26.06.2017 –Elefantenjagd & Modernisierungstriebsätze

Bild (6)
Ich – auf Elefantenjagd. September 1997, analoges Foto. Ein kleiner Zirkus hatte in der Stadt Halt gemacht und ließ seine Elefanten draußen weiden. Heute hätten solche Fotos kaum einen Reiz, weil man sowas mit Photoshop und etwas Geschick jederzeit basteln kann und damit dem Bild die Aura der Einmaligkeit oder des Ungewöhnlichen raubt. Wem oder was soll man noch glauben? Anfang der 2000er wurden Digitalkameras auch für den Amateur erschwinglich. Ich kaufte mir 2002 die erste und packte mein komplettes Papierarchiv in den Keller. Und da würde es ungenutzt bis zum Ende aller respektive meiner Tage verschimmeln. Ich gehe höchstens in den Keller, um ne Pulle Sekt hochzuholen, aber nicht für Fotos angucken.
Zurzeit lasse ich mein Archiv von einem Kumpel scannen und freu mich wie ein Schneekönig über neue alte Filme, dann in Form von Dateien. Was da so alles auftaucht….Elefanten zum Beispiel. Mittlerweile haben auch Smartphones akzeptable Kameras. Es ändert sich andauernd was, Modernisierungsschübe allenthalben, durch was auch immer angetrieben. Die Entwicklung und massenhafte Verbreitung von Videorekordern z. B. wäre ohne den Porno-Markt nicht denkbar gewesen. Weitere Treibsätze, besser: Triebsätze, neben Pornographie für technologische Entwicklungen sind der Spieltrieb und der Krieg, jeweils beschleunigt von grenzenloser Gier.
Ich hab ja bisher zumindest auf dem Kommunikationssektor aus beruflichen und künstlerischen Motiven fast alles mitgemacht, mitunter wie im Smartphone Fall spät und eher widerwillig, aber dann doch. Man will ja auch verstehen, was die Welt so zusammenhält, respektive auseinandertreibt. Und irgendwann will man „es“, PC, Mail, Internet, Smartphone, tablet, etc. pp. nicht mehr missen. Ich fahre Anfang der Woche nach Berlin, zum Armutskongress, letzter größerer dienstlicher Akt, bevor eine schier endlos scheinende Sommerpause vor mir liegt, in der ich nur das mache, was ich will (Was will ich eigentlich?). Und da kackt doch vorher mein Smartphone ab. Kreisch jaul jammer zeter. Wie soll ich denn da durch die Big City navigieren? Mit einem Falk Plan vielleicht?! Geben Sie, liebe Leserinnen, mal einer Nachgeburt aus den Jahrgängen 1990 aufwärts mal einen Falk Plan von Berlin in die Hand mit der Aufgabe, den Weg von Spandau nach Weissensee zu suchen. Der oder die erschlägt Sie mit dem Plan.
Ich für meinen Teil bin froh, dass ich außer diesem Kongress nichts weiter terminlich am Hacken habe, und keine Notfallkommunikation wie dahinsiechende Sippschaft oder drogensüchtige Brut. Ich kann mich also Head over Heals in einen mehrere Tage währenden digitalen Entzug stürzen.
Bild (8)
Nicht ohne mich vorher am Foto des Elefanten vor dem Schnellweg zu erfreuen. Eine Frage schwirrt mir aber schon durch den Kopf – Wann taucht die erste neue Technologie auf, bei der ich sage: Das mach ich nicht mehr mit. Und wie wird die aussehen?

24.06.2017 – Vergessen Sie die Merkel Raute.

taube nass
Taube auf meiner Veranda, nach Sintflut-Regen flugunfähig. Das Gefieder war derartig voll Wasser gesogen, dass sie nicht abheben konnte. So ein Unwetter wie am 22.06 habe ich hierzulande noch nicht erlebt. Meine Veranda glich einem Sturzbach, der Blumenkübel mit sich riss, eine vom Himmel stürzende Wand von Wasser beschränkte die Sicht auf ein paar Meter und der Regen drückte in meinem Arbeitszimmer durch das geschlossene Fenster. Hatte ich noch nie und das war insofern nicht ganz ohne, als unter dem Fenster mein alter Zweitrechner steht, als Back-Up, vom Netz abgeklemmt. Ich stellte den Rechner auf ein Buch, damit er von der Pfütze wegkam. Das Buch war ein Lehrbuch für CAD, (für Sozialarbeiterinnen: das ist sowas wie Malen nach Zahlen, bloß mit dem Computer, Computer Aided Design) aus der Zeit vor dem Krieg, aus einem Lehrgang, zu dem mich ein früherer Arbeitgeber verdonnert hatte, als die ersten Workstations für CAD auf den Markt kamen.
Hab ich nicht einmal reingeguckt. Aber man sollte Bücher nie wegschmeißen, man weiß, ja nie, wozu man sie noch braucht.
Eine andere Welt, mittlerweile schenke ich als Träger des 9. Dans der Moderation der Welt sogar neue Ikonen der Gestik.
Der Gleitze Kelch
Vergessen Sie die Merkel-Raute – hier ist der Gleitze-Kelch (Foto: Degener). Moderation bei einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Die neue UmFAIRteilung – wieviel Gerechtigkeit braucht unsere Gesellschaft?“.
Ich kann nur inständig hoffen, dass die Genossinnen die Forderungen, die bei der Veranstaltung erhoben wurden, nämlich höhere Besteuerung von Erbschaften und Vermögen, höhere Löhnen bei den unteren und mittleren Einkommen und eine gute Bildung für alle, nach ihrem Parteitag am Wochenende in ihr Wahlkampfportfolio aufnehmen.
Ich mache zu Beginn der meisten Moderationen, Veranstaltungen etc. gerne einen kleinen Satire-Quiz, bei dem die Leute auch was gewinnen können. Danach ist die Stimmung meistens so aufgeräumt, dass die Leute auf jeden Fall mitmachen. Und das ist das Wichtigste überhaupt.
Skurril allerdings, wie ich das Quiz ankündigte: „Damit wir miteinander warm werden, machen wir erstmal ein kleines Quiz.“
Es war über 30 Grad, schwül, ich hatte schon zu Beginn der Veranstaltung keinen trockenen Faden am Leibe. Ein Unwetter lag in der Luft.
Und da schließt sich der Kreis, siehe oben.

19.06.2017 – ICH. Oder das Prinzip der paradoxen Konter-Intervention in der zeitgenössischen Kunst

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA


Der Spieler mit der Rückennummer 560 betritt das Spielfeld.
ICH – offensichtlich gut gelaunt, kurz vor dem Start der Aktion der Gruppe Gnadenlos Gerecht auf dem 1. Mai-Fest in Hannover.
ICH wurde neulich gefragt, ob ich mir wegen meines Blogs keine Gedanken machen würde, was mit meinen Daten und Aussagen da passiert und überhaupt, das wäre doch teilweise privat, und ob mir der Blog nicht schaden könnte, bei meinen Jobs, bei meiner Arbeit. Also wenn mir das bei irgendwelchen Jobs schaden könnte, wären das Jobs, die ich nicht mache. Was das Private angeht: wer weiß denn außer mir, was wahr ist an den Geschichten, die hier im Blog stehen. Alles Lüge, oder was? Außerdem: Es ging vor Äonen mal um die Politik der ersten Person.
ICH werde einen Deibel tun und hier mit der Fahne des politischen Feminismus, den es nicht mehr gibt, wedeln, aber der brachte es auf den Punkt: Das Private ist politisch. Was nicht zu verwechseln ist mit der aktuell grassierenden peinigenden Scham- und Würdelosigkeit und epochalen Indiskretion auf allen Kanälen. Es geht einfach darum zu sagen:
ICH bin, also ist es politisch. Nicht: Es ist, also bin ich politisch.
Und was die Datensicherheit und Überwachung angeht: ach Gottchen. Nicht die Daten-Überwachung ist pervers, sondern die politische Situation, in der sie stattfindet. Und mit der Situation komm ich klar. Falls mal der Faschismus ante portas steht, reden wir weiter.
Betrachten wir diesen Blog einfach als paradoxe Intervention, antizyklisch, proaktiv, ein Kunst-Griff. Wenn Sie verstehen, was ich nicht meine. Paradoxe Intervention in der Kunst ist zum Beispiel das Bild von Magritte „La trahison des images“, auf dem steht „Ceci n’est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife). Abgebildeter Gegenstand ist eine Pfeife. (Für Fortgeschrittene: es darf auf keinen Fall heissen „Auf dem Bild sehen wir eine Pfeife“!)
20170619_061211
Ceci n’est pas une papier toilette.
Hängt, grammatisch nicht ganz richtig, auf meiner Toilette, seit dem 60. Geburtstag der BILD. In ca. 180 cm (!) Höhe. Sie ahnen, was kommt, liebe Leserinnen. Das Werk hing keine 3 Tage, dann war es nicht mehr vollständig. Da ging jemandem die Kunst am Arsch lang.
Und so schenkte ich der Kunstwelt den Begriff der paradoxen Konter-Intervention.
Allen Bloginsassinnen wünsche ich eine sonnige Restwoche.

15.06.2017 – Die Sache mit dem Vögeln

refugium für meisen, braunellen, zaunfinken
Refugium für Vögel
Es muss natürlich heißen: …mit den Vögeln. Aber raten Sie mal, welcher Header mehr Sexappeal hat. Heute Morgen waren sämtliche Johannisbeeren von meinem Strauch weg, sie waren gerade mal zart angerötet, in etwa so wie ein Backfisch, wenn ein alter Sack einen dummen Witz mit Vögeln macht. Sagt der junge Mann: „Guten Tag, Frau Amsel, ich wollte ihre Tochter zum Amseln abholen.“ „Aber ich heiße doch Vogel.“
Das mit den Johannisbeeren jedenfalls waren die Vögel. Was mich in einen Zorn versetzte, der dem des Achill nur wenig nachsteht. Die sollten in meinen Rumtopf, der nur aus ostgotischen Früchten besteht! In der Wiege gemeuchelt. Kreisch jaul jammer zeter. Aber soll ich mich jetzt mit einem Luftgewehr auf die Veranda setzen? Gibt sowieso immer weniger Vögel. Ist doch eh alles vergänglich.
Bis auf den Ruhm. Mir stellt sich die Frage: was bleibt am Ende des Tages von einem? Besser: nach dem Ende des Tages, weil wir ja von der postmortalen Dusternis sprechen, die unsere zu Staub werdenden Leiber umhüllt, wenn die Leber ihren Dienst eingestellt hat. Von mir bleibt nach jetzigem Stand: Der Mann mit der Mauer zwischen Arm und Reich, der Besitzer des einzigen Witzeverleihs der Welt, das einzig noch lebende Gründungsmitglied des SCHUPPEN 68. Wenn man von so einer Bilanz keine Depressionen kriegen soll, wovon dann?
Was hab ich nicht alles schon gemacht: die kürzeste Kunstausstellung der Welt, den Landtag privatisiert und gesprengt, mit dem Duchamp Urinal über die Documenta, Geld verbrannt, die Weltpresse huldigt mir als dem Nischen-Mario-Barth, siehe Pressespiegel Pressespiegel SCHUPPEN 68 – Klaus-Dieter Gleitze Selbst die Bild liebt mich für meinen engagierten Kampf gegen die AfD.
Und was bleibt? Die Mauer, die Witze und ein alter Sack.
Aber ich gebe nicht auf. Ich bin ein Beißer, ein Kämpfer, ich gehe dahin, wo es weh tut. Ich habe einen Cocktail erfunden, ein Stern, der meinen Namen tragen wird. Ich werde in Geschichte eingehen wie John Montagu, der 4. Earl of Sandwich. (für das Sandwich, nicht für die Unfähigkeit!)
portorol
Ich habe den Portorol erfunden!
Und damit den derzeitig herrschenden Antagonismus zwischen dem prolligen Modegesöff Aperol und dem unnachahmlichen Klassiker Portwein überwunden. Der Portorol geht so:
1 Teil Portwein (weiß, nicht trocken!), 1 Teil Aperol, 1 Teil Sekt (extra brut, Winzersekt), 1 Teil Tonic, 1 Dash Zitronensaft (mallorquinischer) und als Krönung: zwei (nicht: eine!) tiefgefrorene Himbeeren.
Die sind am Ende des Genusses dieser Geschmacksexplosionen aus himmlischer Süße, teuflischer Bitternis und prickelnder Aromenfülle nämlich aufgetaut und verleihen dem Cocktail im Abgang eine unvergessliche zart-säuerliche Fruchtnote.
Oh, Ihr Götter, macht Platz mir im Olymp und preist meinen Namen!
Sonst setzt es etwas. Amen

13.06.2017 – Gehen Sie davon aus, dass ich tot bin. Mindestens.

stephan weil
SPD Sommerfest im Wilhelm-Busch-Museum Hannover – MP Stephan Weil
Ich danke dem lieben Gott, dass ich in diesem Leben nicht nur nichts mehr werden will, sondern im Gegenteil. Ich will weniger werden. Was Arbeit, Anforderungen etc. angeht.
Das heißt, wenn ich zu Veranstaltungen wie dem SPD-Sommerfest eingeladen werde, kann ich guten Gewissens dorthin gehen. Ich tue das nicht aus opportunistischen, sondern aus lauteren Gründen, mein Herz ist rein, meine Gründe sind: ich kann mir dort für lau die Kante geben, endlich die famose Haderer Ausstellung besichtigen und lästern ohne Ende. Was mich mit vielen netten Menschen dort einte.
Man mache sich nichts vor: Karrieren, Fördermittel etc. werden nicht nur mit dem Hirn erarbeitet oder dem Charisma, sondern auch mit dem Arsch. Meint: sowas ersitzt man sich durch schiere Anwesenheit bei Veranstaltungen, Sitzungen, Treffen etc.. Wo man nebenbei gerne noch Netzwerke knüpfen kann. Oder nach Herzenslust rumschleimen, ranwanzen, reinkriechen. Das trifft für mich alles nicht zu. Nicht etwa, weil ich so ein toffer, ethisch eher im kantischen Sinne grundierter Charakter wäre. Bewahre, ich bin ein Arsch wie jeder andere. Der Grund ist ein schlicht utilitaristischer: ich will mal wieder mehr was Anderes machen. Kunst produzieren, Reisen, schreiben. Da kann ich noch mehr Arbeit, Anforderungen, Projekte so notwendig brauchen wie einen Kropf am Hals.
Stephan Weil gab sich kämpferisch, die Wahl in Niedersachsen ist am 14. Januar 2018. Ein taktisch cleverer Termin, heißer Wahlkampf läuft ca. 6 Wochen vor einer Wahl an, vom 20.12 bis 06.01 ist aber überall Schicht im Schacht, das winterliche Sommerloch, keiner da in Kanada.
Also die SPD will stärkste Fraktion werden und den MP stellen.
haderer
Meine Wunschkoalition für Niedersachsen ist rotrotgrün. Ich wünsche mir allerdings seit Jahren auch eine eigene TV Show (das Bild ist von Haderer aus der Ausstellung im Busch Museum. Prädikat: Sehenswert grandios).
dienstwagen
Dienstwagen vor dem Busch-Museum. Woran erkennt man die Chauffeure? Das sind die, die seriös aussehen.
Super Pointe für meine nächste Satire-Show.
Ich würde auch gerne mal wieder auf Tour gehen. Aber das Leben ist kein Ponyhof. Durch meine anarchischen Künstler-Wunschwelten grätscht mir dauernd mein preußischer Wesenszug: Disziplin, Korrektheit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit. Wenn ich zu einem Termin 5 Minuten zu spät käme, gehen Sie davon aus, dass ich tot bin. Mindestens.

11.06.2017 – In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

So lautet der Titel eines Films von Alexander Kluge von 1974. Skurrilerweise fiel mir dieser Titel unlängst in der City ein, als ich mir ein Sakko kaufen wollte. Ich hasse die City. Nicht: die Stadt. Das ist ein Kulturort. Die City ist ein Konsumort. Nichts gegen Konsum, der hält den kapitalistischen Laden am Laufen und gibt dem blauen Planeten den Rest. Beides Varianten, mit denen ich mich anfreunden kann, ich lebe innerlich sowieso schon im Post-Anthropozän. Nach mir die Sintflut. Respektive die Barbarei, denn die dürfte nach dem Ende des Kapitalismus auf Sie, liebe Leserinnen, warten (ich sondiere hoffentlich dann schon jenes Grass, was ich dann nicht mehr rauche, von unten).
grass in eimern
Grassanbau in Spielzeug-Eimern. Die Hippies schreckten damals vor nichts zurück.
Ich hasse auch das Shoppen, was eine prollförmige Art des Konsums ist. Das Shoppen ist das Gegenstück zum Connaisseur-grundierten Genuss.
Und ich hasse Sakkos. Sakko ist, wenn einem gar nichts mehr einfällt. Wer anfängt Sakkos zu tragen, hat mit dem Leben abgeschlossen. Wenn Männer nicht mehr weiterwissen, kaufen sie Sakkos. Danach heiraten sie. Sakko ist der Kompromiss, den man macht, bevor man überhaupt anfängt zu verhandeln. Sakko ist mehr als Konvention. Sakko ist Langeweile. Jeder Sakko-Kauf ist ein Akt der Kastration.
Es gibt ein, zwei Sakkos, die sind akzeptabel. Die kann ich mir nicht leisten, wie ich mir grundsätzlich meinen Geschmack nicht leisten kann. Solche Sakkos kosten so viel wie ein Kleinwagen. Was eindeutig gegen den Kleinwagen spricht.
galerie boozilla
Revolutionäre Creationen. Falls jemand von der ehemaligen Galerie Boozilla das hier liest, freue ich mich über eine kurze Rückmeldung. Es geht nach wie vor um Revolutionäre Creationen und so Zeug, aber jetzt mehr die Richtung Big Kohle abgreifen.
Creations- und Kleidungsmäßig stehe ich entweder auf Smoking oder auf autonomes Schwarzleder, also heiß oder kalt, aber nicht lauwarm, all or nothing, aber doch kein – siehe oben – Mittelweg Sakko!
Oder nur, wenn es unbedingt nötig ist. Es gibt halt Gelegenheiten, wo man auch mal einen Kompromiss machen kann.
Und dann stand ich also in dieser Herrenbudike und hatte ein Sakko im Auge, respektive schon an. Der Sitz sagte mir nicht optimal zu, ich nahm eine Nummer kleiner. Schon besser.
Und was sagt der Verkäufer, geradezu hysterisch begeistert:
„Das ist es! Die vorherige Version hatte doch überhaupt keine Aussage!“
Ich schlug ihn zu Boden und ging. Also mehr nach innen, gefühlt.
Ich gehe nie wieder shoppen, bis ins Post-Anthropozän. Was ist das für eine Welt, wo ein Sakko, das eine Nummer größer ist, überhaupt keine Aussage mehr hat.
Keine Welt, in der ich leben möchte.

10.06.2017 – Kunst & Ökonomie

kindl
Ohne Untertitel geht in der Kunst gar nichts. Videoinstallation in der Kindl Brauerei in Neukölln, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Ich liefere Ihnen hier mal die Phrase des Monats für den nächsten Small Talk: „Waas?! Du kennst das Kindl in Neukölln nicht?! Das ist ein absolutes Must-have, wenn Du bei Avantgarde mitreden willst.“ Das Kindl kennt garantiert keine Sau, ich hab’s auch nur per Zufall beim Cruisen durch Neukölln entdeckt. Besuch lohnt sich.
kindl2
Kindl – altes Brauhaus, jetzt Cafeteria.
Überhaupt naht ein Sommer mit einem phänomenalen Angebot an Kunst: Documenta in Kassel, Skulpturenprojekt in Münster, Maden in Germany in Hangover, und das ist nur der Mainstream. Bei aller Verrohung der Sitten und des Niedergangs der res publica: „Wir“ sind nach wie vor eine Kulturnation. Auch in der Kultur wie in der Bildung, im Wohnen, in der Gesundheit und im Geld eine tief gespaltene Gesellschaft, die immer mehr Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausschließt, aber die BRD, um das ideologische „Wir“ mal außen vor zu lassen, hat genug von allem für alle. Es gibt eine einfache Formel für eine bessere Gesellschaft: Umverteilung + mehr Teilhabe = mehr Gerechtigkeit.
Und für Künstler_innen angemessene Produktionsbedingungen schaffen. Abseits vom Ethik-Gesumse und Kultur-Blabla ist Kunst ein knallharter Wirtschaftsfaktor, es geht im Kampf um die High Potentials für jede Region darum, Kultur als Standortfaktor anzubieten.
Aus aktuellem Anlass drucke (?) ich hier den Artikel „Sonderfall Kunstmarkt“ ab aus dem Katalog des Kunstprojektes „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ das 2013 begann. Den Materialband gibt es hier: Materialband – Armut – Das ist doch keine Kunst!
„Armut? Das ist doch keine Kunst!“ ist das umfangreichste und nachhaltigste Projekt, das ich bisher organisiert habe. Es thematisiert den Zusammenhang von Kunst und Ökonomie.

Sonderfall Kunstmarkt
(aus: Katalog „Armut? Das ist doch keine Kunst!“, Hannover, 2013, Seite 18 – 20)
Je mehr Wertschätzung sich die Kunst in Deutschland erfreut, desto prekärer wird die Situation der Künstler. Der Kunstmarkt spiegelt die allgemeine Situation in Deutschland wider, größere Spaltung in „oben“ und „unten“. Der Maler Gerhard Richter ist mit einem Vermögen von ca. 200 Mio. Euro einer der 500 reichsten Deutschen. Auf der anderen Seite verdienen mit künstlerischer Arbeit 68 % aller Befragten weniger als 5.000 Euro im Jahr, der Mittelwert liegt bei 1.362 Euro, laut einer Umfrage des Bundesverbandes Bildender Künstler und Künstlerinnen (BBK) von 2011.
Dabei besitzt Kunst einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert: 2007 hatten Museen und Ausstellungshäuser 133 Mio. Besucher. Im Vergleich: Die Bundesliga hatte gerade mal 17,5 Mio.
Abseits von Wertschätzung generiert der sogenannte Kreativsektor enorme Wertschöpfung. Seine elf Branchen von Architektur über Musik, Kunst, Film bis zu Software erzielten im gleichen Jahr 140 Mrd. Euro Umsatz mit 763.400 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Die Landwirtschaft schaffte mit 42 Mrd. Euro noch nicht einmal ein Drittel.
164.555 sozialversicherte Künstler gab es 2009 in Deutschland mit einem jährlichen Durchschnittsverdienst von 12.000 Euro . Davon waren ca. 75.000 bildende Künstler, was für Hannover rechnerisch ca. 450 bedeutet. In die Künstlersozialversicherung wird aber nur aufgenommen, wer mehr als 3.900 Euro im Jahr mit künstlerischer Arbeit verdient. Diese Hürde ist für viele zu hoch. Bei einem Highlight der hannöverschen Kunstszene, dem jährlichen Zinnober Kunstvolkslauf, werden Künstler, die abseits der dort handelsüblichen Postkarten und Poster ein „richtiges“ Werk verkaufen, von Kollegen bestaunt wie weiße Raben. Die teilnehmenden Galerien und Ateliers müssen vielmehr noch Teilnahmegebühren bezahlen. Angesichts des Marketingeffektes für die Stadt durch diesen Event eine eher irritierende Maßnahme. Kunst und Kultur sind zunehmend wichtige Standortfaktoren im immer härterer werdenden Kampf um die eigene Attraktivität als Wirtschaftsstandort.
Zitat: „Die Beliebtheit einer Stadt hängt nicht von ihrem Konsumangebot ab, sondern von ihren kulturellen Einrichtungen. Ein Unternehmen, so wenig ihm auch an Kultur gelegen sein mag, schätzt ihre Angebote als Standortfaktor und rechnet sich die Anerkennung, die die Stadt durch ihre Ausstrahlung genießt, als eigene Leistung an. Die Kultur macht die gute Adresse des Standorts, und die ist umso besser, je mehr die Stadt von sich reden macht.“
aus: Hannelore Schlaffer: „Die City. Straßenleben in der geplanten Stadt“, zu Klampen Verlag.
Das Buch sollte Pflichtlektüre bei kommunalen Entscheidern und in den Führungsetagen von Unternehmen werden.
Ein Hund kostet bei Film und TV pro Drehtag 350 Euro, ein ausgebildeter Tänzer ist für 221 Euro zu haben. Da würde sich mancher gerne zum Affen machen. Die bringen es auf 1.500 Euro pro Drehtag.

09.06.2017 – Luxus pur

Ab und an fasst mir der Menschheit ganzer Jammer mit eiskaltem Händchen ins Gemüt. Müde und schwächelnd schob ich unlängst mein Rad nach einem Termin voll nichtiger Ödnis und klaftertiefer Bedeutungslosigkeit über das Trottoir. Lieber Gott, wer gibt mir diese verlorene Zeit wieder? Jetzt einen Frustkauf tätigen, irgendetwas abgefeimt Luxuriöses, ins Dekadente gar lappend, etwas, worüber man besser schwiege, weil beim Bekanntwerden ein Raunen durch die Peergroup ginge: Jetzt ist der völlig durchgeknallt. Oder so ähnlich. Es sollte also Luxus pur sein…
Ich kaufte bei Rossmann vierlagiges Toilettenpapier.
Dabei hasse ich diesen Laden. Dirk Rossmann, mein alter Kneipenkumpel aus der Kneipe „Maulwurf“, das linksradikale Maul in den Zeiten, als das en vogue war, gerne bis über beide Ohren so weit aufgerissen, dass darin sogar zwei Joseph Fischer Platz gefunden hätten, und jetzt bescheißt er Lohnabhängige um ihren ohnehin schon kärglichen Lohn. Er ist der zweitreichste Niedersachse mit einem Vermögen von fast 3 Mrd. Euro. Und dann da kaufen?!
Ich sei ja nur sozialneidisch, höre ich da jemanden rufen? I bitt Sie, gehn’s, samma fesch.
Ich verkehre dauernd in purem Luxus, Neid hab ich echt nicht nötig.
landesvertretung brüssel
Vertretung des Landes Niedersachsen in Brüssel, mit Lüstern behangen. Toilettendeckel sind aus Gold. Stündlich wird Kaviar von livrierten Lakaien serviert. Luxus pur. Ich verkehre andauernd dort, das bringt meine Rolle als vom Staat eingekaufter ehemaliger Rebell so mit sich. Was dem Kapital sein Rossman, ist dem Land Niedersachsen sein Gleitze.
Und die Politiker erst, wie die im Luxus schwelgen. Die kriegen es vorne und hinten reingeblasen. Diese Diäten, unglaublich!
Wenn ich sowas höre, gerne auch in linkspopulistischen Kreisen, krieg ich die Krise. Das ist eine derartig groteske Vernebelung wahrer Finanz-Skandale in unserem Land, dass dieses populistische Gekeife vom Kapital erfunden worden sein muss. Fakt ist: Ein Landtagsabgeordneter in Niedersachsen kriegt um die 6.000 Euro im Monat Diäten. Da kriegt jeder Meister bei VW oder Schuldirektor mehr. Zum Vergleich: mit sogenannten cum ex Geschäften wurde der Staat in den letzten Jahren von Anlegern um ca. 30 Milliarden Euro beschissen.
Durch EU Umsatzsteuerbetrug gehen EU-weit jedes Jahr mindestens 50 Milliarden Euro flöten.
Steuerhinterziehung in der BRD dürfte per anno eher mehr als 100 Milliarden Euro ausmachen.
Das sind Skandale. Aber das ist ja mühselig, diese Mechanismen zu verstehen. Auf armselige Politikerwürstchen einzudreschen, ist da viel einfacher. Den Politiker-Job würd ich mir niemals antun, aus fast allen Gründen. Es gibt allerdings einen Grund, der mich reizen würde (neben der Altersversorgung, die es zugebenermaßen in sich hat): das Gefühl von Wichtigkeit und vermeintlicher Macht.
Macht aber nix.
Die Partei, die mich aufstellen würde, die würd ich nicht wählen. Aus Mangel an Respekt.
In dem Sinne, liebe Leserinnen, genießen Sie den Sommer. Der schönste Luxus pur ist der, den man nicht kaufen kann ….
brüssel
Parlament in Brüssel, natürlich mit Mauerteilstück. Alle real existierenden Mauerteilstücke dieser Welt aneinandergereiht, ergibt eine Strecke zum Mond und wieder zurück.
Was ich allerdings ernsthaft etwas bedenklich finde, ist die undemokratische Architektur dieses Baus. Das ist eine Demonstration: Macht pur.

07.06.2017 – Natur wird überschätzt

weisse siedlung
Weiße Stadt, Berlin-Reinickendorf, Weltkulturerbe. Zwanziger Jahre, moderner sozialer Wohnungsbau. Brückenhaus über die Aroser Allee.
Mir ist die Natur suspekt. Voller Zecken, stinkt nach Gülle und verbaut einem oft den Blick in die Landschaft. Soweit so drollig. Ernsthaft bin ich ein durch und durch urbaner Typ, je Metropole, desto besser. Aufs Land würde ich nur unter einer Bedingung ziehen, wenn es sich um den Friedhof und um meinen finalen Umzug handelte. Nur über meine Leiche.
Sicher ist die Luft auf dem Lande besser, sieht man von Gülle ab, ich wohne an einer Straße, durch die täglich 20.000 Autos brettern, ich weiß, wovon ich rede. Gestern hatten wir Redaktionssitzung für die nächste NETZ Nr. 5, sowas startet immer mit einem Grill bei mir im Garten. Der Tisch war heute Morgen, beim Säubern, mit einer schwarzen Feinstaubschicht überzogen, keine 12 Stunden später. Natürlich ist das ungesund, so wie Fleisch, Alkohol, Drogen und das Leben grundsätzlich. Aber deswegen muss ich doch nicht in der Pampa, fernab von Kultur und Zivilisation, verbauern. Also Ruß vom Tisch gekratzt, tief Luft geholt, Würfelhusten abgeröchelt und frisch, fromm, fröhlich, frei (Das Land ist reaktionär, die Stadt ist der Fortschritt. Sieht man mal von der AfD ab. Und den Stadtbewohnern) ans Tagwerk.
Wobei mir gestern meine Installation von 1998 wieder unter die Augen kam, die länger von wildem Wein verrankt war (Natur!)
20170602_104142
Installation „Privatbesitz“, Schild mit Sichel und Orden, 1998. Zu sehen unter anderem in der Ausstellung „Perspektiven 2030“ des Kunsthauses Bilshausen.
Das Haus, in dem ich wohne, hat die nicht seltene Entwicklung vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer mitgemacht. Nachdem die Hausgemeinschaft die Hütte gekauft hatte, bestand meine vorrangige Aufgabe darin, dem notorisch linken Rest klarzumachen, dass eine notarielle Teilungserklärung durchaus so etwas wie langfristig verbindliche (!) Konsequenzen hat und es Sinn macht, von der bis dahin gültigen Allmende-Wirtschaft im Garten zu einer erkennbaren Form des Privateigentums überzugehen. Als ich das geschafft hatte, wusste ich 1. dass ich das Zeug zu einem Volkstribun in der Tradition des Tiberius Gracchus hatte und 2. dass das eine ziemlich brachiale und reaktionäre Zäsur war. Das hätte man auch anders lösen können. Mein schlechtes Gewissen kleisterte ich wie üblich mit Kunst zu, siehe oben. Mit welcher Art von Natur hätte ich das wohl hinkriegen sollen? Hanf? Hopfen? H-Milch?
Sehen Sie.

06.06.2017 – Karneval der Kulturen und die uniformierte Möblierung des öffentlichen Raumes

polizei beim karneval der kulturen
Polizeipräsenz beim Karneval der Kulturen Pfingsten in Berlin. Am Tag vorher war der Anschlag in London.
Im Vergleich zu Brüssel ist die Polizeipräsenz in Berlin im öffentlichen Raum noch gering und wenig martialisch. In Brüssel steht an jeder zweiten Ecke (Para-?) Militär, junge Burschen mit langläufigen Maschinenpistolen, an jedem dritten Häuserblock ein Militär-MKW. Was bewirkt die uniformierte Möblierung des öffentlichen Raumes bei mir? Ich kann eher sagen, was es nicht bewirkt: Distanz und Abwehr gegenüber Mitgliedern des Repressionsapparates, bei ex-rebellischen Angehörigen meiner Alterskohorte ein nicht seltenes Phänomen. Wer damals nicht in jedem zweiten Satz „Bullenterror“ unterbrachte, war für höhere Kaderaufgaben ungeeignet. Wenn ich für jedes „Bullenterror“, dass der vormalig autonome Ex-Außenminister Joseph Fischer in seinem Leben hinter sich fallen ließ, einen Euro kriegen würde, bräuchte ich mir um die Finanzierung der Resturlaube während meines Daseins in diesem irdischen Jammertal keine Gedanken zu machen.
Ich habe also keine Abwehrreflexe gegenüber der Polizei. Froh bin ich natürlich auch nicht, wenn ich die in solchen Zusammenhängen sehe. Verhindern tut deren Anwesenheit nichts. Anschläge gehören absehbar zu unserem Alltag, so wie Fahrradunfälle, 17 Tote allein in Berlin letztes Jahr, viele bei rechtsabbiegenden LKWs, die keine Blickhilfen wie Kameras für tote Winkel haben. Zu teuer. Scheißkapitalismus. Alle ÖPNV Busse in Berlin haben solche Kameras. Würde der ÖPNV privatisiert, stünden solche lebensrettenden Maßnahmen als erstes auf der Streichliste. Und dann plärren irgendwelche Hirnreduzierten Troglodyten was von „Privatisieren, deregulieren, Effizienzoptimierung, blablabla,“. Und die FDP feiert Wiederauferstehung.
Sowas ruft bei mir Distanz und Abwehr hervor. Diese Formulierung ist der Euphemismus des Monats.
Wir brauchen einen deutlich ausgebauten und ausreichend finanzierten öffentlichen Sektor, ein Privatisierungsmoratorium und das Verbot von Public-Private-Partnership PPP, also einer Veranstaltung, bei der die Kapitalisten gemeinsam mit dem Staat ein Unternehmen aufmachen, wobei sie letzteren gnadenlos über den Tisch ziehen. Die Risiken bleiben öffentlich, der Gewinn bleibt privat, das nennt der Komiker dann „burden-sharing“. Der Bundesverband PPP sitzt in Hamburg am Neuen Wall, der exklusivsten Einkaufsstraße des Universums, und wer glaubt, da sitzt man, weil man gemeinwohlorientiert auf Maximal-Rendite verzichtet, der glaubt auch daran, dass wir grundsätzlich so weiterwirtschaften können wie bisher.
japanischer flieder (1)
Schmetterlings-Flieder. Vor ca. 30 Jahren in unserem Garten. Wenn man an dem vorbeiging, flatterten Wolken von Pfauenaugen und Admirälen hoch.
rose
Jetzt steht in meinem Garten nicht nur Schmetterlingsflieder, sondern blühender Lavendel, Clematis und Rosen sonder Zahl. Und trotzdem: Ich habe im letzten Jahr nicht einen Admiral, nicht ein Pfauenauge dort gehabt, ab und zu mal ein Kohlweißling und wenn ein Zitronenfalter auftauchte, war schon Euphorie angesagt. In diesem Jahr ist bisher noch nicht ein einziger Schmetterling hier aufgetaucht.
Da könnt man echt zum Öko werden. Aber Öko ist nur ein Nebenwiderspruch. Wer wissen will, was ein Nebenwiderspruch ist, möge das bitte googeln.
Mir reicht’s für heute.