
Allerlei Memorabilia in meinem Regal. Plakat vom legendären Auftritt des ingeniösen Duos Gleitze & Sievers im Raum2 in Neutramm, ein Gastgeschenk für einen Vortrag beim SoVD Heidekreis, ein selbstgetöpferter Donald als Rastaman und eine Antiquität, Verkaufswert ca. 200 Euro (was für ein paar Tage Winter-Unterkunft im Süden reichen würde). Die Figur dürfte um die 100 Jahre alt sein.
Das Frauenbild, das dadurch repräsentiert wird, ist viele hundert, tausend Jahre älter. Eine Männerprojektion, Frauen als junge, hübsche, freundliche, duldsame Wesen, nackt und verfügbar. Ein Bild des Patriarchats. Und insofern älter als der Kapitalismus und die Klassengesellschaft. Womit wir bei den Begriffen sind, die in der öffentlichen Rede über die Epstein-Affäre merkwürdig unterbelichtet sind, obwohl sie zentral und konstituierend dafür sind. Da wabern jede Menge Verschwörungstheorien um den Globus und der sexuelle Aspekt dieser Affäre dominiert den Diskurs. Natürlich ist allein schon der Anblick von so überaus hässlichen und unattraktiven Tätern wie Andrew oder Bill Gates überaus ekelerregend und der schlimmste Aspekt dieses Skandals (der natürlich nicht besser wäre, wenn die Beiden aussehen würden wie George Clooney, Vergewaltigung bleibt Vergewaltigung).
Aber es ist nicht der einzige. Und weil er so dominant beredet wird, verdeckt er die anderen, die Klassenverhältnisse im Kapitalismus dahinter, die die Affäre in diesem Umfang erst ermöglicht haben. Gewalt von Männern gegen Frauen, sexuelle Ausbeutung, der Blick der Macht der Männer auf die Ohnmacht der Frauen (siehe Skulptur oben) ist so alt wie das Patriarchat. Über 3000 Jahre. Die ganze Bibel ist eine einzige patriarchale Erzählung, eine der Zähmung und Züchtigung von Frauen durch Männer.
Jus primae noctis, das Recht der ersten Nacht, mag ein Mythos sein, den es als reales Gesetz und Brauch nicht gab. Aber der reale Kern dieser Erzählung berichtet sehr wohl von Macht und Gewalt des Männer-Adels im Mittelalter gegen Bäuerinnen und Bedienstete. Und ganz offen und flächendeckend war dieses asymmetrische Macht- und Gewaltverhältnis gesellschaftliche Praxis in der aufkommenden Bürgerklasse des Industriekapitalismus im 19. Jahrhundert. Wenn der Hausherr eine Bedienstete geschwängert hatte, wurde die entlassen und es blieb ihr oft nur die Prostitution zum Überleben.
Das Epstein-Netzwerk ist kein zu skandalisierender Einzelfall, in dem sich der Mob an Figuren wie Gates und Andrew ergötzen kann. Dass alte, weiße Männer als Angehörige der Elite, der herrschenden Klasse, junge, hübsche Frauen aus prekären Verhältnissen sexuell ausbeuten und vergewaltigen, ist ein Strukturmerkmal der Geschichte hin zur Moderne und kein singuläres Phänomen.
Dass dieser Skandal flächendeckend und über Jahre ungestraft stattfand in einer Phase von ökonomischen Krisen, Verfall der Demokratie, wachsender Spaltung der Gesellschaften, Rollback von Frauenrechten, das scheint mir unterbelichtet in all dem spekulativen Geschwätz, ob Andrew bei der Ausübung des Aktes übermäßig geschwitzt und Bill Gates sich mit einer venerischen Krankheit angesteckt habe. Das sind Nebelkerzen, die den Kern des Problems verschleiern. So widerwärtig sie auch sein mögen. Erinnert mich an den Abzählvers meiner Kindheit: Eins, zwei, drei vier Epstein, alles muss versteckt sein.
Was mir als Bild im Moment haften bleibt, sind Fotos von Jack Lang, gegen den in der Affäre wegen Geldwäsche und Steuerbetrug ermittelt wird. Ehemaliger Kulturminister und Sozialist. Ein über 80jähriger, der sich die Haare schwarz färbt. Das sieht so überaus grotesk aus bis ins eklige lappend, dass sich die Frage aufdrängt: Was um Himmelswillen hat dieser Mann für ein Bild von sich? Das Problem sind eben nicht nur die Frauenbilder der Männer, sondern ihre Bilder von sich selbst.
Kritische Geister könnten jetzt vor dem Hintergrund des Geschriebenen natürlich fragen, wieso ich eine derartige Frauenfigur in meinem Regal stehen hätte.
Natürlich als Material der Anklage. Mein Frauenbild entspricht eher einer Mischung aus Meryl Streep und Clara Zetkin. Aber sicher bin ich mir da auch nicht. Panta rhei.