Montage meint hier natürlich ein ästhetisches Prinzip, das Zusammenfügen vorhandener Teile zu einem Ganzen, und nicht die Mehrzahl eines Wochentages. Die Tatsache, dass ich im Moment mit allen Arbeiten entweder im Reinen oder auf dem Laufenden bin, merke ich auch daran, dass ich anfange, Pointen zu erklären und hier jeden Tag den Blog mit Einträgen vollpflastere, wozu ich normalerweise nicht komme.

Gestern wieder in der City. Natürlich genießen die Leute die unfassbare Fülle auch, analog dem Stau, den vorgeblich jeder hasst, viele aber regelrecht suchen, Lemmingen gleich.
Wenn man aus dem Strom der Massen in ein Geschäft abbiegen will, sollte man den Arm raushalten wie beim Radfahren, sonst wird man über den Haufen gewalzt. Es herrschte allüberall eine angenehm aggressiv-endzeitliche Stimmung. Ich genoss das Ganze bei Hugendubel in der Reisebuchabteilung, in Reiseführern von Korfu und Gomera schmökernd, und aus den Augenwinkeln die Suchenden beobachtend. Wenn gar nichts geht, Buch geht immer. Aber was für eins, um Himmelswillen?
Den Blick in die Wirklichkeit versperrt man am besten mit einem Buch. Schenken Sie ihrem Liebsten eine Bratwurst, wollte ich den Suchenden zurufen. Das hätte aber die Grenze von der Gehässigkeit zum Zynismus überschritten und ich würde eh schon lange genug im Fegefeuer schmoren. Ich schwieg und schnappte wieder frische Luft.

Unter der Fresspyramide waberte ein Brechreizförderndes Konglomerat von Gerüchen nach Sauerkraut, Schmalzgebäck, Glühwein und Bratwurst.

Auf dem Rückweg bei Onkel Olli’s Kiosk vorbei. Erinnerungen an unsere legendäre Reihe Kunst am Kiosk kommen hoch. Ein Effekt von öffentlichen Interventionen und Performances ist: man eignet sich die Stadt intensiv an. Zu vielen Ecken habe ich ein intimes Verhältnis, dort habe ich Spuren hinterlassen. So ähnlich wie ein Köter, der jeden Baum markiert. Mein Revier.
Abends Rückenschule. 10 Frauen und ich. Hört sich toll an. Ist aber mehr die Hölle auf Erden. Da geht es anderthalb Stunden schweißtreibend hammerhart (?) zur Sache. Nach Monaten Pause bin ich offensichtlich nicht 100 % fit. Unser Trainer, keine 30 Jahre und 90 Kilo schiere Muskelmasse, fragte während des „Käfers“ aufmunternd: „Na, alles klar? Du bist ja heute so still!“ Meine stark onomatopoetisch geprägte Antwort: „ Ächz, stöhn, Alles … puuh … röchel, hust, … bestens.“ Ehrlicherweise ich hätte einen Notarzt rufen lassen sollen.
Meine Muskeln tun jetzt derart weh, dass ich keine Ahnung habe, wie ich nachher aus meinem Stuhl hochkommen soll.
Ich will ja nochmal in die City. Heute ist finale furioso, con brio, allegrissimo.
22.12.2015 – Meine Laune zu Weihnachten ist super!
Gestern war ich umständehalber in der City, ich brauchte ein neues PC-Keyboard. Der Unionbuster-Drecksladen Amazon kommt mir nicht ins Haus (wie man diese Saubande ärgern kann, ist hier nachzulesen). Also war persönliche Anwesenheit beim hiesigen Fachhandel erforderlich.
Ich habe einen nicht gerade zarten Anschlag, zu Zeiten der Schreibmaschine habe ich regelmäßig das „o“ komplett aus dem Papier rausgehämmert. Wenn frau meine Manuskripte gegen das Licht hielt, schien das an den „o“ Stellen immer durch. Auf dem Keyboard sind bei mir schnell die „e r t z u i o p“ Tasten nicht mehr zu erkennen, weggehämmert. Tippen ist für mich erweitertes Muskeltraining im Handgelenk bis Nacken Bereich. Ich kann zwar einigermaßen blind tippen, aber ich hasse Veränderungen.

Von mir aus könnte die Welt noch so sein, wie im ehemaligen Pförtnerhäuschen der hiesigen Hanomag AG. Allein dieses Gitter, das in den Handlauf übergeht, dieser Schwung, das ist eine Komposition in Metall. So was gibt’s doch heute gar nicht mehr!
Zurück zum PC. Ein verändertes Hackbrett geht gar nicht. Also ab in die City, in der unglaublich viele unglaublich schlecht gelaunte Menschen unterwegs waren. Ich war das letzte Mal vor dem Krieg in der Weihnachtszeit in der City gewesen und hatte komplett vergessen, wie es da zugeht. Da ich tendenziell nichts von der Menschheit halte, Misanthrop wäre glatt untertrieben, ging mir beim Anblick so vieler sich mental völlig neben der Kappe befindlicher Zeitgenossinnen das Herz auf. Zankende Ehepaare, die an quengelnder Brut rumnörgelten, ein erhabener Anblick. Ich trällerte ein paar Zeilen vor mich hin „Kling Glöckchen, klingelingeling“. Für diese unchristliche Anwandlung würde ich ein paar zusätzliche Tage im Purgatorium aufgebrummt kriegen, das stand fest, war mir die Sache aber wert. Zuhause ging ich der Sache wissenschaftlich auf den Grund, Zitat aus einer PM der Georg-August-Universität Göttingen:
„Viele Europäer erleben das nahende Weihnachtsfest … eher als belastende und stressige Zeit. … Im Allgemeinen waren Umfrageteilnehmer, die in der Weihnachtszeit befragt wurden, deutlich schlechter gestimmt und weniger zufrieden ….. Christen, vor allem sehr gläubige, bilden hier jedoch eine Ausnahme.“
Passt schon. An so Sachen wie das Purgatorium glaube ich gerne. Wenn es mir gerade in den Kram passt.

Auch auf dem Hanomag Gelände entdeckt. Das kann man als Bild für die Entgrenzung der Körper und die Auflösung von Identitäten lesen. Ich vermute aber, dass ein Bühnenarbeiter des Schauspielhauses, die da ihren Fundus hatten, den abgebrochenen Arm einfach da reingerammt hat.
Viel Spaß, liebe Leserinnen, bei den letzten Einkäufen in der City.
21.12.2015 – Liebe Leserinnen, liebe Papphockerinnen und Papphocker, hier mein vorweihnachtlicher Lieblingsbasar.
Sogar bei der CDU hält geschlechtersensible Sprache mittlerweile Einzug, die wenigstens in Formulierungen darauf Rücksicht nimmt, dass es mehr auf der Welt gibt als das männliche Geschlecht. In der Praxis kriegen Frauen immer noch 23 Prozent weniger Lohn, aber wenigstens die Lyrik stimmt. Bei vielen Vorgestrigen stimmt noch nicht mal die Lyrik, aber wie arbeitet man (hoho, Pointenalarm!) dagegen an? In meinem Blog hier kann ich es mir einfach machen. Ich spreche grundsätzlich nur meine lieben Leserinnen an, diskriminiere also bewusst alle Männer. Jungs, Ohren steif halten. Die kleine Durststrecke nach Jahrhunderten Diskriminierung der weiblichen Form übersteht Ihr! Beim restlichen Verkehr kann ich das natürlich nicht machen – dienstlich gesehen. Lange Zeit war das feminine Majuskel mein Favorit. Also: LeserInnnen. Das sieht aber phallisch aus und vernachlässigt Transgender.
Dann gibt es noch Leser_innen, Leser*innen usw. usf.
Die Welt ist kompliziert? Nee, anstrengend vielleicht. Kompliziert ist die deutsche Steuergesetzgebung.

Nationalist innen stoppen. Und außen? (Hohoho, Pointenalarm)
Man kann sich mitunter mit Formulierungen rauslullern wie „Liebe Lesende“, das geht aber nicht immer und das ist inhaltlich auch was anderes, da schwingt eine ganz andere Konnotation mit.
Satire, die die legendären Papphockerinnen und Papphocker aufgreift, geht auch nicht immer.
Wir drei von der Tankstelle der NETZ führen zur Zeit eine erbitterte Debatte darüber, wie wir mit dieser Problematik umgehen.
Argument: Ich lasse mir die Sprache nicht verhunzen, für mich zählt der Duden und die Lesbarkeit.
Gegenargument: Sprache lebt, ist eine gesellschaftliche Konvention, die sich ändert und an diesem Prozess nehmen wir aktiv teil. Lesbarkeit ist ebenfalls eine sich wandelnde Konvention, heute liest ja auch keiner mehr Sütterlin. Das ist schwierig, aber irgendwann kapiert’s auch der Duden.
Herrschaft muss auch auf der Sprachebene hinterfragt werden. Wir haben uns für die neue NETZ auf folgende Formulierung geeinigt: Für geschlechtersensible Sprache sind die Autorinnen und Autoren verantwortlich.
Sowas nennt man einen dilatorischen Formelkompromiss.
Das Ganze krankt daran, dass wir zwar jetzt zwei Korrespondentinnen haben, aber die Herausgeber Männer sind. Ein Blick in die Geschichte befreit den Blick in die Zukunft und zwar von der Hornhaut der Trägheit: Anno 68, zu Zeiten des theoretischen Klassenkampfes, kam die Diskussion auf, ob die „Frauenfrage“ ein Haupt- oder ein Nebenwiderspruch sei. Daraus entstand die zweite Frauenbewegung. Also alles schon mal da gewesen.
Und hier noch mein vorweihnachtlicher Lieblingsbazar

Zeckenhand – da muss man (!) erst mal draufkommen.
20.12.2015 – Dieses Jahr spare ich 695 Euro zu Weihnachten.
Durchschnittlich geben die Deutschen dieses Jahr 696 Euro pro Haushalt für das Weihnachtsfest aus. Mehr als die Hälfte der Weihnachtsausgaben werden für Geschenke aufgewendet: 387 Euro gelten den Gaben für die Liebsten. Fällt bei mir komplett flach. Bin mir selbst der Liebste. Und wer würde so einem Egozentriker was schenken? Ich nicht. Ergo Null. Bleiben 54 Euro für Reisen und 32 Euro für Weihnachtsdekorationen.

Weihnachten vor 10 Jahren.
Reisen zu Weihnachten, das sieht wie Flucht vor dem Feind aus, das kommt schon mal gar nicht in Frage. Ergo auch Null. Als Weihnachtsdekoration könnte ich mir ja einen auf die Lampe gießen, aber das subsummieren wir mal unter den 224 Euro des Durchschnitts-Ostgoten für Essen und Getränke. Da kommen wir vielleicht zusammen. Allerdings ist diese Zahl für sich so valide wie die Aussage „Nachts ist es kälter als draußen“. Wenn man keine Bezugsgröße angibt, ist eine absolute Zahl für die Tonne. Wie viel gibt der gemeine Ostgote sonst für ein verlängertes Wochenende aus? 222 Euro? 4 Euro? (Ich kann wirklich nicht einen Artikel lesen, ob gedruckt oder virtuell, ohne auf die Palme zu gehen. Die Welt besteht zu 90 Prozent aus Idioten, der Rest sind Volltrottel. Leserinnen ausgeschlossen!)
Also auch bei diesem Posten Essig. Null. Bleibt Ein Euro Differenz, den ich weniger spare als die 696 Euro. Das ist die Abweichung von der statistischen Größe, die im Rahmen der Messtoleranz liegt. Mit der Toleranz ist das allerdings so eine Sache. Ich komme vom Maschinenbau her, da gelten ganz anderen Allgemeintoleranzen, die ein Vielfaches strenger sind als z. B. im Hochbau. Wenn sich ein technischer Zeichner mal wieder mit den Toleranzen vertut, heißt es im Maschinenbau verächtlich: „Wir sind doch hier nicht beim Hochbau!“
Was mach ich jetzt mit den 695 Euro?

Eine Woche Urlaub im Frühling in der Bucht Agni auf Korfu? Gut, dass ich die Kohle nur statistisch hab, sonst hätte ich bei dem Bild gleich gebucht. Agni im Mai, wenn die Natur explodiert und alle Sinne betäubt sind (Kein Wunder, dass Sinne betäubt sind, wenn die Natur explodiert. Da bin ich in der Metaphernallee mal wieder aus der Kurve getragen worden.). Absoluter Geheimtipp, nur kleiner Strand, kein Sand, schon hat man die paar Tavernen fast für sich alleine.

Hinter den Tavernen sind kleine Gärten, in denen alles wächst und kreucht und fleucht, was vorne auf den Tisch kommt.
Erzählen Sie niemandem, dass dieser Geheimtipp jetzt im Internet steht.
19.12.2015 – Irgendwas zu Weihnachten.
Weihnachten heuer ist schön. Weihnachten ist warm. Kein Schnee, kein Eis, keine Handschuhe auf dem Rad. Prima Klima. Ich durchforste grade mein gescanntes Papierfoto-Archiv. Was mir da für gruselige Weihnachtsfotos in die Hände fallen, unglaublich.

Hier hab ich mal alle meine Hemden draußen einfrieren lassen, als ungefähr Null Grad Kelvin herrschten. Das Hemd steht von selbst im steifgefrorenen Schnee, der Bügel ist festgefroren und hängt in der Luft.
Dieser ätzende Film „Kevin allein Zuhause“ war ursprünglich eine Nerd-Satire wie „Bing Bang Theorie“ und hieß „Kelvin allein Zuhause“. Den Witz haben damals noch nicht mal Physiker verstanden. Was zwar nicht viel heißt, aber trotzdem haben sie den Film dann umbenannt. Irgendwann war mein Garten übersät mit steifgefrorenen Oberkörpern in grotesken Verrenkungen. Gruselig, auf dem Gang zur Morgentoilette hab ich mich immer zu Tode erschreckt bei dem Anblick. Sah aus wie ein Standfoto aus einem Monty Python Film über den Ersten Weltkrieg.
Noch schrecklicher wirkt dieses Foto heute auf mich:

Barolo 1995. So was wird im Internet heute locker für 200 Euro gehandelt. Was um alles in der Welt hatte ich damals im Kopf, so einen Tropfen arktischen Temperaturen auszusetzen? Sollte das ein flammender Protest gegen Konsumterror sein? Das waren die 90er und nicht die 70er! Die 90er waren das Zeitalter der zynischen Affirmation. (Von dieser Formulierung war ich gleich trunken, hab’s sofort gegoogelt, zu schön, um von mir zu sein. Ist es auch nicht. Lass ich aber mal so stehen.) Ich bin Zeit meines Lebens antizyklisch, aber das wäre nicht antizyklisch gewesen, das wäre einfach nur bescheuert. Wobei: Barolo wird überschätzt.
Weihnachten, besinnliche Zeit, Zeit für Lebenshilfe. Daher hier, liebe Leserinnen, mein Rat für Sie zu Weihnachten: Wir alle wollen doch ein authentisches Leben führen, nicht wahr? Der beste Weg dorthin ist antizyklisch zu agieren. Morgen zeige ich Ihnen mit unserem Praxisratgeber „1000 Tipps zum guten Leben“ an einfachen Beispielen, wie frau das im Alltag umsetzen kann.
16.12.2015 – Sexfotos
Gibt’s hier nicht. Dafür welche aus dem Arbeitsleben des vorigen Jahrtausend. Der Mensch fotografiert gerne; seltener, aber auch häufig, wird er gerne fotografiert: Im Urlaub, in der Freizeit, beim Wohnen, beim Sex, bei Feiern und, selten, aber es kommt vor, auf der Arbeit. Dann fast ausschließlich im Kolleginnenkreis à la „Hier unsere Buchhaltung bei Uschis 25jährigem Jubiläum“. Extrem selten gibt es aus der Vor-Smartphone-Zeit Fotos, die authentisch über die Arbeitsplätze der Menschen, hier im besonderen von Angestellten, Auskunft geben: wie bringen sie einen großen Teil ihrer Lebenszeit zu, wie sitzen sie da, welche individuelle Aura hat ihr Platz, und auf welchem Stand der Technik ist die Produktivkraft, also die Produktionsmittel, die Technologien, die sie nutzen und die natürlich nicht ihre sind, sondern demjenigen gehören, der sich ihre Arbeitskraft aneignet?

Mein Arbeitsplatz bei einer Maschinenbauanstalt, Ende des vorigen Jahrtausends. Was sehen wir? Einen vermutlich 13-Zoll PC-Monitor, bei dem die Röhren größer sind als der gesamte Bildschirm. Eine werkinterne Mitteilung – auf Papier (es geht um Merkblätter der Arbeitsgemeinschaft Druckbehälter des TÜV Nord). Einen Jahrzehnte alten Heizkörper. Papier-Ordner. Einen Gartenzwerg mit einer Gewerkschaftsfahne. Eine rote Nelke vom 1. Mai. Einen SCHUPPEN 68 Baustein. Was sagt uns das Abgebildete? Hm. Also mir vorrangig, dass es kein Wunder ist, dass ich es da nicht bis zum Abteilungsleiter gebracht habe.

Triumph Schreibmaschine. Unter einer Plane, aber immerhin griffbereit am Arbeitsplatz.
Artefakte aus einer prähistorischen Zeit. Einer Zeit, in der bei Betriebsfeiern noch Alkohol getrunken wurde. Ich wachte mitunter verkatert am Morgen danach auf und wusste nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen war. Heute findet so was überhaupt nicht mehr statt und wenn, dann nippt frau kurz am Smoothie, und dann wird wieder geackert. Hätte man damals mal ein Drogenscreening bei mir gemacht, hätten die ihre Messinstrumente neu kalibrieren müssen. Tempi passati.
Der von mir eingangs geschilderte offensichtliche Mangel an Bildern der Arbeitswelt sagt viel über die Funktion von Arbeit aus. Aber auch über die Arbeitenden.
Was mich fuggelig macht, ist die Tatsache, dass ich auf der werkinternen Mitteilung nicht erkennen kann, welchen Satz ich mir da rot gemarkert habe. Das kommt davon, wenn einem alte Papierbilder in die Hände fallen. Heute Nacht träume ich bestimmt wirr von Gartenzwergen, die in Druckbehältern wohnen, und Drogen konsumieren.
13.12.2015 – Mir tut Sigmar Gabriel leid und deshalb fange ich diesen Blogeintrag mit einer faustdicken Lüge an:
An und für sich bin ich kein rechthaberischer Mensch. (Das ist die gleiche rhetorische Figur der Antiphrasis wie die des notorischen Rassisten: „Also, ich hab ja nichts gegen Ausländer.“ Dahinter kommt in beiden Fällen ein „aber“, womit die Uraussage in ihr blankes Gegenteil gewendet wird. Mit einem Unterschied: Der Rassist meint das ernst, weil er ein Idiot ist. Ich nutze die Antiphrasis als Stilmittel der Selbstironie, weil ich ein kultivierter Mensch bin und „Augenzwinkern“ mein dritter Vorname ist.
Also: Natürlich bin ich ein unfassbar rechthaberischer Mensch, der noch nach Jahren Dokumente ans Licht zerrt, die sein Rechthaben belegen. Hier ein Dokument aus dem Jahre 2003, die HALZ – Hannöversche Arbeitslosen Zeitung, ein famoses Projekt, das ich gemeinsam mit anderen herausgegeben habe. Die HALZ war ihrer Zeit um Jahre voraus und hat über 10 Jahre später in der NETZ ihre Vollendung gefunden.

HALZ 2003. Agenda 2010 – Auflistung der Gewinner und Verlierer.
Mit der Konjunktur als Verliererin hatte ich unrecht, weil ich die Rolle der Binnennachfrage überschätzt habe. Alles andere: Ich hatte recht ( Die FDP hat bei zwei Folgewahlen ihr Wahlergebnis verdoppelt, bevor sie verschwand. Und die offizielle Arbeitslosigkeit sank zwar, aber die präzisere Kenngröße der Unterbeschäftigung steigt kontinuierlich. Mittlerweile suchen über 10 Millionen Menschen Existenzsichernde Arbeit.)
Mir fiel die HALZ wieder ein, als der mediale Mainstream das Wahlergebnis von Sigmar Gabriel bei der SPD-Vorsitzenden Wahl beklagte. Dass die SPD à la longue zu den ewigen Verlierern der Agenda 2010 gehören würde, war bereits 2003 klar wie die legendäre Kloßbrühe – mir jedenfalls. Der SPD geht es wie einem Bob auf der Fahrt nach unten: kommt sie nach links aus der Spur, knallt sie gegen die Bande und wird langsamer, kommt sie nach rechts aus der Spur, ist der Effekt der gleiche. Die Situation der Tragödie: man kann machen, was man will, es geht immer Scheiße aus. Insofern kommt die SPD sicher aus ihrem 25 Prozent Ghetto raus – und zwar nach unten.

Diese Beiden haben die Wahl in ihrem Konflikt. Die SPD nicht.
Zum Titelbild der HALZ: Der letzte Betonkopf, Eisenhüttenstadt. Der steht real in Nizza , in einem zauberhaften Park, und gemeint war damit der damalige IG Metall Vorsitzende Jürgen Peters, der letzte IG Metall Chef, der noch politisch dachte. Er wurde für seinen Widerstand gegen die Agenda 2010 als Betonkopf bezeichnet.
Komisches Wetter im Moment, viel zu warm.
Hab ich recht?
11.12.2015 – Woran merkt man, dasz man älter wird?
Unter anderem daran, dasz in der direkten Nachbarschaft Locations aufmachen, bei denen man auch nach Monaten noch nicht weisz, wo sie nun genau sind und man niemanden kennt, der einem das sagen kann.

Kann mir jemand sagen, wo das Scheiszhaus ist? Ich steh auf mazedonischem HC und würde gerne mal wieder zu polnischen Punk poguen!! (Wenn mein Rücken das zuläszt…)

Zeitreise. Ladengeschäft, auch bei mir um die Ecke. Wann in dem Raum wohl zuletzt jemand drin gewesen ist…? Allen Leserinnen ein entspanntes Wochenende.
08.12.2015 – Die einzige Fahne, die ich achte, ist die des Trinkers.
Nationalfahnen und Hymnen sind mir als Kosmopoliten suspekt. Zum konstituierenden Merkmal von Rassismus gehört die Nation, der übermäßige Gebrauch ihrer Symbole befördert ersteren. Ich möchte mir das Liebesleben von niemandem vorstellen, aber ganz und gar nicht das derjenigen, die ihr Vaterland lieben. Ich bin zum Beispiel stolz darauf, neulich ein Denkmal gesprengt zu haben, für den Rest Stolz halte ich es mit Schopenhauer: „Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, auf das er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, um stolz zu sein.“

Entwurf zu einer Groß-Installation (Veranda, Sommer 2008)
Was die Sache in unübersichtlichen Zeiten zusätzlich kompliziert macht (dazu immer wieder der Jandl, Ernst in „Lichtung“: „manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!“) ist das Verhältnis von Nation zu Staat. Mittlerweile ist der Staat mit der ehernen Klammer des Rechts der letzte zivilisatorische Damm vor der Barbarei. Was hat unsere Gesellschaft noch an Verbindendem, an Rest-Kitt? Fußball und Kultur, das sind die zwei Erzählungen, auf die sich Mehrheiten einigen können. Einen, wie auch immer gearteten, Begriff von Kultur hat noch fast jede.
Muss man sich nun, weil am Staat festzuhalten ist, nolens volens locker machen, was „Nation“ angeht?
Muss man, wie die junge Union es will, die Nationalhymne im Grundgesetz verankern?
Man muss nicht alles per Gesetz regeln, was eh schon unangenehme Praxis ist.
Als Künstler habe ich natürlich einen Gegenentwurf anzubieten: Statt der Nationalflagge hissen wir zukünftig ein Ensemble, bestehend aus einem Putzlappen, an dem eine Schnapsflasche und ein Dildo hängen. Dazu singen wir statt: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ die Zeile „Reinlichkeit, Schluckspecht und Geilheit“, was die innere Zerrissenheit der deutschen Seele aufs trefflichste abbildet. Schließlich wurde von 1945 – 52 bei offiziellen Anlässen keine Nationalhymne gespielt, sondern Lieder wie „Heidewitzka, Herr Kapitän“ oder „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“
Schöne Zeiten.
07.12.2015 – Die spinnen, die Gallier.
Das Ergebnis der Regionalwahlen in Frankreich regt meine ohnehin überbordende Phantasie zu ungeahnten Höhenflügen an, die in diesem Fall eher gruselige Tiefflüge sind. Marie Le Pen als nächste Präsidentin der Gallier? Immerhin hätte die Frau die Hand am Drücker von Atombomben. Was macht die damit, wenn beispielsweise durchgeknallte Muselmanen (oder Musel-Frauen. Das Töten ist bei denen der einzige gesellschaftliche Bereich, wo die Gleichberechtigung Fortschritte macht) den Eiffelturm in die Luft sprengen? Soll man wegen Le Pen in Sachen Verhängnis-Verhütung Frauen das passive Wahlrecht aberkennen? Liebe Leserinnen, klicken Sie jetzt nicht empört weg. Für eine gute Pointe vergesse ich schon mal meine gute Erziehung und Sie wissen doch: Männer und Verhütung, das ist wie Russisch Roulette, höchst unsicher, was da alles passieren kann, und entscheidend ist, was nicht aus dem Lauf kommt.
Rassismus, Klimakatastrophe, Spaltung der Gesellschaft – je älter ich werde, desto froher bin ich darüber, dass ich schon so alt bin. Wenn das so weiter geht, kann ich dankbar sein, wenn ich in 40, 50 Jahren (vorher geht nicht, ich hab echt noch soo viel zu ackern im Moment) unter der Grasnarbe liege, da wäre ich aus dem Gröbsten raus. Nach mir die Sintflut. Oder Jesus?
Als Hegels Widergänger, der Weltgeist mit Dornenkrone? Die Aufklärung ist eine Schnecke und im Moment hat sie auch noch den Rückwartsgang eingelegt.
Damit Sie, liebe Leserinnen, sich nicht zum Wochenbeginn von meinen eschatologischen Ausflügen anstecken lassen, zurück zu materialistischen Dingen.

Der SCHUPPEN 68 hat auf der Suche nach Einnahmequellen eine Dependance im Nachbarviertel eröffnet.
Und ich möchte dereinst nicht unter die Grasnarbe, sondern verbrannt werden.

Meine Asche soll in meinem Teich verstreut werden. Ich bin immer sooo gerne im Wasser, egal ob am Kiesteich oder im Mittelmeer. Das wäre für meine Fische und mich eine Win-Win Situation. Und zwar für beide Seiten!
So, jetzt geht’s mir besser.