber, Motto: Und willst du nicht meine Schwester sein, so schlag ich Dir den Schädel ein. Ihre Medien existieren nicht mehr oder befinden sich in existentieller Krise wie das Neue Deutschland oder die radikalfeministische Missy (taz, Freitag etc. sind nett zu lesen, aber keine radikalen, linken Medien). Je nötiger eine linke Opposition benötigt wird, undogmatisch, kreativ, veränderungswillig, desto marginaler wird sie. Die Situation ist so verheerend, dass in einer der letzten Zone freien, rebellischen Geistes, eben in SO 36, die Frage lauter wird: Wo bleibt der SCHUPPEN 68? Siehe Foto oben.

Was tun?

Vom SCHUPPEN 68 Generalbevollmächtigen für Hamburg und angrenzende Gaue Nord, Peter Popstar, erreichte mich der Hinweis auf eine interessante Publikation über mangelhafte Literalität in der Arbeiter*innenklasse. Fazit, in meinen eigenen Worten: Der Mob ist zu dumm und zu faul zum Lesen und kann mit „unseren“ guten Argumenten allein deshalb nicht erreicht werden, weil „wir“ nur Bleiwüsten produzieren und geschwollen daherschwafeln. Die diesbezügl. LEO-Studie der Universität Hamburg zur Erfassung der Lese- und Schreibkompetenzen der Deutsch sprechenden erwachsenen Bevölkerung (18–64 Jahre) kommt zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass in Deutschland 16,8 Millionen oder 32,6 Prozent der hier lebenden Menschen nur leichte Schriftsprache verstehen, wobei die Arbeiter*innenklasse dabei natürlich überdurchschnittlich betroffen ist.

Der Artikel dazu, “Alice in der Bleiwüste“, ist in der ak Ausgabe 695 erschienen, leider hinter einer Bezahlschranke. Die ak hiess früher Arbeiterkampf, heute analyse & kritik, ist links & lesbar, in der Kombi keine Selbstverständlichkeit, und kommt zu folgendem bemerkenswerten und von mir und dem Genossen Popstar geteiltem Fazit: „ …. Sie (die Klassenbewusste Linke) könnte zudem mehr leicht lesbare, linke Bücher gebrauchen ….. . Linke Projekte und Gewerkschaften sollten darüber hinaus nicht nur stärker auf Organizing setzen, sie könnten (politische) Alphabetisierungspraxen forcieren. Es wäre außerdem klug, deutlich mehr auf außertextliche Interventionspraxen wie Film oder bildende Kunst zu setzen.“ Hervorhebung von mir, weil ich diese Strategie einer über das Argument und die Ratio hinausgehenden kulturellen Intervention für eine sinnvolle im antifaschistischen Engagement halte. Mit Aufklärung allein sind wir nicht weit gekommen. Es gilt nicht nur den Kopf, Verstand zu erreichen, der lässt sich leicht betrügen, sondern  auch das Herz, die Emotion, mit Erzählungen, Bildern, Geschichten, Mythen, Liedern. Wir arbeiten dran…

Die Hoffnung und Utopie der ak auf ein wie auch immer geartetes rebellisches Subjekt in Form einer Arbeiter*innenklasse teile ich zwar nicht. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass diese – ehemalige – Klasse Formen des Mobs annimmt, die Kaste der Facharbeiter ist korrumpiert und Faschismusanfällig, ihre Gewerkschaften sind zahnlose Tiger.

Es gibt aber zwei Gründe, trotzdem aktiv zu sein:

1. Ich könnte mich irren. 2. Es gibt nichts Gutes außer man tut es.

Zum Schluss noch die Auflösung des obigen Bilderrätsels, es ist alles eine Frage der Perspektive:

21.08.2023 – Ort der höchsten Beachtungsstufe

Die Henne, über 100 Jahre alte Kreuzberger Wirtshaus-Legende, direkt an der leider nicht mehr existierenden Mauer gelegen.

Diese Mythenumwehten Orte, deren auratische Mauern von jahrzehntelanger Alltagsgeschichte getränkt sind, sterben auch in Berlin immer mehr aus. Ich kannte die Henne nicht, bin beim Flanieren, wozu sich das nahegelegene Engelbecken mit seinen Schildkröten und Reihern excellent eignet, per Zufall drauf gestoßen. Die Sütterlinschrift signalisierte mir sofort: Ort der höchsten Beachtungsstufe.

Wo haben Sie, liebe Leserinnen, das letzte Mal ein Schild mit Sütterlinschrift an einem noch praktizierenden Ort gesehen? In einer Zeit, in der die Gegenwart einen unbarmherzigen Feldzug gegen die Vergangenheit führt, alles im rasenden Takt der Veränderung den Göttern der maximalen Effizienz, des normierten Konsums und der erbarmungslosen Profitoptimierung geopfert wird, sind solche authentischen Orte Ankerplätze der Muße, des Verweilens, der Beschaulichkeit. Leuchttürme der Orientierung in einem Meer von austauchbarer Beliebigkeit. Wenn wir der Vergangenheit beraubt werden, verlieren wir die Zukunft, irren als geschichtslose blinde Grottenolme durch einen beängstigenden Nebel, kein Ziel erkennbar, keine Orientierung.

Entweder berauben uns die Herrschenden der Vergangenheit, lügen sie um oder verkitschen sie durch Disneybauten, siehe Humboldtforum oder auch Frauenkirche. Diese Orientierungslosigkeit produziert katastrophale gesellschaftliche Folgekosten; Werte, Normen und Kollektive, die das vermitteln, verschwinden immer mehr. Aus dem Zoon politikon, Menschen als soziales Wesen, wird der Idiotes, der Idiot, das Individuum, das sich aus allen Angelegenheiten der Gemeinschaft heraushält. Die Idioten privatisieren.

Dass das ungesund ist, ist evident, der Verbrauch von Psychopharmaka explodiert ebenso wie psychische Erkrankungen, auch im „normalen“ Alltag drehen die Bekloppten und Bescheuerten immer mehr durch und das gesellschaftlich immer mehr bevorzugte Krisenlösungsmodell ist der Faschismus. Wäre ich Psychoklempner, würde ich diese Angst- und Aggressionsgetriebene Sehnsucht nach radikalen, mörderischen Lösungen als zu therapierenden Hilfeschrei deuten. Ich bin aber eher Antifaschist und dieses Psychogesäftel geht mir auf die Eier. Was also tun?

Unter anderem müsste „Antifaschismus“ als Staatsziel in die Verfassung, hier ein guter Artikel aus der NZZ darüber, der sich zwar dagegen ausspricht, aber sehr kenntnisreich ist .

Auch wenn das für sich erstmal keine konkrete Gestaltungsmacht hätte, allein das Wording würde sich sofort komplett ändern, weil dann die bis weit in bürgerliche und liberale Kreise permanent diskriminierende Verwendung des Begriffes Antifaschismus geringer würde. Diskurse würden immer auf den verfassungsmäßigen Auftrag des Antifaschismus rekurrieren, konkrete Folge: Antifaschismusprojekte wären leichter zu finanzieren und eine wirklich schwachsinnige Idee wie die geplante Kürzung der Mittel für politische Bildung hätte es wesentlich schwerer. Ich würde im öffentlichen Diskurs sofort die Verfassungskeule rausholen und argumentieren: Mit diesem Kürzungs-Vorschlag stehen Sie nicht mehr auf dem Boden des GG.

Und genau wegen sowas liebe ich Orte wie die Henne und halte im Zweifel sofort Einkehr zwecks oraler Inhalation diverser Feuchtgetränke.

19.08.2023 – Schönheit

Zucchini

Kaiserwinde

Hibiskus

Schönheit ist Trösterin der Seele in trüben Zeiten und das Sahnehäubchen im Cappuccino der Fröhlichkeit. Wobei ich keinen Cappuccino trinke. Drei obige Blüten strahlen mich in der Morgendämmerung im Garten an. Die Zucchini Blüte tröstet mich darüber hinweg, dass außer Blüte bei dem Pflanzversuch auf dem Weg zur Autarkie nichts weiter kam. Auch bei Sellerie und Paprika ist die Ausbeute mau. Ich werde mich im atomaren Ernstfall auf den Tauschhandel kaprizieren, Mister Hemp gegen Essbares.

Schönheit liegt ja im Auge der Betrachterin, ist also subjektiv und unterliegt dem Wandel der Moden, der gesellschaftlichen Bedingungen. Standen z. B. Film-Bilder von Raucherinnen früher für den mondänen Vamp, für Boheme, sind sie heute Ausdruck von Prollwesen, Unterschicht. Früher galt Urlaubsbräune als das Nonplusultra, heute ist das Krebsverdacht igitt, wohl zu lange in der Sonne gelegen, oder gar im Bräunungsstudio, der Climax des Billigheimer. Kommt bestimmt aus einem sozialen Brennpunkt. Vornehme Blässe, wie im 19. Jahrhundert, das ist die Modefarbe der Kreuzberger Öko-Hipster-Avantgarde. Ästhetik als kontinuierlicher Prozess der Veränderung.

Natürlich gibt es auch überzeitliche Schönheit (wobei ich über den Begriff allein das halbe Internet vollschreiben könnte), bestimmte Formen oder Maßverhältnisse wie der Goldene Schnitt. Oder Blumen, Blüten. Schönheit ist aber im Normalfall gesellschaftlich bedingt, also wären harmonische, ausgewogene gesellschaftliche Verhältnisse ein Ausdruck von Schönheit.

Da sieht’s aber ziemlich hässlich aus zur Zeit. Carsten Linnemann, kläffender Merz-Pinscher und Phrasendrescher par excellence, fordert eine Agenda 2030 , einen Ruck 2.0. Zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Das ist wie die Codierung bei Zeugnissprache: „Sorgte für gutes Betriebsklima“ meint: Säufer und Schürzenjäger. „Stärkung Wirtschaftsstandort“ meint in Zusammenhang mit Agenda 2030: Sozialraub bei den Armen, Umverteilung an die Reichen. Siehe Agenda 2010. Dann müsste bald auch der Boulevard wieder die Leier mit dem „Sozialschmarotzer“ beginnen, untrügliches Krisenzeichen. Eine Agenda 2030 mit Sozialkürzungen müsste allerdings wieder Rotgrün durchsetzen, wie bei der Agenda 2010. Bei einer Rotgrünen Agenda 2030 würden die Gewerkschaften stillhalten, solange es nicht an ihre Klientel geht. Die SPD-Parteisoldatin Fahimi, im Verbund mit anderen SPD-Gewerkschafts-Seilschaften, wie ihr Ehemann Vassiliadis, Chef der IG BCE, würde dann als DGB-Vorsitzende alles tun, um eventuelle Gewerkschaftsproteste klein zu halten. Würden allerdings Merz und seine Pinscher sich an sowas wagen, stünden am nächsten Wochenende Gewerkschaftssonderzüge aus allen Regionen nach Berlin bereit, zum Protest vor dem Brandenburger Tor. Diese Analyse beruht auch auf der Stamokaptheorie, der der Putin-Arschkriecher Gerhard Schröder mal anhing. Der Staat als Erfüllungsgehilfe des Kapitals.

Warten wir mal ab. Wenn im Winter die Arbeitslosenzahlen weiter überproportional steigen, das BIP sinkt, die Ausfuhren stagnieren etc. pp, Rezession und Krise halt, wird der Knüppel rausgeholt und drauf gehauen auf den Mob. Der wählt dann noch mehr AfD usw. usf. Eine Faschismus-Spirale.

Eine schöne Theorie, im Sinne von Kohärenz. Auch sowas kann Schönheit sein. Betrachtet man die Causa allerdings normativ, könnte einem das Kotzen kommen.

17.08.2023 – Krieg

Oleksij Makejew, Botschafter der Ukraine beim Sommerempfang der niedersächsischen CDU. Im Rahmen meiner sozioempirischen Feldforschung über divergierende Lebenswelten und habituelle Strukturen in der deutschen Parteienlandschaft war ich natürlich auch bei diesem Empfang. Etwas volksnäher formuliert: Es gab für lau lecker was zu Mampfen und alkoholische Getränke und ich konnte mit ein, zwei netten Leuten was abhängen und lästern. Außerdem ist es tatsächlich durchaus spannend und lehrreich, sich andere Lebenswelten anzugucken, immer nur in der eigenen Bubble zu blubbern, erweitert den Horizont nicht gerade. Und die Gastrede des ukrainischen Botschafters war ein Impuls. (Der Bubi neben ihm im Bild könnte der nächste niedersächsische MP sein, der derzeitige CDU-Chef Sebastian Lechner.) Der Botschafter sprach perfekt Deutsch, frei, humorvoll, ohne Forderungen zu stellen, stattdessen schilderte er seine Empfindungen im Krieg, was seine Familie in Kiew angeht. Das dürfte nicht nur bei mir Eindruck hinterlassen haben, ist was anderes als die Bilder im TV.

Grundsätzlich hat dieser Eindruck meine Sicht bestärkt: Frieden, so schnell wie möglich. Dass die offizielle Ukraine, so auch der Botschafter, das anders sieht, ist klar. Sieg, so schnell wie möglich und um (fast?) jeden Preis.

Wir wissen wenig über den Krieg, trotz der Bilder- und Informationsflut, die aber eher verschleiert als erhellt. Was wir wissen, in diesem Stellungskrieg sterben zehntausende, werden Hunderttausende verwundet, Millionen zu Flüchtlingen, traumatisiert. Ist das die nationale Integrität wert? Ist die Scholle des Vaterlandes soviel Blut und Verwüstung wert? Aus meiner Sicht nicht.

Der Stabschef von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat unlängst einen Vorschlag gemacht: Abtreten von Gebieten der Ukraine, im Gegenzug eine Nato-Mitgliedschaft und damit Schutzschirm für die Restukraine, als Grundlage für einen Waffenstillstand. Das hat der Mann natürlich nicht ohne Rückendeckung der Nato öffentlich gemacht.

Die Behauptung in hiesigen Medien und Politik, dass die Nato grundsätzlich keine Staaten aufnehme, die in Konflikten sich befinden, um da nicht mir hineingezogen zu werden, stimmt so nicht. Die BRD wurde 1955 Mitglied der Nato, obwohl sie den Verlust der Ostgebiete nach dem 2. Weltkrieg nicht anerkannt hatte und trotz der Existenz der DDR einen Alleinvertretungsanspruch für beide Staaten erhoben hatte, bis 1969. Eine ebenso irre wie unhaltbare Position, die einer unformulierten Kriegserklärung an die DDR und Polen nahe kam.

Natürlich ist die Nato nicht erst seit dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Serbien in den Jugoslawienkriegen keine Vereinigung von Friedensaposteln und Lichterkettenschwenkern und gehört wie alle Militärbündnisse auf den Misthaufen der Geschichte, aber das ist im Moment eine akademische Diskussion.

15.08.2023 – Drogen

Ernte 23.

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer . Dieser Titel einer Serie von Radierungen von Goya könnte über der Eintrittspforte zu unserem Zeitalter stehen. Ein eher kleines, aber nerviges Bürokratie-Ungeheuer, bei dem die zuständigen Referenten sich durch Schlaf und Unkenntnis der Materie auszeichneten, ist der ca. 90 Seiten starke Entwurf zum Gesetz zur Legalisierung von Cannabis, interministeriell von sechs Ministerien abgestimmt. Ich muss dem aufgeregten medialen Sommerloch-Geschnatter dazu nicht viel hinzufügen, die Argumente sind bekannt, auch dieses Projekt ist Teil des wachsenden Kulturkampfes in Deutschland.

Drogensucht ist Scheiße, übermäßiger Konsum von Drogen oder Alkohol ist in erster Linie Symptom, von Trauma, Überforderung, Leistungsdruck. Die besten Mittel gegen Drogensucht sind Mietpreisdeckel, hohe Mindestlöhne, großzügige Sozialleistungen, einfacher Zugang zu Psychotherapie, siehe hier

Die Menschen sterben nicht an Drogen, sie sterben auf der Straße an den sozialen Bedingungen. Drogenpolitik ist immer auch Teil des Klassenkampfes. Im War on Drugs, von Richard Nixon 1972 ausgerufen, lösten Drogen den Kommunismus als Hauptfeind des Westens ab. Aus dem Vietnamkrieg kamen zunehmend traumatisierte Drogenabhängige GIs zurück und importierten tödliches Heroin in Riesenmengen. Die Welle wuchs und schwappte nach Europa. Amerika drohte eine Generation von kriegsunfähigen und unwilligen Jugendlichen und Verelendung im Inneren. Da sich der War on Drugs nur auf die Sucht-Phänomene, nicht aber auf die sozialökonomischen Ursachen konzentrierte, nämlich die wachsende Verelendung auf Grund des Kapitalismus, scheiterte er notwendigerweise. Nach Heroin kamen Crack, Cristal, Fentanyl etc. Der Kapitalismus wurde immer tödlicher und mit ihm seine Drogen. Eine tödliche Kette ohne Ende, und jede Menge failed states, Staaten, die als Hülle existieren, aber hauptsächlich Drogenhandels-Stützpunkte sind, in denen kriminelle Organisationen schalten und walten.

Da bei „uns“ der Klassenkrieg nicht so ausgeprägt ist wie in den angelsächsischen Ländern, ist alles halb so schlimm. Noch. Hier geht’s nur um Kiffen und die Einsicht, dass alle Repression gescheitert ist. Ich bin auch nicht dafür, dass 14jährige sich mit Grass dauernd die Birne vollknallen, das vielfach stärker ist als zu meinen ersten Drogenerfahrungen, aber ich bin auch nicht dafür, dass Menschen auf der Straße erfrieren.

Die edelste aller Drogen aber ist und bleibt ein gutes Glas Wein.

8000 Jahre Weinkultur in Georgien, der Wiege des Anbaus. Bei mir in Kreuzberg umme Ecke, ein Laden ausschließlich mit georgischen Weinen, sowas funktioniert nur in Kreuzberg. Wir waren sofort zur Eröffnung da, ich habe hier einen Wein im Glas, der nach dem Kwewri-Verfahren hergestellt ist . Kwewris sind große zitronenförmige Tongefäße zur Weingewinnung, die in die Erde eingelassen sind und in denen der Traubensaft zusammen mit der Maische (Stile und Schalen) gegoren wird. Dadurch wird der sortenreine Geschmack besser erhalten. Ein völlig ungewöhnliches Getränk, eine ungewöhnliche Kultur. Nach dem zweiten Glas war der Besitzer des Ladens mein allerbester Freund, nach dem dritten wollte ich sofort Urlaub in Georgien machen und nach dem vierten wollte ich der georgischen Armee beitreten, um sie im Kampf gegen Russland zu unterstützen. Wie wir nach Hause kamen, weiß ich nur noch schemenhaft. Scheiß Drogen.

Das ist das Schöne an Kreuzberg: Man braucht nicht in die Welt zu reisen, die Welt kommt mit allen Sitten und Gebräuchen hierher. Dass allerdings das Servicepersonal hier in der Gastronomie zunehmend kein Wort Deutsch mehr spricht, höchstens noch Englisch, ist eine grobe Unsitte und zeugt von mangelndem kulturellem Respekt dem Gastland gegenüber. Der alte Augustinus hatte recht: Si fueris Romae, Romano vivito more. When in Rome, do as the Romans do.

13.08.2023 – Es war mal wieder der Teufel los

Reichsbürger am Brandenburger Tor. Es war mal wieder der Teufel los. Direkt daneben Alt-Kommunisten, die für Solidarität mit Russland warben. Ein paar Schritte neben denen die Falun Gong Sekte, in China heimisch und verfolgt, Motto: Der Kommunismus ist das bösärtigste Virus der Welt. Über allem schwebte intensiver Marihuana-Geruch von der Hanfparade, die am Brandenburger Tor vorbei zum Reichstag zog.

Um das Brandenburger Tor ist normalerweise ein Bogen zu machen, aber derartig skurriles, pralles Demo-Leben, das tiefe Einblicke in den Zustand der Gesellschaft freilegt, gibt es nur da. Ganz schräge Vögel, Reden wie aus Satirefilmen, Impressionen der dritten Art, oft zum Lachen, aber auch brandgefährliche Hinter- und Abgründe wie bei den Reichsbürgern , eine faschistische Fraktion, die die Existenz der Bundesrepublik leugnet und mitunter mit Waffengewalt gegen deren Organe vorgeht.

Am Ende eines solchen Tages weiss man mitunter nicht, ob man Lachen oder ?Weinen soll. Auf Grund der Auswirkungen der nebelartigen Dunstwolke von Marihuana, die über allem schwebte, entschied ich mich für Lachen.

11.08.2023 – Sie mussten sterben, damit Deutschland leben kann

Kriegerdenkmal am Spandauer Rathaus. Ich habe viele Kriegerdenkmäler fotografiert, wollte mal eine Serie daraus machen. Stoff gibt’s genug, allein in Deutschland gibt es über 100.000. Ich hab’s gelassen, der Anblick dieser grauenhaften Monumente zum Gedenken an Killer des Nazikrieges (oder wie im obigen Fall erster Weltkrieg) ist auf Dauer eher unerträglich. In Bronze gegossener oder Stein gemeisselter Faschismus. Meist stählerne, muskulöse, gepanzerte Männerkörper, uniformiert, mit Todesverachtung im auf einen fernen Feind gerichteten Blick, gerne mit Bajonett oder Handgranate in der Faust.

Ich habe noch nie so eins gesehen wie in Spandau, wo die latente, unterdrückte Homoerotik in der Soldatenkaste so offen ästhetisiert ist. Männerbünde, siehe auch Priesterkasten oder Fußballwelten, sind immer durch latente Homosexualität geprägt. Die nie offen sein darf und diese dauerhafte Unterdrückung produziert jene Gewalt, Frauenverachtung und Hass auf Minderheiten, die kennzeichnend sind für diese Männerbünde. Brutstätten von Faschismus.

Und diese Ästhetik prägt unseren Alltag und damit unsere Wahrnehmung und Einstellung mit, nach wie vor, hunderttausendfach. So wie bestimmte Sprachmuster. Sie mussten sterben, damit Deutschland leben kann. Genuines Nazisprech, siehe Höcke, und andere, immer mehr, immer offener.

Wie anders dagegen der Spandauer Soldat oben, nackt, lässig, fast von postcoitaler Entspanntheit gezeichnet, der Faltenwurf des Lakens über dem Schenkel ist nicht umsonst in der Gegend drapiert, prononcierte Brustwarzen, die Gesichtszüge weich, feminin, das phallische Schwert ermattet zur Linken. Im Zwielicht des wolkigen Tages betrachtet: ein Trans-Soldat. Was mich auch irritiert hat, ist dieser schlappe Adler daneben. Nix mit ausgebreiteten Schwingen, auf kriegerische Attacke gebürstet. Da könnte man ja auf ganz schräge Gedanken kommen, beim Anblick dieses Ensembles.

Auf alle Fälle ein schräges Denkmal, bei dem bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, es durch Graffiti umzugestalten. Kein Wunder, ist es doch das eines Trans-Soldaten…

08.08.2023 – Mäusebunker und Mikrobiologie

Mäusebunker, so genannte ehemalige Tierversuchsanstalt der Berliner Charité.

Ehemaliges Institut für Hygiene und Mikrobiologie, direkt gegenüber. Beides ikonische Beispiele des Brutalismus, der letzten heroischen Bauphase der Moderne mit Höhepunkt in den Siebzigern. Die heisst nicht so, weil sie so brutal wirkt, sondern weil hier vorwiegend mit Sichtbeton gearbeitet wird. Kommt aus dem Französischen. Wegen Le Corbusier, dem Hauptprotagonisten. War jahrelang schwer verpönt, als alle Welt anfing, Nippes auf dem Flohmarkt zu sammeln und in Altbauwohnungen mit Stuckdecken hauste. Der Brutalismus ist seit einiger Zeit bis in die Popkultur schwer angesagt, es gibt Bands, die so heißen. Herausragende Gebäude aus der Phase werden mittlerweile unter Denkmalschutz gestellt.

Diese Tatsache hat auch den Mäusebunker vor dem Abriss bewahrt. Während beim Hygieneinstitut nach Ende seiner Nutzung von Anfang klar war, dass es umgenutzt und unter Denkmalschutz gestellt wird, galt das für den Mäusebunker nicht. Zu finster sein Äußeres und seine Geschichte. Mittlerweile hat sich aber rumgesprochen, dass Umnutzung eine erhebliche bessere Energiebilanz als Abriss und Neubau hat. Im Mäusebunker sind 12.500 Tonnen Kohlendioxid gespeichert, eine gigantische Menge, der Lebensbilanz von tausenden Bäumen. Also geht die Tendenz zu Erhalt und Umnutzung. Das Gebäude soll sogar zum Teil geöffnet werden als Rückzugsareal für heimische Wildtiere, also eine faszinierende Symbiose von Natur und Moderne.

Noch fällt man auf, wenn man wie ich diese Gebäude exzessiv filmt und fotografiert, die Stein gewordenen Spuren einer Metropole sind für mich mit ihr Faszinosum. Ich kam darüber mit Eingeborenen ins Gespräch, die dazu Geschichten erzählen konnten. Aber falls es noch sowas wie gedruckte Stadtführer gibt, würde es mich nicht wundern, wenn demnächst Mäusebunker und Mikrobiologie als Geheimtipp da erwähnt werden. Filme werden da schon jede Menge gedreht, wie mir der total bekiffte Pförtner des Hygieneinstituts verriet.

07.08.2023 – Nicht witzig

SCHUPPEN 68-Aktion Heimat im Fahrradkorb, HAZ 19.08.2010. Der Gang in die Archive fördert auch Aktionen zutage, die missglückt sind. Gerade bei so einer Aktion, wo es vordergründig um einen Bundespräsidenten, Heimat und regionale Produkte geht, sollte, muss die Satire klar erkennbar. So wie die Aktion da beschrieben ist, steht das, was gesagt wird, auch für das, was gemeint ist, und genau das ist Satire nicht. Sie meint das, was nicht gesagt wird, respektive sagt es so, wie es nicht gemeint ist. Wenn ich der Einzige bin, der etwas als Satire meint und wahrnimmt, ist es keine.

So bleibt mir beim Lesen der fade Eindruck, mir ginge es damals vorrangig darum, mal wieder in der Presse zu stehen. Was per se nichts schlechtes ist, aber bitte immer mit Niveau. Da bin ich mal gespannt, was der Sommerloch-Gang in die Archive, welcher aus zwei Mausklicks besteht, noch zu Tage fördert. Wobei Sommerloch auch nicht mehr das ist, was es mal war. Die AfD hat leider auch da professionell agiert und ihren EU-Parteitag genau ins Sommerloch gelegt. Plan aufgegangen, die Medien sind voll drauf eingestiegen, haben die AfD zu Recht einhellig niedergemacht. Mit dem Trotzeffekt, dass die Wagenburg der Faschisten noch enger geschlossen wird und weitere Frustrierte da rein strömen, die Schnauze voll von den Krisen haben. Was ihnen nix nutzt, weil die Krisen ja nicht verschwinden vom Schnauze voll haben.

Dass die AfD für ihre EU-Feindlichkeit kritisiert wird in den Medien, ist ja schön und gut, aber nur eine frustrierte Pflichtübung, mit Null Effekt, eher gegenteiligem, siehe oben.

Man kann die EU nämlich durchaus kritisieren: Sie ist ein Bürokratiemonster und als Wertegemeinschaft ein Witz. Wie kann jemand, der von Werten spricht, kalten Herzens den Tod von Tausenden an den Außengrenzen in Kauf nehmen. Und: Über eine tatsächlich seit 1961 existierende EU-Sozialrechtscharta redet seit Jahren niemand mehr. Es geht ausschließlich um den freien Verkehr von Kapital, Waren, Dienstleistungen und den Transfer von billigen Arbeitsmarktsklaven aus Südosteuropa ins Herz der Bestie.

Dass alles und noch viel mehr könnte man kritisieren in den Medien. Stattdessen überlässt man aus den falschen Gründen den falschen Leuten ein richtiges Feld.

Ich bin auf die nächsten AfD Umfragewerte gespannt und mache mir in der Zwischenzeit ein paar Gedanken über konkrete Forderungen zur Bekämpfung der AfD. Beschreibung und Analyse ist ja schön und gut, aber irgendwann muss dann der nächste Schritt erfolgen. Action speaks louder than words.

04.08.2023 – Ich hätte mich selbst sofort gefeuert.

Südwestpresse, 08.10.2010, Die Kunsthausierer Gleitze & Sievers aus dem SCHUPPEN 68 machen in Villingen auf prekäre Beschäftigung und Leiharbeit aufmerksam. Mittlerweile hatte sich das ingeniöse Wirken des SCHUPPEN 68 bis kurz vor Afrika rumgesprochen. Villingen im Schwarzwald ist zumindest für mich, der ich mit Süddeutschland wenig am Hut habe, kurz vor Afrika. Mit unkonventionellen Mitteln Menschen erreichen: Der Chef der dortigen IG Metall hatte seine und unsere Absichten auf den Punkt gebracht. Die Zeitungen berichteten ausführlich und wohlwollend.

Zeitungen, Medien sind immer zentrales Ziel und Bestandteil aller Aktionen. Was nicht in Medien stattfindet, hat überhaupt nicht stattgefunden. Ich habe selber verantwortlich diverse Zeitungen, Broschüren etc. herausgegeben, durchaus in nennenswerter Auflage von mehreren 10.000. Wäre mir in meiner Funktion als Herausgeber ein derartiger Klops wie im gestrigen Blog unterlaufen, hätte ich mich sofort selbst gefeuert. Sowas darf unter keinen Umständen passieren, selbst in einem Blog nicht. Die von mir unter der Überschrift „Nonne trifft Stripperin“ in ein vormaliges SCHUPPEN 68-Kollektiv eingemeindete Nonne Sr. Lioba ist keinesfalls die Lioba, die ich meinte, obwohl die Ähnlichkeit frappant ist und der Name eigentlich singulär. Eigentlich, denn es gibt mehrere Liobas. „Unsere“ ex-SCHUPPEN 68 Lioba ist diese hier im Beitrag der Deutschen Welle „Im Kloster fehlt der Nachwuchs ….“

Sie ist Cellerarin, Finanzchefin, im Kloster Mariendonk und sorgt mittels Börsenspekulation für laufende Einnahmen der selbstständig wirtschaftenden Klostergemeinschaft. 

Auf diesen Fehler hat mich dankenswerterweise der SCHUPPEN 68-Generalbevöllmächtigte für Hamburg und angrenzende Nord-Gaue, Peter Popstar, aufmerksam gemacht, dem an dieser Stelle mit der Verabreichung eines Freibiers, ohne Erbsensuppe, bei meinem nächsten HH-Besuch gedankt sei.

Bei Licht, Rotlicht, betrachtet, finde ich die Geschichte mit der Cellerarin noch faszinierender als die mit der Stripperin. Lioba hat aus der, auf der Basis exakter nationalökonomischer Kenntnisse fundierenden, antikapitalistischen, neomarxistischen Ausrichtung des SCHUPPEN 68 gelernt und schlägt nun den Teufel des Kapitals mit eigenen Waffen. Ave Lioba, well done. (Für Interessierte zur Vertiefung: Bei der nationalökonomischen Ausrichtung des SCHUPPEN 68 handelt es sich um heterodoxe Ökonomiemodelle).

Interessant, dass wir es in dieser Causa mit den zwei Sphären zu tun haben, die die Welt beherrschen: Gier und Geilheit, Geld und Eros, Macht und Herrschaft. Mit der Börse kenne ich mich einigermaßen aus und die Anlagestrategie von Sr. Lioba (Im Beitrag ab Minute 2) auf der Basis von ETFs ist solide. Ein DAX-ETF hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt, 10 Prozent Wertzuwachs per anno ist schon mal ne Hausnummer.

Bei Striplokalen ist meine Kenntnis rudimentär. Ich war einmal in einem derartigen Etablissement. Darüber ein andermal mehr. Ich muss erst noch den Klops, siehe oben, noch verdauen.