21.08.2018 – Am Anfang war das Wort


Sakralbau Berlin-Schmargendorf
Das obige zentrale Zitat aus Bibel ist natürlich idealistischer Schmarrn. Wir Gläubige der Gemeinde des St. Materialismus wissen: vor dem Anfang war das Nichts, im Anfang war Materie und dann, sehr, sehr viel später, kam das Wort, also die Sprache, in die Welt.Und ist seitdem nicht mehr auszurotten. Angesichts des allgemeinen Verfalls der Sitten und damit natürlich auch der Sprache ein ausserordentlich bedauerlicher Zustand.
Sprache ist ein Herrschaftsinstrument. Allein das Wort „Herrschafft“ spricht Bände. Was meinen Sie wohl, liebe Geschlechtsgenossen, warum es nicht „Frauschaft“ heißt? Sprache transportiert und tradiert also Machtstrukturen, wütet und waltet ohn Unterlass in unserem Unterbewusstsein und lässt uns im Alltag ganz närrische Dinge sagen und tun, die der Emanzipation leider garnicht zuträglich sind. Sei es im Geschlechterverhältnis, beim Ökogedöns oder im Massverhältnis Kapital-Arbeit.
Mit welchen irrsinnigen Vorstellungen im Bereich des letzteren unser Leben durchseucht ist, sei an einem Beispiel gezeigt, dem ganz gewöhnlichen und durchaus bedrohlichen Satz:
„Mein Lebenslauf weist Lücken auf.“
Was für ein von der kapitalistischen Verwertungslogik vermüllter kategorialer Schwerstschwachsinn.
Der Lauf meines Lebens weist durchaus einige Lücken im Sinne einer Erwerbsbiographie auf. Auf die bin ich ohne Ausnahme stolz, allein deshalb, weil diese Lücken, und auch sonst vieles abseits der Erwerbsbiographie, von üppiger Buntheit und prallem Leben gefüllt sind. Es also natürlich keine Lücken, sondern Bereicherungen sind, übrigens durchaus zum Nutzen späterer Arbeitgeber und Kunden.
Ein Lebenslauf, in dem es lückenlos hiesse: „1970 trat ich in den Dienst der Deutschen Müll AG ein, woselbst ich 2016 in Rente ging.“ wäre für mich kein Lebenslauf, sondern prämortaler Tod auf Raten.
Es gibt mit Sicherheit und Göttin sei Dank Millionen Menschen, für die ein derartig lückenloser Lebenslauf die Erfüllung ist.
Aber diese bedrohlich allumfassende diktatorische Dominanz mit der in unserem Beispiel der Begriff „Lebenslauf “ unter das Kapitalverhältnis subsumiert wird, zeigt, wie Machtstruktur mit Sprache transportiert wird.
Amen.

Kreuzkirche, Berlin-Schmargendorf. Einer der raren expressionistischen Sakralbauten. Von Form und Farbe her knallte mir seine explosive Dynamik derart ins Auge, dass ich bremste und innehielt.
Ich kam, und das ist eine schöne Pointe bei all der Sakralität in diesem Blogeintrag, mit dem Radl vom Teufelssee.

19.08.2018 – Ich bereue Nichts


Ich bereue Nichts – so Rudolf Hess im Nürnberger Prozess gegen die nazi-(wofür mir meine Rechtschreibkorrektur „NATO“ anbietet. So fängt der Morgen nicht nur sonnig, sondern heiter an) Elite. Dafür verschimmelte er zu Recht bis zum Tod im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis.
Das nutzen Nazis zu jährlichen Demonstrationen, unter anderem mit Hess‘ Parole (siehe Bild oben aus dem „Tagesspiegel“). Dagegen formiert sich regelmässig antifaschistischer Widerstand, was ebenso regelmässig von der minderintelligenten Fraktion der Bürgerpresse mit der Parole denunziert wird „Rechte und linke Chaoten“, die damit der Totalitarismus-Theorie des Kalten Krieges folgt „Sozialismus gleich Nationalsozialismus“.
Abgesehen davon, das diese Gleichsetzung den Holocaust relativiert, ist sie von einer bemerkenswerten Unkenntnis des Prinzips der Ziel-Mittel Relation. Ziel des Sozialismus war die Emanzipation, die Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ziel des Faschismus ist immer Ausschluss, Unterdrückung umd letztlich Vernichtung von Minderheiten.
Oder um es für die geistigen Tiefflieger der Bürgerpresse in ein Schlichtbild zu fassen: Rechte Chaoten zünden Flüchtlingsheime an, linke Chaoten stellen sich schützend vor Flüchtlingsheime.
Dass man sowas heutzutage überhaupt erklären muss, wirft ein bezeichnendes Licht auf den intellektuellen und moralischen Zustand unserer Gesellschaft.
Überflüssig zu sagen, ich tu’s trotzki: mit dieser extrem verkürzten Ausführung wird weder der stalinistische Terror entschuldigt noch einer grenzenlosen Legitimation aller möglichen Mittel das Wort geredet, wenn denn nur das Ziel ein ethisch wertvolles sei.
Kein Wunder, dass ich meine kleinen Fluchten pflege.

Grunewald, am Teufelssee. Wenn man in der Hitze des Nachmittags über dem weissen Sand die Augen schliesst und den Duft der Kiefern einsaugt, hat man das Gefühl, 3000 km weit weg an einem menorquinischen Strand zu sein.
Muss aber nicht sein. Hier ist es auch zauberhaft. Mit den besten Wünschen für alle Leserinnen für eine sonnige und spannende Woche verabschiede ich mich jetzt auf mein Radl für einen weiteren Teufelsritt zum Teufelssee. Radfahren über den Kudamm ist echt ne Herausforderung.

17.08.2018 – Knapp am Polizeigewahrsam vorbei


Berlin, Marheineke Platz.
Sie kennen das sicher, liebe Leserinnen: Sie sitzen irgendwo und starren vor sich, sei es gedankenverloren, erschöpft oder einfach wegen nichts. So erging es mir unlängst auf obigem Platz. Plötzlich hatte ich das Gefühl, jemand beobachtet mich. Ich wandte den Kopf und richtig, ein paar Meter schräg hinter mir wippte eine junge Mutter ihren Brutbeförderungskarren und starrte mir in den Nacken. Kein Wunder. Ich hatte, ohne es zu realisieren, den oben aus gutem Grund aus der Distanz fotografierten Kinderspielplatz ins Visier genommen. Ein alter Sack, allein auf einer Parkbank, der Minutenlang auf einen Kinderspielplatz glotzt, und das in den heutigen Zeiten im schwäbisch-hysterischen Nachwuchsgrossaufzuchtzentrum, dem Bergmann Kiez – ich bin schon für weniger im Polizeigewahrsam gelandet. Vor meinem inneren Auge lief in Sekundenbruchteilen das Verhör ab: „Was haben Sie da gemacht?“ – „Nichts.“ – „Wie, was heißt Nichts? Wir sind hier in Deutschland, da macht man nicht einfach mal Nichts. Und überhaupt, man kann nicht Nichts machen!“

Ich zog sofort ein paar Bänke weiter, zu den Drogis und Alkis am Ostende des Platzes. Durch den Platz läuft eine imaginäre scharfe Demarkationslinie zwischen den beiden Gruppen, aber: es scheint sowas wie eine funktionierende Koexistenz zu geben. Von Verdrängungsbestrebungen gegen die Konsumschwachen hab ich noch nichts gehört. Das heisst aber nicht so viel.
Gelesen habe ich gestern im Tagesspiegel, dass sich die Bodenpreise in Kreuzberg-Friedrichshain in einem Jahr vervierfacht haben sollen. Da denkt natürlich kein Bodenbesitzer ans Bauen, sondern spekuliert auf noch mehr. Also steigen die Mieten noch extremer als bisher, vom Himmel fallen ja keine Neubauten. Und irgendwann platzt die Blase, weil selbst der schwäbische Kleinunternehmer im Bergmann Kiez sich die Mieten hier nicht mehr leisten kann.
Anders fallen die Bodenspekulationen nicht. Es sei denn, leerstehende Häuser oder Grundstücke werden nach einem Jahr Leerstand sofort mit einer exorbitanten Steuer belegt. Kann man machen, sowas gibt’s.
Aber eher lande ich mal wieder in Polizeigewahrsam.

14.08.2018 – Marx und Engels gar nicht träge


Marx und Engels, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In das Kapital ne Lücke.

(siehe auch Max und Moritz, Dritter Streich)
Ich geb’s langsam auf, mit Marx- und Engelszungen zu versuchen, Vernunft zu predigen. Zu umfassend und überwältigend ist der Angriff von Dummheit, Niedertracht und Indolenz auf den Verstand. Ab jetzt nur noch Zwangsjacken. Aber überall werden einem dabei Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ich will nach Berlin, um den Wiederaufbau der Mauer voranzutreiben, nur drei Meter höher als vorher, und was ist? Die Bahn fährt mal wieder nicht. Jedenfalls nicht über Wolfsburg. Hahaha.
Heute Morgen wurden im Zentralorgan des hiesigen Michel, aber leider nicht des Michelin, der HAZ, Klagen über die voraussichtlichen Mietpreise in einem lokalen Neubaugebiet namens Wasserstadt, direkt bei mir umme Ecke, veröffentlicht. Dort soll der Preis pro Quadratmeter 15 – 20 Euro betragen. Stand jetzt. Also später mal, wenn der Kotten fertig ist, deutlich über 20 Euro. Eine völlig logische und naturgesetzliche Preisfindung, schließlich ist Wohnen am Wasser begehrt und die Ware Wohnraum knapp. Der Bauherr Papenburg ist ein typischer Kapitalist, für den sich schon eine Soko „Organisierte Kriminalität“ interessierte, als er mit dabei war, die Ostzone auszuplündern nach deren Annexion. Darüber hinaus gibt es unter den 10 – 20 Prozent Vermögenden im Lande genug Leute, die entweder für gutes Wohnen jeden Preis zahlen oder die jede Chance auf Spekulation nutzen. Angebot und Nachfrage definieren den Preis und nicht das Wollen und Wünschen von Moralaposteln.
Es sind also an dieser Causa lediglich zwei Sachen verwunderlich: Dass der Mietpreis so moderat wie beschrieben ist. Noch. Und dass auf dem Gelände Sozialwohnungen mit entstehen sollen.
Was im ersten Moment mich verwundert hat bei der Zeitungslektüre, ist das Aufjaulen der hiesigen Politprominenz: Das sei aus dem Ruder gelaufen.
Naiv von mir. Die sind tatsächlich so naiv oder dumm und glauben das. Die Intelligenteren heucheln jetzt Dummheit. Die wussten von Anfang an, wie der Hase läuft, und sollten sich von dem Filetstück schon mal eine Scheibe abgesäbelt haben.
Uns wurden in der Schule saudämliche Sprüche von irgendwelchen Prominenten eingetrichtert, bei Amis wie John F. Kennedy im O-Ton. Sprüche, die ihre Spuren hinterlassen und die besinnungslos bei jeder unpassenden Gelegenheit von jedem Realschulabsolventen zitiert werden, wie:
„Frage nicht, was dein Land für dich, sondern was du für dein Land tun kannst.“
Was sich immer an Arme, Obdachlose und Prekäre wendet, niemals aber an die Kapitalisten, die weder Vaterland noch Heimat kennen, sondern nur globale Ausbeutung und Profit. Wer in solchen Kennedy Kategorien denkt und an die glaubt, der wundert sich auch über die Wasserstadt.
Ich geh jetzt Mörtel anrühren. Sie wissen schon, für die Mauer ….

13.08.2018 – In meiner Jugend als arger Zecher


In meiner Liste der wundersamen und bewahrenswerten Wörter auf Platz 5: Fernsprecher (gesehen in der Berliner Kongress-Halle, vulgo Schwangere Auster).
Ich habe mal eine Fotoserie begonnen von Telefonzellen, aber bald wieder aufgegeben. Es gibt keine mehr. Ich trauere dem nicht nach, es gibt ja auch keine Pferdetränken oder Kesselflickereien mehr. Ich halte nichts von rührseliger Nostalgie, gerade von Alternativ-Spießern, die jede Minimalveränderung in ihrem Kiez mit der Verbalmilitanz früherer Steinwurfzeiten ablehnen. Das ist jene Form von Romantik, die in sich den Kern der reaktionären Aggression gegen Zivilisation, Großstadt, Veränderung und Moderne schlechthin trägt. Wohin das in ersten Schritten mit großflächiger lokaler gesellschaftlicher Wirkung führt, hat man an dem Volksbegehren gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes gesehen, bei dem die BI-erfahrenen, Anti AKW-, Frauen-, Öko- und überhaupt sehr bewegten Kiez-Anwohnerinnen einen – erfolgreichen – Volksentscheid gegen jegliche Bebauung des Areals lostraten. Angesichts der dramatischen Wohnsituation in Berlin eine egoistische Niedertracht sondergleichen. Allein das Wort Volksentscheid verursacht mir Brechreiz. Nun Volk, steh auf und entscheide? In meinen Augen ist in der aktuellen historischen Situation mehr Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie der direkte Weg zur Abschaffung der letzteren.
Gegen derartigen naiven Beteiligungsquark würde ich militant und radikal kämpfen. Notfalls mit jener Waffel in der Hand, die die anderen am Kopf haben. Und schlimmstenfalls würde ich einen Volksentscheid lostreten, der sich für ein Verbot jeglicher Volksentscheide einsetzt. So wahr mir Gott helfe. Was in meinem Fall ein klassischer Fall von Selbsthilfe ist.
Aber schön sieht der Fernsprecher schon aus und man sollte solche Relikte liebevoll archivieren, katalogisieren, thesaurieren und mit rührenden Gesängen würdigen, der Nachwelt zum ehrenvollen Gedenken:
In meiner Jugend, als arger Zecher,
kotzte ich mitunter in Fernsprecher-
Zellen. Mit Handys fällt das flach.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tach.

So in der Richtung.
Ansonsten danke ich dem Fortschritt auf Knien für Smartphones und Google Maps und so Zeug. Ohne das wäre ich in der Fremde und da für die Arbeit hilflos wie Moses im Baströckchen. Oder war es ein Bastkörbchen?
Apropos Bastkörbchen: Heute vor 57 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. In der hiesigen HAZ fand ich dazu keine Zeile. Es gibt nur drei Stellen, wo Mauersegmente original erhalten sind, alle anderen Mauerreste sind sogenannte Hinterland-Mauern, die oft nicht am Originalplatz stehen. Auch eine Art des Umgangs mit Geschichte.

Farbfernseher 98 DM. Der Laden ist nicht erst seit gestern pleite. Oder da ist eine Kreuzberger Szene Kneipe drin, die so heißt. Unlängst am Grill behauptete ein Kumpel, in hiesigen Restaurants seien bei der Euro-Einführung mitunter die Preise 1:1 von DM auf Euro umgesetzt worden. Solche urbanen Erinnerungsmythen wabern auch in den Köpfen verständiger Menschen und lassen sich durch Argument, Statistik und Aufklärung nicht ausrotten. Und die Bahnstrecke nach Berlin ist auch wieder unterbrochen. Was soll nur aus Deutschland werden…
Einen guten Start wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

11.08.2018 – Was ist Nichts?


Aufsteller für Nichts.
Nichts macht mehr Arbeit im Moment als Nichts. Bei der Arbeit an der Campagne zu Nichts fließt der Schweiß der Edlen im SCHUPPEN 68, die Designabteilung ist ebenso eingebunden wie der Vertrieb, teils muss externes Knowhow eingekauft werden, bei der Anmeldung von „Nichts®“ als Marke ist juristischer Fachverstand gefragt, die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit ist rund um die Uhr damit beschäftigt, die Medienanfragen- und Berichte zu sichten und zu koordinieren, wie diesen hier:

Neue Presse, 10.08.2018.
Der einzige Unterschied zu Projekten beispielsweise für Landesarmutskonferenz ist: Ich muss mich nicht auf diesen elenden Pfad der Fördermittelbeantragung und – Verwaltung begeben. Nichts wird privatwirtschaftlich finanziert, allerdings fließt auch der RoI komplett in Taschen der Verantwortlichen. RoI ist zwar königlich, entstammt aber einer wichtigeren Sprache als Französisch, es entstammt dem Ökonomischen, heißt nicht „König“, sondern ist die Abkürzung für „Return on Investment“, also Anlagerendite. Die Analogie zu „König“ stimmt insofern, als RoI die Königsformel des Kapitalismus ist. Ohne eine in Aussicht stehende Kapitalrendite investiert kein Kapitalist der Welt in irgendetwas und je nach Höhe der Rendite ist er bereit, jedes Risiko, auch bei Strafe des eigenen Untergangs, einzugehen. Wie der RoI bei Nichts ist, lässt sich erst nach Abschluss unserer Campagne sagen.
Eine exclusive Vorab-Info hier für Sie, liebe Leserinnen: Die Campagne steht noch nicht in allen Details fest, aber es ist festgelegt, dass nach dem Gebiet der Ökonomie beim aktuellen Kick-Off als nächstes die Sphären der Kunst und der Politik mittels Interventionen auf die Funktion und Bedeutung von Nichts in ihren Bereichen untersucht werden.
Der erste Schritt dahin findet am 01. und 02.09.2018 statt im Rahmen von Zinnober, einem hannöverschen Event, bei dem Zuschauerinnen Künstlern dabei zusehen können, wie sie sich betrinken.
Nichts wird präsentiert bei den LindenerKunstWerke AG, Badenstedter Straße 48, 30453 Hannover.
Wie schwierig eine fundierte Auseinandersetzung mit Nichts ist, zeigt die Tatsache, dass die Philosophie bis heute nicht definieren kann, was Nichts ist. Hier sei nur an die Auseinandersetzung von Heidegger („Das Nichts nichtet“), Carnap und Max Horkheimer erinnert.
Bei der Auseinandersetzung kam wie erwartet Nichts rum, außer dass Adorno hinterher seinen bekannten Spruch zu seinem WG-Kumpel Horkheimer machte:
„Max, Du brauchst den HorkEimer heute nicht runter zu bringen, ist Nichts drin.“
Mit dem Nichts in der Politik wird es dann ab Winter 2018/19 völlig kompliziert.
Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen, es lohnt sich!

09.08.2018 – Intervention: SCHUPPEN 68 füllt das Sommerloch mit Nichts


Die HAZ berichtet heute, unsere PM im O-Ton zitierend. Schön, weil man sich irgendwie verstanden fühlt. Hier als Bonusmaterial für treue Leserinnen die komplette PM SCHUPPEN 68 füllt Sommerloch mit Nichts_V1….

NICHTS. (Entwurf, Ausführung & Copyright: design@in-fluenz.de & H. Sievers)
Und wenn Sie mich während der Verkaufsaktion ansprechen, verspreche ich Ihnen eine besondere Aufmerksamkeit.
Angesichts solcher Artikel beschleichen mich manchmal Zweifel, ob mein Weg, der kein leichter war (wer denkt sich bloss solche Zeilen aus?), der richtige war. Ich bin für sicher ein gottverdammtes Marketinggenie. Vor Geld gibt es in unserer heutigen Mediengesellschaft eine Münze, die alles überstrahlt und zählt: Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist der Hebel zu Ruhm und Reichtum schlechthin und diesen Hebel setzen Sie durch Marketing in Bewegung.
Andere machen aus Scheiße Geld, das ist aber harte Arbeit. Ich mache aus Nichts das, was Geld toppt, nämlich mediale Aufmerksamkeit.
Die Sache hat nur einen Haken: Alle Marketing Genialität hat mir zumindest auf dem hier skizzierten Sektor noch nie auch nur einen roten Heller eingebracht (siehe auch der einzige Witze-Verleih der Welt, etc. pp.) Wäre ich nicht schon lange Millionär, hätte ich meine Fähigkeiten in der Werbe- oder Scheisshaus-Branche zum Beispiel eingesetzt?
Andererseits schleichen sich obige Zweifel immer sehr schnell wieder. Es muss auch Bereiche geben, die jenseits von Geld, Leistung, Wettbewerb liegen, Bereiche der reinen Freude, des immateriellen Luxus, der Ästhetik eines transzendenten und autonomen Kunstwerkes, zumal dann, wenn man es selbst geschaffen hat. Und letzteres funktioniert heutzutage nur in der medialen Dialektik. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan hat mal gesagt (zumindest hoffe ich, dass er das gesagt hat): ein Ereignis, das nicht in Medien stattgefunden hat, hat überhaupt nicht stattgefunden. Das gilt natürlich auch für Kunst & Künstler. Die Frage: was ist Kunst? oder: Wer ist Künstler? beantwortet sich im 21. Jahrhundert von selbst. Die Zuschreibung durch die Medien definiert das Kunstwerk und benennt den Status „Künstler.“
„Oooch, finn ich aba Scheisse!“ sagen Sie jetzt?
Ich sage ja nicht, dass das gut so ist. Ich sage nur, dass es so ist.
Wir sehen uns.

08.08.2018 – Irgendwer muss ja das Geld für dieses Rumgesülze hier verdienen.


Das letzte besetzte Haus in Berlin, Linienstr. 206. Geräumt 2016.
Sämtliche besetzte Häuser in Berlin sind entweder geräumt oder unter unterschiedlichen Vorzeichen (Kauf durch Stiftungen o. ä.) legalisiert worden.
In den Achtzigern und Neunzigern gab es Hunderte besetzter Häuser in Berlin, bei deren Räumung es mitunter zu bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten kam.
Hintergrund Vergleich damals – heute:
1990 gab es drei Millionen Sozialwohnungen in Deutschland. Heute gibt es 1,2 Millionen, Tendenz weiter sinkend.
Heute gibt es ca. 800.000 Wohnungslose. Genaues weiß kein Mensch, es gibt darüber nicht eine einzige valide Statistik. Und das in einem Land, wo jede Gelbbauchunke eine Personalnummer besitzt. Wieviel Wohnungslose es 1990 auch nur annähernd gab, weiß ich nicht. Mit Sicherheit nur einen Bruchteil.
Weiter: die Armutsquote lag in den Neunziger bei ca. 11 Prozent, heute liegt sie bei 16 Prozent.
Also ist es nicht vermessen zu behaupten, dass die soziale Spaltung heute wesentlich tiefer ist als in den Neunzigern und die Wohnungssituation dramatischer. Trotzdem gibt es nicht ein einziges besetztes Haus in ganz Berlin.
Es ist ein wunderbar milder Morgen, ich war eben textilreduziert im Garten, die Wärme liegt sanft auf der Haut wie ein Seidenshirt, ein paar Vögel zwitschern hitzeermattet lustlos vor sich hin, die Brut ist aus dem Haus, die Katze träge, was soll man da groß zetern, zwei, drei Bienen torkeln ziellos in der Luft unterm japanischen Flieder umher, nichts liegt ferner als soziale Konflikte und Ursachenforschung. Aber die Geschichte mit den (nicht-) besetzten Häusern geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Wenn man Hausbesetzungen als eine Form sozialen Widerstandes betrachtet, gibt es einige soziologische Erklärungen für die hier extrem verkürzt geschilderten Entwicklungen (aber reichen die? Mir fehlt da irgendwas, schwer greifbares): In den 90ern waren Hausbesetzungen nicht nur Mittel zum Zweck (der Befriedigung des Wohnbedürfnisses), sondern auch Ausdruck und Strategie eines nennenswert vorhandenen linksradikalen Impulses gegen einen zunehmend durchökonomisierten Kapitalismus. Es gab Formen sozialer Bewegungen, aus denen Hausbesetzungen sowohl Personal als auch ideologische Referenzen bezogen: Reste der Arbeiterbewegung, Frauenbewegung, Ökobewegung, jeweils mit ihren radikalen Fraktionen.
Darüber hinaus, nicht zu vernachlässigen, gab es im linksliberalen Bürgertum Sympathisantinnen. Ohne die wäre z. B. eine Legalisierung der Hamburger Hafenstr. nicht möglich gewesen.
Das alles gibt es heute nicht mehr. Und insofern beschreibt der Zustand einer nicht vorhandenen Hausbesetzerszene pars pro toto den unserer Gesellschaft. Ihr sind nicht nur die linken, sondern auch die liberalen Impulse ausgegangen. Ermattet, wie von einer Hitze, hechelt sie, schon leicht agonisch wie ein kranker Hund, der am Boden liegt, einem Zwischenzustand entgegen, den ich mir jetzt lieber nicht vorstellen möchte, weil der Tag, siehe oben, einfach zu schön ist.

Hitze, gestern Mittag, Veranda in der Sonne, analog gemessen über 50 Grad.
Wir, liebe Leserinnen, wollen jetzt aber keine Analogien zwischen dem Klima und der Gesellschaft ziehen, siehe Hitzeermattung, am Horizont ziehen dunkle Wolken auf und es blitzt und donnert, etc. blabla. Das ist platter Symbolismus und in welchen literaturgeschichtlichen Genres der gerne verwendet wird, das ist das Thema unseres nächsten „Wort zum Sonntag“. Ich muss jetzt leider anfangen zu ackern.
Irgendwer muss ja das Geld für dieses Rumgesülze hier verdienen.

06.08.2018 – Rudolf Scharping auf Koks


04.08.2018, Außentemperatur auf meiner Veranda 47,3 Grad Celsius, in der Sonne gegen 13 Uhr. Um 14.53 Uhr war die Sonne da schon verschwunden und es herrschten angenehme 30 Grad. Innen 25 Grad. Wärmer wird es drinnen bei mir nie. Ich gehöre damit zu den Krisengewinnlern, wenn es zur Klimakatastrophe kommt und wir Temperaturen wie im Death Valley haben. Dann vermiete ich meine Bude stundenweise an Klima-Binnenflüchtlinge, arme Schweine, in deren Wohnungen unterm Dach das Wasser im Kochtopf von alleine anfängt zu sieden.
So schlimm wird es schon nicht werden. Und der Mensch hält viel aus. Ich habe hier in diesem Blog des Öfteren den beginnenden Untergang des Abendlandes beklagt, das Umweltmenetekel in düsteren Farben an die Wand der Zukunft gemalt, etc. pp. Wer sich die Bilder vom Smog und vom Verkehr in Asien anguckt, wo die Schadstoffbelastung in indischen Städten zehnmal höher ist als in Deutschland, der weiß, da ist noch Luft nach unten, bevor wir uns Partikelfilter in die Nasenlöcher prokeln.
Und was soziale Missstände angeht, auch für Angehörige des hiesigen Prekariats gilt: da können noch viele Löcher in die soziale Hängematte gefräst werden, bevor der freie Fall einsetzt. Und selbst, wenn der einsetzt, who cares? Wir haben eh eine strukturelle Waren-Überproduktion, wir brauchen die ganzen Konsumenten gar nicht, die gierigen Blicks an der Pforte des Konsumparadieses Schlange stehen und Einlass begehren. Das einzige Druckmittel, was sie hätten, eine anarchistische, kommunistische oder sozialdemokratische Bewegung (den Witz erklär ich gleich) wurde auf den Misthaufen der Geschichte entsorgt. Der hiesige Prekariatsprolet, gerne auch aus dem akademischen Mittelbau, kann sich ein Beispiel am osteuropäischen Wanderarbeiter in der niedersächsischen Fleischindustrie nehmen, der dort bis aufs Blut ausgebeutet wird.
Und trotzdem niemals aufbegehrt.
Aufbegehren tut der Elite-Wutbürger, im Schlepptau das Wählerstimmvieh aus den sozialen Brennpunkten, das erst brav sein Kreuz trägt und es dann bei den Neonazis der AfD macht. Aber auch da ist noch viel Luft nach unten, siehe Ungarn, USA, Türkei, etc. pp. Da geht das Leben auch weiter, lass Kassandra blöken soviel sie will (Meckern tun in der griechischen Mythologie und im altdeutschen Witz immer die Weiber).
Schlimmer geht immer. Schlimmere Musik als auf der Christopher Street Parade neulich in Berlin ist schlechterdings kaum vorstellbar. Aber der Sommer Hit des Jahres 2018 ist auch schon ziemlich Scheisse. Er kommt vom Duo Krude & Dumpfmeister und ist ein Remix der Partisanenhymne „Bella Ciao“ , laut Wikipedia „ … einer der Hymnen der anarchistischen, kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegung …“ (Kein Witz, siehe oben).
Was sich wohl heutzutage junge Menschen, die vom Tuten keine Ahnung haben, unter einer sozialdemokratischen Bewegung vorstellen.? Selbst ich als maximal Mitteljunger, was sich wesentlich besser anhört als Mittelalter, habe da Schwierigkeiten. Was soll das sein, eine sozialdemokratische Bewegung? Ein furioser Massenagitator wie Olaf Scholz? Ein bewaffneter Gerhard Schröder auf Barrikaden? Ein Rudolf Scharping auf Koks? Ein tanzender Oskar Lafontaine? Das sind alles so surreale Vorstellungen …Man hält es mitunter im Kopf nicht aus. Was bleibt:

Wir basteln uns ein Hippie-Boot und segeln über den Horizont hinaus.

05.08.2018 – Woran zum Teufel liegt das?


Blaualgenalarm an meinem Kiesteich. Korrekterweise steht da: Keimbelastung, denn das sind keine Algen, sondern Cyanobakterien, die unter bestimmten Bedingungen wie Temperaturanstieg und Sauerstoffabfall Toxine produzieren. In Berlin sollen vor Jahren mal an einem See drei Hunde vermutlich an einem davon gestorben sein, nachdem sie im See geschlabbert hatten. Das ist bedauerlich und Kinder sollten in solchen Gewässern auch nicht rumplantschen. Ich selber hatte mal einen Sommer lang eine allergische Hautreaktion auf Blaualgen, meine Haut juckte ein paar Minuten lang nach dem Schwimmen. Ansonsten schwimme ich dort natürlich weiterhin und sage mir dabei, wie im richtigen Leben: Kopf hoch. Und nicht schlucken, besser Augen zu und hinterher Duschen. „Augen zu“ sage ich im richtigen Leben natürlich nicht, im Gegenteil. Augen auf im Verkehr ist die Devise.
Aber die grundsätzliche Wirkung dieses Schildes und des rotweißen Flatterbandes (crime scene!) hat mich doch verblüfft. Nicht nur, dass in dem ganzen Teich praktisch niemand mehr schwimmt, es liegt auch, bis auf ein paar Leute, die vermutlich da wohnen, niemand mehr da. Woran liegt das?
Am Begriff „Verbot“ und der Obrigkeitstreue des hiesigen Nacktpaddlers? Ist der gemeine Anhänger des Sonnenanbeter-Kults autoritätsfixierter als der textile Taucher?
Am Flatterband, das, wo immer im TV oder Kino Mord und Totschlag stattfindet, zur dramaturgischen Grundausstattung gehört, und sich mittlerweile als Reizauslöser so in die Gene der Zuschauerinnen eingefräst hat, dass der bloße Anblick quasi-Pawlowsche Reflexe auslöst: „Achtung, hier droht Tod! Fluchtreflex einschalten!“?
Oder am Begriff „Keim“? Ähnlich wie beim Begriff „Strahlung“ herrscht vor Keimen in Teilen der Bevölkerung eine mitunter ins Hysterische lappende paranoide Panik. Man schaue sich nur die Batterien von Desinfektionsmitteln in den Drogeriemärkten an, die zwei Funktionen besitzen: sie füllen den Procter & Gamble, Beiersdorf et. al. die Kassen und senken die Resilienz bei den Anwenderinnen und deren Brut. Was um Dreckes Willen fällt in einem normalen Haushalt an Befleckung an, was sich nicht zuverlässig und billig mit Essig beseitigen ließe?
Ich wäre gespannt auf den Versuch, an ähnlichem Ort ähnliche Bedingungen zu schaffen, mit einem Unterschied:
statt des Begriffs „Keimbelastung“ steht dann der Begriff „Blaualgenbelastung“ da. (Dritte Version: das Flatterband fehlt.)
Würde das Szenario dann anders aussehen?
So aber bin ich nicht nur für dieses Wochenende mit der alles überwölbenden Frage belastet, die wir, und das ist die Moral dieser drolligen Geschichte, auf so viele aktuelle politische Entwicklungen anwenden können: Woran zum Teufel liegt das, dass sich die Menschen so verhalten, wie sie sich verhalten?

2009 hängte ich diesen Ast-Abbruch Erlass an nämlichem Kiesteich aus, der das Tragen von Helmen dort vorschrieb.

Die Presse berichtete darüber.
Meine Hoffnung, dass dort zukünftig lauter Nackte mit Helmen lägen, trog. Außer ein paar empörten Diskussionen darüber, was die in Brüssel sich immer so ausheckten, passierte nichts. Besteht also Anlass zur Hoffnung?
Ich halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden und wünsche Ihnen allzeit ein kühles Bad in diesen Tagen.