
Neulich am Bahnhof
Falsche Frage. Es muss heißen: Was erwarte ich von der DB? Antwort: Nichts. Ich habe die Bahn jahrelang gegen Kritik verteidigt. Weil ich gerne Bahn fahre. Entspannt sitzen, dösen, lesen, im Speisewagen einen Riesling verklappen, aus dem Fenster schauen, und, leider, Smartphone glotzen, bestenfalls damit einen Plan für das Reiseziel machen. Was gibt’s an Kultur in Berlin z. B.
Leider habe ich mich mittlerweile in das Lager der Bahnhasser eingereiht. Hass ist in der BRD eine wachsende Gefühlswährung und einmal in meinem Leben möchte ich im Gleichklang mit dem Mob schwingen.
Bahn-Hass. Der letzte Tropfen in das Bahn-Hass-Fass: Mein Versuch, über die DB Navigator App das Deutschlandticket für diese Saison zu buchen. Eine wundervolle Einrichtung, dieses Ticket. Ich brauche mich bei Ausflügen von Berlin aus – Warnemünde, Eisenhüttenstadt, Potsdam, Müggelsee etc. pp., alles wundervolle Destinationen – nicht um Fahrkarten kümmern. Und bei einmal Warnemünde und zurück plus ein Tagesticket in Berlin ist der Preis schon raus. Natürlich sollte aus sozialökologischen Gründen so ein Ticket nur 9 Euro kosten (eigentlich muss der komplette ÖPNV kostenlos sein, siehe Luxemburg oder Dünkirchen), wie im Sommer 2022, als die Bürger*innen von den explorierenden Energiekosten entlastet werden sollten. Aber bis es soweit ist, bin ich alt und weißhaarig.
Was soll’s. Is halt so. Ich hätt auch gerne ne eigene Talkshow im TV, aber das Leben ist nun mal keine Ponyhof.
Was ich beim Versuch, das D-Ticket über die App zu buchen erlebt habe, das spottet jeder Kuhhaut. Ich hab’s dann über die App von Transdev gemacht, kann ich nur empfehlen, problemlos in ein paar Millisekunden. Der Kontakt mit der DB hätte selbst Buddha in den Wahnsinn getrieben, Telefon-Warteschleife 37 Minuten, bis ich das erste humanoide Wesen am Ohr hatte, das natürlich auch völlig überfordert war. Der Mail-Kontakt mit der DB-KI verläuft dergestalt grotesk, dass ich in meiner letzten Mail gefragt habe, ob es in deren Familie Fälle von Geisteskrankheit gegeben hätte.
Getröstet hat mich die ins transzendente lappende Reaktion meiner Mail an: kundendialog@bahn.de . Die Antwort: Your message couldn’t be delivered. Ihre Nachricht konnte nicht zugestellt werden. Besser hätte ich die DB-Kompetenz in Sachen Kundendialog nicht zusammenfassen können.
Eine ganz grandiose und satirefreie Sauerei ist allerdings die Tatsache, dass seit 01.03.2026 im Service (!)-Center der DB im Bahnhofe Hannover (und bundesweit) kein Verkauf und keine Beratung (!) mehr zum Deutschlandticket stattfindet. Nur noch digital. Das ist eine unglaubliche Diskriminierung von Senior*innen, von denen immerhin ca. 5 Mio., also die Hälfte, kein Handy nutzen. Und von all jenen zumeist Armen ohne digitalen Zugang, die dieses Ticket als Bestandteil von Teilhabe am ehesten bräuchten.
Was der DB das Genick gebrochen hat, ist natürlich der Kapitalismus. 2008 sollte die Bahn an die Börse gebracht werden, dafür wurde sie ohne Rücksicht auf Verluste „schlank“ gemacht. Also kaputt und marode gespart. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt und wird es auch in den nächsten 30 Jahren nicht. Wie der soziale Wohnungsbau. Im Jahr 2000 gab es ca. 3 Millionen Sozialwohnungen in der BRD, heute weniger als eine Million, jedes Jahr fallen fast 60.000 weitere aus der Sozialbindung. Der Neubau kommt nicht nach, der funktioniert nur bei Wohnungen jenseits der 20 Euro/qm-Miete.
Der psychopolitischeTreibstoff für die AfD, für Faschismus, ist ein Cocktail aus Angst, Frustration, Hass. Ich weiß nicht, wie der Mob tickt. Aber wenn selbst eine rheinische Frohnatur wie ich am liebsten zum Baseballschläger greifen würde und die ganze DB, beginnend mit dem hannöverschen Service-Center, zertrümmern möchte, ist es eigentlich ein Wunder, dass auf den Straßen der Republik nicht viel mehr Mord und Totschlag herrscht und die AfD noch nicht die absolute Mehrheit besitzt.
Aber was nicht ist, kann ja noch werden.