18.01.2026 – Wie mir einmal ein Blogeintrag völlig entgleitzte

Blick zurück in heitere Zeiten. Dieses ewige düstere Dümpeln in trostloser Gegenwart zwischen Trump, Faschismus, Antisemitismus, Klima, Spaltung und Grönland ist der mentalen Gesundheit nicht förderlich. Also vorwärts nach rückwarts, in die Goldenen Jahre und Welten. Siehe oben. Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate bei der EXPO 2000 in Hannover. Es war Sommer, die Welt war zu Gast in Hannover, Heiterkeit schwebte über allem. Rotgrün regierte die BRD, Aufbruch zu neuen Ufern. Probleme? Fehlanzeige. Das größte Problem damals zur Jahrtausendwende schien der Millenium Bug Y2K zu sein, weil die Datumsumstellung ins neue Jahrtausend auf digitaler Ebene nicht funktionieren würde und alle Fahrstühle abstürzen würden. Oder so ähnlich. Nichts davon passierte.

Auf der EXPO 2000. Ich war mitteljung und abenteuerlustig. Und draußen, in der Welt, würde das Ende der Geschichte nach dem Fall der Mauer in eine Riesenparty übergehen.

Nur notorische Schwarzseher mäkelten an diesem und jenem rum, ein bisschen Klimakrise, ein bisschen Rechtsextremismus, die Dotcom Blase war gerade geplatzt. Das Einzige, was ins Gewicht zu fallen schien, war die Arbeitslosigkeit, 10,7 %. Aber das würden Koch und Kellner, Schröder und Fischer, Arsch und Eimer, Rot und Grün auch noch in den Griff kriegen. Mit ihrer Wunderwaffe, der Agenda 2010, die da noch als Referentenentwurf eines gewissen Frank-Walter Steinmeier in dessen Schublade reifte. Nicht der arme Peter Hartz war ja der Schurke in dem Stück „Größter Sozialraub der Nachkriegsgeschichte“, es ist der gütig-präsidial dreinblickende Grüßaugust Steinmeier. Der es unter den Gesichtspunkten kritisch-historischer Würdigung geschafft hat, die Rolle von Arsch und Eimer in sich zu vereinen, ohne dass da auch nur irgendwas Negatives an ihm haften geblieben ist.

Die Geschichte hat gezeigt, dass 2000 eine tiefgreifende Zäsur bildete, den Übergang von der Postmodernen in ein Krisenzeitalter als Vorstufe von Autoritarismus und Faschismus. Das Platzen der Dotcom-Blase wuchs sich mit den Folgen des Anschlags vom 11. September 2001 zu einer Weltwirtschaftskrise aus, mit einem Anwachsen von Massenarbeitslosigkeit. Danach: Eurokrise, Lehman Pleite, Kriege, Seuchen, Anwachsen von Nationalismus und Rechtsextremismus …. Der Rest ist Geschichte und bei einigen noch präsent.

Nicht ganz so präsent bei vielen sind die Nachwirkungen der Agenda 2010 und ihre kritische Einordnung. Sie wird in Teilen der neoliberalen Öffentlichkeit als Wunderwaffe gegen Arbeitslosigkeit gepriesen und Masterfolie für eine noch radikalere Agenda 2030. Fakt ist: Das Original hat durch Ausweitung prekärer Beschäftigung die Arbeitslosenquote externalisiert. Was vorher arbeitslos war, tauchte jetzt in der Armutsquote, via prekärer Beschäftigung, auf. Während die Arbeitslosenquote aber einer der Parade-Parameter der bürgerlichen Nationalökonomie und in den Medien, und damit für den Politikbetrieb ist, interessiert die Armutsquote keine Sau.

Arbeitslosigkeit halbiert, Armutsquote fast verdoppelt. Kaninchen aus dem Hut gezaubert, das Publikum versteht nichts und applaudiert. Die Konzerne wurden entlastet, die Konjunktur-Krisenkosten dem Steuerzahler an den Hals gehängt, der stotternde Wirtschaftsmotor sprang dem Gesetz der zyklischen Krisen zufolge wieder an, es folgten 10 Jahre Dauerhoch. Für Konzerne, Aktienbesitzer, Wohlhabende. Bis Corona und Ukraine. So weit ein kurzer Ausritt in die Geschichte, der eigentlich als therapeutische Selbstheilungsmaßnahme gedacht war. Dieser Blogeintrag ist mir unter Therapiegesichtspunkten völlig entgleist.

Der Ausritt ist aber nicht völlig nutzlos. Ich habe das auch deshalb geschrieben, weil eine Ursache der desaströsen aktuellen Entwicklungen die allgemeine Ahistorizität ist. Geschichtsvergessenheit. 1933; Hitler, böse; 1989, Mauer weg, gut: Das wissen die Meisten noch. Aber dahinter wird die Erinnerung und Einordnung der Geschichte in Zusammenhänge und Strukturen finster, verdunkelt unter anderem durch die täglichen Tsunamis an bunten Bildern der sozialen Medien. Wenn wir aber von der Geschichte nichts wissen, können wir das Heute nicht begreifen.

Und deshalb bin ich auch dafür, dass der Ami Grönland besetzt. Dann würden die meisten anderen Nato-Staaten die Fußball-WM 2026 im Amiland boykottieren, aus Solidarität mit Drönland. BRD, England, Frankreich, Spanien, Portugal, Belgien, die Besten der Welt, bis auf Argentinien und Brasilien. So eine WM interessiert bei uns keine Sau mehr. Und einer der gruseligsten Anblicke der jüngeren Geschichte bliebe mir erspart: Ein schwarzrotgoldenes Fahnenmeer bei einem eventuellen Titelgewinn 2026 der Ostgoten. Wie weiland 1990, woraufhin in ganz Ostgotistan Ausländerheime brannten, im Zeichen eines neuen, alten Nationalismus.

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