
Walplakat. Entdeckt beim Flanieren. Flanieren ist in Berlin für mich eine Selbstverständlichkeit wie der Darjeeling Tee zum Frühstück, es geht auch mal ohne, aber es fehlt was für einen gelungenen Tag. Große Flaneure der Vergangenheit waren Charles Baudelaire, Oscar Wilde, Walter Benjamin, alles Schriftsteller, die ich überaus schätze. Und sicher nicht zufällig waren alle drei Hedonisten, sie schätzten Stil und Eleganz über alles, und experimentierten teils exzessiv mit Drogen. Gegen Benjamin war sogar William S. Burroughs offensichtlich ein Waisenknabe.
Das hatte seinen Preis: Baudelaire wurde 46 Jahre alt, Oscar Wilde 46, Walter Benjamin 48. Wobei Benjamin ein Sonderfall ist, er beging auf der Flucht vor den Nazis Selbstmord, allerdings schon schwer herzkrank.
Der Prozess beim Schreiben ähnelt mitunter dem des Flanierens, ein Mäandern, ziellos zwischen Orten und Themen, unentschieden zwischen Poesie und Philosophie, gemächlich, in Muße, aber am Ende, nach Irrungen und Wirrungen, doch produktiv. Ich jedenfalls kehre vom Flanieren nie dümmer heim als vorher. Beim Schreiben bin ich da nicht ganz so sicher. Aber da das zumindest im Blog hier ein kollektiver Prozess ist, zwischen Produktion und Rezeption, gehe ich davon aus, dass zumindest Teile der Leserinnenschaft erleuchteter aus dem Prozess des Schreiben/Lesens herauskommen.
Auch das Flanieren ist, obwohl das klassische Flanieren allein, ohne äußere Kommunikation, erfolgt, ein kollektiver Prozess, gehört zu ihm doch zwingend die Masse der Metropole. Wäre die Masse als Resonanzraum nicht da, wäre das Flanieren eher ein Spazierengehen oder Wandern, und das ist eine völlig andere, profane Ebene. Metropole ist als Projektionsraum für das Flanieren ebenfalls zwingend. In Peine, Oer-Erkenschwick oder Dingolfing ist Flanieren schwer vorstellbar. Selbst in Hannover. Was aber daran liegen kann, dass das meine Heimatstadt ist. Und Danke, sonst geht’s mir gut, weitere Krankheiten hab ich nicht. Allerdings gibt es auch in Hannover beim Umherschweifen Neues, Altbekanntes zu entdecken, wie die Machwitz Mohren.

Früheres Logo der hannöverschen Kaffeerösterei Machwitz. Es dürfte das Letzte seiner Art in der Öffentlichkeit sein. Machwitz verwendet das nicht mehr, nach einer öffentlichen Diskussion über den offensichtlichen Rassismus-Gehalt des Logos . Ausgelöst wurden derartige Debatten durch meine Aktion von 2017 zur Sonnenblume „Goldener Neger“

Ich, der Goldene Neger und der Sarotti-Mohr.
Das eben zitierte Umherschweifen (Dérive) war übrigens auch stilprägend für die Situationisten . Die Situationisten waren Mitbegründer des Pariser Mai 68, beeinflussten maßgeblich die Schule der Kommunikationsguerilla und die Popkultur. Die Situationistische Internationale war ein Haufen Verrückter. Und für mich die einzige ernstzunehmende Philosophie der Nachkriegszeit. Ihr Gedankengut bildete unter anderem die Grundlage für die sogenannten Stadtindianer, Teil der 68er-Folgebewegung der Spontis . Ich wollte mit einigen „Mitpatienten“ eine Gruppe Stadtindianer in Hannover gründen. An der Uni. Aus einem Seminar heraus! Eine an Schwachsinn kaum zu überbietende Kopfgeburt. Falls da draußen noch jemand aus diesen Zusammenhängen lebt und das hier liest, würde ich mich über eine Meldung freuen. Ich kann mich nur noch schemenhaft erinnern und eine wie auch immer geartete Archivlage existiert nicht. Es waren die 70er … Welches Jahrhundert? Keine Ahnung.
Jetzt haben Sie, liebe Leserinnen, falls Sie überhaupt solange durchgehalten haben, eine ungefähre Vorstellung von der Prozess-Parallelität von Flanieren und Schreiben.