19.03.2017 – Test

20170319_110222
Ich sitze gerade bei einem Glas Wein am Meer und habe nichts besseres zu tun, als zu testen, ob ich diesen Blog auch mit meinem smartphone pflegen kann. Klappt offensichtlich und ganz so von der Sonne hirnverbrannt ist der Testlauf nicht. Wenn wir erst mit dem Urinal von duchamps zu Fuß zur documenta pilgern, muss das sitzen. Ich schlepp doch nicht zusätzlich ein Netbook da mit!
Aber musste der Testlauf ausgerechnet am letzten Urlaubstag sein. …
Doch zuviel Sonne
Und ab morgen wieder Regen und Stress. Seufz. Hoffentlich hab ich im Lotto gewonnen.
Andererseits : würde ich mit 500.000 Ocken Gewinn irgendwas anderes machen? Das wäre die Attitüde des Spießers. Das denn doch nicht. Jetzt noch Blog speichern und dannen noch einen Wein. 20170318_131008

12.03.2017 – Polaroid und die Arbeitslosen von Marienthal

Ohne Titel-1 Kopie
Bild vom Bild vom Bild.
Das auf dem Tisch ist ein Polaroid von dem Moment, wo das famose Kollektiv der verdienten Kulturschaffenden die zündende Idee für die fünfte Ausgabe der NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung hatte. Von diesem Polaroid mache ich gerade, wie man im Bild sieht , ein Foto mit meinem Smartphone. Diesen Moment wiederum halte ich, wie man im Bild sieht, mit meiner Lumix Kamera fest. Das ist ein metamedientheoretischer Geniestreich und sieht auch praktisch drollig bis verwirrend aus. Das Bild stellt die grundlegende Frage: Wie nehmen wir unsere Wahrnehmung wahr?
Der Fortschritt ist eine Schnecke, die mit Vornamen Sysiphos heisst. Die Landesarmutskonferenz unterstützt eine neugegründete Initiative von Menschen in unterschiedlich prekären Lebenssituationen: Die Gruppe Gnadenlos Gerecht. Die Gruppe hat in wenigen Wochen eine Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen unter dem Motto: Wie viel braucht der Mensch zum Leben?
Wie-viel-braucht-der-Mensch-zum-Leben1
Auftakt ist am 21.03.2017. Details hier.
Die Gruppe hat extrem viel Potential, früher, noch vor der Zeit des Polaroid, also quasi in der Steinzeit, hätte man gesagt: eine Kaderorganisation. Die Hälfte der Mitglieder sitzt für verschiedene Parteien in kommunalen Parlamenten, hat hohe Organisationskompetenz, kennt sich in Sozialgesetzbüchern aus, produziert excellente Ideen für Öffentlichkeitsarbeit und geht auch dahin, wo es schmutzig ist, mit Flyern zur Werbung in Kneipen, Geschäften, etc. Wenn diese Gruppe ein Massstab für den Organisationsgrad und das politische Potential der Prekären in der BRD wäre, dann: Revolution ante portas. Es gibt 13 Millionen Arme, 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor mit weniger als 9,50 Euro Stundenlohn, die Ausnutzung der Beschäftigten in der Fleischindustrie in Niedersachsen ist nichts weniger als flächendeckend organisierte Kriminalität. Ich schätze, dass ca. 20 Millionen nicht zur „Mitte“ der Gesellschaft gehören. Also genügend Potential für emanzipatorische Veränderungen, jenseits von Schulz und Agneda 2010 revisited?
Die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von 1933 ist ein Klassiker der soziologischen Empirie und jeder, der den Begriff „soziale Bewegungen“ nur richtig buchstabieren will, sollte davon gehört haben. Die Studie weist nach, dass Arbeitslosigkeit nicht revolutionären Geist produziert, sondern Resignation, Frustration, Isolation. Was immer sich damals die KPD, später Marcuse und danach die Philosophie-Protagonisten der Prekariats erhofften, es wird keine soziale Bewegung davon und damit geben, im Sinne der Arbeiter-, Frauen – oder Ökobewegung. Auch heute und erst recht nach über 10 Jahren Hartz IV sind nur wenige Ausgegrenzte für Selbstorgansiation mobilisierbar und auch die sind mitunter kaum noch kommunikations- und kooperationsfähig, mit einer minimalen Frustrationstoleranz.
Die Wut richtet sich im Zweifel nicht gegen „die da oben“, sondern gegen noch Ausgegrenztere wie Flüchtlinge und richtet als Kollateralschaden im günstigsten Fall mitunter Chaos und Konfrotation in den eigenen Reihe an.
In summa bin ich mal wieder urlausreif und setze mich für eine Woche in den Süden ab und mein Wunsch wird immer stärker, alles mal für ein Jahr hinzuschmeissen und ein Sabbatical in Berlin einzulegen.
Alles eine Frage der Wahrnehmung, von Polaroid bis Marienthal.

08.03.2017 – Armut hat ein Gesicht und das ist weiblich, und ich mache mich nicht lächerlich.

Über 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind weiblich und von denen sind fast 50 Prozent von Armut bedroht, in sozialen Brennpunkten über 80 Prozent. Frauen verdienen 23 Prozent weniger als Männer, in Führungspositionen der Wirtschaft sind sie grotesk unterrepräsentiert. Und in akademischen Genderzirkeln machen sich verbeamtete Gleichstellungsbeauftragte einen Kopf darüber, wie viele Geschlechter es nun gibt. Das ist ein Witz.
So ähnlich würde ich am heutigen Frauentag schreiben, wäre ich eine Frau. Bin ich aber nicht. Also schreibe ich obiges nicht. Nichts ist alberner als ein Mann, der sich zum Gralshüter eines politischen und damit ökonomisch grundierten Feminismus aufschwingt.
Die Causa wird aber dann zu einem Diskussionsgegenstand, wenn das verantwortliche Kollektiv der NETZ – Niedersächsische Teilhabe Zeitung eine neue Ausgabe herausgeben will, in der das Thema Frauen-Armut eine Rolle spielen soll – und das Kollektiv besteht aus drei Mackern. Im Herbst soll die NETZ Nr. 5 auf den Markt kommen und neulich war erste Redaktionssitzung. Die drei Macker-Herausgeber sind miteinander befreundet und insofern finden die Sitzungen immer abends statt, unter Zuhilfenahme stärkender Nahrung und geistiger Getränke, die Sitzungen sind immer extrem produktiv, aber selten rein themenzentriert und niemals scherzfrei.
Es ist eine komplett andere Arbeitsweise als in klassischen Jobzusammenhängen, in denen ich groß geworden bin.
stempeluhr
Klassische Jobzusammenhänge – mit Stempeluhr.
Die Sitzung plätscherte inhaltlich so vor sich hin, sieht man (!) mal von der Frauenfrage ab, die ja in Wahrheit eine Männerfrage ist. Ist aber auch kein Problem, wir holen eine Quotenfrau als Co-Herausgeberin ins Boot. Ansonsten ist die 5. Ausgabe einer Zeitung schon weitgehend Routine und die NETZ ist eine anerkannte sozialpolitische Stimme im Lande, die sowohl von Betroffenen akzeptiert wird als auch in Jobcentern ausliegt. Wohlfahrtsverbände und das Land sind jederzeit willig, das Projekt zu finanzieren, ohne das auch nur ansatzweise Einfluss genommen wird, bei uns kriegt jede Autorin Honorar und wenn wir Acquise betreiben würden, könnten wir via Anzeigen selbst ganz ordentlich was dran verdienen. Da wir alle aber genug Erwerbsarbeit am Hacken haben und nicht auf noch mehr Kohle angewiesen sind, lassen wir die NETZ so, wie sie ist: Ein bundesweit einmaliges Projekt. Auch die Tatsache, dass wir mit der Herbstausgabe direkt in den hiesigen Landtagswahlkampf intervenieren, riss uns emotional nicht vom Hocker. Klar, das Herz schlägt links und unser aller Verachtung gehört der AfD und allen Rassisten, aber man soll so eine Zeitung und unsere Einflussmöglichkeiten nicht hochsterilisieren, sooo wichtig sind wir nun auch nicht.
geht noch - nach 30 Jahren im Keller
Die Stimmung kippte in dem Moment, wo ich meine unlängst nach 30 Jahren im Keller wiedergefundene Polaroidkamera präsentierte, die auf Anhieb noch funktioniert. Es dauert eine geschlagene halbe Stunde, bis das Foto fixiert ist und man was erkennen kann, in gruseliger Qualität. Und jedes Foto kostet drei Euro. Aber dieses kollektive Warten darauf! Es war wie Kindergeburtstag und Karneval zusammen. Etwas war völlig aus der Welt gefallen und wir waren Teil davon. Am Morgen danach dachte ich nicht an das grandiose NETZ Projekt, ich dachte an diese alberne verstaubte Polaroid.

05.03.2017 – Seltene Aufnahmen vom Tod eines Betriebssystems.

Ich bin kein Technikfreak. Das Innenleben eines Computers interessiert mich nur unwesentlich mehr als die Funktionsweise des Otto-Motors. Gibt es den überhaupt noch? Beim Otto-Versand? Und sind Anhänger des Otto-Motors Ottomanen? Ich arbeite seit Jahrhunderten mit Windows XP. Ist halt so ähnlich wie ein VW Käfer: uralt, es gibt kaum noch Ersatzteile (?), aber es läuft und läuft …Also bin ich zufrieden gewesen. Bis neulich.
tod eines betriebssystems 1
Der Tag, an dem XP starb ….

tod eines betriebssystems 2
Bei welcher Windows Installation möchten Sie sich anmelden? Gibt es eine mit Namen „Leck mich am Arsch, Computer, und mach Deinen Dreck alleine!“?
Früher konnte ich bei so was immer irgendeinen Technikhilfsknecht anrufen, vulgo „Firmen System-Administrator“ und sagen: „Mach das mal wech da, Nerd“. Aber bei Home-Office? Da kann man dankbar sein, wenn man so was wie den Freund und Kollegen Andreas hat, für den so was ähnlich leicht zu lösen ist wie für unsereinen ein paar gelungene Jamben und Daktylen über Eos. Die Morgenröte. Nicht zu verwechseln mit dem Gott Eros, der mir neulich durch den Kopf ging, als ich dem PC Stress entfleuchte und in der City fürbass wandelte. Das tue ich extrem selten, ich hasse die hiesige City, die so abwechslungsreich ist wie das Hotelfrühstück bei Ibis und so unterhaltsam wie das ZDF. Aber ich dachte mir halt, ich hab Frust, also kauf ich mal was. Mir fiel aber nichts ein, ich flanierte durch ein Kaufhaus und kam mir vor wie ein Vollidiot. Ich fiel in eine Art Trance, Tran trifft es wohl besser, und erwachte aus diesem somnambulen Zustand erst, als ich mich in der Miederwaren-Abteilung erwischte. Inmitten lauter zauberhafter Bustiers, Hüfthalter und Korselettes. Hossa, alter Schwerenöter, dachte ich, ist’s Eros, der Dich leitet, nicht Melpomene?
Um nervigen Diskussionen mit mir selbst aus dem Weg zu gehen, lenkte ich meine Schritte, präzise gesagt: war es eine Rolltreppe, die mich lenkte, in die Duftabteilung. Das mache ich gerne, wenn ich schon mal in der City bin, mich eindieseln, neue Aromawelten entdecken. Mein Auge fiel auf einen der ersten etwas kostspieligeren Düfte, die ich mir vor Jahrzehnten gönnte, jenseits von Pitralon und Sir.
lagerfeld
Lagerfeld classic, Eau de Toilette.
Potzdonner, dachte ich, gibt’s den immer noch? Ist irgendwie das XP unter den Düften, uralt, funktioniert aber noch. Nix Großes, etwas pudrig-aufdringlich, der Chardonnay unter den Duftwässern, ausgeprägte Kaffee- und Moschusnote, trotzdem androgyn. Auf keinen Fall vor 17 Uhr auftragen, passt zum Smoking, aber nicht zur Teatime. Wer das bei einem Rendezvous aufträgt, signalisiert: Ich will’s wissen.
Mein Lieblings-Duft im Moment ist Fahrenheit. Ich kaufte eine Pulle Lagerfeld, froh, meiner Pflicht als Konsument genügt zu haben und radelte nach Hause, Windows 7, 8, oder 10 oder 68 oder was auch immer entgegen.
Von XP über Hüfthalter zu Fahrenheit …. im Nachhinein war der Tag interessanter, als er sich während des Erlebens angefühlt hat. Auch solche Wahrnehmungen sprechen für die Existenz dieses Blogs, zumindest für mich.

25.02.2017 – Ich hab noch Sand in der Kamera aus Mallorca.

Ist da jetzt der Sand oder die Kamera aus Mallorca? Die Frage, was woher kommt, stellte sich schon beim Bata Illic Song „Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“.
Bei mir ist die Kompaktkamera von Panasonic, der Sand aus Mallorca, aus der Bucht von Cala Vicenc, letzter November, und er ist da, wo er nicht hingehört, im Zoomgewinde. Shit resp. Sand happens. Ich brauchte also eine neue Kompaktkamera, klein genug, dass sie in die Hosentasche passt, aber besser als die gruseligen in den Smartphones. Ich hab ein uraltes Android mit einer Kamera, mit der man vielleicht die Ergebnisse auf Flipcharts dokumentieren kann, die aber sofort über ihren Grenzbereich geht, wenn es halbdunkel wird oder man zoomen muss. Diese Dinger zoomen nur digital, dass heißt, sie rechnen das Bild einfach größer, holen das Objekt aber nicht näher ran.
Das brauch ich aber für meine Art der Fotografie. Die Ergebnisse meiner neuen Kamera bei Zoom in diffusem Licht können sich sehen lassen.
bild 1
Distanz

bild 2
Zoom.
Das ist für eine Kamera ohne Tele für deutlich unter 300 Ocken ordentlich. Der Süden kann also kommen, egal ob Mallorca oder Algarve – Hauptsache Italien!
Das könnte mir eigentlich die Krankenkasse bezahlen, als Kur. Ich bin immerhin so angeschlagen und neben der Kappe, dass ich bei der Moderation der Release-Feier des Cameo Magazins Nr. 3 „Ankommen“ kein Gespür dafür hatte, ob ich den Job ordentlich mache. So was merke ich normalerweise nach drei Sätzen. Soll aber ok gewesen sein laut Feedback bei der Party hinterher im Lux. Erst fühlte ich mich da völlig deplaziert, Durchschnittsalter 25 – 30, und außer dem Reaktionskollektiv kannte ich da kein Schwein.
Aber dann war es doch ganz nett, ich lernte eine Location kennen, in die ich sonst nie gekommen wäre, es war eine sehr entspannte Atmo und die Band war mit Akkordeon, was mir als Cajun- und Zydeco Afficionado besonders gefiel. Ich blieb bis weit nach 22 Uhr. Und machte ein paar Fotos. Smartphone Kamera.
lux
Gruselige Qualität. Aussagekraft annähernd null, außer: ich war da.
Die DJs aus Berlin hatten laut Veranstalter Zeit bis 9 Uhr. Das fand ich nun wieder ärgerlich. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mir den Abend geschenkt und wäre nach dem Frühstück da hin, gegen 6 Uhr. Ist ja nur zwei autonome Steinwürfe von mir weg, die Location.
Aber es war auch so sehr nett. Und das Cameo Projekt ist einfach der Hammer. Wir arbeiten
seit 2015 mit denen zusammen und ich bin gespannt, was daraus noch wird.

22.02.2017 – Eiter, Kot, Geschwüre

Ohne Titel-1 Kopie
Wer um Himmels Willen macht solche Fotos und wer nimmt die ab mit welchem Ziel?
Das Bild sehen, Rad rechts ran, und kotzen ist eins. Kotzen ist gelogen, aber Foto hab ich natürlich gemacht. Leben wir wirklich in einer Zeit, wo ein derartig ekliges Foto, das noch freien Raum zum Assoziieren in Richtung Sperma und faulige Hautlappen lässt, zum Essen animiert oder ist das einfach unfassbar unprofessionell? Lebensmittelfotografen sind hochspezialisierte Fachleute, ein gut fotografierter Weinkatalog z. B. ist Poesie in Bildern.
Wer am Wochenende zu späterer Stunde offenen Auges durch die Stadt radelt, sieht Millionen von Radkurieren von foodora, eine explosionsartig vermehrte Seuche. Und alle haben so was wie auf dem Foto im Gepäck. Das sind Zeichen für den nahenden Untergang des Abendlandes. Das stützt meine These der Dialektik zwischen ästhetischen Zeichen und politischem Verfall. Eine Gesellschaft, in der solche Zeichen offensichtlich auf flächendeckende Akzeptanz stoßen, ist natürlich auch anfällig für Trump und dessen Politikersatz „Mob der Mitte“.
Ich war bei der Entdeckung oben auf der Fahrt zu einem Termin und war in dem Fall dankbar, dass ich in Hannover wohne und nicht in Berlin. In Hannover sind fast alle Organisationen, mit denen ich zu tun habe, in einem Radius von zwei Kilometern beheimatet. Für Kulturorte gilt ähnliches. Wollte ich in Berlin z. B. von der Galerie Körnerpark in Neukölln zur Kunsthochschule Weißensee, weil da jeweils interessante Ausstellungen sind, würde ich mir einen Wolf radeln, mindestens eine Stunde entlang verkehrsgetränkter Magistralen. Auto in Berlin kannste vergessen, Männeken. Und ÖPNV muss auch nicht sein.
Gerade wenn man kränkelt, ist man für so überschaubare Dimensionen wie in Hannover dankbar. Das waren noch Zeiten, früher, wenn man da krank war als normaler Angestellter, griff man zum Hörer und meldete sich von der Arbeit ab, schlimmstenfalls per gelbem Schein. Zur Erinnerung für alle Nachgeborenen: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist nicht vom Himmel gefallen, das haben Gewerkschaften erkämpft. Was aber bei den prekären Arbeitsverhältnissen heute immer weniger zum Tragen kommt. Bei meinem Home-Office kräht doch auch keine Henne danach, ob ich maladiere.
Wenn man dann noch solche Fotos wie oben sieht, wird man zum Misanthrop. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel für diese Welt. (Das ist übrigens ein Stilmitel dieses Blogs: Jeden Eintrag mit einem Witz beenden.) Trotz allem bleibt Berlin die geilste Stadt der Welt und wenn ich wieder zurück sollte in ein Angestellten-Dasein, würde ich mir die Kugel geben.
Eis-Kugel, beim Blaumachen im Körnerpark.

20.02.2017 – Wer Künstler liebt

tonfilm
Gefahren des Tonfilms.
Die Etablierung eines neuen Mediums war immer Gegenstand wütender Proteste, getränkt von schlichtem reaktionären Habitus, von mentaler oder technischer Überforderung und natürlich ökonomischen Interessen. Gefahren des Buches, Gefahren des Internet, Gefahren neuer sozialer Medien, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und die strukturellen Modernisierungsverweigerungs-Argumente lassen sich einer Matrix gleich in das „Tonfilm“ Schema einfügen. Beispiel:
Internet und neue soziale Medien sind wirtschaftlicher und geistiger Mord.
Stimmt auch irgendwie, das ist keine pure Verweigerungs-Ideologie. Man muss sich ja nur die Urheberrechtsdebatten angucken und die Hate-Speeches. Die Konsequenz aus dem janusköpfigen Charakter eines jeden medialen Fortschritts kann aber nicht lauten: Whatever it is – I am aganist it. Die kann ja nur lauten, sich die neuen Techniken anzueignen und sie auf der Ebene der Technik demokratischen Verfahrensweisen anzupassen und auf der inhaltlichen Seite mit gutem stuff zu füllen. Das ist natürlich mühsamer als mit einem Federkiel irgendwas in Tontafeln zu ritzen, aber wer sich neuen Medien verweigert, hat irgendwann auch gesellschaftlich nichts mehr zu sagen. Der schreibet zum Beispiel Satiren über das böse, böse Fernsehen, dass die Augen verdirbt und Kinderseelen krank macht.
Und wer wie im Plakat oben Künstler liebt, der sollte sich an ein altes Graffiti halten:
Support the arts, kiss a writer.
schuh neumann
Treppenhaus von Schuh-Neumann in Hannover. Mit den drei „A“, die zum Wohlfühlen notwendig sind: Aura, Authentizität und Ambiente. Mit der Patina von Generationen.
Ich hasse es, in der City shoppen zu gehen. Ich kann mir meinen Geschmack eh nicht leisten und die Dinge, die ich schätze, gibt es nur in wenigen ausgesuchten Läden. In denen zu viele Snobs abhängen. Mob in Burberry Jacken. Eklig. Außerdem sterben Geschäfte wie Schuh-Neumann aus, Inhabergeführter Mittelstand, Inseln der Individualität. Stattdessen Primark, H & M und Arsch & Eimer oder wie die Ketten sonst noch heißen, durchsetzt mit Systemgastronomie wie Extrablatt. Degoutant.

19.02.2017 – Born to be a Maler.

born to be a maler
Sollte ich jemals einen Maler brauchen, würde ich den nehmen. Da spüre ich eine gewisse geistige Nähe. Ich bin als Arbeiter der Stirn den handwerklichen Dingen des Lebens eher abhold. Hätte der liebe Gott gewollt, dass ich Elektriker bin, hätte ich zwei Lüsterklemmen an den Daumen. Ich hab keine Ahnung, was Lüsterklemmen sind, ich finde das aber ein schönes Wort. Es hat so was verruchtes an sich, in meiner schmutzigen Phantasie stelle ich mir vor, dass man da mit irgendwelchen lüsternen Tricks gegen seine Verklemmungen vorgehen kann, morgen gehe ich in ein Spezialgeschäft, mit hochgeklapptem Mantelkragen und tiefgezogenem Hut, und verlange mit leiser, verklemmter Stimme Lüsterklemmen.
Es kommt ab und zu vor, dass ich fachkundiges Personal brauche, um Fliesen zu legen, oder eigentlich für alles, was über das Einschrauben eines Leuchtmittels hinausgeht, und da will ich Zuhause nur Leute haben, mit denen ich auch mal einen Espresso zwischendurch trinken kann. Mit Born to be a Maler ginge das vermutlich. Aber Gottseidank brauch ich keinen Maler. Ist erst ein Zimmer reinweiß, sehen die anderen alle so scheiße aus, dass man da nachrüsten muss. Und dann noch neue Fußleisten und da kann ich ja gleich umziehen. Maler erinnert mich an auch Künstler und wenn ich an Künstler denke, vergeht mir die gute Laune. Wer hat eigentlich Künstler erfunden? Der liebe Gott hat doch Künstler nur in die Welt gesetzt, um mir die Arbeit zu einer ständigen Quelle von Mühsal, Plag und Irrsinn zu machen. Wenn es nach mir ginge, würde jedem Künstler bei der Geburt ein Wecker an die Backe getackert, der eine halbe Stunde vor jedem Termin klingelt, damit diese Brut nie, niemals in ihrem Leben zu spät kommt. Aber wahrscheinlich hat der Teufel die Künstler in die Welt gesetzt.
Es gibt ein persisches Sprichwort: Eine Mauer kann nie so hoch sein, als dass sie nicht ein mit Gold beladener Esel überklettern könnte. Bei mir ist die Mauer verdammt niedrig.
kastens hotel
Ab und zu habe ich Sitzungen in Kastens Hotel, die Nr. 1 am hiesigen Platz. Was nicht viel heißt. Was die Hotellobby da angeht, habe ich schon mehr Glanz und Gloria gesehen. Trotzdem ist es ein nice place to be und demzufolge bin ich eher geneigt, den Ansprüchen des Veranstalters zu willfahren als wenn die Sitzungen in einem Bürgerzentrum abgehalten würden. Bürgenzentren erwecken in mir schon mal den Geist der Rebellion, da kommt der alte Marx (natürlich Groucho) in mir hoch: Whatever it is – I am against it! In Kastens Hotel bin ich eher mit dem Gefühl eingelullt:
Whatever it is, ich hätte gerne noch einen Darjeeling und ein Stück Gebäck.
In solchen Momenten, wo ich mich dabei ertappe, angepasst zu sein, Mainstream, beruhige ich mich mit dem Gedanken, dass ich in diesem Leben nirgendwo mehr was werden will. Ich bin in der beruhigenden Lage, jederzeit überall sagen zu können:
Leckt mich. Ich mach was anderes.
Ich formuliere es im Zweifel mit mehr Contenance. Ich hab es aber auch schon drastisch formuliert.

17.02.2017 – Im Vergleich zu Trump ist selbst Sigmar Gabriel eine männliche Sexbombe

malen nach tönen
Artists against Donald Trump.
Trump sieht so Scheiße aus, der kann entweder nur psychisch krank sein oder Quartalsfaschist. Oder Beides. Ich denke jedes Mal, wenn ich ein Bild von dem sehe, ich träume. Der kann doch nicht wahr sein. Das Funktionieren von Politik hat schliesslich im medialen Zeitalter mehr mit Ästhetik zu tun als jemals zuvor
Über den Zusammenhang von Ästhetik und Ideologie haben sich schon erhabenere Geister als ich den Kopf zerbrochen. Wendet der Künstler, der die „richtige“ politische Überzeugung besitzt, automatisch eine angemessene, fortschrittliche Ästhetik an? Wie parteiisch darf Kunst sein? Das waren Fragen, an denen sich auch in der Nachfolge von Brecht tausende Kathedersozialisten die Tintenfässer und Schreibfedern um die Ohren schlugen.
Interessiert heute keine Sau mehr, Künstler und Intellektuelle haben sich weitgehend aus dem politischen Betrieb abgemeldet. Ich bin der Überzeugung, dass ästhetische Kategorien sehr wohl eine Rolle im politischen Raum spielen, wie umgekehrt eine Ästhetik, die das Politische negiert, reaktionär ist. Natürlich muss Ästhetik autonom sein und nicht in Agitprop verfallen, obwohl das Heute schon wieder drollig wäre.
mai demo
Nicht umsonst skandiere ich auf jeder Maidemo: „Bürger, runter vom Balkon, Solidarität mit Vietcong!“
Deutschland, Du hast es besser. Im Vergleich zu Trump ist selbst Sigmar Gabriel eine männliche Sexbombe.
Dieses Internet hat sich wohl durchgesetzt. Tolle Sache das. Wobei ich wichtige Daten niemals der Cloud anvertrauen würde. Aber dass dieser Blog hier im Internet dokumentiert ist, finde ich schon ganz praktisch. Mit sowas würde ich meine Festplatten nicht zumüllen. Und wenn mein Webhoster mal insolvent wird, wäre das auch kein Drama.
Im Moment kackt dauernd mein Browser ab und mit ihm gleich der ganze PC. Früher wäre ich noch nervös geworden. 90 % meiner Jobs sind Home-Office und wenn da auch nur die Daten seit der letzten Sicherung flöten gehen, dann ….
Ist das auch schnurz. Wenn ich morgen tot umfalle, dreht sich die Welt trotzdem weiter. Ich bin im Moment von dem einen oder anderen Projekt mitunter so abgenervt, dass ich es am liebsten in die Tonne kloppen möchte. Auch dann würde sich die Welt weiter drehen.
Und das hätte den Vorteil, dass ich mal eine Art Sabbatical machen könnte, ein halbes Jahr Berlin. Das wär’s doch. Das Nötigste könnte ich auch von da erledigen, weil es ja dieses Dings gibt, dieses Internet. Und was meine abgekackten Daten angeht: Freund und Kollege Andreas ist ein so genialer Experte, der würde selbst aus meiner uralten Triumph Schreibmaschine noch meine kompletten Daten rekonstruieren, Festplatte und:
Internet!
schreibmaschine
Triumph – aber nicht des Willens, sondern der Kompetenz.

15.02.2017 – Ich habe das Potential, reich zu werden.

NETZ 4_Seite 8_Reichtum ist heilbar
Reichtum ist heilbar. Aus der Serie „Fünf Euro“ aus dem Jahr 2016. Bestandteil dieser Serie sind echte Fünf-Euro-Scheine, die mit Aussagen zu Geld, Kapitalismus, Reichtum und Armut beschriftet sind. Die Scheine sind Unikate und werden Zug um Zug in den Zahlungsverkehr gebracht, sei es per Barzahlung bei Einkäufen oder auch bei Performances. Empfängerinnen werden gebeten, als Multiplikatorinnen ähnlich zu handeln, also selber Scheine zu beschriften und in den Umlauf zu bringen. Der ästhetische Mehrwert der Intervention: Der Gegenstand der Kritik, der Fetisch Geld, ist selber Träger der Kritik. Diese Intervention ist Teil einer umfassenderen zum Thema „Geld“, bei der ich auch schon mal Geld verbrannt habe.
140928MoPo - Er verbrennt Geld
Geld verbrannt.
Oder Fünf-Euro-Scheine für vier Euro verkauft habe. Diese Aktion hat später die Partei „Die Partei´“ von mir geklaut, als sie Hundert-Euro-Scheine verkaufte.
Dass ich laut Test das Potential habe, reich zu werden, wundert mich. Geld ist mir, im Gegensatz zu Ruhm, unwichtig. Es gab Zeiten, da hatte ich weniger als Nichts und musste sogar bei der sprichwörtlichen Kirchenmaus noch einen Deckel machen, aber ich war nicht unglücklicher als in Zeiten, wo ich bedenkenlos Kumpels Geld pumpen konnte, auch wenn ich wusste, da steht in roten Lettern drauf: Auf Nimmerwiedersehen. Ich hab mich auch nie großartig darum gekümmert, ob ich in meinen Jobs angemessen bezahlt werde. Neulich fragte mich jemand, wie viel ich verdienen würde.
Wahrscheinlich nicht viel mehr als ein Studienrat, vermute ich mal, wenn man es umrechnet in Zeit. Verglichen mit einem Studienrat bin ich allerdings definitiv unterbezahlt. Studienräte sind Leute, die sich nie hinter der Schulbank hervorgetraut haben, keine Ahnung von Imponderabilien des Lebens wie Arbeitslosigkeit haben, von Führungsverantwortung ganz zu schweigen, und vermutlich nie Budgets verwalten, die die Höhe einer Klassenreise zur Porta Westfalica überschreiten. Sowohl im Lernen als auch in der Lehre unterliegt der Studienrat Standards, hunderttausendfach erprobten Modulen.
Der Studienrat hat für alles Lösungshefte. Von mir wird erwartet, dass ich welche liefere.
Ich sollte mich echt mehr um Kohle kümmern. Respekt habe ich allerdings vor dem Studienrat, was die Durchführung von Klassenfahrten angeht. Eine Bande hormongesteuerter alkoholisierter Elftklässer davon abzuhalten, nachts die Schlafsäle der Mädels zu entern, wäre eine Aufgabe, für die ich die Nerven nicht mehr hätte. Ich würde dem Rädelsführer sofort einen an die Backe hauen. Da bin ich nah bei Mao: Strafe einen, erziehe Hundert. Aber solche Erziehungsmethoden sind wohl nicht mehr Standard. Auch daran sind die 68er schuld.