02.09.2021 – Auftakt meiner Rote-Socken Kampagne.


Auftakt meiner Rote-Socken Kampagne. Der Lange Marsch fängt mit dem ersten Schritt an. Von Mao, aber solche Sätze machen sich auch gut zu Beginn von Seminaren etc. auf einem Board (Sagen Sie bloß nicht: Tafel. Da sind Sie gleich unten durch als Old School).
Unlängst musterte mich eine Frau bei einem meiner raren Ausritte in die City ein, zwei Momente, sprach mich dann an: „Gibt es eigentlich den SCHUPPEN 68 noch?“
Gute Frage. Ich wandte eines der ältesten Rhetorik-Stilmittel der Geschichte an (steht schon im Talmud): Um Zeit zu gewinnen, auf Frage mit Gegenfrage reagieren. Stufe zwei: In Verbindung mit Allgemeinplätzen, die vom Gegenüber positiv zurückgespiegelt werden können. In der Zwischenzeit überlegen: Was sach ich jetzt bloß?
Ich also: „Oh, wie schön. Wann und wo haben Sie denn zum letzten Mal von uns gehört? Und was soll ich sagen: Wir werden ja alle nicht jünger …“
Die Dame erzählte regelrecht begeistert von diversen Kunst-Veranstaltungen und Performances, auf denen sie bei unseren beliebten Quizfragen (Ich lege Wert auf Volksbildung) was gewonnen hatte und stimmte mir lebhaft zu, was das „jünger werden“ anging.
Ich war gerührt, solche Begegnungen kommen vor, aber nicht jeden Tag, und um den Langzeit-Fan nicht zu enttäuschen, stellte ich etwas in den Raum. An dem ich jetzt knabbere. Ich führte aus, dass die Medien nicht mehr so häufig berichten über SCHUPPEN 68-Aktivitäten, was stimmt, wir nicht mehr so aktiv sind, stimmt auch. Aber was in der Pipeline hätten (stimmt bedingt): Eine Aktion zur Wahl. In der City. Näheres aus den Medien.
Oje.
Was tun? Sowas wie zur letzten Kommunalwahl, Anti-AfD Aktion? Freibier zieht immer. Hm. Für sowas braucht’s Leute, Sitzungen, feuchtfröhlich. Wir werden aber, siehe oben, alle nicht jünger.
Mir fielen meine roten Socken ein. Zur Grundausstattung des Dandys als Klassenkämpfer gehören rote Socken. (Die hab ich das letzte Mal dienstlich getragen, bei einer Diskussion mit einer FDP-Gliederung. Mitunter schnitz ich mir meine Witze selber). Passt ja in die aktuelle Diskussion. Es vergeht kein Tag, an dem die Bürgerpresse nicht angstgetrieben ihre Klientel darauf hinweist, dass der Olaf-Scholzomat keinesfalls mit den Linken geht, sondern mit dieser abstrakten Option nur die FDP in eine Jamaica-Koalition erpressen will.
Glaubt die Bürgerpresse in ihrer Panik im Ernst, dass R2G sich am Grundgesetz orientieren, die § 14 und 15 heranziehen und zulässige Enteignungen durchführen würde? Die machen vielleicht Cannabis legal, führen Gendergedöns ein und stellen 160.000 Gleichstellungsbeauftragte ein, das war’s dann aber auch.
Ich komme an der Stelle nicht weiter.
Hier sitz ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

Quizfrage: Woran orientiert sich dieser Vers? Für die ersten 10 richtigen Antworten gibt es ein Paar rote Socken.

01.09.2021 – #unteilbar – Für eine solidarische und gerechte Gesellschaft


Plan Demo-Aufstellung 04.09.2021.
Zitat Aufruf: „Wir alle sind jetzt gefordert, klar und #unteilbar zu zeigen, dass wir eine andere Gesellschaft wollen. Die Krisen unserer Zeit verlangen dringend unser gemeinsames Einstehen für Solidarität: Für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und konsequentes Handeln gegen die Klimakrise. Wir verbünden uns – so wie wir uns im „Aufbruch der Vielen“ 2015 und mit 242.000 Menschen bei unserer #unteilbar-Demo 2018 in der Zurückweisung des Rechtsrucks und für eine offene Gesellschaft verbündet haben. Zeigen wir unsere #unteilbare Solidarität, gehen wir am 4.9. wieder zusammen auf die Straße!“ Unter Beachtung der Hygienevorschriften.
Die Demo kriegt angesichts der zumindest theoretischen Möglichkeit einer Rote-Socken-Koalition R2G einen zusätzlichen Bedeutungsgehalt: Natürlich bietet sie – wieder – einen Überblick über den Stand von Basisdemokratie, Selbstorganisation und neuen emanzipatorischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft, aber zusätzlich kann von ihr aus auch ein Impuls an die Basis von SPD, Grünen und Linke gehen, ihren Parteispitzen Feuer unterm Arsch zu machen für eine Koalition, die nicht vollkommen den Maßgaben des Kapitals unterliegt. Die Demo-Organisation hat ja im Aufstellungsplan oben schon zusammengefügt, was zwar nicht zusammengehört, aber besser ist als der Bundestags-Rest. Macht mir den linken Flügel stark.
Ich suche vergebens im Plan den Block UDOLIF, der Undogmatischen Linken Freigeister. Wo also einordnen? Wo die hübschesten Frauen sind, die coolste Musik, die exklusivsten Drinks? Wahrscheinlich macht GdL-Weselsky mit seinem Bahnstreik alles zunichte. Ich hab ja ein offenes Ohr für Streiks – war oft genug (na ja, ab und zu) selber an vorderster Front – und andere gewerkschaftliche Belange, wenn sie denn neben den egoistischen, ständischen Eigeninteressen auch zumindest einen Ansatz von, siehe oben, emanzipatorischem Gesamt-Denken pflegen.
Bei den Arschnasen von der GdL nichts dergleichen. Weselskys Verlautbarungen auf der PK zum neuen Streik strotzten nur so von neoliberalen Phrasen vom Bund der Steuerzahler: Die Bahn wird mit Milliarden Steuermitteln gepampert und die Chefs stopfen sich die Taschen voll, während der kleine Mann auf der Lok Kohl-Dampf schieben muss.
Solche Tiraden sind populistisch und zum Kotzen. Natürlich gehört die Bahn wie alle öffentliche Infrastruktur in Staatshand, dass bezahlte Spitzen-Angestellte (zu)viel Lohn kriegen, ist ärgerlich, aber bestimmt nicht das Verteilungsproblem in unserer Welt der Milliardenkonzerne und im Vergleich zu Lokführern werden die vielen oft migrantischen Arbeitskräfte der externen Reinigungs- und Dienstleistungsfirmen der Bahn tatsächlich mit Hungerlöhnen abgespeist. Davon kein Wort der GdL.
Hier sei ausnahmsweise der große autonome Steinewerfer Joseph Fischer abgewandelt zitiert: „Herr Weselsky, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch.“
Und, liebe Leserinnen, mal unter uns Ästhet*innen: Der sächsische Dialekt dieser Kreatur und der Pornobalken unter der Nase, das ist vollkommen degoutant und inakzeptabel.
Es bleibt dabei: Erscheinung und Wesen stehen in einem dialektischen Verhältnis. So wie sich einer gibt, so denkt er auch.

30.08.2021 –Wahlbeteiligung reduzieren!


Sozialer Brennpunkt oder malerisch-mediterrane Altstadt?
Im „XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte“ beschreibt Marx das von ihm so genannte Lumpenproletariat näher. Das Lumpenproletariat geht keiner geregelten Lohnarbeit nach und war damit für Marx, der selber keiner geregelten Lohnarbeit nachging, erledigt: kein proletarisches Klassenbewusstsein, unzuverlässig, reaktionär, als Bündnispartner nicht zu gebrauchen, eine Gefahr für die Arbeiterbewegung. Die Aufzählung dessen, was für ihn Lumpenproletariat darstellt, ist allerdings lebendige Literatur und Geschichte zugleich:
„ … zerrüttete Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschenspieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler …. „ (und natürlich die Bohème!)
Da kam es für ohnehin Ausgegrenzten und Prekären aus Sicht des Klassenkampfes gleich ganz dicke. Was sich bis heute wie ein roter Faden durch die Wohlfahrtsstaatlichkeit zieht: Der paternalistische Blick auf die „da unten“, die Armen, Prekären, für die man die Lösung ihrer Probleme parat hat, aber bitte ohne deren Beteiligung.
Das mit dem Sieg des Proletariats klappte nicht so recht. Im Staatssozialismus entartete das in die Diktatur einer Kaderelite und im Kapitalismus, also bei „uns“, ließ sich das Proletariat gegen ein paar Wohlstandsbrösel in Form von Urlaub, Auto, Eigenheim ruck zuck das Klassenbewusstsein abkaufen. Bevor Sie, liebe Wählerinnen, sich jetzt fragen, ob ich keinen Frisör hätte, dem ich das erzählen könnte, hier die praktische und traurige Nutzanwendung der Marxschen Analyse, die ebenso erbarmungslos hochfahrend wie gnadenlos richtig ist:
Die soziale Klasse des Lumpenproletariats existiert durch die Zeiten. Große Teile der Nazi-SA rekrutierten sich aus prekären Existenzen und erledigten die Drecksarbeit im Straßenkampf und den SA-Folterkellern zur Durchsetzung des faschistischen Terrors bis 1934.
Heute ballen sich die dergestalt Ausgegrenzten in sogenannten „Sozialen Brennpunkten“: das Dienstleistungs-Prekariat der Botenfahrer, alleinerziehenden Teilzeitbeschäftige in Handel, Gastronomie etc., Erwerbslose, Migrant*innen, Mini-Jobber*innen …. und demnächst auch Literaten und Bohème. Die können sich das Wohnen in den von ihnen kreierten angesagten Kiezen nämlich nicht mehr leisten.
Und hier, in diesen Sozialen Brennpunkten, erzielt die AfD ihre größten Stimmenanteile. Dahinter verbirgt sich die wieder gewachsene Wahlbeteiligung der letzten Jahre. Es gehen die wieder zur Urne, die sich sonst jahrelang enthalten haben, und machen ihr Kreuz bei den Neo-Nazis. Die AfD ist, ähnlich den Nazis, ein Elitenprojekt mit stabiler Verankerung im Lumpenproletariat. Nur nennen wir es heute nicht mehr so. Wir sagen „Andersbegabte“. Oder so.
Das Wahlverhalten ist verständlich, bei der Verachtung, die den ohnehin Abgehängten explizit oder subkutan seitens des Staates, der Gesellschaft, der Gewerkschaften, Verbände, Medien, Bürgertum und Linken entgegenschlägt. Für sie hat sich noch nie was geändert. Ab 01.01.22 gibt es drei Euro Hartz-IV mehr. Dafür diesem Staat die Stange halten? Dann lieber die Standarte der Neo-SA.
Verständlich, aber nicht akzeptabel. Also muss aktuelles Ziel eines antifaschistischen Engagements sein: Wahlbeteiligung reduzieren

29.08.2021 – Demnächst haben die Kommunisten das Sagen


Und dann werden sogar die Leerstellen zwischen den Wörtern zur Mangelware.
So ähnlich der anschwellende Bocksbeutelgesang in Teilen der Bürgerpresse angesichts einer sich abzeichnenden zumindest theoretischen Mehrheit für R2G. Ob mit derlei Volksfrontgebimmel noch ein paar Omas im Schwarzwald oder Fucking, Kissing und Petting in Panik zu versetzen sind, kann ich nicht beurteilen. Erstaunt hat mich das moralinsaure Andocken der obigen Kommunisten an Spießerparolen à la AfD. Der arbeitende Mensch. Kotz würg schrei jaul jammer. Als ob es neben Marx mit seinem Fetisch Arbeit nicht Leute wie Paul Lafargue gegeben hätte, mit seinem „Das Recht auf Faulheit“.
Das mit dem Sauftourismus finde ich auch ätzend. Wenn ich in den Einflugschneisen des hiesigen Partypöbels wohnen würde, der kotzend, kackend, kopulierend die nächtliche Öffentlichkeit des hiesigen Szenekiezes zu einer diskretionslosen Lärm-Terrorzone macht, hätte es schon diverse Blutbäder gegeben. Marx sei Dank wohne ich in einer Straße mit über 20.000 Autos pro Tag Durchgangsverkehr, ich hab meine Ruhe.
Aber warum müssen ausgerechnet Kommunist*innen (jedenfalls die fünf, die es in Hannover noch gibt) so auf diesem Fetisch „Arbeit“ rumreiten? Vermutlich, weil sie immer noch dem – bei aller Wertschätzung seiner Analysen – rassistischen und antisemitischen Vollpfosten St. Marx hinterhertrotten anstatt sich auf die Gedankenwelt des souveränen Freigeistes Paul Lafargue einzulassen. Mir waren Leute vom MSB Spartacus daher eher suspekt, obwohl sie im Zweifel richtiger lagen als der Rest der früheren Sekten (Falls zufällig jemand aus unserer damaligen AG (sic!) Stadtindianer den Blog liest, würde ich mich über eine Rückmeldung freuen. Würd mich schon interessieren, was aus denen geworden ist. Baghwan-Jünger? Grünen-Abgeordnete? IT-Spezialisten?)
Wenn es neben Kollegen, Verwandten und Nachbarn noch eine Plage der Menschheit gibt, dann ist es der arbeitende Mensch. Ich habe eine Liste von zweihundert Inschriften für meinen zukünftigen Grabstein. Seit Gründung dieser Liste unter den Top Five ist „Er hatte die Arbeit nicht erfunden“.
Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Tage, Monate, Jahre ich mir mit sinnreduzierter Arbeit versaut habe, nur um genug Taler im Beutel für ein paar Weinpullen zu haben. Was hätte aus mir alles werden können, gäbe es die Arbeit nicht! Grünen-Abgeordneter, Sektenguru, weltberühmter Blogger ….

26.08.2021 – Korrumpiert oder opportunistisch, das ist hier die Frage ….


Aus der Wunsch-Kurve getragen und am Baum der Realität gelandet. Daran musste ich bei meiner Morgenlektüre der Bürgerpresse denken, die langsam Muffensausen kriegt, vorsorglich ihre Geschütze in Stellung bringt und dekretiert, nach dem Moto „Weil nicht sein kann was nicht sein darf“: „Was es (nach der Wahl) auf keinen Fall geben wird, ist eine Rotgrünrote Koalition“. Wenn es nach den Führungschargen, bis auf Ausnahmen, von SPD und Grünen geht, ist das wohl so. Die sind mittlerweile derartig vom System korrumpiert und von ihrer vermeintlichen Wichtigkeit so besoffen, bloß weil ihnen ein Präsident vom Arbeitgeberverband bei einem Empfang mal ein freundliches (Wolfs-)Lächeln geschenkt hat, dass sie grundsätzlich eher zu Noske-Lösungen linker Fragen neigen.
Andererseits sind sie opportunistisch genug bis auf die Knochen, dass sie bei passendem Ergebnis sowas wie R2G riskieren würden, wenn ihnen die Basis nur genug Feuer unterm Arsch machen würde.
Inhaltlich ist dieser Eiertanz eh grotesk. Wer sich mal die Mühe einer Gegenüberstellung der Inhalte macht, sieht, welche Welten CDU und FDP von SPD und Grünen trennen und wieviel mehr Übereinstimmungen von letzteren mit der Linken es gibt. Das kann nur negieren, wer im Hinterkopf das Mantra hat: „Was interessiert mich mein Programmgeschwätz von gestern, ich will übermorgen nach meiner Politiklaufbahn fette Kohle verdienen als …. (Hier als winziges Beispiel Rezzo Schlauch von den Grünen )“
Das Mantra der Linken „Raus aus der Nato“ als Hinderungsgrund für eine Koalition zu nehmen, ist lächerlich vorgeschoben. Dieses Mantra ist genauso realitätsbezogen wie der Sozialismus im Grundsatzprogramm der SPD. Steht auf dem Papier, kräht keine Henne mehr nach. Und finanzpolitisch macht man halt Kompromisse. Sowas nennt frau: Politik.
Es ginge also was, es wäre nur zu wollen.
Viel, viel schlimmer als das ist aber, dass der Gastronomie Seuchenbedingt die Kräfte ausgehen. Dialoge mit dem Service wie aus ner Sitcom:
„Was für Weißwein haben Sie? – „Rotwein.“
Oder: „Kann ich Crème brûlée und Mousse haben?“ – „Wie soll das denn gehen?“
Schön auch das vorsorgliche: „Möchten Sie die Vorspeise vorher?“

25.08.2021 – Was also wählen?


In der gehobenen Gastronomie geht der Trend weg vom Alkohol und hin zu edlen Säften. Nicht mehr meine Welt. Aber was ist schon meine Welt? Zuerst eine der Irrungen und Wirrungen, ergo der Korrekturen. Gestern schrieb ich: „Wie kann es z. B. sein, dass Gottes- also Götzendienste von den drei G-Regeln ausgenommen sind, im Gegensatz zu allen anderen gesellschaftlichen Bereichen?“ Das ist falsch. Das Versammlungsrecht ergo Demonstrationen ist davon auch ausgenommen. Und das ist im Gegensatz zu Götzendiensten ein extrem wertvolles Gut.
Irrungen und Wirrungen II: Nie wieder Partei-Prognosen. Was hab ich der SPD nicht schon alles an den Hals prognostiziert. Heuer noch knapp zweistellig und das nächste Mal Kampf mit der Fünfprozent-Hürde …. Und dann kommt Olaf Scholz als Mr. Roboto wie Phönix aus der Sozi-Asche und straft mich und alle Auguren Lügen. Die SPD, die ich demnächst auf Platz 5 der Parteien-Hitliste verortet hatte, ist erstmals on Top of the Pops. Diese Volatilität. Nicht mehr meine Welt.
Fakt ist: Eine fortschrittlichere Koalition Rotgrünrot wird möglicher. Wobei am Ende niemand weiß, was jenseits der Prozentanteile bei den Überhangmandaten rauskommt. Haben wir dann bald so viele Abgeordnete wie der chinesische Volkskongress und wie kommt das zustande? Können Sie, liebe Leserinnen, ad hoc das Prinzip der Überhangmandate erklären oder kennen Sie wenigstens jemanden, die das kann? Ich kann es nicht. Damit soll irgendwas korrigiert werden? Die Dummheit des Wahlvolks? Das wäre für mich die einzig akzeptable Variante.
Was also wählen? Die Linken sind eine Bande von Spinnern, Antisemiten und Dogmatikerinnen, ihre aktuelle Afghanistan Entscheidung ist inakzeptabel und ich kann jede verstehen die sagt: Sowas wähl ich nicht. Aber wer mit SPD oder Grünen ins Bett geht, kann am Morgen mit FDP und CDU aufwachen. Ungeschminkt.
Meint z. B.: Im Moment zücken die reichsten Deutschen wieder ihr „Scheckbuch“, pampern letztgenannte ungeniert und das tun sie nicht umsonst. Die wollen einen return on investment. Heißt: Da, wo CDU und FDP sind, egal in welcher Konstellation, wird es keine andere Wohnungspolitik geben. Never ever. Einen Mietendeckel, die Abschaffung der Modernisierungsumlage, die dauerhafte Sozialbindung bei Sozialwohnungen, überhaupt nennenswerten Sozialwohnungsbau und eine ansatzweise Regulierung der börsennotierten Wohnungskonzerne wird es nur mit einer fortschrittlicheren Koalition geben. Das lässt sich auf alle kapitalgetränkten Bereiche der Gesellschaft runterbrechen: Gesundheit, Arbeitsmarkt, Infrastruktur, Bildung …
Und erzählen Sie mir nicht, liebe Leserinnen, dass Sie nicht von zunehmend unbezahlbarer Miete betroffen sind (es sei denn, Sie wohnen im Eichsfeld), von teurem und schlechtem ÖPNV, von Zuzahlungen oder teuren Zusatzversicherungen in Krankheitsfällen etc. pp.
Millionär*innen werden ja diesen Blog eher nicht lesen. Es sei denn, sie neigen zum Klassenverrat, sowas soll’s ja geben. Siehe Friedrich Engels.

24.08.2021 – Wahlkampf


MLPD Wahlkampf mit Kindern, den Roten Füchsen. Die MLPD ist eine schwer verpeilte stalinistisch-maoistische Politsekte, im linken Spektrum sowas wie das Opus Dei in der katholischen Kirche. Opus Dei, Werk Gottes (was vom Namen her schon eine blasphemische Anmaßung ist, legt man deren interne Maßstäbe zu Grunde), ist eine ebenfalls schwer verpeilte Sektenorganisation, deren Mitglieder sich schon mal gerne selbstgeißeln, neoliberal, antimodern und ultrareaktionär bis kryptofaschistisch aufgestellt sind, und im Gegensatz zur MLPD von nicht zu unterschätzendem Einfluss auf die Gesellschaft. Der engste Berater von Armin Laschet, Nathanael Liminski, ist qua Elternhaus von fundamentalistischen Ideologemen des Opus Dei geprägt. Sein Vater war dort Mitglied, publizierte in Organen mit faschistoider Ausrichtung, bezog antisemitisch konnotierte Positionen und konnte durchaus als rechter Hetzer durchgehen.
Zu wissen, von wes Geistes Kindern ein potentieller Kanzler beeinflusst wird, halte ich nicht nur für legitim, sondern für geboten. Wie kann es z. B. sein, dass Gottes- also Götzendienste von den drei G-Regeln ausgenommen sind, im Gegensatz zu allen anderen gesellschaftlichen Bereichen? Wessen Einfluss steckt dahinter? Wie weit geht dieser Einfluss z. B. bei der hochpolitischen Frage der Abtreibungen? Oder Minderheiten-Gleichstellung? Der Rolle der Frau in Staat und Gesellschaft? Wär doch interessant zu wissen, wer die Köpfe hinter den Wahlplakatportraits sind, die das Denken übernehmen für Laschet. Dass es mit dessen eigenem Denken nicht weit her ist, stellt der Kampagnen-Bruchpilot ja täglich unter Beweis.
Insofern fand ich es gut, dass die SPD das thematisiert hat. Und wiederum typisch SPD, als sie beim ersten Gegenwind im Vorwurf des Negative Campaigning wieder den Schwanz eingezogen hat und die Infokampagne einstampfte.
Bisher war Laschet für mich ein ungefährlicher Doofkopp, der was Surreales an sich hat, etwas Comicfiguren-mäßiges, in Richtung SpongeBob, Klempner Mario oder Pat von Pat und Patachon, nur ohne deren positive Eigenschaften. Aber spätestens nachdem er das Holocaust Denkmal für seine Inszenierungen instrumentalisierte, hat er bei mir verschissen bis in die Steinzeit. Man kann nur dankbar sein, dass diesem unterkomplex Begabten die meisten Inszenierungen zum Rohrkrepierer werden. Leider ist nicht auszuschließen, dass er trotzdem Bundeskanzler wird.
Wahlen sind ja an sich nicht schlecht, sie sorgen für Unterhaltung, geben Journalistinnen Lohn und Brot und halten die allergrößten Knallköppe davon ab, sich politisch zu artikulieren, also via Enthaltung von den Urnen fern. Nur die Wähler*innen, die müssten verboten werden.

23.08.2021 – Über die Liebe in Zeiten des Pop oder: The times they are a changing


Klassischer Fall von Text-Bild-Schere?
Nach dem Motto: „Denken Sie stets daran, das Gedachte zu vergessen“ sind mir nach dem gestrigen Blog-Eintrag leider noch jede Menge Bands inklusive Songtakte eingefallen, die für mich am magischen Ort des alten Tempodrom in Frage gekommen wären. Unter anderem Radyo, eine Soulfunkband aus dem vorigen Jahrtausend. Eigentlich die falsche Stilrichtung, Phillysound mit Streichern, Synthesizer, Zuckerbäcker-Arrangements, da bluten einem schon mal die Ohren. Bei sowas würden sich Otis Redding und Wilson Pickett im Grabe umdrehen. Aber gut tanzbar war der Stil von Radyo allemal und ihr „You can’t change that“ hatte Ohrwurmcharakter, von dem mir sogar ein paar Textzeilen in Erinnerung waren. Normalerweise achte ich bei Pop nicht auf Texte, da ist die Erkenntnisfallhöhe meist unter Null, à la „The times they are a changing“. Potzdonner, wer hätte das gedacht.
Aber im Radyo Fall bürstete meine Erinnerung irgendwie gegen den Strich. Ich schaute mir die Lyrics näher an und, ei der Daus, da hat sich ein gewaltiger Bedeutungswandel abgespielt seit dem Entstehen des Songs. Damals las sich das wie eine anrührende Liebeserklärung für romantische Gemüter. Es beginnt mit Schwüren, von denen 13 auf ein Dutzend gehen, was aber mitunter volle Wirkungstreffer landen kann:
Honey, I’ll always love you
I promise I’ll always love you

Danach wird es aus heutiger Sicht allerdings schon leicht bedrohlich, kriegt was Obsessives nach dem Motto „Widerstand ist zwecklos“:
There’s nothing you can do or say
I thought about this for many a day

Um spätestens dann aus heutiger Sicht in den Horror des Stalkens abzugleiten, das ist kein Liebesschwur, das ist eine nackte Drohung:
You can change your telephone number
And you can change your address too
But you can’t stop me from loving you
No, you can’t change that, no, no
You can change the color of your hair
And you can change the clothes you wear
But you’ll never change the way I care
No, you can’t change that.

Übersetzt: Du bist mein Besitz, mit Haut und Haaren.
Wer das damals so interpretiert hätte, wäre vermutlich für paranoid, schlimmer noch: uncool erklärt worden. Die in den letzten Jahren zunehmend öffentlich diskutierte Geschichte von obsessiven männlichen Besitzansprüchen und Gewalt an Frauen in Beziehungen gibt dem Text heute eine vollkommen andere Konnotation.
Wie schon auf dem Plattitüden-Markt verkauft: The times they are a changing.
Als Dokumente zeitgeschichtlichen Wandels sind Pop-Texte jedoch mitunter interessant. Und wer wollte sich der Magie einer Zeile von Johnny Nash wie „Fels mich, Säugling, fels‘ mich hier draußen auf dem Boden“ entziehen („Rock me, Baby, rock me out here on the floor“)

22.08.2021 – Ganz schön schräg


Sonnenblume Goldener Neger, dem Gang der Sonne nachwachsend.
Jeder Mensch hat, zumindest vermute und hoffe ich das, Erinnerungen an magische Orte, Erinnerungen, die, je verschwommener oder weiter in die Vergangenheit greifend, die Orte und die damit verknüpften Geschehnisse mitunter zum individuellen Mythos überhöhen. Bei mir sind es z. B. allererste Kindheits-Erinnerungen, wie ich, vielleicht dreijährig, auf Omas Kartoffelacker in den Furchen verschwand, das Laub der Erdäpfel schlug über meinem Kopf zusammen, ich war in einem Dschungel, meiner eigenen Welt. Das ist kein zusammenhängender Film, mehr eine Folge von Standbildern, Einzelsequenzen. So wie später dann die bohnergewachsten Flure der Volksschule, wo ich verzweifelt heulend allein herumirrte, niemand da außer mir, weil meine Eltern verpeilt hatten, dass es auch sowas wie Ferien gibt. Erster Ferientag und Kevin allein in der Penne. Das erste Mal, wo ich reif für die Couch war.
Oder, als der Jüngling schon zum Manne gereift ward, das Berliner Tempodrom, 1980 gegründet und derart mit einem alternativ-linksradikalen Schein aufgeladen, dass Helmut Kohl nach der Annexion der Ostzone das Zelt und sein Publikum als viel zu großes Sicherheitsrisiko in der Nähe des geplanten Bundeskanzleramts keinesfalls dulden wollte.
Erinnerungsfragmente an magische Konzerte machen das alte Tempodrom für mich zu einem auratisch-sehnsuchtsvollen Ort, ohne dass ich einen Schimmer hätte, was es für Bands waren oder wie das alte Tempodrom genau aussah. Ein paar Standbilder, von Tanzmoves und Bewegung auf der Bühne, vielleicht Johny Clegg oder Latin Quarter, ein vages Gefühl von „Alles ist möglich“, mehr ist da nicht und ich versuche im Moment krampfhaft, die Standbilder zu einem Film mit Details zu montieren, das Vage greifbar zu machen. Und wer ist schuld daran?
Die CDU. Die hat ja gestern ihre heiße Wahlkampfphase mit ihrem Kanzlerkandidaten Armin SpongeBob FLaschet eröffnet und zwar, und bei der Meldung bin ich fast aus meinem Ohrensessel gepurzelt: im Tempodrom. Früher, als alles noch besser war, im alten Tempodrom, hätte die CDU so eine Veranstaltung eher in der Hölle abgehalten und das Tempodrom wäre im Falle der Ankündigung einer solchen Veranstaltung in selbiger Nacht von der Basis abgefackelt worden. So ändern sich die Zeiten.
Ich fand die Meldung im ersten Moment ganz schön schräg. Und dann ploppten wie gesagt, diese magischen Erinnerungsfetzen in mir auf. Aber ich sollte sie belassen wie sie sind. Ist nicht Wesen und Kern von Magie und Mythos das schwer Fassbare, das Fragmentarische, das Unsagbare. Was wäre gewonnen, ich hätte einen vollständigen Film, wüsste wann das genau war, mit wem ich da war und welche Band das war. Johnny Clegg? Toll. Der ist mittlerweile tot.
Also lassen wir der Vergangenheit ihre Gloriolen und freuen uns auf eine Zukunft mit Baerbock, Scholz oder SpongeBob. Und konkretere Konzert-Erinnerungen aus den 90ern hab ich ja doch noch, an die stampfenden Groves der Scatterlings of africa. Requiescat in pace, Bro.

19.08.2021 – Herr Ober, Wahlen bitte!


Negative Campaigning Plakat aus dem AfD-Umfeld, siehe auch Eintrag vom 10.08. Hat keine Woche gehalten, dann fiel es der Campagne „Unsere Stadt soll schöner werden“ zum Opfer. Wie alle anderen Plakate aus der Serie bei mir nebenan. Ich war es nicht, aus dem Alter bin ich raus und für die Grünen würd ich keinen Wahlkampf machen, aber eine klammheimliche Freude konnte ich mir beim Anblick der geschändeten Wahlplakate nicht verkneifen. Alle Jahre wieder Wahlen, die, wenn sie etwas veränderten, schon lange verboten wären, um einen altlinken Klauer aufzugreifen.
Natürlich würde es schon einen Unterschied machen, ob wir eine CDU/FDP geführte oder eine Rotgrünrote Regierung bekommen, sei es auf Bundes- oder auf Landesebene. Auf Landesebene würden seitens CDU/FDP zivilgesellschaftlichen Projekte wie Frauenhäusern, Erwerbslosenberatungen, soziokulturellen Zentren und Projekten, etc. pp (die Liste wäre sehr lang) die Fördermittel rasiert werden und in KMU-Förderung gesteckt. Rotgrünrot würde sicher z. B. den hiesigen Flüchtlingsrat besser ausrüsten. Und ich hätte mehr Verwaltungsarbeit, ein Grund, umgehend ins Retiro zu wechseln.
Auf Bundesebene ist Rotgrünrot keine Option, selbst wenn es rechnerisch reichen würde. Eine dergestalt fortschrittlichere (nicht: linke. Wer glaubt, das wäre eine „linke“ Regierung, hält Kühnert für einen Kommunisten und Baerbrock für eine Kommunardin) Regierung hielte sich keine 100 Tage, dann hätte sie eine unheilige Allianz aus SPD-Seeheimern, Realagrünen, linken Radikalspinnerinnen im Verein mit der hiesigen Bürgerpresse, den Unternehmerverbänden und bezahltem Mob auf der Straße aus dem Amt gekegelt. Soll nicht meine Sorge sein, die da oben machen ja doch, was sie nicht wollen. Was mir echt auf den Bahlsen-Keks geht, ist der Kommunalwahlkrampf in Hangover (Wahl am 12.09). In Afghanistan bricht die Barbarei wieder aus, Haiti wird von Naturkatastrophen biblischen Ausmaßes getroffen und das zentrale Thema hier ist: Der Müll. In der hiesigen Bürgerpresse hat man ob der Leser*innenbriefe, Artikel und Kommentare über zig Seiten seit x Wochen den Eindruck, dass hier Armageddon anbricht und der Untergang des Abendlandes vor der Tür steht, wenn mal ein gelber Sack über die Straße weht. Was für eine Kackstadt.
Im Westen also nichts Neues. Wie sagt man so schön, wenn man die Zeche zahlen soll und die Quittung präsentiert kriegt: Herr Ober, Wahlen bitte! Nach Wahltag kommt Zahltag. Zumindest für die Plebejer.
Heißt das Pendant zu „Herr Ober“ eigentlich „Frau Oberin“?