21.05.2017 – Ist das Kunst oder kann das weg?

rad ihme
Besser als dieses Bild kann man das Wesen zeitgenössischer Kunst nicht erklären: Unterschiedliche Ebenen werden in einen irritierenden Zusammenhang montiert, das Produkt erzeugt Einsicht, Emotion, Erkenntnis. Dabei ist es nachrangig, ob derjenige, der das Rad aus dem Fluss gezogen und dahin gestellt hat, das so beabsichtigt hat. Entscheidend ist die Tatsache, dass das Bild ein öffentliches ist. Kunst ist unter anderem nur dann Kunst, wenn sie konsumiert werden kann, also öffentlich ist. Und wenn sie als solche deklariert wird, sei es von der Öffentlichkeit, den Medien oder dem Künstler.
Oder von mir. Was hiermit geschah.
Welche Emotionen erweckt das Bild bei Ihnen, liebe Leserinnen (der Bildausschnitt mit dem gelben Löwenzahn am unteren Bildrand ist absichtlich so gewählt)? Oje, die arme Umwelt? Ah, die bizarre Schönheit alltäglicher Gegenstände? Alles ist vergänglich, ich sollte das Leben nutzen? Ich muss morgen unbedingt Brot, Zahnpasta und Abschminkpads kaufen, aber nur ImseVimse? (Gibt’s wirklich, Öko Dinger. Denen hab ich es zu verdanken, dass ich 5 Jahre jünger aussehe. Im Halbdunkeln.)
Mir ging bei dem Bild tatsächlich die Begrenztheit des Lebens und die Nichtigkeit von Hader, Zank und Groll durch den Kopf. Das Rad alleine oder das Hochhaus für sich hätten bei mir das eher nicht ausgelöst. Da hätt ich vermutlich nur gedacht: Sieht das Scheiße aus. So aber ist alles vergänglich.
„Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden!
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;…..“

(Andreas Gryphius)
Pieter_Claesz_002
Pieter Claesz, Wikipedia commons gemeinfrei Ich weiß nicht, seit wann ich diesen Blog führe, aber eins weiß ich sicher: Ich habe hier nicht einmal das Urheberrecht auch nur angekratzt. Wussten Sie übrigens, dass in den letzten Jahren über 60 Prozent aller Werbeeinnahmen der Druckpresse in den USA bei facebook und Google gelandet sind? Und dass sich facebook und Google einen Dreck um die gesellschaftlichen Kosten scheren, die ihre Oligopol-Stellung verursacht? Obwohl facebook und Google eindeutig redaktionell arbeiten und keine reinen Provider sind, fallen sie unter die E-Commerce Richtlinie der EU, die sie zwar verpflichtet, strafbare Inhalte zu löschen, aber nicht dazu verpflichtet, ihr Angebot zu moderieren. Sie sind letztlich Haftungsbefreit.
Ein Angebot zu moderieren kostet Geld. Die Moderation von Spiegel online beträgt 3 – 5 Prozent der Gesamtkosten. Weil das richtig ins Geld geht, kann man bei den meisten redaktionellen Betreibern auch nachts nicht posten.
Fuck facebook! Fuckbook. Wobei die ja noch viel löschen im Vergleich zu Twitter. Also Tötet Twitter?
Keine Verbalmilitanz. Nicht in meinem Alter.

20.05.2017 – Ein Raunen geht durch den Saal, wenn ich rede

who killed the world
Who killed the world? Vielleicht Intelligenzgeminderte, die solche Autos fahren?
Wobei ich vorsichtig mit solchen Anwürfen sein sollte. Ich fahre ja auch nicht mit dem Rad ans Mittelmeer. Man kann mir also jene Hoffart vorwerfen, die vor dem Fall kommt. Damit sind wir mitten im Laster, und Vanitas, die Eitelkeit, oder auch Superbia, Eitelkeit mit Stolz und Hochmut, ist eine meiner Lieblings-Todsünden.
Wenn ich in der Zeitung über mich lese, dass ob meiner Ausführungen ein Raunen durch den Saal geht, dann greift Vanitas mit warmer Hand nach meinem Gemüt. Wobei mich die Formulierung „… als er Vermögenszahlen Deutschlands reichster Bürger einwirft …“ etwas irritiert. Das Leder beim Fußball oder den LSD Trip wirft man ein, aber Vermögenszahlen, mögen sie auch noch so berauschend sein?
Offensichtlich war die Rezensentin von meinen „Einwürfen“ derartig enthusiasmiert, dass sie später aus dem einfachen „Gleitze“ gleich den gesteigerten „Gleitzer“ machte.
Aber wann endlich verfällt die Presse mal nach zahlreichen erfolgreichen weiten und rauschhaften Einwürfen von mir über mich in den angemessen doppelten Superlativ: „Der gleitzeste Gleitzer, den es je gab“? Und wäre dann meine Vanitas gestillt? Wie verhält sich das überhaupt mit der Befriedigung von Lastern? Wollust vulgo Begehren kann gestillt sein, Geiz kann Grenzen haben, Jähzorn ist nicht zu stillen, Neid, Eifersucht verzehren bis zum Ende aller Tage, ohne Pause, Völlerei siehe Wollust, Faulheit hat ein Maß, mehr als Nichtstun geht nicht. Aber was ist mit Eitelkeit?
Scheiß die Wand an, das sind doch mal Fragen, über die es zu denken lohnt, oder wie sehe ich das?!
Anstatt über sowas zu grübeln, sollte ich mir lieber ernsthaft Gedanken machen, wie ich auf der Demo am Montag gegen Wohnungsnot mit meinem Redebeitrag wenn schon nicht dafür sorge, dass ein Raunen durch die Menge (?) geht, sondern sie wenigstens unterhalten wird. Der beste Weg zum Denken führt ja laut Walter Benjamin über ein Lachen.
Wohlan.

18.05.2017 – Über den Gleichheitsbegriff in der neoliberalen Karussell-Doktrin

Der Begriff „neoliberale Karussell-Doktrin“ gefällt mir aus zwei Gründen sehr gut: Er ist anschaulich, er ist präzise und er stammt von mir. Hab ich mir eben ausgedacht. Auf dem Klo. Ohne Smartphone. Falls das jemand wissen wollte.
Eigentlich müsste ich das Protokoll einer Mitgliederversammlung von gestern schreiben. Dazu habe ich aber so viel Lust wie ein Biber zum Sandburgen bauen. Stattdessen hämmere ich hier irgendwas in diesen Blog und freue mich daran, wie mir glänzende Bibermetaphern und herausragende Karussell-Doktrinen aus dem Hirn sprudeln, als ob ich dafür bezahlt würde. Werde ich aber nicht. Im Gegensatz zur Planung, Organisation und Durchführung von Mitgliederversammlungen. Und die gestrige mit einem Virus im Leib, der mich in einen Zustand versetzt, dessen Umschreibung mit „toter als tot“ als Euphemismus des Jahrhunderts durchginge. Meine Fresse, waren das noch Zeiten, als ich als einfacher Angestellter den Notwehrparagrafen, vulgo den „gelben Schein“ der Putativ-Krankschreibung, schon zog, wenn ich nur einmal genossen hatte. Ein Witz für Juristen und höhere Stände. Hahaha.
Na ja, laber laber, blabla. Dass mit der neoliberalen Karussell-Doktrin zielt auf Jürgen Marcus, mit seinem Lied „Auf dem Karussell“, wo es heißt:
„Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell,
darum wäre es schön
wär‘ man noch einmal zehn
da sind alle gleich
ob sie arm oder reich.“

Damit wird mit einem regressiven („wär man noch einmal zehn“!) und faktisch unkorrekten Sprachbild die real existierende Ungleichheit zwischen Arm und Reich eingeebnet.
Auf dem Karussell fahren mitnichten alle gleich schnell. Auf dem Karussell fahren die auf dem äußeren Radius natürlich schneller, weil sie in der gleichen Zeit den längeren Weg zurücklegen: v = pi · d · n. Physik Klippschule. Was man aber, glaube ich, aus Gründen der political correctness nicht mehr sagt. Draußen scheint gerade die Sonne. Auch so eine Sprachmüll-Formulierung. Wenn sie drinnen schiene, wäre ich verdampft. Was ich sagen will: Ich fahr jetzt mal mit dem Radl raus, nicht ohne eine Quizfrage zum Schluss:
Wo befindet sich diese Seilbahn? Im Walsertal oder in Hinterzarten?
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Richtige Antwort: Berlin, IGA. Aber Hinterzarten hört sich auch irgendwie faszinierend an ….

14.05.2017 – Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als Weltkulturerbe

weltkulturerbe
Ich setze mich hiermit für die Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als immaterielles Weltkulturerbe ein. Eine entsprechende Petition bei Openpetition.de ist in Arbeit.
Ziel:
Die Deutsche Unesco-Kommission soll die analoge Toilettenlektüre als Kulturform ins deutsche Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufnehmen. Das ist die Grundlage für eine Anerkennung als Weltkulturerbe. 2016 wurden von der Deutschen Unesco-Kommission unter anderem ins Verzeichnis aufgenommen:
Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald, das Forster Hanselfingerhut-Spiel (Volksspiel mit derben Worten) und das Tonnenabschlagen (Reiterwettkampf mit Tonnen).
Zur Begründung:
Die analoge Toilettenlektüre, vulgo das Lesen von Druckerzeugnissen auf dem Klo, stirbt im Zeitalter des Smartphones aus. Das ist in Zeiten des zunehmenden Verfalls der Sitten und der wachsenden Spaltung der Gesellschaft eine kulturgesellschaftliche Zäsur von nicht zu unterschätzendem Ausmaß. Ein herausragendes identitätsstiftendendes und zentripetal wirkendes Merkmal unserer Gesellschaft über alle Klassengrenzen hinweg war die analoge Toilettenlektüre. Sei es der Comic-notorische Spießer mit den hängenden Hosenträgern und der „Bild“, der Banker mit der FAZ, dem angesichts seines Aktienkurses der desaströse Zustand der Welt am Arsch entlangging oder ganze WG Horden mit der taz, denen der desaströse Zustand der Welt auf den Darm schlug, für sie alle galt auf der Toilette das Diktum von Jürgen Marcus, hier etwas abgewandelt:
Ob sie arm sind oder reich
Auf dem Klo sind alle Menschen gleich

Die Form des Rituals war identisch, die Inhalte (der jeweiligen Lektüre) wichen nur ideologiekritisch voneinander ab, waren aber strukturidentisch.
Das schaffte Einheit da, wo sonst Trennendes herrschte!
Es ist davon auszugehen, dass dieses Ritual im Zeitalter des Smartphones atomisiert wurde. Die Toilettenlektüre ist digital geworden, sie ist beliebig und kaum kommunizierbar, vermutlich wird mittlerweile sogar auf der Toilette gearbeitet, nach dem Motto: schnell noch mal die Mails checken. Untersuchungen haben ergeben: vier von fünf Menschen nutzen das Smartphone auf der Toilette.
Das klassenspezifische Smartphone-Toilettenlektüre-Verhalten bedarf dringend der Evaluation, hier tappt die Forschung noch zu sehr im Dunkeln.
Außerdem ist die digitale Toilettenlektüre wesentlich unhygienischer als die analoge. Die Drucklektüre verschwindet nach Erledigung in einem Mülltrennungsbehältnis. Das im Dauereinsatz befindliche Smartphone hingegen ist eine mikrobakterielle Brutstätte. Gerade Männer neigen zu mangelhafter Hygiene im technologischen Bereich, hier wäre in der Forschung unbedingt der Gender und Diversity Aspekt zu beachten.
Es kann unterstellt werden, dass – und hier orientieren wir uns an Michel Foucault, Jacques Derrida und Charles Latan – das Verschwinden von identitären Alltagsritualen auch den Kitt unserer Gesellschaft erodiert, anders formuliert:
Die wachsende Spaltung der Gesellschaft und das Aufkommen der braunen Brut von der AFD hat auch mit dem Verschwinden der analogen Toilettenlektüre zu tun.
Um überhaupt ein öffentliches Bewusstsein für diese Problematik herzustellen und Anstoß für tiefergehende Forschungen zu geben, wird hiermit der Startschuss zur Kampagne für Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als immaterielles Weltkulturerbe gegeben.

12.05.2017 – Platos Höhlengleichnis oder: it’s only Rock’n Roll!

spiegelung hp
Was ist Spiegelung und was ist Realität? Das ist nicht nur eine Frage der ästhetischen Wahrnehmung sondern natürlich auch eine erkenntnistheoretische, siehe auch Husserl et. al.
Die Frage ist seit Platos Höhlengleichnis in der Welt, was ist Realität, was ist nur Schein, Spiegelung der Realität. Diese Fragen sind durchaus nicht nur abgehobenes Reflexion Brimbamborium. Haben Sie sich noch nie gefragt, ob das real ist, was Sie gerade erleben oder nur ein Schatten an der Wand, eine Idee, ein schlechter Film?
Spieß zum Gefreiter Neumann, frisch von der Schule beim Barras:
„Neumann, was ist eine Idee?“
Neumann: „Eine Idee im Sinne von Plato ist eine ….“
Spieß: „Neumann, Sie Vollidiot, Sie sollen Ihr Gewehr eine Idee höher halten!“
Ich frage mich immer öfter, ob das Leben nicht eine gigantische Inszenierung ist, so wie im genialen Jim Carey Film „Die Truman Show“.
Tröstlich ist da immer ein Gedanke:
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It’s only Rock’n Roll!

10.05.2017 – Wer war Albert Norden?

wer war albert norden
Jude und Kommunist, das verzeiht die Reaktion niemals, über den Tod hinaus nicht. Und um der Niedertracht noch eine Krone aufzusetzen, ersetzt man den Namen des jüdischen Antifaschisten mit dem einer alten Nazi Schlampe. Vae victis.
Manchmal helfen nur noch Alkohol und Drogen.
bier
Bier. Da weiß man, was man hat. Schwieriger wird es bei Drogen, bei denen man meint, überall lilafarbene Elefanten zu sehen. Und hinterher völlig überrascht ist, dass es sich um Realität handelt. Wie im vorliegenden Fall auf der IGA in Berlin.
elephant iga

09.05.2017 – Bert Brecht und Helene Fischer

schifffahrt regierungsviertel1
Dem unbekannten Stadtführer auf der Schifffahrtstour durch das Regierungsviertel in Berlin gewidmet.
Solche Touren macht man, wenn man Fremden die Stadt zeigen will und man vom Cruisen durch Berlin ermattet ist. Wenn man Pech hat, kriegt man bei den Touren einen Führer, der einen mit den immer gleichen Fips Asmussen Witzen zur immer gleichen Stelle wahnsinnig macht. Wenn man Glück hat, kriegt man ein Tonband abgespielt, das erleichtert das Weghören. Wenn man großes Glück hat, kriegt man einen Stadtführer, wie den oben im Bild. Neben der selbstverständlichen Sachkenntnis und Zweisprachigkeit ganz großes Stand Up Theater, geniales Feeling für Impro und perfektes Gespür dafür, linke Botschaften so subkutan-inexplizit an die Frau zu bringen, dass auch ein CDU Kreisverband sich hinterher nicht bei seinem Arbeitgeber über linksradikale Indoktrination beschweren kann. Ich merkte nach zwei Sätzen, was da vorne abging, war schwer begeistert und sparte nicht mit Beifall, Daumen hoch und zustimmendem Gejohle. Das Restpublikum glich eher einer Ansammlung von unbeseelten Lehmklumpen. Der Vorhof zur Hölle. Was den unbekannten Stadtführer nicht verdross:
„Und links am Schiffbauerdamm sehen Sie das Haus des Berliner Ensembles, das maßgebend geprägt wurde von Bert Brecht und Helene Fischer. Toll, was die Frau alles macht.“
Pause. Ich lag mit Lachtränen schon lange am Boden. Er:
„Das war jetzt ein Test, ob Sie auch aufpassen. Es war Helene Weigel, nicht Helene Fischer. Helene Fischer is, by the way, our Celine Dion. Aber keine Angst, nachher kommen wir noch an einer Strandbar vorbei, am Mon Bijou Park, da können Sie dann wieder nach rechts gucken.“
Die Lehmklumpen rührten sich nicht. Er:
„Meine Witze versenden sich offensichtlich.“
Ich war am Ende der Fahrt außer Rand und Band.
Zum Schluss bedankte ich mich bei ihm, mit Trinkgeld und natürlich Lob, und der Bemerkung: „Schade, so viele Perlen vor so viele Säue.“ Das ließ er, zu Recht, als Profi so nicht stehen: „Ich versuche, es möglichst breit aufzustellen und allen Recht zu machen.“ Als ich schon auf der Gangway war, rief er mir halblaut nach: „Danke fürs Mitmachen, das passiert nicht so oft.“
Nachtrag: Das mit den Lehmklumpen muss ich etwas relativieren, der Beifall fiel sehr freundlich aus und es war ein regelmäßiges Klimpern im Trinkgeldtopf zu hören, fast alle gaben was.
Der Typ ist vermutlich Mitte 20 und schon jetzt so gut, dass ich ihm wünsche, dass er nicht auf diesen Dampfern verschimmelt. Ich hab früher auch Stadtführungen gemacht, im Rahmen von Projekten für die ehemalige Carl-Duisberg- Gesellschaft, und ich war gut darin. Aber ich war nicht halb so gut wie der Berliner und damals hätte ich schon sein Vater sein können.
Wer allerdings irgendwas als Kulturschaffender werden will, muss auch durch Scheiße waten, sei es Verrisse, Verachtung, falsches Publikum oder wenig Publikum.
Ein zuschauer
IGA Berlin, Band, mit einem Zuschauer. Und das ist nicht der Typ am Bildrand, der gehörte zur Band. Der eine Zuschauer war ich. Aber die Band machte trotzdem Power.
Meine geringste Zuschauerzahl bei einem Auftritt waren ca. 10. Viel, viel schlimmer ist falsches Publikum. Das ist die Hölle. Es gibt kein falsches Publikum im richtigen Künstlerleben, es gibt nur eine falsche Show, höre ich da als Einwand?
Da sach ich mal Argumentreduziert: Dummes Zeug

08.05.2017 – Maliziös

Rielsing
Rielsing? Wenn ich etwas nicht leiden kann, sind es Restaurants, die auf dicke Hose machen, vorzugsweise in Schicki Micki Gegenden, und dann in der Alltagspraxis peinlich peinlich danebenliegen. Wie im vorliegenden Fall ein Italiener in der Auguststr. in Berlin, wo eine Schicki Micki Galerie neben der zweiten liegt, mit seiner Getränkekarte, die zwar Kennerschaft durch Detailkenntnis vortäuscht, aber leider das, worum es geht, um die Rebsorte „Riesling“, falsch schreibt. In einer Szenekneipe in Neukölln würde ich das natürlich so gerade nochmal durchgehen lassen.
neukölln kneipe
Zumal in so einer wie dieser, die keinen Namen hat, kein Licht, keine Getränkekarten, keine Tapeten, in der geraucht wird, und nicht nur Tabak, und wo ich froh war, dass es so dunkel war, dass selbst eine Eule meine ergrauten Haare nicht erkannt hätte. Normalerweise ist mein Motto, man sollte die Jugend der Welt eher unter sich lassen. Aber diesen Laden fand ich so faszinierend, ich musste einfach rein.
Obigem Schicki Laden ließ ich den monströsen Lapsus natürlich nicht durchgehen. Beim Bezahlen fragte ich die Kellnerin:
„Der RIELSING war hochinteressant. Ist diese Rebsorte mit dem RIESLING verwandt?
Wenn Sie schon immer wissen wollten, was „maliziös“ ist, und sich nie zu fragen trauten – jetzt wissen Sie es. Der Riesling war übrigens exquisit und die Tortelacci mit Spargelfüllung an Bärlauchpesto ein Gedicht.
Wohl dem, der Bibelsicher ist, denn es wird ihm an Bildern nie mangeln. Gestern nach der Wahl des neoliberalen Macron ging mir die Apostelgeschichte 20:29 durch den Kopf. Wenn es Macron gelingt, in Frankreich eine Agenda 2010 nach Schröder-Vorbild umzusetzen, dann gute Nacht, Marie. Oder besser: Guten Morgen, Marin. In Frankreich ist die soziale Spaltung bereits jetzt deutlich höher als sie es in der BRD vor der Agenda 2010 war. Wenn darauf eine französische Agenda 2020 zusätzliche Armut und Ausgrenzung sattelt wie es in Deutschland durch die Agenda 2010 passiert ist, dann werden die Banlieues, und nicht nur die, brennen.
Das alles wird nach dem Abschied von den Feiern zur Macron-Wahl passieren so sicher wie das Amen in der Kirche, denn siehe, so spricht der Herr in der Apostelgeschichte 20:29 zu den Arbeiterinnen, Angestellten, Arbeitslosen und Prekären:
„Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden.“
Amen.

04.05.2017 – Hafencity 2

ich wohne in hafennähe
Ich wohne in einem Hafenviertel, siehe dazu auch den letzten Blog-Eintrag, Hamburg Hafencity. Hafenviertel ist eine Zuschreibung, die selbst dem seefahrendsten Einheimischen des hiesigen Kiezes nur schwer über die Lippen käme. Es ist aber irgendwie so. Am Ende meiner Straße beginnt ein Hafen, der Lindener Hafen. Mit offensichtlich mindestens 3 Kränen.

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1, 2, 3.
Hier verkehrt am Tag ein Schiff, mit dem Rad hat man das Areal in einer halben Stunde umfahren und eine Hafenschänke gibt es hier auch nicht. Und trotzdem kriege ich ein komisches Gefühl, wenn ich hier ab und zu nach dem Gang der Dinge schaue. Häfen faszinieren mich grundsätzlich, den Hamburger Hafen finde ich überwältigend. Den Anblick bei den Landungsbrücken auf das Hafenpanorama können selbst eine Milliarde Touris um mich herum mir nicht vermiesen. Mich packt da nicht so sehr das Fernweh, mit einer Schiffsreise kann man mich jagen. Viel zu lahm. Es sind wohl die tausend ungesungenen Geschichten, die einen direkt, unverhüllt an Häfen anprallen, und deren Ausstrahlung bis in die Stadt hinein. Ein Hafen prägt halt seine Umgebung. Bei mir in der Hafencity 2 ist das jetzt nur sehr indirekt der Fall. Ganz früher gab es bei mir schräg gegenüber sogar noch eine Hafenschänke. Ich wollte immer mal rein. Zu spät. Irgendwann war sie zu, jetzt ist eine Shisha Bar drin. Gutes Beispiel dafür, dass man im Leben Dinge nicht aufschieben sollte. Einfach machen. Gleich.
Überraschungen lauern in jeder Stadt.
magdeburg
Magdeburg, in Bahnhofsnähe Bauten, die an den sozialistischen Klassizismus Stil der vormaligen Stalinallee, jetzt Karl Marx Allee, in Berlin erinnern. Ich war überrascht, ich mag diesen Baustil, und hatte sowas in Magdeburg nicht erwartet. Städte wie Magdeburg animieren mich eher nicht zum Verweilen. Nach getaner Arbeit nehme ich in solchen Locations normalerweise den nächstbesten Zug und ab nach Hause. Hier hätte man verweilen können.
Nun denn, Berlin wartet. Das ist dann doch trotz aller Hafenfaszination für mich immer noch die Krönung des Metropolenwesens.

02.05.2017 – Heraus zum 2. Mai.

hafen city
Wird man hier in 40.000 Jahren auf Höhlenzeichnungen und Artefakte stoßen, die Auskunft über das Leben der Bewohnerinnen geben, ähnlich der Höhle von Lascaux? Hamburg Hafen City, als Gentrifizierungsförderndes Elitenprojekt ideologisch scharf zu verurteilen, als ebenso kühner urbaner wie einseitiger Entwurf faszinierend. Das ist da wo die Elbphilharmonie steht. So faszinierend ich das Hafen City Viertel städtebaulich finde, sozusagen auf der Oberfläche und jenseits der Ideologie, so wenig möchte ich da wohnen. Das ist noch toter als der Zentralfriedhof. Lebendig hingegen war mein 1. Mai.

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Aktion der Gruppe Gnadenlos Gerecht auf der Bühne der Maifeier in Hannover. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.
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Hinterher müssen die Massen natürlich per Flugi und Gespräch agitiert werden.
Scheißt der Hund am 2. Mai
ist der 1. Mai vorbei.
Alter Arbeiter und Bauern-Regel. Auch sonst ist einiges vorbei. Zum Beispiel meine Neigung, bei manchen Vorfällen wie das HB Männchen in die Luft zu gehen. Neulich musste ich einen Vortrag halten, was man heute aber gar nicht mehr sagt, vielmehr sagt man, wenn man Leute zutextet, jetzt Impuls oder Keynote. Blabla. Sowas kann ich ganz gut, im Gegensatz zu Reifenwechseln bei Autos oder CNC Fräsen. Ein nach mir Vortragender hatte einen Teil von dem, was ich erzählt hatte, nicht kapiert, erdreistete sich aber dem Publikum anzutragen: „Anders als mein Vorgänger sagte, ist es so …“
Noch vor einem Jahr wäre für diese Impertinenz eine Verbalhinrichtung der ersten Kategorie erfolgt. Wenn ich etwas nicht habe, sind es Hemmungen, und wenn ich etwas gelernt habe, sind es spontane öffentliche Interventionen. Der junge Mann wäre im Normalfall wie ein begossener Pudel von der Wallstatt geschlichen. Früher. So aber guckte ich ihn nur an, dachte bei mir: Du Vollidiot, schwieg und hoffte, dass meine Haare richtig sitzen würden. Die verantwortliche Person der Veranstaltung, auch jüngeren Alters, sagte nach dem Ende der Veranstaltung zu mir: „Danke fürs Dasein.“
Danke fürs Dasein? Früher hätte ich da aus gekränkter Berufsehre mal nachgefragt, wie das denn bitteschön gemeint sei. So lachte ich mir auf dem Nachhauseweg eins beim Einordnen dieser Bemerkung in ein Zeugnisschema. Setzen. Fünf. Eins wäre: Danke für den einmaligen Vortrag. Zwei wäre: Danke für den guten Vortrag. Usw. usf. Meine Fünf ist nur noch durch die Sechs zu toppen: Danke fürs Nicht-Dasein.
Am Abend bei einer Feier schöner Dialog, es ging um Kindheitserinnerungen.
Kumpel: „Meine Kindheitserinnerungen sind die Comics von Marvel.“
Ich: „Meine Kindheitserinnerungen sind die Höhlenzeichnungen von Lascaux.“
Und manchmal fühle ich mich auch so. Gereift, weise, gelassen.
Bis zum nächsten Mal, wo mir einer dämlich kommt. Der kriegt die doppelte Ladung ab, für den Vollidioten von oben gleich mit.