07.12.2016 – Mit Hugh Grant in Neusehland

neusehland
Neusehland.
Das nenn ich mal einen gelungenen Namen für einen Optikerladen. Gesehen in Marburg. Auf der Heimreise im Zug fiel mir siedendheiss (!) meine Dipladenia auf der Veranda ein, die Dinger vertragen absolut keinen Frost. Im Keller gehen sie ein, in der Wohnung will ich so was nicht rumstehen haben.
duipladenie
Also Versuch der Überwinterung auf der Veranda mittels eines ausgeklügelten Isolationssystems: Styropor auf der Unterseite, Folien und Jute Ummantelung, oben drüber Folie und Decken und der Clou: innen drin Wärmflasche, in dickes Tuch gehüllt. Funktioniert auch bei minus sieben Grad. Hab das Ganze natürlich messtechnisch evaluiert. Über 12 Stunden gesehen beträgt die positive Temperaturabweichung gegenüber der Außentemperatur über 10 Grad, Aber natürlich nur, wenn der Versuchsaufbau mit der Wärmflasche jeden Abend erneuert wird! Nach der Nacht in Marburg dürfte das Ding final abgekackt sein, Innentemperatur im Versuchsaufbau: minus 2,3 Grad. Die ganze Arbeit umsonst, ganz abgesehen davon, dass die Versuchskosten den Anschaffungswert einer neuen Dipladenia weit übersteigen.
Schlechte Laune, schon am Morgen. Flucht ins Netz, stoße auf Video mit meinem Lieblingsschauspieler Hugh Grant, die legendäre Tanzszene aus „Love actually“, wo er einen britischen Premierminister spielt. Kommt jedes Jahr vor Weihnachten im TV. Wenn Sie, liebe Leserinnen, auch nur ein bisschen romantisch veranlagt sind, dabei aber keinesfalls heulen, sondern lachen wollen: Angucken!
Deutsches Autorenkino war nie so mein Ding. Ich steh mehr auf leichtes Entertainment, wie bei Hugh Grant, gute Laune garantiert, fast immer sauberes Handwerk und Grant weiß offensichtlich um seine begrenzten Fähigkeiten als Mime, versucht nie größer zu scheinen als er kann. Irgendwie lausbübisch. Dass der Mann mal wegen eines Blow Jobs in der Öffentlichkeit verurteilt wurde, fand ich irritierend. Wenn Lausbuben unbedingt Sex haben müssen, dann doch nicht so.
Meine Lieblingsschauspielerin kommt vom ganz anderen Ende der Bandbreite: Meryl Streep. Dass die Beiden mal zusammen in einem Film auftreten wie bei „Florence Foster Jenkins“, fand ich auch irritierend. Ich dachte, dass Hugh Grant neben dieser grandiosen Schauspielerin eingeht wie ein Dipladenia auf meiner Veranda. Ist er aber wohl nicht. Ich guck’s mir auf jeden Fall an.
Meine Laune ist nach dem Tanz Video jedenfalls deutlich besser.

06.12.2016 – Der Schmarotzer ist wieder da

hartz iv schmarotzer
Er ist wieder da – der Schmarotzer.
Jedes Jahr gehen unserer Gesellschaft cirka 100 Milliarden Euro an Steuerhinterziehung flöten. Davon könnte man cirka 30.000 Kitas bauen. Steuerhinterzieher in der Dimension von Özil, Hoeness, Alice Schwarzer, etc. pp. sind Gauner, Lumpen, Kriminelle, alles mögliche, aber ich würde sie niemals Schmarotzer nennen. „Schmarotzer“ ist eine Kategorie der Verunglimpfung, mit diesem Begriff spricht der so Redende dem gemeinten Subjekt den Mensch-Charakter ab. Analog dem „Parasiten“ muss der Schmarotzer in der Vorstellung dieser Begriffsverwender vom (Volks-)Körper entfernt werden. Der Begriff hat in Deutschland Dauerkonjunktur, siehe Hitler „Mein Kampf“:
„Der Jude ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt.“,
aber auch später gegenüber Arbeitslosen. In letzter Zeit war Ruhe an der Schmarotzer Front, aber seit die „Flüchtlingswelle“, auch so ein Unwort, abgeebbt ist und der „Scheinasylant“ als Hassfigur und Sündenbock mangels Masse wieder weniger taugt, feiert der Schmarotzer wieder unfröhliche Urständ. Nicht so sehr von der AfD, deren Klientel besteht zu nicht geringen Teil aus Arbeitslosen, die mitunter froh waren, dass sie für eine Zeitlang aus dem Feuer genommen wurden, und da hält sich die AfD aus taktischen Gründen noch bedeckt. Der Mob wird noch gebraucht.
Die CSU muss sich da weniger Zurückhaltung auflegen, von deren facebook Seite ist der Screenshot nämlich, aus einem Video unter dem 14.11.
Die Hatz auf einheimisches Sozial-Nieder-Wild ist wieder eröffnet.
high heels
Kick in the ass. Und zwar mit der Spitze. Das würde ich mitunter gerne machen, aber ich bin kein Unmensch. Meine Waffe ist die Satire, das Argument, die Dokumentation.
Der obige Screenshot von einer CSU-Fremdseite ist in diesem Blog eine absolute Ausnahme. Über 99,9 Prozent aller Bilder hier sind eigene Aufnahmen. Eine unzulässige Verbreitung von Fremdmaterial kann teuer werden. Zitate von Fremdmaterial sind erlaubt, wenn.. laut § 51 UrhG :
„Zulässig ist die … öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden.“

Extra-Service für Sie, liebe Leserinnen, falls Sie einen eigenen Blog machen wollen. Es lohnt sich. Als Archiv und auch als Schreibübung: Spontan in kurzer Zeit Dinge auf den Punkt bringen, Zusammenhänge herstellen, für einen Moment jenseits der Alltagsperspektive denken, das alles sind Fähigkeiten, die man/frau auch gut bei anderen Gelegenheiten braucht. Schlimmstenfalls im Job.

03.12.2016 – „HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“

Manchmal werde ich zur Wildsau. Respektive zum Keiler.
keiler7

Gestern kam mir auf dem Radweg in der Dunkelheit eine Geisterradlerin entgegen, das Licht blendete mich komplett, ich klingelte, rief, sie hielt Zentimeter vor mir an und:
„Ich hab doch meinen Arm rausgehalten, dass ich hier abbiegen will.“

Ich war fast sprachlos, aber nicht wehrlos, ob soviel Dreistigkeit:
„Ach, und das berechtigt uns (!), auf der falschen Seite zu bleiben, wohl wissend, dass das Gegenüber nichts sehen kann!?“
Ich wählte zugegebenermaßen das Forte, wäre ich nämlich auf die andere Seite in die Gegenfahrbahn ausgewichen, wäre ich dort in korrekt fahrende Radler reingerauscht. Ich war also erregt, aber nicht auf die angenehme Art. Sie, in diesem grauenhaft katzenfreundlichen Selbsthilfe-Betroffenheitssingsang:
„Du, ich find das nicht in Ordnung, dass Du jetzt so laut wirst.“
Hass quoll in mir auf. Ein innerer Film lief in Millisekunden ab, ich sah sie in ihrer Selbsthilfegruppe, im Stuhlkreis sitzend, um sie herum jede Menge verständnisvolle, nickende, strickende Männer, die nur eins im Sinn hatten: Wie konnten sie dieser Frau an den Pullover gehen? O-Ton aus meinem Film:
„Also dieser Typ war so was von verbal gewaltförmig-patriarchal drauf, der hat mir total Angst gemacht. Wo ich doch seit meiner Trennung von Wulf-Bernhard total allergisch gegen Verbalgewalt bin.“ Und alle nickenden, strickenden, möchte-gern-fickenden Männer unisono im Chor:
„Ich verstehe. Wie fühlst Du Dich jetzt? Möchtest Du in den Arm?“
Resultat des Films: ich, jetzt wirklich sehr laut ins Fortissimo wechselnd:
„HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“
Nun geschah es aber, dass alle Katzenfreundlichkeit von ihr abfiel und sie keifte und zeterte wie ein Waschweib, wobei ich noch nie ein Waschweib real keifen und zetern gehört habe. Ich würde sagen, wir waren weit jenseits des Stadiums der Argumente, an uns wurde das „Oi dialogoi“ von Plato zuschanden.
Sie lief bei mir als altem Straßentheaterfuchs natürlich gegen einen Sherman Panzer. Regel Nr. 6 beim Straßentheater (und in der Politik):
„Nicht auf Dein Gegenüber eingehen. Bei Deiner Methode bleiben!“
Ich also weiter, Allegro und Presto:
„HALT! DICH! EINFACH! AN! DIE! REGELN!“
Nun hatte ich den kriegsentscheidenden strategischen Vorteil: Für mich was das Ganze eine Performance geworden. Ich genoss es. Schamlos.
Ich werde nachher wieder an die Stelle radln. Wahrscheinlich steht sie immer noch da und keift.
Bin ich ein schlechter Mensch? Sagen wir mal so: Ein Heiliger wird aus mir nicht mehr.
Aber ich habe oft auch in stressigen Situationen jede Menge Spaß.
Allen Leserinnen ein charmantes Wochenende.

02.12.2016 – Das ist dann wohl leider sexistisch zu nennen

Gestern fand im alten Rathaus von Hannover die Verleihung des niedersächsischen Medienpreises der niedersächsischen Landesmedienanstalt NLM statt. Alle waren da
MP
Ich & Stephan. Ich habe das Foto gemacht und Stephan heißt hinten Weil er der niedersächsische MP ist. Das Foto habe ich nur gemacht, um mich wichtig zu machen, in der Hoffnung, dass vom Glanz des niedersächsischen Sonnenkönigs auch etwas auf mich abfällt. Fiel aber nicht. War zu dunkel.
Als Mitglied der Versammlung der NLM hatte ich mich über die Benennung von Tanja Tischewitsch als Laudatorin mokiert unter der Überschrift „Titten & Thesen“. Das hat sich im Nachhinein als Sexismus herausgestellt. An der prinzipiellen Kritik halte ich fest: Durch die Benennung von Tanja Tischewitsch als Laudatorin wird ohne Not ein fragwürdiges Frauenbild und Role Model im Mainstream nobiliert, zumal bei einer Veranstaltung eines öffentlichen Organs, das auf Basis des Grundgesetzes verfasst ist und zu dessen Auftrag die Erziehung zu Medienkompetenz gehört. Dann sich die Jugend ja freuen… Meine implizite Unterstellung, die Silikonimplantate von Frau Tischewitsch würden sich auf die Qualität ihrer Laudatio negativ auswirken, hat sich als falsch herausgestellt und das ist dann wohl leider sexistisch zu nennen. Richtig war hingegen, dass Frau Tischewitsch die lebendigste Laudatio von allen gehalten hat.
tanaj tischewitsch
Tanja Tischewitsch – Laudatio beim Medienpreis.
Sie hatte sichtlich Spaß auf der Bühne, und hat damit den Preis als das gekennzeichnet, was er in Wirklichkeit ist: eine nicht ganz ernstzunehmende Werbeveranstaltung, mit dem angenehmen Nebeneffekt, Journalistinnen zu Qualität zu motivieren.
jägermeister
Jägermeister für alle am Ausgang.
Mir gefiel der Party. Ich muss auch nicht immer kritisch unterwegs sein. Das Büffet war gut und mein Highlight: Ich probierte einen Wein und brach spontan in den Ruf aus: Sylvaner. Was soll ich sagen?
Es war Sylvaner.
Mein Tiefpunkt: ich hatte mich auf Alexander Kluge als Laudator gefreut. Nun kann man in 3:30 Minuten schwerlich eine tiefgründige Laudatio entfalten. Kluge versuchte sein Bestes, mit Hinweis auf die Antigone, aber man merkte, dass er 85 ist. Irgendwann ist halt gut mit Öffentlichkeit.
Ich fand das ähnlich deprimierend, wie Musiklegenden der Jugend nach Jahrzehnten wieder zu begutachten. Das geht fast nie gut. Aufgüsse von Erinnerungen dekonstruieren den Mythos.
Heute Nacht hatte ich einen Traum: Bei der Medienpreisverleihung 2017 kommt Stephan (!) auf mich zu, schüttelt mir die Hand und sagt: „Super, dass Du auch da bist!“
Ich sollte darüber offen und angstfrei mit meiner Therapeutin reden. Bis dahin bitte ich Sie liebe Leserinnen, diesen Traum nicht weiter zu erzählen.

30.11.2016 – Ich habe einen schrecklichen Verdacht

herbstlaub
Wenn die Blätter von den Bäumen fallen, neigt der Mensch dazu, individuelle Jahres-Bilanz zu ziehen: besondere Ereignisse, Höhe- und Tiefpunkte, Geld, Gefühle, Job, etc. pp. Als erstes fragt sich die sprachmächtige Zeitgenossin: Wo sollen die Blätter sonst von wech fallen als von den Bäumen? Vom Kirchturm der St. Michaelis Gemeinde, der den Sonntag einläutet? Vom Notenständer?
Jenseits dieses Schlenkers in die Abteilung „Wer bringt den Sprachmüll runter?“ war für mich die Bilanz beim Geld immer am einfachsten: entweder hatte ich weniger als ich brauchte oder mehr. Genauer wollte ich es eigentlich nie wissen.
Ein Gradmesser für meine Rückschau ist in gewisser Weise auch dieser Blog, jedenfalls insofern er sich einigermaßen an der Realität entlang hangelt. Ich versuchte mich zu erinnern, worüber ich im letzten Jahr hier geschrieben hatte, und ein schrecklicher Verdacht keimte in mir auf: Es ging wohl ziemlich oft um Arbeit. Oh Gott, wie einfallslos, spießig und langweilig.
Ich bin zwar in der außerordentlich privilegierten Situation, dass Erwerbsarbeit, Kulturproduktion und das, was ich als zoon politikon vermutlich eh machen würde, bei mir oft zusammenfallen. Ich kann das nicht immer voneinander trennen – sieht man mal von sowas wie der Leibniz Wurst ab – und obendrein redet mir kaum jemand drein, außer Mitglieder von Projekten, die die Inhalte natürlich mitbestimmen. Aber wenn man nichts voneinander trennen kann, wo bleibt da die Differenz? Das ist nicht so platt, wie es sich anhört. Spannung, das Elixier des Lebens, resultiert aus Differenz. Mangelnde Differenz gleich mangelnde Distanz. Mangelnde Distanz gleich mangelnde Selbstreflexion. Ooops.
Also Vorsatz für das neue Jahr: Mehr Distanz, mehr Sinnfreiheit, mehr Absurdes, mehr Lustiges, Satire, Kunst pur etc. pp …
hacke
Vorsätze für das neue Jahr: Mehr Sport treiben? Ich hab doch keinen an der Hacke.
Vorsätze fürs neue Jahr, so weit kommt’s noch.
Als nächstes dann Fünfjahresplan erstellen?! Wo will ich 2021 stehen? Einen Schritt weiter als jetzt?
Super Idee, wo ich eh schon mit einem Bein über der Kiste schwebe und mit dem Anderen am Abgrund nage.

27.11.2016 – Titten & Thesen

Ich sitze in einem Organ. Es handelt sich um die Versammlung der Niedersächsischen Landesmedienanstalt NLM. Sie übt als Gegenstück zum Rundfunkrat der öffentlich-rechtlichen Medien eine Art Aufsichtsratfunktion gegenüber den privaten Medien aus. Die NLM besteht aus 38 Mitgliedern, die von den im Landtag vertretenen Parteien sowie gesellschaftlich relevanten Gruppen entsandt werden (§ 39 NMedienG), guckst Du hier, ich hänge weiter unten in der Bildergalerie.
Gleitze Quelle nlm
Das Foto (Quelle: nlm) sieht so aus, als ob Mutti mich vor dem Fototermin noch mal gekämmt und gesagt hätte: „Und reiß Dich zusammen, mach da keinen Ärger. Aus Dir soll doch mal was werden!“
Die NLM verleiht jährlich einen Medienpreis für „herausragende journalistische und kreative Leistungen“ . Wer von den Nominierten die begehrte Auszeichnung erhält, wird bei einer festlichen Abendveranstaltung am 1. Dezember im Alten Rathaus in Hannover bekannt gegeben. Ich bin als „Aufsichtsratsmitglied“ natürlich eingeladen, das mit ersten besseren respektive erstbesten Gesellschaft zu feiern. Echt krass. Da geht voll der Punk ab, Digga!
Ich werde wieder Tupperware mitnehmen und was vom Büffet einpacken. Wenn jemand glotzt, sage ich: „Geht ab, Alder? Ich sitze für die Punks in der NLM Versammlung. Die sind als gesellschaftlich relevante Gruppierung anlässlich seines 40jährigen Jubiläums nachnominiert worden.“
Es gibt auch Laudatorinnen bei der Veranstaltung, die in der Ankündigung konsequent Laudatoren genannt werden. Alexander Kluge zum Beispiel, der mit Oskar Negt eines der zwei Bücher geschrieben hat, die mich beeinflusst haben: Öffentlichkeit und Erfahrung. Das Buch lieferte die theoretische Folie und Thesen für den Versuch „Gegenöffentlichkeit“ zu bürgerlicher Öffentlichkeit zu entwickeln.
Eine weitere Laudatorin ist Tanja Tischewisch, über die die Seite „Promiflash“ schreibt, unter einem Foto von Tanja Tischewisch mit riesigen Silikon-Titten:
Mega-Ausschnitt: Tanja Tischewitsch führt neue Brüste aus.
Ich bin jetzt etwas irritiert. Handelt sich beim Design dieser Veranstaltung am 1. Dezember um eine Meta-Satire? Um den Versuch, schätzenswerte Reste von bürgerlicher Öffentlichkeit abzuräumen? Um Pluralismus? Werbung für mehr Toleranz?
abbruch bürgerlicher öffentlichkeit
Abbruch bürgerlicher Öffentlichkeit.
Vor allem: Wie verhalte ich mich bei der Veranstaltung? Als Punk?
Ich denke, als erstes mache ich ein Selfie mit Tanja Tischewisch, das ich dann hier veröffentliche. Stay on tune! Demnächst hier: Der alte Mann und das Gebirge!

25.11.2016 – Suppe, Seife, Seelenheil

Damit Sie, geschätzte Leserinnen, überhaupt anfangen diesen Blog zu lesen, braucht’s besser brillanten begeisternden Beginn, vulgo: einen Teaser. Also als Einstieg was Süffiges.
Gut kommt da immer die Alliteration, wie „…braucht’s besser brillanten begeisternden Beginn …“.
Viel besser als das aber ist der Header dieses Eintrags „Suppe, Seife, Seelenheil“. Was für eine Rhythmik! Und die Kohärenz. Zauberhaft.
suppe seife seelenheil
Leider nicht von mir. Oder sollte ich sagen: Gottseidank nicht von mir?
Ideologisch gesehen ist das eine Sauerei. In der viertreichsten Gesellschaft dieser Welt Armen und Obdachlosen mit Angeboten wie Suppe, Seife und Seelenheil zu kommen, das quasi als die Lösung oder Linderung der Spaltung unserer Gesellschaft zu verkaufen, ist Zynismus. Nichts gegen Suppe, Seife, Seelenheil und Heilsarmee. Aber ein Claim, der ernsthaft zur Lösung des Problems beitragen will, und es durch Almosen nicht weiter am Leben erhält, sollte eher in Richtung gehen: „Wohnung, Wohlstand, Wertschätzung.“
Da feile ich noch dran, aber die Richtung dürfte klar sein.
Erfrischend saudämlich dagegen ist dieses Plakat des Bruno Gröning-Freundeskreises, einer Sekte von komplett durchgeknallten Spinnern, die an Heilung durch Humbug glaubt.
bruno gröning
Dokumentarfilm, Dauer: 6 (in Worten: sechs) Stunden „Das Phänomen der Heilung“.
Wer da lebendig wieder rauskommt, braucht mit Sicherheit Heilung. Bei Gröning selber, einem vorbestraften Gauner, hat das nicht so gut funktioniert mit seinem Heilstrom.
Er starb mit 53 Jahren an Magenkrebs.

24.11.2016 – Die Wetten auf ein Impeachment gegen Donald Trump stehen auf 6:1

Wenn es vor Ablauf seiner Amtszeit zu einem Impeachment gegen Trump kommt, gibt es bei Wettanbietern sechs Dollar für einen. Aber auf das zu wetten, was man sich wünscht, ist amateurhaft. Ich hab jahrzehntelang auf Portugal gesetzt bei Welt- und Europameisterschaften. Selbst die goldene Generation um Figo hat mich nur Kohle gekostet. Letzte EM hab ich das erstemal nicht auf Portugal gesetzt. Und wer wird Europameister? Portugal. Ich setze trotzdem auf Trump. Und verkaufe das als einen Akt des politischen Widerstands. Einen Teil des Gewinns spende ich dann der SPD, die ja Einnahmeausfälle hat, weil sie den Verkauf ihrer Minister eingestellt hat. Das mit dem Ministerverkauf war echt ein Ausnahmeeinfall, aus dem der Einnahmeausfall resultiert. Was für ein Wortspiel, daraus machen manche ein ganzes Kabarettprogramm.
Wobei ich vorsichtig sein sollte mit Spott. Unlängst hab ich bei einer Moderation den kabarettistischen Teil ziemlich versenkt. Fieber, ich war nicht fit. In diversen meiner früheren Leben als subalterner Angestellter hätte ich meinen Chef angerufen: „Chef, bin krank. Gelber Schein folgt. Aber machen Sie sich keine Hoffnung – ich komme noch mal wieder.“ Meine Chefs liebten meinen Humor. Er war noch vor meinen Kompetenzen meine schärfste Waffe im Kampf um den Erhalt des Arbeitsplatzes. Neben meiner Pünktlichkeit.
Unfassbar, auf was im Berufsleben alles Wert gelegt wird. Ich hab noch Sprüche in Erinnerung, wenn es um Karrieren ging: „Der Marschallstab wird nach 17 Uhr ausgepackt.“ Also jeder, der weniger als 10 Stunden anwesend (!, nicht: produktiv) ist, ist aus dem Karriere-Rennen. Ich lag im Sommer regelmäßig vor 15 Uhr am Kiesteich und ließ die Sonne auf meinen Marschallstab scheinen.
Aber wen soll ich jetzt anrufen, wenn ich maladiere? Ich bin mittlerweile selber Geschäftsführer und freelancer.
Kunsthausierer
Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte – das heißt nicht, dass es die Wahrheit sagt (Quelle: DW/ADD).
Meine Kunstfigur „Kunsthausierer“ kann mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden, so wie der Bauchladen. Dieses Bild täuscht aber über Schwächen bei dem Auftritt hinweg, falsches Timing, schlechte Impro, Publikum falsch eingeschätzt, etc. pp.
Sieht aber nach was aus. Der Bauchladen hat ein einnehmendes Design, die rotgelb Farbkombination der Bauchbinde sind die klassischen Wohlfühlfarben. Welche Farbkombination hat z. B. das Logo von McDonalds? Sehen Sie?
Reinbeißen und sich wohlfühlen. Und der Smoking erst. Sitzt wie angegossen. Hand aufs Herz, meine Damen: Wer hört bei dem Anblick schon so genau hin?
Um Walter Ulbricht zu zitieren: Was lernt uns das, liebe Genossinnen?
Trauen Sie Ihren Augen nicht. Niemals! Nicht in der Kunst, nicht in der Politik und schon gar nicht bei Männern.
Da können Sie genauso gut Wetten beim Windhundrennen abschließen.

22.11.2016 – Ich versteh da oft nur Bahnhof

am-bahnhof-theaterpremiere
„Am Bahnhof“, Theaterstück mit Flüchtlingen. Premiere: Samstag, 10.12.2016, 19 Uhr. Kulturzentrum FAUST/Warenannahme, Bettfedernfabrik, 30451 Hannover.
Geflüchtete treffen in einem Bahnhof auf Bahnhofsvorsteher Reupke. Davon erzählt das collagenartige Stück „Am Bahnhof“.
Rahmenprogramm: Fotoausstellung Cameo Projekt und Songs von Arndt Schulz.
Grußwort: Thomas Schremmer, MdL Niedersachsen, Bündnis 90/Die Grünen.
Ein Projekt der Landesarmutskonferenz.
Details hier Theater mit Flüchtlingen-Am Bahnhof-Flyer
Künstlerisch verantwortlich ist ein Team um den geschätzten Kollegen Marc Beinsen.
Ich hab das Projekt ins Leben gerufen und bin letztlich auch dafür verantwortlich. Die Idee kam mir zu Beginn der Flüchtlingsdiskussion. „Flüchtlingsdiskussion“ bedeutet übrigens nicht, dass da die Flüchtlinge diskutieren, sondern Eingeborene über die Flüchtlinge und das gerne auch mal mit dem Unterton: „Raus“.
Wieso ein Kultur-Projekt? Als Gegenstück zum völkisch grundierten Diskurs, der darauf insistiert, dass deutsch nur sein könne wer deutsches Blut in seinen Adern hat. Ich kann mit „Deutsch“ nur ganz wenig anfangen, auch wenn ich es studiert habe und im Abi eine „1“ hatte. Ich versteh da oft nur „Bahnhof“. Was „Deutsch“ angeht: Es gibt das Grundgesetz, das Strafgesetzbuch, die deutsche Sprache. Mehr braucht’s eigentlich nicht. Oder sehe ich das falsch (Rhetorische Floskel! Ich sehe nie was falsch. Ich besitze die „Durchblicker-Brille!“)
durchblicker brille 1
Durchblicker-Brille. Garantiert nicht von Fielmann.
Neben Grundgesetz, StGB und Sprache gibt es auch noch eine Kultur hierzulande. Die ist sehr bunt, und von der haben ganz viele Eingeborene nicht den Schimmer einer Ahnung, was sie oft und gerne lauthals in einer Sprache artikulieren, die dem Deutschen nur sehr entfernt ähnelt.
Geflüchtete haben da auch oft keine Ahnung von. Das kann man aber ändern. Also daher so ein Projekt. Über Kultur läuft Integration.
Projekte, für die ich zwar verantwortlich, an denen ich aber inhaltlich nicht beteiligt bin, machen mir naturgemäß andere Gedanken als ein, sagen wir mal, Soloauftritt. Wenn ich den versenke, wie es mir unlängst passiert ist, muss ich nicht lange überlegen, was dafür die Ursache ist. Die liegt zu 99 Prozent bei mir, neben externen Einflüssen wie Blitzeinschlag während der Veranstaltung, Anlage zu laut, zu leise, Licht zu grell, zu dunkel oder eigene Krankheit. Was auch wieder eigene Verantwortung ist, ich hätte ja absagen können.
Von daher bin ich froh, dass das oben erwähnte Profi-Team das macht.
Ich hatte im Rahmen des Kunst-Projektes „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ einem beteiligten Künstler-Atelier freien Raum gelassen bei der Organisation ihres Anteils. Was damit endete, dass ich vor Vernissage und Pressegespräch noch das Klo sauber machen musste und Müll vor dem Eingang wegräumen.
Seitdem guck ich bei der Auswahl von Projektbeteiligten etwas genauer hin.

19.11.2016 – Werde ich Deutschlands heißester Opa?

Ich shape meine body ab und an, betrachte Anzeichen des Verfalls nicht gerade mit Euphorie, aber wenn meine Muskeln und Konturen nicht mehr so definiert sind wie vor 30 Jahren, kriege ich deswegen auch keine Depressionen. Freunde, Kumpels, Bekannte beißen mittlerweile reihenweise in das Grass, was sie früher geraucht haben, inklusive der Verklappung diverser alkoholischer Getränke, wobei kein Auge trocken blieb, die betreffenden Verklapper allerdings ebenfalls nicht. Frei nach Wilhelm Busch:
Mit dem Seufzerhauche: U!
Stößt der Leber was Letales zu.

Da bin ich mitunter dankbar, dass ich zum Beispiel noch unbetreut in den Urlaub fahren kann. Wo ich am Strand keinen 30jährigen Mädels mehr imponieren muss mit Waschbrettbauch o. ä.. Das liegt allerdings nicht ausschließlich daran, dass ich zu der für einen Mann eher seltenen Einsicht gekommen wäre, dass man irgendwann aufhören sollte, sich lächerlich zu machen. Das liegt zu einem nicht geringen Teil daran, dass zu den Zeiten, wo ich mich an Stränden aufhalte, schlicht und ergreifend nicht nur keine 30jährigen Mädels da abhängen, sondern dass niemand da abhängt.
strand
Praia da Luz, Algarve, Mitte Dezember. Den Kopf hab ich weggelassen, in dem Beitrag geht es nur um den Körper.
Hahaha. Wer das geglaubt hat, darf nicht mehr weiterlesen. Das Bild ist mit Selbstauslöser und den richtigen Ausschnitt da hinzukriegen, wenn die Kamera auf der Erde steht und keinen drehbaren Bildschirm hat, dass muss mir erst mal eine vormachen. Und so dämlich, ein Stativ mit mir rumzuschleppen bei Klippenwanderungen, bin ich nicht.
Als ich beim heute morgen beim Check der relevanten News, als sozialpolitischer Akteur sollte man auf dem Laufenden sein, auf die Schlagzeile stieß: Chinas heißester Opa, wurde ich nachdenklich. Der Man macht mit 80 noch eine echt geshapte Performance. Das Styling ist krass retro, aber fuck drauf. It’s the body that counts, folks. Der Weg dahin wäre allerdings mühselig, der Mann hat seinen Körper mittels Kampfsporttraining und in Fitnessstudios gestählt. Ich war einmal in einem Fitnessstudio. Meinen Eindruck hat der Altmeister in Worte gefasst:
Mich faßt ein längst entwohnter Schauer,
Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.
Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer …

„Sie“ meint in dem Fall die schiere Idiotie.
Und Kampfkunst? Ich bin stolzer Träger eines Karategürtels. Das war allerdings vor dem Krieg und schon damals war ich nach dem Training regelmäßig krank. Ich hab sogar mal gekotzt. Von wegen fernöstliche Gelassenheit. Das war pures geisteskrank-germanisches„Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.“
Ich bin vielleicht blöd, aber nicht bescheuert. Also Fazit: Was zählt, sind innere Werte.
Und ein prall gefülltes Portemonnaie.
Allen Leserinnen ein charmantes Wochenende.