27.05.2016 – Hitlergruß auf Mallorca

idioten
In der Bucht von Alcudia, Mallorca. Am helllichten Tag sind deutsche Urlauber_innen schon so betrunken, dass sie nicht mehr stehen können. Trotzdem provozieren sie noch im Liegen durch Zeigen des Hitlergrußes.
Ob die Diskussionen über die Ausweitung des Schießbefehls gegenüber extrem verhaltensauffälligen Touristen zielführend sind, muss abgewartet werden. Nach meiner Einschätzung sollte man das auf die Guardia Civil beschränken, die zu Francos Zeiten die Hauptstütze des Repressionsapparates war und als paramilitärisch strukturierte Organisation nicht so stark von Humanitätsduselei behindert wird. Mich haben – noch unter Franco – nächstens Guardia Civil Leute aus dem Meer beordert. Auch wenn ich dabei nicht alleine war: Nackt Leuten gegenüber zu stehen, die Maschinenpistolen in der Vorhalte haben, ist eine Erfahrung, die man nicht haben muss, die aber prägt.
Wenn mir abends am Lagerfeuer nichts mehr einfällt, dann krame ich die Geschichte raus, die immer neue Facetten erhält. Mittlerweile glaube ich selbst daran, dass sich z. B. das Licht des Vollmondes fahlgelb auf den Läufen der Waffen spiegelte.
Die Geschichte mit dem Hitlergruss ist – im Gegensatz zu der von der nächtlichen Guardia Civil – gelogen. Sie ist allerdings auch ekelhaft. Es handelt sich um deutsche Touris, die mitten auf der Promenade Fitnessübungen abhalten. Ich wünsche nicht mit exzessiven körperlichen Betätigungen und Bedürfnissen anderer Leute in der Öffentlichkeit belästigt zu werden. Das ist schamlos und ohne jedes Niveau. Ich finde es mitunter schon degoutant, Leuten in der Öffentlichkeit beim Essen zuzusehen, ganz zu schweigen von Männern, die coram publico ihr Wasser abschlagen. Da quillt nackter Hass in mir hoch.
Ich wurde mal gemeinsam mit anderen Badegästen am hellen Tag am Kiesteich Zeuge, wie eine Frau einem Typen auf der Badematte einen geblasen hat. Je mehr ich darüber nachdenke: Das mit dem Schiessbefehl hat was…

26.05.2016 – Frauen aufreißen – aber wie?

Dazu gibt es jetzt Seminare sogar in Bildungsvereinen. Zitat:
„Frauen überzeugen … durch sicheren Auftritt, Gesprächsstrategien und Kreativität. … In vielen praktischen Übungen aus der Schauspielausbildung lernen sie mit Lampenfieber umzugehen und die Stimme und die eigene Körpersprache auch in schwierigen Situationen ruhig, überzeugend und zielführend einzusetzen. …. Wenn ich während eines sich zuspitzenden Gesprächs deeskalieren kann, dann führe ich die Situation. Die Techniken, die uns dies ermöglichen, sind Inhalt dieses Seminars.“
Hört sich absolut überzeugend an.
Whow, dachte ich. Was ist aus den Bildungsvereinen geworden, entstanden in den Siebzigern unter dem emanzipatorischen Banner der Reformidee „Bildung für alle“.
Dann las ich weiter: „Dieses Angebot wird gefördert über das Projekt Frau und Beruf.“
Ach so, dachte ich. Und weiter dachte ich: Was ich mir manchmal für einen Mist zusammendenke.
Fazit der heutigen Sitzung in Sachen „Oh, wie so trügerisch sind Sprachgebilde“ (Zu dieser Formulierung ein schönes Video hier ): Sprache, Bewusstsein und Zuschreibung gesellschaftlicher Rollenverteilung stehen in komplex kommunizierenden Röhren zueinander.
hasenheide
Berlin, Hasenheide. Bild 68 der Serie „Orte, an denen ich den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit deutlich erhöhe“.
Es hatte vor kurzem geregnet und über der ganzen Hasenheide schwebte ein durchdringender Geruch nach Marihuana und Hundescheiße.

24.05.2016 – Im Alter wird man immer älter.

Da es sich in diesem Tagebuch-Blog nur dann um die Kommentierung der Welt im allgemeinen und der Politik im besonderen handelt, wenn die sich steigernd auf meinen Blutdruck auswirkt (was sie mittlerweile jeden Tag tut), ist dieser Blog natürlich auch einer über das Altern. Was passiert mit einem im Alter? Wird man gelassener? Lebt man bewusster? Wird man starrsinniger? Konservativer? Und was heißt das überhaupt: Konservativ? Ist man konservativ, wenn man an der Überzeugungen festhält, dass wir in einer Klassengesellschaft leben? Und dass der Markt nicht nur nicht mitnichten alles regelt, sondern vielmehr zuverlässig dafür sorgen wird, dass die Erde den Bach runtergeht, und zwar einen Bach, in dem bestimmt keine Regenbogenforelle mehr schwimmt? Ist man konservativ, wenn man die Mehrzahl der Menschen für verrohte Vollidioten hält, die strengster Erziehungsmaßnahmen bedürfen? Der Dichter hat das vor 300 Jahren lyrischer ausgedrückt, aber es kommt auf das Gleiche raus:
… Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes … (Friedrich Hölderlin über die Deutschen)
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Berlin, Frankfurter Tor. Notfall Hubschrauber bei einer Übung.
Wäre es ein echter Notfall gewesen, hätte ich bestimmt kein Foto gemacht, sondern mit einem Ochsenziemer das Gafferpack vertrieben. Solche Leute gehören hinter Gitter und umerzogen (Böse Vokabel, politisch kontaminiert, wer grundlegendes über Sprachfallen lesen will, ist hier richtig). Hinter Gitter gehören auch AfD Wählerinen, Auto-Raser und Drängler, Smartphone Nervensägen, Leute, die beim Brötchenholen nicht richtig Schlange stehen, Steuerhinterzieher, Calenberger-Pfannenschlag-Esser, usw. usf.
Eins ist sicher: Im Alter wird man immer älter. Und das mit dem Blutdruck (siehe oben) ist für mich ne feine Sache. Meiner ist eh viel zu niedrig und Aufregung tut da nur gut. Den zu niedrigen Blutdruck hab ich von meiner Mutter geerbt. Rezept unseres Hausarztes damals: Auf nüchternen Magen Scheibe fetten Speck und Glas Rotwein. Wir Kinder fanden das prima. In diesem Zustand speckiger Beduseltheit am Morgen war unsere Mutter am besten auszuhalten.

22.5.2016 – Die Nacht, in der der wahnsinnige Clown mit seinen Maschinen die Weltherrschaft übernahm, war milde.

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Der wahnsinnige Clown marschiert mit seinen Maschinen im Einkaufszentrum ein und übernimmt die Macht über die Menschheit. Sein Plan geht auf: Die Realität war derart aus den Fugen geraten, die Politik so grotesk geworden, dass die Menschheit es gar nicht merkte. Bis auf mich natürlich, ich dokumentierte den Einmarsch, relativ leidenschaftslos. Ich dachte mir: Noch verrückter kann die Welt kaum werden und das ist doch wieder ein prima Foto für meinen Internet Blog.
Ein paar rebellische Freiheitsgeister leisteten Widerstand. Ich war skeptisch.
selbsverwaltete freiräume
Hoffentlich gehört die Orthografie nicht zu den selbstverwalteten Freiräumen.
Und so wie ich meine Genossinnen kannte, hatten sie sich über die Frage, ob mensch sich in Wunstorf an der Bahnhof Südseite, Nordseite oder Ostseite treffen soll, schon in vier Fraktionen zerlegt. Die Wetteraussichten für heute: 29 Grad, sonnig. Ich wünsche allen Leserinnen einen zauberhaften Wochenbeginn.

20.05.2016 – Korn Ein Euro. Quadratmeter Wohnung 18.000 Euro.

stärkt den öffentlichen dienst
Stärkt den öffentlichen Dienst. Wenn doch alle gewerkschaftlichen Forderungen so schnell in die Praxis umgesetzt würden.
köpi
Köpenicker Str. Berlin, beim Karneval der Subkulturen. Die „Köpi“ ist seit über 25 Jahren ein praxisbasierter und diskurstreibender Kristallisationspunkt in der Gentrifizierungsdebatte, also schon zu einer Zeit, in der es diesen Begriff noch gar nicht gab, jedenfalls nicht hierzulande. Ich mach mir da keine Illusionen, außer ein paar irgendwie selbstverwalteten Inseln (die meist früher oder später an internen Widersprüchen implodieren) wird das Kapital von Orten, die sich dem Verwertungskarussell querstellen wollen, nicht viel übrig lassen. Zitat nach – nicht von! – Karl Marx über den Profit : „… für 100 Prozent stampft es (das Kapital, d. A.) alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß …“
Im Palais Varnhagen in Berlin Mitte werden Stand Mai 2016 Wohnungen verkauft für 18.000 Euro pro Quadratmeter. Die Zahlen des Tagesspiegel von 2014 von zwischen 5.500 und 12.000 Euro sind innerhalb von nicht einmal zwei Jahren um bis zu fast 300 Prozent (siehe auch dazu das obige Zitat) übertroffen. Die Wohnungen dort sind alle verkauft.
Am Mariannenplatz, Ort jährlicher 1. Mai Hönkelarien, weht ein leichter Wind. Meine Füße werden langsam dick, wir halten in meiner Berliner Lieblingskneipe Einkehr. Der Bier- und Tabakbrodem raubt einem die Luft, am hellen Tag. Plastikblumen, Asbach Uralt Werbeschilder, eine Musikbox, Holztische, am Tresen Betrunkene, ein Amerikaner torkelt sturzbetrunken herein, fängt an zu grölen und wird unsanft entfernt. Korn kostet einen Euro.
Wir halten inne, trinken schnell und viel und fühlen uns wohl.
korn ein euro
Kneipe nähe Mariannenplatz. Der Name wird nicht verraten.
Es gibt Momente, da wünscht man sich eine Zeitmaschine, in der man ein paar Jahre zurückreisen kann, um die Welt da draußen zu vergessen.

18.05.2016 – Da ist der Wurm drin? Wir sind im Wurm drin!

„Erwin Wurm bei Mutti“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Ich muss in Ausstellungen des Österreichers immer lachen. Nicht bildungsbürgerliches Schmunzeln a la „Hoho, da hat der Wurm aber der Gesellschaft mal wieder köstlich den Spiegel vorgehalten“ sondern proletarisch laut, wie in einem Film mit Dick und Doof.
Von Wurm lasse ich mich sogar zum Idioten machen.
idiot sein
Anweisung von Wurm
ich bin ein idiot
Ich mache mich zum Idioten.
Von Wurm lasse ich mich auch gerne zu neuen Formen kommunikativen Handelns anleiten.
wurm 0
Anleitung
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Skizze
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Wir sind im Wurm drin.
Sollten Sie jemals auch nur in die Nähe des Wurmschen Kosmos kommen: Betreten Sie ihn, liebe Leserinnen. Es lohnt sich! Und wer vermutet, dass sich hinter derart humorbasierter Suche nach Erkenntnis ein Geist auf der Höhe der Zeit verbirgt, hat recht.
Einsichten eines Wurm
Einsichten eines Wurms.

17.05.2016 – Von Lenin, Buddha und anderen Gipsköpfen

karbneval der kulturen
Alle Jahre wieder treibt mich der Karneval der Kulturen nach Berlin, dieses Mal eher kühl, aber trotzdem feurig wie immer und einfach bunt und schön. Am Vortag hingen wir zu zweit (zusammen über 120 Jahre alt) beim Karneval der Subkulturen ab, ein Pendant zur Hate Parade früherer Zeiten der Love Parade.
karneval der subkulturen
Obwohl wir den Altersdurchschnitt extrem nach oben prügelten bei dieser Vollversammlung sämtlicher autonom-schwarz gekleideten Genoss*innen Berlins, fühlte ich mich dort weder unwohl noch fehl am Platz.
Die Publikums-Schnittmenge beider Karnevale dürfte nur unwesentlich über (uns) zwei gelegen haben. Bei der Erkundung Restberlins stießen wir auf jede Menge Gipsköpfe.
lenin
Der revolutionäre Umzugsgenosse Zapf ist ebenso schon verstorben wie Lenin.
buddha
Und der ist schon lange tot und fragt sich sicher, wie das Auto in seinem Rücken auf diesen Parkplatz gekommen ist.
Es steht mir nur gering an, den derzeitigen Dalai Lama zu kritisieren, ein Linienhalter der Gelbmützen-Schule (Googlen Sie’s, ic h bin zu faul für Link-Einfügung). Was ich massiv kritisiere, ist die Trägheit der Hirne unserer alternativen Mittelschichts-Kasper*innen, die zu Massen die vor Schlichtheit brummenden Parolen des Gelbmützen-Trägers anbeten und nachplappern. Wir leben im Hier und Jetzt und nicht im Tibet vor 2.000 Jahren, auch wenn das mitunter anstrengend ist.
Warum ist der Rest der Welt nicht so erleuchtet von der Fackel der Aufklärung wie ich? Andererseits: Wer zahlt mir was dafür? Seufz. Aber schön war’s in Berlin

13.05.2016 – Einfach krank.

balsam für die nerven
Balsam für die Nerven.
Rückwand unseres Gartens, ich hab drauf bestanden, dass die in diesem Grün gestrichen wird und nicht in diesem alternativen 08/15 Ockerton. Wenn ich Stress habe, gehe ich morgens in den Garten und gucke da drauf. Wenn die aufgehende Sonne da drauf scheint, ist das heiterer Balsam für die Nerven. Ich habe im Moment im Job viel zu tun, Redaktionssitzungen für die nächste NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung ziehen sich mitunter bis Mitternacht hin und die Aktion zu ihrem Kick-off am 10.06 in der City von Hannover will auch geplant sein. Die Sozialministerin hat ihr Kommen zugesagt und wenn die Aktion gegen die Wand läuft – Prost Mahlzeit. Da gibt es einige Interventionen dabei, die kann man nicht planen, üben, und nach meiner Erfahrung passiert gerade bei Straßenaktionen das, was passieren kann, – und mitunter noch schlimmeres. Die Vorstellung, dass die Ministerin hinterher zu mir sagt: „Herr Gleitze, für so was rauben Sie mir meine Zeit?“ versetzt mich nicht gerade in Euphorie. Gut, dass ich ne alte Rampensau bin und alles, was schief läuft, als Bestandteil eines genialen Plans verkaufen kann. Und die Ministerin ist zwar ziemlich energisch, aber auch freundlich. Sie würde wohl eher sagen:
„Ich fand das heute hier recht ungewöhnlich und interessant.“
Als ob das nicht reicht, ereilte mich gestern der Ruf einer Castingfirmen für ein Hammer
TV-Quiz. Ich bin immer noch in den Datenbanken aller Castingfirmen dieser Welt, nach meiner nicht ganz erfolglosen Tour durch die Quizszene.
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They called me the Champ.
Aber Günther Jauch hab ich in nicht so guter Erinnerung und der moderiert die neue Show.
Und als Krönung kam noch eine Einladung für eine Fraktions-Anhörung im Landtag. Meinen ersten Satz weiß ich ja schon: „“Ceterum censeo carthaginem esse delendam – hat einmal der große Cato gesagt und er hatte recht! Die alte Arbeitsmarktpolitik gehört auf den Misthaufen der Geschichte!“
War das überhaupt Cato und wie geht es danach weiter und stehen Abgeordnete überhaupt derlei rhetorische Geniestreiche?
Eins weiß ich sicher: Im Juli und August lass ich alle viere grade sein! Zeit sich auszuruhen.
Dazu ein Zitat des Chefs von Adidas von heute morgen, der sich jetzt zurückzieht und auf eine Bilanz verweist, in der der Umsatz verdreifacht und der Gewinn verfünffacht wurde: „Natürlich können wir uns trotz aller Erfolge nicht ausruhen.“
Warum sagt ein Konzernchef niemals: „Leute, wir hatten sensationelle Erfolge, unsere Aktionäre haben sich derartig die Taschen vollgeschaufelt, dass die nur noch krumm gehen. Wir lassen es in diesem Jahr mal etwas langsamer angehen und ruhen uns ein bisschen aus.“
Weil das ganze System einfach krank ist. Die Krankheiten, die am meisten zunehmen, sind psychischen Ursprungs, Depressionen, Burn-Out. Und Paranoia. Die Definition eines neuen Krankheitsbildes, für das man umgehend in die Klapsmühle eingewiesen wird, zeichnet sich schon ab – für die, dieses System so sehen, wie es ist:
Die Krankheit nennt sich Realismus.

11.05.2016 – Nicht sterben sollt Ihr unbescheiden sondern leben wie die Könige!

Was sich anhört wie ein Zitat aus Shakespeares „Was Ihr wollt“ hab ich mir in Wahrheit selber ausgedacht. Mit meinem eigenen Kopf. Wohl dem, der so was hat. Wieso ich auf diesen Appell auf ein gutes Leben vor dem Tode komme? Deshalb:
unbescheiden
Bestattungen Unbescheiden.
Was mich an dem Bild irritiert: Das sieht so aus, als ob der Steinmetz sich mit seinem Hammer das Bein zertrümmern will. Selbstverstümmelung. Darauf stand bei den Nazis wegen Wehrkraftzersetzung die Todesstrafe.
Wie schnell man doch von Shakespearischer Heiterkeit ruckzuck im Reich von Thanatos landen kann. Also nicht bescheiden sein im Leben. Sich auch mal was Nettes zum Anziehen gönnen. Umständehalber durfte ich neulich durch die edleren Läden von Hamburgs Shopping Zone flanieren. Unter anderem fiel mir dieses Outfit auf:
klamotten
Das sieht doch voll Scheiße aus.
Für eine komplette Hose hat der Stoff nicht gereicht, klobige Arbeitsschuhe und ein Anorak, für den ich früher auf dem Schulhof wegen Streberalarm Senge gekriegt hätte. Der Bundeswehrschlips reißt das genauso wenig raus wie das Beerdigungshemd. Wer mit diesem Outfit des Grau-ens bei Regen unterwegs ist, braucht keine Tarnkappe. Meine Erwartung, dass derartige Geschmacksverirrungen kostenlos an Bedürftige verteilt würde, erweisen sich als fundamentaler Irrtum, wie ein Blick auf die Preisschilder zeigte.
preise
Beruhigt zog ich meines Weges. Geld und Geschmack scheinen mitunter natürliche Feinde zu sein.

09.05.2016 – Du kannst ihn mir auch hinten reinstecken

Ich war dann doch an den Landungsbrücken gelandet beim Hamburger Hafengeburtstag. Völlig abgenervt von Abermillionen Feierwütigen starrte ich auf diese Barkasse.
du kannst ihn mir hinten reinstecken
Ob das der richtige Namen der Eignerin ist? Der ist doch irgendwie … fragwürdig.
Ich meine, wer will schon Gabi heißen? (Das mit „Gabi“ war eine Einführung in die Kunst des Gagschreibens. Grundregel Nr. 3 dabei: Die enttäuschte Erwartungshaltung. Wenn Sie beim Gagschreiben 6 oder 7 Grundregeln beachten, können Sie jederzeit Gags für Comedy oder Sitcom produzieren. Am besten erst mal im eigenen YouTube Kanal.)
Im Grübeln über Glitscher hörte ich hinter mir eine Frauenstimme:
„Du kannst ihn mir auch hinten reinstrecken.“
Ich drehte mich um und starrte die Sprecherin entgeistert an. Die adressierte mit diesem Satz ihren einen Kaffeebecher tragenden Begleiter und deutete in ihrer Rede nach hinten auf ihren Rucksack.
Den Rest meiner Flucht nach Blankenese grübelte ich darüber nach, ob die Welt um mich herum völlig versaut ist oder ob ich an präsenil-projektiver Erotophilie leide. In Blankenese – home of the very rich – war meine Welt wieder in Ordnung. Ich hatte der Fachwelt in Sachen Psychopathologie den Begriff der „Präsenil-projektiven Erotophilie“ geschenkt und hier war die Welt ruhig, beschaulich, heiter, gediegen und mit Wohlstand, Eleganz und Überfluss getränkt. Ich musste an die von Sozialneid zerfressenen Gentrifizierungsgegner in meinem Kiez denken, die schon hyperventilieren, wenn eine Wohnung mal 4.500 Euro pro Quadratmeter kostet.
Ich sach nur: Reisen bildet.
Ein qm Wohnung Blankenese 8556,15 euro
Ein Quadratmeter kostet 8556 Euro. Vermutlich eine billige Wohnung für das Gesinde. Bei den richtig teuren steht kein Preis dabei.
Nach diesem Hamburg Besuch fiel es mir schwer, in die Niederungen des Klassenkampfes hinabzusteigen. Ich war wütend auf die da oben, die denen da unten den Krieg erklärt hatten. Gerne hätte ich weiter geschwebt auf einer Wolke von präsenil-projektiver Wohlstands-Erotophilie.