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25.04.2020 – Ein kleiner Schitt für die Menschheit


Toilettenpapier steht wieder im Regal und wird nicht mehr rationiert an der Kasse abgegeben. Ob das ein Zeichen für wachsende Vernunft ist, weiß ich nicht. Keinesfalls ist es ein Zeichen für Normalität. Wir sind weit entfernt von früherem Alltagsverhalten und müssten uns, ginge es nach Vernunft, eine neue Seuchen-Normalität angewöhnen, neue Kulturtechniken, Styles, Rituale. Wozu u. a. gehört, dass das Abdecken der unteren Gesichtshälfte mittels Maske dauerhaft ebenso gesellschaftlich dominant wird wie das Verdecken primärer Geschlechtsorgane in der Öffentlichkeit. Normal und vernünftig.
Es gibt aber leider nennenswerte Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft, die die Grenze zur Geisteskrankheit überschreiten. Siehe Geisterspiele-Plan im Fußball. Es ist nicht ersichtlich, dass die irren Protagonisten (weiße alte Männer) einer solchen Idee sofort in eine Klappsmühle verfrachtet werden. Daher gehe ich davon aus, dass wir auf Grund nennenswert vorhandener Vollidiotie in der Anstalt BRD noch sehr lange das Corona-Virus als bestimmenden gesellschaftlichen Rohstoff unter uns haben.
Und wer weiß, von was für einem Virus der abgelöst wird. Mit was für gesellschaftlichen Konsequenzen wir dann rechnen müssen.
Aktuell wäre ein brutalstmöglicher Lockdown das Mittel der Wahl: 3 Wochen Inhouse Quarantäne für alle. Und wer auf die Straße geht, wird erschossen. Für humanistische Weicheier*innen: ab auf die Quarantäneinsel, hier schwebt mir Nowaja Semlja vor. Zur Erinnerung: für das HI-Virus gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung mit zig Milliarden Investitionen noch immer keinen Impfstoff….
Immer wenn ich denke an irgendeinem Ärgernis muss ich mich nun nicht mehr abarbeiten, kommt es knüppelhageldick hinterher. Siehe weiße alte Männer. Die schicken ihren dümmsten Trottel der Kompanie vor die Mikrophone, den Weltärztepräsident Montgomery, der die Maskenpflicht kritisiert und zum Teil als lächerlich bezeichnet. Begründung: Man hält dann keinen Abstand mehr und verseucht sich am Stoff beim Abnehmen. Soviel grenzdebiles Verhalten wollen wir gerne dem großen Weltarzt zutrauen. Wäre Frau Vernunft (es heißt ja nicht umsonst „die Vernunft“, aber z. b. der Rinderwahnsinn) Chefin der Ärzte und dem Rest, würden alle brav weiter Abstand halten als eines von vielen neuen Ritualen einer neuen Seuchen-Normalität und die Maske sofort beim Nachhausekommen an den Gummibändern abnehmen und in einem dafür bereitstehenden Gefäß abkochen. Sowas muss eine normale Kulturtechnik werden, wie das Arschabwischen nach dem Kacken. Aber da hat der weiße alte Weltarzt offensichtlich Probleme mit. Mit den Kulturtechniken.
Sie wissen vermutlich, was Synästhesie ist. Farben fühlen, hören oder schmecken, Musik sehen etc., gekoppelte Wahrnehmung eben. Mir geht es so synästhetisch, wenn ich Uralt-Nazi Alexander Gauland im TV sehe. Dann umwölkt meine Nase der Geruch nach weißen alten Männern, eine ranzige Kopfnote, mit altschweissigen Basistönen und einem Hauch alter Käsesocken, vermengt mit Noten von ekligem Rasierwasser wie Pitralon oder Kölnisch Wasser plus Mottenkugeln.
Ob das daran liegt, dass er immer dasselbe Jackett trägt und man davon ausgehen darf, dass sich ähnliches im Underware und Sockenbereich abspielt?
Ich wünsche allen Lesenden eine gesunde, sorgenfreie Zeit.

22.04.2020 – Corona ist erledigt


Hölderlin-Gedichte an Litfaßsäulen. Gelobt sei ein Kiez, wo es sowas gibt? Na ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, liegt das natürlich nicht an diesem vollkommen verschnarchten Kiez hier namens Hannover-Linden, sondern an mir. Trotz fortgeschrittenen Alters bin ich noch nächtens illegal unterwegs und versorge die Republik mit Poesie. Wer so viel Altruismus und Aufklärungsbewusstsein misstraut, liegt teilrichtig: Es geht mir auch um den Kick, das kleine bisschen Adrenalin. Und um das Gefühl des Straßenköters, der sein Revier durchstreift und sich beim täglichen Anblick – das Plakat klebt einen halben autonomen Steinwurf von meiner Haustür entfernt – instinktbefriedigt sagt: Gut dem Dinge, die Ecke hab ich auch markiert mit meiner Duftnote.
Wer Ohren hat zu lesen, konnte den Plakathinweis im famosen Blog Zeitgeisterbahn des geschätzten Kollegen Sievers lesen, in der adäquaten Verarbeitung von Corona unter dem Eintrag „Corona ist erledigt“.
Das Original-Foto mit dem heutigen MP von Niedersachsen entstand anlässlich einer Aktion des SCHUPPEN 68, mit der wir einen substantiellen Beitrag zur Sanierung der hiesigen Stadtfinanzen leisteten.
Was die reale Erledigung von Corona angeht, bin ich skeptischer denn je. Der Mob ist bereits jetzt ermattet ohne das tägliche Angebot an Brot & Spielen, Urlaub & Arbeit, Fußball & Oktoberfest. Was ich angesichts enormer existentieller materieller Bedrohung für Millionen nachvollziehen kann, aber für kurzsichtig halte. Wenn nach der jetzigen Lockerung die Infektionsraten wieder steigen, weil sich Millionen Idioten einfach nicht an grundsätzliche Regeln halten, haben wir ein Problem, das wir vor Impfstoff nicht wieder einfangen.
Dann gibt es nämlich in jedem Landkreis jede Menge Patient*innen „Null Punkt zwei hoch n“, also einen nicht nachvollziehbaren, nicht eindämmbaren Wiederausbruch an x verschiedenen Stellen gleichzeitig.
Ich hoffe auf den Kapitalismus als Lösung. Bei einem Impfstoff lockt soviel Profit, dass vermutlich Ressourcen wie nix in die Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne gepumpt werden. Den beteiligten Forscherinnen winkt darüber hin aus Ruhm und Ehre und die Rechnerleistungen sind hoch wie nie. Also setze ich einfach 10 : 1, dass noch in diesem Jahr Impfstoff marktreif wird.
Eine Frage schwebt mir im Laienhinterkopf: Das Coronavirus ist 10x tödlicher als Grippe. Es ist in Milliardenfacher Kopie unterwegs. Viren mutieren alle Rotznasen lang. Ist es möglich, dass irgendwann im Rahmen dieser Verbreitung eine Mutation entsteht, die 100x tödlicher ist?
Und wieder muss ich Angela Merkel, gelernte Naturwissenschaftlerin, recht geben mit ihrem Diktum zur Unterbindung der Öffnungsdiskussionsorgien. Sie als Naturwissenschaftlerin weiß 10x besser als all die medialen Tagesschau-Dummschwätzerkommentatoren, vermutlich alles abgebrochene Soziologie-Studenten, die sie für den Begriff kritisieren.
Ich hoffe, ich habe Unrecht, aber diese Öffnung zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Fehler.
Und Angela wird mir fehlen. Wenn ich an ihre potentiellen Nachfolger denke, krieg ich von Trauer umflorte Lachkrämpfe. Armin Laschet z. B. war Chefredakteur einer Kirchenzeitung (Angela Merkels Diplomarbeit aus dem Juni 1978 mit dem Titel „Der Einfluß der räumlichen Korrelation auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei bimolekularen Elementarreaktionen in dichten Medien“ wurde mit „sehr gut“ bewertet… )
.. Gott sei uns gnädig.

20.04.2020 – Aufruf zu Tausend 1. Mai-Einpersonen-Demos


Blick in die Geschichte: 1. Mai 1993, Hannover. Die Avantgarde der Arbeiterbewegung an der Spitze des hiesigen Demonstrationszuges.
Am 01. Mai 2020, dem klassischen Kampftag der Arbeiterbewegung, veranstaltet das Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 die kürzeste 1. Mai-Straßen-Demonstration der Welt. Der 1. Mai-Demonstrationszug besteht aus einer Person, nämlich mir. Die Aktion wird beim Guinnessbuch der Rekorde nach Durchführung angemeldet als kürzeste 1. Mai-Demo der Welt.
Hintergrund: Alle offiziellen DGB-Maikundgebungen auf der Straße sind auf Grund der Corona-Krise abgesagt. Die Entscheidung des DGB in Zeiten von Corona auf Straßendemos zu verzichten, ist solidarisch und richtig. Die Verlagerung der 1. Mai-Aktivitäten ins Internet ist zu begrüßen, das reicht aber nicht aus. Entscheidend für die Tradition und Perspektive eines 1. Mai – und grundsätzlich jeder sozialen Bewegung – ist der substantielle Kern von bürgerlicher Öffentlichkeit: die Straße. Ohne Aktivitäten auf der Straße hätte beispielsweise „Fridays for Future“ niemals solche Wirkmacht erreicht.
Um mal den zwielichtigen Lenin zu zitieren: Was tun? Hier ist Kreativität gefragt: Ich werde als Ein-Personen-Demo die offizielle Route des DGB-1.Mai-Marsches in Hannover abschreiten. Die Aktion ist polizeilich angemeldet. Zu dieser Intervention gehören Performance-Elemente. An 14 verschiedenen Stationen, einer bewussten Analogie zu den 14 Kreuzweg-Stationen, finden kurze Stopps und Aktionen statt: u. a. Gedichtlesung mit Werken von Herwegh, Tucholsky und Majakowski, 1 Bier wird geöffnet, 1 Bratwurst verzehrt, 1 Flugblatt verteilt (Coronasicher), Mai-Nelken abgelegt …

Elementen der hannöverschen Einpersonen-1. Mai-Demonstration. Das Motto auf dem Demo-Schild „I‘m against it!“ ist von Marx – und zwar von Groucho Marx (aus dem Film „Horse feathers“). Die meisten Moves von Otto Waalkes sind von den Marx Brothers geklaut, ohne die anarchischer Humor hierzulande ab den 70ern jenseits von Fips Asmussen nicht denkbar wäre.
Alle sind aufgerufen, es ähnlich zu machen, also eine 1. Mai-Einpersonen-Demo zu veranstalten, in freier Gestaltung mit passenden Symbolen, Parolen, Outfits. Nach eigener Wahl der Uhrzeit, vom eigenen Wohnort aus, zu den Plätzen, wo die Maikundgebungen ursprünglich stattfinden sollten. Für den Fall, dass es dort zu Begegnungen mit Anderen kommt, gelten natürlich Abstandsregeln und Maskenpflicht. Dadurch wirkt der 1. Mai sowohl auf der Straße, nach außen, als auch bei allen Beteiligten, als Akt politischer Selbstermächtigung und ästhetischer Autonomie.
Motto: Getrennt marschieren, vereint wirken.
Ein virtuelles 1. Mai Bier mag gesund sein, schmeckt aber nach Nichts. Und soll die 1.-Mai-Bratwurst auf dem heimischen Drucker gegrillt werden?
Das geht auch anders, auf der Straße:
1. Mai – Coronafrei und Spaß dabei!

18.04.2020 – Der 1. Mai findet doch statt!


1. Mai Demo 2019, Berlin. Und wer kriegt das ganze enteignete Zeug dann? Das Volk etwa?! Liebe Genoss*innen von der FAU , das würde ich mir beim derzeitigen Zustand des Volkes aber dreimal überlegen. Über den Staat als neuen Eigentümer lass ich gerne mit mir reden, und da sind wir via Staatsbeteiligungen an Konzernen als Folge der Corona-Krise ja auf einem guten Weg. Ich bin mal gespannt, ob die Konzernchefs dann nach TVÖD bezahlt werden.
Die altlinken Genossinnen aus der 68ff Zeit fallen als Chefinnen ja aus, nach ihrem mühsamen Marsch durch die Institutionen von links unten nach rechts oben verzehren sie nun den Lohn dafür im Retiro in der Toskana oder im reetgedeckten Fachwerkhaus im Wendland. Nur noch ganz zähe Brocken wie Wilfried Kretschmann, MP Ba-Wü und ex-Kader des Kommunistischen Bundes Westdeutschland KBW sind noch unverdrossen aktiv, wenn er auch auf mich einen zunehmend desorientierten Eindruck macht. In einem schönen Artikel über die Irrungen, die sie nur zu gerne verschweigen, und Karrieren ehemaliger Maoisten in der BRD schreibt das Neue Deutschland sehr treffend:“„Der Maoismus scheint über Kretschmann gekommen zu sein wie eine psychische Krankheit, die er sich nicht erklären kann.„
Gemessen an der Mitgliederzahl der hier im Mao-Projekt akribisch archivierten linksradikalen Politsekten und Splittergruppen ist die Zahl derer, die später Karriere machten bei den Grünen, in den Medien, Unis, in der Wirtschaft, bis hin zu den Nazis wie nicht nur Horst Mahler, ganz enorm. Die KPD-ML hatte nur ein paar hundert Mitglieder und der KBW wenige 1000, mit vielen Karteileichen. Insofern waren diese Politsekten tatschlich Kaderschmieden, aber nicht als Avantgarde der Arbeiterklasse sondern als Protagonisten eines neoliberalen Kapitalismus.
Kein Wunder, bei den Kompetenzen, die man und frau damals im Klassenkampf erwarb: Hohe Konfliktfähigkeit, rhetorisches Geschick, Organisationstalent, Belesenheit und Intellektualität, enorme Durchsetzungskraft bis zur Brutalität, Willen zur Verantwortung, viel Fleiß, Medienaffinität und technisches Know-how, usw. usf. , die Liste der Karrierekompatiblen Kompetenzen ließe sich lange fortsetzen. Egal ob an Unis, bei Demos, vor Werkstoren, in der Auseinandersetzung mit dem Klassengegner oder gar dem linken politischen Todfeind, überall musste das Häuflein dreckiger Dutzend in den jeweiligen Regionen alles selber machen, organisieren, verstehen, Mut und Verantwortung zeigen bis hin zum Gang in den Knast. Und wer die ökonomischen Texte, die politischen sind leichte Strandlektüre, von Marx (Karl! Nicht Groucho!) verstanden hat, der kommt auch mit ministerialen Durchführungserlassen klar.
Man kann zu Recht viel über solche Leute lästern. Aber eins kann man ihnen nicht abstreiten: Sie haben sich eingelassen und haben für etwas gebrannt. Wo der Rest im linken Mainstream der 70er und 80er räsonierend in linken Szenekneipen beim Bier überwiegend hohles Zeug und später vor der Kneipe Erbrochenes von sich gab, waren sie im Leben. Im falschen zwar, aber das weiß man immer erst hinterher. Und das sind die schrecklichsten aller Spießer, die hinterher alles besser wissen, und sich deshalb vorher nie auf irgendwas einlassen.
Hauptsache Leben, dann kann man im Altersheim was erzählen. Vielleicht vom 1. Mai 2020, der nun laut DGB offiziell auf der Straße ausfällt und nur virtuell stattfindet, bestimmt mit ein-, wenn nicht sogar zweistelligen Klickzahlen.

1. Mai Demo 2019, Berlin. Der Rest.
Wahrlich, wahrlich, ich aber sage Euch, der 1. Mai 2020 findet hier auf der Straße statt, so wahr mir Marx helfe (Beide, Karl und Groucho).

15.04.2020 – Samstags gehört Vati mir!


Plakat aus dem DGB-Archiv zum 1. Mai 1973, Berlin .
Heuer fällt der 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse, an deren Seite ich nach wie vor unverbrüchlich stehe, wegen Corona aus. Das ist auch besser so, denn nichts macht die aktuelle Schwäche der Gewerkschaftsbewegung offensichtlicher als das deprimierende, Rollatorgestützte Häuflein Halb-Aufrechter, die hier in Hannover noch mitwanken. Dass der Altersdurchschnitt dieses 1. Gerontologischen Volkskongresses unter 100 war, lag nur daran, dass ich unverdrossen mitmarschierte, und ich bin weiß Marx auch nicht mehr der Jüngste…(Auch wenn es sich nicht so anhört, diese Kolleg*innen haben meinen Respekt und Solidarität)
In jeder Krise steckt aber eine Chance, um hier mal tief in die Plattitüdenkiste zu greifen. Und Meister Hölderlin zufolge wächst, wo aber Gefahr ist, das Rettende auch, und zwar in diesem Fall in meiner Person. Mit einer Intervention zum 1. Mai, an deren Design ich gerade arbeite, mehr darüber demnächst hier und in der Weltpresse.
Grundsätzlich wird meine Intervention dem ranzigen Mai-Charme von Bratwurst, Freibier (Corona!) , Erbsensuppe und DGB-Chor mit „Brüder zur Sonne, zur Breitheit“ oder „Völker, wo sind die Urinale?“ den Wind der Veränderung einhauchen. Kunst ist, um in der Plattitüdenkiste weiter zu stöbern, schön, macht aber viel Arbeit. Heißt im vorliegenden Fall: Recherche. Bei meiner Recherche für besagte Intervention stieß ich auf die Galerie der Plakate des DGB zum 1. Mai seit Adam und Eva, ein Sammelsurium von grafischen Entgleisungen und verzweifelt Harmoniesüchtigen Formelkompromissen a la: „Für ein soziales Europa!“ Wer hätte je öffentlich ein asoziales Europa gefordert…
Mir fiel sofort das Plakat zum 1. Mai 1973 ins Auge. Wer sich ein bisschen in der Ikonografie radikaler linker Bewegungen der Nachkriegszeit auskennt, sieht, das hier in Form- und Farbsprache und auf der Ebene der Botschaft linksradikale Gesinnung dokumentiert ist: Das Schwarzrot der Anarchisten, später im schwarzen Block der Autonomen verankert, ist ebenso explizit wie der Klassengegensatz „Kapital – Arbeit“, der sonst auf keinem DGB Plakat in der Form ausgesprochen wird. Die Begrifflichkeit „Mai-Ausschuss“ knüpft an den „Wohlfahrtsausschuss“ der französischen Revolution an und die Aufzählung der Bündnispartner war viel geübte linksradikale Praxis in jener goldenen Zeit der Revolte, die übrigens auch gleichzeitig das Goldene Zeitalter des Kapitalismus war, so viel Dialektik muss sein. Dieser Fund, Ausdruck ‘73 offensichtlich noch vorhandener starker linksradikaler Strömungen im DGB, ließ mich weiter recherchieren und ich gelangte, nicht zum ersten Mal, auf das Mao Projekt, ein Archiv linker radikaler Opposition aus jenen Tagen.
Unter dem 1. Mai 1973 ist hier eine verwirrende Vielfalt von sich gegenseitig bis aufs Messer bekriegender Politsekten und Strömungen dokumentiert, die sich in x Maidemos manifestierte, wo allerdings jeweils mitunter Tausende mitmarschierten. Insgesamt wohl bis 50.000, inklusive verschnarchter Reste offizieller DGB „Bonzen“, die folgendes Saalprogramm anboten:
„’Paul Kuhn und das SFB-Tanzorchester, Potpourri; Work Song; Der Mai ist gekommen; If I Had a Hammer… Musik-Schau, Olivia Molina, Paul Kuhn und das SFB-Tanzorchester – Glory, Glory Halleluja; Schön ist die Welt; So oder so (Olivia Molina); Godfather …“
Lustiger ging es beim Anarchistischen Arbeiter Block mit 1000 Leuten zu, wo auch Ton, Steine Scherben aufspielten, während die KPD mit der Parole „Gegen die Arbeiterfeindliche Brandtregierung“ den roten Wedding belästigte. Was für eine verrückte Zeit. Mehr darüber demnächst. Mein DGB-Lieblingsplakat bleibt aber das von 1956

1. Mai 1956.
Die Fünftage-Woche war endgültig 1967 erkämpft worden. Ich kann mich noch erinnern, Samstags meinen Vati ins Büro begleitet zu haben, um in die faszinierende Welt von Bleistiftkurbelanspitzern und Walter RKZ Rechenmaschinen einzutauchen.
Heidewitzka, wie bei den Erinnerungen meine 1. Mai-Intervention Wind in die schwarzroten Segel bekommt…

13.04.2020 – Maskentragen wird Pflicht, da wette ich 10 : 1 drauf


Willst Du verhüten,
Nimm Melitta Filtertüten.
So oder ähnlich hieß ein Schnack aus meiner Jugend. Inwieweit das praktikabel ist, überlasse ich der Phantasie der geneigten Leserinnen (Leser wären damit in jeder Beziehung überfordert). Bei der Corona-Maske oben haben Kaffeefiltertüten durchaus eine praktische Funktion, sie werden vor Gebrauch durch einen Schlitz unten an der Maske eingezogen, nachdem sie passgerecht gefaltet wurden. Nach Gebrauch entfernen und Maske auskochen. Fangen Sie jetzt damit an, Maskentragen wird Pflicht, da wette ich 10 : 1 drauf. Die Pflicht wird publikumswirksam veröffentlicht mit der Ankündigung: Wir fahren die Wirtschaft schrittweise wieder hoch.
Aber bitte keine Ankündigung am vielfach kursierenden 20. April, wo angeblich ein Tag der Entscheidung sein soll, wo’s denn nun langgeht, Sieg oder Niederlage an der Virusfront. Am 20. April hat Hitler Geburtstag.
Natürlich ist eine Maske blöd für Brillenträger, je dichter, desto Atembeschlagener die Brille. Aber sie ist in meinen Augen nicht nur Schutz für Andere und starkes Symbol, innerhalb kurzer Zeit werden beim massenhaften Tragen die Nichtträger stigmatisiert, als unsolidarisch.
(Ich hab einen Nachbarn neulich gelobt: „Find ich gut, dass Du jetzt auch ne Maske trägst. Aber musste es eine sein, die so Scheiße aussieht?“ Sie ahnen es, er trug natürlich keine.)
Ich gehe davon aus, dass so eine Maske auch den Träger schützt, was anfangs in Abrede gestellt wurde. Natürlich ist das kein FFP 3 Schutz, aber die Gesetze der Physik werden doch hier nicht außer Kraft gesetzt. Wenn ich einen Ball aus 5 Metern gegen eine Wand werfe und dazwischen ist nichts, ist die Trefferquote 100 Prozent (Virus trifft frontal ungehemmt auf). Ist da eine Plexiglaswand dazwischen, ist die Trefferquote 0 Prozent (Virus prallt immer an Plexiglasmaske ab). Ist da ein Netz zwischen, hängt es von der Maschenweite ab, wie viele Bälle durchfliegen (Viruseinfall je nach Poren-Größe der Kaffeefilter und der Maske).
3 Lagen Kaffeefilter übereinander haben einen Effekt von 50 Prozent,. Besser als nix, also fangen Sie morgen damit an, noch sind Sie Vorreiterin.
Bald wird es auch einen Maskenstyle Wettbewerb geben. Ich warte nur auf die erste Maske in den Nationalfarben schwanzrotzgold. Früher hätte ich welche in Rastafarben in Auftrag gegeben, heute wird es eine mit dem Logo meines hochgeschätzten Künstlernetzwerkes

Logo.
Gruseln tut – tuut tuut – es mich allerdings vor der Welle von T-Shirts im Sommer mit Corona-Humor. Ich bekenne, selber Motto T-Shirts noch im hohen Alter getragen zu haben, aus Werbe- und Demozwecken mit obigem Logo. Dafür schäme ich mich öffentlich: „Vater, ich habe gesündigt wider das 11. Gebot „Du sollst würde- und geschmackvoll altern“.
Man trägt jenseits der 30 keine T-Shirts mehr, mit Humor, Sprüchen, was auch immer. Das ersetzt bestenfalls politisches Handeln durch platte Parolen, ist nie witzig und nur in Ausnahmenfällen, von denen ich allerdings noch nie einen gesehen habe, ästhetisch ansprechend. Motto T-Shirts haben was trotzig-verklemmtes, der Träger (zu 90 % Männer) will sich irgendwie individuell absetzen, Distinktion zeigen, siehe auch Tätowierungen. Ein Walk über die Uferpromenade eines beliebteren Ortes im Süden präsentiert Abgründe wie „Diesen Körper formte Bier und Mett“ mit entsprechenden Symbolen, über einer 150 kg Wampe, mit weißen Socken und Flipflops.
Motto T-Shirts sind aus psychoanalytischer Sicht bedruckte öffentliche Entschuldigungen für die eigene Existenz.
Und bei sowas hab ich mitgemacht. Gut, dass Ostern das Fest der Vergebung ist.
Hoffe ich jedenfalls.

12.04.2020 – Wer zahlt für die Krise?


Jagodaberger 1999. Jagoda hieß der damalige Chef der Bundesanstalt für Arbeit und die Flasche war eine Idee vom Arbeitskreis Arbeitslose Linden, damals eine der bundesweit führenden Erwerbsloseninitiativen. Politisch aktive Erwerbsloseninitiativen gibt es nach 15 Jahren Hartz IV kaum noch. Um die Jahrtausendwende gab es über 4 Millionen offizielle Arbeitslose, ca. 10 Prozent. Eine Konsequenz zur Bekämpfung dieser Krise war Hartz IV.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Corona-Krise ähnlich teuer wird wie die Wiedervereinigung. Eine Folge der Annexion der Ostzone: Die Armutsquote hat sich seit Mitte der Neunziger um ca. 50 Prozent erhöht und die Ungleichheit bei den Einkommen, aber vor allem beim Vermögen hat rapide zugenommen.
Was werden die Folgen der jetzigen Krise sein? Wachsende öffentliche Schulden, Steuerausfälle, steigende Arbeitslosigkeit, zunehmende Firmenpleiten, Konkurse, Privatinsolvenzen – man muss kein Prophet sein, um für die nächsten Jahre wenig Gutes zu erwarten. Zumindest für jene 40 Prozent der Bevölkerung, die arm sind, im Niedriglohnsektor arbeiten, prekär selbstständig sind, keine Rücklagen oder Schulden haben. Das strahlt materiell und ideologisch auf die Mitte der Gesellschaft aus, deren ohnehin vorhandene Verrohungstendenz sich verstärken dürfte.
Materielle Krisen-Gewinner werden Vermögende sein, sie besitzen zum großen Teil Wohneigentum, das nicht selbst genutzt wird und der Vermögensbildung dient. Diese Mieteinnahmen sind durch die Maßnahmen der öffentlichen Hände vorerst gesichert. Außerdem profitieren sie direkt von staatlichen Schulden. Die werden vor allem durch Staatsanleihen finanziert. Den Kauf von Staatsanleihen muss man und frau sich leisten können, Paketboten und Krankenschwestern können das nicht. Die Zinsen für deutsche Staatsanleihen sind zwar extrem niedrig, aber ihr Basis-Wert steigt, vor allem in Krisenzeiten, weil sie mehr Sicherheit versprechen als Aktien. Vertiefen kann man das hier, auf einer des Kommunismus eher unverdächtigen Seite.
Reichtum nimmt zu und Armut nimmt zu. Krisenfolge. Eine von vielen.
Ich gehe davon aus, dass selbst Minimalforderungen wie eine Vermögensabgabe bei einem Freibetrag von 2,5 Mio. Euro nicht umgesetzt werden (Freibetrag bedeutet, dass die Steuer erst ab 2.500.001 Euro greift) Zur Erinnerung: Beim Lastenausgleich zur Bewältigung der Kriegsfolgekosten nach 1945 betrug die Abgabenlast 50 Prozent, getragen von einem gesellschaftlichen Konsens.
Wo bleibt das Positive? Das Foto vom vergoldeten Brandenburger Tor in der BZ, die wie andere über meine PM berichteten, hat mich zu einer schönen Idee für ein neues Nationaldenkmal inspiriert. Mehr dazu demnächst. Bleiben Sie drin!
Dass die BZ die PM falsch im zentralen Bericht der Forderungen zitiert PM Landesarmutskonferenz fordert gerechte Kosten-Verteilung für Corona-Krise, hätte mich früher geärgert. Da sich eh nix ändern wird und es wichtigeres gibt, seh ich das österlich-gelassen…

11.04.2020 – Wie wird die erste Medien-Schlagzeile jenseits von Corona lauten?


Virus macht erfinderisch. Kühlmanschetten für Wein & Sekt hab ich für jeden Wochentag eine, da kann im Notfall eine abgezweigt werden. Wer geht schon gerne in Sanitätsbedarfshäuser…?
Mein erster Corona-Eintrag in diesem Blog war am 22.02, im Rahmen eines meiner üblichen Flachwitze. Das Thema war da also bei mir präsent, aber offensichtlich undramatisch. Interessanter ist, wann in diesem Blog der vorläufig letzte Corona-Eintrag sein wird. Und zu welchem Anlass die Medien flächendeckend mit etwas anderem als Corona aufmachen werden, um mal das leider zunehmend aus der Mode geratene Futur I zu verwenden.
Mir schwant da echt nichts Gutes.
Eben Schlagzeilen überflogen: neuester Verdacht, der Virus kann sich durchaus über Bioaerosole verbreiten. Da die in großer Menge tief in den Atmungsapparat eindringen und schwerste Krankheitsverläufe begünstigen, könnte sich daraus die Tatsache erklären, dass in Italien auch viele junge Pfleger und Ärzte an Covid-19 gestorben sind, die ungeschützt Patienten versorgt haben und eigentlich keine Risikogruppe sind. Hier, leider hinter Bezahlschranke.
In Verbindung mit der – extrem offensichtlichen – Vermutung, dass Luftverschmutzung einen schlechteren Verlauf bei Lungenkrankheiten bewirkt und ich an der dreckigsten Straße des Universums wohne, frage ich mich, wieso ich nach wie vor so heiteren Gemüts bin… Muss wohl an meinem Terminkalender liegen. Die einzigen Einträge für nächste Woche:
Dienstagabend: Müll raus
Mittwochmorgen: Müll rein
Also an Stress werd ich bestimmt nicht sterben….
Bevor das Ganze hier kabarettistisch ausartet, fällt mir auf, dass obiger Satz „ … wann in diesem Blog der vorläufig letzte Corona-Eintrag sein wird …“ , anders gelesen werden kann, als ich ihn meinte ….
Zum Schluss doch noch was Lustiges. Ich gucke jetzt öfter mal TV und schöner als viele Filme sind die Rezensionen dazu auf TV Spielfilm:
„ …. Drama ist ja fast so schwierig wie Komödie. Wenn es richtig vergurkt ist, wird’s unfreiwillig lustig – wie in dieser debil vor sich hin dräuenden Schändung der Artussage: Nach Arthurs Tod muss sich dessen unehelicher Sohn Owain als Nachfolger bewähren… Excalibur, ein alter treuer Ritter, Merlin, Hexerei und Sachsen – talentfrei hakt Regienulpe Antony Smith mit seiner Laienspielschar ab, was ihm weniges, aber Dümmliches eingefallen ist.“
Chapeau, da war eine Meisterin ihres Faches unterwegs.
Rohe Eiertage, liebe Leserinnen und nach wie vor gilt: Coronafrei und Spaß dabei.

04.04.2020 – Corona Extra


Nebenan, hat das Zeug zur Kultkneipe, in postcoronösen Zeiten.
Morgens aufgewacht, was eindeutig ein Fehler war. Corona ist immer noch da, Boris Johnson lebt noch, Trump ist noch nicht mal infiziert und Bill Withers ist tot. Sieht so Gerechtigkeit aus, oh Herr?! Dürfte ich nur ein Lied auf die sprichwörtliche Insel (ohne Empfang, das muss man heute dazufügen) mitnehmen, wäre es vermutlich „Lean on me“. Der weitere Vormittag verläuft nur unwesentlich besser als meine eigene Hinrichtung. Ich ertappe mich dabei, wie ich an der Spüle gefühlt tagelang auf einen schmutzigen Teller starre und mich nicht entscheiden kann, ob ich ihn einfach abspülen oder zum dreckigen Restabwasch stellen soll. Nachdem ich zwei Stunden für den Weg zum PC gebraucht habe, um Mails zu checken, stelle ich mit Entsetzen fest, dass da zwei dienstliche dabei sind. Eine Entscheidung wie zwischen Scylla, Charybdis, Pest und Cholera: Welche mache ich zuerst auf? Wie reagiere ich darauf? Einfach ignorieren? Zur Sau machen? Auf nächste Woche verschieben? Konstruktiv gar? Letzteres vergesse ich gleich. Der Entscheidungs-Rest lässt mir den Schweiß ausbrechen, und das mir, der ich normalerweise entscheidungsstark wie ein Torpedo durch das Meer der Mails pflüge. Herrjemine. Soll ich gleich an meinen Drogenschrank gehen, erst den Morgenbrandy köpfen oder lieber doch den Mittagsschlaf vorziehen?
Schon wieder Entscheidungen. Ich flüchte in meinen Blog (siehe hier) und siehe da, Erleichterung und Erkenntnis machen sich breit. Ich bin offensichtlich in der mir bekannten Faulheitsfalle gelandet.
Ich habe im Moment mangels Termine weniger zu arbeiten, die Kulturproduktion ruht, social distancing ist angesagt, Gartenarbeit ist was für den Mob.
Faulheit ist auch Genuss und ich habe reichlich in den letzten Tagen genossen. Aber irgendwann ist das ein sich selbst verstärkender Prozess, der schwer umkehrbar wird.
Ich kenne das aus Phasen von Arbeitslosigkeit, wo ich an einem bestimmten Punkt feststellte, dass ich pro Tag mehr erledigt hatte an jobfernen Tätigkeiten, als ich noch in Lohn und Brot war.
Das Fehlen von Struktur, Ordnung, Sinn, Sozialität, ist neben dem materiellen Zaster-Mangel das Krebsübel bei längerfristiger Erwerbslosigkeit und das wird je nach Länge der Corona-Krise und Kurzarbeit, von wachsender Arbeitslosigkeit, auch von Home-Office, noch zu Verwerfungen führen. Da würde mich eine Jahresverbrauchskurve von Psychopharmaka mal interessieren.
Ich tröste mich derweil mit dem erhabenen Gefühl von Sinn und Struktur in meinem Leben, wenn ich die zwei Positionen „Butter“ und „Eier“ von meiner Erledigungsliste streichen kann. Außerdem kenne ich solche Phasen der sich selbstverstärkenden Faulheit, irgendwann überwältigt mich meine preußische Arbeits-Ader der Pflichterfüllung und Disziplin, irgendein geniales Kunstprojekt, das nun aber final meinen Durchbruch bringt, hat mein Hirn beim Kacken wie der Blitz getroffen und harrt der Konkretisierung und mein Blog bleibt mir immer. Falls Sie, liebe Leserinnen, solche Phasen wie hier beschrieben kennen oder noch kennen lernen werden, mein Rat:
Schreiben Sie auch einen Blog, erstmal mit Ihren ganzen Reisen vollmüllen, dann mit Ihrem nichtigen Alltag, und wenn Sie’s klebrig wollen, mit Ihrem Beziehungsfrust, aber um Göttins Willen anonym, das Internet verzeiht niemals!
Und wenn Sie einigermaßen Statistikaffin sind, können Sie sich an denen ihres Blogs lange ergötzen. Hier mein Beispiel:

Statistik Blog-Tagesverlauf 01.04.2020. 1005 Visits (=Besucherinnen), die 2839 Pageimpressions (= einzelne Klicks im Besuchsverlauf, z. B. auf ein Bild, oder einen Link) hinterließen. Zwischen 0 und 7 Uhr war Ruhe im Besuchskarton, dann zieht die Kurve an und hat zwei Peaks um 15 Uhr, zum Feierabend hin, und 22 Uhr, zum Bubu hin, noch mal schnell gucken, was der putzige Autor wieder hinterlassen hat.
Ich liebe Statistiken.
Und jetzt beantworte ich die zwei Mails. Es geht voran.
Und die Sonne lacht auch, da sind wir schon zu zweit.

03.04.2020 – Merkt kein Arsch


Noch ist das Fenster heile.
Dieser Umweltladen ist bei mir umme Ecke, in einem Viertel, wo Grüne und Linke zusammen die absolute Mehrheit im Bezirksparlament haben und die FDP eine Splitterpartei ist. Jede zweite Einwohnerin ist Sozialarbeiterin oder Lehrerin, der Rest macht irgendwas mit Medien, Kultur oder Arbeitslosigkeit. Da gibt’s haufenweise Umweltläden wie den obigen, Dritte-Welt-Läden oder öffentliche Kuschelstuben. Alle lächeln sich beim Corona-Abstandhalten-Wettbewerb freundlich zu, soweit unter den seuchenartig sich ausbreitenden Masken erkennbar, und eine rosazarte Wolke von kollektiver Zärtlichkeit schwebt über diesem Viertel. Was mir seit Jahren schwer auf den Sack geht in seiner selbstreferentiellen Kiezbesoffenheit, deren Horizont am Ende der nächsten Kneipentheke endet. Deswegen ziehe ich aber noch lange nicht in einen sozialen Brennpunkt.
Das ist wie mit der Ostzone. Ich habe die DDR immer für den besseren Staat gehalten, je länger tot, desto mehr, aber ich hätte mir sicher eher einen Nagel in den Kopf gehämmert als dahin zu ziehen. Das ist keine reine Inkonsequenz, das hat auch was mit einem Denken vom Ende her zu tun. Ich habe den Grünen-Alternativen resp. der DDR immer misstraut resp. waren mir ihre Lebenswelten egal. Es kann nichts Gutes dabei rauskommen, wenn Menschen in lila Latzhosen und selbstgehäkelten Pullis resp. im Stechschritt durch die Gegend latschen. Schaun wir also mal, was hinten bei rauskommt.
Wie wird sich hier im Kiez, und auch anderswo, häusliche und innerfamiliäre Gewalt manifestieren? Wenn man den Unken (Gelbbauchunke, grünes Wappentier, wurde von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde zum Lurch des Jahres 2014 gekürt.) Glauben schenken soll, wird in Zeiten von Corona-Isolation bald Mord und Totschlag in doitschen Fammilljen ausbrechen. Kaum hängt man und frau drei Wochen zusammen ab, müssen der häusliche Friede und die Kinder dran glauben. Was für eine feine Gesellschaft. Da schimmert beim Artikel 6 des Grundgesetzes seine so nicht gemeinte aber wahre Bedeutung durch (was übrigens das Wesen bürgerlicher Ideologie ist), da heißt es in Satz 1:
„Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“
Nach Lage der Dinge kann es sich hier nur um Polizeischutz handeln.
Wenn die Gewalt denn bemerkt, öffentlich wird. Die Dunkelziffer liegt bei 80 Prozent. 2017 starben 147 Frauen durch Gewalt des Partners. Für alltägliche Gewalt unterhalb der Tötungsschwelle gilt im Normalfall: Merkt kein Arsch. Siehe oben, siehe bürgerliche Ideologie.
Diesen Eintrag, liebe Leserinnen, können wir aber unmöglich so trostlos und ohne Hoffnungsschimmer am Horizont beenden. Vielleicht heitert ja der Blick auf das theoretische Fundament meiner rasiermesserscharfen Analyse der zerfallenden Verhältnisse auf

Meine drei Säulenheiligen.