
Berliner Karl-Marx Allee, autoleer vor dem Karneval der Kulturen. Wenn der Karneval der Kulturen auch eine bunte, für einen Moment fleischgewordene Utopie eines besseren Zusammenlebens ist, dann ist dieser fast kontemplative Anblick der ehemaligen Stalinallee für mich der schönste Aspekt dieses sambagetränkten Gedrängels. Nur für diesen An- und Augenblick bin ich immer weit über eine Stunde vor Beginn des Events am Frankfurter Tor, mit diesen surrealen Zuckerbäcker-Türmen aus der Schule des sozialistischen Realismus. Ich stehe auf der riesigen Kreuzung, die milde Morgen-Sonne legt einen sanften Schleier der Verheißung eines köstlichen Tages über den Asphalt. Stille, wo sonst täglich 60.000 Autos das Leben zur Motorhölle machen. Ich atme tief durch. Frische Luft. Das ist natürlich Einbildung, die Berliner Luft ist immer Scheiße, auch wenn mal für ein paar Stunden auf einer Straße keine Autos lang fahren. Aber Einbildung ist auch ne Art von Bildung und so bildet sich bei mir früh eine enorm gute Laune aus.



Wir zogen gemächlich am Geschehen vorbei, ab und zu ein paar Tanzschritte im Takt der multikulturellen Rhythmen, seltener ein Schluck vom kühlen Longdrink. 28 Grad, da muss man die Kräfte schon mal einteilen. Was uns auffiel: So bunt, wild und originell die Kostüme an und auf den über 60 Wagen waren, so eintönig das Erscheinungsbild bei den ca. 770.000 Zuschauerinnen. Der Berliner als solcher ist erstmal unbunt. Es sei denn als zugereister Transgender Schwabe am nebenan gelegenen Boxhagener Platz, wo die bunten Sau-Rauslasser*innen den Mainstream bilden. Unser Plan stand fest: Nächstes Jahr im Kostüm den Zug begleitzen.

Erste Entwürfe kursierten per WhatsApp. Dieses geschmackvolle Kostüm ist kein ausgedachter Witz oder Griff in die Klamottenkiste des vorigen Jahrhunderts, nein, das gibt es bei Otto. Und da ich immer noch keine Werbung geschaltet habe, gibt es an dieser Stelle keine Verlinkung. Obwohl ich es natürlich einen monströsen Brüller fände, wenn angeregt durch diesen Blog nächstes Jahr dutzende swingende und groovende Frohnaturen im Baströckchen längs des Zuges unsere tänzelnden Schritte kreuzen würden und wir bei jeder Begegnung unter großem Hallo eine dicke Friedenspfeife rauchen würden. Hugh, ich habe gesprochen.
Eben gerade kriege ich, irgendwie passend zur Tonlage der heutigen Predigt, eine Werbe-Email mit dem Betreff: Handtrainer mit Schütteleffekt. Echt jetzt? Für den Fall, das mir mal nichts mehr einfallen sollte, greife ich einfach auf das Leben am Rechner zurück.

Was bleibt von diesem zauberhaften Tag auf der ehemaligen Stalinallee sind Impressionen, wie die antifaschistische Pippi Langstrumpf, die Nazis den Finger zeigt. (Wieso heißt die eigentlich Pippi Langstrumpf? Soll das eine erotische Anspielung sein?)

Auf der späteren Flucht vor dem anschwellenden Karnevals-Gewühl ins menschenleere Rixdorf, schönster Stadtteil des Universums, genossen wir das Leben in vollen Zügen. An einer Station drängelte und schubste sich eine unfassbar fette Frau rücksichtslos in die S-Bahn und keifte: „Ich will hier rein.“ Ich, schlagfertig wie Bolle: „Und ich will ne eigene Talkshow im Fernseh.“ Und schubste zurück. Sie fiel, aber nur fast, zum Fallen war es zu voll, in einen nahestehenden Kinderwagen, der Göttinseidank leer war. Die fette Frau (darf man so formulieren oder ist das Bodyshaming? Hätte ich PC-sensibler schreiben soll: Das adipöse Arschloch?) keifte daraufhin die restliche Fahrt bis Sonnenallee in höchstem Diskant üble Schmähungen in meine Richtung. Ich schwieg, die Runde war an mich gegangen. Berlin macht hart.
Der Abend klang wunderbar in der Villa Rixdorf aus. Nach diversen Weine und klassischen regionalen Spezereien (auf der Speisekarte nach wie vor: Eisbein, 1000 Gramm) traf ich auf dem Platz Olli wieder, der Teamer in meinem letzten Seminar für die Landesarmutskonferenz auf Juist war.

Er spielte dort Saxophon, mit so zartem Schmelz, dass der Abend von einer tönenden goldenen Krone überwölbt wurde. Sollten Sie, liebe Leserinnen, jemals Olli irgendwo in den Schluchten des Häusermeers von Berlin hören, werfen Sie einen extra Euro in seine Mütze.
An Tagen wie diesem …