
Demo in Berlin vor dem roten Rathaus, um 2003 herum. Verzicht muss man sich leisten können….
Wir haben Fastenzeit. Fastenzeit ist Zeit zum Verzichten, z. B. auf Fleisch, Alkohol, Zigaretten, Autofahren. Im christlichen Aberglauben gilt Fasten als äußeres Zeichen von Buße und Besinnung, aufgeklärte Zeitgenoss*innen praktizieren Fasten gerne als Phase der Selbstbesinnung, von Innehalten oder einfach, um gesünder zu leben. Ich lebe sowieso gesund, und Buße tun? Wofür? Was ich mach‘, ist immer richtig. Sonst würd ich’s ja nicht machen. Logisch. Buße fällt also auch flach, aber Besinnung ist ok. Ich werde also 7 Wochen lang kein Auto fahren. Mach ich die restlichen 45 Wochen auch nicht, aber Maos Langer Marsch hat ja auch mit dem ersten Schritt angefangen. Außerdem werde ich 7 Wochen lang auf einen für viele unerschwinglichen Luxus verzichten: auf eigene Gedanken. Und nicht nur das. Meine Homebase wird zu einer denkfreien Zone, was ich mittels durchgestrichenem Gehirn-Symbol an meiner Haustür signalisieren werde: Gedankenfreie Zone. Besucher*innen werden durchsucht, ob sie auch ja keinen Gedanken dabeihaben und alle Gespräche und Arbeitssitzungen (Homeoffice) werden Gedankenfrei abgewickelt. Wie das im Einzelnen funktionieren soll, weiß ich noch nicht. Da mach ich mir keine Gedanken drum. Komisch wär’s halt nur, wenn man den Arbeitsergebnissen nicht anmerken würde, dass sie im Stadium der Gedankenlosigkeit entstanden sind. Was etwas anderes ist als Gedankenfreiheit.
Verwirrend. In der IG Metall Bildungsstätte Pichelsee in Berlin hing bis ins neue Jahrtausend draußen ein Schild: Atomwaffenfreie Zone. Ist das jetzt was anderes als Atomwaffenlose Zone? Das Schild hängt wahrscheinlich heute noch da. Bis die IG Metall was merkt, das dauert. Da ist die wie der Papst. Göttin sei Dank nicht wie der Kardinal, über den der famose Peter Hacks ja sagt:
Eine Krähe hackt der anderen und ein Kardinal einem Mullah kein Auge aus.
In Berlin gibt es kaum Krähen. Die haben Dohlen da. Sobald Sie östlich der Elbe, nah bei Asien, sind: nur noch Dohlen.
Atomwaffenfreie Zonen waren in den Achtzigern flächendeckend Mode. Auf jedem WG-Scheißhaus hing ein Schild: Atomwaffenfreie Zone. Genauso hätte man überall Schilder hinhängen können: Gedankenfreie Zone.
Eooo, Wehrt Euch, leistet Widerstand. Es war zum Krämpfe kriegen. Es war die Zeit der Dauerdifferenz zwischen gut gemeint und gut gemacht. „Der angebornen Farbe der Entschließung, Wird des Gedankens Blässe angekränkelt.“ Das ist nicht von mir, sondern von Shakespeare, ist aber auch nicht schlecht.
In Pichelsee hatte ich einen meinen ersten Kabarettauftritte, für ein Betriebsräte-Seminar. Hinterher kam eine Kollegin zu mir und hat sich bei mir bedankt: „Ich hab im Moment eine blöde Zeit, muss meine Mutter pflegen und Stress in der Firma. Das hab‘ ich hier bei Deinem Auftritt mal vergessen. Danke.“
Was positiv gemeint war! Und mich die nächste Zeit über ein, zwei Auftritte hinweggetragen hat, über die des Sängers Höflichkeit lieber schweigt.
Die IG Metall hat mich teilweise in den Wahnsinn getrieben und was aus WGs quoll, da schwieg mitunter der Sängerin Höflichkeit drüber. Aber es gibt Dinge, die bleiben. Und was wäre die Alternative?
Ich jedenfalls freu mich auf Berlin, auf die WG da, auf einen Besuch in Pichelsee und auf jede Menge guter und eigener Gedanken.

Bildungsstätte IG Metall Berlin-Pichelsee. Seminarraum im Freien, dem griechischen Amphitheater nachempfunden.
15.02.2018 – Fastenzeit. Zeit zum Verzichten.
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