„EINE FRAGE BITTE, wer sind SIE überhaupt??? WURDEN SIE ENTWURZELT? WARUM– WIESO– WESHALB???“ So lautet einer der Kommentare (von „alles gute habuwies@t-online.de „) zur Aktion von SCHUPPEN 68 „Freibier zur Kommunalwahl. SCHUPPEN 68 inszenierte zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 11.09.2016 eine Intervention: Vor dem Wahllokal Humboldtschule, Ricklinger Str. 95, 30449 Hannover Linden-Süd, stellte SCHUPPEN 68 eine Kiste Bier auf, aus der sich alle, die nicht AfD wählen, ein Freibier nehmen konnten. Details, Fotos und PM siehe 11.09 und 07.09.
Beim Lifestyle Magazin „Vice“ auf Facebook fragt Luc Walter zur Aktion: „Ist sowas nicht Faschismus?“ Das Netz ist sich offenbar nicht ganz einig, ob das eine eher faschistische oder linke Aktion ist, denn im gleichen Medium fragt Sören Kahle: „Freibier fürs nichtwählen – was lernen wir daraus? Linke sind lieber besoffen und bekifft, als sich um ihr Land und ihre Familien zu sorgen!“
Eindeutiger die Email von Brigitte Logan: „ …Saublödes Pack! … Arschlöcher ….“

Die Bahn hatte Verspätung und Iris und Uschi beteten inständig, dass sie bald käme.
Im Folgenden zitiere ich den Kommentar von „alles gute“ vollständig und zwar deshalb: In seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ geht Heinrich von Kleist davon aus, dass große Redner beim Beginn des Redens noch nicht wissen, wie die Rede enden wird, sich also ihre Rede im Sprechakt verfertigt. Das lässt sich auch auf das Schreiben anwenden. Man kann beim Lesen des Kommentars von „alles gute“ regelrecht zusehen, wie sich seine Gedanken im Schreiben verfertigen. Das Schreiben ist hier auch sexuell konnotierter Akt. Der Spannungsbogen steigt und entlädt sich in einer orgiastischen Climax.
Geht mir bei Reden genauso, ich bin am Ende einer gelungenen Rede immer fix und fertig.
Hier der Text, Rechtschreibung im Original:
„Danke,
aber ICH BEZAHLE mir ein Bier selbst, wenn ICH es irgendwann dann doch haben will ,
WEIL Bier ist für Populisten, Linksradikale.
ICH trinke lieber WEIN ,
ich brauche keine Demagogen, POPULISTEN DIE EINEM ALKOHOLIKER FREIBIER-BIER AUSSCHENKEN , um Wähler zu requirieren,
ICH WÄHLE DIE ICH WILL, OHNE FREIBIER FÜR Ihren PÖBEL, Ihr Pack, den braunen Sumpf, die braune Suppe, sondern ich wähle die für deutsche Interessen einzigen KÜNFTIGEN Vertreter DEUTSCHLANDS.
EINE FRAGE BITTE, wer sind SIE überhaupt???
HABEN SIE SCHON ETWAS VON DEMOKRATIE, VON EINEM FRIEDLICHEN ZUSAMMENLEBEN DER GESELLSCHAFT GEHÖRT?? VON EINER ZUSAMMENGEWACHSENEN GESELLSCHAFT MIT EINER GEMEINSAMEN KULTUR, TRADITION, GLAUBEN gehört?
WENN NICHT, wo haben Sie Ihre Schulbildung und Ihr Elternhaus genossen?
WURDEN SIE ENTWURZELT? WARUM– WIESO– WESHALB???
ICH WÜNSCHE IHNEN ALLES GUTE UND KEINEN IRRGLAUBEN FÜR EINEN UNTERGANG
MFG“
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11.09.2016 – „Freibier zur Kommunalwahl!“ erfolgreich! Hannoveraner trinken für Demokratie: Danke, Hannover!

Die Hannoveraner haben mit der Flasche abgestimmt. Die Intervention der Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 „Freibier für alle, die nicht AfD wählen“, war erfolgreich: nach kurzer Zeit war die Kiste Freibier leer! Die Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 hatte zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 11.09.2016 eine Intervention inszeniert: Vor dem Wahllokal Humboldtschule, Ricklinger Str. 95, 30449 Hannover Linden-Süd, stellte die Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 eine Kiste Bier auf, aus der sich alle, die nicht AfD wählen, ein Freibier nehmen konnten.

Um der AfD keinen Vorwand für eine Wahlanfechtung zu liefern, wurde der vorgeschriebene Abstand zum Wahllokal eingehalten. Auch die Resonanz in den sozialen Medien war riesig und kontrovers. Auf dem facebook Profil des Magazins „Vice“ zum Beispiel erhielt die Aktion in kurzer Zeit fast 4.000 „likes“ und in zahlreichen Kommentaren außerordentlich unterschiedliche Bewertungen. Damit hat die Aktion das erreicht, was für intervenierende Kunst auf der Höhe ihrer Zeit unabdingbar ist: sie hat angeregt zum Diskurs und zu Nachdenken – sieht man von den Netzüblichen Pöbeleien ab. Bei den Diskussionen in den sozialen Medien waren zwei Gruppen stark vertreten: Diejenigen, die den Satiregehalt dieser Kunstaktion verstanden haben und Spaß hatten und diejenigen, in deren Posts sich auch die Motive für den Erfolg der AfD direkt widerspiegelten: Angst, Wut, Hass. Ein deprimierendes Fazit bleibt, selbst wenn die genaue Sitzverteilung noch nicht feststeht: Die AfD wird auf Jahre hinaus die Arbeit in zahlreichen kommunalen Parlamenten in Niedersachsen behindern. Sie bietet Ausgrenzung und Rassismus eine flächendeckende politische Repräsentanz, die aus Steuermitteln finanziert wird.
07.09.2016 – Freibier zur Kommunalwahl
Die Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 inszeniert zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 11.09.2016 eine Intervention: Vor dem Wahllokal Humboldtschule, Ricklinger Str. 95, 30449 Hannover Linden-Süd, stellt die Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 eine Kiste Bier auf, aus der sich alle, die nicht AfD wählen, ein Freibier nehmen können. An der Kiste kleben echte Fünf-Euro-Scheine, die mit echten Gedanken zur AfD beschriftet sind. Jeder Schein ist als Unikat ein Kunstwerk und kann von Kunstliebhabern mitgenommen werden. Hier die PM: PM SCHUPPEN 68 Freibier zur Kommunalwahl

Freibier zur Kommunalwahl. (Die „Bild“ berichtete schon. Nicht nur der Kalk in meinen Knochen bröselt, auch alte Feindbilder …)
Die AfD ist für mich eine intellektuelle, ethische und ästhetische Beleidigung. An so was mache ich mir argumentativ nur dienstlich, da muss ich, die Finger schmutzig. Als zoon politikon und Künstler habe ich da andere Mittel. Mit Aufklärung und Argumenten, mit reiner Ratio allein ist dieser Partei nicht beizukommen. Insofern ist die Strategie der demokratischen Parteien, ihre Politik den Wählerinnen besser erklären zu wollen, hilflos und gescheitert. Das klappt seit Jahren nicht und was für ein Armutszeugnis ist das für die Parteien! Zu blöd, um die eigene Politik zu erklären? Dann sollte ich ehrlicherweise mein Geschäftsmodell einstellen.
Demokratie muss sich auch inszenieren, muss an Emotionen andocken, Bilder und Erzählungen erzeugen, die mehr bewirken als die Einsicht in das Argument und die Erkenntnis des eigenen Interesses. Die Intervention „Freibier zur Kommunalwahl“ ist ein kreativer Versuch, mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung eine kleine Erzählung zu inszenieren. Ein flüchtiges Bild für einen Tag in der Stadtöffentlichkeit sagt vielleicht mehr als 10 dauererigierte moralische Mittelfinger.
Die Aktion macht Spaß. Doch, ich habe durchaus geschmunzelt bei der PM, bei Sätzen wie „Jeder Schein ist als Unikat ein Kunstwerk und kann von Kunstliebhabern mitgenommen werden.“ Das ist einerseits zum reinen Ablachen, aber da steckt auf einer Metaebene jede Menge Kritik am aktuellen Kunstbetrieb drin. Wie überhaupt eine gelungene SCHUPPEN 68 Aktion sich immer auszeichnet durch einerseits derbe Politanarcho-Elemente à la Marx Brothers, an ihnen aber andererseits sich komplette Theoriestränge einer fortschrittlichen Ästhetik entfalten eines Sergej Tretjakov, oder Walter Benjamin. Aber keine Angst, liebe Leserinnen: Es ist völlig ok, wenn Sie nur Lachen.
Und mich toll finden. Schließlich ist es eine der größten Sauereien der Postmoderne, dass ich nicht den Rang eines Erwin Wurm oder von Fischli & Weiss besitze. Na ja, immerhin lebe ich wenigstens noch.
Allen einen charmanten Restsommer.
03.09.2016 – Wa(h)lnüsse knacken
„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Karl Valentin. Und was für Arbeit. Nüsse knacken zum Beispiel, aber so, dass die Hälften nicht zerstört werden. Wofür? Dafür: Die Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen lässt zur Kommunalwahl in Niedersachsen am 11.09.2016 Wa(h)lnüsse knacken. Der Inhalt der Wa(h)lnüsse: Forderungen der Landesarmutskonferenz an die Politik für eine nachhaltige Armutsbekämpfung!
Am 05.09.2016 ab 16 Uhr verteile ich in Hannover am Kröpcke Wa(h)lnüsse an Interessierte. Weitere Wa(h)lnüsse werden an Politiker_innen an Wahlständen verteilt und nach dem 11.09 an die frisch gewählten Fraktionen versandt, um sie daran zu erinnern: Massenarmut in einer der reichsten Gesellschaften ist eine harte Nuss, die endlich geknackt werden muss!


Wa(h)lnuss.
Die Aktion wird dann ein Erfolg, wenn Medien darüber berichten. Das ist ein Versuch, auf andere Weise öffentliches Bewusstsein zu schärfen zur Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich. Mit 64seitigen Broschüren und ähnlichem kopflastigen Zeug wird da sicher nichts bewegt. Außer Geld verbrannt und arme Büchertische mit gequält.
Hier unsere PM:LAK PM Kommunalwahl – Wa(h)lnüsse knacken
Hier die Forderungen: LAK Kommunalwahl 2016 – Inhalt der Wa(h)lnüsse
Kann nachgemacht werden. Bei so was verzichte ich auf das Copyright.

Karl Valentin macht Wahlkampf für die Linke in Berlin.
Die Zustimmung für die Linke sinkt. Traurig ist das nicht. Sie wird um ihre völkische Klientel bereinigt. Die wechselt jetzt mit fliegenden und nunmehr braunen Fahnen zur AfD. Ein bekanntes Phänomen, siehe KPD -> NSDAP nach Weimar.
Heiteres zum Wochenende:
Isländischer Wein, ungarische Liberalität und deutsche Komödien, so stelle ich mir die Hölle vor. Jede US Teenie Komödie ist in den Dialogen präziser und witziger als alles, was sich in Deutschland die Komödien-Pappnase aufsetzt. Beispiel, beim Zappen in einer dieser Teen Komödien in einem Dialog stecken geblieben. Archetyp Szene: Typ holt Mädchen ab, Vater nimmt ihn beiseite und nordet ihn (er kann sich an seine eigene Jugend nur zu gut erinnern) ein:
„Wenn meiner Tochter was passiert: Ich hab ne 45er und ne Schaufel und Dich wird niemand vermissen.“
27.08.2016 – Die Königsdisziplin der Stand-up Comedy ist der Straßenwahlkampf.
Am 11.09 sind Kommunalwahlen in Niedersachsen. Ich gehöre nicht nur keiner Partei an, richtig ist, dass ich eine eigene besitze, die Partei SCHUPPEN 68, deren Existenz auch nach 25 Jahren noch wie ein Sophokles Schwert (Witz für Abiturientinnen) zumindest derart über der Region schwebt, dass mich ein hiesiger Grünen-Chef unlängst in halbheiterem Ton auf der Strasse ansprach: „Und – trittst Du wieder an?!“
Nein. Tu ich nicht. Dafür unterstütze ich den Kandidaten Udo Selent aus der Region Springe.

Udo Selent, DIE LINKE. Ich boxe es durch. Postkarte Vorderseite.
Beim letzten Mal fehlten ihm ca. 30 Stimmen. Die hole ich dieses Mal, mit der Inszenierung eines Wahlkampfs, der etwas anders aussieht als der, den Parteien sonst auf dem flachen Land führen. Wenn das nicht klappt, empfinde ich das als persönliche Niederlage. Postkarten, Wahlprogramm, Straßenwahlkampf, Öffentlichkeitsarbeit – aber nicht nur als Spindoctor am Schreibtisch im Hintergrund, sondern auch als Rampensau an der Front, im Straßenwahlkampf. Auf dem Markt in Springe,

Marktbesucher animieren, die Mauer zwischen Arm und Reich einzureißen, ein Quiz dazu und nebenbei Forderungen und Programm unter die Leute bringen. Das ist anders als im hiesigen Kiez, wo die Linke bis zu 25 Prozent holt, hartes Entertainment-Brot. Comedy muss ja da mit Inhalt gefüttert sein, darf aber trotzdem nicht in Kabarett ausarten, weil dafür die Zeit des Kurzkontaktes nicht reicht. Wer das beherrscht: Hut ab. Hab ich am Morgen danach vor dem Spiegel gemacht. Ich bin echt gespannt auf das Wahlergebnis vom 11.09. Auch als Vorbereitung auf die Landtagswahl Anfang 2018 hier. Wenn man schon auf parlamentarische Optionen setzt, ist R2G für Niedersachsen nicht das Schlechteste.
25.08.2016 – Alles Avantgarde

Das Ohrensuppe-Trio Sievers, Dr. Dinghaus, Gleitze?
Alle Projekte des SCHUPPEN 68 sind Avantgarde, so auch Ohrensuppe, das Satiremagazin auf Radio Flora, Hannovers Webradio. Während alle Welt versucht, möglichst hohe Klickzahlen zu generieren, Reichweite, Leserinnen, Hörerinnen, Auflage, Verbreitung zu erzielen, schlicht in den Besitz jener Währung zu gelangen, die neben Geld der Standard auch bei der Kulturproduktion ist: AUFMERKSAMKEIT, gehen wir bei Ohrensuppe den anderen, avantgardistischen Weg: Wir machen uns rar. Unser Fünfjahresplan war: Wir wollen am Ende des Planes eine Hörerin. Nicht 25.000, nicht 7 Milliarden, nicht 68. Eine. Das haben wir jetzt geschafft.
Eigentlich ist ja nur der ein Künstler, der dafür sorgt, arbeitet, dass seine Produkte auch bekannt werden, auf dem Markt erscheinen. Alles andere ist Volkshochschule oder Therapieersatz.
Diese Sichtweise wollen wir ändern. Wir orientieren uns am Diktum der chinesischen Genossinnen der Ein-Kind-Politik. Wir fordern die Ein-Hörer-Politik! Weg von der Masse, hin zur Klasse! Eins ist das neue Viele!
Um unsere eine Hörerin an uns zu binden (Null Hörerin wär’ jetzt nicht soo prickelnd. Da würde man sich schon fragen, was in der eigenen Kindheit schief gelaufen ist, wenn man/frau jahrelang eine Radiosendung für Null Hörerinnen produziert), veröffentlichen wir in diesem Blog regelmäßig „Best of ..“ Ohrensuppe Beiträge. Wir beginnen mit einem Gedicht von Hermann Sievers, der Feldhaubitze unter den Dichtern, dem Granatwerfer der Lyrik, der Stalinorgel des Versmasses. Das Gedicht greift das Topos des Sündenbocks auf am Beispiel von Fethullah Gülen. Viel Spaß dabei, liebe Hörerin, und denken Sie dran: am 27.09. ist wieder Ohrensuppe, von 20 – 21 Uhr, und die Sendung wird 18mal wiederholt! Hier das Gedicht:
Gülen war’s
Wer füllt mit Heroin Kanülen?
Der Terrorist Fethullah Gülen
Wer hilft im Haushalt nie beim Spülen?
Der Macho-Moslem namens Gülen
Wer will in der Moschee Bier kühlen?
Wieder mal Fethullah Gülen
Und tut beim Sex Frau Erdoğan nichts fühlen,
war’s nicht ihr Mann – es war Herr Gülen
Hermann Sievers
August 2016
23.08.2016 – Mir fällt gerade keine Überschrift für diesen Blogeintrag ein.
Was eine hervorragende Überschrift ist. Locus amoenus, lieblicher Ort, so nannte ein wohlmeinender und humanistisch gebildeter Gast einmal meinen Garten. Nun denn. Ein wirklicher locus amoenus sind die alten Gärten des Ober- und Untergutes in Lenthe, wo zur Zeit die Ausstellung „Neue Kunst in alten Gärten“ präsentiert wird. Jahrhunderte alte Süntelbuchen, knorrige Rieseneiche, vollendet geformte Gartenlandschaften zeugen davon, dass der Adel doch zumindest eine nützliche Funktion hatte: Die Bewahrung von Orten, an denen sich die Seele auf leichten Schwingen erhaben über die Imponderabilien eines durch Erwerbsarbeit geschändeten Alltags erheben kann. Unter Zuhilfenahme von exquisiten Weinen und leckersten Schmeckerein, die allfällig bei solchen Vernissage gereicht werden, wo sich dann wirklich die Creme der bürgerliche Hautevolee trifft. Und ich mittenmang. Ein zauberhafter Tag, führwahr.

Die Kunst ist eher inferior, Gedöns und biedere Handwerksarbeit. Aber wen kümmert schon die Kunst bei Vernissagen. Man schritt fürbass und plauderte aufs angenehmste. Es war so angenehm, dass mir erst am nächsten Tag der Gedanke kam, dass diese Veranstaltung, zu einem Bild geronnen, praktisch den ideellen Gesamtklassenkampf von oben repräsentierte. Aber durchaus liberal, im positiven Sinne.
Das Ärgerliche an dieser Angelegenheit ist natürlich nicht die Tatsache, dass es solche Orte und Veranstaltungen gibt. Das Ärgerliche daran ist, dass unsere Gesellschaft genug Ressourcen hat, solche Veranstaltungen für alle zu ermöglichen, und vor allem, und das ist das Allerwichtigste: Dass unsere Gesellschaft genug Ressourcen hat, alle Menschen so zu bilden, dass sie solche Orte und Veranstaltungen auch genießen können. Das wäre wahrer Humanismus: Aus der Hülle des Klassenkämpfers erhebt sich der Connaisseur.
Whow. Auf solche Formulierungen muss man erst mal kommen, und ohne Drogen. Manchmal bin ich schon ein bisschen stolz auf mich. Und dankbar, dass ich auch ein bisschen humanistische Bildung genossen habe.
Andererseits, und da schlägt die nächste historische Stufe nach dem Feudalismus, der Kapitalismus, wieder beinhart durch: Wer zahlt mir da was für? Seufz. Also ran an die Arbeit.
22.08.2016 – Bei der nächsten Olympiade bin ich dabei.

Wahrscheinlich wird Bahnengolf, vulgo Minigolf, olympisch. Und da bin ich richtig gut. Olympia ist eine Zeit der Spannung, Dramen, des Jubels und der Tränen – vor allem bei mir, wegen verlorener Wetten. Ich hatte auf Julius Yego im Speerwurf als Olympiasieger gewettet. Ich habe ihn einmal Werfen gesehen und bei dieser Mischung aus Eleganz und Urgewalt war mir klar: Nur der kann gewinnen. Gewonnen hat dann ein Deutscher. Das können die Ostgoten, mit Schmackes irgendwas kaputt schmeißen. Da musste man früher nur mal am 1. Mai in Berlin auf dem Mariannenplatz abhängen, wo unser Nachwuchs trainierte, erst mal mit Pflastersteinen. Autonomes Olympiatraining.
Der Ostgote hat nur deshalb gewonnen, weil sich Julius Yego im Wettkampf verletzte, umgeknickt und wohl auch mit dem eigenen Speer verletzt. Dazu muss man wissen, dass Yego sich das Speerwerfen per Youtube selbst beigebracht hat, ohne Trainer, in Kenia wird gerannt und nicht eiweißhaltiger Sport wie Geräte in den Rasen schleudern betrieben. Daher ist die Technik von Yego noch ausbaufähig, wobei er dann den Speer vermutlich aus dem Stadion werfen würde. So wurde er „nur“ Zweiter und meine Wette rauchte durch den Schornstein. Schon Yegos Anreise war suboptimal verlaufen: Das Nationale Olympische Komitee Kenias (NOCK) hatte dem 27 Jahre alten Speerwurf-Weltmeister kein Flugticket nach Rio de Janeiro gebucht, am Flughafen von Kenias Hauptstadt Nairobi war Endstation für Yego und er musste 1.000 Umwege nehmen. Ich nehme mir jetzt einen Bahnengolftrainer, Olympia 2020, Tokio, ich komme! Und hadere mit meinem Schicksal. Der Sommer kommt tatsächlich noch, auf der Zielgeraden, und bei mir häuft sich wieder Arbeit nach der Sommerpause. Würde ich papierbasiert arbeiten, könnte ich gar nicht aus dem Fenster gucken vor lauer Stapeln. Aber da ich überwiegend Homeoffice mache und mein Home eher winzig ist, habe ich das papierlose Büro fast umgesetzt. Ich hab mal geträumt, dass ich die Tür zu meinem Arbeitszimmer aufmache und von herausquellenden Fluten von Papierstapeln erstickt werde. Grausig. Ich hatte mal wieder auf dem Bauch geschlafen, Gesicht im Kopfkissen.

Anregung, exclusiv für Sie, liebe Leserinnen. Kreativität entsteht dadurch, dass Dinge anders gesehen werden, jenseits ihrer ursprünglichen Funktion. Ohne dysfunktionales und asymmetrisches Denken gibt es keine Kreativität. Warum erzähle ich das alles eigentlich?
Weil ich keine Lust habe, mit der Arbeit zu beginnen. Prokrastination um 7.19 Uhr. Der Tag kann ja heiter werden.
14.08.2016 – Es ist übrigens schwer, auf die Nationalhymne zu tanzen.
Zitat des Diskusolympiasiegers Harting, der bei der Nationalhymne nicht wie alle anderen in Ehrfurcht (ersatzweise: Erfurt) erstarrte auf dem Siegerpodest, sondern – zugegeben etwas merkwürdig – rumhampelte. Aber man kann eben nicht gut Nationalhymnen tanzen, was das beste Argument, und es gibt deren eine Menge, gegen Nationalhymnen ist. Kommen wir zur zentralen Frage des heutigen Ausnüchterungsmorgen: Wie verhält sich die Kunst zum Leben? Realismusdebatten in der Kunst gibt es viele, wie soll die Kunst die Wirklichkeit abbilden, wie gestalten, aufbohren, gar in die Wirklichkeit eingreifen oder im elfenbeinern Turm sitzend an der reinen Autonomie des Kunstwerks feilen?

Ganz klar: Eingreifen, auch mittels Kleidung. Gesehen in der Berlinischen Galerie bei Dada Afrika. Schade, für solche Klamotten bin ich zu alt. Aber toll.
Beim Anblick der Ausstellung am Berliner Hauptbahnhof, siehe Blog von gestern, fiel mir blitzartig eine Performance ein, die ich mit anderen während des Germanistik-Studiums in einem Hauptseminar gemacht habe. Es ging um eine Realismusdebatte zwischen den kommunistischen Schriftstellern Georg Lukacs und Ernst Ottwalt in der Dreißigern. Sollte man das bürgerliche Erbe als Ideal betrachten (Lukacs), also die großen Romane des 19. Jahrhunderts z. B., oder eher eigene avantgardistische Positionen entwickeln (Ottwalt und natürlich Brecht)? Wir waren eine Gruppe Avantgardisten, aus dem Umfeld des SCHUPPEN 68, denen der Unibetrieb zu verkrustet, verkopft war. Wir vermittelten die Ergebnisse dieser Theoriediskussion vor dem Seminar in Form einer Talkshow mit Lukacs und Ottwalt, auf deren Höhepunkt Ottwalt, dessen Position wir natürlich teilten, zu Lukacs sinngemäß sagte: „Und da kannst Du Dich auf den Kopf stellen, Genosse Lukacs, Deine Realismus-Position wird vor der Geschichte keinen Bestand haben.“ Da ich unter all den Drogenbolden mit Abstand der sportlichtste war, fiel mir der Part des Lukacs zu, weil ich dann nämlich aufstehen und einen Kopfstand machen sollte. Ich war ziemlich unkonzentriert während der Talkshow, die Positionen dieses Schwachkopfs Lukacs waren mir eh zuwider und ich dachte eigentlich nur eins: Hoffentlich blamiere ich mich vor all den geilen Weibern hier nicht mit meinem Kopfstand. Lief dann ganz gut, jedenfalls das mit dem Kopfstand. Wir waren die Lieblinge der Professoren, die verzweifelt nach neuen Formen der Theorievermittlung suchten. Was draus gemacht hat aber keiner von uns.

SO 36 – Wirklichkeit gestalten oder widerspiegeln?
Die Realismusdiskussion von damals hab ich noch komplett parat. Lag an der Form der Vermittlung und wurde durch die Ausstellung am Hauptbahnhof wieder abgerufen. Reisen bildet.
What’s left? Lukacs lieferte die theoretische Grundlage für den späteren sozialistischen Realismus, eine der Todsünden des Sozialismus überhaupt. Wer davon abwich, wurde verfemt, verfolgt. Ernst Ottwalt z. B. starb in Stalins Lagern. Nur dafür sollte Lukacs in der Hölle schmoren. Ich muss öfter Seminare, Workshops, Vorträge und so Zeug veranstalten. Seit der Zeit von damals sind das meist Performances, bei denen die Leute auch bei ernsten Themen mal lachen können. Diesen Powerpoint-Präsentations-Overkill kriegen sie woanders. Neulich war ich bei einer mit 36 Folien. Ich kann mich an keine Silbe mehr erinnern.
Jetzt bin ich wieder nüchtern. Guten Start in die Woche, liebe Leserinnen.
13.08.2016 – Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.
„Da schlossen wir die Grenzen, und keiner hat’s gewußt. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.“ Zeilen aus dem Lied „Im Sommer 61“ des DDR-Dichters Heinz Kahlau (sic!), den der Berliner Rundfunk am 17. August 1961 spielte. Heute vor 55 Jahren wurde der antiimperialistische Schutzwall – oder auch: Schandmauer – in Berlin errichtet. Das war der Anfang vom Ende der sowjetischen Besatzungszone. Die Geschichte wird darüber urteilen; uns, die wir dabei gewesen sind, fehlt dafür der lange Atem. Wenig Widerhall in den Medien, in der lokalen Presse kein Wort über diesen Jahrestag. Stattdessen ein Artikel: Echte Handarbeit – so entspannt Julia Roberts.
Es geht eben nichts über Handarbeit. Mundgeblasenes Glas ist auch nicht schlecht. Wobei ich mich bei diesbezüglicher Werbung immer frage, ob womit Glas noch alles geblasen wird, außer dem Mund.
Ich flöhe gerade die Nachrichtenlage, während ich immer noch steifgefroren, in meinem Arbeitszimmer sind es 17 Grad, mich an der langsam steigenden Sonne ergötze. Und freue mich ganz egoistisch darüber, dass ich hier auf einer Insel der Glückseligen lebe. Noch. Und ich hätte ja auch als Frau im Südsudan oder Syrien zur Welt kommen können.
Auch interessant: Robert Harting hat wegen eines Hexenschusses das Diskus-Finale bei Olympia verpasst. Intellektuelle lesen hier gleich: Diskurs-Fanale. Hexenschuss kenn ich, echt Scheiße.
Und dann muss ich doch noch lachen. Kunstprojekt, Chris Bangles stellt Riesenbänke im Piemont auf. Zitat:
„Die Idee für das „Big Bench Community Project“ kam dem ehemaligen BMW-Chefdesigner laut BBC, als er vor sieben Jahren von Deutschland nach Italien reiste.“ Und hoffte, dass keiner seinen dreisten Diebstahl merken würde. Ich weiß, woher er die Idee hat. Aus den wundervollen „Gärten der Welt“ in Marzahn.

Das Bild ist sechs Jahre alt. (Bin gespannt, wie ich da bei meinem nächsten Besuch raufkomme.)
zum Schluss was versöhnliches: Die CDU fordert im hiesigen Kommunalwahlkampf mehr Netz.

Netz – Niedersächsische Teilhabe Zeitung. Im ersten Entwurf des Plakates hieß es noch: Weniger Arschlöcher. Das wurde aus Rücksicht auf die bürgerliche Klientel verkürzt. Aber sonst: Alles gut. Venceremos!