26.07.2016 – Über die Schwierigkeiten beim Nichtgrüßen

Das Nichtgrüßen ist eine der schwierigsten Herausforderungen sozialer Interaktion.
Ich habe mit kaum jemanden soviel Zoff gehabt, dass ich ihn oder sie bewusst und voller Inbrunst nicht grüße. Das ist kein Problem, das Problem war dann der Weg dahin.
Schwierig ist das kleinteilige Nichtgrüßen, also eher flüchtige oder ehemalige Bekannte, gar Freunde, von schlimmerem ganz zu schweigen, von denen man wünscht, sie wären Unbekannte. Unangenehme Zeitgenossen, dämliche, lästige, nichtige, was weiß ich. Es gibt viel mehr Gründe, jemanden nicht zu grüßen als umgekehrt.
Am anstrengendsten ist es, wenn man jemanden zum ersten Mal nicht grüßt. Wohin guckt man? Wie lässig-unangestrengt guckt man? Welche Körperhaltung? Soll der andere es merken? Das ist die Königsdisziplin des Nichtgrüßens, es den Anderen merken zu lassen, dass man ihn nicht grüßen will! Anstrengend.
Ein Ausgleich für mich sind dann die Menschen, die mich nicht grüßen wollen, ich das merke und denen dann die Tour vermassele (Ein Ausnahmefall ist der Fall, wo sich beide Nichtgrüßende gegenseitig nicht aufs Fell gucken können und sich nonverbal einig sind).
Ich nehme da mal den Sonderfall, wo Leute mir noch Geld schulden und im Zweifel schon mal die Straßenseite wechseln oder angestrengt beiseite gucken. Normalerweise bin ich mit dem Rad unterwegs, das macht die Situation etwas erträglicher, weil flüchtiger. Da brülle ich dann schon mal quer durch die Gegend:
„Ey. Alter, was macht meine Kohle?“
Da ich die in solchen Fällen eh nie wieder sehe, betrachte ich das als immaterielle Rückzahlung des Schuldners, durch die ich meinen Spaß hatte. Bin ich ein Arschloch? Manche sagen so, manche so.
sgraffito
Außergewöhnliche Werbung, gesehen in Neukölln. Das ist Sgraffito Technik, bei der der Bildgegenstand in Putz geritzt wird. Eine Technik aus der Renaissance, deren Begriff die Grundlage für den Begriff „Graffiti“ bildete, was kompletter Blödsinn ist, da Graffiti keine Materialabtragende Technik ist.
sgraffito 1
Vergrößerung. Hoffentlich steht das Haus unter Denkmalschutz. Diese Technik ist so selten, dass ich mich nicht erinnern kann, sie irgendwo im modernen Stadtbild schon mal gesehen zu haben.
Einen schönen Tag, liebe Leserinnen, und denken Sie dran, mich zu grüßen, wenn wir uns sehen!

25.07.2016 – Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.

Manchmal lese ich Blogeinträge von den Vortagen noch mal durch. War da zu großer Mist drin, hanebüchne Fehler oder war vielleicht was drin, was sogar für mich interessant ist? Diesen Spruch von gestern „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, muss ich relativieren. Dafür, dass ich mich für ein ziemliches Genie halte, werde ich eindeutig unterbezahlt, jedenfalls was die Kunst angeht. Das stört mich. Andererseits regeln auch das die ehernen Gesetze des Marktes. Hat schon seinen Grund, warum Mario Barth und Jeff Koons etwas höhere Preise am Markt erzielen. Also werde ich mich in jesusmäßiger Geduld üben.
von weitem sah es so aus als ob ein rudel jeussse übers wasser stakste
Von weitem sah es so aus, als ob ein Rudel Jesusse übers Wasser stakste.
Darüber hinaus und von wesentlich größerem allgemeinen Interesse, beschreibt der Geld-Satz ein grundsätzlich falsches Verständnis vom Geld. Zum Geld kann man kein gestörtes Verhältnis haben, Geld ist ein gestörtes Verhältnis. Die bürgerliche Nationalökonomie sagt zum Geld, es sei als Zahlungsmittel ein Medium, mit dem Tauschvorgänge durchgeführt werden können. Richtig, aber wie vieles an bürgerlicher Wissenschaft nur die halbe, nämlich ideologische Wahrheit. Geld macht durch seine Wertdefinition die Beziehung von Menschen zu Dingen zu einem Warenverhältnis. Und da fängt der Ärger an: Profit, Gier, Konsum, falsche Bedürfnisse etc. pp blablabla, das ganze neomarxistische Theoriegeklapper, was damals schon kaum einer kapiert hat. Was dadurch aber nicht falsch wird.
Ich hätte also nicht sagen dürfen „Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis“, sondern „Geld ist ein gestörtes Verhältnis, aber wenn ich welches hab, schaufele ich es mit vollen Händen zum Fenster raus, und wenn ich keins hab, ist es mir auch egal.“ Nicht ganz korrekt, aber besser.
Something completely different:
berliner mauer
Am 13. August jährt sich der Tag des Baus des antiimperialistischen Schutzwalls zum 55. Mal.
Mir juckt es echt in den Fingern, meine Mauer zwischen Arm und Reich, zwischen Geflüchteten und Eingeborenen, zu einem Kunstwerk der ganz anderen Art umzufunktionieren. Natürlich hat ein Gemeinwesen, sei es die DDR, Europa oder gated communities, das sich durch Mauern vom Rest abschotten will, auf Dauer verloren. Nichtsdestotrotz wird der enthistorisierende Umgang den zum Beispiel Berlin mit der Mauer betrieben hat, wo praktisch kein realer Stein mehr da steht, wo er ursprünglich war, fatale Folgen haben. Wer aus der Geschichte nicht lernt, wird gezwungen, sie zu wiederholen. An so was könnte meine Mauer am 13. August mitten durch die Innenstadt erinnern. Das wäre dann mein Durchbruch und die Mauer wäre Bestandteil der nächsten Documenta und ich schwömme (Beachten Sie den raren Konjunktiv II Präteritum Aktiv!) im Geld.
Erstmal schwömme ich nachher im Kiesteich.

24.07.2016 – Zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis

Zitat aus dem Artikel „KUNST FÜR SOLIDARITÄT“ über mich und meine Arbeit im Magazin „ue 40“, Ausgabe 26: „ Er provoziert und protestiert: Aktionskünstler Klaus-Dieter Gleitze liebt es spektakulär, wenn er zum Bespiel echte Geldscheine verbrennt oder sie vom Winde verwehen lässt. Dabei hat der Hannoveraner, Mitbegründer der Künstlergruppe „Schuppen 68“, zu Geld eigentlich kein gestörtes Verhältnis. Nur gegen die ungerechte Verteilung, die Spaltung zwischen Arm und Reich, kämpft er mit kreativen Mitteln und großem sozialem Engagement auch in der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen. … „ Ich bin ein politischer Mensch und trete für meine Überzeugung ein“.“
Ich kann mich an das Gespräch mit den Macherinnen von ue 40 nicht mehr im Detail erinnern und auf jeden Fall ist das alles korrekt, gut, ehrenwert und als eitler Mensch freue ich mich natürlich über solche Artikel. Deshalb druck (?) ich ihn ja hier auch ab. Ich habe im Gespräch auch bestimmt das mit dem „politischer Mensch“ und „trete für meine Überzeugung ein“ gesagt. Aber wenn ich das gedruckt lese, ist es mir für meinen Duktus einen Tick zu lutherisch-sendungsbewusst („Hier stehe ich und kann nicht anders“), zu kämpferisch-gutmenschlich und zu eitel, zu dick. Bei solchen Formulierungen lauert um die Ecke Pathos, Kitsch.
Und für die Arbeit als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz (LAK) Niedersachsen werde ich bezahlt. It’s my Job – der sich zufälligerweise mit meinen Überzeugungen deckt, was ein großes Privileg ist. Ich hab auch schon im Maschinenbau an der Produktion von Extrudern mitgewirkt, was sich nicht bis ins Detail mit meinen Überzeugungen deckte, mir aber scheißegal war, weil mit irgendwas musste ich ja Geld verdienen. Und zum Geld habe ich eigentlich kein gestörtes Verhältnis, siehe Artikel
160723Kunst für Solidarität ue 40-1

23.07.2016 – Früher war alles besser.

Sowieso. Die Steigerung dieses Spießerdiktums wäre: früher war alles. Heute scheint alles nur noch und selbst das ist nicht sicher. Schwere Gedankenkost an einem erfrischenden Samstagmorgen, wo Regenschauer die selbst in meiner Wohnung vorhandene schwülstickige Luft vertrieben haben. In meiner Wohnung wird es eigentlich nie über 25 Grad, verschattet und direkt über Keller: Für die Heizkosten im Winter kann ich mir ne Zweitwohnung am Prenzlauer Berg kaufen, aber in heißen Sommern ist das eine Labsal. Wenn die Klimakatastrophe so fortschreitet, werde ich mein nach Norden gelegenes Arbeitszimmer für teures Geld an Hitzeflüchtlinge vermieten. Dann brauch ich nicht mehr zu arbeiten, kann das Zimmer also weg.
Schreckliche Vorstellung. Schnell weg aus dem Kopf, aber ich hatte keine Lust, diesen komplexen Gedanken vom Anfang weiter zu verfolgen. Da landet man ja ruckzuck bei Platos Höhlengleichnis und wer will das schon.
pfauenauge
Früher war alles besser. Da hatten wir im Garten noch ganze Schwärme von Pfauenaugen und Admirälen, die den Schmetterlingsflieder bevölkerten. Wenn man vorbeiging, stoben Wolken von ihnen empor. Heute bin ich froh, wenn vier, fünf da rumflattern, flankiert von zwei, drei Zitronenfaltern. Kann man nach dem Terroranschlag in München mit 10 Toten so leichthin seinen Blog schreiben? Man muss es sogar, als Autoimmunisierung. Außerdem gilt:
Wer vom aktuellen Terror redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Die rasenden Verfalls-Zustände in der Gesellschaft und in den Köpfen der Individuen kann man nur mit den Kategorien von Kapitalismuskritik erfassen. Was nicht bedeutet, dass der böse Kapitalismus an allem schuld ist. Selbstverantwortung gilt trotz allem, für Gesellschaften und Individuen. Ich kenne keinen ethischen Ansatz, der sagt: wenn der Kapitalismus dich nervt, gehe hin in alle Welt und richte Terror an.
Wenn er Dich nervt, setze Dich für seine Abschaffung ein. Das wäre ok, steht aber nicht auf der Tagesordnung. Im Gegenteil: Die Welt geht zunehmend aus den Fugen und den Bach runter. Da zitiere ich mich mal wieder selbst, hoffe aber, dass ich damit ähnlich richtig liege, wie bei meinen Wetten zur Fußball EM und bei den Lottozahlen, nämlich komplett daneben.
Es hört gerade auf zu regnen. Das Tagwerk ruft. Ich hör dann mal auf zu schreiben…

22.07.2016 – Cappy ab!

Donald Trump ist also der Kandidat. Die zentrale Botschaft um diesen Kasper ist für mich, dass die Umfragen ihn nicht 60 Prozent hinter Hillary Clinton sehen, sonder nur vier, fünf Prozent. 40 Prozent aller Amerikaner_innen können sich also vorstellen, einen Mann zu wählen, dessen einzig adäquates Kleidungsstück die Zwangsjacke wäre. Ich bin weit entfernt von dem reflexartigen Antiamerikanismus vieler alternativ-linker Kasperköpfe hierzulande, aber da sach ich doch mal ’n Stück weit: Ils sont fous ces americains. Wenn schon in amerikanischen Medien die Möglichkeit eines Militärputsches gegen Trump im Falle seiner Wahl diskutiert wird, sagt das mehr als meine lichtvollen Analysen. Ich glaube, ich schaufele diesen Blog nicht nur deshalb voll, weil in meinem realen Tagebuch für so was kein Platz ist, sondern auch aus Rechthaberei. Erst gestern habe ich bei einem Arbeitsessen im Garten – ok, es war ein Zechgelage inclusive laber laber – mich selbst zitiert, aus meinem Blog, nach dem Motto „Wie ich bereits in meinem Blog schon vor Wochen formulierte…“. Nüchtern war ich nicht mehr … Witzig ist übrigens, wenn ich alte Blogeinträge noch mal lese und mich partout nicht mehr erinnern kann, ob die komplett erfunden sind oder ein Korn Wahrheit dabei ist.
Das hier ist ja eher ein cum grano salis Tagebuch. Höhöhö, famoser Bildungsscherz. Käme gut bei einem Kabarettauftritt vor Kolleginnen der GEW.
hauser dramatische republik
Hauser Dramatische Republik. Neukölln.
Eine Anspielung auf Kaspar Hauser, den Vorläufer von Bowies „Hero just for one day“? Ich flanierte daran vorbei, auf dem Weg zum U-Bahnhof Sonnenallee. In Neukölln gibt es an jeder Ecke ein öffentlich gefördertes Kulturprojekt und an jeder zweiten einen Laden mit Betreuungsangeboten von Wohlfahrtsverbänden. Das muss auch so sein, denn die Armutsquote ist die höchste von Berlin, mit 21,5 Prozent. Nur ist das mit ein Wegbereiter für Gentrifizierung. Neukölln mitsamt seiner noch subkulturellen Aura zieht Touris wie mich an, die gerne mal einen guten Weißen trinken und auch mal was anderes essen wollen als einen Döner. Und schon kommt die Spirale in Gang und die Mieten steigen und die Verdrängung läuft …
Interessanterweise ist im schicken Berlin-Mitte die Armutsquote überdurchschnittlich mit 18,5 Prozent (Gesamt-Berlin 14,1). Es findet also nicht nur Verdrängung aus Kiezen statt, sondern auch Vertiefung der Spaltung zwischen Arm und Reich innerhalb von Kiezen. Da liegt Musike resp. Randale drin, denn es glaubt doch niemand, dass in unserem Lande mehr Gerechtigkeit Einzug halten wird. Ein Mittel gegen Riots ist ja: Repressionsapparat aufrüsten. Ich sollte Aktien kaufen von Firmen, die Polizei und Militär ausrüsten. Eine guten Linken wie mich zeichnet immer auch fundiertes Verständnis nationalökonomischer Zusammenhänge aus.
cappy abnehmen
Cappy ab! Solange noch solche Schilder an Neuköllner Spielhallen hängen, ist mir nicht bange um den Kiez.
Yo mon!

19.07.2016 – Wo bleibt der nächste Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein?

Die Deutsche Bank schließt ein Viertel ihrer Filialen und ein paar Tausend Arbeitsplätze fallen weg. Strukturwandel im Rahmen der Digitalisierung. Ich frage mich, wie der Strukturwandel weiter geht, Stichwort Industrie 4.0. Schon vor Jahren war klar: Wenn der gesamte damalige technologische Fortschritt realisiert wäre, fielen cirka 30 Prozent der existierenden Jobs weg. Das dürften heute eher mehr sein. Kommt noch. Und wie sieht dann die gesellschaftliche Antwort darauf aus? Zur Erinnerung Industrie 1.0: Das Patent auf die Dampfmaschine erhielt James Watt 1769. Den Fortschritt der Produktivität und die gesellschaftlichen Veränderungen bis hin zum Manchester Kapitalismus mit massenhafter Kinderarbeit und Verelendung lese man bei Wikipedia nach. Hätte es nicht aufgeklärte Geister gegeben, die sich für ein paar soziale Verbesserungen einsetzten, wäre da schon mal Ende im Manchester Gelände gewesen.
Weitere Antworten damals:
1848 – Das kommunistische Manifest von Karl Marx.
1865 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Vereins als erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland.
Zum Vergleich Industrie 4.0:
1990 – Der erste kommerzielle Internetprovider World.
2059 – Das … Manifest von …?
2078 – Gründung des Allgemeinen Deutschen Digitalarbeiter-Vereins?
afri cola rausch
Ich weiß nur eins: 1968 wurde der SCHUPPEN 68 gegründet. 2018 haben wir 50 Jahre Jubiläum. Die Vorbereitungen laufen bereits jetzt. Das mit dem Manifest habe ich mir für 2053 auf Wiedervorlage gelegt. Vorher habe ich keine Zeit und da werde ich 100. Passt.
karl marx str. neukölln
Karl Marx Str. inna Neukölln. Hoffentlich gehen diese Schriftzüge nicht im Rahmen der Gentrifizierung von Neukölln flöten! Blaupunkt, Telefunken, Saba – Ikonen der Unterhaltungselektronik. Diese Namen erfüllen ältere Semester mit Gänsehaut und Erinnerungen. Wo ist der zeitgenössische Hölderlin, der diesen Göttern der klassischen Moderne Oden dichtet?
Nein, ich mach’s nicht. Jetzt ist Sommer, endlich. Paar Tage nur Abhängen. Da muss ich echt nicht an Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst rumschrauben.

18.07.2016 – Bitburger? Shitburger!

shitburger
Bitburger? Shitburger!
In Fachtrinkerkreisen hat Bitburger zuverlässig seit Jahren den Ruf des schlechtesten Bieres des Universum seit der Einführung des intergalaktischen Reinheitsgebotes. Bei dieser Plörre ist wirklich Hopfen und Malz verloren: die Blume sieht vor dem Einschenken schon verwelkt aus, der Geruch erinnert eine Mischung an einen nassen Hund, der in der Kloschüssel gebadet wurde und der Geschmack ist unbeschreiblich – nach dem ersten (und letzten) Schluck riefen meine Geschmackspapillen noch Wochen später empört beim Großhirn an und drohten, sie würden auswandern, wenn sie je wieder mit diesem Saft des Grauens behelligt würden. Die Shitburger Flaschenfarbe ist passend in dezentem Kotbraun gehalten. Wer die letzten Gäste seiner Party sofort loswerden will, braucht nur laut zu rufen: „Folks, es ist nur noch Shitburger da!“ Und wusch, ist die Bude leer.
Zur Fußball EM hatte Shitburger eine adäquate Werbekampagne gestartet. Die Pullen des Grauens waren mit Kronkorken versehen, unter denen sich ab und an Gewinncodes befanden, die man auf der Shitburger Homepage einlösen konnte. Ich testete das seitens des „SEK VV – Sonder-Einsatz-Kommando Verarschte Verbraucher“, denn wer so ein Un-Bier braut, der kann nur aus Bitburg kommen. Was fällt selbst einem Einzeller zu Bitburg ein? Richtig: Waffen SS!
Und siehe! Das Verfallsdatum dieser Gruselbrühe war teilweise auf den September datiert, Monate nach Ende der EM! Der ahnungslose Verbraucher kauft also in freudiger Gewinn-Erwartung auch noch nach Ende der EM diesen Saft des Schreckens und was ist? Laut Homepage ist das Gewinnspiel abgelaufen! Obwohl auf den Kronkorken steht: Jetzt mitmachen!
Das schlägt dem Fassbier den Kronkorken ins Gesicht.
Wenn das kein Leberhaken mitten in das Vertrauen der Kampftrinkergemeinde ist – was dann? Ist das unlauterer Wettbewerb? Betrug? Oder geht das gar in Richtung § 129a StGB?
Es bleibt nur eins: Shitburger muss lernen. Mit einer viralen Kampagne, die diesem Tropfen das gibt, was er verdient. Ich rufe alle Promillaner des Planeten Erde auf: schickt mir Bilder, Videos, Gedichte, was auch immer, die das Prinzip Shitburger künstlerisch-satirisch bearbeiten. Mit den Einsendungen werden wir vom SEK VV eine Ausstellung gestalten, inclusive facebook bis twitter etc. und unter den Besten wird eine Kiste Bier ausgelost: Carlsberg. Das ist das Bier, das Lemmy trank. Wir erinnern uns: wer in die Garderobe von Motörhead eine Flasche Shitburger brachte, wurde erschossen.
Am Ende der Campagne veranstalten wir einen Sternhagelvollmarsch vor die Shitburger Zentrale und fordern Gerechtigkeit.
Verbraucher sind ehrlos – aber nicht wehrlos!
Stay on tune, Bro’Sis! Und Prost, liebe Leberianer und Milzonier!

16.07.2016 – Montage ohne Montage oder: Terror, Putsch und schöne Zähne.

Die Montage ist ein Stilmittel der klassischen modernen Kunst (Dada z. B.) und Literatur (Döblin, Alexanderplatz), bei der unterschiedliche Fragmente zu einem ästhetischen Ganzen gefügt werden. Die Fragmente stehen oft in keinem erkennbaren Zusammenhang, scheinen beliebig und ungleichwertig. Die Montage ist die ästhetische Antwort auf die komplexer werdende äußere Welt und die aus den Fugen geratende innere Welt der Subjekte. Mit einem naturalistischen Portrait auf einem Tafelbild wird man kaum der Welt des 21. Jahrhunderts gerecht. Ich montiere dauernd was, bei mir gibt keine Freitage oder Montage ohne Montage.
Der Normalzustand bei dauernder medialer Überflutung der Cortex ist allerdings die quasi implementierte Montage, Fetzen werden bruchstückhaft (nicht) verarbeitet, gleichwertig nebeneinandergesetzt, laufen in Loops durchs Gehirn, um sonstwo wieder rauszukommen, unverdaut, unverstanden. Ich lese „Schöne Zähne für 7,70 Euro“, ich höre „Terror in Nizza“, ich sehe „Putsch in der Türkei“, ich denke „Meine Zähne sehen beschissen aus, mein Gott, auf der Promenade des Anglaises habe ich vor ein paar Jahren in der Sonne bei einem Weißwein gesessen, hoffentlich ist der durchgeknallte Erdogan bald weg vom Fenster“. Natürlich setzt sich das alles irgendwann und wird geordnet, aber was richten die unbewussten Prozesse vorher an? Und was kommt dabei im übertragenden Sinne des großen abendländischen Filosofen Helmut Kohl „hinten“ raus?
Mir fällt das Titelbild einer alten Zeitung ein, die ich mal herausgegeben habe.
Ohne Titel-1 Kopie
Tête Carrée
Das Foto habe ich in einem Park in Nizza aufgenommen. Weiter fällt mir ein: das habe ich doch in dem Blog schon mal verwendet, hier?
Wie oft wiederhole ich mich hier in dem Blog eigentlich?
Putschendes Militär in der Türkei, im Hintergrund läuft gerade Deutschlandfunk, alle Regierungen insistieren in ersten Stellungnahmen auf dem verfassungsrechtlichen Gang der Dinge. Hitler wurde auch vom Volk gewählt, das war verfassungsrechtlich sauber, und es gibt durchaus Beispiele, wo das Militär den zivilisatorischen Gang der Dinge beschleunigt hat, siehe Nelkenrevolution in Portugal. Das war ein Militärputsch: Povo unido, Soldado esta contigo.

Manchmal ist die Realität komplizierter als die Wirklichkeit (siehe auch H. Kohl). Aber wenn das kein säkulares Militär sondern nur so eine Gülen Truppe ist, wäre der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben. Schade um jeden Toten. Ob man die Wahrheit je erfährt? Das sollen unsere Verschwörungstheoretiker klären, bei denen im Zweifel immer CIA oder Mossad dahintersteckt. Ich geh jetzt Blumen gießen, dann Arbeit und nächste Woche hoffentlich endlich Sommer. Mal Gehirn in der Sonne abschalten. Nichts denken, nur fühlen.

14.07.2016 – Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben

charite
Keiner will da rein, aber jeder ist froh, dass es sie gibt: Krankenhäuser.
Mich umwehte ein Gefühl von Ehrfurcht, als ich unlängst die Hallen der ehrwürdigen Charité betrat. Freiwillig und mit dem Drang nach Erkenntnis ausgestattet und Gottseidank weder von Milzbrand, Tuberkulose oder Cholera befallen. Deren Todesfeldzug durch die Reihen der Menschheit stoppte Robert Koch, indem er überhaupt erst mal ihre Erreger entdeckte. Bei der Suche nach einem Mittel gegen Tuberkulose unterlief ihm ein folgenschwerer Fehler, der jede Menge Kranken in die Kiste verhalf: Sein Wundermittel Tuberkulin tötete Bakterien nicht nur nicht ab, sondern aktivierte diejenigen, die im Wirtskörper eher noch vor sich hindösten. Das Tuberkulin hatte er unter anderem an seiner siebzehnjährigen Geliebten (er war 30 Jahre älter) getestet. Sie berichtete in ihren Erinnerungen, dass sie nach den Worten Kochs „möglicherweise recht krank“ werden könne, „sterben würde ich voraussichtlich nicht.“ Den Reibach mit dem vermeintlichen Wundermittel wollte er privat machen. Koch, ein Arsch wie er im Buche steht.
Aber wie misst man überragende Wissenschaftler? Karl Marx war ja auch kein Engel. Bei Fritz Haber ist die Grenze sicher überschritten. Der war federführend und aktiv an der erstmaligen Entwicklung der Giftgaskriegsführung im ersten Weltkrieg beteiligt. Und was ist mit Oppenheimer?
Eine schöne Volte hat die Tuberkulin Geschichte doch noch. Den Nachweis über die komplett kontraproduktive Wirkung führte Rudolf Virchow, Teilnehmer der 1848er Revolution, Vertreter einer sozial orientierten Medizin (Zitat: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“) und engagierter Kämpfer gegen den aufkommenden Antisemitismus im wilhelminischen Deutschland. Endlich siegt mal einer von den Guten.
Das wär’ doch mal Stoff für einen Film, mit den Beiden als Protagonisten, ein Film, der seriös auch naturwissenschaftliche Zusammenhänge der breiten Masse näher bringt. Ich sehe schon die erste Einstellung vor meinem inneren Kamera-Auge: Dämonisch von unten ausgeleuchtet nähert sich sabbernd der geile alte Koch-Bock seiner in weiß gekleideten und seufzend die Hände ringenden Geliebten, die in Wirklichkeit den gleichaltrigen Gärtner (Lady Chatterly läßt grüßen!) des Hauses liebt, sich aber aus wirtschaftlicher Not dem Lustgreis hingibt. Ich mach mich gleich ans Exposé. Wenn das nicht mein Durchbruch wird, dann weiß ich es auch nicht. Arbeitstitel des Films:
Der stahlharte Erlenmeyer-Kolben.

13.07.2016 – Frauen mit Möpsen mit Möpsen

Möpse
In dieser Werbung eine Frau mit Möpsen mit Möpsen abzubilden, wäre offensichtlicher Sexismus. So ist es „nur“ Verbalsexismus. Ich würde gerne wissen, wie bei solchen Entscheidungen in der Werbebüros diskutiert wird. Schließlich sitzen auch Frauen dabei. Bei Entscheidungen sicher nicht sehr oft, meist dürfen sie Kaffee für die Sitzungen bereit stellen und – im Fall von Migrationshintergrund – nach Feierabend (gibt es den in der Werbebranche?) die Büros sauber machen, aber ein paar Frauen werden es sich in dieser hippen Branche auch auf Entscheiderplätze gebracht haben. Was sagen die dann? „Find ich krass, handwerklich echt cool.“ „Das ist ein Burner, damit handeln wir uns vielleicht sogar ne Beschwerde vom Werberat ein. Die machen wir dann öffentlich unter dem Hashtag #macht euch mal locker.“
In der Ostzone hätte es so was nicht gegeben. Es gibt nicht wenige Neoliberale, denen selbst die Reste unseres Sozialstaates noch ein Dorn im Auge sind, und die die BRD für eine Wiedergängerin der DDR halten.
trabis
Stimmt ja auch irgendwie. In Berlin gibt es fast nur noch Trabbis.
Für den klassischen Neoliberalen ist Merkel als verkappte Kommunistin verantwortlich für eine sozialistische Wärmestuben-Wohlfühlromantik in unserem Lande, wo jeder Stützesauger 52 Wochen lang Urlaub in der sozialen Hängematte macht.
Wir arbeiten dran. Spätestens in der übernächsten Krise, die im zyklischen Sinuskurven Auf und Ab so sicher kommt wie – nein, nicht wie das Amen in der Kirche, das kost 5 Euro ins Phrasenschwein (noch mal 5 Euro) – der morgendliche Kackreiz, also durchaus mal phasenverschoben, wird unter anderem über die Abschaffung der Arbeitslosenversicherung als Sozialleistung diskutiert werden.
Das durchschnittliche Arbeitslosengeld liegt rund 200 Euro unter der Armutsrisikogrenze.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung gegen Arbeitslosigkeit?
Mehr als ein Fünftel der Beschäftigten, die im ersten Halbjahr 2015 den Job verloren, sind schon zu Beginn der Arbeitslosigkeit in Hartz IV gerutscht.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Der durchschnittliche Versicherungsschutz lag im Dezember 2012 bei 131,4 Tagen.
Wozu braucht es da noch eine Sozial-Versicherung?
Das geht doch privat versichert viel besser. Riester, übernehmen Sie!