12.11.2017 – Im Zweifel endet alles im Pop.

Die FDP will privatisieren, was noch im Besitz des Bundes ist, so hört man es aus Jamaika. Gier kennt kein Maß. Ob das Kapital an seiner Gier noch ersticken wird, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass ich nicht in der Nähe bin, wenn das passiert. Dieser Prozess dürfte für den Rest auch nicht angenehm verlaufen. „Privatisieren“ kommt etymologisch vom lateinischen privare: vorenthalten, berauben, entziehen.
Irgendwie geht mir angesichts der politischen Entwicklung langsam der Zorn aus und macht einer ermattet-wurstigen Lustigkeit Platz. Erinnerungen an meine Privatisierungsvorschläge kommen auf – die natürlich kein Schwein realisiert hat.
100502Hallo Sonntag - Landtag privatisieren
Landtag privatisieren
110215HAZ Privatisierung Luft
Luft privatisieren

Irgendwann in der Geschichte ging es auch mal anders rum, links, zwo drei vier. Ich war unlängst in der Ausstellung „1917. Revolution” im Deutschen Historischen Museum
revolution
Ob damals für einen Moment eine andere Welt möglich war? Aber erstmal mussten ja die Sozialfaschisten besiegt werden (so die KPD über die SPD) und später dann die rotlackierten Faschisten (so die SPD über die KPD).
lenin-micky-maus-jesus
Im Zweifel endet alles im Pop.
Die Ausstellung ist sehenswert. Angenehm neutral, macht sie anhand sinnlicher Exponate augenscheinlich, wie die Zeit damals aussah.
Da geht’s uns noch Gold.
Jedenfalls Zwei Drittel der Insassen der BRD.

11.11.2017 – Was mache ich mit meinem Zipfelmännchen?

zipfelmännchen
Die stehen bei mir rum und warten darauf, dass mir was Witziges dazu einfällt. Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Das sind Zipfelmännchen der Firma Penny und die haben Shitstorms allenthalben ausgelöst. Von wegen Untergang des Abendlandes usw. Siehe hier zum Beispiel
Bemerkenswert unter anderem, wie viele Wutbürgerinnen einen rektalen Umgang mit dem armen wehrlosen Wicht in Erwägung ziehen.
Die Gegenseite will klare Fronten und fordert: Ich will einen AfD-Weihnachtsmann – außen braun und innen hohl.
Eins wird gerade an solchen eher harmlosen Beispielen immer klarer: Die Spaltung unserer Gesellschaft ist nicht nur eine ökonomische zwischen Arm und Reich. Sie ist auch ein Kulturkampf quer durch die Fronten der Ökonomie. Mittels kultureller Chiffren hat es der Weiße-Kragen-Mob der vermeintlichen Elite im Lande geschafft, den Prekariats-Mob in den sozialen Brennpunkten für seine völkisch-nationalen Zwecke zu mobilisieren. Die ärmsten Regionen sind im Normalfall die mit dem höchsten AfD Anteil, die AfD ist die Partei im Bundestag mit dem höchsten Akademiker-Anteil.
What’s left? Der AfD Bundesparteitag in Hannover am 2.12.
afd demo
Machen wir halt ne Latsch Demo. Ob ich hingehe, hängt vom Wetter ab. Die Zeiten sind vorbei, wo ich an Bahnhöfen um 5 Uhr morgens bei minus 10 Grad die Massen mittels Flugi zur nächsten Tarifrunde agitiert habe. Aber wer mich auf der Demo anspricht, kriegt ein Zipfelmännchen von mir. Was Besseres fällt mir einfach nicht ein.

10.11.2017 – Diverse Scheisse 1,50 – 3,50

diverse-scheisse
Diverse Scheisse. Kann man als politischen Kommentar zur Lage der Situation lesen. Kann man aber auch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen, dass einem beim Blick in Schaufenster nicht immer nur die normierte Reichs-Einheits-Scheisse geboten wird.
scheisse
Scheisse in ihrer bezaubernden Vielfalt.
zauberkönig
Gesehen im Zauberkönig in Berlin-Neukölln, Hermannstr. Eine Oase der Singularität, eine Zeitreise in verwunschene Ecken von Kindheitsträumen, ein Paradies analoger Absurdität. Analoge Scheisse. Wo gibt es die noch?!
In zwei, drei Jahren wird es diesen Laden nicht mehr geben. Er grenzt auf der Höhe des Tempelhofer Flugfeldes an den Schillerkiez. Über den Schillerkiez heißt es auf Wikipedia noch im sonst sehr lesenswerten Eintrag über die Hermannstr.:
„Zählt schon der Schillerkiez in seiner Bevölkerungsstruktur heute zu den eher benachteiligten Vierteln mit einem hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern, ….“
Das ist hanebüchener Unsinn. Richtig ist vielmehr, dass dieser Kiez mittlerweile schwerstens angesagt ist. Dort liegt mein Lieblingswochenmarkt, überschaubar, mit einem charmanten Weinlokal und allerlei Spezereien.
Wer meinem subjektiven Faktor misstraut, Fakten gefällig?
Mietspieglein an der Wand,
wer ist der Angesagteste im Land?
Zitat Morgenpost über den Schillerkiez: „ … So lag die Nettokaltmiete für angebotene Wohnungen pro Quadratmeter 2006 noch bei 4,80 Euro, mittlerweile werden Wohnungen durchschnittlich für 12,90 Euro pro Quadratmeter vermietet …“
Also wird an Stelle des Zauberkönigs in zwei, drei Jahren irgendein bioveganes katalanisches Spezialitätenrestaurant seine Pforten öffnen oder das „Brexit“, ein Laden, in dem es englisches Essen gibt, für die ganz Hippen.
Ein paar Meter weiter ist dann allerdings Ende mit Schicki Micki. Das Rollberg Viertel, mit dazugehörigem Jobcenter, im Brutalismus Stil der 70er erbaut, was nichts mit Brutal zu tun hat.
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Da ist sogar die Straßenkunst gruselig. Ob in 30 Jahren hier die angesagten Szenekieze sind?
Natürlich leiste ich durch meine Besuche und meinen Konsum in früher Friedrichshain und den letzten Jahren Neukölln solchen Gentrifizierungsprozessen Vorschub. Wäre ich ein Working class Hero, zöge ich ins Rollberg Viertel und gründete dort eine Basisinitiative. Erfahrung und Kompetenz dafür hätte ich. Aber in meinem Alter noch den Heiligen geben?
Das hätte denn doch etwas Don-Quichoteskes…
Ich habe mich auf einen Kompromiss geeinigt. Für nächstes Jahr habe ich mir ein WG-Zimmer direkt am Bergmann-Kiez genommen. Da kann man nun echt nichts mehr gentrifizieren. Der Bergmann ist durch.
Und weil ich dann da wohne, kann ich aber sowas von über diese Scheiss-Touris ablästern, die einem die ganze Gegend vermiesen.
Das, liebe Genossinnen, nennt man semiparadoxe Intervention.
Früher hieß das negative Dialektik.

07.11.2017 – Hingehen wo es weh tut.

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Die hier vorgestellte Gruppe Gnadenlos Gerecht wurde vor einem Jahr von der Landesarmutskonferenz initiiert. Gemeinsames Ziel aller Beteiligten: Nicht reden, sondern handeln.
Action speaks louder than words .
So heisst auch der dazu passende Soundtrack: eine der gefährlichsten Funknummern ever , ich habe die Combo Chocolate Milks live erlebt, das war eines jener Konzerte, bei denen man merkt, dass man Hüften hat und nach denen man eine Woche lang nicht mehr gerade geht, sondern nur im Groove tänzelt. Zumindest Zuhause, wenn’s keiner sieht. Worum es geht, ist auf einen Nenner gebracht: Das Leben, die Politik, die Kunst findet nicht im Ohrensessel statt, nicht im Saale, nicht im Museum, sondern draußen, da wo es wehtut und wo die Kacke am Dampfen ist. Wer es gerne intellektueller hätte, hier die Literaturliste zum Thema:
„Der Autor als Produzent“, Walter Benjamin, vor allem unter Berücksichtigung des von Sergej Tretjakov postulierten Typus des „operierenden Schriftstellers“.
Baukasten zu einer Theorie der Medien, als Enzensberger noch alle Medientassen im Schrank hatte
– Lipstick Traces, von Greil Marcus
– alles über Kommunikationsguerilla

Presseinformation 03.11.2017 SCHUPPEN 68: Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU

SCHUPPEN 68 Logo
SCHUPPEN 68 Presseinformation 03.11.2017. Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU
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Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers vom Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 haben in einer feierlichen Zeremonie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) einen Instrumentenkoffer für die Koalitionsverhandlungen mit der CDU überreicht. Hier das offizielle Foto von der Übergabe (alle Rechte: SCHUPPEN 68).
Gleitze & Sievers (SCHUPPEN 68) betonen:
„Koalitionsverhandlungen sind keine Selbsthilfekuschelgruppe. Da geht es knallhart zur Sache und gerade das Verhältnis zwischen SPD und CDU in Niedersachsen ist außerordentlich konfliktbelastet. Da wurden in der Vergangenheit jede Menge vergiftete Pfeile abgeschossen, Tiefschläge waren an der Tagesordnung und viele Verletzungen sind nur oberflächlich verheilt. Daher ist das politische Gebot der Stunde, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Wer da nicht den richtigen Instrumentenkoffer im Verhandlungsgepäck hat, kann gleich kapitulieren.“
Der Instrumentenkoffer besteht unter anderem aus der PATZIK (Panzerbrechende Anti-Althusmann Zimmer-Flak, im Bild Nr. 3. Der Verhandlungsführer der CDU, Bernd Althusmann, trägt den Spitznamen „Panzer“).
Gleitze & Sievers sind seit Jahren mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung „Joke-Doctors“ der niedersächsischen Politik, in Ergänzung zu den klassischen Spin-Doctors.
taz SCHUPPEN 68 Witze Verkauf
2011 sanierten sie maßgeblich den Haushalt der Stadt Hannover durch den Verkauf von Witzen aus dem einzigen Witze-Verleih der Welt.
SCHUPPEN 68 Scheckübergabe an Stephan Weil
Hier ein Bild der Scheck-Übergabe mit dem Erlös an den damaligen OB Stephan Weil.
Mit der Bitte um Berichterstattung und besten Grüßen
Klaus-Dieter Gleitze & Hermann Sievers
SCHUPPEN 68

31.10.2017 – Notwendige, aber keineswegs hinreichende Überlegungen zur Unterscheidung von Dandy und Snob.

Ein Dandy sollte jederzeit sicher in allen Kleidungsstilen und – arten sein. Ein Snob muss für sowas in Ratgebern nachschlagen.
Dandy ist eine Frage der inneren Einstellung, Snob ist eine Frage des Geldes.
Inwieweit es heute noch den Dandy gibt und was ihn überhaupt ausmacht, ist eine zu diskutierende Frage. Den Snob gibt es sicher noch.
Man sollte sich selbst nicht als Dandy bezeichnen, das wäre stillos. Man sollte danach trachten, einer zu werden.
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Ich trage gerne Smoking, siehe oben
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Aber genauso gerne autonomes Schwarzleder (hier bei meiner „1. Mai Zwerg-Performance“).
Beim Dandy sitzt das Herz links, beim Snob sitzt das Portemonnaie rechts.
Ein Dandy ist Mitglied in keiner Partei, der Snob ist Vorsitzender der Jungen Liberalen.
Ein Dandy kann auch in einem sozialen Brennpunkt wohnen, der Snob kann nur in einem Penthouse überleben.
Ein Dandy kennt sich mit Weinen aus, der Snob prahlt mit seinem Weinkeller.
Der Dandy legt Wert auf Nuancen und Accessoires. Der Snob trägt an allem ein unsichtbares Preisschild.
Stilmittel des Dandys sind Scherz, Selbstironie, Satire und tiefere Bedeutung. Der Snob ist stillos, ironiefrei und dumm.
Der Dandy setzt Trends. Der Snob hechelt ihnen hinterher.
Ein Dandy ist nirgendwo Mitglied, der Snob ist zweiter Vorsitzender im Club der Cohiba Raucher.
Der Dandy ist Kosmopolit, der Snob deutschnational, solange es den Geschäften nicht schadet.
Eine üble Sonderform des Snobs ist der Parvenü, siehe Gerhard Schröder.
Der Dandy trachtet jederzeit danach, eine umfassend gebildete Persönlichkeit zu werden.
Der Snob besitzt Notabitur und lernt „In and Out“ Listen aus dem Playboy auswendig.
Der Dandy benutzt selbst produziertes Rosenwasser als After Shave, der Snob Penhaligon’s Blenheim Bouquet, 200 ml für 100 Euro.
Der Dandy erinnert sich gerne an ein Konzert mit 30 Anderen von Townes van Zandt in einem winzig kleinen verrauchten Club. Der Snob prahlt von seiner VIP-Lounge beim letzten Stones Stadionkonzert.
Der Dandy spart zur Not jeden Monat 10 Euro, um sich alle zwei Jahre einmal ein Essen im besten – keinesfalls im teuersten – Restaurant der Region zu leisten. Der Snob verwechselt die Begriffe „Gourmand“ und „Gourmet“.
Ein Dandy verbringt morgens angemessen lange Zeit vor dem Spiegel, was aber nur ein Eingeweihter erkennt. Bis zum Abend würdigt sich der Dandy dann keines Blicks mehr. Er ist sich seiner selbst sicher.
Der Snob schaut dauernd nach seinem Spiegelbild in Schaufenstern und fragt seine Begleiterin mit jedem Glockenschlag: Wie sehe ich aus?
Der Snob ist eine Wurst. Eine dumme fette Mortadella.

29.10.2017 – Da glotz ich lieber einfach nur vor mich hin

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Panoramafotos sind eine tolle Sache. Sie erweitern das Bildformat im Extrem bis auf 360 Grad. Im vorliegenden Fall hätte man von der zauberhaften Bucht maximal nur das mittlere Drittel auf einem Bild ohne Panoramafunktion gehabt. Also ein Hoch auf die moderne Technik. Wenn da nicht die dunkle Seite ihres Januskopfes wäre … die Technik eben. Manchmal setz ich mir da echt die Hasskappe auf und frage mich, ob die Produzenten im Entwicklungsprozess nicht ein einziges Mal einen normalen User eingebunden haben, um die Alltagstauglichkeit zu gewährleisten. Stattdessen hochbezahlen sie lieber Heerscharen von Lügnern in ihren PR-Abteilungen, die einem das Blaue vom Himmel herabschwindeln. Plug & Play vor Jahrzehnten zum Beispiel, wenn ich daran denke, könnte ich heute noch ansatzlos ein Kettensägemassaker veranstalten. Und ich meine damit noch nicht einmal die tausenden verschiedenen Funktionen, die moderne Mediengeräte besitzen und für deren Beherrschung man einen Master Studiengang bräuchte.
Es geht um Grundlagen wie Datentransport, Speicherung, Akku aufladen etc..
kabelsalat
Das sind ausschließlich Kabel, die ich für reinen Daten-Transport benötige.
Man muss ja dankbar sein, dass sich der USB Standard durchgesetzt hat. Aber am anderen Ende des Kabels: Salat ohne Ende. Die Idioten von Lumix haben es z. B. fertiggebracht, dass bei meinem Modell ich für Datenübertragung und Akku-Aufladung zwei verschiedene Kabel benötige.
Ach, wie gut kann ich mitunter Skeptiker der Moderne verstehen. Manchmal hab ich einfach keine Lust, jeden technologischen Mist mitzumachen. Mach ich auch nicht. Sicher, ohne Google Maps auf meinem Smartphone wäre ich beim Wandern, Radfahren, Cruisen, kurze Wege suchen in Berlin und oder im Urlaub völlig aufgeschmissen. Ich habe den schlechtesten Orientierungssinn des Universums. Es hat zwei Jahre gedauert, bevor ich in meiner Homebase ohne Verirrungen und Wirrungen den Weg von der Haustür zum Mülleimer verinnerlicht hatte.
Aber wenn ich mir das Bild von den Insassen eines Zuges oder Flugzeugs vor Augen führe, wie alle ihren Kopf gesenkt halten und auf das Handy-Display glotzen, dann gruselt es mich. Mich erinnert das an meine Zeit als Messdiener in der katholischen Kirche. Da hat es mich auch komisch berührt, dieser Anblick der betenden Masse, alle die Köpfe gesenkt.
Ich sitz lieber im Zug oder Flugzeug und glotz einfach nur vor mich hin. Ich lese auch nicht. Hab genug in meinem Leben gelesen. Auch am Strand im Urlaub. Kein Buch, kein Handy, ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal mache ich die Augen zu. Mehr Abwechslung brauche ich nicht. Das ist ein bewusstes gewähltes kontemplatives Antidot zu den Anforderungen der Moderne, zu meinem zwangsneurotischen Verhältnis in Arbeits- und Projektzusammenhängen in Sachen Pünktlichkeit, Disziplin, Ordnung, all den preußischen Tugenden. Ich habe nicht die geringsten Hemmungen, Leute zusammenzufalten, die zu Meetings zu spät kommen. Das ist Diebstahl meiner Lebenszeit. Da werd ich zum Eber.
Find ich scheiße, kann aber nicht anders. Und dafür gönne ich mir, siehe oben, Auszeiten von diesen verdammten auf Funktionalität, Effizienz und Optimierung getrimmten Verhaltensweisen. Ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal denke ich was.
Aber selten was Brauchbares. Wussten Sie übrigens, dass der Männeranteil beim AfD Wahlvolk 82 Prozent beträgt?

28.10.2017 – Wir leben in einer Leistungsgesellschafft. Und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.

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Ich war kürzlich ein paar Tage um Süden. Das Wasser in der Bucht, die gemalt man als kitschig bezeichnet hätte, so märchenhaft ist sie, war 23 Grad warm, der Wind streichelte sanft die Wassertropfen vom Körper, meine Zehen bohrten sich lustvoll in den feinen weißen Sand eines strahlend türkisfarbenen Meeres – kurz, es war 5 vor Paradies. Vom schlechten Gewissen des mitunter von einer kargen protestantisch-kapitalistischen Arbeitsethik Gebeutelten, redete ich mir vermeintlich gut zu: „Das hast Du Dir verdient, Du hast die letzten Jahre hart gearbeitet und darfst Dir auch mal zweimal Urlaub leisten.“
Mal abgesehen von meinem Privat-Gedöns, war ich damit in die Falle der Leistungsgesellschaft-Ideologie getappt, nach der wir eben in einer Leistungsgesellschaft leben und nur der sich was leisten darf, der entsprechendes geleistet hat.
Wenn wir in einer Leistungsgesellschaft leben, bin ich Immanuel Kant und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.
20 Prozent aller Menschen in Deutschland können sich überhaupt keinen Urlaub leisten, 40 Prozent aller Alleinerziehenden (fast alles Frauen).
25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor mit ca. 10 Euro Stundenlohn, da liegt man in Steuerklasse 1 netto nicht sehr weit über der Armutsgrenze – bei Vollzeit wohlgemerkt. Wie sollen die sich bei explodierenden Mieten in den Ballungsräumen jemals auch nur eine Woche Malle leisten können.
Zeitarbeitnehmerinnen, Hotel und – Gaststättenbeschäftigte, Kurierdienstfahrer, Menschen, die froh wären, wenn sie den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde bekämen, obwohl sie sich mitunter regelrecht krank arbeiten, die alle leisten extrem viel und können sich nichts leisten.
Im Gegensatz zu den Milliardenerben der Quandts, Flicks, Schäffers, Oetkers, Aldi Albrechts etc. pp., to be continued, die nicht nur absolut nichts leisten, sondern obendrein jedes Jahr bis zu 100 Mrd. Euro Steuern hinterziehen und sich trotzdem allen Luxus dieser Welt leisten.
Wir leben ganz bestimmt nicht in einer Leistungsgesellschaft, wir leben in einer Erfolgsgesellschaft, in der nach Art der Raubritter die, die Macht haben, den Rest ausplündern. Eine feine Gesellschaft.
Jetzt hab ich mich schon wieder so aufgeregt, dass ich glatt nochmal urlaubsreif bin.
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Hoffentlich besänftigt mich das Bild des Zickleins, das direkt hinter mir in der Bucht graste.

27.10.2017 – Wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien

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Genauer Text und Sinn des Ganzen am Ende dieses Blog-Eintrags.
Wir leben in einem sich verschärfenden Kulturkampf. Jeder politische Konflikt wie der aktuelle mit dem Erstarken einer völkischen Rechten und ihren antizivilisatorischen Reflexen ist immer auch ein kultureller Kampf um die Hegemonie von Bildern, Erzählungen, Mythen in einer Gesellschaft (Nachtigall Gramsci, ick hör Dir trapsen, während ich mich frage , warum ich mich da eben vertippt habe, statt „trapsen“ „strapsen“ geschrieben habe).
Das mit der Bild-Hegemonie insofern nicht unwichtig, weil in der Diskussion darüber, wie umgehen mit der AfD, Hilflosigkeit herrscht. Das mit den besseren Argumenten und dem Appell an die Vernunft und man müsse den Gegner in Diskussionen stellen etc. pp., kurz, das Prinzip „Ratio“, das haut ja weder bei der AfD noch bei Trump noch sonst irgendwo bei der Rechten hin.
Offensichtlich wirken bei den Kräften der Gegenaufklärung untergründig Bildströme, die sie immun machen gegen das Argument. Von Moral mal ganz zu schweigen.
Die Rambo Filme zum Beispiel im kalten Krieg haben mehr antikommunistische (Bild-) Wirkmächtigkeit entfaltet als jeder reaktionäre Geschichtsunterricht in den Oberstufen damaliger höherer BRD-Lehranstalten.
Harmloses aktuelles Beispiel von subkutan reaktionärem Mist: die Asterix und Obelix Comics, von denen es wohl 2017 eine Neuausgabe gibt. Ich fand die früher auch ganz drollig, mangels Alternativen. Im Prinzip geht es um zwei verklemmte kulturlose Haudraufs, die nach alter Art von Männerbündlern nur Saufen, Fressen und Gewalt im Kopf haben, mit Frauen völlig überfordert sind und auf das Eindringen von Zivilisation in ihren Kulturkreis, also auf den Vormarsch der Römer nach Gallien, mit maximaler Aggression reagieren. Das Einzige, was man zu Gunsten von A & O annehmen kann, ist der Gebrauch von Drogen, vulgo der Zaubertrank.
Wenn es eine AfD Entsprechung auf Comic Ebene gibt, dann sind es diese beiden Dumpfmeister Asterix und Obelix. Bei mir war die Begeisterung für diese Art Comics in dem Moment gestorben, als amerikanische Underground Comics hier landeten, wie fremde Wesen aus dem Weltall.
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Zum Beispiel der schräge „Fritz the Cat“, von Robert Crumb, ein arbeitsscheuer, drogensüchtiger, sexistischer Kater, der als Bombenleger bei einer Terrorgruppe landet und schließlich von einer Frau, die er verarscht hat, mit einem Eispickel (Anspielung auf den Mord an Trotzki) erstochen wird. Und nicht wie Wikipedia schreibt: „erschlagen wird“. So ein Blödsinn, da macht die Anspielung auf Trotzki überhaupt keinen Sinn.
Während der regelrecht niedlich-harmlose, handwerklich biedere Farb-Strich bei Asterix und Obelix die eigene Perspektive immer nur wiederholt und verstärkt, wird sie bei Crumb zuweilen derbe verschoben, düster schwarz-weiß die Paneels, nie niedlich-identifikatorisch, das ist bestimmt kein Kater zum Knuddeln, sondern ein Kotzbrocken.
Wer Fritz the Crumb goutiert, ist natürlich per se kein besserer Mensch als der Asterix und Obelix Freund, aber im Zweifel weniger langweilig. Und das ist schon mal kein schlechter Ansatz, um im Auftrag der Aufklärung unterwegs zu sein.
Und wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien. Auf meiner steht gerade:
„Achtung, kann explodieren oder lecken, wenn aufgeladen, eingefügt unrichtig oder in über Feuer verfügt hat. Öffnen Sie Batterien nicht.“
Und ich mach mir wegen „strapsen“ Gedanken.

19.10.2017 – Inhalte werden überschätzt. Wir leben in einer Bilder-Welt.

Ich hatte einen Fachtag am Hacken, den man als Erfolg bezeichnen kann.
fachtag lange schlangen
Die Teilnehmer*innen drängelten sich regelrecht vor den Anmeldelisten. Details hier.
Stress macht mir die Organisation von sowas nicht. Mittlerweile sind immer über 10 Verbände mit im Boot, mit ausgewiesenen Experten, Bereichsleiter und so Zeug, die auch reichlich Organisationserfahrung haben. 2,3 Sitzungen und das Ding ist eingetütet. Was nicht klappt, wird wegimprovisiert.
Und wenn ich eins gelernt habe, dann das:
Inhalte werden überschätzt.
Fachtage sowieso. In meinem Bereich werden da eh nur die bereits Gläubigen nochmal bekehrt. Inhalte werden verschriftlich für die Dokumentation nachgereicht und schlimmstenfalls heuert man jemanden ab, der dokumentiert das Ganze auf Video, das stellt man dann online und verkauft das als E-Learning, da verkauft man seine eigene Dokumentations-Faulheit noch als digitalen Lernprozess.
Es gibt allerdings ein paar Sachen, die dürfen unter gar keinen Umständen in die Hose gehen, denn sonst kriegt dieser Fachtag ein Label, das einem sein Arbeitsleben lang wie Scheiße am Hacken heften bleibt.
1. Das Catering muss klappen. Ein sechsstündiger Fachtag, bei dem das Catering nicht klappt, da kann man sich gleich die Kugel geben
2. Das Rednerpult für die Sozialministerin muss niedrig sein. Was gäbe das sonst für ein Bild mit jemanden, der Gregor Gysi nicht weit überragt, und sich am Mikro den Hals nach oben verrenkt.
Unsere Sozialministerin ist hochkompetent bis ins Detail,
Cornelia-Rundt
hat einen feinen Humor. Und führt eine ebensolche, aber sehr scharfe rhetorische Klinge (Foto: El Practicanto). Ich war mal auf einer Veranstaltung mit ca. 300 Leuten bei einem eher konservativen Verband, bei der einer der Chefs des Ganzen ihr als Willkommensgeschenk etwas überreichte, das in ein Geschirrspültuch eingewickelt war. Ich dachte nur: Das ist jetzt nicht wahr, das ist ein Film! Und richtig. Ich habe noch nie jemanden so maliziös im öffentlichen Raum lächeln sehen wie unsere Sozialministerin, kurz und gnadenlos einen Verballeberhaken der finalen Art austeilend: „Oh, wie nett, ein Geschirrspültuch für die Ministerin für Gleichstellung.“ Denn genau das ist sie, was man beim ersten Klick auf der Homepage nachlesen kann: Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.
Was für ein Bild wird da mit dem Geschirrtuch produziert?! Frauen raus aus der Politik und zurück an den Herd?
Wie kann man nur so Bilderblöd sein.
Der so zu Recht als Volltrottel Hingehängte erbleichte und tat mir im ersten Moment rein kreatürlich leid. Dann dachte ich aber: „Ok, Du Trottel, wir sind im 21. Jahrhundert und Du brauchst eben die harte Tour.“
Der Mann war ja nicht irgendein Bürobote oder Sachbearbeiter.
Also das mit dem Rednerpult hat bei uns geklappt, wie man oben sieht. Was eine Kleinigkeit aus der Spur lief und mich für ca. 60 Sekunden in den Wahnsinn trieb, war der Mikrofonständer. Die Stellschraube im Gelenk hatte sich unmerklich gelockert und das Mikro begann sich gaaanz langsam zu senken. Zwei, dreimal dippte die Ministerin es kurz an, umsonst, sie ging gar leicht mit dem Kopf hinterher und fixierte dann das bösartig weiter sinkende Mikro kurz wie eine Kobra das Kaninchen, während ich 1000 Tode starb und überlegte, wann ich intervenieren sollte. Was ja nur nervt, wenn mitten im Vortrag einer vor der Vortrags-Nase rumwuselt, verzweifelt überall rumschraubt und am Ende bricht das Rednerpult zusammen.
Ich sah die Ministerin vor meinem inneren Auge schon wieder maliziös … siehe oben: „Herr Gleitze, haben Sie zum Abschied für mich „Vorsicht, Kamera!“ eingeladen?“.
Als ich dann endlich aufsprang, winkte sie lächelnd kurz ab, nahm das Mikro aus dem Gelenk in die Hand und redete so weiter.
Man muss sich mich fürderhin als glücklichen Menschen vorstellen.
Ich hatte schon das Etikett des Fachtags vor meinem inneren Auge gehabt: Das war der Fachtag, an dem sich die Ministerin den Hals verrenkte.
Worum es inhaltlich ging, weiß doch nach zwei Wochen keiner mehr. Aber dieses Bild hätte Generationen überdauert.
Wie gesagt: Inhalte werden überschätzt.
Und Sie können mir glauben: Wenn ich am Ausgang der Niedersachsenwahl etwas bedauere, dann, dass meine Sozialministerin nicht mehr weitermachen will!