20.10.2018 – Raus aus dem Flieger, rein ins Vergnügen


Peiner Allgemeine Zeitung, 17.10.2018
In der Nacht vorher saß ich noch im Flieger, der mich aus der Sonne des Südens in die Niederungen der Erwerbsarbeit brachte. Ich hatte mir flugs das letzte unbenutzte „Ich-flanier-dann-mal-an-der-Strandpromenade-Hemd“ gegriffen, mich in den Zug nach Peine gesetzt und gehofft, dass ich vor Peine nicht einschlief. Dann wäre ich in Braunschweig gelandet und das ist für einen Hannoveraner so, als wenn ein Schalker auf Dortmund landet.
Ein Problem von Städten ist die austauschbare Gesichtslosigkeit ihrer Cities, vermischt mit Menetekeln des Untergangs, was man beschönigend „Strukturwandel des Handels durch Digitalisierung“ nennen kann. Der stationäre Handel kackt ab, der Inhabergeführte Mittelstand gleicht dem Parmesan, er wird zerrieben, zwischen Internet und Ketten. Leerstand breitet sich zumindest in mittleren und kleineren Städten aus wie ein Krebsgeschwür, sieht aus wie die hässlichen Zahnlücken eines Armen, der sich den Zahnarzt nicht mehr leisten kann. Da geht es Peine nicht anders als dem Rest der Republik.

Es könnte eine Installation sein, die an das Ende einer Menschenbefreiten Welt nach dem finalen Siegeszug eines monströsen Killervirus gemahnt.
Es ist aber eine Ladenzeile in der Peiner City. Ich bin ziemlich Stimmungsempfänglich, um es mal euphemistisch zu formulieren, diese Anmutung stürzte mich sofort in derartig depressive Anwandlungen, dass ich umstandslos hätte anfangen können zu heulen.
Nur wenige Veranstalter freuen sich über einen heulenden Referenten, zumal ich grundsätzlich bei Veranstaltungen, bei denen ich mehr als den Grüßaugust mache, versuche, das Publikum mittels kleinen Aufwärmeinheiten in Form von Jokes zum Mitreden zu motivieren. Es gibt für mich bei Vorträgen eine einzige goldene Regel: Ich kann über alles reden, aber nicht über 20 Minuten. Wenn es mir danach nicht gelungen ist, das Publikum zum Diskutieren zu bringen, habe ich einen Scheissjob gemacht. Dann kann ich auch gleich die Powerpointmaschine in Gang setzen, 36 Folien, Schriftgröße 14, so Valium-Ersatz-Zeug halt. Also motivierte ich mich selbst vor Beginn der Peiner Veranstaltung: „Chakka, reiß‘ mich am Riemen.“ Wenn ich dieses Affengebrüllartige Chakka von Profi-Motivationskaspern nur höre, kriege ich Schreikrämpfe. Wer sowas braucht, ist eher ein Fall für die Klapsmühle.
Ich betrat den Ort des Geschehens, das Peiner St.-Jakobi-Gemeindehaus, also mit einem Lachen im Gesicht und siehe, es ward alles gut. Es wurde ein sehr lebhafter Abend.
Und was mich vollends mit dem Abend und mit Peine versöhnte, war das Gastgeschenk an den Referenten.

St. Jakobi Kirchwein. St. Laurent Rebe, aus der Pfalz, mit einem Bronzeengel. Ein ganz pfiffiges Geschenk, der Engel ist so schwer – das muss Bronze sein – dass er beim Transport sofort hin- und her schwingt und beim Schlagen gegen die Flasche den Effekt eines Kirchenglöckchens erzeugt. Mein Dank und angenehme Erinnerungen gehen an Peine.
Auf der Rückfahrt bin ich dann im Zug tatsächlich eingepennt.
Den ganzen nächsten Tag war ich mit einer Aktion in der City von Hannover beschäftigt, es war mal wieder Weltarmutstag
Am Folgetag Diskussion mit einem FDP Politiker über Umverteilung, mit einem Publikum, das zum großen Teil aus Menschen mit sehr wenig Geld, teils Wohnungslosen, bestand.
Ehrlich gesagt: Ich bin urlaubsreif.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

07.10.2018 – Werbung für unsere November-Fachtagung „Wohnung ist Menschenrecht!“ Kommt massenhaft!


Ort: Ver.di Veranstaltungszentrum, Goseriede 10, 30159 Hannover
Zeit: Di., 13.11.2018, 10.00 – 15.30 Uhr
Anmeldung: anmeldung@rls-nds.de
Details hier: LAK Fachtag-Wohnung ist Menschenrecht-Flyer
Offen für Fachpublikum, Betroffene und Interessierte. Kostenloser Imbiss, Barrierefrei.

Mit Andrej Holm als Impulsgeber. Holm ist Stadtsoziologe, hat seit langem die Dramatik der Stadtentwicklung und hier insbesondere der Wohnungsproblematik erkannt, und redet dementsprechend Klartext. Außerdem redet er nicht nur, sondern handelt auch. Dass das mitunter die Grenzen der Legalität streift, ist ebenso zwangsläufig wie erfreulich und nachahmenswert. Ich freue mich, dass er Referent auf unserem Fachtag ist.
Das Handeln der derzeitigen sozialpolitischen Akteure von Parteien über Gewerkschaften bis hin zu Verbänden und Organisationen ist inadäquat angesichts der größten Krise unserer Demokratie – bei der die Wohnungsnot nur ein Symptom von vielen ist – in der Nachkriegszeit.
Wie Mehltau liegt ein ermüdendes, rundgeschliffenes Mainstream-Reden, Denken, Handeln über der ganzen Szene.
Sie gehen nicht sehenden Auges in den Abgesang der Demokratie, sie gehen schlafenden Auges.
Die Wetteraussichten der nächsten Tage für meinen Strand: Sonne, 27 Grad, Wasser 24 Grad. Wenn das keine Trösterin ist …
P.s.: Es heisst allenthalben „Wohnen ist Menschenrecht.“ So positiv und dringend nötig diese ganzen Aktivitäten sind: Das ist eine falsche Forderung. Wohnen kann ich überall, in Sammellagern, in Notunterkünften, selbst unter Brücken. Die menschenrechtlich relevante Kategorie ist das eigenständige, selbstbestimmte Wohnen in geschlossenen Räumen, eben: Wohnung.
(Dank an Christof für den Hinweis, falls er das liest. Ohne die Expertise von Betroffenen geht es nicht, bei keinem Thema)

05.10.2018 – Neues vom Zeichner


Hommage an F. W. Bernstein, von Thomas Stethin.
Und Neues von der Kunst. Eben lese ich, dass Gerhard Richter vom neuen Film von Donnersmarck, der an seine Leben angelehnt ist (bezeichnende Formulierung, etwas, das angelehnt ist, ist schwach und steht schief), nicht angetan ist. Ich habe über den Film gelesen und eher gucke ich mir 6 Stunden am Stück den Haufen Hundekacke vor meiner Tür an als ein derartiges Machwerk. Da soll Donnersmarck unter anderem in einer Parallelmontage den Tod einer Protagonistin in der Gaskammer von Auschwitz mit einer Bildfolge der Bombardierung von Dresden verschneiden. Den Tod in der Gaskammer zu zeigen, finde ich persönlich krank. Nicht umsonst ist das Funktionieren von Zivilisation eng mit Tabus verbunden, ohne Tabus funktioniert Gesellschaft nicht, und wenn es in der Kunst ein Bildertabu geben sollte, dann das. Mit dem Schielen nach Hollywood so die Würde der Opfer zu verletzen, wie abartig muss ein Mensch sein, um das inszenieren. Und als ob das nicht genug wäre, wird der Angriff auf Dresden dazu ins Verhältnis gesetzt, in eine exkulpierende Gleichwertigkeit. Die Deutschen waren böse, schön und gut, aber die Amis und der Tommy, die haben auch genug Dreck am Stecken, und letzten Endes sind wir Deutschen die Opfer, das ist die Donnersmarck Message.
Sind wir nicht. Und der Holocaust war ein einzigartiges Menschheitsverbrechen, vollkommen unvergleichbar mit allem anderen, während Dresden ein „normales“ Kriegsverbrechen war. Beim Feuersturm in Hamburg beispielsweise waren die Opferzahlen höher und zur Erinnerung: Den modernen Bombenterror mittels Flugzeug hat das Deutsche Reich in Guernica entfesselt und mit den Luftangriffen 1940 auf London und Coventry den Startschuss für den Bombenkrieg gegeben.
Wer nach dem kulturellen Soundtrack unserer sich verändernden Gesellschaft sucht, wird bei Florian Henkel von Donnersmarck fündig. Fortsetzung folgt.
Was für ein Tagesauftakt. Ich könnte kotzen.
Was bleibt, ist die Freude an meiner überaus üppigen Himbeerernte

Meine Himbeerernte.
Und so wie diese üppigen Beeren reift auch mein aktuelles Kunstprojekt immer mehr, eine größere Intervention auf diversen Genre-Ebenen, von Intervention über Skulptur bis hin zu Video, gemeinsam mit anderen. Wer will, wird lachen können, und wer kann, wird die politische Botschaft lesen. Das tröstet in Zeiten grassierender Niedertracht.
Ok, die bevorstehende Reise ans Mittelmeer tröstet mich auch. Und die Sonne am Wochenende auch. Und dass Hannover 96 Letzter in der Bundesliga ist, auch. Und dass Seehofer nächste Woche von seinen Parteifreunden den Dolch in den Rücken kriegt, auch.
Und der LBV Port von Nieeport hinten im Regal auch. Also Fazit: Die Welt ist beschissen, das Leben ist schön.
Da sehen Sie mal, liebe Leserinnen, wie man im Schreiben die Kurve kriegen kann, Schreiben als therapeutischer Akt. Schönes und sonniges Wochenende.

04.10.2018 – Was hat eine tiefstehende Sonne im Frühherbst Tröstliches an sich?


Vor nicht einmal 14 Tagen stand ich morgens im Garten, mit nichts umhüllt als der Milde einer Nacht vom Rest eines überwältigenden Sommers, saugte dieses Gefühl in mich auf, wissend um seine Begrenztheit, und wollte es nicht mehr loslassen.
Aber wie das so ist mit dem Loslassen, wenn ich jetzt so morgens im Garten stünde, käme ich aus dem Bibbern gar nicht mehr raus, und das Gefühl ist zermahlen von der Handschuhkälte des Frühherbstes. Das ist einer der übelsten Zäsuren im Jahr: Das erste Mal wieder Handschuhe auf dem Fahrrad, bei mir bei unter 10 Grad. Dann rechne ich immer mit den Fingern nach, aber es kommt jedes Mal dasselbe bei raus: Noch sechs Monate bis zum Frühling, wo die Seele wieder aufjubelt.
Mein Jahresplan erfuhr eine jähe Wende. Ab in den Süden, sofort, wo das Mittelmeer noch tröstliche 24 Grad Wassertemperatur hat, die Strände leer sind und die Sonne wärmt. Ich streifte meine Handschuhe ab und besorgte mir in der Drogerie Sonnenmilch. Dieser Akt erwärmte mein Gemüt. Ich radelte weiter, Gedanken zogen fröhlich frei flottierend durch meinen Schädel. Radln ist für mich Therapie, Sport und Arbeit zugleich. Da erzähle ich mir, was mich so bewegt, und höre mir ab und zu auch zu, wie ein guter Therapeut, vor Sitzungen gehe ich noch mal das allfällige Gelaber durch, was mich da erwartet, und manchmal, an Steigungen, erhöhe ich die Frequenz, um in Schweiß zu kommen. In Berlin schenke ich mir das alles natürlich, wer da eine Sekunde unkonzentriert ist, der kann seinen Schädel gleich vom nächsten Rechtsabbieger-LKW planieren lassen, mit Abstand die häufigste Todesursache bei Radunfällen in Berlin, von denen es nicht wenige gibt. Ein elektronisches Toter-Winkel-Warnsystem für LKWs kostet ca. 3.000 Euro, das ist den Spediteuren aber zu teuer. Jetzt wissen wir also, was ein Radfahrerleben wert ist: < 3.000 Euro. Alltäglicher Kapitalismus. Und damit wären wir bei der SPD. Über die, die Gendersprache und den Fußball wollte ich in diesem Blog eigentlich kein Wort mehr verlieren. Irgendwann ist dann auch mal gut und die Dinge sind gesagt oder haben sich erledigt. Bei SPD und Gendersprache klappt das, mein Zorn des Gerechten hat allerdings in Sachen Fußball neue Nahrung gekriegt durch die Vergabe der EM 2024 nach Deutschland. 2021 sind Bundestagswahlen und wenn ich mir vorstelle, dass ein eventueller AFD-Innenminister (Maaßen oder ähnlicher) die Bühne einer EM nutzt für den nationalistischen Dreck, den dieses Pack propagiert, dann kann ich nur hoffen, dass sich die Ostgoten wieder so blamieren wie bei der WM (was mir bei meiner allfälligen Wette wieder einen Urlaub finanzieren würde). Der Titelgewinn der BRD 1990 produzierte in Tateinheit mit der Annexion der Ostzone eine Nationalismus-Welle, in deren Gefolge Ausländerinnen hier ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Zahlreiche Flüchtlingsheime brannten, mit Toten. Und wo sind wir 2024? Ich bin gespannt, wie die Fußballwesen, die ihren Verstand und Anstand noch nicht versoffen haben, dann eine Unterstützung dieser Mob-Mobilisierung rechtfertigen. Womit die Eingangsfrage aber immer noch nicht beantwortet wäre.

03.10.2018 – Der Abend war wegen der Currywurst ein Desaster.


Elbphilharmonie. Großer Saal.
Der Mensch besitzt im Gegensatz zum Tier die Gabe der Introspektion, also Selbstbeobachtung, was ihn mitunter nach Überwältigung seiner Sinne trachten lässt, deren Sonderform der Rausch ist. Wer will schon immer sie selbst sein. Für den gemeinen Homo Fussballeriensis, einer evolutionären Stufe zwischen Neandertaler und Brüllaffe, ist es das Zuschütten mit Alkohol vor dem Fernseher. Für Angehörige der Spezies Sapiens kann diese Überwältigung in Kunst, Liebe, Natur, meinetwegen auch bewusstseinserweiternden Drogen liegen. Stelle anheim.
Bei mir erfolgte eine überwältigende Sinneserfahrung letzten Sonntag an und in der Elbphilharmonie, der Kultur-Kathedrale der Bourgeoisie schlechthin. Nach der Straßen-Aktion am Vortag in Lüneburg war mich nach Luxus, Sinnesgenuss, anderer Welt. Ich war an eine günstige Karte für Bruckners Achte gekommen. Über fast alle postmodernen Großbauten vom Potsdamer Platz über das Humboldtforum bis zur Frauenkirche etc. pp., ist die Fachwelt gespalten, aber das ästhetische Urteil über die Elbphilharmonie war ziemlich einhellig: grandios gelungen. Egal ob man von der Ferne der Landungsbrücken blickt, von nahem daran hochschaut oder das Interieur genießt: ich finde es überwältigend.

Der Blick nach draußen auf den Hamburger Hafen ist auch nicht von schlechten Eltern. Sowas hat Berlin nicht.
Und endlich mal eine Konzerthaus-Akustik, die mich als Rock’n Roll Sozialisiertem beeindruckte: da kommt Dynamik und Wucht über die Rampe, was für so einen Fürsten des Lärms wie Bruckner nicht ganz unwichtig ist.
Natürlich sind solche Kathedralen auch politisch aufgeladen, wie ihre sakralen Vorgänger transportieren sie eine Geschichte von Macht, Unterdrückung und Klassenverhältnissen. Aber wie ihre sakralen Vorgänger sind profane Kathedralen wie die Elbphilharmonie auch Symbole menschlichen Drängens nach Fortschritt, Veränderung, letztlich nach einem – ambivalenten – Mehr an Zivilisation. Sie sind grandiose Orte von Urbanität und Genuss. Und der Skandal, der ihnen innewohnt, ist ja nicht ihr Preis, sondern ihre Klassengebundenheit. Der Skandal liegt darin, dass eine Gesellschaft, die sich das leisten könnte wie die unsere, es nicht allen ermöglicht, solche Abende zu genießen, sowohl materiell als auch von der ästhetischen Bildung her. Wer, wenn das gegeben wäre, sich immer noch vor der Glotze beim Fußball zuschütten will und sonst von der Welt nichts kennt, auch wenn er schon überall war, ist dazu herzlich eingeladen. Dafür haben wir den freien Willen und die eigene Verantwortung.
Leider gibt es auch für diesen Abend nicht die volle Punktzahl: ich gönnte mir im Restaurant der Elbphilharmonie Currywurst und Champagner. Der Schampus, ein Ruinart, war gut. Aber die Currywurst war einfach Scheiße. Wäre ich ein Snob, würde ich sagen: Der Abend war wegen der Currywurst ein Desaster. Gut, dass ich kein Snob bin. Und jetzt freue ich mich auf die nächste Straßen-Aktion, am Weltarmutstag, dem 17.10, in der City von Hannover. Bin gespannt, auf welche Sinnesüberwältigung mich danach gelüstet.

02.10.2018 – Gedanken zur Einheit


Aufbauarbeiten zur Einheitsfeier am Brandenburger Tor.
Ich war von Anfang an gegen die Einheit, ich bin dagegen und kann mir keine Umstände vorstellen, unter denen ich dafür sein könnte. Nicht, weil ich übermäßige Sympathie für den ostzonalen Staatssozialismus gehegt hätte, sondern aus systemtheoretischen Gründen: Wenn von zwei konkurrierenden Systemen eins verschwindet, erhöht das übrig gebliebene logischerweise sofort bei seinen Insassen den Preis für die Systemakzeptanz. Wenn von zwei Bäckereien in einer Straße eine verschwindet, müssen die Anwohnerinnen der Straße ja auch die Brötchen sofort teurer bezahlen. Logisch. Und deshalb müssen der deutsche Michel und die deutsche Proletin ihre Zugehörigkeit zum konkurrenzlosen Kapitalismus immer teurer bezahlen. Wir haben aktuell fast eine Million Wohnungslose, demnächst 1,3 Millionen. Das ist ein Preisschild von vielen, das an der Einheit hängt.
Wem es hier nicht passt, der kann seine Arbeitskraft ja im Sudan zu Markte tragen.
Also wieder her mit der Mauer. Wer braucht schon sowas wie Köthen, Chemnitz und Sachsen.
Aber man müsse doch die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen, die da demonstrieren, ihnen zuhören und mit ihnen reden, höre ich da Mrs. Mainstream raunen?
I bitt Sie, liebe Leserin, san’s net narrisch. Wieso sollte ich die Ängste von Rassisten und Neonazis ernst nehmen, die vollkommen abgestumpft, empathielos und voller Hass anderen nach dem Leben trachten. Und glauben Sie mir, wenn sich jemand das Geblöke dieses Mobs anhört, dann ich. Ich begebe mich nach wie vor mittels Straßen-Aktionen an sonnigen Wochenenden in die Niederungen von Stadtfesten, wie am 29.09 in Lüneburg, mit wackeren Engagierten, und suche das Gespräch, mit der Macht des Argumentes, getrieben vom Furor der Aufklärung

Ich, mit der Macht des Argumentes, getrieben vom Furor der Aufklärung, vor der Mauer zwischen Arm und Reich. In Lüneburg, Aktion am 29.09.2018 zum Thema: „Wohnen (besser: Wohnung) ist ein Menschenrecht.
Was ich da mitunter (es gibt auch sehr anrührende Momente von gemeinsamem Gespräch, Austausch und Verstehen!) zu hören kriege, lässt mich eher an die Macht des Hammers glauben. Gleich die erste Passantin baute sich mit verschränkten Armen vor mir auf:
„Wir haben hier doch schon lange keine Redefreiheit mehr.“
Innerlich quillt in mir nackter Hass hoch, ich weiß aus jahrhundertelanger Erfahrung genau, wes Ungeistes Kind da vor mir steht. Äußerlich bin ich gelassen, heiter und charmant:
„Die Grenzen der Redefreiheit zieht bei uns nur das Strafgesetzbuch und bei mir dürfen Sie alles sagen.“
Verschränkte Arme:
“Also die Merkel ist doch eine FDJ Sekretärin.“
Ich hole aus und strecke die vor mir Stehende mit einem wuchtigen Hammerhieb zu Boden. Innerlich.
Äußerlich:
“Ich finde das sehr interessant, was Sie da sagen. Und wie fühlen Sie sich dabei?“
Es gibt auch andere Erfahrungen, siehe oben. Aber grundsätzlich weiß ich wovon ich rede, wenn ich hier schreibe, nicht nur intellektuell, sondern auch praktisch. Darauf können Sie mal einen lassen, liebe Leserin.
Schöne Einheit noch.

28.09.2018 – Wir basteln uns einen Hashtag


Berlin, Waldemarstr., tiefstes SO 36, Inkarnation des Rebellischen. Ein Symbol virtueller Kommunikation zu materialisieren und zwecks Werbung für ein Anliegen, den Erhalt des Hambacher Forstes und den Kampf gegen die Braunkohle, an einen Zaun zu hängen, finde ich eine komplexe Aktion. Komplex deshalb, weil an dieser kleinen Intervention sich die potentielle Wirkmächtigkeit sozialen Widerstandes entfaltet. Anders formuliert: gesellschaftliche Grosskonflikte werden auf der Strasse, in realer Öffentlichkeit zugespitzt und entschieden und nicht im Internet. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit steht zur Zeit vor allem in Tarifkonflikten zur Diskussion und die werden einzig und allein daran entschieden, wie viele Leute die Fraktion Arbeit im Zweifel auf die Strasse bringen kann. Die Zukunft unserer Demokratie wird daran entschieden, wieviel Leute im Zweifel bereit sind, gegen Rassisten und Antisemiten auf die Strasse zu gehen. Sie wird nicht entschieden durch das Unterzeichnen von digitalen Petitionen wie „Rassisten sind igittigitt.“ Und der Kampf um die Energieformen der Zukunft und damit auch das weitere Durchwurschteln unseres Planeten wird durch realen öffentlichen Druck entschieden und nicht durch Rumgesäftel hinter #s. Das hat die Interventionistin von #hambibleibt mit ihrer sympathischen Aktion am Zaun in der Waldemarstr. auf den Punkt gebracht.
Ich war in der Nacht, als ich das knipste, allerdings froh, vom rebellischen SO 36 wieder in meinem alternativ-spiessigem 61 zu landen, wo ich eine geplegte Bar mit einem knackigen Cremant als Absacker frequentierte. In SO 36 gibt’s nur Molotow Cocktails und so Zeug. Das muss ich echt nicht mehr haben. Soll die Jugend mal machen.

27.09.2018 – Wir basteln uns eine Email


Als ich an diesem Geschäft vorbei ging, stutzte ich, durchaus länger als einen Moment, bevor ich begriff, dass es hier keineswegs um Bastelbedarf für eine sehr gebräuchliche Form der digitalen Kommunikation geht, sondern um Material, mit dem Töpfe oder Schilder überzogen werden.
Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung, und deshalb ist Kunst gerade in Zeiten allgemeiner Verrohung, Verblödung und Niedertracht so wichtig. Kunst schärft Wahrnehmung, lehrt uns Differenzen zu realisieren und Empfindungen zu stärken. Ästhetische Bildung ist immer auch politische Bildung, denn die angesprochenen Kategorien Wahrnehmung, Differenz und Empfindung entscheiden mit darüber, in welche Richtung wir als poltische Wesen denken und handeln.
Was mich nicht davon abhielt, vor obigem Laden lange, sehr lange zu verharren, mit einem riesigen, unsichtbaren „Hä?“ über meinem Kopf.

26.09.2018 – Zwanghafte Nummer


Zwanglos III. Berlin, Gneisenaustr.
Ich weiss nicht, wie oft ich mich in diesem Blog wiederhole, Gedanken, Beobachtungen aus- und plattwalze, was man bei gutem Willen roten Faden nennen könnte, bei schlechtem einfach langweilig, dieser Blog ist eben wie das richtige Leben: nicht immer originell. Eins weiss ich sicher: diesen manisch zwanghaft nummerierenden zwanglosen Swinger-Club hab ich hier mit Sicherheit schon mal verwurstet. Wenn ich Deutschsein in ein Bild komprimieren sollte, dann dieses.
Nachdem ich diesen Ort der Trostlosigkeit gequert hatte, lenkte mich mein Weg nach Schöneberg, wo ich das fand.

Mit Ausrufezeichen.
Während das Zwanglos III ein obkektiver Brüller ist, lasse ich im Bordel! Fall – ein Frisör-Salon – mit mir diskutieren, ob das nicht eine subjektive Wahrnehmungssache ist. Man könnte sagen, ich suche sowas förmlich, wäre regelrecht zwanghaft ficksiert.
Blödsinn. Ich hab mein Unterbewussten voll im Griff.

24.09.2018 – Elektrisierend


The most dangerous Game. Ausstellung über die Situationistische Internationale SI. Dieses Plakat hat mich regelrecht elektrisiert. Mich haben drei Strömungen in der Kunst fasziniert, intellektuell begeistert und auch in meiner Kulturproduktion beeinflusst: vor allen anderen die frühe sowjetische Avantgarde, in Teilen Dada und die SI. Die SI verband radikal Kunst und Politik, Leben und Kultur, bestand nur aus ein paar Leuten in den Sechzigern und ihre grösste Leistung ist aus meiner Sicht ihr Einfluss auf Kunstrichtungen , ohne die die Kunstmärkte seit den Sechzigern nicht denkbar sind: Fluxus, Happening, Performances, Soziale Plastik etc. pp. Ohne SI kein Punk, keine Sponti-Bewegung (Unter dem Pflaster ist der Strand, das war ein Motto der SI). Die SI war die letzte Avantgarde, danach kam nur noch Pop und Postmoderne, also zu weiten Teilen affirmativer Mist. Und SI war Politik, ohne SI kein 68.
Ich kenne die Geschichte der SI ziemlich gut und weiss um die oft nebulöse Quellen- und Archivlage. Die Leute antizipierten , auch darin Avantgarde, damals schon die Kunstguerillataktiken beispielsweise eines Banksy, der die SI teilweise regelrecht zitiert, und verdammten jedes Urheberrecht oder Autorengenie. Aus deren Geschichte, die 1972 endete, eine Ausstellung zu machen, ist über alle Maßen ambitioniert und ich freu mich wie ein Schneekönig drauf.
Anders die Berlin Art Week, die diese Woche beginnt. Der Kunst-Event in der BRD schlechthin, Must-have für jeden Kunst-Afficionado. Da weiss man garnicht, wo man anfangen soll, dutzende Galerien, Museen sind involviert. Die Eröffnung findet bei mir umme Ecke statt, im Hangar des ehemaligen Tempelhofer Flugplatzes. Ich bin eher mit dem Radl da, als das ich den einmal durchquert hätte, so riesig ist der. Und dann finden auch noch zwei Kunstevents gleichzeitig da statt. Sehr unübersichtlich, das Ganze.
Was ich vermisse, ist eine Auflistung der Vernissagen bei der Art Week, wo es kostenlosen Sekt und Fingerfood gibt. Ich bin als Event-Schnorrer ziemlich verwöhnt. Die Messlatte steht hoch.