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25.10.2026 – Barbarei oder Barbarei

Herrengedeck. Gaststätte am Kreuzberg. Es gibt aber auch neuerdings das Gegenstück: Damengedeck. 1 Sekt und 1 Aperol. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Na dann, Stößerchen.

Rosa Luxemburg dekretierte 1916 angesichts des industriellen Massenmordens im Ersten Weltkrieg die vielzitierte Parole über die Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft: „Sozialismus oder Barbarei“. Zitat: „… entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof. Oder Sieg des Sozialismus …. “

Nationalismus, Imperialismus und Krisenentwicklungen in den bürgerlichen Gesellschaften gegen Ende des 19. Jahrhunderts mündeten einerseits in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, brachten aber auf der Gegenseite auch praktische und theoretische Weiterentwicklungen eines Krisenlösungsmodus hervor: Sozialismus. Philosoph*innen wie Marx, Engels und Rosa Luxemburg entwickelten ihre Theorien dialektisch weiter im Dialog mit der Praxis, dem Entstehen und Aufbau der Arbeiterbewegung mit ihren Parteien, Gewerkschaften, Fraktionen und Strömungen. Daher bestand damals, 1916 zur Zeit der Formulierung von „Sozialismus oder Barbarei“, die berechtige Furcht vor einem Untergang der bisher bekannten Formen von Zivilisation ebenso wie die berechtigte Hoffnung auf eine bessere Welt, auf die Utopie eines Sozialismus.

Heute haben wir wachsenden Nationalismus weltweit ebenso wie Imperialismus am Hacken. Kriege wie in der Ukraine, Iran, Nahost haben das Potential zu expandieren, die Weltwirtschaft nachhaltig zu schädigen und den Gedanken einer globalen Friedensordnung für Jahre obsolet zu machen. Zum Krieg als Krise gesellen sich andere Formen von Apokalypse. Neueste Horrorvision nach der php-Sicherheitslücke: Das Internet geht nicht mehr. (Das kann sich ja jede mal für ihren Alltag ausmalen.) Apokalypsen-Szenario davor: KI. Darüber etwas in Vergessenheit geraten: Seuchen. (Was macht eigentlich Ebola im Moment?) Und dabei haben wir noch nicht vom Kapitalismus gesprochen.

Die aktuellen Riots in Frankreich und anderswo mögen in ihrer Ausprägung Jugendkrawalle sein, vor dem Hintergrund der berechtigten Zukunftsangst von Teilen der heranwachsenden Generation. Die Ursache dafür liegt aber nicht in dem medial konstruierten Generationen-Gegensatz Jung-Alt. Sie werden bei den Riots selten junge Erben von Vermögen, Kapital, Unternehmen treffen, Elitenabkömmlinge, es sei denn, aus Lust am Krawall. Ganz sicher nicht aus Zukunftsangst.

Ebenso wenig stimmt das flächendeckende Bild des vermeintlichen Konfliktgegenstücks, des wohlsituierten Rentners mit zusätzlicher Betriebsrente, fetter Pension, üppigen Alterszusatzeinkommen. Dieses Konstrukt unterschlägt die rapide wachsende Altersarmut. Alte sind die Personengruppe, in der die Armutsquote am stärksten steigt, von ca. 14 % Mitte der Zehnerjahre auf aktuell knapp 20 %. Tendenz angesichts der Prekarisierung der Gesellschaft: Wachsend bis explodierend.

Der Konflikt besteht nicht zwischen Jung und Alt. Der Konflikt besteht zwischen den Klassen. Arm gegen Reich. Kapital gegen Arbeit. Elite gegen Machtlose. Dieser Konflikt ist im bestehenden System nicht zu lösen und wird immer prekärer, gewaltförmiger. Er trägt in sich den Kern zu einer Gesellschaft der Barbarei, also dem Verlust von Formen von Zivilisation, wie wir sie kennen. Ein Unterschied zum Diktum von Rosa Luxemburg besteht allerdings. Während sie zeitbedingt noch Hoffnung haben konnte auf eine solidarische, menschliche Alternative, auf die Utopie eines Sozialismus, ist die uns gründlicher denn je abhandengekommen.

Zivilisatorischer Fortschritt beschränkt sich auf die Frage: Herren- oder Damengedeck? Wir können höchstens zwischen verschiedenen Formen von Barbarei wählen, Teile davon sind in vielen Ecken der Erde schon Realität. Die Frage ist nicht: Sozialismus oder Barbarei?

Die Frage ist: Barbarei oder Barbarei?