
Stadtmagazin Schädelspalter, 13. August 1991. Sternfahrt mit Sackkarren zum Wiederaufbau der Mauer. Wenn etwas von mir bleiben wird dereinst, nach meiner Himmelfahrt, dann ist es der SCHUPPEN 68.
Man kann gegen die Mauer sagen, was frau will, eins war sie auf jeden Fall: Eine Brandmauer. Ein antifaschistischer Schutzwall. Wirksamer als diejenige Brandmauer, die in der aktuellen BRD von dem Moment an nicht existierte, als der Begriff in Mode kam.
An der innerdeutschen Grenze starben von 1949 bis 1989 mindestens 327 Menschen durch Schüsse, Minen und Selbstschussanlagen. Jede*r Tote, der an einer Grenze stirbt, ist einer zuviel. Als Utopie gilt nach wie vor: No borders. Keine Grenzen. Zwischen Staaten. Und im Kopf.
Aber wie das mit Utopien so ist … Ohne die Mauer hätte es die DDR ein paar Jahre nach ihrer Errichtung nicht mehr gegeben. Es ist das völkerrechtlich legitime Recht eines Staates, seine Existenz zu schützen, auch im Rahmen des staatlichen Gewaltmonopols. So beklagenswert jede*r Mauertote auch ist. Und als übergeordnete Funktion wirkte der Wettkampf zweier Systeme in Ost und West, inclusive Mauerbau, friedensstiftend und antifaschistisch. Bei allen Abzügen in der B-Note, der Haltungsnote.
Diese Funktionen sind obsolet. Seit dem Fall der Mauer, seit der Kapitalismus grenzenlos gesiegt hat, ist der Zahl der Kriege auf einen Höchststand nach dem Zweiten Weltkrieg gestiegen. Die Zahl der Demokratien ist dagegen auf einen Tiefststand gefallen. Keine 30 Staaten mehr gelten als Demokratien. Der Faschismus ist auf dem Vormarsch.
Laut Amadeu Antonio-Stiftung gab es seit 1990 mindestens 223 Tote durch rechte Gewalt (durch linke Gewalt, das nur am linken Rande, keinen). Seit 1990 zerfällt die globale Ordnung zunehmend, die Verheerungen des Kapitalismus zerstören ganze Staaten, machen sie unbewohnbar (Ganz direkt auch durch die Klimakrise, das nur am ökologischen Rande). Seit ca. 10 Jahren gibt es daher wachsende Flüchtlingsbewegungen, gegen die sich in Europa durch wachsende rechte Politik die Länder abschotten. Reale Brandmauern auf Land und auf See. Seitdem sind im Mittelmeer ca. 22.000 Flüchtlinge ertrunken. 60mal so viel Tote wie an der Mauer.
Man kann und darf Tote nicht gegeneinander aufrechnen. Aber ein paar einordnende historische Randbemerkungen wollte ich denn dann doch (sagen Sie das mal laut vor sich hin „denn dann doch“, Lautmalerei, Poesie) hier mal loswerden, bevor die Bürgerpresse anlässlich des 65. Jahrestages des Mauerbaus ihr Unisono-Gewäsch über die Republik erbricht. Hat sie wohl auch teilweise schon, aber das nehme ich nicht zur Kenntnis. Ich male mir mein eigenes Weltbild. Und das ist auch gut so. Also sowohl das Malen wie auch das Weltbild.
Immer rausgehen mit einer Pointe, daher DDR-bezogen dieser: Warum ist die Banane krumm?
Weil sie 40 Jahre einen Bogen um die DDR machen musste.
Ein echter Brüller. Bückware aus meinem Witzeverleih Für die Überschrift: Der „Nischen Mario-Barth“ könnte ich die taz heute noch würgen. Aber es ist Sommer und ein Hauch von poetischer, zärtlicher Langsamkeit liegt in der Luft. Was soll’s also.