25.02.2017 – Ich hab noch Sand in der Kamera aus Mallorca.

Ist da jetzt der Sand oder die Kamera aus Mallorca? Die Frage, was woher kommt, stellte sich schon beim Bata Illic Song „Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“.
Bei mir ist die Kompaktkamera von Panasonic, der Sand aus Mallorca, aus der Bucht von Cala Vicenc, letzter November, und er ist da, wo er nicht hingehört, im Zoomgewinde. Shit resp. Sand happens. Ich brauchte also eine neue Kompaktkamera, klein genug, dass sie in die Hosentasche passt, aber besser als die gruseligen in den Smartphones. Ich hab ein uraltes Android mit einer Kamera, mit der man vielleicht die Ergebnisse auf Flipcharts dokumentieren kann, die aber sofort über ihren Grenzbereich geht, wenn es halbdunkel wird oder man zoomen muss. Diese Dinger zoomen nur digital, dass heißt, sie rechnen das Bild einfach größer, holen das Objekt aber nicht näher ran.
Das brauch ich aber für meine Art der Fotografie. Die Ergebnisse meiner neuen Kamera bei Zoom in diffusem Licht können sich sehen lassen.
bild 1
Distanz

bild 2
Zoom.
Das ist für eine Kamera ohne Tele für deutlich unter 300 Ocken ordentlich. Der Süden kann also kommen, egal ob Mallorca oder Algarve – Hauptsache Italien!
Das könnte mir eigentlich die Krankenkasse bezahlen, als Kur. Ich bin immerhin so angeschlagen und neben der Kappe, dass ich bei der Moderation der Release-Feier des Cameo Magazins Nr. 3 „Ankommen“ kein Gespür dafür hatte, ob ich den Job ordentlich mache. So was merke ich normalerweise nach drei Sätzen. Soll aber ok gewesen sein laut Feedback bei der Party hinterher im Lux. Erst fühlte ich mich da völlig deplaziert, Durchschnittsalter 25 – 30, und außer dem Reaktionskollektiv kannte ich da kein Schwein.
Aber dann war es doch ganz nett, ich lernte eine Location kennen, in die ich sonst nie gekommen wäre, es war eine sehr entspannte Atmo und die Band war mit Akkordeon, was mir als Cajun- und Zydeco Afficionado besonders gefiel. Ich blieb bis weit nach 22 Uhr. Und machte ein paar Fotos. Smartphone Kamera.
lux
Gruselige Qualität. Aussagekraft annähernd null, außer: ich war da.
Die DJs aus Berlin hatten laut Veranstalter Zeit bis 9 Uhr. Das fand ich nun wieder ärgerlich. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mir den Abend geschenkt und wäre nach dem Frühstück da hin, gegen 6 Uhr. Ist ja nur zwei autonome Steinwürfe von mir weg, die Location.
Aber es war auch so sehr nett. Und das Cameo Projekt ist einfach der Hammer. Wir arbeiten
seit 2015 mit denen zusammen und ich bin gespannt, was daraus noch wird.

22.02.2017 – Eiter, Kot, Geschwüre

Ohne Titel-1 Kopie
Wer um Himmels Willen macht solche Fotos und wer nimmt die ab mit welchem Ziel?
Das Bild sehen, Rad rechts ran, und kotzen ist eins. Kotzen ist gelogen, aber Foto hab ich natürlich gemacht. Leben wir wirklich in einer Zeit, wo ein derartig ekliges Foto, das noch freien Raum zum Assoziieren in Richtung Sperma und faulige Hautlappen lässt, zum Essen animiert oder ist das einfach unfassbar unprofessionell? Lebensmittelfotografen sind hochspezialisierte Fachleute, ein gut fotografierter Weinkatalog z. B. ist Poesie in Bildern.
Wer am Wochenende zu späterer Stunde offenen Auges durch die Stadt radelt, sieht Millionen von Radkurieren von foodora, eine explosionsartig vermehrte Seuche. Und alle haben so was wie auf dem Foto im Gepäck. Das sind Zeichen für den nahenden Untergang des Abendlandes. Das stützt meine These der Dialektik zwischen ästhetischen Zeichen und politischem Verfall. Eine Gesellschaft, in der solche Zeichen offensichtlich auf flächendeckende Akzeptanz stoßen, ist natürlich auch anfällig für Trump und dessen Politikersatz „Mob der Mitte“.
Ich war bei der Entdeckung oben auf der Fahrt zu einem Termin und war in dem Fall dankbar, dass ich in Hannover wohne und nicht in Berlin. In Hannover sind fast alle Organisationen, mit denen ich zu tun habe, in einem Radius von zwei Kilometern beheimatet. Für Kulturorte gilt ähnliches. Wollte ich in Berlin z. B. von der Galerie Körnerpark in Neukölln zur Kunsthochschule Weißensee, weil da jeweils interessante Ausstellungen sind, würde ich mir einen Wolf radeln, mindestens eine Stunde entlang verkehrsgetränkter Magistralen. Auto in Berlin kannste vergessen, Männeken. Und ÖPNV muss auch nicht sein.
Gerade wenn man kränkelt, ist man für so überschaubare Dimensionen wie in Hannover dankbar. Das waren noch Zeiten, früher, wenn man da krank war als normaler Angestellter, griff man zum Hörer und meldete sich von der Arbeit ab, schlimmstenfalls per gelbem Schein. Zur Erinnerung für alle Nachgeborenen: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist nicht vom Himmel gefallen, das haben Gewerkschaften erkämpft. Was aber bei den prekären Arbeitsverhältnissen heute immer weniger zum Tragen kommt. Bei meinem Home-Office kräht doch auch keine Henne danach, ob ich maladiere.
Wenn man dann noch solche Fotos wie oben sieht, wird man zum Misanthrop. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel für diese Welt. (Das ist übrigens ein Stilmitel dieses Blogs: Jeden Eintrag mit einem Witz beenden.) Trotz allem bleibt Berlin die geilste Stadt der Welt und wenn ich wieder zurück sollte in ein Angestellten-Dasein, würde ich mir die Kugel geben.
Eis-Kugel, beim Blaumachen im Körnerpark.

20.02.2017 – Wer Künstler liebt

tonfilm
Gefahren des Tonfilms.
Die Etablierung eines neuen Mediums war immer Gegenstand wütender Proteste, getränkt von schlichtem reaktionären Habitus, von mentaler oder technischer Überforderung und natürlich ökonomischen Interessen. Gefahren des Buches, Gefahren des Internet, Gefahren neuer sozialer Medien, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und die strukturellen Modernisierungsverweigerungs-Argumente lassen sich einer Matrix gleich in das „Tonfilm“ Schema einfügen. Beispiel:
Internet und neue soziale Medien sind wirtschaftlicher und geistiger Mord.
Stimmt auch irgendwie, das ist keine pure Verweigerungs-Ideologie. Man muss sich ja nur die Urheberrechtsdebatten angucken und die Hate-Speeches. Die Konsequenz aus dem janusköpfigen Charakter eines jeden medialen Fortschritts kann aber nicht lauten: Whatever it is – I am aganist it. Die kann ja nur lauten, sich die neuen Techniken anzueignen und sie auf der Ebene der Technik demokratischen Verfahrensweisen anzupassen und auf der inhaltlichen Seite mit gutem stuff zu füllen. Das ist natürlich mühsamer als mit einem Federkiel irgendwas in Tontafeln zu ritzen, aber wer sich neuen Medien verweigert, hat irgendwann auch gesellschaftlich nichts mehr zu sagen. Der schreibet zum Beispiel Satiren über das böse, böse Fernsehen, dass die Augen verdirbt und Kinderseelen krank macht.
Und wer wie im Plakat oben Künstler liebt, der sollte sich an ein altes Graffiti halten:
Support the arts, kiss a writer.
schuh neumann
Treppenhaus von Schuh-Neumann in Hannover. Mit den drei „A“, die zum Wohlfühlen notwendig sind: Aura, Authentizität und Ambiente. Mit der Patina von Generationen.
Ich hasse es, in der City shoppen zu gehen. Ich kann mir meinen Geschmack eh nicht leisten und die Dinge, die ich schätze, gibt es nur in wenigen ausgesuchten Läden. In denen zu viele Snobs abhängen. Mob in Burberry Jacken. Eklig. Außerdem sterben Geschäfte wie Schuh-Neumann aus, Inhabergeführter Mittelstand, Inseln der Individualität. Stattdessen Primark, H & M und Arsch & Eimer oder wie die Ketten sonst noch heißen, durchsetzt mit Systemgastronomie wie Extrablatt. Degoutant.

19.02.2017 – Born to be a Maler.

born to be a maler
Sollte ich jemals einen Maler brauchen, würde ich den nehmen. Da spüre ich eine gewisse geistige Nähe. Ich bin als Arbeiter der Stirn den handwerklichen Dingen des Lebens eher abhold. Hätte der liebe Gott gewollt, dass ich Elektriker bin, hätte ich zwei Lüsterklemmen an den Daumen. Ich hab keine Ahnung, was Lüsterklemmen sind, ich finde das aber ein schönes Wort. Es hat so was verruchtes an sich, in meiner schmutzigen Phantasie stelle ich mir vor, dass man da mit irgendwelchen lüsternen Tricks gegen seine Verklemmungen vorgehen kann, morgen gehe ich in ein Spezialgeschäft, mit hochgeklapptem Mantelkragen und tiefgezogenem Hut, und verlange mit leiser, verklemmter Stimme Lüsterklemmen.
Es kommt ab und zu vor, dass ich fachkundiges Personal brauche, um Fliesen zu legen, oder eigentlich für alles, was über das Einschrauben eines Leuchtmittels hinausgeht, und da will ich Zuhause nur Leute haben, mit denen ich auch mal einen Espresso zwischendurch trinken kann. Mit Born to be a Maler ginge das vermutlich. Aber Gottseidank brauch ich keinen Maler. Ist erst ein Zimmer reinweiß, sehen die anderen alle so scheiße aus, dass man da nachrüsten muss. Und dann noch neue Fußleisten und da kann ich ja gleich umziehen. Maler erinnert mich an auch Künstler und wenn ich an Künstler denke, vergeht mir die gute Laune. Wer hat eigentlich Künstler erfunden? Der liebe Gott hat doch Künstler nur in die Welt gesetzt, um mir die Arbeit zu einer ständigen Quelle von Mühsal, Plag und Irrsinn zu machen. Wenn es nach mir ginge, würde jedem Künstler bei der Geburt ein Wecker an die Backe getackert, der eine halbe Stunde vor jedem Termin klingelt, damit diese Brut nie, niemals in ihrem Leben zu spät kommt. Aber wahrscheinlich hat der Teufel die Künstler in die Welt gesetzt.
Es gibt ein persisches Sprichwort: Eine Mauer kann nie so hoch sein, als dass sie nicht ein mit Gold beladener Esel überklettern könnte. Bei mir ist die Mauer verdammt niedrig.
kastens hotel
Ab und zu habe ich Sitzungen in Kastens Hotel, die Nr. 1 am hiesigen Platz. Was nicht viel heißt. Was die Hotellobby da angeht, habe ich schon mehr Glanz und Gloria gesehen. Trotzdem ist es ein nice place to be und demzufolge bin ich eher geneigt, den Ansprüchen des Veranstalters zu willfahren als wenn die Sitzungen in einem Bürgerzentrum abgehalten würden. Bürgenzentren erwecken in mir schon mal den Geist der Rebellion, da kommt der alte Marx (natürlich Groucho) in mir hoch: Whatever it is – I am against it! In Kastens Hotel bin ich eher mit dem Gefühl eingelullt:
Whatever it is, ich hätte gerne noch einen Darjeeling und ein Stück Gebäck.
In solchen Momenten, wo ich mich dabei ertappe, angepasst zu sein, Mainstream, beruhige ich mich mit dem Gedanken, dass ich in diesem Leben nirgendwo mehr was werden will. Ich bin in der beruhigenden Lage, jederzeit überall sagen zu können:
Leckt mich. Ich mach was anderes.
Ich formuliere es im Zweifel mit mehr Contenance. Ich hab es aber auch schon drastisch formuliert.

17.02.2017 – Im Vergleich zu Trump ist selbst Sigmar Gabriel eine männliche Sexbombe

malen nach tönen
Artists against Donald Trump.
Trump sieht so Scheiße aus, der kann entweder nur psychisch krank sein oder Quartalsfaschist. Oder Beides. Ich denke jedes Mal, wenn ich ein Bild von dem sehe, ich träume. Der kann doch nicht wahr sein. Das Funktionieren von Politik hat schliesslich im medialen Zeitalter mehr mit Ästhetik zu tun als jemals zuvor
Über den Zusammenhang von Ästhetik und Ideologie haben sich schon erhabenere Geister als ich den Kopf zerbrochen. Wendet der Künstler, der die „richtige“ politische Überzeugung besitzt, automatisch eine angemessene, fortschrittliche Ästhetik an? Wie parteiisch darf Kunst sein? Das waren Fragen, an denen sich auch in der Nachfolge von Brecht tausende Kathedersozialisten die Tintenfässer und Schreibfedern um die Ohren schlugen.
Interessiert heute keine Sau mehr, Künstler und Intellektuelle haben sich weitgehend aus dem politischen Betrieb abgemeldet. Ich bin der Überzeugung, dass ästhetische Kategorien sehr wohl eine Rolle im politischen Raum spielen, wie umgekehrt eine Ästhetik, die das Politische negiert, reaktionär ist. Natürlich muss Ästhetik autonom sein und nicht in Agitprop verfallen, obwohl das Heute schon wieder drollig wäre.
mai demo
Nicht umsonst skandiere ich auf jeder Maidemo: „Bürger, runter vom Balkon, Solidarität mit Vietcong!“
Deutschland, Du hast es besser. Im Vergleich zu Trump ist selbst Sigmar Gabriel eine männliche Sexbombe.
Dieses Internet hat sich wohl durchgesetzt. Tolle Sache das. Wobei ich wichtige Daten niemals der Cloud anvertrauen würde. Aber dass dieser Blog hier im Internet dokumentiert ist, finde ich schon ganz praktisch. Mit sowas würde ich meine Festplatten nicht zumüllen. Und wenn mein Webhoster mal insolvent wird, wäre das auch kein Drama.
Im Moment kackt dauernd mein Browser ab und mit ihm gleich der ganze PC. Früher wäre ich noch nervös geworden. 90 % meiner Jobs sind Home-Office und wenn da auch nur die Daten seit der letzten Sicherung flöten gehen, dann ….
Ist das auch schnurz. Wenn ich morgen tot umfalle, dreht sich die Welt trotzdem weiter. Ich bin im Moment von dem einen oder anderen Projekt mitunter so abgenervt, dass ich es am liebsten in die Tonne kloppen möchte. Auch dann würde sich die Welt weiter drehen.
Und das hätte den Vorteil, dass ich mal eine Art Sabbatical machen könnte, ein halbes Jahr Berlin. Das wär’s doch. Das Nötigste könnte ich auch von da erledigen, weil es ja dieses Dings gibt, dieses Internet. Und was meine abgekackten Daten angeht: Freund und Kollege Andreas ist ein so genialer Experte, der würde selbst aus meiner uralten Triumph Schreibmaschine noch meine kompletten Daten rekonstruieren, Festplatte und:
Internet!
schreibmaschine
Triumph – aber nicht des Willens, sondern der Kompetenz.

15.02.2017 – Ich habe das Potential, reich zu werden.

NETZ 4_Seite 8_Reichtum ist heilbar
Reichtum ist heilbar. Aus der Serie „Fünf Euro“ aus dem Jahr 2016. Bestandteil dieser Serie sind echte Fünf-Euro-Scheine, die mit Aussagen zu Geld, Kapitalismus, Reichtum und Armut beschriftet sind. Die Scheine sind Unikate und werden Zug um Zug in den Zahlungsverkehr gebracht, sei es per Barzahlung bei Einkäufen oder auch bei Performances. Empfängerinnen werden gebeten, als Multiplikatorinnen ähnlich zu handeln, also selber Scheine zu beschriften und in den Umlauf zu bringen. Der ästhetische Mehrwert der Intervention: Der Gegenstand der Kritik, der Fetisch Geld, ist selber Träger der Kritik. Diese Intervention ist Teil einer umfassenderen zum Thema „Geld“, bei der ich auch schon mal Geld verbrannt habe.
140928MoPo - Er verbrennt Geld
Geld verbrannt.
Oder Fünf-Euro-Scheine für vier Euro verkauft habe. Diese Aktion hat später die Partei „Die Partei´“ von mir geklaut, als sie Hundert-Euro-Scheine verkaufte.
Dass ich laut Test das Potential habe, reich zu werden, wundert mich. Geld ist mir, im Gegensatz zu Ruhm, unwichtig. Es gab Zeiten, da hatte ich weniger als Nichts und musste sogar bei der sprichwörtlichen Kirchenmaus noch einen Deckel machen, aber ich war nicht unglücklicher als in Zeiten, wo ich bedenkenlos Kumpels Geld pumpen konnte, auch wenn ich wusste, da steht in roten Lettern drauf: Auf Nimmerwiedersehen. Ich hab mich auch nie großartig darum gekümmert, ob ich in meinen Jobs angemessen bezahlt werde. Neulich fragte mich jemand, wie viel ich verdienen würde.
Wahrscheinlich nicht viel mehr als ein Studienrat, vermute ich mal, wenn man es umrechnet in Zeit. Verglichen mit einem Studienrat bin ich allerdings definitiv unterbezahlt. Studienräte sind Leute, die sich nie hinter der Schulbank hervorgetraut haben, keine Ahnung von Imponderabilien des Lebens wie Arbeitslosigkeit haben, von Führungsverantwortung ganz zu schweigen, und vermutlich nie Budgets verwalten, die die Höhe einer Klassenreise zur Porta Westfalica überschreiten. Sowohl im Lernen als auch in der Lehre unterliegt der Studienrat Standards, hunderttausendfach erprobten Modulen.
Der Studienrat hat für alles Lösungshefte. Von mir wird erwartet, dass ich welche liefere.
Ich sollte mich echt mehr um Kohle kümmern. Respekt habe ich allerdings vor dem Studienrat, was die Durchführung von Klassenfahrten angeht. Eine Bande hormongesteuerter alkoholisierter Elftklässer davon abzuhalten, nachts die Schlafsäle der Mädels zu entern, wäre eine Aufgabe, für die ich die Nerven nicht mehr hätte. Ich würde dem Rädelsführer sofort einen an die Backe hauen. Da bin ich nah bei Mao: Strafe einen, erziehe Hundert. Aber solche Erziehungsmethoden sind wohl nicht mehr Standard. Auch daran sind die 68er schuld.

12.02.2017 – Morgendämmerungen und digitale Eieruhren

Im Hintergrund vermeldet der Deutschlandfunk gerade das Ergebnis der Bundespräsidenten-Wahl: Für Butterwegge 128 Stimmen, für Steinmeier 931. Mir ist egal, ob da ein paar frustrierte Unionshanseln- und greteln dem Agenda 2010 Protagonisten Steinmeier aus Ärger über ihre eigene Unfähigkeit, selber eine Grüßauguste ins Präsidentenrennen zu schicken, ihre Stimme verweigert haben. Das ändert an der strukturellen Verfasstheit des politischen Betriebs nicht die Bohne und interessiert bei den nächsten Wahlen kein Schwein mehr. Dass Butterwegge ca. 30 Stimmen aus dem Nicht-Linken Lager erhalten hat, ist, wie die Zeitungen morgen vermutlich schreiben werden, ein „Achtungserfolg“ und ein „Zeichen für eine rotrotgrüne Morgendämmerung, ersatzweise Zeitenwende, ersatzweise Option“. Ersatzweise blalabla. Am Gang der Dinge in Richtung Abgrund wird sich nichts ändern, deshalb wird sich was ändern an der Ordnung der Dinge. Eventuell. Wenn man die Ordnung ändert, muss man die Struktur nicht ändern, aber jeder Hat das Gefühl, dass sich etwas ändert. Was mich viel mehr interessiert: Was gibt es da in der Bundesversammlung am Büffet? Ich war neulich bei einem Empfang der Linken, da gab es Erbsensuppe. Und Bier. Ich steh mehr auf Fingerfood und Weißburgunder. Ob es da abends noch ne Party gibt? Und was da wohl so abgeht? Gehen die Politiker dann hinterher noch ins Freudenhaus? Und was machen die Politikerinnen? Sind so viele Fragen …Und es ist doch auch bald Karneval….
1994
Karneval in den Neunzigern an meinem damaligen Arbeitsplatz bei einer renommierten Maschinenbaufirma. Bemerkenswert an der Aufnahme ist, neben meiner gruseligen Frisur und dem faltenreduzierten Antlitz, was da so alles hängt: Die Luftschlange als Symbol der Heiterkeit und das in Norddeutschland, das Wahlplakat meiner Satire-Partei „SCHUPPEN 68“ und der Aufruf zu einem Warnstreik. Kein Wunder, dass mir der Karrieresprung zum Geschäftsführer erst Jahre später und in sehr anderen Zusammenhängen gelang.
Für Computerfreaks ist das Bild eine Reise in die Steinzeit der Digitalisierung. Der unfassbar klobige 18 Zoll Röhrenbrenner ist Teil einer Workstation-Konfiguration mit einem ca. 200 MHz Prozessor, maximal 128 MB Arbeitspeicher und allerhöchstens 2 GB Festplatte, wobei die auch schon weggefallen sein kann. So was hat heute jede digitale Eieruhr für 2,99 Euro.
So genau hat mich das damals aber auch nicht so interessiert. Der Müll so wie beschrieben dürfte locker 20 – 30.000 DM gekostet haben. Vielleicht etwas weniger, weil windige Vertreter der Firma Dutzende davon aufgeschwatzt hatten. So wie andere Klinkenputzer der Firma Software von SAP angedreht hatten, damals völlig unbekannter Laden. Ich hab nur gelästert über die völlig alltagstuntauglichen Programme.
Ich hätte lieber Aktien von dem Laden kaufen sollen statt darüber zu meckern.

11.02.2017 – Ein bitterer Tag

lindener hafen2
Morgen wird ein bitterer Tag für mich, ich werde wohl in den nahegelegenen Hafen flüchten und meiner Depression nachspüren. Häfen sind für mich dafür ideal.
Morgen wählt die Bundesversammlung den Bundespräsidenten, in Berlin im Reichstag. Aus Niedersachsen sind 63 Abgesandte dabei, die von den Parteien benannt werden. Vor ein paar Monaten fragten die Grünen bei mir an, ob ich mir vorstellen könnte, auf ihr Ticket dahin zu fahren, als eine Mischung aus regional teilbekannter Kulturschaffender und mittelmäßig exponierter sozialpolitischer Akteur. Das sind meine Formulierungen, trifft es aber im Kern. Letzten Endes haben sich Grünen dann für die Drag Queen Olivia Jones entschieden. Ich bin Mitglied keiner Partei, der Politikbetrieb ist mir nicht so wichtig, meine Eitelkeit befriedige ich woanders und Steinmeier hätte ich nicht gewählt. Mit Christoph Butterwegge steht ausnahmsweise mal ein für mich akzeptabler Kandidat zur Wahl. Das ist aber alles nur funktional-oberflächliches Argumentieren. Aus anderen, mir nahen Gründen wäre ich selbst mit amputierten Beinen nach Berlin gefahren. Auf Staatskosten Berlin, das volle Programm, Nobelabsteige, ohne Schlangestehen in den Reichstag, ich im Fernsehen (der Achte von links in der siebzehnten Reihe), ich hatte mir sogar schon eine Performance überlegt zur künstlerischen Kommentierung des politischen Aktes, und ein T-Shirt entworfen mit der Aufschrift: „Bundespräsidenten-Wahl 2017 – ich war dabei!“
Und bis an mein Lebensende am Lagerfeuer die Geschichte, wie ich gemessenen Schritts zur Urne schreite ….
Asche. Aber gefreut hat mich die Anfrage schon, eine schöne Geschichte ist es auch so und ich hoffe, dass Butterwegge mehr als 100 Stimmen kriegt. Das würde man dann wohl „ein kleines Zeichen“ nennen. Was aber auch nix ändert. Der Mann ist übrigens auch eitel, wie überhaupt nach meiner Wahrnehmung Männer im Durchschnitt eitler sind als Frauen. Da sie dabei meistens aber eher nicht so toll aussehen und sich mitunter eher aufführen wie Hampelmänner, geben sie im Durchschnitt ein trübes Bild ab. Butterwege habe ich des öfteren als Referent erlebt, auch auf eigenen Veranstaltungen, und wie der seine eigenen Bücher da in den Vordergrund stellt und sich in denen permanent selbst zitiert, das hat schon was peinliches. Aber er hat wenigstens Biss, ist parteiisch und kompetent sowieso. Morgen also “Sitting on the dock of the bay, watching the tide roll away”
lindener hafen
Kleine Häfen an einem Sonntag Mittag haben etwas unwirklich einsames, melancholisch-anrührendes, wie aus der Zeit von Industrie 4.0 und Digitalisierung Gefallenes.
Für meine Depression steht mir aber nur 1:30 Stunde zur Verfügung. Morgen muss noch eine PM raus. Ein Stress ist das im Moment, ich könnte ne Depression kriegen…

10.02.2017 – Es kommt alles wieder.

return of the postkarte
Postkarten, zum Geburtstag, zunehmende Tendenz. Es gab Zeiten, da hab ich ein oder zwei gekriegt. Glückwunsch-Standard war doch lange die Mail, die SMS (heute whatsapp etc.) und das gute alte Telefon oder Handy. Postkarten waren völlig out. So wie Schallplatten. Kommt aber offensichtlich alles wieder, bei Schallplatten steigt der Umsatz auch wieder. Ich fröne ja nach wie vor Cassetten, das ist Mega-Avantgarde. Postkarten schreibe ich auch noch, weniger als früher, aber doch.
Zu meinen Lieblingsritualen im Urlaub gehört das Postkartenschreiben. In der Mittagssonne setze ich mich auf den jeweiligen Marktplatz des Urlaubsortes, mit der jeweiligen Getränkespezialität des Landes wie Port, Sherry, Marsala etc. und liebevoll ausgesuchten Motivkarten und beginne zu schreiben, nur in ganz seltenen Fällen mit konkretem Bezug zu meinem Urlaub, eher launig-absurdes freies Fluten der vom Alkohol umnebelten Gedanken.
Port ist übrigens in jeder Bar in Portugal erhältlich, mit Marsala in Sizilien sieht das schon anders aus. Orte, wo Getränke angeboten werden wie Caipiroschka, sollte man nur aufsuchen, wenn man einer Performance beiwohnen will. Oder wenn man kacken muss und keine Alternative in der Nähe ist.
Hier ist es bitterkalt.
polizeiwagen
Polizeiwagen stehen hingeduckt im eisigen Ostwind zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt und zittern einem Räumungseinsatz im Namen der Gentrifizierung entgegen. Eigentlich hätte ich bei der Demo dagegen mitmachen sollen, aber Gottseidank kenne ich einen Teil der ca. 50 Aufrechten, die dabei waren, und zuverlässig, aber nicht immer faktenorientiert, berichten. Und außerdem musste ich zu einem Diensttermin. Eine Besprechung, in der es auch um sozialräumliche Armutsverdichtung infolge von Mangel an Wohnungen mit Belegrechten ging, was etwas andres ist als Mangel an sozialem Wohnungsbau. Die Welt ist absurd. Und kompliziert.
Und treibt mich mitunter in den Wahnsinn. Eben, im Beginn des Tages multipel mit einer Mischung aus Hausarbeit und Home Office beschäftigt, suchte ich meine Schlappen, mit denen ich in den Garten gehe. Es gibt nur zwei Orte, an denen die stehen können. Eher läuft die Zeit rückwärts oder der Apfel fällt nach oben, als dass die jemals woanders stehen. Ich bin ein außerordentlich ordentlicher und strukturierter Mensch. Ergo rannte ich tobend wie Zeus ob des Verrats des Prometheus in der Wohnung rum und suchte die verdammten Schlappen.
Ich hatte sie die ganze Zeit in der Hand.

06.02.2017 – Ausverkauft.

probenfoto
„Und von da kommen nachher die Zuschauer.“ Ist es das, was Regisseur Shuan Karim den Mitgliedern des Ensembles bei der letzten Probe des Stücks „Am Bahnhof“ sagen will?
Fakt ist, dass auch die Aufführung vorgestern in der Hinterbühne wieder mehr als ausverkauft war, die Zuschauerinnen saßen teils auf Klapphockerinnen ( mehr über geschlechtergerechte Hockerinnen hier) oder sogar auf dem Boden. Und waren begeistert. Mehrere Vorhänge.
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Wobei das Anstrengendste in Projekten nicht die funktionale Arbeit ist wie Projektdesign erstellen, Mittel verwalten, Mitarbeiterinnen organisieren, Öffentlichkeitsarbeit etc. pp, sondern die subjektiven Faktoren, wie z. B: psychische Dispositionen der Beteiligten. Das sind zentrifugale Kräfte, die kaum steuerbar sind. Bin ich Therapeut oder was. Das Leben ist kein Sitzkreis, sach ich immer. Wenn 10 Abteilungsleiter aus Verbänden und Gewerkschaften einen Fachtag planen, wie bei unserem Letzten, ist das relativ einfach. Die sind qua Verantwortung ihres nicht schlecht bezahlten Jobs dazu gezwungen, Ergebnis zu liefern, egal wie. Wenn sie das nicht gelernt hätten, wären sie nicht in dieser Hierarchiestufe gelandet. Was aber wäre mit Flüchtlingen, die professionell Theater machen und merken, dass es erfolgreich wird, und dann vielleicht darauf insistieren, kein „Flüchtlingstheater“ zu machen, sondern einfach: Theater. Da kommen so viele Ebenen zusammen, Donald würde onomatopoetologisieren: seufz, kreisch, jaul, jammer. Ich kenne Konfliktsituationen in Projekten und was ich noch besser kenne, sind meine diesbezüglichen Grenzen.
Da sieht man schon mal dunkle Wolken am Horizont.
lindener hafen 2
Road to nowhere? Oder eher “Burning down the house”?
Wieviele vielversprechende Karrieren z. B. von alten Musikerkumpels sind gegen die Wand gefahren worden, nicht wegen mangelnder musikalischer Kompetenz, sondern wegen Band-Kleinkrieg. Beispiel Jane, die in den Siebzigern eine der Krautrockbands schlechthin waren, eine vielversprechendere Karriere vor sich hatten als die aus dem gleichen regionalen Subkultur-Sumpf stammenden Scorpions und Hunderttausende von Tonträgern verkauften. Das Ende vom Lied: Bizarrer Band-Huzzle vor Gericht, wo einzelne Bandmitglieder in der Beweisaufnahme auch schon mal a cappela Auszüge aus Songs vortrugen, als es um Urheberrechte ging.
Da kann man nur seufzen: Keine Macht den Drogen.