05.01.2022 – Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.


Ihmezentrum. Planerische Visionen oder Visionen auf Planen? Das Ihmezentrum in Hannover ist die wahrscheinlich größte innerstädtische Baustelle, manche sagen Ruine, in Deutschland, die noch flächendeckend bewohnt wird. Ein riesiger Wohnkomplex, ca. 860 Wohnungen mit annährend 2.500 Bewohner*innen im Stil des Brutalismus der 70er Jahre, siehe auch Märkisches Viertel, gibt’s in fast jeder Großstadt. Seit vielen Jahren wird das Objekt von Investor zu Investor weitergereicht. Das Prinzip: Mieteinnahmen kassieren, große Zukunftsvisionen versprechen, nichts investieren, Öffentlichkeit hinhalten, Fristen nicht einhalten, Gewinnbringend verscherbeln, im Zweifel Insolvenz anmelden, um nicht haftbar gemacht zu werden. Das geht solange, bis die Zitrone ausgequetscht ist und der Bau droht zusammenzubrechen. Seit 2010 kein nennenswerter Baufortschritt.
Ich komme täglich an dem Komplex vorbei, außer Planen vor die Fassaden zu hängen, findet da praktisch nichts statt. Kein Baulärm, paradiesische Ruhe. Der Klotz erinnert mich an einen kaputten Zahn, der von unten her wegfault. Aktueller Eigentümer ist Lars Windhorst, dem man schmeichelte, würde man ihn einen windigen Gesellen nennen. Am 04.01.22 schreibt die HAZ zur Causa: „Erneut hat offenbar das Projektentwicklerteam von Eigentümer Lars Windhorst eine entscheidende Frist bei der Sanierung des Ihme-Zentrums verstreichen lassen. Bis Jahreswechsel hätten Mietverträge mit Einzelhandelsgeschäften oder Gewerbetreibenden für mindestens 9000 Quadratmeter Nutzfläche unterschrieben im Rathaus vorliegen müssen. Das ist nach Auskunft der Verwaltung nicht der Fall. Auf Anfrage der HAZ zu dem Sachverhalt war der Vertreter des Eigentümers, Carsten Grauel, ganztägig nicht zu erreichen.“
Ich habe mir die Mühe gemacht, mit ein paar Mausklicks zu recherchieren. Die oben auf der Plane aufgeführte Alexus Immobilien Management hat ihren Sitz in Berlin, Malvenweg 128. Ein Privathaus, am Arsch der Welt, kurz vor dem Müggelsee.

Malvenweg 128
Der Internetauftritt www.Alexus-immobilien.de sieht aus wie vom Praktikanten zusammengeschustert. Null Referenzprojekte, der eigene Firmenname mehrfach falsch geschrieben:
ALEXUS IMMOBILIEN MANAGMENT! Realisierte Projekt-Fundstellen im Internet: 2017 ein Aldi-Markt und 2014 Stattdessen mehrfach eine 12seitige Strafanzeige einer ehemaligen Mitarbeiterin, bei der sich, bei aller Skepsis, einem die Haare sträuben. Dass derartige Fundstellen von der Alexus-Gang nicht umgehend aus dem Internet geklagt wurden, spricht Bände.
Da überrascht es nicht, dass das Ihmezentrum als Referenzprojekt bei keinem Beteiligten zu finden ist, weder beim Eigentümer-Vertreter Grauel noch beim Ansprechpartner für Vermietungen Timm. Wer schmückt sich schon gerne mit einem Projekt, von dem er weiß, dass es vermutlich reif für die nächste Insolvenz ist.
Prima facie, Anscheinsbeweis? Juristisch vielleicht nicht, aber nicht nur Frieda Normalverbraucherin dürften sich die viel zitierten Haare sträuben. Ob allerdings die Causa gerichtsnotorisch wird oder nicht, früher oder später landet der Komplex eh beim Steuerzahler, getreu dem Motto: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.
Ich werde ein paar regionale Medien und die Stadt informieren und halte Sie auf dem Laufenden. Vielleicht kommt mal jemand auf die Idee, zu recherchieren, am Malvenweg 128. Ich bin bei meinem nächsten Tripp zum Müggelsee auf jeden Fall vor Ort.
p. s.: schon 2009 hatte ich gefordert: Ihmezentrum raus aus Linden. Und ein paar Tage später ein Kaufangebot für den Schuppen unterbreitet: Kaufangebot Ihmezentrum. Lindenspiegel 03-2009. Über meine zahlreichen anderen Aktionen zum Ihmezentrum informiere ich Sie, liebe Leserinnen, zusammen mit dem Fortgang dieses Lehrstücks aus dem Kapitalismus.

03.01.2022 – Dem Flaneur ist nichts zu schwör.


Seit Corona gehe ich häufiger zu Fuß, aus verschiedenen Gründen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wobei gehen unpräzise ist. Synonyme und präziser sind u. a.: marschieren, schlendern, promenieren, schleichen, bummeln, hinzu kommt Artverwandtes wie wandern, walken etc. pp.
Konstituierend für den Kapitalismus sind nicht Maschinen oder Ideologien, sondern ist Bewegung. Stillstand wäre da der Tod, es muss immer schneller, weiter, höher gehen, rasender. Deshalb war die Muße verflucht, bis sie als Heilmittel zur Selbstoptimierung für den Produktionsprozess erkannt wurde. Müßiggang war früher aller Laster Anfang, die Faulheit eine Todsünde und auch heute noch ist staatlich anerkannt verflucht, ergo Hartz-IV-Sanktionen unterworfen, wer sich dem Erwerbsprozess entzieht.
Wir haben wahrscheinlich mehr Begriffe für Bewegung und den Sonderfall „gehen“ als die Eskimos für Schnee. Gehen findet fast immer Geschwindigkeitsoptimiert statt. Wenn wir in der Stadt gehen, tun wir dies meist mit annähernd Höchstgeschwindigkeit unterhalb der Schweiß-Grenze. Beim Wandern fordern wir diese heraus. Man muss sich nur mal Quartalsirre, mit starrem Blick auf neue Rekordzeiten, anschauen, die mit Maximalspeed durch die Wälder powern, oft an irgendwelche Körperüberwachungsgeräte gebunden, leider nicht an Intelligenzoptimierer, die ihnen einflüstern: Mach mal langsam, genieß es. Qual ist der Genuss des Leistungswilligen und Schweiß sein süßer Lohn. Wie oft, liebe Leserinnen, haben Sie beim Wandern Menschen einfach stehen, liegen, gucken, also in Nicht-Bewegung gesehen? Selten dürfte noch übertrieben sein. Im Urlaub findet das schon eher statt, da dient es der Muße, also siehe oben, oder dem Sammeln von Eindrücken, was auch wieder funktional ist und zweckgerichtet, dient es doch der Erfahrung und Ästhetik-Pflege. Climax all des Irrsinns: Laufbänder, da sind die Bekloppten ganz bei sich, gerne auch im Fitness-Center in Gemeinschaft. So wird Individualität zur Lachnummer, unterscheidbar nur im Schweißband.
Jede pathologische Entwicklung fordert Gegen“bewegungen“ (Sic!) heraus. Auf Marx, der Arbeit als Fetisch regelrecht vergötterte, folgte sein Schwiegersohn Paul Lafargue mit dem Recht auf Faulheit und gegen die im Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts zum Exzess getriebene Verachtung des Müßiggangs entwickelte sich der Flaneur, der planlos umherschweift und schauend genießt. Hatte er im 19. Jahrhundert noch Dandycharakter, der gesehen, wahrgenommen werden wollte (es gab Flaneure, die sich ihr Tempo mittels einer mitgeführten Schildkröte vorgeben ließen, was natürlich Aufmerksamkeit erregte), tauchte der Flaneur des 20. Jahrhunderts in der Maße unter. Was macht den Flaneur des 21. Jahrhunderts aus? Das herauszufinden wird meine Hauptaufgabe für das kommende Jahr in Berlin sein. Wenn das planlose Umherschweifen und schauende Genießen per Rad als Flaneur-Parameter für das 21. Jahrhundert akzeptabel ist, war ich da auf einem sehr guten Weg. Das Umherschweifen war interessanterweise auch Kriterium für die Stadtindianer, die mir von allen Kaspertruppen der radikalen Linken die liebste war. Da fügt sich eins zum andern.

02.01.2022 – Nicht normal


Letzte Dienstbesprechung 2021, 31.12, 9 Uhr, Straßencafé, bei ca.16 Grad. Plus. Nicht normal.
2021 war wieder Jahr der Wetterrekorde, je nach Monat zu heiß, zu kalt, zu trocken, zu nass. Und so geht das seit Jahren. Tendenz: steigend. Wir wissen, wo die Fahrt hingeht und was wir tun müssten. Trotzdem ist das Fazit der letzten Umfrage zu Klimaschutzmaßnahmen „Alle Maßnahmen, die Opfer bedeuten, sind weniger populär“. Die größte Wirksamkeit auf dem Verkehrssektor liegt bei höheren Preisen für Kraftstoffe. Diese Maßnahme wird gerade von 10 Prozent aller Befragten als wirksam eingeschätzt. Klimaschutz ja – aber nicht auf meine Kosten. Gegen eine derartige kognitive Dissonanz regiert keine Politiker*in an, es sei denn, sie ist amtsmüde.
Die geringste Lenkungswirkung entfaltet übrigens eine Flugverkehrssteuer. Was ich persönlich beruhigend finde. Allerdings: Selbst wenn eine Flugsteuer die Maßnahme mit der höchsten Wirksamkeit wäre, also Fliegen die katastrophalsten Auswirkungen hätte, würde ich nicht das Ruderboot als Verkehrsmittel nach Korfu nehmen. Oder im November Urlaub in Cuxhaven oder Travemünde machen, eher würde ich mich erschießen.
Erschießen würde ich allerdings im Zweifel immer eher andere, nicht mich. Und damit sind wir wieder bei den Impfnazis, die allenthalben das edle Gut der Demonstrationsfreiheit nicht nur mit Springerstiefeln sondern auch mit Budapestern treten, dem Schuhwerk für die höheren Stände.
Ihr Gedankengut ist ebenso wirr wie verachtenswert, aber auch hermetisch. Sie sind durch nichts und niemanden zu erreichen und sie unterliegen im harten Kern einem permanenten Prozess der Selbstradikalisierung. Hier sind sie dem deutschen Faschismus gleich, der den Höhepunkt seines Vernichtungswahns in einem ständigen Prozess der Radikalisierung ab 1944 erreichte. Der Wahn nährt den Wahn, aus sich heraus.
Solche Gedanken sind eher nicht erheiternd und hier hilft entlastend, weil auch zum Lachen animierend, ein Blick in die Praxis eines dieser Anders Begabten. Ältere werden ihn kennen, den ehemaligen Schlagersänger Christian Anders. Anders ist Impfgegner und bezeichnete in einem Interview „Kinder-Impfer“ als „Kinderschänder“, da ausnahmslos alle Impfungen völlig wirkungslos seien und erst die Krankheit auslösen und verbreiten würden, die sie eigentlich verhindern sollten. An anderer Stelle behauptete Anders „Angelika (!) Merkel und der Rest“ seien „Bilderbergerpuppen, die überhaupt nichts zu sagen haben“; die Welt werde „regiert von sieben Familien“, die er in seinem Buch des Lichts benenne. Auf seinem YouTube-Kanal verbreitete Anders, dass Michelle Obama ein Mann sei, Adolf Hitler Kommunist, Albert Einstein geistig behindert und die Seuche Ebola nur erfunden.
Wenn ich allerdings daran denke, dass in meinem näheren sozialen Umfeld mehrere früher durchaus geschätzte Personen sind, die ebenfalls ganz offensichtlich auf einem langen Marsch in der Parallel-Welt unterwegs sind, bei dem niemand weiß, wo der endet, bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Und da draußen sind Millionen ähnlich unterwegs. Noch meist nur gedanklich. Aber wo ist der Kipp-Punkt, an dem der Gedanke, der Wahn, zur Tat wird?
Die Frage ist nicht, ob das passiert, sondern wann und wie oft.
Nicht normal.
Fröhliches neues Jahr, liebe Leser*innen.

32.12.2021 – 2022


Den 32.12 gibt’s doch gar nicht? Corona gibt’s ja auch nicht. Sagen manche. Millionen, um genau zu sein, wobei auch das nicht sehr genau ist. Die Impfnazis, die zurzeit zu tausenden permanent auf den Straßen demonstrieren, seien ja nur ein paar Promille. Sagen Medien und Politik. Ein paar Promille können auch üble Konsequenzen haben. Nicht nur im Vollrausch.
Die sich auf den Straßen zeigen, sind ja nur die Spitze eines Scheißberges. Genauso verheerend sind jene Geistes-Impfnazis, die sich zu fein für die Straße sind. Beklemmend und präzise hier im taz Artikel „Corona und die katholische Kirche“ beschrieben. Man muss nicht zwangsläufig an religiösen Wahnvorstellungen leiden, wobei die eher genossen werden, um Impfnazi zu sein. Aber es hilft ungemein. Wahlverwandtschaften.
Beatrix von Storch, Sibylle Lewitscharoff, Pfaffen, Senatssprecher, eine feine, hochdekorierte, hochbezahlte, anerkannte Gesellschaft, dazu die ganzen Richterlein, ach, es ist ermüdend, das ganze antidemokratische Pack aufzuzählen. Es ist nicht nur der rechte Rand, unsere Gesellschaft erodiert von der Mitte her. Was den feinen Herrschaften aus dem Mund purzelt, findet seine Entsprechung in den Baseballschlägern des Mobs.
Rohheit, Brutalität ist auch relativ, entfaltet sich konkret immer unter konkreten Bedingungen. Sie sieht in Myanmar und Afghanistan anders aus als in USA. Im Nationalsozialismus entfaltete sich bei uns ungehemmt flächendeckende, unvorstellbare Barbarei, der Zivilisationsbruch schlechthin. Davon sind wir natürlich Lichtjahre entfernt. Aber wenn ich mir Teile der hiesigen Eliten angucke, denke ich: Sieh an, Taliban der Mitte.
Zeit für Wünsche. Für 2022. Ich wünsche mir, dass alle meine Erwartungen an das neue Jahr und fortfolgende, die ich hier regelmäßig in düsteren Farben über die geschätzte Leserinnenschaft ausgeschüttet habe, nicht nur nicht eintreffen, sondern sich ins Gegenteil verkehren.
I have a dream: Bald gibt es eine App, die Kohlendioxid in Kohlenstoff und Sauerstoff umwandelt. Die App steuert eine Blackbox, die das bewerkstelligt. Und nicht nur das: Die wandelt den Kohlenstoff in Diamanten um. Das Klima ist gerettet, keine ist mehr arm, alles wird gut. Es gibt für alles eine App. Und die Pandemie wird zur Endemie, so Christian Drostens leise Hoffnung. Was Drosten sagt, ist für mich Bibel. Der sollte die Neujahrsansprache halten, nicht irgendwelche benebelten Büroboten des Kapitals, die davon faseln, wir hätten keine Spaltung in der Gesellschaft. Also hoffen wir mal und planen. Urlaube. Karneval der Kulturen.
Ich hab noch einen Koffer in Berlin.
Und wünsche allen, die diesen Blog lesen, ein gesundes 2022.

26.12.2021 – Eiskalt


Mein Teich heute Morgen. War der Winter schon früher in meinen Augen so überflüssig wie ein Kropf, ist er unter den Vorzeichen der Seuche als absoluter Infektionstreiber zu einem regelrechten Hassobjekt für mich geworden. Jahreszeiten zu hassen, siehe auch Schwerkraft und andere Naturphänomene, ist zugeben nicht der Ausbund an souveräner Rationalität. Aber der Mensch lebt nun mal nicht vom Kopf allein und so bleibt es für mich dabei: Die Monate November bis März gehören verboten, es sei denn, man kann sie zu ausgedehnten Fluchten in den Süden nutzen. Ist aber wg. Seuche, siehe oben, auch nicht soo empfehlenswert. Langsam kommt an der Front Bewegung in das Thema Triage. Die war früher, mehr noch als Impfpflicht für alle, ein Tabu. Undenkbar, es durfte kaum darüber diskutiert werden.
Außer natürlich in diesem Blog, wo ich selbstverständlich dafür war, Ungeimpfte auf die Warteliste der Triage ganz nach hinten zu setzen, zumindest wenn sie für ihr Verhalten nicht schwerwiegende medizinische Gründe anführen können. Angst vor Pieks gehört nicht dazu.
Außerdem sollten Vakzin-Verweigernde für die Kosten der Behandlung aufkommen. Diese Kostendrohung schwebt durchaus implizit hinter dem ersten Versuchsballon der Triage-Propagierung, den hier eine Juristin gestartet hat:
Unter den extremen Bedingungen einer Pandemie sei es eine hinreichende Begründung, um andere Erkrankte zu priorisieren, dass eine entscheidungsfähige, volljährige Person wesentlich oder gar ausschließlich durch eigenes Verhalten, nämlich der Impfverweigerung, ihre Notlage verursacht hat.
Ich würde die Argumentation wegen der Kosten ins Versicherungsrechtliche erweitern: Impfverweigernde sagen durch ihr Verhalten, dass sie weiterhin keine Seuchenvorsorge treffen werden, sich auch nach Erkrankung nicht impfen lassen werden. Damit gefährden sie durch selbstverantwortetes Handeln nicht nur ihre Gesundheit, sondern nachfolgend die perspektivischen Heilungsaussichten.
Das wird zukünftig vermehrt versicherungsrechtliche Konsequenzen haben, in deren Folge Nichtgeimpfte privat für (Teil-) Kosten ihrer Behandlung aufkommen müssen.
Hellhörig geworden bin ich diesbezügl. bei einem DLF-Interview mit einem Spitzenvertreter der Privaten Krankenkassen. Der sagte explizit, in ihrem Verband habe derzeit niemand die Absicht, Corona-Folgekosten bei der Kalkulation von Beitragssätzen zu berücksichtigen. Heißt übersetzt: Die Kalkulationen liegen fix und fertig vor, inklusive der rechtlichen Justierungen der Kostenübernahme-Modalitäten. Siehe auch: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten .
Da sind die Konzerne eiskalt. Kapitalismus eben, und der hat, das wissen Linke seit Marx, durchaus auch positive Seiten.

25.12.2021 – Rohe Eiertage


Armut verbieten. Die Partei.
Vor ca. einem Jahr, im Jänner 21, hatte ich in diesem Blog unter anderem gefordert, auch vor dem Hintergrund der damaligen Datenmalaise, die sich heuer wiederholt:
Flächendeckende FFP 2 Pflicht, drakonische Strafen bei Verstößen gegen Versammlungsverbot und gegen Hygiene Maßnahmen, Homeoffice Pflicht, Total Lockdown für drei Wochen, Impfpflicht für alle. Das ist meine private Meinung, im Prinzip seit Beginn der Seuche. Die ich zu Weihnachten auch in meinem Job für die Landesarmutskonferenz öffentlich vertreten habe, was unter anderem in der Weihnachtsausgabe der Tageszeitung „junge welt“ abgedruckt wurde: Ich halte die Ansicht, auch und gerade im Interesse von Armen und Ausgegrenzten sofort eine Impfpflicht für alle einzuführen, für logisch begründet und ethisch nicht nur vertretbar, sondern zwingend. Mir geht es dabei auch um den abstrakten Freiheitsbegriff der Impfpflichtgegner, völlig abgehoben von der Realität, und daher pure, lebensgefährliche Ideologie.
Eine Sicht, die nicht nur nicht von allen geteilt, sondern teils geradezu gehasst wird. Für Impfnazis und Vakzin-Verweigernde ist man mit dieser Forderung eine Art Gottseibeiuns. Was sich aufs Schönste bestätigte in Form einer Mail an mich von einem gewissen Otmar Waalkes, eher nicht verwandt mit dem Possenreißer Waalkes, die ich dem geneigten Publikum nicht vorenthalten möchte:
„Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen fordert die Impfpflicht: mit einem Impfstoff, der nur bedingt(!!!!) zugelassen und nicht, wie notwendig, erforscht ist. Wie wäre es, sich mal um die Basisaufgaben Ihres Vereins zu kümmern und nicht populistisch mitzupöbeln. Wer durch Sie vertreten ist, hat schon verloren. Kann man nur kotzen. Lassen Sie sich doch alle zwei Monate boostern. Vielleicht gibt’s dabei ja auch so eine Art Überdosis. Ich wünsche Ihnen alles Gute, vor allem geistige Gesundheit (da hapert es augenscheinlich.)“
Natürlich musste ich lachen, erschrecken tut mich sowas nicht, ich bin Scheißesturmgehärtet.
Interessant fand ich an der Mail, dass sie von jemandem stammt, der offensichtlich Bildung und Intelligenz besitzt, logisch aufgebaut, formal überaus korrekt, und mit zwei Ansätzen, die falsch, aber diskussionswürdig sind: bedingt zugelassen und nicht erforscht.
Aber trotz der formalen und inhaltlichen Contenance, die O. Waalkes bis zum Schluss durchhält, bricht letztlich die Wut in ihm im Prozess des Schreibens ungezügelt durch, droht er doch vom körperlichen Affekt des Kotzens übermannt zu werden und wünscht mir final eine Überdosis an den Hals resp. in den Arm.
Mein erster Impuls war, wie folgt zu antworten: „Sehr geehrter Herr Waalkes, mein Rat an Sie: Mails zum Thema Impfen nur nach vorheriger medikamentöser Einstellung durch Ihren Arzt.“
Hab ich natürlich nicht gemacht. Was soll’s, nützt ja doch nichts. Tröstlich ist: Die Partei hat immer recht. Zitate aus diesem Lied als Weihnachtsgeschenk für Sie, liebe Leserinnen, und falls Sie grübeln, woher Ihnen dieser Duktus bekannt vorkommt: Liedgut der katholischen Kirche. Ersetzen Sie Partei durch Gott, dann passt’s:
Sie hat uns alles gegeben.
Sonne und Wind und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben.
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen.
Fror auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen.
Uns trägt ihr mächtiger Arm.
Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!

21.12.2021 – Die totale Versohlung


Das ist kein Insidertipp für Anhänger*innen der etwas härteren Gangart, worauf ja auch der Schuh-Kick und das Leder hinweisen könnte, sondern ein Schuster. Kam mir unlängst bei einem abendlichen Kiezwalk vor die Linse. Dass man auf dem Bild gut was erkennen kann, ist meinem relativ neuen Smartphone geschuldet. Ich bin kein Smartphone-Fetischist, der hechelnd auf die neueste Generation wartet, 90 Prozent der Funktionen dieses Digitalschnullers sind mir wumpe, aber über die Qualität der Kamera freue ich mich schon.

Lindwurm. Kiezkneipe. Mit dem alten Smartphone hätte ich gar nicht erst versucht, was zu knipsen. Lindwurm, also Drachen, fiel mir deshalb ins Auge, weil ich kurz vorher am Kiez-Kulturzentrum Faust vorbeigekommen war.
Nichts los, alles dunkel, drei, vier Gestalten hockten in der Kälte vor der dazugehörigen Kneipe. Die Faust-Gebäude lagen ermattet in der Dunkelheit, erinnerten mich ein bisschen an Drachen aus diesen Fantasyfilmen, die zum Schluss ermattet, der Agonie nahe, am Boden liegen. Ihre Zeit geht zu Ende, eine neue Epoche bricht an. Nein, ich hatte nichts geraucht, es war nur meine Phantasie, die mir das Hirn in kalten Zeiten wärmte.
Es weiß ja schon kein Mensch, was die nahende Omikron-Zukunft an Restriktionen und Lockdowns bringt. Wer wollte da eine Prognose wagen über eine mittelfristige Zukunft von unserem gesellschaftlichen Treiben, inklusive Kultur, Produktion, Reisen, Öffentlichkeit, wenn noch infektiösere Sigma oder Tau Varianten die Oberhand gewinnen, gar völlig neue Seuchen nahtlos anschließen.
Was würde aus dem bunten Treiben, um bei dem Beispiel zu bleiben, in den alternativen Kulturzentren? Das ich, obwohl kein Alternativer, immer geschätzt habe. Tolle Konzerte, Lesungen oder auch eigene Projekte, wie jahrelang eine monatliche Satiresendung, gemeinsam mit anderen, beim extrem alternativen Radio Flora. Oder die Premiere eines Flüchtlingstheaterstücks. Dessen Produzent ich war und den angesichts der Getränkerechnung bei der Premierenfeier beinahe der Schlag traf. Immerhin handelte es sich um öffentliche Fördermittel und da gibt es ein Credo: Alkohol ist nicht abrechnungsfähig.
Tatsächlich hängen also an dem Drachen in Agonie, an Faust, viele durchaus zauberhafte Erinnerungen. Leben eben.
Was wird, wenn Seuchen zum gesellschaftlichen Dauerzustand werden? Wenn wir also, um den Laden, die Produktion am Laufen zu halten, eine definierte permanente Seuchenwirtschaftsordnung brauchen, der Ausnahmezustand also die Regel wird? Um Ihre Phantasie für eine Gesellschaft nach der 10. Welle in Schwung zu bringen, liebe Leserinnen, empfehle ich als Einstieg den Wiki-Artikel über Kriegswirtschaft. Ersetzen Sie einfach „Krieg“ durch „Pandemie“, dann haben Sie die Richtung.
So schlimm wird es schon nicht kommen. Und wenn ich jetzt jemanden zwischenrufen höre, die Soldaten im Ersten Weltkrieg dachten im September 1914 auch, sie wäre zu Weihnachten wieder siegreich Zuhause, dem drohe ich die Versohlung an, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir sie uns heute überhaupt noch vorstellen können…

20.12.2021 – Die Situation ist sowohl ernst als auch hoffnungslos


Die katastrophale Wohnungssituation in Ballungsräumen verschwindet aktuell hinter der Seuche. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann in den nächsten Tagen angesichts von Minustemperaturen die ersten Obdachlosen erfrieren. Thema Nr. 1 aber bleibt Omikron und je dramatischer die Modellierungen ausfallen, desto mehr Impfnazis und Impfverweigernde gehen auf die Straße. Deren Parolen changieren irgendwo zwischen dumm und frech, was entsprechende Emotionen evoziert. Manchmal hilft es, wenn man kurz innehält, den Kopf ausschaltet (nicht zu lange! Die Nebenwirkungen sind dann beträchtlich) und in sich hineinhorcht, was für Emotionen es genau sind, die einen angesichts von soviel Dämlichkeit, Irrationalität und Niedertracht bewegen: Zorn, der untrennbar mit dem Urgefühl Aggression verbunden ist, aber auch sowas wie Verachtung, die immer „irgendwie“ (hilflose Vokabel) mit Fassungslosigkeit verknüpft ist.
Sie, liebe Leserinnen, kennen das vielleicht, wenn Verachtung in Ihnen aufquillt, ist der Ausruf „Das ist doch nicht zu fassen, das glaube ich nicht, das kann nicht wahr sein!“ nicht weit. Egal ob Sie privat von jemandem auf das Schäbigste hintergangen wurden oder die Politik mal wieder in Trumpsche Kategorien entartete. Zorn und Verachtung, genau der richtige Cocktail, um in Weihnachtsstimmung zu kommen.
Um das Maß vollzumachen, spürte ich beim Nachgehen meiner Emotionen noch sowas wie Mitleid. Der Impfnazi mit seiner kleinen Schwester, der Impfverweigerin, ist ja in seiner Gefährlichkeit und Erbärmlichkeit durchaus auch eine lächerliche, groteske und arme Wurst. Eine feine Visualisierung der Ambivalenz von Gefährlichkeit und Groteske ist Charlie Chaplins „Der Große Diktator“. Den Impfnazi treibt ja nicht nur Langweile auf die Straße, weil er keine Arbeit hat oder kein Hobby, es ist auch nicht nur die Angst vor der Spritze, vor dem vermeintlichen Freiheitsverlust durch das Scholzsche Impfregime, es ist eine tiefersitzende: Es ist die grundsätzliche Angst im Kapitalismus. Die sich immer wieder und immer häufiger an konkreten Zuständen, wie einer Seuche, Bahn bricht. Kapitalismus produziert Angst und profitiert von ihr, durch den ständigen Existenzkampf, dem die Individuen ausgesetzt sind, durch den Kampf aller gegen jeden, durch kafkaeske Gesetzmäßigkeiten, denen alle scheinbar ohnmächtig ausgesetzt sind. Kein Kapitalismus ohne Angst, zu den Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Psychiater.
„Angst im Kapitalismus“ von Dieter Duhm war ein zentrales Buch in der undogmatischen Linken der 70er, das den Versuch unternahm, den ökonomistischen Ansatz der marxistischen Orthodoxie mit individualpsychologischen Erkenntnissen zu vereinen. Der Ansatz stand in der Tradition von Wilhelm Reich, dessen „Massenpsychologie des Faschismus“ heute noch mein immer spärlicher werdendes Bücherregal ziert. Es erschien 1933 und führte prompt zum Rausschmiss von Reich aus der KPD.
Wer bei den heutigen Krisen nicht immer den Kapitalismus und dessen Nachtmahr, die Angst, mitdenkt, wird nie die Instrumente zu ihrer Überwindung auch nur definieren können. Es bleibt alles Stückwerk. Ansätze liefern immer noch undogmatische linke Klassiker wie Duhm, Reich, Walter Benjamin und Klaus Theweleit. Wobei die Geschichte da nicht immer gut ausging. Reich und Duhm drehten beide ziemlich in esoterische Gefilde ab, Reich mit seiner Orgonomie und Duhm endete in einer Grusel-Sekte vom Kaliber Otto Mühl. Ein bisschen mehr marxistische Orthodoxie hätte den Beiden gutgetan. Zuviel Püschologie is auch Kacke.
Fazit: Die Situation ist sowohl ernst als auch hoffnungslos und der Humor fängt da an, wo der Spaß aufhört.

18.12.2021 – Über das Phänomen der anschwellenden Dilemmata.


Ich lasse mir den Mund nicht verbieten? Meine Lieblingsmaske. Kein FFP 2, daher seit Monaten unbenutzt in einer Ecke. Mir fiel beim Anblick eines der Motto (was ist der Plural von Motto? Motti? Motten?) der Impfnazis ein, die auch an diesem Wochenende wieder zu Tausenden die Öffentlichkeit verpesten. Verpesten, selten passte ein metaphorischer Ausdruck so fein wie dieser.
„Ich lasse mir den Mund nicht verbieten“, so ein Motto der sich selbst als Seuchenrebell, als Pidder Lüng der Pandemie, gerierenden tausenden von impfverweigernden Hobbyvirolog*innen auf den Straßen der Republik. Wie schnell die nicht nur die mühseligen Ebenen der Epidemiologie und Mikrobiologie durchmessen haben, für die andere jahrelanges intensives Studium brauchten, sondern sogar schlauer geworden sind als 99,9 Prozent aller nicht selten promovierten oder habilitierten Fachleute, das versetzt mich in ehrfürchtiges Erstaunen. Welch bisher unbemerktes Potential an Geistestitanen wir dort haben.
0,1 Prozent, die an 100 fehlen, meint jene Fachleute wie den Mikrobiologen und antisemitischen Hetzer Sucharit Bhakdi, der auch als Bundestagskandidat der Impfnazi Partei „Die Basis“ fungierte.
Was treibt solche Menschen an, was ist die Ursache für ihr Handeln? Was persönlich in deren Hohlköpfen brummt, ist mir Wurst. Mir geht es um das offensichtlich flächendeckend vorhandene, strukturell Verbindende. Der individuell-pathologische Ausdruck ihrer Verwirrtheit ist ja ein Phänomen, das gesellschaftliches Handeln prägt, Gesellschaft bedroht und kollektives, aufgeklärtes Konter-Verhalten notwendig macht.
Nicht erst seit dem Aufkommen der sozialen Medien gilt die Erkenntnis: Zwei Währungen prägen die postmoderne Gesellschaft – Geld und Aufmerksamkeit. Mit ersterer lässt sich letztere kaufen, umgekehrt mit jener diese generieren, siehe z. B. Influencerinnen. Im Streben nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, Aufgehen in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter liegt sicher ein Motiv der Andersbegabten. Endlich bin ich arme Wurst auch mal Hero just für one day. Das Dilemma liegt im gesellschaftlichen Umgang damit: Sollen „wir“, wie auch immer ein derartig konstruiertes Kollektiv der Aufgeklärten aussehen möge, „die“ nicht beachten? Nicht mit ihren Positionen auseinandersetzen? Sollen die Medien nicht darüber berichten, um „die“ vom nährenden Fluss der Aufmerksamkeit abzuschneiden?
Ich verbreite mich auch deshalb hier über das Phänomen „Dilemma“, weil Dilemmata immer mehr zum Problem werden. Wie gehen wir zum Beispiel mit dem Dilemma um, dass mit dem Mittel der Demokratie die Klimakatastrophe offensichtlich nicht verhindert werden kann? Wie mit dem Dilemma, dass der ständig anschwellende Reichtum der Wenigen immer mehr Arme produziert?
Zu weit will ich mit der Motivsuche bei unseren Hobbyvirolog*innen aber nicht gehen. Die Frage, ob die Bekloppten dieses Wochenendes als Kinder nicht lange genug gestillt wurden, beim Fußball in der Volksschule immer als Letzte in die Mannschaft gewählt wurden oder in der Tanzschule als Mauerblümchen sitzen blieben, ist mir dann doch Wurst.

16.12.2021 – Mexikanisches Corona-Bier zu polnischer Bergmanns-Polka und karibischen Aus-Rasta-Klängen


Karneval der Kulturen Kreuzberg 2018.
Der Karneval der Kulturen in Kreuzberg ist für 2022 wieder geplant, wie üblich 4 Tage über Pfingsten. Ich bin skeptisch. Ob der stattfindet? Manchmal denke ich, dass wir in einer Zeitenwende leben und permanent, apokalyptischen Reitern gleich, Seuchen uns heimsuchen werden. Irgendwann gibt es immer die Quittung für Hemmungslosigkeit. Wer hemmungslos säuft, kriegt es an der Leber, und wer hemmungslos kapitalistisch wirtschaftet, kriegt es am Leben. Lockdown bis zum bitteren Ende, auf allen Kanälen. Die charismatische Tex-Mex-Tanzcombo Los Lobos nochmal in einer zärtlich-lauwarmen Sommernacht in der Spandauer Zitadelle? Never ever again. Auf den Straßen Kreuzbergs beim Straßen-Karneval mit mexikanischem Corona-Bier zu polnischer Bergmanns-Polka und karibischen Aus-Rasta-Klängen tanzen? Das wird dann früher gewesen sein.
Für das anbrechende Post-Anthropozän, also das Zeitalter, in dem sich der Mensch vom Globus verabschiedet, gilt: Keine Öffentlichkeit. Für Niemanden. Der Begriff Public Enemy kriegt eine neue Bedeutung: Public is the Enemy. Neue Tabu-Begriffe entstehen. So wie früher Krebs, Aids, Tod lauten sie im Post-Anthropozän Karneval, Konzert, Öffentlichkeit.
Vor dem Hintergrund derartiger Dystopien strahlen die Erinnerungen umso heller und werden innerhalb kurzer Zeit mit einer mythischen Gloriole versehen. Das „Weißt du noch, damals … ?“ kann zu einem wehmütigen Schwanengesang nicht nur für einen individuellen Lebensabschnitt werden.

2018 startete, siehe oben, der Karneval direkt vor meiner damaligen Homebase in Kreuzberg. Im Haus befand sich ein Imbiss, in Fachkreisen auch Hades genannt, Treffpunkt von Menschen, die nicht alle permanent auf der Sonnenseite des Lebens wandelten. Der Wirt, ein polyglotter Türke, Fußballtrainer und Philosoph, hatte Salate und Häppchen gemacht. Wir saßen draußen, alle waren fröhlich, in Ausnahmelaune, das Leben flutete nicht an uns vorbei, sondern mitten durch uns hindurch, der Karneval rief, lockte…

Ich saß da und prostete der Welt zu. Alles würde gut werden.
Ich kann nicht sagen, was ich dafür geben würde, wenn der Karneval 2022 stattfinden würde, aber ich glaube, es wäre eine Menge. Und vielleicht wird jetzt mein Zorn auf Impfnazis verständlicher, die dafür verantwortlich sind, dass wir schon die aktuelle Seuche nicht in den Griff kriegen.