21.01.2018 – 6.000.000.000.000 versus 6.000.000

städte-jetzt-pleite
Ich – bei Phoenix. Scan aus meinem Papierbilderarchiv, das ich gerade einsortiere. Aber wann war das und zu welchem Thema? Das ist eine der ganz seltenen undatierten Aufnahmen, ich bin sonst ein absolut akribischer Archivar:
Alle Macht den Archivaren, sonst wird die Nachwelt nichts erfahren!
Dem TV-Gerät nach zu urteilen, muss das vor dem Krieg gewesen sein. Ich weiß allerdings nicht, welcher es war, die Katzenfutterdose und das Brillengestell helfen auch nicht weiter. Mit so einer Brille wurde ich geboren, Katzen habe ich bis ins mittelhohe Alter immer gehabt. Das relativ faltenfreie Aussehen sagt überhaupt nichts. Sie haben keine Vorstellung, welche Wunder in der Maske vor einer TV Sendung vollbracht werden. Absolut nicht weiter hilft die Bauchbinde mit dem Einspieler „ … Städte jetzt Pleite?“ Ich bin eher der Typ, der in jedem Medium überzeugend, aber faktendesorientiert zu allem was sagen kann. Wir nennen sowas Politiker. Also durchaus möglich, dass ich mal Phoenix vollgeschwallt habe zum Thema „Privater Reichtum – öffentliche Armut“ oder so ähnlich. Whatsoever.
Es hängt aber alles mit allem zusammen, das Geld ist ja nie weg, es ist immer nur woanders, und im Zweifel eben nicht bei den Kommunen. Und so kommen wir zu den 6.000.000.000.000 (Billion = 1.000 Milliarden) in der Überschrift. Das ist das private Vermögen aller Deutschen. Macht pro Kopf ca. 75.000 Euro. 40 % haben nix oder Schulden, da sind wir bei ca. 140.000 pro Kopf. Ziehen wir mal die unter 18jährigen ab, dann sind wir bei 170.000 Euro Vermögen pro Kopf. Dazu kommen noch Immobilien, denn die Zahl beschreibt nur das mobile Vermögen, Tagesgeld, Aktien etc. pp. Das sind nach meiner Erinnerung roundabout 9 Billionen, also kommen da nochmal 250.000 Euro drauf, macht summa summarum ein Pro Kopf Gesamtvermögen von ganz grob geschätzt 420.000 Euro pro Kopf eines ziemlich alltäglichen, „normalen“ geschäftsfähigen Bewohners der BRD.
Es geht mir ausnahmsweise nicht um die ungerechte Verteilung dieses Vermögens in unserer Gesellschaft, nach der die 100 reichsten Deutschen z. B. alleine mehr Vermögen besitzen als der gesamte Bundeshaushalt mit cirka 330 Milliarden Euro ausmacht. Das ist eher unfassbar.
Es geht mir darum, die Alltäglichkeit der Reichtumsdimension deutlich zu machen. Das sind Millionen von Menschen, die über diese von mir geschätzte Summe verfügen. (Die wegen der Dunkelziffer viel höher liegt, Kapital ist ein scheues Reh. Hier offizielle zu gering gewichtete Zahlen, mit dem richtigen Hinweis für Statistiker auf den Median). Das sind erheblich mehr Menschen als aktuell in Gewerkschaften organisiert sind, erstmals nämlich unter 6.000.000, siehe oben. Es waren mal fast doppelt so viele. Und da alle menschlichen Massverhältnisse eine Frage der Macht sind, stellt sich für mich die Frage einer zukünftigen Entwicklung unserer Gesellschaft, was mehr Gerechtigkeit angeht, nicht. Sie findet nicht statt. Wer sollte sie organisieren?
us-imperialismus
Beschissene Aussichten.

19.01.2018 – Mein progressiver Alltag mitten im Orkan

Ex-Panzerkommandant
Neujahrsempfang Radio ffn. Redner: Bernd Althusmann, CDU, niedersächsischer Vize-MP und Ex-Panzerkommandant
Mein progressiver Alltag hieß eine autobiographische Comicserie von Chlodwig Poth, die die Widersprüche von Linken und Alternativen im Post-68er Alltag satirisch aufs Korn (Prost!) nahm.
Der Alltag von Rest-Linken heutzutage ist geprägt von Desillusionierungen und Niederlagen. Und Zynismus. Gestern noch räsonierte ich über das Öko-Ende der Welt, das ich zwar nicht mehr erleben würde, dessen Symptome mich aber mittlerweile durchaus im Alltag inkommodieren. Prompt schickte die Fraugöttin einen tobenden Orkan über das Land. Vor dem Fenster meines Arbeitszimmers donnerte ein Dachziegel auf die Kühlerhaube eines Mercedes, der Fahrer sprang zu Tode erschrocken aus dem Auto und wäre beinahe vom Gegenverkehr plattgewalzt worden. Ich war nicht minder erschrocken und schaute mir die Urgewalten im Garten an. Ein archaisches Unbehagen befiel mich, der Orkan rüttelte zornig in den kahlen Baumwipfeln und heulte, pfiff und brauste, dass einen grauste. Ich flüchtete wieder an meinen Schreibtisch.
Das böse, böse CO2. Macht unser schönes Klima kaputt. Für den Abend bestellte ich mir eine Taxe. Der hiesige Privatfunk ffn, eine entsetzliche Akustik-Nervenplage mit chronisch-hysterisch gutgelaunten Morgenmän-Moderatoren, gab seinen Neujahrsempfang, zu dem ich auch eingeladen war. Ich sitze als NGO Vertreter in der Versammlung der Landesmedienanstalt, die die privaten Medien in Niedersachsen überwachen soll, inklusive der Bürgersender. Das ist nicht so aufregend wie es sich anhört und eine substantielle Qualitätsverbesserung bei den Arsch-und Titten-Krawallsendern habe ich bisher auch nicht erreichen können. Und werde es auch nicht, denn, siehe oben „Der Alltag von Rest-Linken heutzutage ist geprägt von Desillusionierungen und Niederlagen.“ Dafür werde ich zu Empfängen wie bei ffn eingeladen, komme mir wichtig vor und merke, wie meine Beißhemmung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft für ein paar Momente zunimmt, was ja auch ein Sinn solcher Veranstaltungen ist.
Bis zu dem Moment, wo ich das Ganze als Inszenierung eines Dramas von Ibsen betrachte und siehe, es ist alles nur schöner Schein und darunter ist alles Lüge. Und bei Lichte betrachtet bin ich so wichtig wie der Furz einer Fruchtfliege. Mein Abend endete im Fond eines tonnenschweren SUV, irgendwelche Motorenwerke hatten einen Shuttleservice zur Verfügung gestellt, mit Autos so groß wie Panzer. Und das am Abend eines Orkantages. Wie gesagt: Der Alltag von Rest-Linken heutzutage ist geprägt von Desillusionierungen und Niederlagen.
Und Zynismus.

18.01.2018 – Lauter Panzer.

this is not a polaroid
Polaroid Foto, auf dem im Moment der Entwicklung der Satz eingeritzt wurde „This is not a Polaroid“. Aufgenommen mit einer Samsung A 3 Smartphone Kamera.
Morgenlektüre:
„Die globale Erwärmung bis 2100 ist bei 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit nicht zu stoppen
„Die Beschleunigung und Vernetzung in nahezu jedem Feld menschlicher Aktivität überfordert viele Menschen in ihrem Alltag“
Mich beschäftigt seit Jahren zunehmend die Wahrnehmung, dass immer mehr Menschen um mich herum mit dem Wandel der Welt überfordert sind. Das ist kein abstraktes Gedankenspiel von jemandem, der nur Luxusprobleme eines weißen, wohlsituierten, männlichen Mitteleuropäers hat. Das hat konkrete Auswirkungen auf meinen Alltag, was Arbeit, zwischenmenschliche Beziehungen und Emotionalität angeht. Die Menschen flüchten:
In Alkohol und Drogen. Naheliegend. Und letzten Endes tödlich.
In Esoterik. Niedlich, solange es nicht in rechtsradikale Verschwörungstheorien ausartet.
In religiösen Aberglauben. Gut für Satire, für kritische Argumentationen nicht erreichbar.
In Krankheit. Oje.
In Konfliktverweigerungen. Anstrengend und Projektkillend, versuchen Sie mal mit einer Wand eine Konfliktdiskussion zu führen.
In Humbug Medizin wie Homö-, Osteo, Psycho – und andere Pathen. Ärgerlich, wenn es von der Solidargemeinschaft der Krankenkassen finanziert wird.
In Verdrängung. Ist sowohl Ursache der hier angeführten Phänomene als auch weiteres Symptom.
Das sind nur die Eskapismen, die mir spontan im Schreiben aus dem persönlichen Umfeld einfallen. Die Medien liefern zahlreiche weitere Beispiele allgemeiner Natur.
Die Welt als solches ist nach meiner Einschätzung nicht mehr zu retten. Schauen Sie sich mal die neuesten Automodelle der Detroiter Messe an: lauter Panzer. Geisteskrank.
Mir persönlich ist das egal. Auch wenn mich die Wetterkapriolen zunehmend nerven und im Alltag behindern, das Ende, wie auch immer es aussieht, erlebe ich eher nicht und grundsätzlich halte ich die menschliche Rasse als Spezies eh für überschätzt. Dummheit muss bestraft werden, sagte mein alter Volksschullehrer und schwalbte mir eine. Aber die hier geschilderten Mikroprozesse der kollektiven Fluchtbewegungen finde ich lästig.
Und jetzt, liebe Leserinnen, zerbröseln Sie sich mal schön den Kopf über den ikonographischen Gehalt des obigen Bildes.

17.01.2018 – Warum ich manchmal nicht alle Tassen im Schrank habe, mein Freund der Klempner und der Tod der SPD

arbeitsamt
Erwerbslosendemonstration Anfang der 2000er vor dem damaligen Arbeitsamt in Hannover.
Bei einem Expo 2000 Job als Projektleiter hatte ich so viel Kohle verdient, dass ich mir ein paar trübe Winter lang an der Algarve oder ähnlichen Meeresgestaden die Falten aus dem Bauch hätte klopfen und an meinem Opus Magnum weiterarbeiten können, einem fulminanten Wälzer über die Dreifachmoral der postbürgerlichen Gesellschaft. Stattdessen fing ich als Sozialarbeiter bei einem Bildungs- und Beschäftigungsträger an, der Werkstatt Hannover. Manchmal habe ich offensichtlich nicht alle Tassen im Schrank. Die Werkstatt Hannover war selbst für die Verhältnisse einer SPD-Hochburg Hannover derartig kriminell mit Genossenfilz durchzogen, dass die Kriminalpolizei ermittelte, es zu diversen Strafverfahren kam und der Laden dichtgemacht wurde. Ich war Arbeit los, hatte von bürgerlicher Erwerbsarbeit erstmal die Schnauze voll, so viele Tassen hatte ich dann doch noch im Schrank, und tat das, was zu tun ist: Basisarbeit, mit einer Erwerbsloseninitiative. Es war die Zeit, als der Untergang der SPD am Horizont aufschien, Gerhard Schröder drückte in einem bis heute in der deutschen Parteienlandschaft beispiellosen Top-Down Prozess die Agenda 2010 durch („Agenda“ ist Latein und heisst: was zu tun ist).
Ich gründete die HALZ, die Hannöversche Arbeitslosen Zeitung, mit anderen, um die herum sich regionaler Basiswiderstand gegen die Agendapolitik organisierte. Wir verteilten die HALZ, die skurrilerweise immer noch im Netz ist, bei Wind und Wetter morgens vor dem Arbeitsamt, wenn zig Leute auf Einlass warteten und organisierten Demonstrationen vor dem Gebäude. Das Schöne an der Sache: Es engagierten sich nicht nur Rest-Revoluzzer, die gerne mal vier Seiten lange Flugis mit wirrem Zeug vollkleisterten, Schriftgröße Punkt 10, sondern ganz normale arbeitslose Facharbeiter, Angestellte, Frührentner.
Ich hatte mich an der Uni theoretisch mit der Geschichte sozialer Bewegungen auseinandergesetzt und ahnte, dass der Paradigmenwechsel der SPD als Teil der Arbeiterbewegung hin zur asozialen Agenda 2010 nicht gut ausgehen würde für diese Partei. Darüber empfinde ich nicht nur keinen Schimmer Schadenfreude sondern angesichts der in Rede stehenden Alternative den schleichenden Tod der SPD als Desaster.
Zur Gewissheit wurde die Ahnung in einem Gespräch mit einem Neuankömmling der Erwerbsloseninitiative, einem Klempner. Der sagte zur Schröder Politik:
„Sowas macht man nicht. Das ist unanständig.“
Der Klempner war kein Mann großer Worte, er hatte einfach ein tief verankertes Gefühl für Gerechtigkeit, eine ethische Grundierung. Er diskutierte auch nie viel, er sagte nur:
„Hört auf zu labern, wir müssen raus, an die Öffentlichkeit.“
Und wenn jemand bei Demos 5 Minuten zu spät kam, faltete er ihn gnadenlos zusammen.
Heute ist der Klempner Rentner und die meiste Zeit des Jahres mit seiner Frau an südlichen Meeresgestaden, klopft sich die Falten aus dem Bauch. Wenn er wieder Zuhause ist, ruft er an und wir treffen uns auf ein Getränk. Wir sind seit Jahren Freunde.
Währenddessen nimmt die Tragödie der SPD ihren Lauf. Es ist die klassische Theatersituation der 2500 Jahre alten griechischen Tragödie: Die Partei kann machen, was sie will, das Schicksal wendet sich gegen sie. An einer bestimmten Stelle in der Handlung auf der Bühne ist der Akteur vor die Wahl gestellt, sich zu entscheiden. Danach gibt es kein zurück. Die SPD hatte damals die Wahl, sie hat sich für die Agenda 2010 entschieden. Aber, siehe Klempner:
„Sowas macht man nicht. Das ist unanständig.“
Zur Erinnerung: Ein Facharbeiter, der in den 90ern arbeitslos nach 35 Jahren Arbeit wurde und eine Lebensversicherung und kleines Vermögen besaß, Standard in der alten Facharbeiter-BRD, kriegte damals im Normalfall kaum noch Arbeit, aber dauerhaft ca. 50 % Arbeitslosenhilfe, was knapp armutssicher war, und durfte sein kleines Vermögen behalten.
Nach der Agenda 2010 kriegte er Hartz IV, gleichbedeutend mit Armut, war sein Vermögen los, im Zweifel auch seine Wohnung, wenn sie zu groß war, und musste jeden Job annehmen, der ihm angeboten wurde.
Konsequenzen: Die Angst vor der Vernichtung der bürgerlichen Existenz ist flächendeckend in der Mitte der Gesellschaft angekommen, die AfD wird die SPD als Partei der kleinen Leute ablösen und ich werde es meinem Freund, dem Klempner, irgendwann nachmachen und mir an den Gestaden des Mittelmeeres die Falten aus dem Bauch klopfen.
Und in aller Ruhe die Tassen in meinem Schrank nachzählen.

16.01.2018 – So etwas wie Gesellschaft existiert nicht

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Lasst 1.000 Bommeln blüh’n, bringt die Steine zum Singen und die Verhältnisse zu Tanzen. Kunst im öffentlichen Raum vor dem hiesigen Ihme-Zentrum
„So etwas wie Gesellschaft existiert nicht Es gibt nur individuelle Männer und Frauen“. Dieses auf den Punkt gebrachte Paradigma des Neoliberalismus von Margaret Thatcher ist natürlich nur ein asozialer Vorwand, ohnehin schon arme Schweine bis auf das Hemd auszuplündern. Weil den Aasgeiern des Kapitals das nicht reicht, greifen sie auch auf ihre Körper zurück. Für qualvolle medizinische Versuche an wehrlosen Kindern, bis in die Sechziger des vorigen Jahrhunderts hinein. Geschehen in der Kinder- und Jugendpsychatrie in Wunstorf. Soweit normal ekelhafte Realität unserer Gesellschaft.
Ich habe allerdings mit Gesellschaft auch mitunter Probleme – insoweit es sich um die Gesellschaft anderer Leute handelt.
Es gibt eine tolle Initiative namens „Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum“ , die mit kreativen Ideen und Veranstaltungen versucht, Leben und Perspektive in den oben abgebildeten Bau zu bringen. Großartig.
Und dann gibt es Bewohnende des Ihmezentrums, die versuchen, denen Knüppel zwischen die Beine zu werfen und deren Arbeit zu sabotieren. Wäre ich Mitglied der Initiative, würde ich das Problem mit einer Parabellum regeln. Bad Company.
Gestern war ich auf einer Info-Veranstaltung der Initiative zur Wohnungsproblematik in Hannover. Der Wohnungsmangel gerade in Metropolen wächst sich immer mehr zu einem gesellschaftlichen Desaster aus. Bevor der soziale Wohnungsbau auch nur annährend frühere Dimensionen erreicht, werden Hunderttausende wohnungslos werden oder aus ihren Quartieren verdrängt.
sozialer-wohnungsbau
Entwicklung sozialer Wohnungsbau von 1950 bis 2006.
Das ist Treibsatz für Armut und idealer Nährboden für Rechtsextremismus. Was tun? Ich habe da erheblichen Informationsbedarf: wann kann man zum Beispiel Singles aus ihren 100 qm Wohnungen rausschmeißen oder Senior*innen aus ihren leergewordenen – die Kinder sind aus dem Gröbsten raus – 200 qm Eigenheimen sozialverträglich entmieten?
Wenig überraschend: nie. (Nein, auch mit der Parabellum ist das nicht erlaubt).
Warum gibt es z. B. in niedersächsischen Großstädten keine Leerstandskataster? Hm.
So saß ich also in der inhaltlich hervorragenden Veranstaltung der Initiative. Es störte mich nur eins:
Die Gesellschaft Anderer. Der Raum war voll und 20 Prozent der Anwesenden hatten offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zur Körperhygiene. Es stank. 5 – 10 Prozent der Anwesenden litten unter Chronoallergie, meint, sie besitzen offensichtlich keine Uhr, kommen chronisch zu spät, zu jeder Veranstaltung, und gehen mir sowas von auf den Sack, dass ich in mir den immer stärker werdenden Drang verspüre, aufzustehen und sie coram publico dahingehend maßzuregeln:
„Liebe Zuspätkommende, wissen Sie, warum man im Wilden Westen Pferdediebe aufgehängt hat? Weil Pferde das ideale Mittel zur Zeiteinsparung waren und wer jemandem ein Pferd stahl, der stahl ihm Zeit. Die Leute wurden also wegen Zeitdiebstahl gehängt. Und Sie stehlen hier gerade dutzenden von Leuten durch Ihre Störung Zeit.
Möchten Sie noch etwas sagen ….?“

Sie verstehen also, liebe Leserinnen, dass ich mit Gesellschaft Probleme habe ….

15.01.2018 – Alles Dada Falafel

dada falafel
Gesehen in Berlin Mitte.
Ich sortiere gerade Bilder ein und das hier passte mir als Einschätzung der Welt so gut, dass ich es gleich in meinen Blog hochlud, ohne eine Idee zu haben, womit man es konkret verknüpfen könnte. Aber über die Fähigkeit, in Anlehnung an Kleists Ausführung über die freie Rede, Gedanken beim Scheiben zu verfertigen, verfüge ich in ausreichendem Maße. In diesem Blog erlaube ich mir mitunter sogar den Luxus, beim Schreiben nicht nur keinen Gedanken zu verfertigen, sondern einfach Blödsinn abzusondern. Heuer aber nicht, denn immerhin steht meine obige Aussage in Gegensatz zu Wittgensteins Satz, dass die Welt alles sei, was der Fall ist, sich letzten Endes also grenzenlos mit Sätzen beschreiben lasse.
Jaja, der Wittgenstein. Ich bevorzuge Sätze wie den hier von Dada Falafel:
„Bei Falafel handelt es sich generell um frittierte Bällchen, die als Imbiss absolut beleibt sind.“
Ich dachte immer, beleibt wird man dann, wenn man zu viel im Imbiss is(s)t.
Dada Falafel ist die Welt, wenn man sich anschaut, dass völkischer Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus immer mehr zunehmen. Und was macht die Restlinke? Demontiert sich selbst, siehe Sarah Wagenknecht und ihr Knecht Oskar sowie die SPD zur Gänze. Nun ist die SPD sicher keine Restlinke mehr und so viel gibt es da auch nicht mehr zu demontieren, aber man ist ja froh über jeden Strohhalm. Wobei die Strohhalme meist vom Stroh aus den Köpfen der handelnden Personen stammen. Unlängst sind zwei Bücher erschienen von zwei SPD Frauen, Renate Jürgens-Pieper und Andrea Ypsilanti, die es wissen müssen. Deren Urteil über die SPD: Nachdem ihr durch Gerhard Schröders Agenda 2010 das Genick als Volkspartei gebrochen wurde, tragen die aktuell handelnden Personen (allesamt Agenda Apologeten) die Partei aus persönlichem Machtstreben und Eitelkeit zu Grabe. Ist jetzt in der Explizität meine Formulierung. Aber darauf läuft es hinaus.
Und wenn man liest, was der gänzlich prinzipienlose Siggi Pop der SPD, Sigmar Gabriel, für eine gänzlich unangenehme Person ohne jeden Stil und Manieren ist, wird einem leicht übel. Das alte Lied: Parvenüs in der Politik, das taucht nix.
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht“?
Nein. Bin ich nicht. Ich denke in der Nacht an was ganz anderes. Und Heinrich Heine hat damit auch seine alte Mutter gemeint, an die er im Pariser Exil dachte.
Aber dégoûtant finde ich das schon, was hier so abgeht. Ich denke, ich werde heuer einen kleinen Meursault verklappen, um meinen Ennui hinunterzuspülen.
„James, lassen Sie die Kalesche vorfahren. Ich habe für heute genug mit meiner Bildung geprahlt.“

14.01.2018 – Die Mauer ist weg!

OSK-Die-Mauer-zwischen-Arm-und-Reich-
Osnabrücker Sozialkonferenz – Die Mauer zwischen Arm und Reich muss weg.
Die oben abgebildete Mauer aus Umzugskartons ist eine leicht transportierbare (geht auch im Zug) Installation, einsetzbar im Innenbereich wie hier in Osnabrück, aber auch bei Straßen-Aktionen in der City. Sie dient zur Information, als Impuls für Menschen zum Mitmachen, als Blickfang, als Aufhänger für Medienbilder und hat insofern auch einen gewissen ästhetischen Eigenwert. Sie ist in 20 Minuten aufbaubar und billig. Also eine in allen Belangen grundsolide und professionelle Veranstaltung. Ich habe sie in den letzten Jahren in ganz Niedersachsen eingesetzt und sie hat mir in sozialpolitischen Kreisen einen gewissen Ruf verschafft, sicherlich nachhaltiger, als es 48 Seiten lange Konzepte zur Armutsbekämpfung eingebracht hätten. Ein Freund und Kollege hat das mal so zusammengefasst: „Auf Deinem Grabstein steht dereinst „Die Mauer war sein Hossa“.“ In Anlehnung an den Schlagersänger Rex Gildo, von dem die Leute immer nur „Fiesta Mexicana“ mit dem „Hossa“ hören wollten
Rex Gildo hat Selbstmord begangen. Soweit bin ich nicht, auch wenn mich die Mauer zwischendurch depressiv gemacht hat. Ich würde nicht nur nicht sagen, dass das meine stärkste Arbeit ist, ich würde vielmehr fragen:
Ist das überhaupt Kunst oder kann das weg?
Und wenn ich daran denke, dass ich mit dieser Mauer vermutlich wesentlich mehr Geld verdient habe, als mit all meinen Kabarettauftritten zusammen, höre ich wie Thanatos in mir ruft: „Rex, ich komme!“ (Hab ich da im Publikum eben gehört: „Was für ein grauenhafter Kabarettist musst Du gewesen sein!“?)
Was soll ich sagen, ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Und es gibt im künstlerischen Bereich zwei eherne Grundsätze:
1. „Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Das Volk wollte Hossa, das Volk wollte die Mauer.
2. „Kill your Darling.“ Es geht nicht darum, was ich liebe. Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie den Kriterien von Produktion, Distribution und Konsumtion standhält. Das heißt, Kunst ohne das Ziel „Publikum“ ist bestenfalls Ersatz für eine Therapie oder Vorwand, sich mit ähnlich strukturierten Künstler-Kumpelz in muffigen Ateliers die Kante zu geben und dann über den fehlenden Durchbruch zu jammern.
Aber die Rettung nahte. Auf einer Sitzung im letzten Jahr, bei der es um sozialpolitische Maßnahmen 2018 ging, fing jemand zögerlich-behutsam einen Satz wie folgt an:
„Also die Mauer kennen ja jetzt schon einige Niedersachsen …“
Ich brach in Tränen der Dankbarkeit aus, fiel ihm um den Hals, küsste und salbte ihn und schrieb als Protokollführer ins Protokoll:
„Es besteht der einstimmige Wunsch der Versammlung: Die Mauer muss weg.“
Nie wieder Krieg! Nie wieder Mauer!!
Aber ein bisschen sentimental bin ich schon. Und so habe ich ein kleines Modell aus Streichholzschachteln gebastelt, das steht in meinem Arbeitszimmer und lacht mich mitunter augenzwinkernd an, als wollte es sagen:
„Wir hatten aber auch teilweise tolle Zeiten miteinander. Weißt Du noch, damals in ….?“
vorderseite
Die Mauer zwischen Arm und Reich – Vorderseite Arm
rückseite
Die Mauer zwischen Arm und Reich – Rückseite Reich

13.01.2018 – SCHUPPEN 68 schlägt Kompromiss im Streit um zusätzlichen Feiertag in Niedersachsen vor: 1. April!

090401Witzothek Hannover Wochenblatt
Wochenblatt, 1. April 2009.
Mitunter bin ich von den Zumutungen des Alltags mental matt, müde, missgelaunt, misanthropisch, medioker, motivationsarm, manchmal migränig, meist metaphernreduziert. Dann sitze ich am Schreitisch und schreibe so einen Unsinn vor mich hin. Sarah Wagenknecht will eine linke Volkspartei gründen, das ist so eine Zumutung. Mich erinnert das an den Spruch: Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man ‚nen Arbeitskreis.
Linke Volkspartei mit Teilen einer SPD vielleicht, die gerade aus Angst vor dem Selbstmord in den aktuellen Sondierungsgesprächen ihr Todesurteil unterschrieben hat? Und mit Teilen der Grünen, die als allererstes in den Jamaica-Verhandlungen die Vermögenssteuer klein beigegeben hatten? Es fehlt zur Gründung einer linken Volkspartei zweierlei: 1. Linkes Personal und 2. Linkes Volk.
Also wenn Sarah Wagenknecht eine linke Volkspartei gründet, dann gründe ich eine linke Kaderpartei, in Anlehnung an die KPD nenne ich sie KDG, Kommunistisch-Demokratische-Genossinnenelite. Wobei rein zufällig KDG auch mein Namenskürzel ist.
Wenn man ganz schnell hintereinander „Blödsinn“ sagt, kommt am Ende „Lötzinn“ raus. Bei mir kommen dann mitunter Pressemitteilungen raus, mit der ich die Welt in Erstaunen und Entzücken versetze. Die aus obig geschilderten Zumutungen des Alltags entstandene fängt so an:
„Angesichts der sich zusehends verhärtenden Fronten im Streit um den zusätzlichen Feiertag in Niedersachsen schlägt das Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 einen für alle Seiten akzeptablen Kompromiss vor: Zusätzlicher Feiertag in Niedersachsen soll der 1. April werden. Klaus-Dieter Gleitze, Geschäftsführer des Künstler-Netzwerks SCHUPPEN 68 betont …. „
Und was KDG betonte, können Sie hier in der PM nachlesen PM SCHUPPEN 68 -Kompromiss zusätzlicher Feiertag in Niedersachsen 1. April.
Und wenn Sie selber mal eine PM verfassen müssen, liebe Leserinnen, denken Sie dran: Im ersten Satz muss Ihr komplettes Anliegen erfasst werden. Sonst landet Ihre PM sofort im Papierkorb. Wenn Sie Ihre PMs so ähnlich beginnen wie ich diesen Blogeintrag, werden Sie nie Karriere machen.
Wobei sich die Frage stellt, ob das erstrebenswert ist. Wenn Sie Karriere machen, stellt sich spätestens beim Erreichen derselben die zentrale, alles überwölbende Frage anthropoider Existenz schlechthin, zutreffend für alle menschlichen Lebensbereiche von Arbeit über Kunst, Liebe, Freizeit bis hin zu Gesundheit:
Und nu?

11.01.2018 – Ein schmales Brett: Der Pfad der Visionäre

090601Auf dem Pfad der Visionäre
Berlin, Mehring Platz. Der Mehring Platz ist ein sozialer Brennpunkt. Ich finde ihn städtebaulich faszinierend auf Grund seiner Historie, die sich in der kreisrunden Struktur widerspiegelt. Natürlich ist er nicht „schön“, aber wenn ich mich an Schönheit im Sine von Harmonie, Wohlklang, Rausch für die Sinne beglücken will, höre ich Mozart. Dafür muss ich nicht am Mehring abhängen. Das Bild ist ein Schnappschuss während eines Karnevals der Kulturen, dessen zentraler Festplatz sich direkt an den Mehringplatz anschließt. Wer wissen will, was sich in ein paar Jahren flächendeckend im alternativen Mainstream seines Kiezes durchsetzen wird, sollte über den Festplatz flanieren. Das Labor für die Zukunft befindet sich hier. Es gibt dort seit Jahren eine eigene Meile für vegane Streetfood in allen Varianten, sicherlich auch mittlerweile geröstete Heuschrecken und so Zeug. Mich treibt’s da nicht mehr hin. Viel zu voll, die Sinne werden regelrecht betäubt.
Ich hab überlegt, ob ich das Bild oben veröffentlichen soll. Da hört man doch schon den völkischen Mob toben:
„Genau, so sehen sie aus, die linksgrün versifften Visionen. Das ist Doitschlands Zukunft, der Schleier und die Islamisierung.“
Ich seh mich schon als Nominierten in der Sparte Fotografie für den Kulturpreis 2018 der AfD.
Aber eine Selbstzensur findet nicht statt. Das Bild ist ein schöner Schnappschuss. Und steht, wenn man seine ästhetische Kategorie zu einem politischen Ende denkt, natürlich für ein aktuelles linkes Dilemma: Wie positioniere ich mich zu Zuwanderung, zu Islam, zu Integration, zu migrantischem Antisemitismus? Ich werde das hier nicht durchdeklinieren, das kann man in linken Blogs und Medien nachlesen. Manchmal geht es auch nur darum, Position zu beziehen, durchaus auch mal begründungsreduziert. Also: Antisemitismus geht gar nicht, egal aus welcher Ecke. Da wird auch nicht die alte rotgrüne Sozialarbeiter-Verständnis Masche der Betreuungskultur gestrickt. Da hat der Repressionsapparat des bürgerlichen Staates zu greifen und da, wo es rechtlich zulässig ist, werden migrantische Antisemiten im Sinne des Strafrechts ausgewiesen.
Ich bin ja glühender Quoten-Verfechter, was in dem Fall hieße: Für jeden migrantischen Antisemiten wird ein völkisch-rassistischer Eingeborener mit ausgewiesen, in ein Land nach meiner Wahl.
Aber das Foto ist schön, es wird auch von einer melancholischen Nachfeier-Stimmung durchweht, Now the party is over, I’m so tired

09.01.2018 – Sex auf dem Mischpult

ndr hallo niedersachsen 7.1.18
Blogautor bei der Arbeit. Interview zum Thema Altersarmut, NDR, Hallo Niedersachsen, 07.01.2018.
Öffentlichkeitsarbeit gehört zu meinem Job, besonders in Zeiten aktueller Armutsentwicklungen. Ich halte es für sinnvoller, eine möglichst breite Öffentlichkeit für das Thema „Armut“ zu sensibilisieren als ellenlange Konzepte, Broschüren, Papiere vollzuschreiben, die eh keiner liest, wenn sie länger als zwei Seiten sind und keine Comics enthalten. Ich werde unter anderem dafür bezahlt, meine Nase in die Öffentlichkeit zu halten, seien es Marktplätze, Mikros oder Kameras. Das gelingt nicht immer perfekt, ist mitunter stressig, hat aber manchmal auch unterhaltsame Seiten.
Im besagten NDR Beitrag behauptet der Moderator im ersten Satz, dass in Niedersachsen 50.000 Menschen von Altersarmut betroffen sind. Bei diesem ersten Satz stand ich sofort unter Strom. Die Zahl ist falsch. Es sind annährend 250.000. Aber wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen was behauptet, denkst Du ja im ersten Moment: Wird schon stimmen. Ich bin schließlich kein Fake News Kasper. Im zweiten Moment fing ich an zu zweifeln, versicherte mich meiner eigenen Zahlen im Hinterkopf, rechnete sie noch mal nach und suchte krampfhaft nach einem Moment, wo ich sie locker einflechten könnte. Und nebenbei musste ich noch die bescheuerten Fragen des Moderators beantworten, ob Menschen nicht selber schuld an Altersarmut seien, weil sie in jungen Jahren in Saus und Braus und wilder Ehe gelebt hätten. Soweit sind wir also wieder, dass vorehelicher Coitus Schuld ist an allem Elend dieser Welt. Normalerweise habe ich für solche Hanswurstiaden immer eine Sahnetorte im Gepäck, aber platzieren Sie die mal richtig, wenn Sie gerade eine Differentialgleichung vierter Ordnung im Kopf ausrechnen. Mir brach der Schweiß aus, während ich rechnete, antwortete und nebenbei mir selber mantramässig predigte: Locka bleiben, Alder, immer locka. In dem Moment, wo ich die richtige Zahl locka einflechten wollte, endete der Moderator mit: Vielen Dank für das Gespräch…..
Das Radiointerview vorher war entspannender. Per Telefon. Wenn es losgeht, wird man über das Mischpult auf Sendung geschaltet. Die Moderatoren sagen dann immer: „Ich leg Sie jetzt auf das Pult.“ Medienschnack halt. In dem Fall war es eine Moderatorin mit einer unfassbar erotisch-lasziven Stimme. Als sie zu mir sagte: „Ich lege Sie jetzt auf das Pult“ ……
Keine Ahnung, wie ich das Ende des Interviews erreichte. Solche Phantasien lässt der Herrgott/die Fraugott/das Fagott nicht ungestraft. Als ich in die Küche kam, war der Abfluss verstopft. Ich war den Rest des Tages mit Pümpeln beschäftigt.
pümpel
Auf und nieder. Hinterher tat mir mein rechter Arm weh.
Und wissen Sie, was am Ende des Tages für einen persönlich bleibt, jenseits der Frage nach der politischen Wirkmächtigkeit des eigenen Handelns? Die Frage, wer die beschissenen Falten in meinen Hals da oben montiert hat, per Photoshop. Das ist nicht mein Hals!!
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, eine Halsfaltenfreie Zukunft.