10.05.2026 – Ein bisschen Frieden

In der untergehenden Abendsonne schimmerte das Ihmezentrum rosig-bedrohlich. Für einen Moment kam ich angesichts der hunderttausenden Kubikmeter Beton ins Sinnieren. Gibt es eigentlich auch eine aufgehende Abendsonne?

Das Ihmezentrum ist ein gigantischer verfallender Wohn- und früher auch Gewerbekomplex im Herzen von Hannover, direkt vor meiner Haustür. Er steht wie keine andere Großimmobilie in der BRD für mafios-kapitalistische Profitgier. Ein Gauner nach dem anderen hat sich hier auf Kosten der Kleineigentümer*innen und der Kommune bereichert, mit Steuertricks das Staatssäckel geplündert, ist nach Erreichen des Profit-Plansolls fröhlich pfeifend in die Insolvenz gerauscht und danach nach Monaco. Der letzte Eigentümer-Gauner, Lars Windhorst, ex Helmut Kohl Liebling, siehe auch Arsch- und Eimer-Duo, hat 2023 in Beverly Hills eine 40 Millionen Villa gekauft, was ungefähr dem Profit nach seiner demnächst anstehenden Ihme-Insolvenz entsprechen dürfte.

Jetzt ist die Zitrone ausgelutscht, das Ding will keiner mehr, die Kleineigentümer*innen können sich schon mal auf die Privatinsolenz vorbereiten. Es sei denn, die Steuerzahlerin springt ein. Sogar hier im beschaulich grünrot versippten Hannover wird über Enteignung gemunkelt. Ob das die Enkel von Lars Windhorst noch erleben werden?

Kurz vorher hatte auf dem zentralen Vergnügungsplatz des hiesigen Kiezes direkt unterhalb des Ihmezentrums eine Demo stattgefunden, was ich aus den Augenwinkeln beim Einkaufen mitgekriegt hatte. Früher hätte ich sowas entweder gewusst oder wäre kurz vorbeigeradelt, um das zu checken. Nun reichten die bunten Fahnen, also war die Demo irgendwas mit links, um mich meinem häuslichen Garten zustreben zu lassen. Seit der Antisemitismus in der Linken und der Kulturschickeria überhandgenommen hat, ist das Tischtuch zwischen denen und mir zerschnitten, ich fühle mich nicht mehr als Teil der Bewegungen, der Community.

Meine emotional-gleichgültige Reaktion angesichts der bunten Fahnen, ein inneres Achselzucken, zeigte mir, dass ich die letzte und angenehmste Phase von enttäuschter Liebe erreicht hatte: Gleichgültigkeit.

Ab und zu ertappte ich mich noch bei Schadenfreude, wenn z. B. Nachrichten von immer häufiger werdenden Kürzungen im Kulturbereich über die Ticker laufen, was logischerweise das Ende von Projekten, Auslaufen von Verträgen, Verlust von Ateliers etc. bedeutet. Dann gewinnt für ein paar Momente das innere Schweinchen in mir Oberhand und ich denke: Das wird jetzt mal ein positiver Baustein in Eurer CV, liebe Genossen und Kulturbolschewisten: Ehrliche Handarbeit als neuer Job. Steine klopfen. Torfstechen. Basisarbeit. Solidarität mal nicht mit Palästina, sondern mit den ausgebeuteten Kumpels auf dem Bau. Gründung einer Rotz-Bau, Rote Zelle Baugewerkschaft.

Dafür schäme ich mich dann aber sofort.

Blödsinn. Keine Sekunde. Das hab ich nur für die empfindsamen Seelchen hier geschrieben. Seelchen wie Nicole, die mit „Ein bisschen Frieden“ 1982 den ESC gewann. Ein grauenhafter Ohrenmüll, für den jenseits von „Kitsch“ noch eine extra Höllenkategorie erfunden werden muss. Jene Nicole machte kürzlich allerdings für den ESC einen bemerkenswert intelligenten Vorschlag, angesichts des grassierenden Nationalismus bei dieser Veranstaltung für Psychiatrie-Erfahrene und Geschmacksamputierte: „Steckt doch mal alle in die gleiche Kutte und kündigt nur den Namen an. Aber nicht das Alter und das Land“.

Angesichts der wahnhaft um sich greifenden Boykottaktionen gegen den Staat Israel ein äußerst heilsamer Vorschlag.

Dass gerade linke Antisemiten mit ihren Boykottaktionen gegen den Staat Israel und gegen dessen Künstler*innen an Hirndummheit nicht zu überbieten sind, überrascht nicht mehr. Sie sitzen damit dem Fetisch „Nation“ auf, den jeder echte Linke strikt abzulehnen und zu bekämpfen hat. Der Rückgriff auf die „Nation“, egal in welchem Zusammenhang, ist der erste Schritt auf dem Weg in die Hölle.

Was kann der Staat Israel für seine Künstler*innen und was können die für den Staat Israel? Was diese Pseudolinken da mit ihren erbärmlichen Boykottaktionen, wie beim ESC oder bei der Biennale in Venedig, veranstalten, ist nichts weiter als Sippenhaftung (Nicht: Sippenhaft. Das ist erst der nächste Schritt nach Haftung). Das Prinzip hatten wir schon mal, 33 – 45. Und so begeben sich antisemitische Pseudolinke mit jedem neuen Boykottaufruf weiter auf den Marsch in den Linksfaschismus

Ich aber begebe mich jetzt zu einer Nasenmeditation an die ersten Königsrosen im Garten, die bereits jetzt einen luxuriös-prachtvollen Geruch verströmen, der das Herz weitet. Immer mit was Positivem rausgehen. Ist das Prinzip jeder Sonntagspredigt. Gehet hin in ein bisschen Frieden

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