19.07.2019 – Warum arbeiten wir oder: Der Schlüssel zum Erfolg!


NEKRO – Das Magazin für die Generation Gehhilfe. Einziger Inhalt: Ich.
Das Geburtstagsgeschenk eines geschätzten Freundes und Kollegen, was mich überaus erfreute, auch wenn ich in Bild und Wort darin zu 99 % schlecht aussehe (Andersherum wäre es eine Hagiographie und monströs peinlich und besagter Freund & Kollege ist ein Titan an gutem Geschmack, also …)
Professionell eine Zeitung mit mehreren Ausgaben in nennenswerter Auflage, spürbarem Erfolg, guter Qualität und politischer Relevanz herauszugeben ist ein Haufen Arbeit. Das habe ich zweimal in meinem Leben gemacht. Diese Arbeit schmeichelte unter anderem auch der eigenen Eitelkeit, ein Motiv, das für Erwerbsarbeit mittlerweile anerkannt, aber noch unterschätzt wird. Zwar sagt heute kein Mensch mehr, oder höchstens noch Gewerkschafter, wobei hier die männliche Form bewusst und zu Recht steht: „Es geht mir nur um die Sache.“ Geht es nie, es ist immer auch persönlich. Aber die Befriedigung von Eitelkeiten wird in diesem Zusammenhang gerne noch unter dem Deckmantel „Sinnhaftigkeit und Befriedigung“ versteckt. Arbeit soll Sinn machen und befriedigend sein, dann unterliegt ihre Erfüllung einem intrinsischen Motiv, also aus sich heraus. 90 % aller Arbeit wird aus extrinsischem Motiv ausgeführt, also unter dem Druck der Verhältnisse: Kohle.
Eitelkeit als Superbia in Verbindung mit Hochmut und Stolz ist die erste der Todsünden der katholischen Kirche, sie wird Frauen eher zugestanden als Männer, was ich für diskriminierend halte und auch eher zugeschrieben, was ich für falsch halte. Man schaue sich nur Männer in Diskussionen bei Veranstaltungen an, wie oft möchte ich aufstehen und einfach laut und grell intervenieren: Kikeriki, wenn die Hähne wieder ihr Gefieder plustern. Ich habe irgendwann gemerkt, dass Männer bei Ausübung von Eitelkeit im öffentlichen Raum sehr peinlich aussehen und mir auch aus diesem Grund ein gerüttelt Maß an Selbstironie angewöhnt, denn natürlich bin auch ich eitel. Und es nimmt der Peinlichkeit einiges an Spitze, wenn man vor sich selbst und anderen dazu steht und darüber lachen kann.
Ich halte es mit dem legendären Dandy George Bryan Brummell, dessen Diktum lautet: Verbringe den Vormittag vor dem Spiegel, aber wenn Du das Haus verlässt, darf Dir das niemand ansehen. Beim zeitgenössischen Dandy muss es hierbei auch immer um innere Haltungen und Ansichten gehen.
Die Sicht auf Eitelkeit ist zwar ambivalenter geworden und das etwas altfränkisch klingende Qualitäts-Urteil „superb“ hat ja nicht umsonst die Bedeutung „vorzüglich“, trotz des inkriminierten Wortstammes. Aber nach wie vor ist Eitelkeit ein Karrierehemmnis. Ich kenne mehrere Beispiele, wo Kollegen trotz ausgewiesener Kompetenz, Fleiß und excellenter Arbeit keine Karriere machen, weil sie da ihre Eitelkeit wie eine Monstranz vor sich hertragen, wo Demut angezeigt wäre. Das kommt in der Modebranche vielleicht gut an, aber nicht in meinen Zusammenhängen. Womit explizit nicht die Kulturproduktion gemeint ist, da ist mitunter 24stündiges Hähnekrähen ein Schlüssel zum Erfolg.
Bliebt die Frage: Wann schlägt Eitelkeit um in den Verlust von Scham? Scham ist konstituierend für das Funktionieren unsere Gesellschaft. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft als zunehmend verblödet und irrsinnig bezeichnet werden muss, hängt damit zusammen, dass sie zunehmend schamlos ist.
Eins ist mal sicher:

Der Verlust der Scham geht der Verblödung voraus. NEKRO Nr. 1, Seite 18.

17.07.2019 – Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Feminismus


Zwei Jungen beim Damespiel, Henri Matisse, Berggruen-Museum Berlin.
Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Feminismus. Mit diesem Fanfarenstoß nach Art des Hauses Marx beginnt ein Raimund Krupinski seinen Leserbrief, der in der HAZ am 16.07.2019 veröffentlicht wurde, um danach die Unverschämt der Weiber anzuprangern, die so dreist sind, wenigstens einen kleinen Teil vom Kuchen einzufordern. Krupinski hat offensichtlich mittlere Reife und das lässt er die HAZ-Leserinnen auch spüren, als er die Verantwortung der Weiber für sämtliches Unbill der Weltgeschichte zitiert:
„Hat nicht Salome den Kopf des Johannes gefordert, Kleopatra die römischen Legionen aufeinandergehetzt, Lady Macbeth ihren Mann zu blutiger Mordtat angestachelt und nicht zuletzt Margret Thatcher ihre Soldaten gegen Argentinien in den Krieg geschickt?“
Abgesehen davon, dass das mit Salome eine Legende ist, Bibel Gedöns halt, war es ein Mann, nämlich Herodes, der Johannes köpfen ließ. Den Königsmord an Duncan beging ein Mann, eben Macbeth, und für die Kriege um und in Ägypten waren Männer verantwortlich, Cäsar und Marcus Antonius. Das mit Margret Thatcher ist korrekt.
Hätte Krupinski zumindest Dreiviertelbildung, wüsste er, dass in der Originalversion des Salome-Mythos die Rolle der Salome ein Mann einnahm, nämlich ein römischer Lustknabe, zu dessen Begehren ein Mann, ein römischer Konsul, einen Gefangenen erschlagen ließ. Das wurde Jahre später in die Rolle einer Frau umgedichtet. Von einem Mann, dem römischen Geschichtsschreiber Titus Livius.
Die Figur der Salome wurde wie kaum eine andere Frauenfigur später in der Kunstgeschichte zu einem weiblichen Archetyp inszeniert, den männermordenden, mit bedrohlich-verschlingender Sexualität ausgestatteten Vamp. Es waren alles Männer, die ihre abgründigen Obsessionen und Projektionen an der nie existiert habenden Salome austobten, wie der von mir ansonsten hoch adorierte Caravaggio, von dem aktuell ein Werk im Barbarini-Museum in Kotsdam zu besichtigen ist. (Mit einem Motiv, dass ich mir auf mein T-Shirt drucken lasse: Der Narziss.)
Unser wackerer Raimund Krupinski, dem wohl leider eins seiner zwei Bücher Zuhause auf den Kopf gefallen ist, kriegt, und das muss ihm der Neid lassen, literarisch gesehen adäquat die Schlusskurve seines Leserbriefes und endet in einem regelrechten Finale furioso:
„ … Die Welt wäre eine bessere, wenn die Frauen das Sagen hätten, sagen die Frauen. Ja, zumindest die Klimakatastrophe wäre uns erspart geblieben. Denn wir würden immer noch in kalten, unbeheizten Höhlen hausen, weil Rad und Feuer noch nicht erfunden wären…“
Hier lähmt Ergriffenheit vor einem solchen Übermaß an Däm(!)lichkeit meine Feder. Da fällt mir nichts zu ein und so halte ich es mit dem Leserbriefschreiber Thomas Weiler am gleichen Tag, der die Ehre der Männer rettet mit der vollkommen berechtigten Frage: „Aber vielleicht wird uns so langsam klar, dass das „Experiment Mensch“ seinem Ende entgegengeht?“
Das Experiment Mann auf jeden Fall.

15.07.2019 – Tünnes, Schäl und Buddha


Wen stellen diese beide Figuren dar? Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar. Komplett handgearbeitet und bemalt, ich schätze aus den 30er Jahren, aus Ton und in allen Metall-Gelenken drehbar. Immer wenn ich von Arbeit genervt vom PC auf den Sekretär schaue, der in meinem Fall leider nur ein Möbelstück ist, versetzen die fröhlich winkenden Gesellen mich in bessere Laune. Tünnes und Schäl, die mir zuerst einfielen, sind es wohl nicht, Tünnes kommt eher im proletarischen Gewand daher. Sicher gibt es in anderen Ländern Pendants, aus der Filmgeschichte kennen wir Pat und Patachon und Dick und Doof. Aber meine Google Bildersuche ergab nichts Handfestes. Allerdings kommt man aus sowas nie dümmer raus als man reingeht. Gleich der erste Wikipedia-Eintrag erfreute mein Gemüt:
„Im Jahre 1993 zeigte die Kölner Stunksitzung ein Kruzifix mit der Inschrift Tünnes anstatt „INRI“. Das Schild wurde nach einer Strafanzeige wegen Beschimpfung von Religionsgesellschaften polizeilich beschlagnahmt.„
Ich habe keine Ahnung, wie man Religionsgemeinschaften überhaupt beschimpfen kann, versammelt sich in ihnen doch aller irrationaler Kopfmüll, der sich im Lauf der Geschichte angesammelt hat, und sind sie für schwerste Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen im Laufe der Jahrhunderte zuständig. Einen kleinen Beispiel-Einblick in die faschistische Ausprägung des angeblich so friedfertigen Buddhismus gibt dieser Artikel über die Zustände in Myanmar.
Und nein, das ist kein Sonderweg oder Ausrutscher, das ist wesensbedingtes Strukturmerkmal. Die Zustände in Tibet, einer Hochburg des Buddhismus, vor der chinesischen Besetzung 1951 waren die einer Sklaven haltenden Feudalgesellschaft:
„ … 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten …. sexuelle Mißhandlungen waren keine Ausnahme. Frauen wurden als minderwertige Lebewesen angesehen und schon in jungen Jahren von buddhistischen Mönchen mißbraucht. Als Strafen für Widerstand oder Diebstahl waren Maßnahmen wie Augenausstechen, Zungeabschneiden, Amputation, Lähmen durch Zerschneiden der Kniesehne und andere Foltermethoden per Gesetz legitimiert und auch praktiziert, wie frühe Tibetbesucher gesehen und dokumentiert haben. …“
1951!
Dass der Dalai Laba als Chef dieser Kasperköpfe in unseren Breitengeraden hymnische Verehrung bei Bachblütensüchtigen, Globulifetischisten und pensionierten Stupidienrätinnen geniesst, überrascht nicht und zeigt mir eins: Das Ende ist nahe. Wenn man die Sprüche dieses geistigen Tieffliegers liest, möchte man weinen, den ganzen Tag nur weinen, aber leider nicht vor Lachen, und wünscht sich sehnlichst die Einrichtung einer Sonderdeponie für Sprachmüll herbei. Beispiel:
„Jeder ist Meister seines Schicksals; es ist an uns, die Ursache des Glücks zu schaffen. Das liegt in unserer eigenen Verantwortung und nicht in der irgendeines anderen.“
Das sollen sich die Rohingya mal hinter die Löffel schreiben, wenn brandschatzender Buddha-Mob mal wieder über ihre Dörfer herfällt.
Aber kehren wir wieder Dreck von unserer eigenen Matte: Ich weiß nicht, welcher Idiot von Richter damals für das Tünnes und Schäl-Urteil zuständig war. Ich weiß aber, dass mich die Titulierung „Idiot“ bis zu 30 Tagessätze meines Einkommens kosten kann.
Erschwerend käme hinzu, wenn ich damit ein Staatsgeheimnis verriete.

13.07.2019 – Ehrenwerte Gesellschaft


AbsetzBar, Berlin-Charlottenburg. Eine feine Gegend, in der ehrenwerte Gesellschaft Zuhause ist: Nobelgeschäfte, Bürgerhäuser mit allerlei Zierrat, Edelitaliener, jede Menge Anwaltspraxen und Steuerberater, die sich nach gelungenem Vertragsabschluss noch auf einen Absacker in der AbsetzBar treffen und schenkelklopfend darüber feixen, ob der Deal eben gerade noch legal war oder nicht. Letzteres nennt man Steuerhinterziehung, ersteres aggressive Steuervermeidung, beides zusammen hat in der BRD eine Größenordnung von über 200 Milliarden Euro. Per Anno natürlich.
Im Bezirk Berlin-Charlottenburg wohnt der Weiße-Kragen-Nazi Thilo Sarrazin, einer der letzten Nägel zum Sarg der SPD. Dort gelegen ist auch der Walter-Benjamin-Platz, benannt nach meinem Lieblingsphilosophen, einem linken, jüdischen Freigeist, der auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen Selbstmord beging. Am Walter-Benjamin-Platz hat der Architekt Kollhoff eine Platte mit einem antisemitisch konnotierten Text des bis an sein Lebensende 1972 dem Faschismus anhängenden Ezra Pound im Boden versenken lassen, wozu die Architekturhistorikerin Verena Hartbaum schreibt „ …. (dass) der konservative Architekt eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt hat“.
Die Umgebung des Walter-Benjamin-Platz ist übrigens übersät mit Stolpersteinen, die an dort wohnende und später ermordete Jüdinnen und Juden erinnern, Charlottenburg war eine Hochburg des großbürgerlichen und linken Judentums in Berlin.
Wer wie Kollhoff handelt, ist ein Bruder im Geiste von Thilo Sarrazin, Björn Höcke, usw. usf. und ein geistiger Brandstifter. Wahnhaften Irren gleich, treibt es solche Täter immer wieder an Tatorte, an Orte, die mit dem Grauen des Holocaust kontaminiert sind, sie können die Ermordeten nicht ruhen lassen. Der Eine macht es mit der Waffe seiner Halbbildung, der Andere schändet Gedenkstätten mit Springerstiefeln und Brandsätzen.
Ich überlegte für einen Moment, mir einen Presslufthammer zu besorgen und die Tafel da rauszubohren. Aber ach, ich bin ein Arbeiter der Stirn und nicht der Faust, und dieses Unterfangen wäre böse geendet (nicht der eventuell fällige Knast hätte mich geschreckt, dort hätte ich endlich mein Opus Magnum beenden können, nein, es war mir ausschließlich um meine körperliche Unversehrtheit zu tun, ohne Beine flaniert sich’s schlecht).
Ja, das Ambiente in Charlottenburg gefällt mir gut, die Weine sind fein und erlesen, das Essen, das dort credenzt wird, sagt mir zu und die Garderoben der Damen, die dortselbst flanieren, finden mitunter durchaus mein Wohlgefallen
Aber dort wohnen?
Lieber 20 qm Platte Marzahn als 100 qm Stuck in Charlottenburg.
Zum Schluss ein Bilderwitz, aus meiner derzeitigen Hood Moabit.

Der Reichstag ein Haus der Kulturen der Welt? Das ist ein echter Brüller.
Richtig ist vielmehr, dass jenes „Haus der Kulturen der Welt“ die sogenannte „Schwangere Auster“ ist, wo mitunter sensationelle Ausstellungen und Konzerte stattfinden. Einmal über die Spree und schon bin ich dabei.
Wer braucht da schon Charlottenburg und seine Ehrenwerte Gesellschaft.

11.07.2019 – Über den allgemeinen Verfall der Sprache und der Sitten


Aus der Ausstellung „Summer of Love 1967“ im PalaisPopulaire, Berlin. Gesellschaftlichen Verfall, Zerstörungen mittels Drogen wie LSD zu stoppen, hat einen ähnlichen Charme wie den Abwasch des Meißner Porzellans mit dem Vorschlaghammer zu erledigen.
Dass die soziale und ökologische Zerstörung unserer Lebensgrundlagen rapide zunimmt, ist allgemeiner medialer Tenor (Betonen Sie’s beim Smalltalk nicht auf der zweiten Silbe!). Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus nehmen zu, Fluchtursachen werden durch den Klimawechsel ein Ausmaß annehmen, das ich lieber nicht mehr miterleben möchte angesichts der Tatsache, dass der gemeine Ostgote jetzt schon, wo wir fast jeden Neuankömmling dringend brauchen, in eine angsthysterische Dauerhyperventilationsstarre verfällt. Zum Vergleich: Nach dem zweiten Weltkrieg integrierte die BRD 16 Prozent ihres Bevölkerungsanteils an Flüchtlingen, die DDR 25 Prozent. Das wären auf heutige Verhältnisse umgerechnet ca. 15 Millionen Flüchtlinge, die wir integrieren müssten. Zur Finanzierung dieser Aufgabe wurde eine Vermögensabgabe eingeführt von 50 Prozent. Details hier.
Schließen Sie, liebe Leserinnen, für einen Moment die Augen und stellen sich diese Verhältnisse auf Heute übertragen vor. Heidewitzka!
Das Heute ist gekennzeichnet durch eine Verrohung von Sprache, Sitten, Verhalten. Das ist allenthalben den Medien zu entnehmen und die darin zitierten Berufsgruppen geben diesem Befund recht. Alle, die mit Öffentlichkeit konfrontiert sind wie Rettungskräfte, Ordnungshüter, Bademeisterinnen, Lehrerinnen etc. pp., beklagen mangelnden Respekt, Verrohung, zunehmende Rücksichtslosigkeit, Gewalt, ein nicht gekanntes Ausmaß an Empathielosigkeit. Ein allgemeiner Verfall der Sprache und Sitten.
Über die Ursachen liest man eher weniger. Kein Wunder, dann würden die Kassandras in den Medien auch über ihre eigenen Leichen im Archivkeller stolpern. Waren sie es doch, die jahrzehntelang einem ungebremsten Neoliberalismus das, zumeist miserabel formulierte, Wort geredet haben. „Ich kenne keine Gesellschaft, ich kenne nur Individuen“, dieses ökonomisierte Mantra von Magret Thatcher, der Teufel hab sie unselig, hat sich bis in jede Pore der Gesellschaft, eines jeden Individuums festgesetzt. Ein Markt voller Individuen, wo jeder dem Anderen erbarmungsloser Konkurrent ist, wo nur der Starke überlebt und alle menschliche Regung eine Kostenfrage ist, was glauben die Schreiberlinge denn, was bei so einer gesellschaftlichen Grundierung nach ein paar Jahrzehnten rauskommt? Eine Kuschelgruppe?
Wenn wir nach gesellschaftlichen Triebkräften fragen, lohnt sich ein Blick ins Ökonomische. Ein Gedankenexperiment: Wie lange, liebe Leserinnen, reichen Ihre Rücklagen, wenn alle Zahlungen ausfallen, wie Rente, Gehalt, Transferleistungen, Zinsen (hahaha)?
Tagespiegel: „Jeder dritte Haushalt könnte seine Konsumausgaben nur wenige Wochen lang von seinem Ersparten bezahlen. Die ärmsten 20 Prozent … überhaupt gar keine Rücklagen“.
40 Prozent der Bevölkerung haben Schulden, Nichts oder fast Nichts an Rücklagen. Weitere 40 Prozent haben zwar etwas auf der hohen Kante, aber wissen um die Tatsache, dass es jede Menge (= 40 %) arme Schluckerinnen gibt und dass es ihnen ganz schnell genauso gehen kann. Die eigene Vermögensentwertung bis zur Rente kann sich jede selbst ausrechnen, wer heute noch eine Lebensversicherung abschließt, denkt vermutlich, dass unser Bundeskanzler noch Ludwig Erhard heißt. Diese Verhältnisse produzieren Angst. Das ist der Treibstoff, aus dem die allgemeine Verrohung der Sprache und der Sitten kömmt.
Wer darauf und auf mögliche Lösungen der sich anbahnenden Katastrophen eingeht, müsste aber bald eine andere Gesellschaft fordern. Und da hat der mediale Schreiberling zu Recht, weil er dann sofort seinen noch gut bezahlten Job los wäre, eins vor:
Angst.

10.07.2019 – Exkurs über Pop


Toto mit „Africa“. Spandauer Zitadelle, 30.06.2019.
Am heißesten Tag seit Bestehen des Universums hing ich in der Spandauer Zitadelle ab, wo die Popkapelle Toto ihre über 40jährige Hitgeschichte zelebrierte. Temperaturen wie in Afrika, ich war froh, ungedörrt am Ziel anzukommen. Die Spandauer Zitadelle ist eine überaus stilvolle und angenehme Open-Air Location und vermutlich der einzige Ort auf der Welt, wo ich mir die Gegenwart von 5.000 anderen Popfans gefallen lasse, schattig, viel Platz und gut gemixte Cocktails. Toto selber betrachte ich als eine meiner wenigen Geschmacksverirrungen, eine uncoole Band, zu der man sich in Vernissage-Kreisen eher nicht bekannte. Anders als beispielsweise Steely Dan oder Little Feat, (wobei letztere allerdings Rock’n Roll pur sind). Wenn man sich zu denen bekannte, bedeutete das einen hohen Grad an Distinktion. Popkultur dient immer auch zur Abgrenzung und dem Zugewinn an Sozialstatus.
Allerdings erwartet einen bei Toto wegen der hohen handwerklichen Fähigkeiten und dem kompositorischen Geschick der Musiker immer ein perfektes Konzert. Ich vermutete als Publikum jede Menge uncoole Leute wie Männer in Shorts und mit Socken, was stimmte, und ausschließlich die Generation „Ich-hab -Rücken-und-krieg-demnächst-Rollator“. Was absolut nicht zutraf. Die Hälfte des Publikums waren junge Hüpferinnen. Das war derart eklatant, dass ich noch vor Ort googlete. Ein Nr. 1 Hit von Toto aus den Achtzigern, Africa, ist vor ein paar Jahren offensichtlich eine virale Bombe geworden. Wieso genau, weiß keine, eine Netflix Serie mit dem Titel als Filmmusik, ein Youtuber, die Coverversion einer Alternative Band…? Jedenfalls hat das Lied über eine halbe Milliarde Klicks, ein Vielfaches von dem ihrer anderen Hits zusammen, und dieses digitale Jugend-Phänomen war eben auch im Publikum zu beobachten, viral goes live. Wer will, kann sich hier ein paar Takte bis zum ersten Refrain angucken, wie junge Leute glücklich und unironisch zu dem Lied rumhüpfen. Pop ohne Ironie ist für mich eigentlich ein Unding. Pop ist im Grunde Ironie pur.
Der für ein bürgerliches Organ durchaus lesbare Berliner Tagesspiegel ist dem Phänomen auf die Spuren gestiegen und bezeichnet „Africa“ als den Popsong schlechthin. Wenn man Pop als die perfekte, aufregende und oberflächliche Widerspiegelung einer beschissenen Welt betrachtet, kann man das so sehen. Die Texte von Toto sind so flach wie ein Einzeller, nur nicht so vielschichtig.
Ich grinste mir eins, genoss ein tolles Konzert und mir fiel meine persönliche Erfahrung zu Toto wieder ein, die mich beinahe echtes Geld gekostet hätte. Die Geschichte des englischsprachigen Pops ist voller falsch verstandener Texte, z. B. aus „I’ve got the Power“ wird der Verhörklassiker „Agathe Bauer“ oder Queens „… and bad mistakes“ (in „We are the champions“) wird zu „I made me steaks“. Mein persönlich falsch verstandener Text bei Toto: Statt richtig „Hold the line“ falsch „Hold the light“. Genau das war aber die Frage bei einem TV Quiz, wobei es nicht nur um die Ehre ging: Wie heißt dieser Song?

I am nach wie vor the champion.
Bei diesem Quiz ging die Sache trotz der falschen Antwort gut aus, ich konnte den Herausforderer durch K.- O. in der letzten Runde besiegen.
Die Geschichte hatte ich vergessen und sie fiel mir schlagartig bei den ersten Takten des Liedes ein. Bei einem anderen Quiz-Ausgang hätte der Abend einen Schatten bekommen.
So aber war es Vergnügen ohne Reue.
Pop eben.

08.07.2019 – Aus der Konkursmasse der Deutschen Bank


Psychodelisches Rock-Poster aus der Ausstellung „Summer of Love 1967“ im PalaisPopulaire, Berlin. Der PalaisPopulaire ist ein Kunsttempel, den sich die Deutsche Bank aus Imagegründen zulegte, als es ihr noch besser ging und ihr Image noch zu retten war. Weder ist ihr Image noch die Deutsche Bank selber zu retten und es ist eine Frage der Zeit, bis der PalaisPopulaire aus der Konkursmasse der Bank zu Facebook, Google oder Apple wechselt, wobei ich bei ersteren vorsichtig wäre. Früher oder später wird der Ami da mit dem Anti-Trust Hammer dazwischenhauen, wenn es um den Wettbewerb geht, kennt der Ami nix. Blöd ist er ja nicht, der Ami. Hier eine wenig bekannte Liste, wo Monopole auf Basis des Sherman-AntiTrust-Acts gnadenlos zerschlagen wurden, unter anderem die Ölindustrie im vorigen Jahrhundert und das Hollywood-Studio System. Ob die Welt dadurch besser wurde, mag man bezweifeln, aber die Beispiele zeigen, dass es kein alternativloses Agieren auf dem Markt gibt. Die Politik kann handeln, wenn sie denn will. Enteignungen sind machbar, Herr Nachbar. Es gibt immer eine Alternative. Wären es zwei, wären es auch keine Alternativen, sondern Varianten.
Die Ausstellung ist für alle, die den Begriff „Hippie“ richtig buchstabieren können, empfehlenswert. Für VW also nicht.

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Aus meiner Heimatstadt Hannover, wo man zwar Hochdeutsch spricht, aber ansonsten genauso dumm ist wie der Rest der Republik. Ignoranz hat allerdings das Kapital noch nie davon abgehalten, Mordsgeschäfte zu machen. Natürlich waren die Urhippies beim VW-Management genauso verhasst wie beim Rest der Spießer, siehe hier , aber Geschäft ist Geschäft und konsequenterweise benannte VW wenige Jahre später eine komplette Modellreihe nach Santana, einem der Headliner von Woodstock, wo der Niedergang des Hippiegedöns sich allerdings schon abzeichnete.
Und so widmet sich eine der letzten kulturellen Zuckungen der Deutschen Bank vor ihrer Agonie dem Summer of Love 1967. Was für eine Volte der Geschichte.
Ich besuchte die Ausstellung am heißesten Tag des Jahrtausends. Berlin war wie leergefegt, der Betonmoloch lag mit gefühlten 45 Grad unter einer Watteglocke versengender Hitze, man ging wie durch eine Nebelwand. Plätze waren leergefegt, förmlich verschreckt duckten sich die wenigen Resttouristen im spärlichen Gebäudeschatten an den Platzrändern. Es war eine körperlich und emotional faszinierende, seltene Erfahrung, Bilder aus dem Film „12 Uhr mittags“ schwirrten durch mein Sonnengedörrtes Hirn.
In der Ausstellung waren psychodelische Filmzuckungen zu sehen und Kiffermusik von Grateful Dead zu hören, ich war stoned, ohne einen Zug gemacht zu haben. Um es im schwammig-unpräzisen Betroffenheitsjargon zu formulieren: Solche Tage machen etwas mit einem.
Die Frage dabei ist immer nur, was. Was dabei hinten rauskommt, respektive oben ankommt.
Wo erweitert sich mein Wissen, mein Horizont? Erfahrungen sammeln kann jede, das allein macht noch keinen anderen, geschweige denn besseren Menschen. Erst die Reflexion darüber schafft Prozesse von Veränderung.
Soweit das Wort zum Montag.
Interessant auch die Erklärungen zu den Exponaten. Bei der Herstellung der psychodelischen Rockplakate (die flackerten immer so, ähnlich wie Wackelbilder) waren mindestens fünf verschiedene Berufsgruppen nötig, neben dem Künstler der Offsetlithografiedrucker, Reprofotografinnen, Druckvorlagenherstellerinnen etc. pp.
Und dann kam der Computer …

04.07.2019 – Ich bin ICH 4.0


Apotheke 4.0, Berlin-Moabit. Das liebe ich so an Berlin:für jeden Blödsinn gibt es soviel kritische Masse, dass er realisierbar ist. Apotheke 4.0? Welche drei Revolutionen vor 4.0 hab ich da im Apothekenwesen verpasst? Die mit der Erkenntnis, dass man Tabletten auch oral einnehmen kann?
Auf die Realisierung des ominösen Industrie 4.0 bin ich gespannt. 3.0 hat mit Digitalisierung im Gepäck unter anderem ein Riesenheer von Dienstleistungssklaven produziert, die von einem Job nicht mehr leben können, während ein paar Internetkonzernbesitzer unvorstellbaren Reichtum anhäuften. Vielleicht gibt es bei Apotheke 4.0 dann jede Menge kostenloser, feinster Drogen ohne Nebenwirkungen für alle, damit wir fröhlich nicht mehr merken, wie wir beschissen, belogen und betrogen werden. Schöne neue Welt 4.0. Mir ist das egal, weil ich demnächst auf Ticket der SPD in den Bundestag einziehe. Bei denen kursiert der Vorschlag, jeden fünften Listenplatz für verdiente, parteilose Persönlichkeiten wie Schichtarbeiterinnen oder Künstler zu vergeben. Bei meinem sozialpolitischen Profil bin ich sofort 1. Künstler-Wahl.
Schichtarbeiter hab ich auch schon gemacht. Lange her, aber es reicht, um mitreden zu können. Es gibt überhaupt nur ganz wenig Bereiche, wo ich nicht mitreden kann. Eigentlich bin ich der geborene Politiker. 4.0. Ich hab schließlich einen eigenen Blog, das reicht für 4.0.
Ich bin ICH 4.0.

28.06.2019 – Der rechte Arm ist zum Gruß erhoben


Nan Goldin bei Preisverleihung im Sprengelmuseum Hannover am 27.06.2019. Nan Goldin ist eine der bedeutendsten Fotografinnen weltweit. Themen ihrer Fotografien waren Sex, Drogen, Aids, Tod und spiegelten eindringlich, emphatisch und persönlich grundiert die Folgekosten des unaufhaltsamen Aufstiegs eines mörderischen Turbokapitalismus in den Achtzigern, mit dessen zerstörerischen Konsequenzen wir heute konfrontiert werden
Bei der Preisverleihung schwebte ein riesiger, weißer Elefant durch den ehrwürdigen Bürgermusentempel, auf dem in grellbraunen Lettern der Name „Leni Riefenstahl“ gedruckt war. Der Elefant kam wie folgt da hin:
Der Preis wurde überreicht durch den Stifter, einen unsäglichen Fatzke namens Alexander Baumgarte, dessen Gelaber für mich den Tatbestand der schweren Körperverletzung darstellte. Eitelkeit, Größenwahn und Dummheit fanden in dieser Kreatur einen Nährboden wie Salami in der Sonne für Schimmelpilze. Besagter Fatzke hatte auf der Homepage seiner Galerie bis vor ein paar Tagen Fotos von Leni Riefenstahl, die er für eine große Künstlerin hält. Wenn es eine prototypische faschistische Ästhetik gibt, dann in den Bildern von Leni Riefenstahl. Für faschistische Ästhetik gilt aber das Diktum: Faschismus ist keine Meinung und auch keine Kunst, sondern ein Verbrechen.
Nan Goldin wusste von der Riefenstahl Causa nichts. Nan Goldin ist Jüdin. Nan Goldin was not amused und überlegte laut „Spiegel“, ob sie den Preis annehmen sollte. Was beim Sprengel-Direktor Spieler auf Unverständnis stieß. Der Mann sitzt im Stiftungsrat des Fatzkes und dürfte dafür nicht zu knapp Kohle kassieren. Die ganze Angelegenheit stinkt also wie braune Hundekacke zum Himmel und ich war gespannt, ob irgendwer von den Labernden bei der Feierlichkeit die Angelegenheit wenigstens mit einem einzigen Nebensatz erwähnen würde. Was von Souveränität und Ehrbarkeit gezeugt hätte.
Kein Wort.
Und so schwebt da immer noch dieser riesige, weiße Elefant durch den ehrwürdigen Bürgermusentempel und auf dem Fußboden liegt ein großer, unsichtbarer Teppich, unter den nach alter Bürgermanier jeder Dreck gekehrt wird, bis es zum Himmel stinkt.

Nan Goldin wirkte leicht stoned aber sympathisch, mit einer Stimme wie Marianne Faithfull. Es gab Häppchen, Wein und leichte Gespräche.
Mein Blick fiel aus dem Fenster des Sprengelmuseums auf das gegenüberliegende Denkmal „Der Fackelträger“.

Fuck-elträger, 1936. Das Hakenkreuz wurde nach dem Krieg aus dem Sockel entfernt. Der rechte Arm ist zum Gruß erhoben und auch sonst lässt einiges grüßen.
Man darf auf die Presseberichterstattung zu dem Fall gespannt sein.

27.06.2019 – Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.


Früher war zwar nicht alles besser, aber billiger.
Wie setzt man die eigenen Erinnerungen und Erfahrungen in angemessene, handlungsorientierte Relation zur Gegenwart? Ältere neigen zu Einstellungen wie „Früher war alles besser“ und „Die Jugend taugt nichts“. Ich schließe mich da nicht aus. Als ich las, dass bei der großen Fridays for Future Demo neulich 50.000 waren, dachte ich:“ Gegen den Nato-Doppelbeschluss sind 1,5 Millionen im Oktober 83 bundesweit auf die Straße gegangen, im Bonner Hofgarten allein waren bei einer Demo 400.000, und der Doppelbeschluss ist trotzdem gekommen. Und wie viele von den 50.000 laufen da nur mit, weil es gerade cool ist? Wo ist da das Potential für eine soziale Bewegung analog der klassischen Arbeiter-, Frauen- oder Friedensbewegung?“
Nachhaltige politische Veränderungen bedürfen des Drucks sozialer Bewegungen, die, so lehrt es zumindest die Geschichte, auch über die Straße Druck entfalten können. Das reicht natürlich nicht, es braucht auch Unterstützung in den Medien, Akzeptanz im Mainstream, Bündnispartner wie Gewerkschaften, charismatische Führungspersonen, starke Symbole und Claims, und an den Rändern den Mut zur Militanz und Illegalität, um nur ein paar Bedingungen für das Zustandekommen und Funktionieren sozialer Bewegungen zu nennen.
Das ist allerdings sehr stark analog gedacht.
Der Dreh- und Angelpunkt dieser Überlegungen ist Öffentlichkeit, eine der kostbarsten Errungenschaften der Aufklärung, die Möglichkeit, für das eigene Interesse Öffentlichkeit zu erzeugen. Nicht umsonst ist das stärkste Bestreben aller autoritären Regime, Öffentlichkeit zu kontrollieren. Der Begriff „Öffentlichkeit“ wird aber zunehmend digital aufgeladen, siehe soziale Medien, Filterblasen etc. pp. Was das für Öffentlichkeit, soziale Bewegungen und die Möglichkeit von gesellschaftlichen Veränderungen bedeutet, zeichnet sich aus meiner Sicht überhaupt erst schemenhaft am Horizont der Geschichte ab. Ich glaube nach wie vor, dass es Analoges braucht, den Druck von Vielen auf der Straße. Ich glaube allerdings auch, dass ich 120 werde.
Glauben heißt eben: nicht Wissen. Preisfrage: Wenn Wissen Macht ist, in welchem Verhältnis steht dann Glauben zur Macht?

Grübeln Sie, liebe Leserinnen, nicht zu lange darüber nach. Was bleibt: einfach mal alles wegtanzen.