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20.11.2020 – Bekannt für üble Manieren


Vorherrschend Satt-Grün, gemischt mit Azur-Blau. Wanderweg letztes Jahr somewhere im Süden. Wenn ich in hiesigen Breitengraden für mein Knochenertüchtigungsprogramm vor die Tür trete und einmal tief Luft hole, habe ich gleich den Dreck von 5 Zigaretten intus und am Ende des Mens-sana-in-corpore-sano-Parcours den Gegenwert einer ganzen Packung. Vorherrschende Farbe dabei: Depressions-Grau, gemischt mit Trüb-Braun.
Sie werden daher verstehen, liebe Leserinnen, dass ich jeden Morgen aufs Neue die Schlagzeilen durchflöhe nach einem Impfungsplan, bei dessen Verkündigung ich umgehend 6 Süd-Urlaube hintereinander buche, was ich nicht unter Erholung subsumiere, sondern unter Leben verlängernde Therapie und Prophylaxe.
Die Schlagzeilen, die mich aber heute Morgen höhnisch angrinsen, sind die über die AfD-Aktion im Bundestag, bei der Faschisten demokratische Abgeordnete und Mitarbeiter*innen bedrohten. Der Tenor der Schlagzeilen, Kommentare und Politik-Verlautbarungen: „Skandal! Darf sich nicht wiederholen! Die Schuldigen müssen bestraft werden! Grenzen wurden überschritten! Und nie darf in solchen Zusammenhängen fehlen: Wehret den Anfängen!“
Dröhnende Hilflosigkeit auf allen Kanälen, während sich die Nazis kringeln vor Lachen.
Solange noch nicht einmal auf der Analyse-Ebene das Problem-Kind beim Namen genannt wird, sind wir von einer Lösung so weit entfernt wie ich vom Literaturnobelpreis. Das Kind heißt nun mal Faschismus. Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen und das gehört als solches bezeichnet auch ins Grundgesetz und die nachgelagerte Gesetzgebung. Die konkreten Konsequenzen in der aktuellen Situation wären: Aufhebung der Immunität der verantwortlichen AfD-Abgeordneten, Mandatsaberkennung, Strafverfolgung, ebenso für deren Mitarbeiter. Verbot aller Demonstrationen mit faschistischem Hintergrund, das wären alle mit Nazi-Beteiligung. Entfernung aller Beamten mit AfD-Parteibuch aus dem öffentlichen Dienst. Verbot der AfD und aller Vorfeld-Organisationen usw. usf. …
Aber solange der Begriff „Faschismus“ hierzulande wie eine heiße Kartoffel behandelt wird und alle „aufrechten Demokraten“ (siehe Tenor Kommentare) sich beim Begriff „Antifaschismus“ bekreuzigen wie beim Anblick des leibhaftigen Gottseibeiuns, werden wir die gleichen hilflosen Worthülsen wieder zu hören bekommen, wenn das nächste Mal im alten Reichstag oder in Abgeordnetenbüros keine Leute mit Handys sondern mit Messern oder Schnellfeuergewehren auftauchen. Halle lässt grüßen.
Also Bürgerpresse, gib Dir einen Ruck und lass mal Dein kleines Latrinum raushängen mit der folgenden Schlagzeile:
Faschismus ante portas!
Den Vogel aller Kommentare aber schoss die FAZ, das Zentralorgan der BRD-Elite, ab:
„…. Die (AfD-) Fraktion habe nie Gäste mit dem Ziel eingeladen, das Parlament zu stören und Abgeordnete zu behindern. Wirklich? Vielleicht nicht im AfD-Milieu, aber im Rest der Welt sind die Gäste bekannt für ihre üblen Manieren ….“
Wir ham ja nix gegen Faschos, nur an ihren Manieren müssen sie noch arbeiten.
Ich würde wirklich sehr viel Taler auf den Tisch legen, wenn dafür Morgen Impfen wäre und ich wegkönnte, weit weg, wo kein Trüb-Braun die Farbgebung beherrscht.
Für ne Woche. Dauerhaft wird es auch im Paradies langweilig.

19.11.2020 – Abwehrkräfte stärken


Letzten Winter, irgendwo im Süden. Jetzt werden da die Orangen wieder reif, was man am Preis merkt. Zum Start eines gelungenen Süd-Urlaubs um die Jahreszeit gehören für mich zwei Rituale: Aus einem Orangenbaum eine Frucht pflücken und eintauchen die Fluten, was selbst am Atlantik mittlerweile Dank Klimawandel kein Unterfangen für Helden mehr ist. Sich unter den obwaltenden Bedingungen solche Bilder anzugucken, das grenzt schon an Masochismus. Lenkt aber andererseits auch etwas vom Tagesgeschehen ab: 22.609 Neuinfektionen. Die Zahl geht nicht nur nicht signifikant zurück, sondern steigt deutlich. Wenn das kein statistischer Ausreißer ist, sollte die Diskussion über Lockerungen, bei denen, die diskutieren können und wollen, beendet sein.
Der Mob, der weder diskutieren kann noch will, war gestern wieder zu Tausenden auf der Straße. Dass solche Demos überhaupt zugelassen werden, ist ein Skandal und basiert auf einem pervertierten Freiheitsbegriff. Die Gerichte, die solche Demos zulassen, müssen sich fragen lassen, wes Geistes Kind sie sind. Ich unterstelle solchen Richter*innen, so wie weiten Teilen der Sicherheitskräfte, eine ideologische Nähe zum Demonstrations-Mob und damit zum Faschismus. Der totalitäre Freiheitsbegriff, der bei solchen Gerichten seine Anwendung findet, lautet verkürzt wie folgt „Freiheit, Freiheit über alles, auch über das Leben von verletzlichen Individuen. Die Freiheit des Demonstrationsrechtes wird höher gewertet als das Recht des Einzelnen auf körperliche Unversehrtheit, sprich auf Schutz vor Ansteckung durch Verbot solcher Demos.“ Dieser bürgerlich-totalitäre Freiheitsbegriff fand seine Entsprechung in der Endsieg-Kampfparole des Kalten Krieges: „Lieber tot als rot“, wobei rot für maximale Unfreiheit stand. Für die Freiheit geht das Bürgertum über Leichen.
Solange es nicht die eigene ist.
Ich press mir jetzt meinen Orangensaft, das Immunsystem stärken. Abwehrkräfte sind notwendiger denn je. Sonnigen Donnerstag, liebe Leserinnen.

17.11.2020 – Schwein gehabt, 2020?


Die Morgenlage entspricht der Situation und orientiert sich am Zustand. Entsprechend gilt das Gleiche auch anders herum. Man könnte zum Satiriker werden, wenn man die aktuellen Corona Bund-Länder Nicht-Beschlüsse zur Kenntnis nimmt. Eine Garde inferiorer Zwerge namens Länderchefs probt den Aufstand gegen die Königin. Die Bundeskanzlerin bringt es wie üblich auf den Punkt: „Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut für die Bekämpfung der Pandemie.“ Ist das wirklich so schwer zu begreifen? Und was machen die Ministerpräsident*innen genannten Kompetenz-Wichte aus den Bundesländern daraus? Verschieben, verzögern, verwässern, abwiegeln. Ich spare mir die Einzelheiten, das hier ist keine Morgenzeitung.
Zeigen die Verschwörungsspinner-Demos schon Wirkung bei den MPs, die ja fast alle wiedergewählt werden wollen, und angesichts der Demos ihre Wahlvolk-Felle davon schwimmen sehen? Ist der Druck der Lobbygruppen so groß? Soll dem Mob das Weihnachtsfest nicht vermiest werden? Ist die Baustelle Schule zu unübersichtlich?
Was wäre, wenn „wir“ ein paar Monate Schul-Bildung verlieren? Wir verlieren dann den Anschluss an den Rest? Denen geht’s doch genauso wie uns, teils schlimmer, in Österreich ist komplett Lockdown an Schulen.
Wir verlieren an Wissen und Kompetenz? Wohin uns das bisherige Prinzip eines Kapitalismusorientierten „citius, altius fortius“ gebracht hat, zeigt ein Blick in die Realität: Es ist fünf nach zwölf und wir schweben mit beiden Beinen über dem Abgrund.
Es wächst eine Generation Corona heran in Schule und Vorschule, die von Mangel an Kontakten und Ressourcen geprägt wird? Das trifft für ganze Kohorten jeden Jahrgangs seit Jahrzehnten zu, arme Kinder sind nicht nur bildungsmäßig komplett abgehängt, und da kräht keine Henne nach, außer in Sonntagspredigten.
Mir wird in dieser ganzen Schul- und Bildungsdiskussion viel zu sehr von der Mitte der Gesellschaft her gedacht, in linearen Strukturen, zweidimensional sich an alten Mustern orientiert. Jetzt wäre die Gelegenheit, die bisherige Bildung grundsätzlich in Frage zu stellen, welches Wissen und welche Kompetenzen wollen wir in welchen Strukturen und zu wessen Nutzen erwerben. Stattdessen jammern alternative Weicheier über ein paar Wochen Ballettunterricht-Verlust für ihre Blagen und unterschätzen die Resilienz von Brut – und Gesellschaft – völlig. Sieht man von den Abgehängten ab, die schon jetzt keine Resilienz-Reserven mehr haben.
Als Wort zum Dienstag und zum Trost, liebe Gemeinde, möchte ich in Erinnerung rufen, dass grundsätzlich bei Seuchenbekämpfung die 3-c-Trias gilt: Concept, controll, command.
Frau Dr. Merkel, übernehmen Sie.

15.11.2020 – Nein zum MERKILL-Faschismus!


Quer“denker“ Demo, Hannover, 13.11.2020. Zu wenig Liebe als Kind, als kleiner Dicker beim Fußball immer als Letzter in die Mannschaft gewählt oder Hantavirus-Befall? Wie um der Hölle Willen kommt jemand auf so eine Wahrnehmung unserer Gesellschaft als tödlichem, von Merkel gesteuerten Faschismus? Als bei der Demo der Bus des Verschwörungsideologen Schiffmann eintraf, dem Erfinder der Querdenker-Bommel, was kein Witz ist, ging ein sich langsam aufbauendes Raunen durch die Menge, was sich zu einem rhythmischen Sprechchor verdichtete. Es hatte etwas messianisch Anmutendes. Angesichts der Tatsache, dass sich das alles direkt am Holocaust-Denkmal abspielte und die Polizei keinerlei Anstalten machte, wie andernorts die Demo mit Wasserwerfern aufzulösen, obwohl die Mehrzahl dort keine Masken trug und dicht bei dicht stand, packte mich ein Würgen. Ich trollte mich.
Musste ich mir sowas antun? Reicht da nicht Zeitungslektüre?
Natürlich nicht. Politische Bildung kann nur durch Praxis nachhaltig erfolgen. Über die Wahrnehmung, was sind das für Leute, wie sind die drauf, was für Fahnen, Parolen, Rituale, welchen Habitus, Klassenzugehörigkeit usw.
In Hannover anderes Bild als z. B. in Berlin, kein Naziblock auf den ersten Blick, wenig Parolen, kaum Fahnen, nur zwei, drei bunt-alternative Peace Fahnen, ein anscheinend repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung, Loser, Verpeilte, Alternative, Normalos, Wohlsituierte… Der Irrsinn kommt aus der Mitte der Gesellschaft und geht quer durch sie.
Linke sind nicht dabei. Wer mit Nazis marschiert, ist kein Linker.
Wäre dieser messianische Schiffmann Chor nicht gewesen, hätte ich vielleicht Schulterzuckend und emotionslos die Wallstatt geräumt. So aber blieb ein unguter Cocktail aus Wut, Trauer, Ungläubigkeit, mit einem Dash Cognac Pierre Ferrand aus dem stets mitgeführten Flachmann. Gerade bei Demo-Feindbeobachtung gilt: Stets mit Haltung, Stil und Niveau.
Wo bleibt das Positive? Das Gefühl, Emotion gespürt zu haben. Was in Zeiten mangelnder Kultur, Restaurantbesuche, Reisen, Action etc. ja schon ein Wert für sich ist. Sich selber mal intensiver zu spüren als beim Zähneputzen ist in Zeiten gleichförmigerer Tage nicht das Schlechteste.
Und eine Beobachtung im Mikrobereich: Das von mir oben geschilderte Eintreffen des Querdenker-Bommel Schiffmann beschrieb die hiesige Bürgerpresse wie folgt: „Applaus brandete auf.“ Diese falsche Wahrnehmung der Realität bringt das Elend der Bürgerpresse auf den Punkt: Sie hat vom Ganzen nur einen Schimmer, eine ungefähre Ahnung, schaut nie genau hin und ist des Edelsten beraubt, was uns die Aufklärung an die Hand gegeben hat: Der radikalen Kritik der bestehenden Verhältnisse.
Es reicht eben nicht Zeitung zu lesen. Entscheidend is auf‘m Platz.

13.11.2020 – Ich tippe für den 24.01.21 auf 30.726 Neuinfizierte.


Vor einem Jahr. Da habe ich es noch genossen, keine Menschenseele zu sehen, egal ob am Strand, on the road oder vor einer Bar am Marktplatz beim Portwein. Jetzt ruft der Anblick von weniger werdenden Menschen in der Öffentlichkeit andere Emotionen hervor.
Keiner weiß, wie sich die Infektionszahlen in nächster Zeit entwickeln werden, wie sich der Lockdown light auswirkt. Was mich zur Zeit skeptisch stimmt, ist die geringe Abnahme von Mobilität, vier Prozent im Vergleich zu 30 Prozent in der früheren Lockdown Phase, und das, wo Mobilität der Motor für Viren-Verbreitung ist….Und selbst wenn in zwei Wochen die Infektions-Zahlen spürbar sinken sollten, was wird mit dem Mega Spreader-Event Weihnachten? Fammillje ist aktuell vermutlich mehr denn je der imaginierte Zufluchtsort für Emotionen, Nähe, Geborgenheit, und viele werden sich vom Virus nicht abhalten lassen, Weinachten in Fammillje, Feeling und Rotwein zu machen. Auf dass die Polizeieinsätze wegen innerfamiliärer Gewalttaten spätesten am 26.12 und die Infektionszahlen gegen Ende Januar explodieren mögen. Ich tippe für den 24.01.21 auf 30.726 Neuinfizierte. Wer wettet dagegen? Wer näher dran ist, kriegt nen Roten. Flasch La Tache oder Amselfelder oder so Zeug, mailen Sie mir einfach eine Zahl und am 25.01 sehen wir weiter.
Ein Argument gegen einen Schul-Lockdown war: Dann werden Kinder vermehrt häuslicher Gewalt ausgesetzt. Was sagt das über unsere Gesellschaft und den Aggregatzustand des Systems Familie aus, wenn solche Befürchtungen schon für nur ein paar Wochen auftauchen? Meyer zwo, beantworten Sie die Frage! Da brauchen Sie sich gar nicht so hinter Ihrer Vorderfrau wegzuducken, ich seh Sie trotzdem. Ich seh alles.
Apropos Familie: Heute und nächste Woche sind in Hannover Querdenker-Demos. Dazu muss hier nichts mehr geschrieben werden. Nur so viel: Solche Demos mit Maskenverweigernden sind natürlich auch Virenverbreiter. Als Drama-Queen würde ich formulieren: Die tragen den Tod in ihre Familien. Ob die Bilder, Erzählungen, Soziale-Netzwerk- Geschichten, die daraus resultieren, etwas ändern werden an den Mentalitäten der Quer“denker“ (denken Sie dran, „denken“ in dem Zusammenhang immer in Abführzeichen zu setzten!)? Eher nicht, da solche Charaktertypen nicht nur Argument resistent sind, sondern auch Empathie befreit. Außer erbärmlichem Selbstmitleid ist da nicht viel.
Was uns Denkenden bleibt, ist die Hoffnung darauf, dass uns Bilder wie das Obige nicht mehr lange vorkommen mögen wie aus einem anderen Jahrhundert, aus einer anderen Welt.

10.11.2020 – Nun aber hebt der Gott des Planes seine Schwingen


Impressionen aus der Heimat, Teil 2 – Vegetarians Nightmare.
Wenn wir dereinst Zeitzeuginnen befragen, wie sie die Seuche erlebt haben, wird wieder gelogen, dass sich die Balken biegen. Nichts ist so unzuverlässig wie Oral history, da wird die eigene Vergangenheit ohne Erbarmen über den Leisten des jeweiligen Zeitgeistes geschlagen, siehe Nationalsozialismus. Vor dem Krieg wurde das Regime mit einer Zustimmung von eher über 80 Prozent der Bevölkerung getragen. Es lockte ja fette Beute wie beim massenhaften Diebstahl an jüdischem Eigentum, wovon Millionen Haushalte profitierten. Nach der Niederlage des Faschismus gab es rückblickend auf einmal nur Widerstandskämpfer oder innere Emigrantinnen. Also wird bei einer späteren Seuchenbefragung jede von Anfang an geahnt haben, dass da was Schwerwiegendes auf uns zukommt. Ich habe ein relativ untrügliches Verhaltensprotokoll: Den vorliegenden Blog, in dem ich mal geblättert habe, und laut dem ich nicht von Anfang so schlau war (später dann umso mehr…).
Im Februar habe ich über Corona noch während einer Live-Veranstaltung Witze gemacht. Anfang März habe ich mich einen Tag nach einer Live-Vernissage-Rede von mir einen Narren gescholten, dieses Risiko eingegangen zu sein. Am 22.04 habe ich 10:1 gewettet, dass wir noch dieses Jahr einen Impfstoff zur Marktreife kriegen. Und zwar unter explizitem Verweis auf den Kapitalismus, der in der Dynamik seiner Profitgier immer wieder unterschätzt wird. Zitat:
„Ich hoffe auf den Kapitalismus als Lösung. Bei einem Impfstoff lockt so viel Profit, dass vermutlich Ressourcen wie nix in die Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne gepumpt werden. Den beteiligten Forscherinnen winkt darüber hin aus Ruhm und Ehre und die Rechnerleistungen sind hoch wie nie. Also setze ich einfach 10 : 1, dass noch in diesem Jahr Impfstoff marktreif wird.“
Am 25.04 hatte ich dann die Lösung des Problems Seuchencontainment parat: Zitat:
„Aktuell wäre ein brutalstmöglicher Lockdown das Mittel der Wahl: 3 Wochen Inhouse Quarantäne für alle. Und wer auf die Straße geht, wird erschossen.“
Aber auf mich hörte ja mal wieder keine.
Der Rest meines Seuchenerlebens war dann in mir mitunter aufwallender nackter Hass auf die Querdenker-Faschisten, bedingt gezügelt durch Satire-Dystopien, Klopapier-Verbrennungen und Gedöns.
Was bleibt, ist die Alltrösterin Lyrik:
Nun aber hebt der Gott des Planes seine Schwingen
Es locken Ioniens Gestade.
Der Impfstoff bringt den Börsenkurs zum Singen.
Aber geflogen wird erst später. Schade.

Preisfrage, ist das ein: 1. Jambus, 2. Trochäus, 3. Daktylus oder 4. Anapäst?

05.11.2020 – Jahrhunderthochwasser.


Es wächst zusammen was zusammengehört.
Erinnern Sie sich noch an die letzte Jahrhundertflut in unseren Breitengraden? 2013? 2006? 2002? 1997? Waren alle vier welche? Alles ist relativ, der Wandel ist dynamisch, was heute Katastrophe ist, gilt Morgen als Normalfall. Was sagt die Wissenschaft:
„Für Jahrhundertfluten in Küstengebieten ist, dem Sonderbericht des Weltklimarats über die Ozeane und Kryosphäre (2019) zufolge, damit zu rechnen, dass das, was heute eine Jahrhundertflut ist, um 2100 in niedrigen Breitengraden jährlich auftreten wird.“
Das fiel mir bei der nicht seltenen Bezeichnung der Corona Seuche als Jahrhundertereignis ein. Und was wird 2022? 2026? 2033? Welches Jahrhundertereignis sucht uns dann heim? Der große Zen-Meister und Existentialphilosoph Joseph Herberger hat zwei grundlegende Erkenntnisse formuliert: „Nach der Seuche ist vor der Seuche“ und „Die nächste Seuche ist immer die schwerste“. Der famose Ror Wolf schrieb in abgewandelter Form darüber. Lesenswert! .
Mir fehlt es leider an virologischen und bakteriologischen Grundkenntnissen und ich sollte in diesem Blog besser manchmal den Seuchenball etwas flacher halten. Meine Befürchtung, dass das aktuelle Virus irgendwann mal so mutieren könnte, dass es unbehandelt eine Mortalität wie das HI Virus hat, nämlich annähernd 100 %, dürfte allein deshalb daneben sein, weil das Virus kaum Interesse hat, seinen Wirt auszurotten. Aber wenn uns dereinst mal eins auf aerosoligen Pfaden heimsucht, bei dem am Ende des Tages hämorrhagisches Fieber rumkommt wie bei Ebola oder Marburg, mit Todesraten von bis zu 90 %, dann möchte ich lieber nicht im Eichsfeld, sondern in Portugal sein, im Land wo die Sardinien blüh‘n.
Bei meiner seit Jahrhunderten gehegten Einschätzung, dass die Gesellschaft, wie wir sie kennen, aus verschiedenen Gründen langsam den Bach runter geht, bleibe ich. Ich hatte nur gehofft: Nach mir die Sintflut.
Meint, wenn es soweit ist und richtig derbe kommt, dass ich dann schon die Grassnarbe von unten sondiere. Mittlerweile bin ich mir da nicht so sicher.
Im Moment aber gebe ich mich noch der Irritation hin, dass es zwei aufeinanderfolgende Tage gab, wo im Mittelpunkt meines Denkens, Fühlens und Handelns die Frage stand:
Was mach ich mir heute zu essen?
Das ist bei Lichte betrachtet eigentlich die Vorstufe zur Verwesung.
Genug der Düsternis. Auf in die Markthalle 9, Zutaten für einen Mettwurst/Sardinen-Auflauf besorgen.

04.11.2020 – Vor die Tür gekotzt


Szenekneipe Grotte, Hannover.
Irgendwann ist auch mal gut mit dystopischer Schwarzmalerei und eschatologischen Düster-Prophezeiungen. Der Blick auf die knappe (!!) US-Wahl hat mir den Rest gegeben. Wenn die dümmsten Kälber Kohortenweise ihre Metzger selber wählen (20 Prozent aller schwarzen Männer, die Frauen sind bei weitem nicht so behämmert, wählen Trump) ohn Unterlass‘, dann ist es an der Zeit, den Chronistenstaub von den Schuhen zu schütteln und in der Vergangenheit zu kramen, aus Selbstschutz. Sonst wird man rammdösig im Kopf und allzu viele illegale Substanzen zwecks Stimmungsaufheiterung sind ungesund. Legale erst recht. Was man und frau auch, aber natürlich nicht nur, in dem famosen Blog des verehrten Kollegen Martin Schwarz nachlesen kann. (Da hab ich früher schon mal drauf verlinkt, aber die Seite ist umgezogen). Eine Sittengeschichte der 68er, entfaltet an der Geschichte der hannöverschen Szenekneipe Maulwurf, die aber pars pro toto BRD-weit gelten dürfte. Zitat über den Paradigmenwechsel Anfang der 70er: „… Im Maulwurf duftete es nach Patchoulie, Gras- und Pfirsichöl. Statt Marx, Adorno und Marcuse wurde nun Castañeda, Leary, Hesse und Bukowski gelesen …“ Sur le point! Meines Bleibens dort ward nicht länger als harte Drogen Einzug hielten.
Ähnlich duster orientiert von der Namensgebung her wie der im dunklen Untergrund wühlende Maulwurf war die Szenekneipe Grotte, die zu meiner Überraschung noch existiert, wie ich beim Flanieren durch das diesbezügl. Viertel unlängst realisierte. Es muss nicht immer Berlin sein für Entdeckungen. Ob der Che auf dem Kneipenschild mehr als Zierrat ist, weiß ich nicht. Kneipen sind nicht mehr so mein Ding. Hier folge ich meinem eigenen psychoanalytischen Ansatz, nachdem Kneipen Uterusersatz für nicht zu Ende geborene Männer sind. Aber irgendwann sollte man sich doch mal abnabeln.
Zu meinem psychoanalytischen Modell der Kneipe als Uterus-Ersatz: Es ist dort dunkel, feucht, köstlicher Nährstoff ohne Ende, und wer einmal im Morgengrauen aus einer Kneipe wankte, im Grenzbereich zwischen ausklingendem Vollrausch und sich anbahnendem Megakater, und vor die Tür gekotzt hat, der weiß, was die Revitalisierung eines Geburtstraumas ist. Wie ich grundsätzlich bei vielen Zeitgenoss*innen das Gefühl habe, ihre Existenz ist eine einzige Posttraumatische Belastungsstörung, basierend auf ihrer Geburt. Wenn Sie, liebe Leserinnen, sich das Profil der zumeist älteren Herren, die nach meiner Theorie nicht zu Ende geboren sind, in solchen Kneipen anschauen (besser von draußen), werden Sie Übereinstimmungen feststellen: Bindungsgestört, Angst vor dem eigenen Innern, ein Fragmentkörper (siehe auch Theweleit)
Wenn Sie sich Kneipennamen aus der Zeit anschauen, werden Sie einige Indizien finden, die unbewusst von der Namensgebung her meine Uterus-Theorie stützen.
Die älteste noch existierende Szenekneipe aus der Zeit bei mir umme Ecke heißt: das Ei.
Irgendwie kommt mir die Theorie bekannt vor. Entweder hab ich die geklaut oder hier schon mal verzapft.

03.11.2020 – Mein schlechtes Gewissen


Eins von ca. 3.000 gleichen Plakaten in Hannover. Hintergründe zur Wohnungslosigkeit in Hannover und warum die Initiative jetzt die Werkzeuge zeigt, hier. Das ist auf fast sämtliche Ballungsgebiete zu übertragen.
Hier kollidieren zwei Rechtsgüter. Auf der einen Seite das Recht auf Eigentum, auf der anderen Seite das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das Recht auf Eigentum ist im § 14 GG geregelt, der einschränkend in der Folge auf die Eigentumsverpflichtung gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit hinweist.
Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist in § 2 GG geregelt. Es gilt, im Gegensatz zur Freiheit der Person und zum Eigentum, uneingeschränkt. Insofern kann Wohnungslosigkeit und nachfolgend Obdachlosigkeit gegen den § 2 GG verstoßen. Das Leben auf der Straße kann töten.
Was wiegt höher? Das Leben eines Obdachlosen oder, im Extremfall, das Recht auf Spekulation mit Wohnungen durch deren Leerstand? Ist es moralisch legitim, leerstehende Wohnungen unter bestimmten Umständen, so zur Vermeidung von toten Obdachlosen im Winter, zu besetzen?
An dieser Frage scheiden sich die Geister.
Eigentum ist ein Fetisch in unserer Gesellschaft, ein nicht hinterfragter Religionsersatz, ich bin der Herr, Dein Gott. Wenn der Knochen (Wohnungs-)Eigentum in den gesellschaftlichen Zwinger geworfen wird, jault das Bürgertum, Pawlowschen Hunden gleich, im Chor sofort los: Besetzungen sind illegal. VERBOTEN! Eine Unterscheidung zwischen legal und legitim oder eine Begründung erfolgt nicht. Selbst wenn wortreich zuvor in Sonntagspredigten das Los der Wohnungslosen beklagt wurde, gerne auch zur Pflege der eigenen Eitelkeiten, ist hier Ende Gelände. Da geht es dem Bürger ans Eingemachte, dann trennt sich die Spreu vom Weizen und die Wohnungslosen wissen, wo sie reale Solidarität erfahren können.
Ich begrüße den hier vorliegenden illegalen Ansatz auf das Schärfste. Werde selber bei Besetzungen aber nicht mitmachen, – das Alter, Zipperlein hier, Zipperlein da, Sie wissen schon. Und die Vorstellung, eventuell bei Minusgraden mittels Wasserwerfern von der Ordnungsmacht zur Raison gerufen zu werden, schreckt mich doch. Ich bleibe lieber Maulheld. Das Gute an denen ist ihr schlechtes Gewissen, von dem sie sich, je nach Kassenlage, freikaufen möchten …..

02.11.2020 – Hanswurst und Arturo Ui


Berlin – Es ist ausgeschildert.
Es gibt bestimmte Codes in öffentlicher Sprache, darin ähnelt sie der Zeugnissprache, die muss man übersetzen. Die Formulierungen lesen sich auf den ersten Blick positiv, wohlwollend, konstruktiv, aber wehe, man schmeißt die Dechiffriermaschine an.
Ein Tenor (Vorsicht bei der Betonung) in der Bürgerpresse ist aktuell, soweit das zu meiner Kenntnis gelangt, der Lockdown-light Appell an die Vernunft und Kooperation der Einzelnen, sonst müssten wir bei aller von oben verordneten Regelungsdichte in den Lockdown hard. Es
klappe nur, wenn alle an einem Strick ziehen und wenn möglich, in die gleiche Richtung.
Heißt übersetzt: Wir schaffen es nicht mit dem Lockdown light. Denn dass es mit Moral, Vernunft und Einsicht in der bürgerlichen Gesellschaft stetig bergab geht, auch wenn sich viele noch strebend bemühen, haben sogar ihre medialen Organe begriffen. Insofern ist es mit dem Lyrik-Appell an die Einzelnen so wie mit der Sonntagspredigt: Wir brauchen jetzt die Klimawende. Mehr Gerechtigkeit. Frieden auf der Welt. Freibier für alle. Und Eierkuchen.
Hört sich alles toll an, schreit jede sofort hurra und 112 Prozent Zustimmung. Weil jede weiß, dass jedes Wort dieser Appelle weniger wiegt als ein Gran Hoffnung. Insofern ist mein Urteil über die Bürgerpresse auch heute wieder: Sie war nach besten Kräften bemüht.
Ich verlass mich als Kompass da eher auf meine Ästhetik, ist sie doch untrügliches Zeichen individueller Spannungen und gesellschaftlicher Deformationen. Dass ich mir so ein Kitschding wie oben gekauft habe, spricht Bände. Normalerweise sortiere ich seit Jahren eher aus und stell mir nicht so eine Geschmackszumutung in die Wohnlandschaft, die man nur mit Mühe als ironisches Meta-Ebenen Zitat verkaufen kann (siehe auch Gartenzwerge). Berlin als unerreichbarer Sehnsuchtsort, als Mischung aus Utopia und Arkadien. Irgendwo las ich unlängst, dass für viele Berlin-Zuwanderer diese Stadt der Roman ihres Lebens ist. Schöne Formulierung.
Statt Utopie also Kitsch. Die nächsten Monate werden echt finster. Die US-Wahl Morgen wirkt da auch nicht aufhellend. Egal, wie sie ausgeht, ob es zu Gewalt und Unruhen kommt, die Tatsache, dass eine Mischung aus Hanswurst und Arturo Ui wie Trump auch nur in die Nähe einer Kandidatur kommt, und sei es für das Amt eines Klassensprechers, spricht Bände. Das zeigt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft der Kern zum Faschismus angelegt ist. Mitunter wird er durch die Verfasstheit der Zivilgesellschaft und Stärke der Institutionen am Keimen gehindert, sind beide aber derart marode und unausbalanciert wie in den USA, dann entwickelt sich das in Stufen, was man nicht erst seit Übermorgen dort sieht.
Aus dieser Erkenntnis heraus waren ja auch die Verfassungsrealität und Gründungsmythos der DDR explizit antifaschistisch ausgelegt. Was von der Geschichte nicht gewollt war. Der Mob wollte lieber nach Mallorca.
Aber bevor ich mich hier wieder zu sehr über das gemeine Volk erhebe, gestehe ich hier und heute, frank und frei, vor Göttin und der Welt: Ich will im Moment auch Nichts lieber als nach Mallorca. Sonne, 22 Grad, Wasser 21….
Seufz, jaul, jammer.
Aber ab jetzt wieder, das gilt auch für Sie, liebe Leserinnen: Zähne hoch und Kopf zusammenbeißen. Unter Druck wird ja aus Kohle Diamant.