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29.10.2022 – Irgendwer muss immer die letzte Runde zahlen, im Wirtshaus wie im Leben.


14 Prozent mehr Einkommen in einem Jahr, Arbeitslosenquote 0,7 Prozent, Inflation 4,5 Prozent. Aus einer Werbebroschüre der damaligen SPD/FDP-Koalition vor der Bundestagswahl 1972. Gefunden im unerschöpflichen Fundus des Hermann Sievers AHH7. Heute haben wir massive Reallohnverluste von über 5 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt bei 5,4 Prozent (die reale Unterbeschäftigungsquote dürfte wesentlich höher liegen, eher bei 8 Prozent) und die Inflation bei über 10 Prozent.
1972 war der Höhepunkt des hier mehrfach angesprochenen „Goldenen Zeitalter des Kapitalismus“, eine Reform (die damals den Namen verdienten) nach der nächsten, Ausbau Sozialstaat, höhere Einkommen, Ansätze zu mehr Geschlechtergerechtigkeit keimten auf.
73 läutete die Ölpreiskrise den mählichen Reform-Niedergang ein, der – über den tendenziellen Fall der Profitrate mit der Folge von Deregulierung, Privatisierung und Ausbau des Finanzsektors – in den totalen Triumpf des Neoliberalismus mündete nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Nun ist das Modell des Neoliberalismus an sein Ende gekommen, beschleunigt durch multiple Krisen. Dessen zerstörerische Folgen werden sogar von Teilen des Marktes, (fragen Sie mich nicht, wer das eigentlich ist, es könnte länger werden bei der Antwort) nicht mehr akzeptiert, wie man am Scheitern der völlig durchgeknallte Prime-Minister-Trusse, genannt die „menschliche Handgranate“, in England sah.
Leider ist das mit dem Schwanengesang auf den Neoliberalismus keine frohe Botschaft. Irgendwer muss immer die letzte Runde zahlen, im Wirtshaus wie im Leben und vor dem, was nach dem Neoliberalismus kommt, kann einem nur grausen. Es glaubt ja beim gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft niemand im Ernst an ein kommendes reales Reformzeitalter, siehe oben, gar an eine solidarische sozialökologische Wende. Hierzulande brennen wieder Flüchtlingsunterkünfte, die AfD und andere faschistoide Parteien steigen in der Wählerinnengunst, der Mob mobilisiert auch im Westen auf den Straßen spontan Tausende. Eine reale Linke, die den Namen verdient, zerlegt sich selber, Utopien sind Ramsch-Bückware unterm Ladentisch und die Zivilgesellschaft ist in nicht geringen Teilen (es gibt auch Ausnahmen) eine Ansammlung von trägen, feigen Opportunisten.
Ganze Kohorten haben heutzutage keine Vorstellung mehr davon, wie reale Reformen aussehen können. Hier ein Beispiel aus der Broschüre:

Die Überschrift wirkt natürlich aus heutiger Sicht skurril und lädt zu Schlüpfrigkeiten aller Art ein. Wenn man (!) sich allerdings die dort beschriebenen Maßnahmen vor Augen führt, ist das tatsächlich verglichen mit dem Vorher-Zustand eine epochale Reform-Zäsur: Neues Eherecht mit Fortfall des Schuldprinzips, § 218 Reform, Babyjahr, Mieterinnenschutz. Flankierend dazu eine Strafrechtsreform, Ostverträge etc. pp.
Bei der Wahl 1972 erreichte die SPD dann auch den größten Erfolg ihrer Geschichte, die Wahlbeteiligung war mit 91,1 Prozent die höchste in der Geschichte der BRD und die NPD verlor drastisch an Stimmen.
Und heute, 50 Jahre später, sind alte, weiße Männer nach wie vor allein damit schon überfordert, andere Geschlechter wenigstens auf sprachlicher Ebene in Erscheinung treten zu lassen.
Es kommt in letzter Zeit immer häufiger vor, dass ich bei den Nachrichten laut lachen muss.
Fröhlich bin ich dabei allerdings weniger.

24.10.2022 – Solidarischer Herbst


Wo aber Gefahr ist, rettet das Wachsende auch. Hoffnungsschimmer Regenbogenfarben; in Abwandlung von Hölderlins Trostspendendem Satz aus „Patmos“: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Beim Solidarischen Herbst in Hannover waren über 2.000 Menschen, mittlerweile machen 20 zivilgesellschaftliche Organisationen mit, die Hälfte davon Mitglieder der Landesarmutskonferenz. Das ist eine Versechsfachung der TN-Zahlen gegenüber der Veranstaltung vom 14.09 und nicht, wie ich befürchtet hatte, Stagnation oder mäßiger Zulauf.

Viele Transpis und Fahnen, kurze und knackige Veranstaltung, knappe Stunde, bestes Wetter, buntes Völkchen, hier der DIDF Block.

Der Platz an der Goseriede war zu klein, es war eine stationäre Veranstaltung. Nichts ist peinlicher, vor allem für große Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände, mit lediglich ein paar Hanseln und Greteln einen riesigen Platz zu bespielen oder nur eine armselige Latschdemo hinzukriegen. Und da das bundesweite Bündnis „Solidarischer Herbst“ von seiner Mobilisierungsfähigkeit her vorab nicht zu kalkulieren war, haben die großen Verbände, verständlicherweise, auf dieser Variante insistiert. Als sich der Erfolg schon zu Beginn abzeichnete, kam durchaus Begeisterung bei den Verantwortlichen auf.

(Foto: D. A.)
Jedenfalls war der Blick aus der Rednerbütt auf diesen überquellenden Platz einer der seltenen lichten politischen Momente in den letzten Jahren, die gesellschaftlich eigentlich nur eine Abfolge von Krisen, Rückschlägen, Verblödungen, ja Irrsinn aller Art waren. Entschieden werden Krisen im letzten Grunde immer noch auch auf der Straße und da geht es um wachsende Mobilisierungen. Wo aber Gefahr ist, rettet das Wachsende auch. Nicht nur, aber auch.
Und bei der nächsten Latschdemo, dann vor Weihnachten vielleicht, sind es dann nochmal sechsmal so viele wie am 22.10.
Zum Schluss noch was zum Schmunzeln, ich hab sogar gelacht. In den Augen unserer revolutionären Fossilien treibe ich die Menschen in die Arme der AfD, Kommentar im Videokanal von Mr. Marxismo zu meinem Beitrag:
„ … Solche Redner wie am Anfang sind genau jene, die die Menschen in die Arme der AfD treiben …“

21.10.2022 – Ich bin ein Impfopfer


Vor ein paar Tagen in einer unserer gesichtslosen, austauschbaren Cities. Früher hat mich noch Zorn ergriffen, wenn ich sowas gesehen habe. Wegkärchern, Zwangspsychatrie, medikamentös ruhigstellen, mit Drogen vollpumpen, bis diese Troglodyten glauben, sie säßen im Kuckucksnest. Was halt so die Reflexe jenes nur mühsam durch die Regeln von Aufklärung und Zivilisation eingehegten Höhlenmenschen sind, der in jedem von uns schlummert, bereit beim kleinsten Anlass auszubrechen. Mittlerweile zucke ich nur noch ermattet-resignativ die Schultern.
Wir sind mit Riesenschritten in ein Zeitalter der Nach-Aufklärung unterwegs. Die Aufkündigung auch von Resten von Solidarität und Anstand bei diesen Schwurbleraffen (ha, ist doch noch da, der Zorn. Gut so. Gerade in den Affekten sind wir ganz nah bei uns selbst) ist die Umsetzung des Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte in eine andere Form und insofern erntet unsere Gesellschaft, die den durchgewunken hat, zu Recht jetzt den Sturm als Frucht des damals gesäten Windes. Mit ihren kruden Wahnvorstellungen gefährden besagte Affen nicht nur das Leben vulnerabler Gruppen, sie töten. Die Coronabedingte Übersterblichkeit ist vor allem ein Phänomen in der Altersgruppe jenseits der 70, also auch in Pflegeheimen, Seniorinnenrenitenzen und Einrichtungen. Im neoliberal-sozialdarwinistischen Geist des survival of the fittest sind solche Menschen in den Augen der Zivilisationsverächter oben im Bild, jener zehntausenden Verschwörungsphantasten, die es wöchentlich auf die Straße spült und des millionenfachen Sympathisantinnensumpfes in der Republik verzichtbar.
Ihr Mantra: Hauptsache „ICH“ und meine erbärmliche Freiheit, die im Nichttragen von Masken und Impfverweigern besteht. Ein Freiheitsbegriff, der in sich schon den Kern der Auslöschung des Anderen trägt.
Und genau an diesem Punkt vollzieht sich der Umschlag von der neoliberal-brutalen Unterlassung von Hilfe in den aktiven Vernichtungswillen des Faschismus, wo alles Schwache, Minderwertige ausgemerzt werden muss. In der Konsequenz des Faschismus dann auch alles, was anders ist, lebendig, bunt.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass Gewaltphantasien gegen Frauen, Homophobie, Hass auf Minderheiten als genuin faschistisches Merkmal auch flächendeckend in den oben skizzierten Kreisen zu finden ist. Und Potential bis in die Mitte der Gesellschaft hat, bis weit über Organisationen wie die rechtsextreme AfD oder die antisemitische Partei „Die Basis“, die bei der Niedersachsenwahl immerhin mehr Stimmen erhielt als die Piraten oder „Die PARTEI“.
Die Übergänge zwischen Neoliberalismus und Faschismus sind fließend. Dieser Fluss bedroht unserer Demokratie. Und wenn ich die Maßzahlen dafür nehme, wird mir braun vor Augen: Unlängst bei der Querdenkerspinner in Hannover über 3.000 TN. Wenn bei der Demo „Solidarischer Herbst“ am 22.10 in Hannover 1.000 kämen, wäre das schon viel. Hier gerät schleichend etwas aus dem Lot.
Ach so, ich bin übrigens auch eins jener oben im Bild zitierten Impfopfer. Ich habe jetzt innerhalb kurzer Zeit die vierte Coronaimpfung, eine gegen Pneumokokken, Gürtelrose und Grippe gekriegt. Von der gegen Grippe hatte ich zwei Tage lang eine leicht schmerzhafte Einstichstelle. Ich werde sterben. Sicher. Innerhalb der nächsten 50 Jahre schon. Impfopfer.

20.10.2022 – Über den Einfluss atomarer Bedrohung auf die Ökonomie des Alltags


Marihuana Ernte 2022


Blüten
Ich lasse mich in meiner Gesetzestreue von niemandem überbieten. Ich halte mich sogar an Gesetze, die noch gar nicht verabschiedet wurden. Die Eckpunkte der Bundesregierung zur Cannabis-Legalisierung sehen eine Legalisierung des Besitzes von 20 Gramm Cannabis ab 18 und des Eigenanbaus von zwei Pflanzen vor. Mit letzter Regelung ist erstere übrigens ausgehebelt, es müsste schon viel schieflaufen, wenn der Ertrag bei zwei Pflanzen weniger als 50 Gramm beträgt.
Diese Regelung, die zur Ernte 23 in Krafttreten könnte, habe ich, als übereifriger Streber, schon mal antizipiert und zwei Pflanzen zur Reife gebracht. Natürlich auch deshalb, um den Staat nach Kräften zu unterstützen und Unkundigen mit Rat und Tat beiseite zu stehen, die diese gesetzlichen Herausforderungen stemmen wollen.
Die Ernte heuer kann als gelungen bezeichnet werden. Der Duft dürfte noch die Drogenhunde auf dem Flughafen Langenhagen Alarm geben lassen und das Harz der Blüten lässt in seiner Klebrigkeit Pattex wie Gleitmittel erscheinen.
Wenn Sie, liebe Gesetzestreue, also Ihre Staatsbürgerinnenpflicht – unter dem Vorzeichen der atomaren Bedrohung wird nämlich das legale Recht zum Anbau zur staatsbürgerlichen Pflicht! – zur Ernte 23 nachkommen wollen, sollten Sie jetzt in die Planungsphase eintreten. Dazu bestellen wir bei einem holländischen (die haben die größte Expertise) Versand ein Set von 5 Samen, zwei gibt’s oft gratis dazu. Altes Dealerprinzip. Kost ca. 30 Ocken, reicht völlig aus, weil die Dinger eine hohe Keimfähigkeit haben. Grundsätzlich gilt, entgegen dem unglaublichen Gesumse, das in „Fachkreisen“ auch im Internet um den Anbau gemacht wird, als ob das eine hochsensible Orchidee wäre, die in feinste Watte und unendliche Liebe gehüllt werden müsste: Die Pflanze ist pflegeleicht und anspruchslos. Behandeln Sie sie im Garten oder auf dem Balkon wie eine Sonnenblume. Setzlinge vor Frost schützen, im Mai raus ins Freie, möglichst viel Sonne, gießen, ernten, trocknen, rauchen, fertig. Kein Dünger, natürlich keine Chemie, keine Lupenbeschau nach den Trichomen nach dem günstigsten Ernte-Zeitpunkt – wenn die letzte Sonnenblume verblüht ist, in den Iden des Oktober, und das Zeug klebt und riecht, abhacken und verkehrt rum zum Trocknen aufhängen. Nach ca. drei Wochen, pünktlich zum Beginn der Herbst/Winter-Depressionen, erstes Anrauchen. Oder Tee oder Kekse, whatsoever.
Eine frühe Planung ist auch deshalb angezeigt, weil wir ja nicht wissen, wie sich die atomare Bedrohung ausweitet, die schon jetzt ähnlich bedrohlich ist wie zur Kubakrise vor 60 Jahren. Einen Konflikt sollte man immer auch von zwei Enden her denken, dem guten und dem schlechten. Das dicke Ende wäre atomare Verseuchung. Wenn es nahe bei stattfindet, sind Sie verdampft und brauchen sich keine weiteren Gedanken zu machen. Je weiter weg, desto volatiler, prekärer die Lage. Das Wirtschaftssystem könnte kollabieren und Sie eventuell auch ab und zu.
Geld wäre nichts mehr wert, Subsistenzwirtschaft ist angesagt, Autonomie und die Fähigkeit zum Tauschhandel. Sie können z. B. Kartoffeln anbauen. Das ist allerdings komplexer als Marihuana-Anbau und auf dem Balkon kommen Sie damit nicht weit. Und der Tauschwert für Marihuana liegt auf Basis aktueller Marktpreise um den Faktor 5000 höher als bei Kartoffeln. Es ist also eine reine marktwirtschaftliche Frage, eine Frage der Ökonomie des Alltags unter dem Einfluss atomarer Bedrohung, welche Strategie Sie wählen als Staatsbürgerin auf dem Boden des GG.
Falls das dicke Ende im näheren Bereich stattfindet, ist eine der ersten Auswirkungen der ionisierenden Strahlung auf die Zellen der allmähliche Zerfall des Verdauungstraktes. Dann werden Sie froh sein, auf die palliative Wirkung von Cannabis zurückgreifen zu können. Eine Kartoffel hilft da wenig.
Sie sehen, liebe Leserinnen, wenn wir die Dinge nüchtern, sachlich und also marktwirtschaftlich betrachten, verliert der Schrecken seine Kraft.
In loser Reihenfolge werden hier zukünftig weitere Aspekte und Auswirkungen der aktuellen atomaren Bedrohung analysiert und seziert. Und es gibt weitere Tipps zum Anbau, was Ertragsoptimierung angeht. Bleiben Sie drin!

19.10.2022 – Über den Einfluss atomarer Bedrohung auf die Populärkultur


Bucht auf Korfu. Als ich von der Felsspitze des Hügels herunterschaute, dachte ich: Sieht aus wie ein Südsee-Atoll. Im Herunterkraxeln ging mir daraufhin ein Schlager aus den Sechzigern nicht mehr aus dem Ohr: Der Apoll vom Bikini Atoll.
Ein nachgerade dadaistischer Text in Verbindung mit elektronischen Musikelementen. Galten vorher Kraftwerk und Tangerine Dream Anfang der Siebziger als Wegbereiter elektronischer Popmusik, muss auf Grund meiner Forschungen über vergessene Avantgarde die Geschichte neu geschrieben werden, gebührt doch dieser Titel jetzt den Protagonistinnen dieses Stücks, Miss Venus und dem interplanetarischen Studio-Orchester (allein der Name ist seiner Zeit um 60 Jahre voraus), ein Jahrzehnt vor den oben Genannten.
Ein Stück, das mehrfach doppelbödig zu verstehen ist, was seine Genialität noch steigert. Die Interpretin wacht nachts in ihrem Bett auf, wo ein grüner (!, Drogen!) Mann sitzt. Ab da ist die Marschrichtung klar, es geht um codierte Sexualität, die Sie gerne selber im Einzelnen dechiffrieren können. Der Mann hat rote Augen (zu viel gekifft) und gelbe Haare (Vorwegnahme des Punk Style). Und ab hier wird die Doppelbödigkeit zur Triplebödigkeit und wir kommen ohne Kenntnis des historischen Kontextes der Produktion nicht aus. Den Hinweis liefert der Titel: Der Apoll vom Bikini Atoll.
Auf dem Bikini-Atoll fanden in den Vierzigern und Fünfzigern Atomwaffenversuche statt, unter anderem mit der Wasserstoffbombe Bravo als stärkste Bombe, die je von den USA gezündet wurde. Ihre Sprengkraft war weitaus stärker als erwartet. Mit rund 15 MT entsprach sie der von etwa 1.000 Hiroshimabomben . Nicht wenige befürchteten damals bei derartigen Tests angesichts der kaum zu kalkulierenden Auswirkungen den Weltuntergang, unter anderem durch Risse im Erdmantel. In den Folgejahren beeinflusste die atomare Bedrohung, hier noch mittels Waffen, die „friedliche“ Nutzung von Atomenergie wurde erst später zum Mainsteam-Kritikthema, massiv die Kulturproduktion. Literatur, vor allem Science Ficktion, die hier ein ganzes Subgenre dystopisch-postatomaren Weltgeschehens hervorbrachte, und Popmusik der damaligen Zeit können nur verstanden werden vor dem Hintergrund eines drohenden atomaren Armageddon, sowohl im expliziten Aufgreifen und Verarbeiten dieses Topos, als auch in seiner Verdrängung. Langsam entstand auch eine Vorstellung von den komplexen Konsequenzen atomarer Verseuchung bis hin auf die genetische Ebene, an deren Bikini-Atoll-Ende dann auch schon mal grüne Männer mit roten Augen und gelben Haaren stehen können.
Dass der Apoll vom Bikini Atoll bis heute noch nicht gesampelt wurde, ist mir schleierhaft. Mit ein paar atomar-pulsierenden Beats und electronic-gimmicks würde das Kult werden. Vielleicht mach ich es ja. Lassen Sie Text und Musik dieser völlig zu Unrecht vergessenen (539 Klicks!) Perle auf sich wirken, liebe Leserinnen.
In meinem obigen Fall jedenfalls wunderten sich ein paar Griechen im nahegelegenen Bergdorf über einen wunderlichen Gesellen, der ihr Dorf durchmaß und in einem Dauerloop die Zeilen sang:
Ich war der a e i o u Aua Aua, der Apoll vom Bikini-Atoll.

15.10.2022 – Wahlnüsse


Dörfliche Agora auf Korfu.
Es gibt verschiedene Arten zu Wandern. Die Fortsetzung des Flanierens in die Natur, des Leistungssports in die Natur, der Zivilisationsflucht in den dichten Wald, etc. pp. Ich bevorzuge das muntere Schreiten auf Nebenstraßen, Wirtschaftswegen, zur Not auch mal Trampelpfade. Ich bin kein Zivilisationsflüchter, schätze die Funktion von Straßen als Verbindung von Dörfern und den wesentlich besseren Ausblick als ich ihn beim Stapfen durch den tiefen Tann hätte. Man sieht bekanntlich den Wald vor lauter Bäumen nicht, kennste zwei Bäume kennste alle.
Für diese Art der Fortbewegung brauche ich keine vordefinierten Wanderapps, da reicht Google maps in über 99 Prozent hervorragend. Je autoferner die Wege allerdings, desto unzuverlässiger und so geschah es neulich wieder, dass da, wo maps die kürzeste Verbindung anzeigte, undurchdringlicher Dschungel wuchs. Schlimmer noch, ein PS-Motordröhnen wurde immer lauter, ich sah mich schon von einem gigantischen Mähroboter zerhäckselt. Und um die Ecke bog obendrein eine riesige schwarze Bestie von Hund, so groß wie ein Kalb. Fast. Mein Ende war nahe.
Der Hund entpuppte sich als uralter lamnfrommer, anlehnungsbedürftiger Zeitgenosse und auf dem folgenden Trecker sass ein fröhlicher Eingeborener, der mir aus einem Riesensack Hände voller frischgeernteter köstlicher Walnüsse schenkte.
Die teilte ich oben in der Sonne auf dem nächsten Dorfplatz mit zwei Dorfältesten. Wir unterhielten uns blendend, ohne dass wir ein Wort voneinander verstanden hätten. Und so hatte ich Dank dieses verfluchten Google maps, Sie hätten mich mal hören sollen, als ich vor der Dschungelwand stand, einen überaus unterhaltsamen Tag. Am Strand später fielen mir die restlichen Walnüsse wieder in die Hände. Wahlnüsse, dachte ich. Wir hatten ja Zuhause Wahlen. Arbeit.
Ab ins Wasser.

12.10.2022 – Jetzt mal agamemnon


Schöne Aussicht.
Wahrscheinlich wird der Krieg in der Ukraine in den Winter gehen, dort quasi eingefroren, dann gibt’s eine Frühjahrsoffensive, in der Zwischenzeit bleibt in dem Land immer weniger Stein auf Stein. Möglich ist alles. Niemand weiß nichts.
Jetzt mal angenommen, oder agamemnon, wie der Grieche sagt, der Russe schmeißt eine Atombombe auf ukrainisches Territorium, wie medial schon breit spekuliert wurde. Putin ist ein unberechenbarer imperialistischer Kriegsverbrecher, möglich ist alles. Der Ami versenkt daraufhin die russische Schwarzmeerflotte, wie ebenfalls medial schon breit spekuliert wurde.
Daraufhin, den Regeln der Eskalation folgend, wird irgendeine relativ unbedeutende europäische Großstadt mit einer russischen Mittelstrecken-Atomrakete vernichtet. Nahe an einer Hauptstadt, am besten Berlin. Nehmen wir einfach mal an, es trifft Hannover. Geht es dann nach allen Regeln der Eskalation weiter?
Die Frage würde sich für mich dann nicht mehr stellen, weil ich dann verdampft bin. Die Frage, die sich jetzt für mich stellt, im Zwielicht des Nichtwissens, des Annehmens und Möglichseins, ist die: Für welche Werte ist jede Einzelne bereit, sich atomar verdampfen zu lassen?
Wir leben übrigens hier, in der EU, nicht wie oft und in letzter Zeit zunehmend behauptet wird, in einer Wertegemeinschaft.
Wir leben, wie der Blick in die Wirklichkeit zeigt, in einer Interessengemeinschaft.
Das nur mal so als Paralipomena.

11.10.2022 – Was soll’s.


Können Farben süchtig machen? Dieses Blau schon.
Ich sitze unter einem Olivenbaum, gefühlt halb tot von einer zu langen Wanderung. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie ein Tausendfüßler auf mich zuschüsselt. Das Gift der hiesigen Viecher ist natürlich nicht tödlich, aber mein Bein ist noch von einer Wespenstich-Allergie rot wie eine Ampel, auf noch einen Allergietest habe ich keinen Bock und verschaffe dem flinken Gesellen einen Freiflug in die Walachei. Genervt lasse ich mich auf den Rücken fallen und pumpe nach Luft. Was hat das Schicksal noch für Zumutungen für mich bereit?
„Are you ok? Do you need help?“ Ein Paar hat vom Balkon eines nahen Hauses die Szene beobachtet und fragt besorgt nach. Alles wird gut. „No, everything ok. Thank you.“ Ich versuche einen Scherz: „I’m not dead.“ Leise zu mir: „Not yet.“
Bei Lichte betrachtet sind derlei Zumutungen des Schicksals allerdings Luxusprobleme. Zuhause harren die Niedersachsen-Wahlergebnisse der AfD eines genaueren Blicks, wobei ich auf Grund einer internen Analyse früherer Ergebnisse allerdings jetzt schon ahne, was dabei rauskommt: die AfD wird ihre mit Abstand besten Ergebnisse in sozialen Brennpunkten erzielen. Niedrige Wahlbeteiligung, hoher Migrationsanteil, die höchsten Armutsquoten, Massenarbeitslosigkeit, abgehängt von öffentlicher Infrastruktur, abgesehen von Sozialstationen zur notdürftigen Elendslinderung, übrigens auch die niedrigsten Impfquoten, das ist der Stoff, aus dem Faschismus gemacht wird.
Halloween steht vor der Tür. Wir wissen aufs Kilogramm genau, wie groß die Kürbisernte heuer ist und der größte gemessene Kürbis ist zuverlässig Schlagzeilen wert. Wir wissen und messen sehr viel. Aber flächendeckende, nachhaltige Statistiken, die die oben geschilderten Wahlergebnisse und Impfquoten in Abhängigkeit von sozialökonomischen Parametern stellen, da müssen Sie lange nach suchen.
Was soll’s. Die Welt geht eh den Bach runter. Kann ich auch noch ne Runde wandern vorher.

08.10.2022 – Die drei Dämonengeister


Mediterranes Stilleben.
So weit ab von der Welt kann man garnicht sein, dass einen im Handy-Zeitalter Nachrichten nicht erreichen. Ohne Zeitungen und TV erhalten sie aber eine andere, nachrangige Bedeutung, jedenfalls für mich. Ich habe meine primäre mediale Sozialisation nicht übers Handy erfahren und ordne Priorität immer noch nach Schlagzeilen von Druckerzeugnissen und Tagesschauheadern ein. Und so rührt mich hier im Epizentrum des Hippiewesens im äussersten Nordwesten von Korfu das Treiben der Welt nur gedämpft, gefiltert an. Ein paar Häppchen Spiegel online. So auch bei Joe Bidens, für den mir die Rechtschreibkorrektur Bidet anbietet, Warnung vor einem atomaren Armageddon.
Armageddon stammt aus der Offenbarung Johannes und beschreibt die letzte Auseinandersetzung. Sieben Engel giessen sieben Schalen des Zorns über die Erde und drei Dämonengeister treiben die Könige der Welt in den Krieg gegen Gott.
Nach den aktualisierten Dämonengeistern brauche ich als einer der führenden Bibelexegeten nicht lange zu suchen: Kapitalismus, Nationalismus, Klimakatastrophe.
Wenn’s dieses Mal noch nicht final rummst, dann beim nächsten Mal. Ich mach mir aber hier im Moment mehr Gedanken darüber, ob ich bei der anstehenden Wanderung nochmal einen Schlenker über die obige einsame Klippen-Taverne mache, deren Besitzer mir zum Abschied eingelegte Kumquats geschenkt hatten. Was mich sehr gerührt hat.
Dann mach ich mir Frühstück. Und danach Gedanken über die Welt, Armageddon und Bidet.
Wenn nicht wieder ein Strand dazwischen kommt.

03.10.2022 – Wenn zwei große Köpfe aufeinandertreffen, kann es trotzdem schon mal hohl klingen.


Schild an der Bar Vereinszimmer, gegenüber Wasserfall Kreuzberg im Viktoriapark, an dem ich in Berlin täglich vorbeikomme. Das einem Metropolendesign völlig konträre Schwarzwaldambiente dort ist für mich im Vorbeiflanieren nach wie vor einen Moment des kontemplativen Nachfühlens und inneren Grinsens wert. Das Ganze passt so überhaupt nicht zusammen, dass es eine Freude ist. Außerdem ist es eine Labsal, in den Dauerbrüllendheissen Sommern die Füße ins kühle, sprudelnde Nass zu halten.
Heuer hat’s sich was mit Nass. Vor Monaten hat laut Medien eine Ratte in der Pumpstation ein Kabel durchgenagt und jenseits aller Wassersparmaßnahmen hat es die Stadtverwaltung bis heuer nicht geschafft, das Kabel zu flicken und Wasser in Marsch zu setzen.
Ob die Medien das richtig kolportiert haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumal die zurzeit vollauf mit Precht-Welzer Bashing beschäftigt sind. Die beiden Groß- und Querdenker haben eine Medienschelte unter dem Titel „Die Vierte Gewalt“ veröffentlicht, in der sie den Medien unterstellen, dort würde mainstreammässig immer in die gleiche Richtung geschrieben, eine stromlinienförmige Meinung und Ansicht verbreitet, weil Journalistinnen dem Mainstream verinnerlicht hätten und sich an Leitwölfen orientieren würden. Paradebeispiel Ukrainekrieg, wo Precht und Welzer eine dissidente Meinung veröffentlicht hatten, nicht dem bellizistischen Mainstream folgend. Dafür wurden sie ebenso niedergemacht wie natürlich für ihre Medienschelte, die gerne auch unter die Gürtellinie tritt.
Ich habe das Buch nicht gelesen und zwei, drei Medienkommentare reichen mir, kennste zwei, kennste alle. Natürlich haben die Beiden recht. Nur aus den falschen Gründen. Die von ihnen geschilderte Gleichförmigkeit der Meinungen und Ansichten, mit graduellen Unterschieden zwischen z. B. „FAZ“ und „Welt“ einerseits und „Zeit“ und „Spiegel“ andererseits, hat als Hauptursache sicher nicht, auch richtige, sozialpsychologische Gründe, wie Herdentrieb, Orientierung am Leitwolf etc. pp. Die Hauptursache, und an deren Erkenntnis scheitern unsere zwei Groß- und Querdenker notwendigerweise, weil sie in ihrer bürgerlichen Ideologie gefangen sind, liegt in der Meinungsfreiheit. Hä?
Wir haben Meinungsfreiheit. Jede Journalistin hat die Freiheit, die Meinung ihres Verlegers zu vertreten. Tut sie das nicht, ist sie über kurz oder lang ihren Job los. Und das in harten Zeiten. Ergo haben dieses Diktum seit Jahrzehnten Legionen von Schreiberlingen verinnerlicht respektive, und das ist viel schlimmer als schierer Opportinusmus, hat jahrzehntelange auch mediale Zurichtung ihrer Köpfe dazu geführt, dass sie die gleichen Interessen wie ihr Verleger vertreten. Obwohl sie im Zweifel aus der Klasse des Prekariats kommen oder demnächst dort landen werden. Während ihr Verleger zur Klasse des Kapitals gehört. Ist er souverän, lässt es seinen Domestiken auch schon mal Sachen durchgehen wie „Der Markt muss jetzt aber mal echt reguliert werden und gezügelt.“ Im Zweifel gilt aber natürlich die Generallinie. Wie z. B. „Eigentum ist unantastbar.“
Sie, liebe Leserinnen, werden daher in 95-99 Prozent aller Medien niemals nachhaltig lesen können, dass es eine unglaubliche Schweinerei ist, dass z. B. unser kostbarstes Gut, die Gesundheit, der Börsenspekulation und den Gesetzen des neoliberalen Marktes unterliegt, dass wir also Börsennotierte Krankenhauskonzerne besitzen, dass wir immer mehr Krankenhäuser dicht machen müssen, weil „es sich nicht rechnet“, dass die Beschäftigten dort aus Gewinnmaximierungsgründen sich kaputtschuften etc. pp., Und das ergo das Gesundheitswesen wie das Energiewesen, das Bildungswesen, das Verkehrswesen komplett in staatliche Verwaltung gehören.
Oder habe ich da was überlesen? Also das Verdienst unseres rebellischen Duos ist, das Richtige zu sagen, aus den falschen und unzureichenden Gründen.
Wenn zwei große Köpfe aufeinandertreffen, kann es trotzdem schon mal hohl klingen.