
Gruppenbild mit Damen. Reiseführer mit Frauengruppe. Es war gen Mittag, wie an den Schatten unschwer erkennbar, als ich von den Westküsten-Bergen Korfus hinab dem Strand entgegenschritt und auf diese Gruppe stieß. Das Zahlenverhältnis Frauen-Mann von 12:1 weckte in mir stante pede den Wunsch: Mein nächster Job ist Reiseführer.
Mittelmäßig unauffällig robbte ich mich an die Gruppe heran, heuchelte Panorameninteresse und sondierte das Setting. Der Reiseführer war breitschultrig, muskulös, von angenehmem Äußeren mit wohlklingender Stimme und wusste Interessantes zu berichten, wie unter anderem vor 50 Jahren die ersten Hippies Korfu entdeckten und damit als Trüffelschweine (das ist meine Formulierung! Soo brillant war der Man auch wieder nicht) dem Individualtourismus an der Westcoast den Boden bereiteten. Und wie vor Jahren noch Lastwagenweise Sand von den Stränden für den Hochbau geklaut wurde und die damit immer mehr schrumpften. Ein weltweites Phänomen. Die Bandenkriege zwischen Baumafia und Tourismusmafia würden mich echt mal interessieren.
Wie auch immer: Die Mädels himmelten ihn an. Selbst für mich fiel noch der eine oder andere Seitenblick ab. Kein Wunder, bei dem Zahlenverhältnis. Beim weiteren Abstieg fiel mir ein: Reiseführer bin ich doch auch schon gewesen. Es gibt eigentlich wenig, womit ich nicht schon mal Taler verdient hätte. Reiseführer bei einem Bildungsträger für EU-Programme, in dem Fall zu unserem dualen Bildungssystem. Also Ausbildung an zwei Orten, Berufsschule und Betrieb. Ein Referenzmodell für Europa, dem wir nicht zuletzt unseren immer noch überlegenen Facharbeiter*innen-Ausbildungsstandard verdanken. Ich hacke ja gerne und lange auf unserer Gesellschaft rum, aber das hat schon seinen Grund, warum der Rest Europas sich früher am dualen System orientiert hat. Das gab’s woanders kaum. Wie das heute ist, weiß ich nicht, ist mir auch wumpe.
Ich weiß nur noch, dass der Job die Hölle war. Spätestens am dritten Tag des Programms, wenn die Gruppe ihre Identität hatte, führten sich selbst Vollakademiker in Führungspositionen ihres Landes auf wie eine Sextanergruppe. Außerdem waren bei ca. 20 Leuten immer zwei, drei Alkis dabei, die mittags schon einen in der Kiste hatten und chronisch zu spät kamen, wofür ich sie am liebsten hätte Strafexerzieren lassen, weil irgendwo steht immer ein wartender Buss mit laufendem Motor. Ohne Mikro komme selbst ich mit relativ lauter Stimme in der Öffentlichkeit bei einer Gruppe ab 20 Personen an Grenzen, was enorm anstrengend ist.
Der Horror waren gesellige Beisammensein am Abend. Bei so einer Gruppe kommt immer irgendein Vollhonk auf die Idee der Völkerverbindenden Musik. Jede*r ein Lied aus dem Heimatland! Was für ein aphones Gejaule. Und jedes Vorurteil wurde bestätigt: Ich kriege heute noch Depressionen, wenn ich die schwermütigen Finnen visualisiere, mit ihrem trostlosen Singsang. Die Iren wollten nie aufhören mit Singen. Einziger Lichtblick war der Franzose, der nach kurzer Zeit immer so brettlbreit war, dass er noch nicht mal mehr singen konnte. Mir fiel nur „Hänschen klein“ ein und „Avanti Popolo“.
Die Hölle auf Erden war ein Luftkurort dagegen.
Ich hielt im Wandern inne, warf einen Blick auf unseren korfiotischen Reiseführer und dachte mitleidsvoll: Du arme Sau.
30.09.2021 – Alte Knaben.

Der Chor muss ein fideler Haufen sein, heißt es doch bei Wilhelm Busch:
Rotwein ist für alte Knaben
eine von den besten Gaben.
Für solche Überschriften liebe ich meine Hannoversche Allgemeine. Unfreiwillige Komik ist noch das Beste, was diese Fisch-Einwickelfolie für die gehobeneren Stände produziert. Ansonsten ist der Blick in die Zeitung eher ermüdend. Nachdem die wochenlang aufgebaute Spannung des Wahlkampfes am Wahlabend um 18 Uhr mit den Balken der Prognose in sich zusammenfiel wie ein angepiekster Luftballon oder eine ejaculatio praecox, bleibt das müßige Spekulieren um mögliche bürgerliche Koalitionen. Als ob sich Notwendiges ändern würde. Alles rotiert wild im Vakuum, damit alles bleibt, wie es war.
Die FDP tut ja selbst bei Einführung Tempo 130 schon so, als ob wir wieder Postkutschen als Regelangebot im ÖPNV einführen würden. Bevor es eine substantielle Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze gibt, friert eher die Hölle ein oder die SPD ruft wieder Sozialismus als Staatsziel aus. In diesem Winter werden noch mehr vor allem ältere Menschen in ihren Wohnungen an Kälte sterben, weil sie sich die explodierenden Energiekosten nicht leisten können. Das Geld für Essen geht dann schon am 20. jeden Monats aus statt wie früher am 25., weil die Mieten zumindest in den Ballungsräumen weiter „explodieren“ und die Miete am Essen eingespart werden muss. Auf dem Totenschein dann steht wie üblich „Herzversagen“ statt „Armut“. Vermögenssteuer wird es auf keinen Fall geben, höchstens wird an der Erbschaftssteuer symbolisch gedreht. Die Handreichung für deren Umgehung liegt bereits jetzt im Büro Ihres Steuerberaters aus.
Wo bleibt das Positive?
Es gibt keine Volksparteien mehr. Das ist deshalb positiv, weil es von „Volk“ zu „völkisch“ immer nur ein kleiner Schritt ist. Einer der gruseligsten Sätze in der von mir ansonsten als letzte Brandmauer gegen die Barbarei hochgeschätzten Justiz ist: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil …“ Völlig zu Recht hieß es noch nach dem 2. Weltkrieg kurze Zeit: „Im Namen des Rechts ergeht folgendes Urteil … “.
Im Grundgesetz § 20 heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ In der ursprünglichen Version hieß es:
„Alle Staatsgewalt geht dem Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung geübt, aber nie praktiziert.“
Was es leider statt Volksparteien gibt, sind jede Menge Milieuparteien, wie die linksliberal-urban und Europaorientierte „Volt“. Wenn man daran kratzt, kommt nur der alte Effizienzbasierte Neoliberale zum Vorschein.
Nicht kratzen braucht man an den mit durchgeknallten esoterischen Matschbirnen vollgestopften Querspinnern von „Die Basis“. Da sieht man auf den ersten Blick den alten braunen Antisemiten und Nazi.
Wenn ich es mir rechts überlege, möchte ich doch lieber meine alten Volksparteien wieder.
24.09.2021 – Vorher ist nachher ist vorher

In der Nacht vor meinem Abflug nach Korfu hatte ein regional teilbekannter Satiriker die Wahlplakate im Kiez mit Roten Socken verschönert, um die hanebüchene Kommunisten Kampagne der CDU aus dem vorigen Jahrtausend zu kommentieren.
Ob’s was nutzt? On verra.

Ich für meinen Teil wandere auf stillen Pfaden durch corfiotische, vom Zerfall gezeichnete Bergdörfer der Westküste und freue mich immer über jenen magischen Moment, an dem ich völlig verschwitzt und fertig um eine Ecke biege und den Ort der Erlösung von allen Strapazen erblicke, fern am Horizont, aber doch real: das Meer.
23.09.2021 – Schöne Aussichten

Irgendwo in Korfu. Keine Ahnung, was das ist. Eine Benzinabfüllstation aus den Fünfzigern? Zweimal in der Woche kam da ein Töfftöff vorbeigeöttelt:“Volltanken, 10 Liter.“? Jedenfalls wird das Ensemble vermutlich noch in 200 Jahren da vor sich hinrosten. Der Grieche, das ist nicht neu, pfeffert gerne alles, was er nicht mehr braucht, fröhlich in die Landschaft: Autos, Kühlschranke, Matratzen, Plastikflaschen… Und da spätestens seit Schäubles Austeritätspolitik kaum noch öffentliche Infrastruktur existiert, bleibt das Zeug da liegen bis zum St. Nimmerleinstag. Und sieht selten so kunstvoll bizarr aus wie das Ding da oben, sondern einfach nur beschissen.
Der Klagen darüber gehen dreizehn auf ein Dutzend, sie sind so neu wie die Zeitung von vorgestern und sie sind wohlfeil, hat der gemeine Grieche doch andere Sorgen als der Wohlstandsverwahrloste deutsche Ökospiesser, der dem Taliban gleich gegen jeden Plastikbeutel wütet, der seinen vom Idyllewahn geprägten Blick in die Landschaft ruiniert. Da wird der Klimaneurotiker zum Inquisitionskatholiken. Jedem Klappskopf seine Religion, heutzutage meist ohne Gott, aber für Vaterland, Klima, gegen Impfen, für Tiere, gegen Ausländer, zutreffendes einfach ankreuzen und Sie haben einen ideellen Gesamtdoitschen.
Und für solche Blogeinträge bin ich nun tausende Kilometer geflogen. Bei aller berechtigten Kritik an meinen bekloppten Landsleute, irgendwie hab ich ja auch einen an der Waffel.
Und Scheisse sieht der Müll in der Landschaft tatsächlich aus. Mensch Grieche, lass das doch mal sein. Echt ey.
17.09.2021 – On the road again

Heuer ist es deutlich voller auf Korfu als während der Hitze des Juli. Vermutlich weil der Engländer wieder reisen darf. Nachdem ich in der nur durch halsbrecherisches Kraxeln zu erreichenden kleinen Doppelbucht am Morgen ein paar beschauliche Momente genossen hatte, füllte gen Mittag ein steter Strom junger Leute den Strand. Ausgerechnet junge Leute. Wenn es etwas gibt, was ich noch weniger leiden kann als alte Leute, sind es junge. Von solchen im Mittelalter ganz zu schweigen.
Fluchend verließ ich den Ort. Und kam bei der ersten Wanderung vom Regen in die Traufe. Ich wandere lieber auf kleinen Straßen und Wirtschaftswegen als in der Natur. Da stehen meist nur Bäume rum, man sieht nichts und ich bin ja nicht Rübezahl.
War vor zwei Monaten noch allenthalben Ruhe auf den schmalen Wegen, nervten jetzt diverse Autos und meine größten Hass Objekte, diese vierrädrigen Motorräder, die selbst an Stränden und in Naturschutz Gebieten rumbrettern, natürlich mit jungen Leuten. Ich kriegte einen Tobsuchtsanfall, brüllte in den übelsten Schimpfworten , verschluckte mich, lief rot an und setzte mich erstmal am Wegesrand, um runterzukommen.
Unter infernalischem Klappern bog ein uralt R4 um die Ecke, zusammengehalten nur vom Staub der Jahrzehnte. Er hielt an. Es war der Althippie.
Ob ich einen Lift wollte. Ich dankte, nein, ich wollte lieber wandern. Er, besorgt, ich hätte so einen roten Kopf…Nein, meinte ich, alles ok. Und dass ich den Spirit des Wandern lieben würde. Er:“ That’s cool, man.“ Ich:“You are a good man.“ Wir machten beide das Peace Zeichen, er rumpelte davon, ich dachte an Jack Kerouacs „On the road“, meine Zeit on the road, für einen Moment erfüllte der Spirit die Insel und mich und alles war gut. Hört sich vielleicht kitschig an. Aber solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken. Die passieren nur on the road.
13.09.2021 – Die Messe ist noch nicht gelesen

Letzte Woche Straßen-Wahlkampf für die Linke bei der Kommunalwahl in Niedersachsen. Irgendwas muss man ja machen, auch wenn man nicht Mitglied einer Partei ist. Hat nix genutzt. Niedersachsenweit fiel die Partei von schlechten 3,3 Prozent auf miserable 2,8 Prozent.
Es ist schon faszinierend: Für ca. 40 Prozent der Bevölkerung ist das Leben ein täglicher Kampf, arm, erwerbslos, beschäftigt im Niedriglohnsektor, nach Zahlung der Miete unterhalb des Existenzminiums, keine Rücklagen, Schulden … die Zone des Prekariats beinhaltet viele Facetten.
In der Mitte der Gesellschaft, bei jenen ca. 40 Prozent, denen es noch commod geht, wächst die Angst vor dem sozialen Absturz.
Und was passiert mit der einzigen Partei, die das Thema Gerechtigkeit einigermaßen glaubwürdig wie eine Monstranz vor sich herträgt? Sie ist vom Verschwinden in der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit bedroht.
Was bringt Menschen dazu, derart massiv gegen ihre existenziellen Interessen zu denken, fühlen und handeln? Hoffnung auf die Wiedergenesung einer SPD als soziale Instanz? Darauf, dass es schon nicht so schlimm kommt, wenn es denn schon nicht besser wird? Auf einen Lottogewinn?
Wahrscheinlicher ist, dass die Maschinerie des Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten gnadenlos effektiv, wie der Kapitalismus nun mal ist, gewütet hat. Die ewigen neoliberalen Mantren, die von der Bewusstseinsindustrie unablässig in die Herzen und Hirne der Verdammten dieser Erde geprügelt wurden, wirken nachhaltiger als jedes „Om mani padme hum“:
Die Verantwortung für Dein Marktversagen liegt nur bei Dir. Bei uns kann es jede schaffen, wer es nicht schafft zu Reichtum, Eigenheim und zwei Autos, hat individuell versagt. Ihr, die hier eintretet in die Hölle des Kapitalismus, lasst jede Hoffnung auf Verbesserung oder gar Utopie fahren. Der Staat ist schlecht, der Markt ist alles. Wenn die Wirtschaft brummt, wird es mir auch eines Tages besser gehen.
Es ist unglaublich, wie sehr die Trickle-Down-Theorie bis in den letzten Winkel von sozialen Brennpunkten Verbreitung findet: dass der Wohlstand der Reichsten einer Gesellschaft durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert und zu Wirtschaftswachstum führt.
Jede Statistik belegt seit 30 Jahren, dass das Humbug ist. Trotzdem wird’s geglaubt, wie die Himmelfahrt Christi.
Fazit für die bevorstehende Bundestagswahl: die Messe ist noch nicht gelesen. Soo toll haben hier die Sozis nicht abgeschnitten und die CDU ist keineswegs untergangen, wie man den Umfragen entnehmen könnte. Die Grünen können sich in jedes gemachte Bett legen und für eins wette ich 5:1, Ihr Verdammte dieser Erde: Wenn es zu Jamaica kommt, dann wird es schlimmer.
Abteilung Mantra Nr. 2: Schuldenmachen ist böse. Die Schwäbische Hausfrau. Wir müssen den Wildwuchs in den Sozialausgaben bändigen. Der Staat muss schlanker werden. Wer gefördert wird, muss auch gefordert werden.
Viel Spaß noch in der Vorweihnachtszeit, liebe Leserinnen. Der Weihnachtsmann, garantiert ungegendert, wird’s schon richten.
11.09.2021 – Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit.

Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit. Schwestern gehen einen saufen. Auch wenn ich sie nicht übermäßig schätze, sind Sonnenblumen doch in der Morgensonne ein schöner Lichtverstärker, mit einer strahlenden Aura.
Welche Gesichter strahlen morgen, nach der niedersächsischen Kommunalwahl? SPD vermutlich, da kriegt manche totgeglaubte Karriere ungeahnten Rückenwind und der Mitgliederschwund dürfte auch erstmal gestoppt werden. Jede*r ist schließlich gerne bei den Siegern und eine SPD-Mitgliedschaft kann vielleicht doch noch förderlich sein beim beruflichen Vorwärtskommen, auf der Behördenleiter, in Gewerkschaften, Verbänden etc.
Wahrscheinlich strahlen auch die Gesichter bei unabhängigen Wählergemeinschaften und FDP, aber das war’s dann vermutlich auch. Die Partei-Kommentare für die Presse sind jetzt schon geschrieben, zwischen „Diese Wahl war ganz klar ein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahlen kann man nicht losgelöst vom bundespolitischen Geschehen betrachten.“ bis „Diese Wahl war natürlich kein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahl haben ihre eigenen Gesetze.“ Wenn etwas eigene Gesetze hat, sind es eigene Gesetze.
Eines der wenigen Wahlplakate von „Die Partei“, was mir heuer gefallen hat, war eins mit der Aufschrift: „Schluss mit Polemik und Floskeln: Packen wir’s an!“
Wer’s noch nicht gemacht hat und immer nicht weiß, was eigentlich ihre Interessen sind, hier der Link zum Wahlomat. Überraschend für mich, dass ich zu mehr Fragen als früher keine Meinung hatte und dass Sekten wie die DKP und die MLPD deutlich vor der SPD und den Grünen bei mir rangierten in der Übereinstimmung. Überraschungsfrei vorne mit über 90 Prozent Die Linke. Steckt in mir doch mehr Lenin als gedacht?
Sind so viele Fragen. Sonniges Wochenende und wählen Sie das Richtige, liebe Leserinnen, folgen Sie Ihrem Interesse.
09.09.2021 – Dachschaden

Flugi. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass man bei Impfverweigerung sich nicht nur irgendwann sicher die Seuche einfangen wird, sondern auch erhebliche Dachschäden davonträgt: Hier liegt er vor. Der Typ, der dieses Flugi auf der Unteilbar-Demo in Berlin verteilte, hatte schon auf der Erscheinungsebene was schwer Gestörtes, Tendenz zur Verwahrlosung, er wirkte getrieben, ja gehetzt, ein ins aggressive lappender, zorniger Gesichtsausdruck. Ein Fremdkörper unter den sonst eher sanft anmutenden Demoteilnehmenden (die schwarzgekleidete linksradikale Fraktion hönkelte zur gleichen Zeit im notorischen Kreuzberg/Fuckhain-Bezirk rum).
Beim Anblick des offensichtlich grenzwertig Gestörten wunderte ich mich, dass unter dem Druck der Seuche nicht viel mehr öffentliche, psychisch bedingte Gewalt passiert. Ich habe zwar schon länger den Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft zunehmend in diverse Fraktionen von durchgeknallten Zombies, verrohten Quartalsirren und andersbegabten Bekloppten zerlegt, aber zur Zeit scheint sich das wachsende Aggressionspotential noch überwiegend nach innen zu richten.
Wann schlägt der innere Wahn in äußere Aggression um? Welcher Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen, nachdem es jahrelang stetig volllief, mit Kränkung, Resignation, Einsamkeit, Wut? Wann schlägt politisches Querulantentum, wahnhaftes Sendungsbewusstsein in gefährliches pathologisches Verhalten um?
Am nächsten Tag wandelte ich fürbass auf einem Kunstmarkt in einer der feineren Gegenden Berlins. Zur gleichen Zeit verletzte ein paar Strassen weiter ein offensichtlich traumatisierter Afghane zwei Menschen mit einem Messer schwer, ihn störte, dass eine Frau öffentlich arbeitete. Da schließen sich eine Menge Fragen an, die nicht so einfach zu beantworten sind.
Es soll auch heute wieder heiter enden. Auf dem Kunstmarkt war auch ein Stand mit griechischen Ölen, deshalb verweilte ich kurz zum Betrachten. Und wurde animiert: „Probieren Sie doch mal.“ Nachdem ich schon dreimal vorher animiert wurde für irgendein Gedöns, lief das Fass bei mir über. Ich hasse sowas.
Ergo:
„Danke, aber ich mache gerade eine Nulldiät.“ – „Ach, wie sieht die denn aus?“ – „Ich esse nichts. Seit Jahren schon.“ – „Was?! Und das geht? Wie machen Sie denn das?“ – „Fotosynthese. Ich wandele Licht in Energie um“ – „Faszinierend. Dann trinken Sie also nur.“ – „Nein. Ich trinke auch nichts.“ – „Das geht doch gar nicht“ – „Doch. Osmose. Ich diffundiere das Wasser aus der Luft durch meine Haut, zurück bleiben nur die Schadstoffe. Dadurch hab ich mich auch so gut gehalten.“ – „Wie alt sind Sie denn?“ – „84.“
Ein paar Leute standen jetzt am Stand und hörten zu. Ich vernahm Geflüster: „84 …murmel…murmel.“ Aber keine sagte was in der Richtung: Das ist doch ein Witz. Oder: Dummes Zeug, was Sie da von sich geben.
Ich flanierte zum nächsten Stand und bedauerte zu einem wiederholten Mal, keine Sekte gegründet zu haben. Oder wenigstens Unternehmensberater geworden zu sein.
Kann ja noch werden.
09.09.2021 – Demonstrationen sind immer auch Simulation einer anderen Realität

Normalerweise von Tausenden Autos am Tag befahren. Leipziger Straße, Berlin, Unteilbar Demo vom 04.09.2021. Demonstrationen sind immer auch Simulation einer anderen Realität. Sei es dystopisch wie beim Sturm auf den Reichstag im August 2020, wo hunderte Nazis im Rahmen einer Querspinner-Demo auf den Treppen des Gebäudes vorab schon mal Probe-Fotos zu einem faschistischen Umsturzversuch lieferten. Oder utopisch wie oben, eine bunte, friedliche, entschleunigte Metropolen-Welt, von Autos befreit, in der Hochhäuser als Memento mori einer vergangenen Epoche dienen.
Nichts gegen Hochhäuser in der aktuellen Situation. Um der Wohnungsnot in Ballungsräumen zu begegnen, werden Hochhäuser eine andere Wertschätzung erlangen müssen als sie derzeit besitzen. Wir können ja durch Baumaßnahmen die Fläche nicht grenzenlos verdichten ergo vernichten. Jedem sein Einfamilienhäuschen mit Carport und Steingarten? Eine Schreckensvision. Und wir können auch nicht jedem eine kuschelige 100 qm Kiez-Altbau-Wohnung mit Stuckdecken garantieren (Ist sowas überhaupt noch en vogue? Zieht es die Hipsterin nicht eher ins Tiny House, die alternative Spießervariante des Einfamilienalptraums?)
Hochhäuser sind ja auch Reibungsflächen zum kollektiven Nachdenken über eine bessere Zukunft. Wie hier am Alexanderplatz mit dieser riesigen Dachinstallation

Allesandersplatz.
Wird nach der Wahl alles anders? Die zentrale Frage wird kurzfristig sein und ihre Beantwortung für die breite Masse eher unerfreulich ausfallen: Wer zahlt für die Krise? Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte tippe ich mal auf die Kälber. Sie wissen schon (Achtung, Politkalauer!):
Nur die dümmsten Kälber
Wählen ihre Metzger selber.
Wir erinnern uns: Den größten Sozialraub der Nachkriegsgeschichte der BRD vollzog die rotgrüne Parvenü-Proleten Koalition (Parvenü Schröder, Prolet Fischer). Das Kapital hatte die Krise ausgerufen, Koch Schröder und Kellner Fischer wurden als Ausputzer engagiert und lieferten über alle Erwartungen: Die Riester-Rente legte die Axt an ein funktionierendes Rentensystem zu Gunsten der Versicherungswirtschaft, die Arbeitsmarktreform Agenda 2010 (federführend: cum-ex und Wirecard-Olaf Scholz) schuf den größten Niedriglohnsektor Europas mit extremer Ausweitung der prekären Zone und als Dreingabe kriegten Konzerne von Allianz bis Siemens mit der Befreiung von der Kapitalertragssteuer zig Milliarden geschenkt. Nur ein paar Beispiele.
Nun haben wir wieder Krise. Wenn die Linke nicht ins Parlament kommt, und das ist angesichts der Fehlerquoten der Kaffeesatzleserinnen von der Demoskopie nicht auszuschließen, kann es für Rotgrün reichen.
Geschichte ereignet sich nach Marx zweimal: Einmal als Tragödie, einmal als Farce.
Es bleibt zu hoffen, dass die Parvenü-Proleten Koalition von 1998 schon die Tragödie war.
Alles Kaffeesatz. Eins ist sicher: Heute wird es nochmal Sommer, der Wahlabend wird spannend und die Zeit danach eine für den Kampf.
Noch nicht mal bis Eins zählen kann er, der Chronist…
08.09.2021 – Über Spatzen, Pferdeäpfel und Demonstrationen

Am Rande der Unteilbar-Demo vom 04.09.21.
Spatzen, Ältere und Landbevölkerung kennen das Bild, picken gerne unverdaute Haferkörner aus Pferdeäpfeln. Ähnliches Verhalten ist auch auf jeder größeren Demo zu beobachten, wo jede Menge Spinner*innen die Gelegenheit nutzen, am Rande der Demo oder mitten drin, ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Sonst hört ihnen ja keine zu. Sie nähren sich am größeren Organismus. Das verleiht dem Geschehen eine durchaus unterhaltsame Note.
Jede Demo ist eine Inszenierung, ein Gesamtkunstwerk. Die Parallelen zum bürgerlichen Kunstwerk sind offensichtlich: Jede Demo ist ein Unikat, einmalig und in der Form nie wiederholbar. Es bedarf zu ihrer Inszenierung Kreativität, im Gegenzug setzt sie diese aber auch frei. Die besten Ideen und Impulse kriege ich auf Demos.
Im Akt der Konsumtion einer Demonstration und eines bürgerlichen Kunstwerkes wechseln sich Momente der Kontemplation und der Anspannung ab, Genuss und Einsicht, Erkenntnis und Entspannung, das sind Pole, die Beiden gleich sind. Beide sind Errungenschaften der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre zivilisatorische Bedeutung ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Beide haben maßgeblich zu dem beigetragen, was zwingende Voraussetzung für unsere heutige Existenz als konsumfreudige Citoyens ist (wenn wir es uns denn leisten können): Bürgerliche Öffentlichkeit als Möglichkeit von Erfahrung und Entfaltung. Früher blieben Kunstwerke dem Feudalherren vorbehalten und Demonstrationen gab es nicht, sie fanden, wenn überhaupt, im Riot, im Aufstand des Plebs, statt, oder als revolutionärer Akt wie Bauernaufstände.
Beiden, Demonstration und bürgerliches Kunstwerk, ist also das gemein, was Walter Benjamin als Aura beschrieben hat: Ein flirrendes, transzendentes Wesen der Einmaligkeit, nicht reproduzierbar, das die Betrachtenden und Teilnehmenden in ihren Bann schlägt (auf die Vergleiche sind sicher schon andere gekommen, aber das recherchiere ich jetzt nicht, werd ja nicht bezahlt für das hier). Ein Rest Magie in Zeiten rasend rotierender Moderne.
Ich merke das, wenn ich mich dem Ort einer Demonstration nähere. Die Atmosphäre wird spürbar anders, bunter, je näher man kommt, lebendiger, lauter, mitunter macht sich eine gewisse Erregung bemerkbar. Wer eher Demo-inaffin ist, möge sich an das Geschehen vor und bei Konzerten erinnern, siehe auch Theater, Urlaubsorte …

Demo umme Ecke. Die Botschaft dieses Individuums auf dem Zettel rechts unten war so wirr, dass selbst ich als Experte für Allerschrägstes und Verpeiltes keinen Sinn erkennen konnte.
War die Demo ein Erfolg? Ich weiß es nicht, es ist mir auch ziemlich egal. Es war bunt, lebendig, lehrreich, erfahrungsgesättigt, anstrengend, eher Teil der Lösung als des Problems und am Ende der Demo in der Briefmarken-Weinbar an der Karl-Marx-Allee habe ich einen excellenten Weißen verklappt. Das Leben, die Politik und die Kunst finden nicht im Saale statt, sondern im Leben.
So weit das Motto der heutigen Predigt, liebe Gemeinde