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17.09.2019 – Flanierende Geschlechtsteile


Drangvolle Enge am ehemaligen Hippie-Strand Mirtiotissa auf Korfu. In den 70ern und 80ern Zufluchtsort von Hippies der ganzen Welt – siehe auch Valle Gran Grey auf Gomera, San Carlos auf Ibiza oder Goa in Indien. Eine Liste bekannter ehemaliger Hippiespots ist beim Reiseführer Marco Prolo einzusehen. Und mehr muss man dazu nicht sagen. Wenn in allen Reiseführern der Welt steht: Mirtiotissa Beach Geheimtipp! drängeln sich natürlich sofort Milliarden von Frieda und Otto Normalverbraucherin da.
Besagter Mirtiotissa ist klein und hat wie viele Strände der Welt erheblich an Sand verloren. Da ich normalerweise nur in der Zeit von Spätoktober bis Frühapril im Süden bin, um Hitze und Fülle zu entgehen, hatte ich die Fülle dort völlig unterschätzt. Hat man im Spätherbst dort Platz und Ruhe, war es heuer im Frühseptember so drangvoll eng, dass es für einen Witzfilm gereicht hätte, wäre ich nicht für einen Nachmittag mitten drin gewesen. Unglücklicherweise ist das einer der wenigen Strände auf Korfu, wo Nacktbaden möglich ist und sobald ich, auf dem Rücken liegend, die Augen geöffnet hatte, wurde ich Anblicken von flanierenden Geschlechtsteilen direkt über, neben, vor oder hinter mir ausgesetzt, die ich so niemals haben wollte und bei denen ich nur beten kann, dass sie mich niemals in Alpträumen einholen. Von dem haut(!)nah vorbeiwogenden Meer von Ärschen, Titten und Bäuchen schweigt des Sängers Höflichkeit. Es war alles so distanzlos, wie das die ganze Welt heute ist. Ich wurde binnen kurzem unruhig, aggressiv und Misanthrop und wünschte den Hippies post mortem Pest und Cholera an den Hals, hatten sie doch durch ihre Trüffelschweinfunktion diesen an sich zauberhaften Ort der Welt erschnüffelt, umgegraben und konsumfähig gemacht.
Bevor ich ein Kettensägemassaker an diesem an Gemälde von Francis Bacon (dem es wie mir immer um die innere Natur des Menschen und nicht den äußeren Körper geht) gemahnendem Vorort der Hölle anrichten konnte, riss ich mich am Riemen und entfloh. In der Nähe gibt es einen ehrlichen Touristenstrand mit Viersternehotel, Strandbars, ordentlich besucht, aber jede Menge Platz und Distanz. Da ich mich ein bisschen auskenne, tapste ich 50 Meter weiter und fand hinter einer Felsnase eine namenlose Bucht, in der niemand lag.

Niemand da, nur mein Rucksack und ich.
Nun bin ich nicht so naiv, den Herdendrang des Menschen zu unterschätzen. Obwohl der Mensch des Menschen Wolf ist, seinen Nächsten hasst wie die Pest, vor allem Nachbarn, Verwandte und Kollegen, sucht er doch ständig die Nähe des Anderen in Massen, sei es im Stau, im Sommerschlussverkauf oder im Urlaub. Ob das ein angeborener genetischer Defekt ist, der die Spezies Mensch letztlich leider Darwins zur „Krönung“ der Evolution gemacht hat, weiß ich nicht. Interessant wird die Geschichte allerdings bei der Frage, warum der Mensch auch heute, im Zeitalter vorgeblicher Individualisierung und Selbstinszenierung des vermeintlich einzigartigen „Ich“, immer wieder das Verschmelzen mit der Masse sucht.
Die Bindungskräfte von Kollektiven wie Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, Verbänden hat der Neoliberalismus erfolgreich zertrümmert, um das „Ich“ dem grenzenlosen Konsum (oder dem Untergang) zuzuführen. Und auch wenn der Mensch sich zusehends asozial verhält (das allgemeine Blabla der bösen sozialen Medien und des Internet wollen wir hier erst gar nicht anfangen) ist er doch noch ein soziales Wesen. Blöd nur, dass er in der ausgesuchten Masse nicht das Kollektiv seiner Klasse vorfindet, also „Klassenbewusstsein“ entwickeln könnte, sondern eine wie auch immer geartete „Identität“. Und das in zusehends fragmentierten diversen Gemeinschaften dutzender benachteiligter Minoritäten, von sexuell Diskriminierten über Abgas-Geschädigte hin zu Kleingärtnerinnen.
Jeder eine benachteiligte Minderheit. Mit sowas kann man keine Revolution machen. Nur Urlaub.

13.09.2019 – Salz der Erde


Kontogialos Bucht auf Korfu.
Ich schätze Komfort im Urlaub, kann aber auch genauso gut in einer schlichteren Variante absteigen. Das Schöne an Luxusreduzierten Unterkünften ist, man merkt nachhaltig, was einem wirklich wichtig ist. Kofferträger am Empfang? 5-Gänge-Menü im hoteleigenen Restaurant? Feine Sache das, geht aber auch ohne. Dusche? Kühlschrank? W-Lan? Da freut man sich doch schon über den Fortschritt. Vor allem, wenn man sich morgens das erste Frühstück selber machen muss, und auch gerne will, und einem die Butter nicht in Rinnsalen davon fliesst, was bei den hier zur Zeit herrschenden über 30 Grad zweifellos der Fall wäre. Bei meinem ersten morgendlichen Rührei merkte ich sofort, was mir wirklich fehlt: Salz.
Ich hatte keins und Essen ohne eine Prise Salz schmeckt einfach nicht. Es heisst ja nicht umsonst bei Menschen, ohne die es nicht geht: Salz der Erde.
Das Aufkommen von Gewürzen war ein Meilenstein in der Entwicklung von Zivilisation. Pfeffer war, meine ich zu erinnern, früher wertvoller als Gold und der Handel mit Gewürzen war eines der Schwungräder, neben der Gier nach Land, Gold und Sklaven, für den Imperialismus. Dessen krönender Höhepunkt der erste Weltkrieg war, mit all seinen Konsequenzen, wie eben der Tatsache, in welcher Weltordnung wir heute leben.
Das alles und noch viel mehr ging mir durch den Kopf, als ich am nächsten Morgen zufrieden Salz auf meine Eier träufelte, vom Dorf-Laden um die Ecke. Enteneier übrigens. Um den Laden herum wuseln hier Hühner, Gänse und Enten und deren Eier gibt’s im Laden zu kaufen. An meinem Balkon wachsen Weintrauben,quasi zum Frühstück in den Mund, und gestern hat der Besitzer des Apartments mir einen Teller frischer Feigen aus seinem Garten reingereicht. Brauche ich sowas? Nein, aber schön und paradiesisch ist es doch. Und da kann ich dann gerne auch auf die tägliche Reinigung meines Etablissments verzichten. Brauch ich nicht.
Aber Salz, das ist schon ne feine Sache. Sonnige Grüße, liebe Leserinnen, ich geh wieder eine Runde schwitzen.

06.09.2019 – Der Rest ist Schweigen


Sonnenblume Goldener Neger, ca. 3 Meter hoch. Als ich heute Morgen Kleidungsreduziert wie Sommers üblich den Garten durchmaß, fasste mich ein Frösteln an. Einstellige Temperaturen ließen den eisigen Griff von Marschall Winter ahnen. Der Goldene Neger, der mittlerweile nicht mehr so heißt, lächelte aus luftiger Höhe auf das bibbernde Rührstück und schüttelte im Wind sachte sein goldiges Haupt. Vor ein paar Tagen war ich noch in Moabit von sengender Hitze gegrillt worden,

direktemang vor der „Traube“, aus der ein Bierbrodem schlug um 11 Uhr vormittags, dass man heftigst einen kühlen Wermut mit einem Dash Limette herbeisehnte. Die Zweizeiler erfreuten, denn ist es auch nicht Shakespeare, so hat es doch Klang. Alles, was jenseits von System-Gastronomie, Hipster-Läden und Szenegedöns-Schuppen liegt, erringt mein Wohlgefallen. Ist es auch ein anderer Begriff von ihr, so ist es doch Kultur. Und dann fiel mir noch dieses Bild von Subkultur in die Hände:

Bam Bam Club im hannöverschen Rotlichtviertel. Wäre ich Rassist, würde ich mir den Scherz erlauben: Ist das der Clubinhaber, der da abgebildet ist? Szene und Rotlicht hat sich schon lange vermischt. Ob das dem Niveau zuträglich ist, wage ich zu bezweifeln.
Bis hierher haben mich die Worte getragen. Der Rest ist Schweigen.
Oh, ich sterbe, Horatio!
Das starke Gift bewältigt meinen Geist;
Ich kann von England nicht die Kunde hören,
Doch prophezei ich: die Erwählung fällt
Auf Fortinbras; er hat mein sterbend Wort;
Das sagt ihm, samt den Fügungen des Zufalls,
Die es dahin gebracht –
Der Rest ist Schweigen.

05.09.2019 – Ich stehe unter Kommunismus-Verdacht


Ein Sauvignon Blanc mit leicht holziger Note sowie einer ausgewogenen Kombination aus belebender Säure und feinfruchtigen Aromen nach Stachel-, Johannisbeeren und etwas Limette. Kommt ungefähr hin. Früher hätte ich solche Etiketten etwas peinlich gefunden, in Zeiten wie diesen tätige ich bei sowas einen Soli-Kauf. Wenn das Zeug obendrein noch schmeckt, was es definitiv tut, umso erfreulicher. Das Gleiche gilt für Yarden Chardonnay, Wein aus Israel, von den Golan Höhen. Und hier werden unsere linken „Genossinnen“, die aber wegen ihres notorischen Antisemitismus schon lange keine mehr sind, aufheulend mit dem Palästinenser-Tuch wedeln und zetern, dass sei syrisches Gebiet und von den Zionisten besetzt.
Fakt ist: Von den Golanhöhen aus hatte syrische Artillerie früher auch in Friedenszeiten immer wieder Israel beschossen. Das Ziel der Araber war die Vernichtung Israels, so der große Vorsitzende Nasser kurz vor dem Sechstagekrieg, Zitat: „Unser grundlegendes Ziel ist die Vernichtung Israels.“
Israel wollte das verständlicherweise nicht abwarten, was ihm Antisemiten aller Welt ebenso übelnehmen wie den Holocaust, zerstörte innerhalb weniger Tage die gesamte arabische Militärmacht im Sechstage-Krieg und besetzte Teile der gegnerischen Territoriums wie die Golanhöhen. Die Syrer hatten ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht und waren die Golanhöhen los. So ist das halt, wenn man anderen droht und dann einen auf die Fresse kriegt. Schlesien war auch mal deutsch, auch da ging die Geschichte drüber hinweg, und mich würde das Ganze nur noch interessieren, wenn da Wein angebaut würde.
Summa summarum, bei aller tiefen Abneigung gegen den Reaktionär Netanyahu, mit dem ich nicht sehr viel gemein habe, hebe ich nach wie vor das erste Glas Yarden immer auf das Wohl Israels und neben köstlich-kühlem Geschmack durchrieselt mich dann ein warmes Gefühl der Solidarität mit dem Staat Israel. Soli-Saufen ist echt ne geile Sache und um mein Links-Sein wegen proisraelischer Gesinnung muss ich mir schon lange keine Gedanken mehr machen. Links von mir ist nur noch die Wand und ich stehe mittlerweile unter Kommunismus Verdacht: Nach einer Talkrunde, in der ich aufzählte, was es für Instrumente zur Lösung der Wohnungsnot gibt, so u. a. die Möglichkeit der Enteignung von großen Wohnungskonzernen nach § 14 und 15 Grundgesetz, fragte ein Besorgter einen Freund von mir im Publikum: „Ist der Mann Kommunist?“
Wer heutzutage auf dem Grundgesetz insistiert, ist verdächtig. Kommunist oder so.
Es gibt üblere Nachreden. Aber ein Grund zum Saufen sind solche Geschichten allemal. Sie wissen ja jetzt, welche Tropfen da in Frage kommen, liebe Leserinnen. Prost!

04.09.2019 – Alles Wurst?


Gesehen am Kindl Museum in Neukölln.
Neulich beim zappen landete ich in einer jener Sendungen, in denen es ausschließlich darum geht Menschen im wahren Sinne in den Dreck zu ziehen. Sendungen, die das herrschende Bewusstsein, welches immer das der Herrschenden ist, ebenso exakt wie niederträchtig widerspiegeln. Es handelte sich um D-Prominenz, wobei D für die Korbgröße der agierenden Damen steht. Der Begriff „Körbchen“ verbietet sich hier angesichts der monströsen Monstermöpse, die Silikongeschwängert jeder Schwerkraft und jeder harmonischen Körperrelation Hohn sprechen. Es gab offensichtlich Paare, den Herren der Schöpfung, die bei weiterer Entwicklung genauso aussehen wird, wie ihre Herren, nämlich schwerst desaströs daneben, wurden Fragen gestellt und bei Falschbeantwortung wurden die dazugehörigen Doppel-D Implantate in Schlamm getunkt. Beispiele: Frage „Wer hat die Mona Lisa gemalt? Antwort, nicht, wie von mir erhofft „Leonardo di Caprio“, sondern „Leonardo di Angelo“. Frage: „Wie nennt man eine Puppe, die an Fäden hängt und damit bewegt wird?“
Antwort: „Luftpumpe.“
Das ist wahr, so wahr mir Gott helfe. Ich hab’s mitgeschrieben und sowas kann man sich nicht ausdenken.
Die letzte Antwort transzendiert in mir unbekannte Sphären. Das kann man nicht verbalisieren. Bei der ersten Antwort habe ich gelacht. Typisches Bildungsbürgerdünkellachen. Wozu muss jemand eigentlich wissen, wer die Mona Lisa gepinselt hat? Was für ein Begriff von Kultur steckt dahinter? Und was hat es überhaupt mit dem Begriff Kultur auf sich? Ist der nicht ein Kampfbegriff, den eine Klasse, die der Sieger, gegen die andere, die der Verlierer, wendet, als Herrschaftsmittel? Ist es nicht wesentlich sinnvoller zu wissen, wie soziale Netzwerke funktionieren, um zu begreifen, was heute, im 21. Jahrhundert, die Welt im Inneren zusammenhält?
Um diese zentrale Frage werden sich die nächsten Blogeinträge drehen. Es ist eben nicht alles Wurst. Bis dahin, liebe Leserinnen.

28.08.2019 – Ich bin ein Kind des Schweinezyklus


Dorf der Alternativen – August-Aktion der Landesarmutskonferenz in der City von Hannover mit dem Ziel, unsere Forderungen zur Wohnungsnot publik zu machen: z. B. eine gemeinnützige Landeswohnungsbaugesellschaft als starkes, nicht Profitorientiertes, preisdämpfendes Gegengewicht am Wohnungsmarkt zu den börsennotierten Vonovia, Deutsche Wohnen, etc. Der Wohnungsmarkt ist ein klassisches Beispiel für den Schweinezyklus (heißt aber nicht so, weil die Konzernchefs von Vonovia und Deutsche Wohnen alle Schweine wären): zu wenige Wohnungen am Markt, Nachfrage übersteigt Angebot, der Preis steigt, in Erwartung von noch mehr Rendite hektische Bautätigkeit, solange bis Überangebot am Markt ist und der Preis wieder sinkt. Das Typische an diesem Zyklus ist seine relativ ausgeprägte Zeitverzögerung in der Reaktion der Märkte und seine relativ schlechte Planbarkeit, z. B. mangelhafte demographische Planbarkeit. (Wie überhaupt fast alle relevanten Prognosen der Vergangenheit dummes Zeug, Lügen oder reine Kaffeesatzleserei waren, eben das übliche Geschwätz von Hohepriestern und Schamanen, die sich heute bloss Nationalökonomen nennen. Was wurde damals dem Volk z. B. bewusst die Hucke vollgelogen über angeblich explodierenden Strombedarf, um die Atomkraft durchzusetzen. Explodiert sind später nur Tschernobyl und Fukushima). Bei Schweinen war der Zyklus ganz offensichtlich: es dauert halt eine Weile, bis die alle groß sind und in der Zwischenzeit züchten alle Schweine.
Ich bin ein Kind des Lehrer-Schweinezyklus. Als ich auf Lehrer studierte, war es fast aussichtlos, da einen Job zu kriegen. Deshalb hab ich’s ja auch studiert. Also landete ich erstmal in der Deutschen Industrie, wofür ich heute noch dankbar bin. Ich möchte mir nicht ausmalen, was aus mir geworden wäre als Lehrer. Bei meinem Rochus auf das Verhalten von Blagen fern jeder Erziehung, Lichtjahre jenseits eines auch nur in Ansätzen akzeptablen Sozialverhaltens wäre ich in kurzer Zeit im Zuchthaus gelandet wegen Kindesmisshandlung und Körperverletzungen bei den Elternabenden.
Wer den Umkehrpunkt am Wohnungsmarkt voraussagen könnte, wann also das Wohnungs-Angebot wieder die Nachfrage durch Mieterinnen oder Käuferinnen übersteigt, wäre eine gemachte Frau, weil sie den Investoren Milliarden an Fehlinvestitionen in langfristige Projekte ersparen würde. Aus Mietersicht und der von Wohnungslosen ist nichts intensiver zu wünschen als ein zeitnaher Umkehrpunkt in diese Richtung.
Beim Kauf von Eigentumswohnungen scheint in Ballungsräumen ein Sättigungspreis erreicht, so unlängst Fachleuten in einem Hintergrundgespräch. Na denn …
Soweit unsere Ökonomie-Vorlesung für heute. Interessant daran, wie an politischen und ökonomischen Entwicklungen entlang sich die eigene Lebensgeschichte entfaltet und an bestimmten Kulminationspunkten ab und an die Frage auftaucht:
Was wäre gewesen, wenn …? Fragen Sie, liebe Leserinnen, sich das auch ab und an? Dann wünsche ich einen entspannten und sonnigen Tag.

27.08.2019 – Der Goldene Neger oder: Die ewige Wiederkunft des Gleichen


Sonnenblume Goldener Neger in meinem Garten. Seit Jahren ziehe ich den Goldenen Neger groß, jahrelang habe ich unbeirrt im antifaschistischen Kampf meine Kunst als Waffe eingesetzt, um diesem Anachronismus ein Ende zu setzen.
Und nachdem mich heute Morgen beim Spaziergang im Garten ein Glücksgefühl durchströmte, als ich des frisch erblühten Goldenen Negers ansichtig wurde, recherchierte ich sofort den aktuellen Stand der Dinge. Und siehe, ein zweiter Glücksstrom, mächtiger und intensiver als der Erste, ließ mein Glieder, jedenfalls die meisten, erbeben. Der Goldene Neger heißt jetzt Henry Wilde, (Bruder von Oscar?) im Kleingedruckten weiter unten steht: Ehemaliger Sortenname: Goldener Neger. Was für mich wie Fanfarenstoß in meinem Inneren klang.
Sommer und Herbst ohne Goldener Neger sind machbar aber nicht wünschenswert. Das gehört zu meinen festen Ritualen im Rhythmus des Jahres. Ich brauche Dinge, die in den ständigen Malströmen und Springfluten der Veränderungen meiner Existenz Ordnung, Ruhe und Überschaubarkeit als Korsettstangen einziehen. Dinge, die sich im kosmologischen Seinsgeschehen ständig wiederholen, als Urgrund menschlicher Existenz, sind ja auch der zentrale Anker in Nietzsches Postulat der ewigen Wiederkunft des Gleichen. Ich kann daher auch Konservative verstehen, die ständigen Veränderungen widerstreben. Wahrer Konservatismus, so er denn kein ideologischer verbrämter Reaktionärismus ist, wehrt sich deshalb gegen die Veränderungen, den Fortschritt, nicht, weil er grundsätzlich dagegen ist, sondern weil er im Aufbewahren der Dinge, im Festhalten daran, ihre Werthaltigkeit geprüft sehen will. Nicht alles was neu auf den Markt der Waren und Gedanken kommt, ist auch Fortschritt.
Ich persönlich bin da allerdings anders. Mehr so in Richtung Avantgarde, natürlich entkleidet ihres mitunter faschistischem Gehalt.
Der Rest ist Sommer.

26.08.2019 – Aufstand oder Aussterben?


Ich bin für Aussterben. Aber bitte erst nach meinem Ableben. Und Berlin bitte nicht blockieren, wenn ich auf An- oder Abreise bin. Früher hiess das übrigens: Sozialismus oder Barbarei. In Rosa Luxemburgs Aufsatz über die Krise der Sozialdemokratie. Von 1915. Draussen ruft der Sommer, und Termine rufen, sonder Zahl. Wichtige Termine mit wichtigen Leuten. Ich bin auch wichtig. Genauer gesagt bin ich eigentlich unersetzlich. Ich wüßte gar nicht, wie es ohne mich gehen sollte. Da würde doch alles zusammenbrechen, mal ehrlich.
Statt mich vorzubereiten, habe ich aber habe die Blumen begossen und kritzele diesen Blog voll.
Man wird doch weiser im Alter. Sonnige Woche, liebe Leserinnen. Jetzt muss ich aber langsam los. Pünktlich will ich wenigstens sein…

25.08.2019 – Logo für mehr Inklusion, barrierefreies Bauen und Toleranz gegenüber Menschen mit multiplen Behinderungen?


Das ist nicht das Logo zu einer Kampagne für mehr Inklusion, barrierefreies Bauen und Toleranz gegenüber Menschen mit multiplen Behinderungen, sondern das Logo namens Twipsy der EXPO 2000 in Hannover. Gesehen vor der Ausstellung im hannöverschen Kunstverein zur EXPO. Anders als in Lissabon, wo es ein grandioses Gelände von der dortigen EXPO 1998 gibt, hat die EXPO hier keine nachhaltigen Spuren hinterlassen, außer einem neuen Stadtteil und einem gut ausgebauten ÖPNV System. Immerhin. Weder hat die Armut durch die EXPO zugenommen, noch ist der Wohnraum knapp geworden, noch ist der Mensch in einer völlig neuen Qualität den Interessen des Kapitals unterworfen worden. Das ist alles geschehen, allerdings hat die EXPO dazu ungefähr so viel zu beigetragen wie das Oktoberfest in München. Es war eine einzige große Party, die nicht einmal besonders gut besucht war. Ich bin, was die EXPO angeht, komplett vom Saulus zum Paulus geworden. Vorher war ich strikt dagegen, mit jenem klassischen Reflex vieler Altlinker bei jeder Großveranstaltung (Olympia! Komischerweise Fußball nicht) nach Art des Hauses Marx: Whatever it is, I am against it. Da ich damals bei einem EXPO Projekt arbeitete, musste ich zwangsweise auf dem Gelände abhängen. Und ward fortan bekehrt. Das Einzige, was ich bereue, ist, dass ich nicht jeden Tag auf dem Gelände war. Eine EXPO, bei der sich so friedfertig Menschen aus aller Welt zu einer Dauerparty treffen unter einmaligen äußeren Bedingungen jenseits allen Alltags, werde ich vermutlich in Hannover nicht mehr erleben.
Ob ich irgendwas durch die EXPO gelernt habe? Mit einem uralt Siemens Handy, das vermutlich noch mit Kurbel betrieben wurde, mit Kopfhörer zu telefonieren. Lohnenswert ist allerdings schon ein Blick in die Geschichte der zahlreichen Anti-Expo Zeitungen von damals.

Antifa Donald. Als Donaldisten alter Schule erfreut mich sowas ja, wenn auch die arme, behinderte Twipsy echt keine Gegnerin war. Aber die Themen, die dort angesprochen wurden, sind auch heute noch, und mehr denn je, nach 20 Jahren aktuell. Wenn man es präzise betrachtet, virulenter denn je. Die Atomdiskussion hat angesichts der grassierenden Nachrüstung eine völlig neue und nicht mehr erwartete Dimension bekommen. Und bei der Frage: wann hat es eigentlich die letzte Antifa-Demo hier gegeben, die in einen so breiten gesellschaftlichen Diskurs eingebettet war wie den Anti-Expo damals (ungefähr die Hälfte der Bewohnerinnen war gegen die Expo), komme ich ins Grübeln.
Ich bin hier vor Ort an einer Diskussion zu einer Wohn-Demo im Herbst beteiligt, dringender notwendig denn je, die Wohnungslosigkeit steigt rapide. Aber bei der Frage, wer da alles mitmacht und welche Bedeutung das haben wird, beschleicht mich Beklemmung.
Angst, Verdrängung, Resignation liegt wie Mehltau über allem, angesichts des um sich greifenden Mobs. Bei allem Respekt gegenüber der Demo am Wochenende in der Nazi-Hochburg Dresden und gegenüber Fridays for Future: da muss sich noch beweisen, inwieweit das mehr als Eventcharakter und Partystimmung hat. Das ist nur der erste Schritt auf einem sehr langen Marsch in eine zivilisiertere Welt als die derzeitige.
Aber lassen wir’s uns nicht verdrießen. Die Sonne scheint ja.
Noch.

20.08.2019 – Meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen


WG-interne Kommunikationsstrategien.
Wenn man mit mehr als sich selbst zusammenwohnt, ist das so ähnlich wie mit Reisen: man erlebt und lernt was. Im Normalfall wird sowas im Himmel geschmiedet und in der Hölle geschieden, aber der Weg zwischen diesen beiden Punkten ist das Entscheidende, vermittelt er zwar nicht schmerz- aber kostenfrei mitunter Konfliktlösungs-Kompetenzen und Überlebensstrategien, die sonst in teuren Seminaren erworben werden müssten. Was glauben Sie wohl, liebe Leserinnen, warum so ein geistiger Dünnbrettbohrer wie Joseph Fischer eine derartige Karriere hinlegen konnte? Noch nicht mal Notabitur, Null Manieren, ein Parvenü, wie er im Buche steht und dann Außenminister? Die Fähigkeiten dazu erwirbt man sich in jahrelangen zähen, elenden Kleinkriegen in WGs, gepaart mit noch zäheren, elenderen Konflikt- und Beziehungsgesprächen an dortigen Küchentischen. Wer sowas ohne Klappsmühle überlebt, den kann im späteren Berufsleben und selbst in der Politik nichts mehr erschüttern, siehe Joseph. Gegenbeispiel ist das Muttersöhnchen Friedrich März, der noch nicht mal ein Vormärz war (Vormärz! Ein Witz für Schwerintellektuelle), dessen herausragendes rebellisches Merkmal bei Wikipedia die Tatsache ist, dass er das Schuljahr 1969/70 wegen zwei Fünfen wiederholen musste.
Bei Mama großgeworden und dann gleich mit dem nächsten Mama-Ersatz zusammengezogen, Kinder gemacht, etc. pp. Wo soll denn da Lebensweisheit und Konfliktkompetenz herkommen. Kein Wunder, dass er von Frau Dr. Merkel so nach Strich und Faden in den Erdboden gepflügt wurde, dass ich mich beim Gedanken daran immer noch vor Freude wie ein Apotheker im Sand kugele.
Der überwiegend erfolgreiche Phänotyp „Muttersöhnchen“ nach Ausprägung Merz ist geprägt durch Brutalität und Arroganz und kennt nur Unterwerfung, was aber keine Strategie ist, sondern ein Mangel an Sozialkompetenz, der letztlich zum Scheitern führt, erkennbar an mehrfacher Demütigung (in solchen Kategorien denkt der Charaktertyp „Muttersöhnchen“) in Merz‘ politischer Karriere.
Der überwiegend erfolglose Muttersohn, numerisch weitaus häufiger anzutreffen, ist gekennzeichnet durch Konfliktscheu, exzessive Sucht nach Anerkennung. Der grundsätzliche Charaktertyp „Muttersöhnchen“ ist von seiner Triebstruktur her oral fixiert, mit Neigung zu oraler sprich verbaler Aggressivität, siehe Merz, aber auch exzessiver oraler Triebbefriedigung wie Rauchen, Essen, Alkohol. Sexuell ist der erfolgreiche Phänotyp Muttersöhnchen vermutlich eher in Dominastudios anzutreffen, was allerdings eine zwar drollige, aber vollkommen haltlose Spekulation von mir ist. Dass es noch kein psychoanalytisches Standardwerk über Entstehung, Ausprägung und Verhaltensweisen des Muttersöhnchen-Charakters gibt, anders als z. B. zum autoritären Charakter, ist ein beklagenswerter Mangel.
Wir wissen jetzt also, wo Kompetenzen in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung, Kreativität lebensnah und günstig erworben werden können, wobei diesbezügl. Kollateralschäden wie Traumata, Drogensucht und lebenslange Feindschaften nicht verschwiegen werden sollten. C‘est la vie.
Mein Rat in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung und Kreativität ist, Botschaften wie die Obige nicht an die interne WG-Pinnwand zu schreiben, in der Art: „Hier könnte mal wieder jemand in Sachen Hygiene aktiv werden. Ich hab’s die letzten 6 Monate gemacht!!“. Das sieht nach Korinthenkacker und Kleingeist aus und damit ist man sofort in der Defensive. Ritzt man es – siehe oben – in den Staub von Äonen, mit einem Smiley und dem metaironischen „Wasch mich!“, verrät das: Hier waltet ein souveräner Geist, der mit einem Friedensstiftenden Augenzwinkern unangreifbar über allen Wassern schwebt. Und wenn der Topf 4 Jahre später noch so aussieht, dann kann man immer noch die Hasskappe aufsetzen. Und später Außenminister werden.
Warum ich diese Geschichte erzähle?
Mein Frisör ist im Urlaub und meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen. Sonnigen Spätsommer, liebe Leserinnen.