12.05.2026 – Der Fortschritt

VGA-Stecker. Aus dem Paläozoikum der Technik. Hängt an meinem Regal im Arbeitszimmer. Das ruft bei mir melancholische Erinnerungen wach, an die ersten Arbeiten mit Medien, in einem Videoseminar an der Uni. Was mein Verständnis von Medien, Öffentlichkeit, Schreiben und Literatur, von Kulturproduktion und damit auch vom Verständnis von Gesellschaft, nachhaltiger geprägt hat als alle Vorlesungen. Es geht immer ums „Eingreifen“, um parteiische Teilhabe mit zeitgenössischen ästhetischen Mitteln, ohne sich gemein zu machen. Es gilt: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Grün ist des Lebens Baum.

Videokamera und Batterie waren damals ungefähr so groß wie ein Kleinwagen, wogen aber mehr. Für Außenaufnahmen musste ein Team von mindestens 4 Leuten ausrücken und man durfte auf keinen Fall in grelles Licht filmen, weil sonst die Vidicon-Bildröhren durchbrannten.

Kabel sind heutzutage im Bluetooth-Zeitalter sowas von Dinosaurier.

Der Fortschritt. Auf technischer Ebene. Von den politischen Hoffnungen der damaligen Zeit, was den Aufbau von alternativer Gegenöffentlichkeit angeht, von demokratischer Mediennutzung, von emanzipatorischer Bildung durch die Nutzung von neuen Medien, ist nicht nur Nichts übrig geblieben, es scheint eher so, dass der damalige Prozess seine erstrebten Ziele in ihr komplettes Gegenteil gedreht hat. Internet, neue, soziale Medien sind Resonanzräume voller antidemokratischem Dreck und das Smartphone ist eine mobverblödende Droge, gefährlicher als Alkohol, Heroin oder Crack. Das Zeug richtet „nur“ Individuen zugrunde, am Smartphone leiden ganze Demokratien.

Nicht nur daran. Ein bisschen Ökonomie, und da bleibe ich orthodoxer Marxist, braucht’s auch, um der Demokratie das Grab zu schaufeln. Der wachsende Verlust an Legitimation unserer Demokratie korreliert direkt mit der wachsenden Spaltung zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft. 2022 gab es 2.600.000 Dollarmillionäre in Deutschland, 2023 waren es 2.821.000, 2028 wird ein Anstieg auf 3.229.000 prognostiziert. Arme in Deutschland gibt es 4mal so viel, 13.300.000. Die statistische Armut stagniert, auf viel zu hohem Niveau, durch die Einführung des Mindestlohns, der die Armut trotz Arbeit reduziert hat. Allerdings sind durch die explodierenden Mieten in den Ballungsräumen und die dramatische Inflationsentwicklung immer mehr Menschen aus „normalen“ Lebens- und Einkommensverhältnissen in prekäres Leben gerutscht. In ein Leben, wo an Urlaub nicht zu denken ist, wo es ab dem 20. des Monats Nudeln mit Sparsosse gibt und wo ein Besuch mit der Familie im Zoo melancholische Erinnerung an früher ist.

Die Entwicklung des Reichtums ist neben Erbschaften auf die von der Realwirtschaft völlig abgekoppelte Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte zurückzuführen. In der Realwirtschaft ist entweder Rezession, wie im Moment, oder die Zuwächse sind minimal. Das BIP wuchs in der BRD von 2003 bis 2023 um durchschnittlich knapp 1 % per anno, knapp 20 %. Der Aktienindex DAX wuchs im gleichen Zeitraum von 2.500 auf 16.500, eine Steigerung um 560 Prozent. Selbst wenn man nur die durchschnittliche DAX-Nettorendite von ca. 8 % p. a. annimmt, sind da immer noch 160 Prozent mehr.

Börsianer werden einwenden, dass der Aktienmarkt immer nur die Zukunft abbildet. Da würde ich einwenden: Auf welche Zukunft wettet denn dieser Markt seit 20 Jahren? Auf die in 100 Jahren? Da gilt ja wohl doch die alte Börsenregel: Langfristig sind wir alle tot.

Im Moment wetten die Börsen auf KI. Wird bestimmt klappen, eine schöne, neue Waren-Welt, in der Transporte KI-gesteuert laufen, vom Einpacken über den Transport bis zum Einräumen, an den Supermarkt-Kassen, Warendisposition, Buchhaltung, etc. pp, an der ganzen Prozesskette stört kein Mensch mehr durch Krankheitsausfall oder freche Lohnforderungen. Die Konzerngewinne explodieren, die Aktienkurse ebenfalls.

Fragt sich bloß, wie lange das Konstrukt hält, wenn sich kein Mensch mehr die schönen, bunten Waren leisten kann, weil selbst, besser: gerade die ganzen Niedriglohnjobs wegfallen.

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