18.01.2019 – Gut, dass bei uns das Kapital regiert


Städtebauplanung in den 50ern. Eine der vielen informativen Schautafeln im Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Wer verstehen will, wieso die Wohnungsproblematik in vielen urbanen Regionen und darüber hinaus die große aktuelle soziale Frage schlechthin ist, findet hier tolles Anschauungsmaterial. Städtebau bewegt sich in Zyklen. Der auf der Schautafel Abgebildete wurde in den alternativen 60/70er Jahren abgelöst von einer Utopie der Verbindung von Kieznahem Leben und Arbeiten in einem Zusammenhang, parallel begleitet von heute noch überall sichtbaren Mainstream-Relikten und Ruinen der Großwohnlagen, von Cities in der City, in denen sich Wohnen und Konsum auf einer Großfläche durchmischen sollten. Über allem schwebt unausrottbar Spießers Traum vom eigenen Häuschen im Grünen, Yuppies Drang in die Szenelofts, wachsende Segregation und Gentrifizierung inclusive explodierender Wohnungslosigkeit und am Ende, alles überstrahlend mein Dank an mich selbst, wenigstens einmal in meinem Leben was richtig gemacht zu haben und mir vor Jahrhunderten ne eigene Butze gekauft zu haben. Wo ich nach einem möglichen Atomschlag – die Atomkriegsuhr steht auf 2 vor 12, schlimmer stand sie noch nie https://de.wikipedia.org/wiki/Atomkriegsuhr – sogar Subsistenzwirtschaft betreiben kann, Hühner halten und Kartoffeln anbauen (wobei es in meinem Fall auf Marihuana hinausläuft). Individuell bin ich also guter Dinge, aber als kollektiv denkender und fühlender Homo Politicus bin ich angesichts der Verhältnisse auf einer Dauerpalme und laufe angesichts wachsender gesellschaftlicher Verrohung und Idiotie sowie staatlicher Unfähigkeit, ideologischer Fixierung und pathologischer Verdrängung von Realitäten mit einer permanenten Hasskappe rum. Man kann ja angesichts des Zustandes von Staat und Gesellschaft nur froh sein, dass bei uns das Kapital regiert. Natürlich nicht so, wie sich das Verschwörungstheoretische linke und rechte Kasperköpfe vorstellen, dass in Davos und auf der Bilderbergkonferenz ein paar Leute (Freimaurer und Juden) bestimmen, wo es lang geht und hinterher Angela Merkel am Telefon diesbezügl. einnorden.
Es ist viel einfacher. Das Gift des Neoliberalismus mit seinem Mantra „ Der Markt ist gut und richtet alles, der Staat ist böse und hemmt den Fortschritt“ hat sich in den letzten 30 Jahren in alle Hirne gefressen, bis hinunter zu Politprovinzdackeln, subalternen Behördenchargen, Pommesbuden-Besitzern und Sachbearbeiterinnen, die im permanenten Selbstoptimierungswahn noch auf dem Totenbett vor sich hin röcheln:
„Chakka! Ich schaffe es. Ich habe mein Steuer selbst in der Hand“.
Da sei das Kapital vor, das zumindest im Sinne des eigenen Geschäftsmodells eisern drauf achtet, dass die Kriege nicht zu sehr ausufern, faschistoide Nationalismen nicht zu überhandnehmen und Riots nicht allzu sehr die just-in-time Produktionsketten hemmen.
Soweit sind wir schon, dass das Kapital die letzte Ausfahrt Hoffnung bildet. Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

14.01.2019 – Sexuelle Phantasien


Master and Servant. Rechts André Poggenburg. Lassen Sie Ihre Phantasie schweifen ….
Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie sexuelle Phantasien, Bilder haben, die Sie lieber nie gehabt hätten, und wo Sie händeringend Ihre Phantasie bitten: Tu das weg! Ich hatte neulich ein Bild vor Augen, wie André Poggenburg sich beim Anblick von Hitlerbildern einen runterholte und dauernd stöhnte: „Oh, mein Führer, ich komme, ich komme nach Walhall.“ Ich muss weg, dringend, bin urlaubsreif! Es ist alles so schön krank hier.
Aber das werden mir die Verdi-Genossinnen nicht ganz leicht machen. Die legen sukzessive alle Flughäfen lahm, um maximalen Druck vor den Tarifverhandlungen aufzubauen. Und was soll ich sagen: Die haben vollkommen recht. Im Gegensatz zum drolligen Geschäftsführer des Flughafenverbands ADV, Ralph Beisel, der kritisiert Verdi scharf:
„ …. Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass Verdi die Streiks auf dem Rücken der Reisenden, der Fluggesellschaften und der Flughäfen austrägt.“
Ich gehe davon aus, dass Ralph Beisel in Wirklichkeit nicht so dämlich ist, wie es sich hier liest, sondern einfach nur die Interessen seines Verbandes vertritt, nämlich den Streik von Verdi so flach wie möglich zu legen. Der Geschäftsführer glaubt doch nicht im Ernst, dass ein Streik, der nicht auf dem Rücken der Reisenden, der Fluggesellschaften und der Flughäfen ausgetragen würde, mehr bewirkt als das Umfallen einer Tüte Mehl in meinem Schrank. Was würde wohl passieren, wenn Verdi aus Rücksicht auf Reisende, Fluggesellschaften und Flughäfen eine Mülltonne anstreiken oder den Streik ins hiesige Freibad verlagern würde?
Nichts.
Wenn die Süddeutsche ein Flaggschiff des Journalismus ist, dann ist das hiesige Kampfblatt der Krampfadernschwadrone und Schnarchsackfetischisten, die HAZ, ein leckgeschlagenes Tretboot. Aber selbst das schützt nicht vor richtigen Einsichten, wie in der Kritik über den Auftritt hier des von mir unlängst vollkommen zu Recht als geist- und witzlos angerempelten AfD-Wanderpredigers Dieter Nuhr. Die HAZ schreibt als Fazit: „…. ( Nuhr) fragt: „Kann man heute überhaupt noch Witze machen?“ Nun, er hätte es wenigstens versuchen können.“
Als ich dann las, dass Nuhr über 3.000 Zuschauer hatte, schluckte ich doch wehmütig. Mehr hatte ich bei allen meinen Auftritten zusammen nur deshalb, wenn man meine Straßen-Performances mitrechnet. Da kommt man in einer Großstadt-City zu Feierabend schnell auf 3.000. Seufz.
Was treibt Menschen eigentlich auf die Bühne, ins Rampenlicht? Ist’s neben schnödem Mammon der Ruhm, die Liebe der Massen?
Wenn wir unsere Existenz gleich einer Soße auf den Kern ihres Gehaltes reduzieren, dann bleibt: Unser permanenter Schrei nach Liebe. Und all unser Kummer rührt aus dessen ständiger Kollision mit unserer Sehnsucht nach Autonomie.
Ok, es gibt noch jede Menge anderer Quellen für Kummer, wie Hämorrhoiden, Konto im Minus und angebranntes Gulasch, wie bei mir gestern, watt‘n Qualm. Aber im Wesentlichen geben Sie, liebe Leserinnen, mir doch Recht?
Und hier haben Sie mein wesentliches Motiv für das Führen dieses Blogs: Niemand widerspricht.
Ganz im Gegensatz zu Podiumsdiskussionen. Oder Kundenreklamationen und Beziehungsgesprächen – was letztlich auf das Gleiche hinausläuft.
Wort zum Montag, gehet hin in Frieden.

10.01.2019 – Einweisung wegen Größenwahn


Gott grüß die Kunst. Mach ich, wenn ich sie seh.
„Gott grüß die Kunst“ ist ein alter Gruß der Buchdrucker, der Mitglieder der „schwarzen Kunst“. Gesehen am Redaktionsgebäude der Neuen Deister-Zeitung, wo die Zeitung früher auch gedruckt wurde. Die Drucker und ihre Gewerkschaften waren früher die linke und intellektuelle Speerspitze der Arbeiterbewegung, weil sie als erste und intensiv mit Druckerzeugnissen in Berührung kamen.
Ich hatte gestern ein Pressegespräch bei der Neuen Deister-Zeitung. Bei Pressegesprächen, das liegt in der Natur der Sache, rede normalerweise überwiegend ich. Daher schätze ich solche Termine überaus, im Gegensatz zu Mitgliederversammlungen, Podiumsdiskussionen etc. , wo auch andere zu Wort kommen, was ich für überflüssig und für Zeitverschwendung halte. Ich habe schon überlegt, mal bei einer Einladung zu einer Podiumsdiskussion zu antworten: „Ich komme sehr gerne, aber nur wenn das Podium ausschließlich aus mir besteht.“ Ich habe davon abgesehen, weil ich vermeiden möchte, dass man mich in eine Klapsmühle einweist wegen Größenwahn. Dabei bin ich ein ganz normaler Mann. Nur ehrlicher als der Rest.
Das Gespräch bei der Zeitung war sehr angenehm, der Redakteur schien der Sache zugewandt und vom feeling her habe ich ein gutes Gefühl. Da mich interessierte, ob die Neue Deister-Zeitung unabhängig ist (ist sie) oder dem hiesigen Madsack Konzern gehört, hatte ich vorab Wikipedia aufgesucht und dort folgende Zeilen gelesen:
Der Nationalsozialismus bedeutete für die Neue Deister-Zeitung rasantes Wachstum. Die Auflage stieg von 3000 Exemplaren 1934 auf 4000 Exemplare im Jahr 1939. Ein Erscheinungsverbot bekam die Zeitung anders als viele andere nicht auferlegt, sondern musste erst 1943 aus kriegsbedingten Gründen schließen.“
Das Wachstum war rasant, es ging voran, es war eben nicht alles schlecht, was die Nazis machten. Nur das mit den Autobahnen, das war ein Fehler.
Mein progressiver Alltag wird also durchaus des Öfteren eingetrübt und am liebsten würde ich stante pede meine Siebensachen packen und sofort ans Mittelmeer düsen. Schließlich heißt es in der Hymne der Arbeiterbewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor“. Es heißt nicht: „… Brüder, zur feuchtkalten, tranfunzeligen Trübdüsternis hiesiger Breitengrade hernieder“.
Die Sonne ist also eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für die Autonomie des Subjektes, die Befreiung von Macht und Herrschaft, ergo: die Freiheit! Das sage ich hier und heute als jemand, den die Arbeiterbewegung fest an ihrer Seite weiß, gestern, heute und morgen!
Aber nicht am 23.01! Da will ich in den Süden fliegen. Und da sind die nächsten Tarifverhandlungen des Wachpersonals an Flughäfen und so wie ich meine Pappenheimerinnen kennen, werden die unter mächtigem Getöse mittels Warnstreiks die Verhandlungen instrumentieren und den ganzen Flugverkehr lahmlegen und ich hänge dann jahrelang auf dem Flughafen Tegel ab. Gewerkschaften, wer hat die bloß erfunden?! Die sollte man verbieten! Und überhaupt: „Brüder, zur Sonne …“.
Was ist denn das für eine Horrorvorstellung, mit lauter Brüdern im Süden abzuhängen! Männer, die einem mit ihrer aufgeblasenen Eitelkeit und ihrem Größenwahn sowas von auf die Eier gehen. Ich geh packen.
Schönen Tag noch, liebe Schwestern.

08.01.2018 – Ich weiß bis heute nicht, was das für Pornos waren


Saumagen, Kräuterlikör vom Weingut Doll aus der Pfalz, der Heimat von Helmut Kohl, auch genannt „Birne“.
Da macht ein Grüner mal was richtig und dann ist es auch wieder nicht recht. Robert Habeck hatte mit seinem Satz über Thüringen zumindest zu 50 % recht, sieht man von dem Grünentypisch aufgeblasenem Größenwahn des „Wir“ ab: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ….“ Der Satz ist insofern Blödsinn, als das Thüringen natürlich frei und demokratisch ist, aber trifft es, als Thüringen wie der Rest der Ostzone, nur nicht ganz so ausgeprägt, keineswegs offen und liberal ist. Dass Habeck sich als Folge davon aus den sozialen Netzwerken abgemeldet hat, ist als Zeichen und Anstoß zum Nachdenken auch in Ordnung, was man allein an dem gedankenreduzierten Einheitsbrei sieht, den die versammelte Bürgerpresse heute als Kommentare gegen diese Entscheidung serviert, soweit ich das eben im Deutschlandfunk mitverfolgen musste. Mein Facebook Account für die Landesarmutskonferenz wurde mal vor Zeiten gehackt und darüber wurden Pornos versandt an unsere Mitglieder, unter anderem die Caritas. Fuckbook sieht mich mit Sicherheit nie wieder (wobei ich bis heute nicht weiß, was das für Pornos waren…)
Grundsätzlich ist meine Meinung über soziale Netzwerke ambivalent; um ihre Funktion und Wirkungsweise zu verstehen, um grundsätzlich zu verstehen, wie unsere Gesellschaft kommuniziert und insofern überhaupt funktioniert, muss man sich natürlich auf soziale Netzwerke einlassen, zumal es jobmässig mittlerweile ohne nicht geht. Aber ich sage mir auch: Sollen die Jungen mal machen. Ich bin mittlerweile in dem Alter, wo ich nicht mehr hinter jeder Sau herhechele, die über den Marktplatz geprügelt wird. Vielmehr beginne ich mich zu fragen: Was bleibt von mir am Ende des Tages?
Von Helmut Kohl bleibt, zumindest in meiner Erinnerung, der „Saumagen“, mit dem Birne fremdländische Staatsgäste malträtierte. Schade, dass die derart Misshandelten ihren Racheplan, daraufhin wieder in Deutschland einzumarschieren, nicht in die Tat umsetzten. Ansonsten war Kohl im Gegensatz zu seinem Nachfolger Schröder, dem Parvenü, kein gänzlich Missratener. Nur das mit der Einheit, das werde ich ihm nie verzeihen.
Der Saumagen oben ist der beste Kräuterlikör der Welt. Manchmal sitze ich versonnen mit einem Gläschen davon nach dem Essen am Tisch und proste Helmut hoch droben im ewigen Plenarsaal zu: „Ach, Birne, Du fehlst mir. Als Du noch König von Deutschland warst, war die Welt überschaubar. Wenn Du wüsstest, was jetzt hier unten alles los ist …. “

Was aber bleibt von mir am Ende des Tages? Trübsinnige Gedanken beim trübsinnigen Blick auf die lauteste, dreckigste und hässlichste Straße der Welt. An der meine Wohnung liegt.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, heiterere Anblicke – wie den in Ihrem Spiegel. (Alter Charmeur…)

04.01.2019 – VHS-Schreibkurs für retirierte Diplompädagoginnen


Algarve im Dezember.
Auch wenn mir gestern bei Ostwind und null Grad auf dem Radl gefühlt fast das Gesicht erstarrend wegflog, ist es nicht so sehr die Kälte, die mich an hiesigen Wintern stört. Es ist vielmehr das trübe Dauer-Grau. Es muss nicht permanente Sonne sein, die mitunter, wenn sie im Süden winters sehr tief steht, gebieterisch andere Farben mit ihrem gleißenden Licht überstrahlt, es können auch gerne ein paar Wölkchen sein, die die Sonne mal ein bisschen runterdimmen, um den Braun- und Ockertönen der Felsen und dem leuchtenden Azur des Meeres ein Chance auf der Leinwand des Lebens zu geben. Nur für das grellblendende Weiß des Strandes, da braucht’s Meisterin Sonne, um ihm prachtvolle Geltung zu verschaffen.
Genug rumpoetisiert, wir sind hier nicht im VHS-Schreibkurs für retirierte Diplompädagoginnen, wir sind hier in meinem Blog und da bestimme ich allein, wo es lang geht, und zwar demnächst an die Algarve. Wenn ich die Zeit, in der ich vermodernd in einer 200 x 80 Kiste zu Kompost werde, also endlich mal was Nützliches produziere, in Relation setze zu der Zeit, die ich mit einem Portwein auf einer portugiesischen Praça in der milden Wintersonne verbringe, vaterseelenallein und vollkommen unbelästigt von auf Sächsisch oder Schwäbisch daher plärrenden Ostgoten, dann erschließt sich auch dem Übelwollendsten ein grobes Missverhältnis zuungunsten von Letzterem.
Auch zieht’s mich dort ins Gebirge, Monchique genannt, und bei meiner Recherche zu dem mir bis dato unbekannten Bergdörfchen Alferce stiess ich auf meinen bisherigen Lieblingssatz für 2019, einer automatischen Übersetzung auf Tripadvisor „Wir nahmen eine Fahrt nach Monchique und fuhren den ganzen Weg den Berg hinauf, nur um zu entdecken, was dort war, es war ein Kreisverkehr.“
Dieser makellose Spannungsaufbau, um dann jählings in das auflösende „es war ein Kreisverkehr“ abzustürzen, das ist ganz großes Sprachtheater, hinter dem all meine erbärmlich dahingestümperten Poetologien verblassen wie Eos, die Göttin der Morgenröte, an einem deutschen Wintertag. Eos ist nicht zu verwechseln mit Eros, dem Gott der Begierde, mitunter auch der Morgenlatte, was aber ein schlüpfriges Terrain ist, in das wir in diesem Blog eher nicht eindringen.
Wir (Wer ist hier eigentlich Wir?) bleiben also auf dem Terrain der Zitate und wollen anhand eines einzigen falsch verwendeten Wortes das ganze Elend der bürgerlichen Journaille decouvrieren, die, mitunter durchaus wohlmeinend, keinen Schimmer von nationalökonomischen Grundbegriffen hat. Spiegel online schreibt über den Neo-Mussolini Brasiliens: „Brasiliens neuer Präsident Bolsonaro äußert sich frauenverachtend, rassistisch, homophob und er will den Umweltschutz beschneiden. Die Finanzmärkte quittieren seine ersten Tage im Amt trotzdem mit Begeisterung.
Potzdonner, welch fatale Fehlformulierung. Richtigerweise muss natürlich das konzessive „trotzdem“ weg und es muss heißen „Die Finanzmärkte quittieren seine ersten Tage im Amt deshalb mit Begeisterung“.
Wir (Wir?) wollen das an einem einzigen Beispiel verdeutlichen: Der Neo-Mussolini ist frauenverachtend, das heißt, er wird alles dafür tun, dass es bei der Gender-Pay-Gap bleibt, nach der Frauen fast auf der ganzen Welt, so auch in Brasilien, erheblich weniger verdienen für gleiche Arbeit als die Bolsonaros dieser Erde. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist ein Kostenfaktor, den sparen sich die Arbeitgeber in Brasilien, das lässt die Kurse steigen. So wird der Drops gelutscht.
Und weil in Brasilien Portugiesisch gesprochen wird, hängt auch in diesem Blogeintrag wieder alles mit allem, siehe oben, zusammen.

03.01.2019 – Prost Neujahr


Ürziger Würzgarten Jahrgang 1966. Das ist eine Lage an der Mosel, in der seit 2000 Jahren Wein angebaut wird, gut und teuer. Spitzenweine von der Mosel gehören zu den teuersten der Welt. Obige Flasche brachte ein Freund zur Sylvesterfeier mit, skurrile Umstände hatten sie in seinen Besitz gebracht und was sind Weinfreuden, wenn man sie nicht mit Freunden teilt, am besten solchen, die was von Wein verstehen? Der Korken war völlig hinüber und bröselte beim Korkenzieher Ansetzen sofort in die Flasche, wir mussten den Inhalt durch ein Filter-Sieb dekantieren. Der Wein hatte eine tiefgoldene Farbe und war in der ersten Nase weder zu Sherry noch zu Essig geworden. Er war vollkommen genießbar.
Wein ist Hobby von mir, auch theoretisch. Ich weiß um die Preisdimensionen bei alten Jahrgängen und so warf ich in die Runde einen Verdacht: „Alte Jahrgänge von der Mosel können sehr teuer sein. Was, wenn wir hier gerade eine Flasche geköpft haben, die 37.000 Euro wert ist?“
Keine Ahnung, wieso ich gerade auf 37.000 Euro kam, vermutlich weil sich das kenntnisreicher anhört, als wenn man sagen würde: „Circa 40.000 Euro“. Hintergrundinfo: Der teuerste Weißwein, der je auf einer Versteigerung verkauft wurde, kostete 85.000 Euro.
Die Runde schwieg einen Moment.
Nach Kant gibt es vier Grundfragen der Philosophie:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Mir drängte sich in dem Moment vor der Flasche eine fünfte auf:
5. Wie verhalte ich mich, wenn ich erfahre, dass meine eben für Freunde geöffnete Flasche Wein 37.000 Euro wert ist?
Und als hochqualifizierter Teamer mit therapeutischer Zusatzausbildung spiegele ich diese Frage jetzt an Sie, liebe Leserinnen. Gehen Sie einen Moment in sich und seien Sie offen und angstfrei in der Beantwortung, wie würden Sie reagieren? Dann gehen Sie mit einem erheblichen Erkenntnisgewinn in das neue Jahr.

In meinem Besitz befindet sich ein Senheimer Rosenberg Jahrgang 1968, dem Gründungsjahr des Künstler-Netzwerks SCHUPPEN 68. Es war extrem schwierig, an diese Flasche zu kommen, allerdings nicht, weil sie wegen der Qualität dieses Jahrgangs so teuer wäre. Der 1968er war mit der schlechteste des letzten Jahrhunderts, große Teile kamen erst gar nicht in den Handel.
Was aber zu keinen plumpen Analogieschlüssen reizen sollte. Guten Start weiterhin.

31.12.2018 – Früher hätte ich noch eine Flasche Sekt entkorkt


Fünf Spalten in der Süddeutschen über meine Arbeit (die immer die Arbeit eines bunten und vielfältigen Teams ist), dazu noch ein guter Artikel, der Inhalt und Duktus der gemeinsamen Gespräche treffend wiedergibt. Der Autor hatte eine Eigenschaft, die ich für ein selten werdendes Gut halte und die für gute Journalisten unabdingbar ist: Er war offen, lernbereit und besaß ein gutes Maß an Empathie. Am gleichen Tag kam das Straßen-Magazin Asphalt auf den Markt, ebenfalls umfangreicher Artikel mit Bild.

Asphalt 01/2019.
Keine 24 Stunden später brachte die Braunschweiger Zeitung die wesentlichen Punkte der Kritik der Landesarmutskonferenz an der Erhöhung von Hartz IV ab 01.01.2019 um lächerliche 8 Euro, also weniger als einen Ausgleich für die Inflationsrate. Wobei die Kritik an Hartz-IV sich letztlich in einen Satz komprimieren lässt: Weg damit.
Die bürgerlichen Medien sind mit einer – zumal strukturellen – Berichterstattung über Armut und die Spaltung unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich eher zögerlich. Der Boulevard wie „Bild“ und „rtl“ ist da mehr denunziatorisch unterwegs, indem er einzelne „Sozialschmarotzer“ vor laufender Kamera niedermacht, der Mainstream ist tendenziell an berührenden Einzelfällen interessiert, gerne in Verbindung mit dem unsäglichen vorweihnachtlichen Charity-Gespreize der „besseren“ Kreise. Das macht Öffentlichkeitsarbeit nicht gerade leicht und insofern hätte mich ein derartiger Dreifach-Coup wie der hier Dokumentierte früher allein aus professioneller Sicht dazu veranlasst, einen excellenten deutschen Winzersekt zu köpfen. Aber wie der jodelnde Jammerbarde Dylan einstmals so unschön aphon in die Mikros dilettierte: The times they are a changing.
Veränderungen aller Orten, das macht vor einem selbst nicht halt. Natürlich habe ich mich gefreut. Aber den Sekt hebe ich mir für andere Gelegenheiten auf. Ich werde das, was ich hier mache, nicht ewig machen, ebenso wenig wie ich selbst vermutlich nicht ewig auf diesem Planeten lustwandeln werde. Die Dinge, die es noch zu tun gilt, sollten getan werden. Jetzt, und nicht: Später. So verändern sich die Prioritäten, siehe Sekt-Korken.
Von daher besteht der Schwerpunkt meiner Jahreskalkulation darin, für Januar Urlaub in der Sonne zu planen und mir verzweifelt Terminkorridore freizuhalten für jenen Ort, wo die Musik, und nicht nur die, spielt: Berlin
Und natürlich jede Menge Dinge jenseits des Mainstreams zu machen, zum Beispiel wieder viele Postkarten schreiben. Wie die hier des geschätzten Freundes und Kollegen Sievers, dem König des Limericks und Titan der Kreativität, die unlängst meinen Postkasten kontaminierte.

So wird der Drops gelutscht. Das ist doch eine ganz andere Nummer als ne Whatsapp.
Charmanten Rutsch, liebe Leserinnen

30.12.2018 – Schöne Reihertage


Nachlese aus meinem Archivordner „Gewerkschaften etc.“: Flugi der MLPD, eine der schrägsten Politsekten ever – die es wohl immer noch gibt.
Für den wahren Sozialismus Kaffeetrinken am 1. Mai im Vereinsheim Suppengrün. Wenn so der wahre Sozialismus aussieht, bleib ich lieber im falschen. Der 1. Mai ist der schönste aller Feiertage (oder wie eine Bekannte in einer Grußmail zu Weihnachten unabsichtlich, aber viel schöner als der Originalbegriff schrieb: Schöne Reiertage. Das R liegt eben gefährlich nahe beim F auf der Tastatur). Ohne Bier geht am 1. Mai gar nichts. Meine 1. Mai waren immer schön, Höhepunkte waren meine Agitationen der Massen als 1. Mairedner bei DGB-Feiern in der Region, es gab aber auch andere Höhepunkte, mittlerweile hat sich das ja mit der Agitation mangels Massen erledigt. Nachdem der 1. Mai 2018 in Hannover ein Trauerspiel war, mittlerweile sind hier nur noch 10 Prozent der früheren Teilnehmerinnen unterwegs, davon viele mit Zweithüfte, guck ich mir 2019 die revolutionären Maidemos in Berlin an. Dürfte eine Mischung aus Performance, Satire und Freilufttheater werden.
Ich halte die Entwicklung nicht nur für ein Trauerspiel, sondern für ein Drama in Gestalt eines Schwanengesangs auf die bürgerliche Demokratie der Nachkriegszeit. Kollektiver Widerstand gegen rechtspopulistische, antisemitische und rassistische Entwicklungen muss nach wie vor auch auf der Straße sich manifestieren, da reichen Blogschreiberei, soziale Medien und Facebookgeklimpere nicht. Die Implosion der Bewegung der Gelben Westen, was sowieso ein komischer Haufen war, zeigt, dass sich sowas in Riots und Mob-Randale erschöpft, wenn es nicht an nachhaltige Strukturen, Organisationsformen, Persönlichkeiten, eigene Medien und Öffentlichkeiten, Formen der Reflektion und Selbstkritik gebunden ist, um nur ein paar Merkmale zur Entstehung sozialer Bewegungen zu nennen. Und da seh ich nicht nur nichts, sondern ein ersatzloses Absterben von Traditionen der Arbeiterbewegung. Sowas wie occupy oder attac ist ja nett und notwendig, aber die kriegen die Hunderttausende nicht auf die Straße (wobei das allein noch lange nicht reicht, wie die Massendemo in Berlin gegen Hartz-IV gezeigt hat. Bin gespannt ob mein diesbezüglicher Wunsch „Weg damit“ irgendwann mal in Erfüllung geht) .
Was bleibt, ist die Hoffnung auf den Fortbestand von Resten des falschen Sozialismus. Oder wie ich hier beim Durchforsten eines anderen Archivordners lese: sozialromantischer Wärmestuben-Sozialismus.

Ausbildung zum Bettelstudenten 2011. Rotgrün hat dann nach der Wahl 2013 als erstes die Studiengebühren abgeschafft. Die haben ja nicht nur Mist verzapft. (Mist verzapfen? Wie geht das eigentlich?)
Und der Leihwitz aus meinem Witzeverleih ist echt ein Brüller:
Was war Jesus von Beruf? Student! Er wohnte mit 30 Jahren noch bei den Eltern, hatte lange Haare und wenn er etwas tat, dann war es ein Wunder.
Allen ein charmantes, prickelndes Sylvester!

28.12.2018 – Auf die Fresse


Organisationsanweisung für Streikposten. Beim Aufräumen gefunden.
Für jeden neuen Ordner, den ich anlegen muss, fliegt ein alter raus. Papier ist sowas von 20. Jahrhundert, ich brauch’s auf der Toilette, aber nicht beim Arbeiten, und so kommt ein Ordnerwechsel sehr selten vor. Wenn doch, stehe ich immer vor der schweren Wahl: Wer fliegt raus? Dieses Mal hat es den Ordner „Gewerkschaften etc.“ erwischt. Die sind zwar auch sowas von 20. Jahrhundert, werden aber im Gegensatz zu Papier auf dem Schreibtisch auch im 21. Jahrhundert gebraucht. Und deshalb flöhte ich den Altordner gründlich auf wichtiges Archivmaterial. Wie meine Streikpostenbibel, siehe oben. Das Büchlein hat mich daran erinnert, dass ich auch mal Streikposten war. Ich habe lange Jahre als Angestellter im Maschinenbau gearbeitet, war als solcher natürlich auch Mitglied der IG Metall, hab Betriebsrats- und Vertrauensleutearbeit gemacht, später auch gewerkschaftliche Bildungsarbeit und so war es selbstverständlich für mich, dass ich aktiv an der Auseinandersetzung um die Einführung der 35-Stunden-Woche beteiligt war. Als Streikposten. Der Konflikt war nach dem um die Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall der härteste, den es überhaupt in der Klassenkonfrontation zwischen Arbeit und Kapital in der Nachkriegszeit gab.
Da wir in Deutschland sind, muss alles korrekt zugehen, selbst der Umgang mit Streikbrechern. Bei einer Unterweisung von Streikposten stellte der verantwortliche hauptamtliche IG Metall Kazike die Frage: „Wie gehen wir mit Streikbrechern um?“ Meine Antwort:
„Wir hauen ihnen auf die Fresse.“
Diese Antwort verschaffte mir nicht nur in keinster Weise den Ruf eines „working class hero“, sie trug neben sehr vielen anderen Vorfällen nachhaltig dazu bei, dass große Teile der hannöverschen Metall-Arbeiterklasse mich als Kommunisten, subversives Element, Chaoten, kurz, als all das betrachteten, was es innergewerkschaftlich auszumerzen galt. Der Gipfel war die IG Metall Einordnung des gewerkschaftlichen Flügels meiner damals hochaktiven Künstlervereinigung SCHUPPEN 68 als, wortwörtliches Zitat (!): „Das ist ein bunter Haufen!“
Das ist für IG Metaller ein Todesurteil und in der Folge kam es mehrfach bei 1. Mai Feiern bei unseren Aktionen, bei denen wir unter anderem 68 % mehr Lohn forderten, beinahe zu Schlägereien mit Alt- und Alkmetallern, die dann schon mehr als Kaffee intus hatten.

Vollkommen berechtigte Forderungen des gewerkschaftlichen Flügels des SCHUPPEN 68 beim 1. Mai-Marsch 1993.
Die Zeit damals hat mir eine eherne Konflikthärte beigebracht.
Zumindest bei der Arbeit. Schlimmer als auf den 1. Mai Veranstaltungen bei der IG Metall kann es nie wieder werden.
Nichtsdestotrotz bleibe ich bei dem Haufen ‚til the end of the days.
Spätestens wenn es infolge von Industrie 4.0, Digitalisierung, extremer Rationalisierungsschübe etc. darum gehen wird, die verschwindende Erwerbsarbeit so zu verteilen (in Richtung 28-Stunden-Woche, flächendeckend für alle und ohne vollen Lohnausgleich) , dass der Laden hier nicht völlig abkackt, wird man auf die Erfahrungen des Klassenkampfes im Rahmen der Einführung der 35-Stunden Woche zurückgreifen müssen. Inklusive Streikpostenbibel. Mit einem Unterschied. Mein Angebot: „Wir hauen ihnen auf die Fresse“ halte ich nicht mehr aufrecht.
Ich bin dann wandern.

25.12.2018 – Wie schwul war Jesus und war Maria Magdalena die erste Päpstin?


Sehr schwul, wenn man den Ausschnitt einer Kreuzwegstation betrachtet. Und bedenkt, dass der Mann jahrelang mit einer reinen Männergang durch die Lande gezogen ist. Andererseits hat er wohl mit Maria Magdalena rumgevögelt, also tendenziell eher bi. Ihr hat er als erster die Geschichte erzählt, dass er von den Toten wiederauferstanden sei, eine ziemlich durchgeknallte Geschichte, die aber ihre starke Position innerhalb der Sekte begründet haben dürfte. Im Laufe der Zeit haben sich dann die Macker im Machtkampf durchgesetzt und Maria Magdalena das Etikett einer Prostituierten angehängt, typische männliche Vernichtungsstrategie gegen selbstbewusste und sexuell autonome Frauen. Im Mittelalter wäre sie verbrannt worden, insofern hat sie noch mal Glück gehabt, und musste nur noch post mortem als Wichsvorlage für mittelalterliche Potentaten herhalten, hier in einer eher moppeligen Version mit drallen Möpsen von Tizian.
Den zweiten Teil des Header beantwortet zuverlässig und faktentreu wie immer der Spiegel in einer Geschichte von Claas Relotius (und das war der letzte faule Witz über diese Causa von mir, denn im Moment wälzt sich eine förmliche Schlammlawine von faulen Spiegel-Witzen und Pointen über diese Republik).
Nein, die Christenheit würde heute nicht anders, meint: besser, aussehen, wäre Maria Magdalena die erste Päpstin gewesen. Die Welt sieht ja auch nicht besser aus, weil Margret Thatcher erste Premierministerin von Großbritannien war. Der Gang der Welt richtet sich seit dem Aufkommen des Kapitalismus nicht nach dem Wollen von Vorsitzenden von abergläubischen Vereinigungen, die daran glauben, dass ihr Gründer von der Toten wiederauferstanden ist, sondern nach den Gesetzen eines moralfreien Marktes, ehern, brutal, fortschrittsorientiert.
Ich fühle mich auch manchmal so, als sei ich von den Toten wiederauferstanden, deswegen renne ich aber nicht rum und gründe eine Sekte. Und auch wenn ich aus einer ländlichen Region stamme, bin ich doch nicht in einem Stall geboren. Also nix mit Jesus 2.0.
Womit wir bei den aktuellen Wohnverhältnissen in meinem Zweitkiez sind:
In den vergangenen elf Jahren stiegen die Mieten in Kreuzberg laut Immobilienscout 24 um 117 Prozent (in Neukölln, zur Zeit am schwersten angesagt, um 152 Prozent und in Wedding, das heißeste Shit der nahen Zukunft, um 125 Prozent). In Kreuzberg ist die Miete mit 12,53 Euro/Quadratmeter nach Grunewald, dem Villenviertel schlechthin (12,73 Euro), inzwischen am teuersten in ganz Berlin.
2007 kostete eine Wohnung im Schnitt 1.420 Euro für einen Quadratmeter, 2018 durchschnittlich 4.583 Euro – über 200 Prozent mehr. Die Reallöhne stiegen im gleichen Zeitraum um ca. 7 Prozent (nachdem sie in den Jahren zuvor sogar gesunken waren). für weite Teile der Niedriglöhner*innen dürfte es Reallohnverluste gegeben haben. Dass einkommensschwache Menschen da mit rasender Geschwindigkeit aus ihren Kiezen wegrotiert werden, ist offensichtlich. Die Kappungsgrenze für die Erstattung der Miete bei Hartz IV und Grundsicherung im Alter liegt in Berlin bei circa 360 Euro Kaltmiete. Das reicht für eine 28 qm Wohnung. Die es auf dem Markt nicht gibt.
Was für Sekten solche gesellschaftlichen Bedingungen hervorrufen, liegt auf der Hand. Auch wenn es aus marxistischer Sicht eine falsche, nämliche ideologische Vorstellung von politischer Veränderung wäre, und eine kitschige obendrein: Vielleicht wäre eine schwarze Lesbe als Päpstin doch zumindest ein Signal. Ich hoffe, ich erlebe das noch. Was bedeuten würde, ich werde ungefähr 500 Jahre alt.
Also dann heute kein Rehrücken, begleitet von einem Morey-Saint-Denis 1er Cru und finalisiert von einem Aszu Tokajer, sondern Blumenkohlauflauf mit levitiertem Wasser.