20.07.2018 – Das Attentat vom 20. Juli und die Frage, was wäre gewesen, wenn …?


Opfer und Täter.
Ich bin froh, in einer Epoche und einer Region aufgewachsen zu sein, in der es eine bespiellos lange Zeit Frieden gab. Vertreibung, Verschleppung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit sind schrecklich, ohne Wenn und Aber. Nach solchen rhetorischen Floskeln kommt fast immer ein Aber, so auch hier. Dieses Denkmal des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge weist eine kleine aber entscheidende Leerstelle auf: Den Hinweis darauf, dass der hier geschilderte Krieg von Deutschland ausging und alle Konsequenzen daraus in der Verantwortung der Täter liegen. Diesem Denkmal hätte ein Satz wie: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ wohl angestanden.
So ist dieses Denkmal ein empathieloses Beispiel für jenes Selbstmitleid, mit dem eine antifaschistische Aufarbeitung des Terrors, der von deutschem Boden ausging, in der Nachkriegszeit verhindert wurde. Solche Denkmäler sind Teile einer Alltagskultur, die in unserem Unterbewusstsein wirksamere Sedimente hinterließen, als alle lyrischen Beschwörungsformeln über den vermeintlich heldenhaften Widerstand von ein paar adligen antidemokratischen Offizieren am 20. Juli. Viel wirksamer als diese Sonntagspredigten sind auch all die Kriegerdenkmäler, die mitten in jeder noch so winzigen 6-Häusersiedlung ihr todessehnsüchtiges Pathos verbraten, mit Oden an Mörderbanden wie: „Den Helden zweier Weltkriege“. Famose Helden wie das 101. Polizeibataillon, die hinter der Front im zweiten Weltkrieg 38.000 wehrlose Juden ermordeten. Ordnungshüter wohlgemerkt. Keine regulären Wehrmachts- oder gar SS-Einheiten. Hinweise, geschweige denn Denkmäler, die an die ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle etc. erinnern, habe ich in den Dörfern nie gefunden.
Das hat „unsere“ Alltagskultur, unser Bewusstsein geprägt, zusammen mit vielen kleinen Erzählungen wie die von meiner Oma auf meine Frage zum Juden Katz, der irgendwann nicht mehr als fahrender Händler in ihr Dorf im Eichsfeld kam:
„Was meinst Du, was mit dem passiert ist?“
„Den haben sie abgemurkst.“
Wörtlich, ohne jedes schuldbewusste Rumeiern oder Verdrängen. Solche Formulierung vergisst man nicht, hinter ihnen verbergen sich ganze Bände einer großen Erzählung, an deren vorläufigem Ende aktuelle Meldungen stehen wie:
„Soviel Judenhass wie noch nie im Netz.
Und was wäre gewesen, wenn das Attentat am 20. Juli erfolgreich gewesen wäre?
Vermutlich wäre der Verdrängungsprozess der Nachkriegszeit noch verheerender gewesen und wir hätten schon seit 30 Jahren sowas wie eine AfD, nur schlimmer.
Und nun zum Wetter: zur Dürreperiode in weiten Teile des Landes kommt eine Hitzewelle hinzu. Ein Thinktank des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 macht den Dürregeplagten Landwirten in Niedersachsen den Vorschlag, statt wasserintensiver Rinderzucht auf Kamele umzusteigen.
Aber auf uns hört ja wieder kein Schwein. Das wird sich bei unserer Aktion zum Sommerloch ändern.
Stay on tune!

18.07.2018 – Am Samstag ist Männerkreis mit Anselm


Medizinradkreis und Medizinschildbau.
Wenn ich auf etwas einen Rochus habe, dann ist es die Esoterik-Szene. Das verüble ich der rotgrünen Schröder-Fischer Gang noch heute, dass sie Teile dieses unfassbaren Humbugs als Kassenleistungen der Allgemeinheit der Beitragszahler aufgehalst haben.
Nichts dagegen, wenn arme Eso-Mäuse, die sonst Hartz IV anheimfallen würden, Midlifekrisengebeutelten Akademikerinnen für hanebüchene Hokuspokus-Zeremonien das Geld aus dem Beutel zaubern. Aber wenn arme an Krebs erkrankte Schweine ihren letzten Cent dahin tragen und deshalb aus lauter Verzweiflung und Angst die vielleicht letzte Chance einer Chemo oder Strahlentherapie versäumen, dann möchte ich unter diese Scharlatane fahren wie weiland der Herr im Tempel unter die Geldwechsler, die er mit Gewalt von dort vertrieb. (Wir halten fest: Die Bibel rechtfertigt Gewalt als Mittel der Moral.)
Mich macht das echt betroffen. Aber wo kann ich mit meiner Betroffenheit angstfrei einbringen, gerade als Mann? Der Fragen hat wie: Wie kann heute ein erfülltes Leben als Mann in Verbundenheit aussehen? Wer will ich da sein?
Gut, dass es den Männerkreis mit Anselm gibt! Dort gehe ich am Samstag hin. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit Männern in einem Kreis zusammen zu kommen, die erzählen, die zuhören, die mit allem was da ist, da sind, viel voneinander lernen. Gemeinsamkeiten und Ursprünglichkeit, Kraft und Nähe erleben.
Das ist wie Bundeswehr, nur ohne Waffen.
Und wer glaubt, dass ich jetzt vollends durchgeknallt sei, dem empfehle ich den Besuch bei Anna Muni in Berlin-Neukölln, dort hat Anselm sein Domizil aufgeschlagen. (Alles in kursiv ist O-Ton von der Homepage).
Es rächt sich aber alles im Leben, vor allem das Unterbewusstsein. Zwei Häuser entfernt von unserer famosen Medizinradkreis-Hütte stieß ich auf dieses Etablissement:

Ich aber las, gebeutelt von irdischer Erlösungs-Sehnsucht vom Eso-Wahn: FrauenNacktCafé.
Da würde ich denn, und hier mögen mir Anselm und alle seine Kumpels verzeihen, denn doch lieber abhängen.
Sorry, Mädels, aber diese Geschichte ist kein fauler Witz auf Eure Kosten. Ich denke mir das nicht aus, das sind Geschichten, die die Großstadt erzählt. Und ist es nicht besser, ich mache das hier offen und angstfrei öffentlich, damit Ihr wisst, woran Ihr mit Männern wie Anselm und mir seid? Wir sollten mal bei einem Rooibusch-Tee darüber reden.
Bis dahin sonnige Tage und dito Gemüt.

16.07.2018 – Hört denn dieser Sommer nie auf?


Meine Hood inna Kreuzberg. Ohne Bros und Deine Gang kackst Du da ganz krass ab, Digga.
Davon mal abgesehen war Kreuzberg früher geteilt in einen eher proletarischen Bezirk SO 36, siehe auch der legendäre gleichnamige Club und einen eher gutbürgerlichen Bezirk SW 61. Ein Identitätsgefühl von „Kreuzberg“ als Bezirk entstand erst nach dem zweiten Weltkrieg, und nicht, wie viele Kiezinsassen meinen, parallel zu jenem kleinen gallischen Dorf von Asterix und Obelix zu Zeiten Cäsars, das sich als Metapher für Widerstand schlechthin mehr ins popkulturelle Gedächtnis eingebrannt hat als alle 68er Straßenschlachten zusammen. Der gemeine Kreuzberger, links von dem nur die Wand, früher die Mauer, ist, vergisst oder weiß nicht, dass für den Impuls zur Kreuzberger Identität ein Sozi zuständig war, der legendäre Willy Kressman. Ein scheinbar nicht ganz unsympathischer notorischer Querschläger und Einzelgänger, der in Kreuzberg als Kümmerer auftrat, bevor die Neonazis den Begriff für sich okkupierten.
In den Achtzigern wurde die Kreuzberger Identität vollends zum Mythos nach zahlreichen diversen Straßenschlachten, die später zur 1. Mai Randale Folklore entgleisten. Jetzt ist Ruhe im Karton.
Eine Ansicht, die die geplagten Anwohnerinnen der Szenegegenden nicht teilen. Eigentlich ist dort nie Ruhe im Karton, vor allem Nachts nicht, wenn die Kinder der Kinder von Marx und Coca Cola aus ganz Europa die Reiseschecks (gibt’s sowas überhaupt noch?) ihrer Eltern verbraten, die sich Zuhause als Ministerialrätin, Anwalt oder Zahnarzt für das Wohlergehen der Brut abrackern. Die nichts Besseres zu tun hat, als den Ministerialrätinnen, Anwältinnen oder Zahnärztinnen, die zum Beispiel in der Nähe der Admiralbrücke in Kreuzberg wohnen, durch grauenhafte Straßen-Musik, Flaschenwürfe, Grölen, Kotzen etc. pp. den Schlaf zu rauben und natürlich pissen und scheißen die Söhne und Töchter aus gutem Hause, wo sie gerade gehen und stehen. Irgendwann nahm das derartige Ausmaße an, dass jetzt ab 22 Uhr da Polizeistunde herrscht. Wodurch sich das Problem demokratisch über den gesamten Kiez verteilte.

Weshalb ebenfalls genervte Ex-Revoluzzerinnen die Gegend nicht ganz korrekt (Kohlfurter/Ecke Admiral dürfter eher SW 61 sein) umgetauft hatten, in Anlehnung an das proletarisch-revolutionäre SO 36 in Ballermann 36.
Die Parallele zwischen Asterix und Obelix und Kreuzberg steht hier nicht zufällig. In jenem kleinen Dorf in Gallien gab es bekanntlich einen Clash of Cultures, wobei man bei den Galliern nicht von Kultur sprechen kann. Ihr Alltag war gekennzeichnet von Prügeln, Saufen, Fressen, Drogen, Tiere töten und sobald Kultur wagte, ihr Haupt zu erheben, wurde sie verspottet und ihr Gewalt angetan (Troubadix, der Barde). Die Gallier waren also durch und durch regressiv-reaktionär.
Der Alltag der Römer war gekennzeichnet durch Bäder, Straßen, Kanalisationen, mehrstöckige Häuser, Gelehrsamkeit, Poesie, durch Cicero und Ovids „Ars amandi“ etc. pp. Die Römer waren also der Inbegriff von Kultur und Zivilisation (o.k, die Sklaven und Gladiatoren sahen das vermutlich anders).
Dass Generationen, meine inbegriffen, diesen infantil gezeichneten Asterix und Obelix-Müll regelrecht verehrten, sagt zweierlei:
1. Er hat sich in ihre Matrix derart eingraviert, dass sie den nationalen Widerstand selbst von Barbaren gegen zivilisatorische Einflüsse über alles stellten, Hauptsache: Identität.
2. Brauchen wir nicht. 1. reicht.
Ich aber wandte damals mein Haupt mit Grausen und mich selbst den amerikanischen Underground Comix zu, von denen ich noch diverse Exemplare besitze, was einen Teil meiner Altersversorgung darstellt.
Hört denn dieser Sommer nie auf?

15.07.2018 – Ich wünsche mir seit Jahren eine eigene TV-Show.


Wir. Dienen. Deutschland? Hereby I solemnly declare as a citizen of planet earth: Fickt. Euch!
Zur Bundeswehr geht man nicht, weil man Lust hat, Deutschland zu dienen. Zur Bundeswehr geht man eher, weil man Lust auf Abenteuer hat, Lust auf faschistoide Männerbünde, Lust aufs Töten und weil man einen existenzsichernden Job haben möchte, bei dem das Saufen nicht nur nicht verboten ist, sondern Grundvoraussetzung für Anerkennung und Erfolg.
Hätte da oben gestanden: „Wir. Dienen. Dem. Staat.“ hätte ich das nicht fotografiert. Ich bin kein Pazifist und betrachte Waffen & Militär als mitunter notwendiges Übel. Wäre beispielsweise der Staat Israel nicht bis an die Zähne bewaffnet, existierte er nicht mehr. Um den Staat als ebenfalls notwendiges Übel aufrecht zu erhalten, braucht es „Staatsdiener“ aller Art und je mehr die Verhältnisse in unserer Gesellschaft barbarischer werden, desto mehr bin ich für einen starken Staat als letzte Brandmauer gegen die Herrschaft des Mobs. Kein notwendiges Übel aber, sondern so notwendig wie ein Pickel am Arsch ist die Nation, an die im obigen Bild unverhohlen appelliert wird.
Zu Recht hat sich im zivilen Sprachgebrauch der Begriff „Nationsdiener“ nicht eingebürgert. Es gibt aber zum Beispiel eine doitsche „National“mannschaft, ein weiteres Indiz für den pathologischen Charakter der Ersatzreligion Fußball und all ihrer Insassen.
Der Staat ist etwas Konkretes, er besitzt eine Bevölkerung, eine Verfassung, ein Gebiet, er hat Rechte, vor allem das der Ausübung des Gewaltmonopols, und er hat Pflichten, wie zum Bespiel das Sozialstaatsgebot im Grundgesetz. Die Nation ist etwas Metaphysisches, eine Wahnidee, sowas wie „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation.“ Redet man von einem großen Staat, meint man seine Quadratkilometer oder sein BIP. Redet man von einer großen Nation, meint man die Toten ihrer Eroberungskriege. Der Staat verfolgt Interessen, die Nation verfolgt Minderheiten. Die Nation ist wie Dünnschiss: viel heiße Luft, jede Menge Dünnes und nach hinten raus nur Braunes in der Hose. Nationalismus hat natürlich auch während der WM andauernd seine hässliche Fratze erhoben und deshalb drücken wir Alle heute beim Endsieg, äh Endspiel Frankreich die Daumen und nicht den Ustascha Nazis. Am schönsten aber wäre es, all die National-Spacken, die heute wieder im Tran vor der Glotze hängen, würden einmal im Leben einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.

So wie im Bergmann-Kiez in Kreuzberg am Tag der Verkündung der NSU-Urteile, wo jede Menge junge Leute mit einer Demonstration den Staat und die Gesellschaft daran erinnerten, dass mit einem Urteil der Gerechtigkeit noch lange nicht Genüge getan ist.
Da würde ich mir mehr von wünschen, siehe oben.
Aber ich wünsche mir seit Jahren auch eine eigene TV-Show.

11.07.2018 – Mit Volldampf und Karl Marx


Britzer Garten, der zur Bundesgartenschau 1985 in Berlin errichtet wurde. Früher hätte man mich mit vorgehaltener Waffe in solche Orte zwingen müssen. Mittlerweile schätze ich solche beschaulichen Ruheinseln, vor allem, wenn es irgendwas mit action dort gibt, wie diese famose Schmalspur-Eisenbahn.

Karl Marx, 1955.
Die Karl-Marx-Werke Babelsberg, die unter anderem solche Schmalspur-Eisenbahnen produzierten, wurden trotz tragfähigen Konzeptes 1992 von der Treuhand, die immer noch existiert, im Rahmen der Ausplünderung der lohnenswerten Teile der Ostzone abgewickelt. Das Kapital machte goldene Schnittchen und den Rest in Form von Rentenzahlungen, Stadtsanierungen, Arbeitslosen, Neonazis und Soli hängte man Staat und Gesellschaft an die Backe.
Solcherlei Gedanken gingen mir nicht durch den Kopf, als ich inmitten lauter Kinder mit der Bahn durch das Gartengelände ruckelte. Es war zauberhaft, bis auf die Kinder.
Das Fazit des Resttages: der angekündigte Regen zog an Berlin vorbei und Belgien schied bei der WM aus. Meine letzte Wette ist geplatzt. Was ich angesichts der gewonnenen Wette auf das vorzeitige Ausscheiden der Ostgoten mit Fassung trage. Schön auch, dass sich die gesamte deutsche Fußball-Innung mit ihrem Verhalten wie immer bis auf die rassistischen Knochen blamiert hat, was aber auch in der nächsten Saison Milliarden geistiger Tiefflieger nicht davon abhalten wird, prügelnd, saufend und kotzend in Stadien und Kneipen dieser Ersatzreligion mit Fussballgott zu huldigen. Sinnsuche 2018.
Der Mann von Welt und Geschmack aber wendet sich mit gesundem Ekel ab und zur nächsten Europameisterschaft wieder zu, mit zwei, drei präzis platzierten Wetten.

10.07.2018 – Der kleine Unterschied


So sieht der Unterschied zwischen Wasser und kein Wasser aus.
Der Wind hat in den letzten Dürre-Wochen die Tropfen dieses Brunnen in einen wie mit einem Zirkel gezogenen Halbkreis verteilt. Dahinter alles verbrannt.
Ein ungewöhnlicher Brunnen, unprätentiös, zurückhaltend, fast filigran. Brunnen neigen dazu, wuchtig und lautsprecherisch daher zu kommen. Baut man heute eigentlich noch Brunnen? Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren irgendwo eine Brunnenneubaustelle gesehen zu haben.
Andere Fragen für den heutigen Tag: gibt es Regen? Gewinnt Belgien? Und womit macht sich die Menscheit jetzt wieder lächerlich?
Ich meine damit nicht solche Angelegenheit wie den Brexit oder den Zoll“krieg“. Mir ist verdächtig, wer sich dazu so unisono zu Wort meldet: Politiker, Journalisten, Ökonomen. Also alles Leute, die meist nichts vernünftiges gelernt haben, ausser ihr geballtes Unwissen mit Verve in weitschweifige und zumeist sprachlich ungelenke bis inkorrekte Suaden zu verstecken. Wenn zwei Ökonomen in eine Glaskugel gucken, kriegt das staunende Publikum zu drei Sachverhalten fünf verschiedene Meinungen und hinterher stellt sich alles als kompletter Blödsinn raus. Oder hat irgendjemand die Krise von 2008 ff. vorausgesehen? Ökonomie ist keine Wissenschaft, sondern eine Ersatzreligion.
Diese Aussage, liebe Leserinnen, können Sie jetzt glauben oder nicht. Charmanten Tag und drücken sie dem kleinen Belgien heute die Daumen gegen den übermächtigen Franzmann.
Es geht um meine Wettquote für Belgien: 6,5!

09.07.2018 – Ist das weg oder kann das Kunst?


Aus der großartigen Ausstellung „Die Schönheit der grossen Stadt“ mit Berliner Bildern der letzten 150 Jahre im Ephraim Palais. Nicht nur ganz verschiedene Innen- und Aussenansichten von Berlin im Wandel der Zeit, die auch prototypisch für den sich ändernden Stadtraum grundsätzlich stehen, sondern auch ein schöner Überblick der Stilrichtungen der klassischen Moderne und ihrer Vorläufer. Sehr gut auch die Infotafeln neben den Bildern:

Grunddaten und immer ein, zwei präzise erklärende Sätze (hier zu Bild oben).
Ein wohltuender Unterschied zur dummen und arroganten Unsitte in manchen Ausstellungsräumen, in denen nichts hängt, kein Datum, kein Name, nichts. Dort kann es passieren, dass ich meinem Unmut über derlei Unprofessionalität mit lauten und prononcierten Worten Ausdruck verleihe. Ich hasse es, wenn man mir Zeit raubt.

Der überaus ansehnliche und in jeder Beziehung preisenswerte Ephraim Palast hat sich dem verpflichtet, was wir alle lieben, der Schönheit, und sollte unbedingt bei ihrem nächsten Berlin Besuch auf der Agenda stehen.
Und wo bleibt in diesem Blogeintrag das Politische?
Es gibt kaum etwas politischeres als die Auseinandersetzung um die und mit der Ästhetik.
Zum Schluss das Wetter. Aussichten für Regen heute: 0.

08.07.2018 – Der Wüstenplanet


Greenpeace-Aktivisten hatten Ende Juni die Straßen rund um die Berliner Siegessäule mit gelber Farbe so gefärbt, dass der Verkehrsknotenpunkt aus der Luft wie eine Sonne aussah. Insofern ist mein Foto eine rare Perspektive, weil es den Blick auf den Fernseh-Turm mit Farbresten zeigt, die an ein abstraktes Gemälde aus den Fünfzigern erinnert. Abstrakt war damals die vorherrschende Kunstrichtung, nannte sich Informel und war durch zwei Dinge gekennzeichnet: durch den Spruch von Frieda Normalverbraucherin beim Anblick eines solchen Bildes: Das kann mein Neffe aus der vierten Klasse auch.
Und durch die Unfähigkeit der Pinselquäler, sich künstlerisch und politisch mit dem gerade zurückliegenden Faschismus auseinanderzusetzen. Sozusagen in Öl gegossene Feigheit. Wir mussten ja damals aufbauen und da waren Störungen nicht erwünscht. Höchstens kleinere Verstörungen, siehe Frieda.
Heute bauen wir ab, und zwar gleich einen ganzen Planeten, und da ist eh alles egal.
Ob da Pinselquäler stören wollen, was explizit nicht der Fall ist, oder in Kassel fällt ne Leinwand von der Documenta Wand, das läuft auf das Gleiche raus. Es juckt niemanden. Oder können Sie sich noch an ein Kunstwerk der letzten Documenta erinnern, an einen Diskurs, den die hervorgerufen hat?
Was bleibt, ist meine kindliche Freude an einem gelungenen Schnappschuss und die Spannung darauf, ob es tatsächlich in den nächsten Tagen regnet. Ich weiss garnicht mehr, wie sich Regen anfühlt. Dafür sind Leute in anderen Regionen in sintflutartigen Sturzbächen ersoffen.
Es gab mal einen Hippie Science-Fiction Roman „Der Wüstenplanet“, verquastes, Drogengeschwängertes Geschwafel, der auch verfilmt wurde, mit Sting, glaube ich. Wir sind gerade bei der Umsetzung von Teil 2: Wüstenplanet BRD.
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leserinnen, aber ich finde es spannend, in einem Film, einem Blockbuster mit 80 Millionen Zuschauerinnen, mitzuwirken.

07.07.2018 – Licht und Schatten


U-Bahnhof Hallesches Tor, Berlin.
In diesem Betonmoloch Berlin ist die sonnendurchglühte Hitze mitunter so unangenehm, dass ich vor dem Durchqueren von Sonnenzonen kurz in der Schattendeckung verharre, vor allem an Ampeln, und Ausschau nach dem besten Weg ins nächste Schattenloch halte, gleich einer „Under Fire“ Szene, in der man Haken schlägt vor Scharfschützen auf dem Dach.
Ein bescheuerter Vergleich, aber die Hitze drängt mitunter nicht nur flirrende Bilder in die Phantasie, sondern auch peinliche.
Sie produziert aber auch Gefühle, die das Gemüt schweben lassen, unplanbare, intensive Momente, die so nur im Sommer in der Großstadt möglich sind. Wenn man nicht gerade auf einer schattenlosen Kreuzung Teer kochen muss für Asphaltarbeiten.
Ich wartete in der Adalbertstr. im tiefsten Kreuzberger Kiez auf einen Bus, der mich nächtens nach anstrengend schönem Tag in meine Homebase schaukeln sollte, fluchend, weil er nicht kam und ich keine Verkehrsbetriebe App installiert hatte, zur Info. Irgendwann schickte ich mich drein und sog die Athmosphäre dort auf, von den endlosen kleinen abgerockten Kneipen, bedächtige Flaneure, eine kleine Galerie mit Vernissage-Trinkern davor, auf Schüttgutkästen hockten Bierflaschenkonsumenten, alles umfangen von einer fröhlich-melancholischen Beschaulichkeit und getragen von Milde .
Das Gleiche bei Nieselregen und Frost im Dezember und ich hätte mich an die nächste Strassenlaterne gehängt, die hier teilweise alten Modellen der Vorkriegszeit nachempfunden sind.
So aber genoss ich, still, vergnügt und kostenfrei.
Laut,fröhlich und kostenintensiv genoss ich gestern den Sieg der Belgier bei der WM im Imbiss unten in meiner Homebase. Der einzige Imbiss, den es dort gibt, sind diverse Biere und Kurze, dafür eine Luft zum Schneiden, weil jeder dort ununterbrochen raucht, selbst die, die das schon ein Bein gekostet hat. Die Kommentare zu Neymars Schauspieleinlagen sind nicht mal ansatzweise zitierfähig . Auch meine. Ich kann den Kerl nicht leiden, ein Schicksal, das er mit fast allen Fußballern teilt, eine Kaste gehirnamputierter Vollidioten. Ich aber, der ich vor Zeiten schon eine Wette auf Belgien platziert hatte für eine 6,5er Quote und darauf einen ausgab, gelte bei meinen neuen Kumpels als Wettgott. Ich liebe diesen Scheiss-Sommer. Und wünschen Ihnen, geschätzte Leserinnen, ähnliche Glücksgefühle.

04.07.2018 – Atomkraftgegner überwintern bei Dunkelheit mit kaltem Hintern


Atomkraft Nein Danke. Direkt gegenüber von meiner Homebase am Park Gleisdreieck in Kreuzberg strebt diese Neubausiedlung ihrer Vollendung entgegen, an der ein wackerer Alternativling seinen Gesinnungslappen hat raushängen lassen. Ich bin ja auch gegen die böse Atomkraft und sogar der Ami steigt da jetzt aus. Zu teuer. Der Ami heizt dann mit Kohle. Das ist eine gute Nachricht für die Kälte gebeutelten Lappen, dann kriegen die auch so ein Klima, wie wir es jetzt schon zunehmend haben: heisse Tage, kalte Nächte. Das ist neu, früher hatten wir lauwarme Sommernächte, das heisst, für die armen Schweine, die nach Süden oder unterm Dach wohnten, gab es auch nachts keine Erholung. Das ändert sich gerade radikal. Man nennt das Wüstenklima.

Verbranntes Gras. Ein schrecklicher Anblick.Hätte ich den Bauch aus Datenschutz und Gründen der Würde nicht aufnehmen dürfen? Wer seine Umwelt so scham- und würdelos in der Öffentlichkeit mit so einem Anblick belästigt,hat es ganz sicher verdient, in meinem Blog gewürdigt zu werden. Den Anblick des verbrannten Rasens finde ich allerdings noch bedenklicher. Es gibt in Berlin keinen einzigen öffentlichen grünen Grashalm mehr. Wir hinterlassen im wahren Sinn verbrannte Erde.
Die Neubau Siedlung oben ist übrigens eine genossenschaftliche. Die Kaltmiete beträgt 12 Euro pro Quadratmeter. Was die wenigen verbliebenen Einkommensschwachen in diesem sehr angesagten Kiez,die noch mit Mieten von 5 Euro gesegnet sind, in helle und berechtigte Panik versetzt. Ein Eigentümer-Wechsel ihrer Häuser, Ruck zuck, kommt ein Balkon an die Wohnung, energetische Sanierung, und schon finden sie sich in Marzahn wieder, weil, wer kann sich schon genossenschaftliche 12 Euro pro qm leisten?
Ausser unserem Anti-Atom-Alternativling, der, als er seine Fahne in den Kreuzberger Wind hängte, sicher bedacht hat, dass alle Politik, so auch die Klimapolitik, Ausdruck eines Kapitalverhältnisses ist und nicht Ergebnis einer Selbsthilfegruppensitzung.