25.08.2016 – Alles Avantgarde

Von links (von wo sonst)
Das Ohrensuppe-Trio Sievers, Dr. Dinghaus, Gleitze?
Alle Projekte des SCHUPPEN 68 sind Avantgarde, so auch Ohrensuppe, das Satiremagazin auf Radio Flora, Hannovers Webradio. Während alle Welt versucht, möglichst hohe Klickzahlen zu generieren, Reichweite, Leserinnen, Hörerinnen, Auflage, Verbreitung zu erzielen, schlicht in den Besitz jener Währung zu gelangen, die neben Geld der Standard auch bei der Kulturproduktion ist: AUFMERKSAMKEIT, gehen wir bei Ohrensuppe den anderen, avantgardistischen Weg: Wir machen uns rar. Unser Fünfjahresplan war: Wir wollen am Ende des Planes eine Hörerin. Nicht 25.000, nicht 7 Milliarden, nicht 68. Eine. Das haben wir jetzt geschafft.
Eigentlich ist ja nur der ein Künstler, der dafür sorgt, arbeitet, dass seine Produkte auch bekannt werden, auf dem Markt erscheinen. Alles andere ist Volkshochschule oder Therapieersatz.
Diese Sichtweise wollen wir ändern. Wir orientieren uns am Diktum der chinesischen Genossinnen der Ein-Kind-Politik. Wir fordern die Ein-Hörer-Politik! Weg von der Masse, hin zur Klasse! Eins ist das neue Viele!
Um unsere eine Hörerin an uns zu binden (Null Hörerin wär’ jetzt nicht soo prickelnd. Da würde man sich schon fragen, was in der eigenen Kindheit schief gelaufen ist, wenn man/frau jahrelang eine Radiosendung für Null Hörerinnen produziert), veröffentlichen wir in diesem Blog regelmäßig „Best of ..“ Ohrensuppe Beiträge. Wir beginnen mit einem Gedicht von Hermann Sievers, der Feldhaubitze unter den Dichtern, dem Granatwerfer der Lyrik, der Stalinorgel des Versmasses. Das Gedicht greift das Topos des Sündenbocks auf am Beispiel von Fethullah Gülen. Viel Spaß dabei, liebe Hörerin, und denken Sie dran: am 27.09. ist wieder Ohrensuppe, von 20 – 21 Uhr, und die Sendung wird 18mal wiederholt! Hier das Gedicht:

Gülen war’s

Wer füllt mit Heroin Kanülen?
Der Terrorist Fethullah Gülen

Wer hilft im Haushalt nie beim Spülen?
Der Macho-Moslem namens Gülen

Wer will in der Moschee Bier kühlen?
Wieder mal Fethullah Gülen

Und tut beim Sex Frau Erdoğan nichts fühlen,
war’s nicht ihr Mann – es war Herr Gülen

Hermann Sievers
August 2016

223.08.2016 – Mir fällt gerade keine Überschrift für diesen Blogeintrag ein.

Was eine hervorragende Überschrift ist. Locus amoenus, lieblicher Ort, so nannte ein wohlmeinender und humanistisch gebildeter Gast einmal meinen Garten. Nun denn. Ein wirklicher locus amoenus sind die alten Gärten des Ober- und Untergutes in Lenthe, wo zur Zeit die Ausstellung „Neue Kunst in alten Gärten“ präsentiert wird. Jahrhunderte alte Süntelbuchen, knorrige Rieseneiche, vollendet geformte Gartenlandschaften zeugen davon, dass der Adel doch zumindest eine nützliche Funktion hatte: Die Bewahrung von Orten, an denen sich die Seele auf leichten Schwingen erhaben über die Imponderabilien eines durch Erwerbsarbeit geschändeten Alltags erheben kann. Unter Zuhilfenahme von exquisiten Weinen und leckersten Schmeckerein, die allfällig bei solchen Vernissage gereicht werden, wo sich dann wirklich die Creme der bürgerliche Hautevolee trifft. Und ich mittenmang. Ein zauberhafter Tag, führwahr.
neue kunst in alten gärten
Die Kunst ist eher inferior, Gedöns und biedere Handwerksarbeit. Aber wen kümmert schon die Kunst bei Vernissagen. Man schritt fürbass und plauderte aufs angenehmste. Es war so angenehm, dass mir erst am nächsten Tag der Gedanke kam, dass diese Veranstaltung, zu einem Bild geronnen, praktisch den ideellen Gesamtklassenkampf von oben repräsentierte. Aber durchaus liberal, im positiven Sinne.
Das Ärgerliche an dieser Angelegenheit ist natürlich nicht die Tatsache, dass es solche Orte und Veranstaltungen gibt. Das Ärgerliche daran ist, dass unsere Gesellschaft genug Ressourcen hat, solche Veranstaltungen für alle zu ermöglichen, und vor allem, und das ist das Allerwichtigste: Dass unsere Gesellschaft genug Ressourcen hat, alle Menschen so zu bilden, dass sie solche Orte und Veranstaltungen auch genießen können. Das wäre wahrer Humanismus: Aus der Hülle des Klassenkämpfers erhebt sich der Connaisseur.
Whow. Auf solche Formulierungen muss man erst mal kommen, und ohne Drogen. Manchmal bin ich schon ein bisschen stolz auf mich. Und dankbar, dass ich auch ein bisschen humanistische Bildung genossen habe.
Andererseits, und da schlägt die nächste historische Stufe nach dem Feudalismus, der Kapitalismus, wieder beinhart durch: Wer zahlt mir da was für? Seufz. Also ran an die Arbeit.

22.08.2016 – Bei der nächsten Olympiade bin ich dabei.

wann wird bahnengolf olympisch
Wahrscheinlich wird Bahnengolf, vulgo Minigolf, olympisch. Und da bin ich richtig gut. Olympia ist eine Zeit der Spannung, Dramen, des Jubels und der Tränen – vor allem bei mir, wegen verlorener Wetten. Ich hatte auf Julius Yego im Speerwurf als Olympiasieger gewettet. Ich habe ihn einmal Werfen gesehen und bei dieser Mischung aus Eleganz und Urgewalt war mir klar: Nur der kann gewinnen. Gewonnen hat dann ein Deutscher. Das können die Ostgoten, mit Schmackes irgendwas kaputt schmeißen. Da musste man früher nur mal am 1. Mai in Berlin auf dem Mariannenplatz abhängen, wo unser Nachwuchs trainierte, erst mal mit Pflastersteinen. Autonomes Olympiatraining.
Der Ostgote hat nur deshalb gewonnen, weil sich Julius Yego im Wettkampf verletzte, umgeknickt und wohl auch mit dem eigenen Speer verletzt. Dazu muss man wissen, dass Yego sich das Speerwerfen per Youtube selbst beigebracht hat, ohne Trainer, in Kenia wird gerannt und nicht eiweißhaltiger Sport wie Geräte in den Rasen schleudern betrieben. Daher ist die Technik von Yego noch ausbaufähig, wobei er dann den Speer vermutlich aus dem Stadion werfen würde. So wurde er „nur“ Zweiter und meine Wette rauchte durch den Schornstein. Schon Yegos Anreise war suboptimal verlaufen: Das Nationale Olympische Komitee Kenias (NOCK) hatte dem 27 Jahre alten Speerwurf-Weltmeister kein Flugticket nach Rio de Janeiro gebucht, am Flughafen von Kenias Hauptstadt Nairobi war Endstation für Yego und er musste 1.000 Umwege nehmen. Ich nehme mir jetzt einen Bahnengolftrainer, Olympia 2020, Tokio, ich komme! Und hadere mit meinem Schicksal. Der Sommer kommt tatsächlich noch, auf der Zielgeraden, und bei mir häuft sich wieder Arbeit nach der Sommerpause. Würde ich papierbasiert arbeiten, könnte ich gar nicht aus dem Fenster gucken vor lauer Stapeln. Aber da ich überwiegend Homeoffice mache und mein Home eher winzig ist, habe ich das papierlose Büro fast umgesetzt. Ich hab mal geträumt, dass ich die Tür zu meinem Arbeitszimmer aufmache und von herausquellenden Fluten von Papierstapeln erstickt werde. Grausig. Ich hatte mal wieder auf dem Bauch geschlafen, Gesicht im Kopfkissen.
kunst und natur
Anregung, exclusiv für Sie, liebe Leserinnen. Kreativität entsteht dadurch, dass Dinge anders gesehen werden, jenseits ihrer ursprünglichen Funktion. Ohne dysfunktionales und asymmetrisches Denken gibt es keine Kreativität. Warum erzähle ich das alles eigentlich?
Weil ich keine Lust habe, mit der Arbeit zu beginnen. Prokrastination um 7.19 Uhr. Der Tag kann ja heiter werden.

14.08.2016 – Es ist übrigens schwer, auf die Nationalhymne zu tanzen.

Zitat des Diskusolympiasiegers Harting, der bei der Nationalhymne nicht wie alle anderen in Ehrfurcht (ersatzweise: Erfurt) erstarrte auf dem Siegerpodest, sondern – zugegeben etwas merkwürdig – rumhampelte. Aber man kann eben nicht gut Nationalhymnen tanzen, was das beste Argument, und es gibt deren eine Menge, gegen Nationalhymnen ist. Kommen wir zur zentralen Frage des heutigen Ausnüchterungsmorgen: Wie verhält sich die Kunst zum Leben? Realismusdebatten in der Kunst gibt es viele, wie soll die Kunst die Wirklichkeit abbilden, wie gestalten, aufbohren, gar in die Wirklichkeit eingreifen oder im elfenbeinern Turm sitzend an der reinen Autonomie des Kunstwerks feilen?
kann ich nicht mehr tragen
Ganz klar: Eingreifen, auch mittels Kleidung. Gesehen in der Berlinischen Galerie bei Dada Afrika. Schade, für solche Klamotten bin ich zu alt. Aber toll.
Beim Anblick der Ausstellung am Berliner Hauptbahnhof, siehe Blog von gestern, fiel mir blitzartig eine Performance ein, die ich mit anderen während des Germanistik-Studiums in einem Hauptseminar gemacht habe. Es ging um eine Realismusdebatte zwischen den kommunistischen Schriftstellern Georg Lukacs und Ernst Ottwalt in der Dreißigern. Sollte man das bürgerliche Erbe als Ideal betrachten (Lukacs), also die großen Romane des 19. Jahrhunderts z. B., oder eher eigene avantgardistische Positionen entwickeln (Ottwalt und natürlich Brecht)? Wir waren eine Gruppe Avantgardisten, aus dem Umfeld des SCHUPPEN 68, denen der Unibetrieb zu verkrustet, verkopft war. Wir vermittelten die Ergebnisse dieser Theoriediskussion vor dem Seminar in Form einer Talkshow mit Lukacs und Ottwalt, auf deren Höhepunkt Ottwalt, dessen Position wir natürlich teilten, zu Lukacs sinngemäß sagte: „Und da kannst Du Dich auf den Kopf stellen, Genosse Lukacs, Deine Realismus-Position wird vor der Geschichte keinen Bestand haben.“ Da ich unter all den Drogenbolden mit Abstand der sportlichtste war, fiel mir der Part des Lukacs zu, weil ich dann nämlich aufstehen und einen Kopfstand machen sollte. Ich war ziemlich unkonzentriert während der Talkshow, die Positionen dieses Schwachkopfs Lukacs waren mir eh zuwider und ich dachte eigentlich nur eins: Hoffentlich blamiere ich mich vor all den geilen Weibern hier nicht mit meinem Kopfstand. Lief dann ganz gut, jedenfalls das mit dem Kopfstand. Wir waren die Lieblinge der Professoren, die verzweifelt nach neuen Formen der Theorievermittlung suchten. Was draus gemacht hat aber keiner von uns.
so 36 admiralsbrücke
SO 36 – Wirklichkeit gestalten oder widerspiegeln?
Die Realismusdiskussion von damals hab ich noch komplett parat. Lag an der Form der Vermittlung und wurde durch die Ausstellung am Hauptbahnhof wieder abgerufen. Reisen bildet.
What’s left? Lukacs lieferte die theoretische Grundlage für den späteren sozialistischen Realismus, eine der Todsünden des Sozialismus überhaupt. Wer davon abwich, wurde verfemt, verfolgt. Ernst Ottwalt z. B. starb in Stalins Lagern. Nur dafür sollte Lukacs in der Hölle schmoren. Ich muss öfter Seminare, Workshops, Vorträge und so Zeug veranstalten. Seit der Zeit von damals sind das meist Performances, bei denen die Leute auch bei ernsten Themen mal lachen können. Diesen Powerpoint-Präsentations-Overkill kriegen sie woanders. Neulich war ich bei einer mit 36 Folien. Ich kann mich an keine Silbe mehr erinnern.
Jetzt bin ich wieder nüchtern. Guten Start in die Woche, liebe Leserinnen.

13.08.2016 – Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.

„Da schlossen wir die Grenzen, und keiner hat’s gewußt. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot.“ Zeilen aus dem Lied „Im Sommer 61“ des DDR-Dichters Heinz Kahlau (sic!), den der Berliner Rundfunk am 17. August 1961 spielte. Heute vor 55 Jahren wurde der antiimperialistische Schutzwall – oder auch: Schandmauer – in Berlin errichtet. Das war der Anfang vom Ende der sowjetischen Besatzungszone. Die Geschichte wird darüber urteilen; uns, die wir dabei gewesen sind, fehlt dafür der lange Atem. Wenig Widerhall in den Medien, in der lokalen Presse kein Wort über diesen Jahrestag. Stattdessen ein Artikel: Echte Handarbeit – so entspannt Julia Roberts.
Es geht eben nichts über Handarbeit. Mundgeblasenes Glas ist auch nicht schlecht. Wobei ich mich bei diesbezüglicher Werbung immer frage, ob womit Glas noch alles geblasen wird, außer dem Mund.
Ich flöhe gerade die Nachrichtenlage, während ich immer noch steifgefroren, in meinem Arbeitszimmer sind es 17 Grad, mich an der langsam steigenden Sonne ergötze. Und freue mich ganz egoistisch darüber, dass ich hier auf einer Insel der Glückseligen lebe. Noch. Und ich hätte ja auch als Frau im Südsudan oder Syrien zur Welt kommen können.
Auch interessant: Robert Harting hat wegen eines Hexenschusses das Diskus-Finale bei Olympia verpasst. Intellektuelle lesen hier gleich: Diskurs-Fanale. Hexenschuss kenn ich, echt Scheiße.
Und dann muss ich doch noch lachen. Kunstprojekt, Chris Bangles stellt Riesenbänke im Piemont auf. Zitat:
„Die Idee für das „Big Bench Community Project“ kam dem ehemaligen BMW-Chefdesigner laut BBC, als er vor sieben Jahren von Deutschland nach Italien reiste.“ Und hoffte, dass keiner seinen dreisten Diebstahl merken würde. Ich weiß, woher er die Idee hat. Aus den wundervollen „Gärten der Welt“ in Marzahn.
bank in den gärten der welt
Das Bild ist sechs Jahre alt. (Bin gespannt, wie ich da bei meinem nächsten Besuch raufkomme.)
zum Schluss was versöhnliches: Die CDU fordert im hiesigen Kommunalwahlkampf mehr Netz.
mehr netz
Netz – Niedersächsische Teilhabe Zeitung. Im ersten Entwurf des Plakates hieß es noch: Weniger Arschlöcher. Das wurde aus Rücksicht auf die bürgerliche Klientel verkürzt. Aber sonst: Alles gut. Venceremos!

12.08.2016 – Ein Künstler, der nicht reist, ist wie ein einbeiniger Fußballer.

War auch schon lange vor Goethe bekannt, der mit seinem Eckermann den Italienern auf die Nerven ging. Da gibt es natürlich Unterschiede. Wenn ich im Winter an der Algarve auf einer Klippe in der Morgensonne liege und mir der Duft von wildem Thymian und Salbei um die Nase weht, hinterlässt das andere Impressionen als ein Ritt durch Berlin. Was auch immer, im hiesigen Regenverseuchten Pseudosommermikrokosmos wird man die Wirklichkeit mit Klimmzügen an der heimischen Stadtmauer eher nicht durchdringen.
Berlin, Ausstellung im öffentlichen Raum, zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus: Die Wölfe sind zurück, am Hauptbahnhof. Zitat aus der Homepage:
„66 aus Metall gegossene Wölfe wirken bedrohlich und werfen Fragen auf: Was passiert, wenn die Formen der Ordnung und des Zusammenhalts zerbrechen und Fremdenfeindlichkeit sich wie ein Virus ausbreitet?“
wölfe berlin
Beim ersten Anblick, mir war die Ausstellung unbekannt, war ich überwältigt. Nach Abschreiten der Ausstellung und Lektüre der Infotafeln kamen mir Fragen. Mein Gepäck in Sachen Kunsttheorie kann ich schlecht ablegen: Wie geht man heute mit Tendenzkunst um? Was ist mit der Autonomie von Kunst? Kann man heute überhaupt noch mit Tiersymbolik arbeiten, das ist doch schon im 19. Jahrhundert obsolet gewesen?
Ich bin aber vorrangig Praktiker, kein Theoretiker. Entscheidend ist auf dem Platz (Sepp Herberger). Die Zeiten haben sich geändert. Die Kunst muss sich rückwärts nach vorne entwickeln, von der Postmoderne hin zur politischen Avantgarde, radikal, parteiisch und autonom. Das heißt, sie muss in den öffentlichen Raum eingreifen und anregen, zur Diskussion, zum Widerspruch, zur Aktion. All das erfüllt die Ausstellung „Die Wölfe sind zurück“. Man kann ihr einiges entgegenhalten, in den Feuilletons wird sie vermutlich, das check ich, wenn ich mal Zeit habe, eventuell unter „gut gemeint“ ein bisschen runtergeputzt, von irgendwelchen Tintenklecksern, die von der Praxis, davon, dass die braune Kacke überall am Dampfen ist, keine Ahnung haben.
in den krallen der wölfe
Mich hat die Ausstellung animiert. Sie wird gut angenommen und wirkt. Ich werde versuchen, sie nach Hannover zu holen. Reisen bildet. Und erspart Arbeit: So eine soziale Plastik wie diese im öffentlichen Raum zu organisieren, das wäre eine Heidenarbeit. Muss nicht sein. Da fahr ich lieber wieder nach Berlin …

05.08.2016 – Fäkalkeime und Sekt extra brut

Neulich beim Zappen in einer Sendung gelandet, in der Küchengegenstände im Labor untersucht wurden. Ich lag schon im Bett und döste zwischen Wachkoma und Delirium tremens vor mich hin. Als ich die Petrischalen mit dem Ergebnis sah, war ich mehr als hellwach. Kühlschrank innen war ok, helle Schale mit paar dunklen Flecken, aber der Küchenschwamm! Die gesamte Schale war rot übersät, coliforme Bakterien (Salmonellen, Klebsiellen, Enterobakterien) sonder Zahl. Logisch, der Schwamm ist zwar dauernd feucht und warm, aber Myriaden coliforme …. also nee. Ich bin echt nicht etepetete, bisschen Dreck kann schon mal vorkommen. Ich bin in einer Generation groß geworden, wo die Mütter nicht gleich hyperventilierten, wenn wir mal Sand im Spielkasten gefressen haben und dürfte eine ziemlich hohe Resilienz besitzen. Aber bei dem Bild bin ich sofort wach und nüchtern geworden, aufgesprungen und hab meinen Küchenschwamm entsorgt. So ein Bild hält glatt eine Woche vor.
kornfeld
Schnell andere Bilder her.
rübenfledDieses Bild hat sogar einen Namen: Komposition in grün – Rübenfeld I. (Das sind Titel, auf die de Kunstmob steht).
Gestern in der hiesigen Markthalle. Früher, als noch alles besser war, bin ich da oft hin, da wurden sogar noch lebende Kaninchen, Hühner und Fische verkauft. Heute eine Latte Bude neben dem nächsten Prosecco Stand und nur wichtige Leute. Unangenehm, aber es musste halt sein. Das schrie aber nach Alkohol. Es war warm, ich brauchte Sekt. Frage: „Ich möchte einen knochentrockenen Sekt. Haben Sie extra brut?“ Brut ist mir einfach zu wenig, wenn schon, dann extra. Antwort, gleich mit einer Flasche in der Hand: „Wir haben was trockenes da.“ Wenn ich was nicht leiden kann, sind es maulfaule Ignoranten, die nur verkaufen wollen und ihre Inkompetenz mit Arroganz tarnen. Ich: „Ich möchte extra brut. Haben Sie das?“ – Er: „Dry haben wir.“ O-Ton! Dry. Diese überhaupt nicht gebräuchliche Bezeichnung steht für einen bis zu 30fachen Restzucker als bei extra brut, einfach klebrig-süss, so etwas einem extra brut Kunden anzubieten, ist unverschämt.
Und das an einem Weinstand in der Ich-bin-so-wichtig-und-bin-ein-Kenner-Markthalle. Ich kenne mich mit extrem vielen Dingen überhaupt nicht aus, Autos, Computer, Löcher in die Wand bohren, etc. pp. aber mit Wein & Sekt kenne ich mich nicht nur aus, da bin ich Connaisseur und habe einen Geschmack, den ich mir eigentlich kaum leisten kann. Also, mühsam beherrscht: „Extra brut ist eine Klassifikation beim Sekt, die trockenste Variante mit einem Restzuckergehalt von maximal 6 Gramm. Führen Sie so etwas in ihrem Angebot?“ Der wichtige-Miene-Mister hinter dem Thresen schrumpfte auf Normalnull: „Extra brut haben wir nicht.“ Ich: „Dann bitte einen Rheingau Riesling. Trocken.“ Pause.
„Wenn Sie so was haben.“
Gott, ist die Markthalle zum Kotzen.
Aber Hauptsache, der Küchenschwamm ist nicht zum Durchfall …

04.08.2016 – Krokodil attackiert Ente

krokodil am teich
Das Krokodil an meinem Gartenteich wurde in letzter Zeit immer aggressiver. Es attackierte sogar die Gummiente, die ungekrönte Königin des Biotops. Was tun? Ich war ratlos, deprimiert. Ich schaute mir das Treiben frustriert an, mir fiel ein, dass ich das Sommerloch bisher medial nicht ausgenutzt hatte, eigentlich eine ideale Gelegenheit, beruflich oder künstlerisch etwas in den Medien zu lancieren. Aber der Sommer ist bisher ein trüber Witz und mir ist irgendwie fade. Gestern TV. Nur Mist. Ich schaute ersatzweise zum xten Mal eine DVD aus der Serie „Two and a half men“, eine völlig unterschätzte amerikanische Sitcom, die jenseits des überragenden Humortimings eine präzise Studie über das neurotische Mittelschichtspersonal der USA des 21. Jahrhunderts liefert. Die Staffeln 1 – 8 (mit Charlie Sheen, die Fortsetzung mit Ashton Kutcher ist Mist) sind die einzigen DVDs, die ich besitze.
Deprimierende Nachrichten auch aus dem Fränkischen, von meiner Restfamilie. Der legendäre Gerhard Lassner hat ausgebrannt. Lassner brannte den weltbesten Williams, nie und nirgendwo, selbst in den edelsten Restaurants dieses Planeten, trank ich besseren. Der sündhaft teure Ziegler (70 Ocken pro Pulle!) ist eine Brühe dagegen. Lassner dagegen unfassbare 13 Euro für eine Flasche.
lassner stoff
Schon in der Nase entfaltet sich eine unvergleichliche Aromenwelt beim Lassnerbrand, milde, geschmeidig im Abgang, man schmeckt die Streuobstweise durch, eine leichte Fruchtsäure geht eine ideale Komposition mit dem rassigen Fruchtaroma ein. Lassner selber ein knorriger Brenner, wie er im Buche steht. Vor Jahren rief ich ihn an, Stoffmangel, Familie nicht da, ich sülzte weltmännisch-charmant daher: „Lieber Herr Lassner, Ihr Williams ist ja aussergewönhlich blablabla … ich habe da einen Engpass blablabla. Können Sie mir eine Kiste Ihres phänomenalen Williams zusenden?“ Lange Pause. Ich hörte förmlich den Williams durch den Röhrenkühler tröpfeln. Dann: „Nein.“ Und legte auf. Ich spürte durch die Wortlosigkeit: Er hasste mein Geschwafel. Ich verehre diesen Mann. Und nun die Nachricht: Lassner burn out. Ich kriege die letzten zwei Flaschen, die es noch gab. Und dann? Verzweiflung macht sich breit in meinem Gemüt, das eh umwölkt ist. Googlen, vielleicht hat ja noch irgendwer Restbestände: Lassner + Williams. Fund: William Lassner in Westmount, Kanada. Am liebsten möchte ich gleich wieder ins Bett. Das Leben ist Zumutung. Unerfüllte Ödnis und trübe Wolken, bis zum Horizont.
Das Einzige, was mich aufrecht hält: Ich mache Kommunalwahlkampf (11.09 sind in Niedersachsen Wahlen) für einen Freund, dem beim letzten Mal 30 Stimmen für den Einzug in den Rat fehlten. Das werde ich ändern, mit brillanten Aktionen, witzigen Postkarten und Strassenwahlkampf! Da bin ich die Rampensau par excellence. Wenn das wieder nichts wird mit dem Ratssitz betrachte ich das als persönliche Niederlage!

03.08.2016 – Verzwergungen aller Art.

gefüllter zwerg
Verzwergung I: Diese Sonnenblume heißt „gefüllter Zwerg“. Im deutschen Sonnenblumenwesen hinkt der korrekte Sprachgebrauch noch hinterher. Siehe auch Sonnenblume „Goldener Neger“.
Verzwergung II: Sahra Wagenknecht ist von Linken schwer gescholten worden für folgende Worte:
„Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das‘ uns im letzten Herbst einreden wollte. Der Staat muss jetzt alles dafür tun, dass sich die Menschen in unserem Land wieder sicher fühlen können. Das setzt voraus, dass wir wissen, wer sich im Land befindet und nach Möglichkeit auch, wo es Gefahrenpotentiale gibt.“
AfD Position, Linkspopulismus etc. pp. Diese linke Schelte schelte ich hiermit meinerseits.
Die Integration ist mit erheblichen Problemen verbunden, es gibt Gefahrenpotentiale und selbstverständlich muss das so diskutiert werden, ohne das der ideelle Gesamt-Gutmensch gleich verbal Amok läuft. Zahlreiche Geflüchtete kommen aus einem Kulturkreis, in dem Antisemitismus und Israelfeindlichkeit an der Tagesordnung sind. Das schafft Ängste in den jüdischen Gemeinden. Details im „Netz gegen Nazis“.
Allein aus diesem Grund ist Wagenknechts Position nicht nur legitim, sondern eine genuin linke, weil sie darauf insistiert, dass die Gleichheit aller Menschen im Lande, gleich welcher Religion, sexuellen Orientierung oder welchen Geschlechts sie sind, eine conditio sine qua non ist. Wo die gefährdet ist, ist der Staat gefordert. Wer da mit rosaroten Wattebäuschen vor den Augen durch seinen Nobelkiez wandelt und den Schulalltag nur aus den Erzählungen seiner Waldorf-Sprösslinge kennt, der kann sich ja mal bei Grundschullehrerinnen in sozialen Brennpunkten erkundigen, welchen Respekt junge Machos aus muslimisch geprägten Kulturkreisen Frauen gegenüber aufbringen, nämlich keinen, und wenn er es dann immer noch nicht kapiert hat, kann er seinen Urlaub dazu nutzen, eine Christopher Street Parade in Gaza zu organisieren. Mein Spartipp: Nur die Hinreise buchen. Das mit der Rückreise erledigt sich resp. erledigt ihn die Hamas. Wer diese kulturellen Prägungen gering redet, wird sich noch wundern
Das mit der Integration wird klappen, wir (wer ist das eigentlich?) schaffen das. Dafür sorgt das Kapital schon. Es gibt keine größere Integrationsmaschine als den Betrieb, die Wirklichkeit der kapitalistischen Arbeit. Wer da den Betrieb stört, seinen Kollegen beleidigt, schlägt, der fliegt. Nirgendwo herrscht so wenig offener Rassismus, sei es von Neonazis oder Islamisten ausgeübt, wie in deutschen Betrieben. An der Arbeitsfront herrscht Ruhe. Und an der Heimatfront sorgt der Repressionsapparat für Ordnung.
Klappt schon. Wir schaffen das.

02.08.2016 – 24 Jahre zu früh dagewesen!

Mein kommerzielles Pech als Künstler: Ich war der Zeit immer um Jahre voraus. Damit teile ich das Schicksal vieler Avantgardisten. Ein Beispiel: Im Ruhrgebiet gibt es 2016 einen Tag der Trinkhallen vulgo Kioske. Siehe dazu hier eine Aktion des SCHUPPEN 68 – von 1992!
kiosktour 1992
Synchron göbeln – kein Wunder, dass das bürgerliche Spießersystem mir den Durchbruch verwehrte. Auch der zweite Anlauf um 2010 herum war nicht erfolgreich, siehe hier.
Ich hatte beim hiesigen Schauspielhaus einen Projektantrag über eine nicht unerhebliche Summe gestellt. Ich wollte das Kioskprojekt in Kooperation mit denen durchführen, dieses mal noch ausgereifter als 1992, Zitat aus dem Antrag:
„Kioske sind niedrigschwellige, ursprüngliche Orte lokaler Versorgung und nachbarschaftlicher Kommunikation. Jeder Kiosk ist aufgrund von Angebot, Ausstattung und Anmutung ein Unikat und existiert widerständig zum normierten Konsum-Einerlei der Aldi, Lidl, Netto etc. Jeder Kiosk hat seine eigene Dramaturgie und erzählt eine andere Geschichte. Die weitgehende Freigabe der Ladenöffnungszeiten und die flächendeckende Durchseuchung aller Stadtteile mit Supermärkten ist eine Konkurrenz, gegen die Kioske auf Dauer nicht ankommen. Damit stirbt ein hannöverscher Mythos. 2008 gab es laut Hannover-Branchenverzeichnis noch 64 Kioske, im Jahr 2010 waren es nur noch 52. …
Die Grundidee: An mehreren Tagen findet eine szenische Stadterkundung in 7 Akten statt; jeder Akt spielt an einem anderen Kiosk in Hannover-Linden, entlang einer Strecke von ca. 500 Metern. ….“

Das Schauspielhaus erklärte sich damals nur bereit, Schauspielerinnen für das Projekt abzustellen. Damit war das Projekt beerdigt. Ohne Kohle kein Gejohle.
Heute wären drei Dinge anders:
1. Ich würde die Projektsumme verdreifachen.
2. Der Antrag wäre erfolgreich – wenn auch nicht beim Schauspielhaus.
3. Ich würde jemanden engagieren, der das Projekt durchführt. Auf den Nerv und die Arbeit hätte ich keinen Bock mehr.
So ändern sich die Zeiten.
Falls aber jemand, Schauspielhaus oder wer auch immer, meine Idee auch nur im Ansatz klaut, hat er sofort meinen Rechtsanwalt am Hals. Ich bin ein überzeugter Anhänger des Urheberrechts und gehe auch juristischen Scharmützeln mit wehenden Fahnen entgegen.
Und ich weiß jetzt, wie lange ich meiner Zeit voraus bin: Mindestens 24 Jahre.