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03.09.2026 – Über das Flanieren. Oder: In 78.000 deutschen Hauhalten wird noch mit Kohleöfen geheizt

Schauvitrine im „Werkbund Archiv – Museum der Dinge“, Berlin . Ein Museum, das sich der industriellen Massen- und Warenproduktion des 20. und 21. Jahrhunderts widmet. Ich hatte die kleine Beschriftung „Stimulierend“ oberhalb der Vitrine übersehen und rätselte einen Moment. Sieht ja auf den ersten Blick auch aus wie eine Mischung zwischen Lippenstiften und Malerspachteln. Nach einem sachdienlichen Hinweis meiner Begleiterin wollte ich erst einwerfen „Aber da fehlt doch ein ..“, dann fiel mir rechtzeitig ein, dass das wohl ein eher männlicher Blick auf die Sachlage wäre, ich schluckte die Bemerkung runter. Komische Formulierung, aber ich lass das mal so stehen, hier geht’s ja nicht um den Büchnerpreis.

Nebenan in der Vitrine ein Kaufmannsladen, da werden Erinnerungen wach.

Die aktuelle Ausstellung „Gestalten für Berlin – Design aus der Kunsthochschule Berlin-Weißensee“ ist absolut sehenswert, wundervolles Design aus Weißensee für Ost und West im Laufe der Jahrzehnte.

Für die, die noch Kohleöfen besitzen, ein aktueller sachdienlicher Hinweis. (78.000 Haushalte in der BRD heinzen noch so, vor allem in Berliner Altbauten).

Mokkaservice „Madeleine“, 1965, vom legendären VEB-Porzellanwerk Freiberg. Leider hat mein Handy den Mops dahinter schärfer fokussiert, vielleicht spukte mir noch der Malerspachtel durch den Kopf.

Auf meine „To see Liste“ hatte ich das Werkbund-Archiv beim Flanieren gesetzt. Nachdem es aus SO 36, der Oranienstr., weggezogen war, hatte ich es aus den Augen verloren und neulich in der Leipzigerstr. wiedergesehen. Die Leipziger Str. ist geprägt vom sozialistischen Wohnungsbau, Platte und hoch. Gemeinhin als hässlich betrachtet und keinen Touri oder Flaneur zieht es da hin.

Ein Grund mehr für mich, dort zu flanieren, die Brüche und Schönheiten im Kleinen zu entdecken, der Seele Ostberlins nachzuspüren. Und eben sowas wie den Werkbund wiederzuentdecken und den dann später gezielt aufzusuchen. Flanieren ist ja immer ohne Ziel, Ziele werden höchstens dabei für später notiert. Ein paar Gedanken zum zeitgenössischen Flanieren können Sie gerne hier nachlesen. Ich trage mittlerweile beim Flanieren keinen Rucksack mehr. So ist es unbeschwerter, der Atem, die Gedanken, Wahrnehmungen, Empfindungen fließen freier durch Kopf und Körper. Gegen den Sommerdurst gibt es an jeder Ecke einen Späti und später den Hades, unseren Imbiss im Haus. Das Flanieren ist auch eine kleine Flucht aus dem Geprassel der Nachrichten, dabei entziehe ich mich quasi therapeutisch meiner Handysucht.

Aber natürlich haben auch aktuelle Nachrichten ihren Reiz. Die Meldung „SPD-Fraktion fordert Zerschlagung mächtiger Ölkonzerne“ hat etwas irrlichternd grotesk-komisches. Im ersten Moment hatte ich, Ostberlin geprägt, gelesen: „SED-Fraktion …. “ , aber die gibt es ja leider nicht mehr. Die SPD muss wirklich sehr verzweifelt sein angesichts dramatischer Abstürze in den Umfragen, wenn sie sich auf derart aussichtloses Terrain begibt. Aber, Genoss*innen, ich stehe da voll hinter Euch!

Allerdings liegt mir der nächste Besuch im Werkbund näher. Vielleicht gibt es zu besagter obiger Vitrine eine Handreichung, aus der die ganzen Einsatzgebiete und Funktionsweisen deutlicher werden. Da tapp ich stellenweise doch im Dunkeln…