27.05.2020 – Gesichtsnahe Dienstleistungen


Damit sind keine Masken gemeint, sondern Barbier-Dienstleistungen wie Augenbrauen stutzen, Haare von den Ohrmuscheln fräsen, heiße Handtücher auf die Hackfresse zwecks Entspannung und Porenservice oder gar Nasenhaare rausreißen, weiß der Henker, was noch. Unlängst suchte ich meinen Coiffeur nach längerer Abstinenz auf und dort stieß mir ein Aushang mit der Ankündigung der Verweigerung „Gesichtsnaher Dienstleistungen“ aus Corona-Gründen ins Hirn. Dieser Begriff wurde sofort zu meinem Corona-Lieblingsbegriff des Quartals, wieder und wieder hämmerte ich ihn ins Sprachzentrum, um ihn dort festzunageln.
Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen. Gesichtsnahe Dienstleistungen.
Wobei ich grundsätzlich Gesichtsnahe Dienstleistungen für einen annähernd obszönen Eingriff in meine Intimsphäre halte. Eigentlich wollte ich mich heute über eine in der öffentlichen Diskussion sträflich vernachlässigte Ursache für die Anti-Corona-Demos auslassen, wobei ich den Begriff für unangemessen halte. Was schert es das Virus, wenn ich dagegen bin. Anti-Hygiene-Demo ginge ja noch, aber wer ist schon gerne gegen Hygiene. Richtig müsste es heißen: Anti-Vernunft-Demo und meine Vermutung, dass bei jedem Unsinn, der passiert, Waldorf-Insassen vorneweg tanzen, bestätigt sich mit der ersten Fundsache des heutigen Tages aufs Schönste, auch wenn der Mann nicht mehr aktiv ist.
Ich war, ich bin und ich bleibe ein entschiedener Gegner von Privatschulen, Privatunis, Privatkrankenhäusern etc. pp. To be continued. Daseinsfürsorge ist Sache des Staates.
Dazu passt mein Lieblingszitat des Jahrtausends von FDP-Führer Lindner nach seiner Corona-Umarmung-Entgleisungs-Entschuldigung im Anschluss einer Feier in Berlin (ich wette, es war im Borchardt, sie gehen alle ins Borchardt):
„Am Ende bleibt man Mensch.“
Mensch, Lindner, doch nicht in der FDP. Wenn das mal nicht ein Parteiausschlussverfahren nach sich zieht, wegen Abweichlertums.
Mensch bleiben… Wo kommen wir denn da hin.
Ich ziehe mich jetzt in meine Gemächer zurück, zwecks Ausführung Gesichtsnaher Dienstleistungen an mir selbst. Demnächst die Bilder dazu und die Erklärung für die vernachlässigte Ursache der Anti-Corona-Demos

25.05.2020 – Jenseits von Reden


Fuck the WHO

und Profilneurotiker Dr. Kill Bill Gates. DDR 2.0. Mutti hat fast fertig. Gesehen auf einer Anti-Corona Demo am Wochenende.
Ich schätze die Straße unter anderem deshalb, weil sie als politisches Bildungsinstrument unerlässlich ist. Ein Fernseher oder Buch vor der Nase versperren den Blick in die Wirklichkeit.
Man kann zum Beispiel mit Fug und Recht darüber streiten, wie umgehen mit solchen Demonstrierenden, zumal das eine homogene Masse ist. Es gibt Verschwörungstheoretiker*innen, Besorgte, Verängstigte, Esoterikerinnen, Quartalsirre, Nazis, etc. pp. Der Mainstream-Ansatz der Auseinandersetzung, getragen von der Mehrzahl der politischen Akteure: Wir müssen mit diesen Menschen reden, unsere Politik besser erklären. Dieser Ansatz verkennt meines Erachtens Motivation und Antrieb der Demonstrierenden: Sie werden getrieben von Überforderung und Angst, und ihr Motor ist das Ressentiment.
Man kann gegen ein Ressentiment nicht argumentieren. Das Wesen des Ressentiments ist ja seine Irrationalität. Argument und Ressentiment sind zwei Ebenen, die keine Berührungspunkte haben.
Und was wollen Sie der Angst erklären? Du brauchst keine Angst zu haben? Dann versuchen Sie das mal mit jemandem, der Flugangst hat. „Du brauchst keine Angst zu haben, Fliegen ist das sicherste Reisemittel….“?
Die Rede der Politik des „besser erklären“ und „mit den Menschen reden“ ist entweder eine der Hilflosigkeit, weil sie nichts Besseres im Angebot hat, oder sie ist Faulheit, weil sie sich keine Mühe um Alternativen macht, oder sie ist Desinteresse, nach dem Motto: Irgendwas muss ich ja sagen. Im Grunde ist diese Rede eine Kapitulation.
Glauben Sie, liebe Leserinnen, ich würde im Ernst mit so einer armen Wurst wie der oben im Bild diskutieren, deren Existenz ein einziger Schrei nach Hilfe und Liebe ist? So was gehört auf die Couch, aber bestimmt nicht in die politische Arena. Schauen Sie sich mal das Schluchz-Video von Xavier Naidoo an, die quartalsirren Augen eines Ken Jebsen oder das sinnfreie Rumgeprolle des Vegan-Bratlings Atilla Hildmann, dessen Existenz ein einziges Argument für exzessiven Fleischgenuss ist. Wenn ich eine Satire über eine Klappsmühle drehen wollte, würde ich solche Szene verwenden, aber doch nicht als Basis für einen argumentativen Diskurs. Und all die anderen, vom Leben verängstigten Waldorfschülerinnen, die auf solchen Demos das Grundgesetz tanzen (solche Szenen gibt es da im Original!) wissen ganz genau, mit welchem Gesindel sie sich auf diesen Demos gemein tun.
Das alles ist jenseits von Reden.
Wenn es nach mir ginge: Demos wegkärchern, Zwangsjacken statt Masken, alle umerziehen.
Ich kann gut nachvollziehen, wenn prekäre Existenzen um ihre materiellen Grundlagen bangen, wenn Arme Angst haben, dass sie die Kosten der Corona-Krise tragen müssen, wenn Menschen grundsätzlich Angst um unser soziales Gemeinwesen haben. Den Weg, den solche Existenzen auf Corona-Demos einschlagen, akzeptiere ich nicht. Er ist antiaufklärerisch und Demokratiefeindlich.
Ganz abgesehen davon, gibt es Milliarden Menschen, vor allem im Süden, aber nicht nur da, die diese hier geschilderten Problemchen ums Verrecken gerne hätten. Und insofern wende ich hier mal die edelste Waffe der Kritik an, die der Selbstkritik; Wenn ich meinen Blog mal so Revue passieren lassen, sollte ich mir öfter mal zurufen: Gibt es keine anderen Probleme?
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, einen allzeit Vernunftgesteuerten Start in die Woche.

24.05.2020 – Stop making Sense


Fassade des Bürogebäudes „cube“ am Berliner Hauptbahnhof. Die Fassade dieses Quadratgebäudes ist gefaltet, im Frank-Gehry-Style. Das ist also nichts grundstürzend Neues, aber durchaus beeindruckend, und ein angemessenes Entrée für eine Metropole, wenn man aus ihrem Bahnhof tritt. Der Berliner Bahnhof ist ein Solitär, selbst wenn man berücksichtigt, dass er gegenüber seinem ursprünglichen Entwurf um die beiden Enden der Gleise gekappt wurde Was für eine architektonische Sauerei das war, sieht man erst richtig in der Draufsicht und für besonders genial halte ich die Idee, das Umfeld des Bahnhofs zusehends mit meist austauschbaren postmodernen Klötzen zuzustellen, auch nicht. Man nimmt dem Gebäude die Wirkung. Dennoch atmen Freunde des Urbanen durchaus erfreut auf, wenn sie diese Kathedrale der Mobilität betreten. Ich war früher öfters auf Bahnhöfen kleineren Zuschnitts unterwegs und die Trostlosigkeit vollkommen verlassener und vernagelter Bruchbuden auf einem Acker, an einem kalten regnerischen Novembertag, in Erledigung irgendwelcher Erwerbsobliegenheiten, haben mich mitunter auf der Rückreise rätseln lassen, wieso ich mich nicht 5 Minuten nach Ankunft in einer naheliegenden Güllegrube ertränkt hatte, so klaftertief depressiv fiel ich regelmäßig angesichts solcher Orte der Einödnis, der Einsamkeit und der Abwesenheit aller Zivilisation. Es muss das Prinzip Hoffnung gewesen sein, was mich aufrecht hielt.
Hoffnung auf einen besseren Ort, der Utopie. Berlin.
Überaus anregend empfinde ich die Spiegelungen durch die Fassade. Bei einer glatten Fassade würde der Eindruck einer vermeintlich faktischen Widerspiegelung der Außenrealität entstehen. Durch die gefaltete Fassade entsteht ein Zerrbild, gebrochen, fast surreal, mehr Montage von verschiedenen Realitätsebenen als Abbild von nur einer. Insofern ist das Bild, das durch das Gebäude produziert wird, auch Abbild einer Kunstproduktion, die die Moderne begründete. Irgendwann reichte der Naturalismus nicht mehr aus, um die immer komplexer werdende Moderne zu erfassen. Malerei als quasi Fotoersatz ist seit über 100 Jahren obsolet und in der Literatur hat sich die Montagetechnik unter Einbeziehung von Bewusstseinsströmen und Wahrnehmungsfragmenten spätestens seit James Joyce‘ Ulysses oder Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (!) durchgesetzt. Krasses Beispiel der Moderne: Der Dadaismus als Dekonstruktion von Sinn und Verstand, als Antwort auf die Verwüstungen des ersten Weltkriegs. Wir tanzten im vorigen Jahrtausend das Motto der Postmoderne „Stop making sense“ zu den heute noch bewegungsanimierenden Talking Heads.
Watch out you might get what you’re after…. So schlimm wird’s schon nicht kommen. Mit solcherlei Gedanken im Kopf durchmaß ich den Bahnhofsvorplatz. Das hielt aber nicht lange vor.

Ein paar Schritte weiter am Reichstag war wieder Atmosphäre pur, ungewöhnliche Ruhe, Menschenleere. An solchen Orten, wo sonst eher Massenaufläufe das Bild prägen, kann man diesen Atmosphärenwandel regelrecht körperlich spüren.
Corona sucks, ohne Zweifel, aber in solchen Bildern liegt ja auch ein Versprechen auf eine andere Zukunft, ein Vorgriff auf eine Wirklichkeit von Morgen. Vielleicht nicht besser, aber anders. A change ist gonna come. Veränderung eben.

22.05.2020 – Meine Kultur mach ich mir selber


Fahrschule B-STANDEN. Gut, dass diese Fahrschule ihren Sitz in Berlin hat. Im Chamisso Kiez in Kreuzberg, dem Biotop für alternative, gediegene Kreativität schlechthin. Was da heute in ist, verseucht später die ganze Republik.
Für Augsburg wäre nur sowas wie A-UFFAHRUNFALL drin. Oder für Torgau-Oschatz (in der Ostzone) TO-TALSCHADEN.
Das war ein beliebter Sport, als ich noch Waldbauernbub war: Autokennzeichen sammeln. Aufschreiben, nicht abschrauben. Späterer Anarcho-Sport: Mercedes Sterne sammeln, reale allerdings.
Sowas hat mich nie interessiert und Kumpels, die Auto Kennzeichen sammelten und sich darüber austauschten, hab ich damals für bekloppt gehalten. Würde mich mal interessieren, was aus solchen Leuten geworden ist. Nee, eigentlich doch nicht, will ich gar nicht wissen.
Metropolen sind Petrischalen für Veränderungen, Kulturen finden hier idealen Nährboden, entwickeln sich mitunter explosionsartig. Die ländliche Idylle hat auch ihre Vorteile. Sie steht überwiegend für Kompostierung. Was zum Kreislauf dazu gehört. Man muss nur den Geruch mögen. Nach drei Tagen Natur kriege ich normalerweise Depressionen, zumindest in unseren Breitengraden. Aber auch im Süden, am Meer, bevorzuge ich am Strand deutliche Spuren von Zivilisation, wie eine gepflegte Bar mit gekühlten Getränken. Und im nahen Bergdorf einen Marktplatz mit zwei Restaurants, Konkurrenz belebt das Geschäft und erhöht die Wahrscheinlichkeit für halbwegs genießbare Nahrung. Einsame Strandidylle macht mich nervös, ich schiele dauernd zum Horizont, ob da nicht Piraten oder Kannibalen in Sicht sind. Im Ernst, in heutigen Zeiten entspricht die Idylle der Romantik: Sie ist das falsche Leben im Richtigen.
Der Quasi-Idylle-Zustand Berlins in Zeiten der Seuche kann eingefleischte Metropolen-Aficionados verunsichern. Beispiel S-Bahnhof Potsdamer Platz:

Gähnende Leere, wo sonst Fülle, Bewegung, Hektik das vorherrschende Bild ist. Ähnliche Bilder auch an anderen belebten Orten, am Hauptbahnhof, vor dem Reichstag. Über allem liegt eine einmalige Atmosphäre, ein Hauch von Entschleunigung, Entspannung gar, Ruhe, Innehalten. Und das alles vor einer mitunter grandiosen Kulisse von Urbanität, Dynamik, Leben, auch Rohheit und Gewalt, all den ambivalenten Kräften, die Metropolen eben auszeichnen.
Je nach Entwicklung der Seuche können das einmalige Bilder, Impressionen sein, die bald verschwinden und vom üblichen, flirrenden Alltag abgelöst werden. Das hoffe ich zumindest. Wenn das dauerhafte Bilder und Filme werden, ist unsere Gesellschaft eine andere, eine, vor der mich gruselt. Bis entschieden ist, wohin die Reise geht, genieße ich diese Atmosphären mit dem Gefühl, bewusster Zeitzeuge einer Ausnahmesituation zu sein.
Dieses Gefühl muss man sich allerdings leisten können. Müsste ich wie vor dem Krieg noch mit der einen oder anderen Kulturarbeit notwendige Taler für die oben beschriebenen Strand- und Bergdorfidyllen verdienen, würde ich diese Atmosphären sicher mit anderen Augen wahrnehmen. Kultur ist eben nicht systemrelevant. Das wünscht sich die vegane Bionade schlürfende Webdesignerin vom Chamissoplatz vielleicht. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, sondern eine an den Interessen und Bedürfnissen des Kapitals ausgerichtete Veranstaltung, und da kommt Auto- und Fleischindustrie vor Kulturindustrie. Luftfahrtindustrie nicht zu vergessen.
Und das ist auch gut so, die sorgt nämlich für meine Urlaubsflüge.
Meine Kultur mach ich mir selber. Die ist wie Persil: Da weiß man, was man hat.
In dem Sinne: Bleiben Sie gesund, liebe Leserinnen.

20.05.2020 – Sie haben Ihr Ziel erreicht!


Gastraum-Abtrennung in einem Café. Bei den Hasen hat man das Gefühl, sie holen gleich Beile, Messer und Maschinenpistolen aus ihrem Fell und richten ein Massaker an. Die Viecher korrespondieren auf schreckliche Art und Weise mit dem jenseits aller akzeptablen ästhetischen Kategorien vor sich hin irisierenden Rosa an den Wänden und den Weltraumkugeln an der Decke. Eines jener zahlreichen feinen, kleinen Fundstücke meines Corona-Alltags, die mir in einem vielschichtigen, leisen Choral entgegensummen: Die Welt so wie Du sie kennst, sie ist nicht mehr.
Es sind nicht nur reale Gegenstände, die das bewirken, es sind auch Fundstücke aus meinem Kopf, wie das kleine sehnsuchtsvolle Seufzen unlängst: Wann werde ich wieder die vertraute und für mich in der Fremde (meint: alles, was 200 Meter von meiner Homebase entfernt ist) überlebensnotwendige Ansage der Google-Maps Else hören:
„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“?
Und werde ich jemals auf der Zielgeraden meines Schaffens die Ansage meines Lebens-Maps hören: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“? Und wenn ja, wie wird dieses Ziel aussehen und was für Portweine gibt es da zu trinken?
Sind so viele Fragen. Und während draußen die Welt, so wie ich sie kenne, langsam verschwindet hinter einem Schleier vermeintlicher aufkommender Normalität, muss ich mich darüber ärgern, dass jetzt schon Arschlöcher anfangen, mich zu zitieren, wie der AfD-Jungnazi Münzenmaier. Hoffnungsvoller Prätorianer. Diese alerten Weiße-Kragen Nazi-Jungspunde jenseits der Glatzen-und-Stiefel Fraktion erinnern mich an die zornigen jungen Wilden Hitler, Goebbels, Himmler, Göring, die bei der Machtübernahme alle jung waren für Führungspolitiker, alle unter 50.
Wenn man Dreckschleudern wie den Münzenmaier geraderückt, bleibt immer was an einem kleben. Sollte man eher lassen, ich tu’s trotzdem, hier beim epd
Und da draußen laufen so viele noch viel schwerer Gestörte rum.
Nix wie weg, hin zu: Sie haben Ihr Ziel erreicht.
Aber wann und wie?
Luxusproblem. Gibt schlimmeres.

14.05.2020 – Wenn Sie dieses Video nicht klicken, sterben Sie!


Screenshot vom Video „Armut und Corona“, Teil 1 eines Projektes der Landesarmutskonferenz. Eins von mehreren Projekten, um das Thema Armut in Zeiten der Seuche nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, bei all den Diskussionen um Wirtschaftsförderung für Konzerne und Autoprämien. Die aktuellen Erhöhungen von Lebensmittelpreisen und Energie sind für Arme eine akute Bedrohung und die Politik weigert sich nach wie vor beharrlich, über eine dringend notwendige Erhöhung der Hartz-IV Regelsätze auch nur zu diskutieren. Dazu noch Urteile von Sozialgerichten, die die Verweigerung der Kostenübernahme bei Masken für Hartz-IV-Bezieher*innen durch Jobcenter bestätigen. Alles tolle staatliche Signale an die 4 Millionen Hartz-IV-Bezieher*innen, deren Zahl sich in Folge von Corona vermehren wird wie Pilze nach dem warmen Regen.
Kein Wunder, dass die AfD-Nazis ihre größten Wahlerfolge in sozialen Brennpunkten erzielen, wenn sich Arme zusehends abgehängt fühlen. In sozialen Brennpunkten ist die Wahlbeteiligung um ca. 50 Prozent niedriger ist als in Villenvierteln. FDP – die wählt der Zahnarzt und seine Familie.
Diese Videoreihe soll ein Versuch sein, Öffentlichkeit zum Thema „Armut und Corona“ herzustellen. Daher: Wenn Sie, liebe Leserinnen, dieses Video nicht klicken, sterben Sie. Sie sterben natürlich auch, wenn Sie es klicken. Wir alle sterben früher oder später, insofern war der Header nur ein plumper Versuch nach Aufmerksamkeit zu haschen. Klar ist aber, wenn die Video-Reihe keine nennenswerte Verbreitung findet, wird sie nicht alt.
Der Benchmark für solche Projekte sind im Digitalzeitalter Klicks. So einfach und brutal ist das, jenseits aller Sinnhaftigkeit oder gar allen ästhetischen Mehrwerts. Den das Video hat. Da steckt echte Arbeit drin, allein bevor ich meine eigenen Texte fehlerfrei in die Kamera bringe, braucht es locker vier, fünf Takes für jede Einstellung, die location muss passen, Licht, Ton, Einstellungen, die Dramaturgie muss stimmig sein und am Ende entscheidet der Schnitt.
Genug des Jammerns und Bettelns um Klicks. Widmen wir uns den hochinteressanten Youtube-Beiträgen in der Seitenleiste im Bild oben, die mir auf Grund von Algorithmen auf Basis meines vermeintlichen Internetverhaltens empfohlen werden. Das geht in Richtung „Wie gläsern und nackicht machen wir uns im Netz“. Die beruhigende Nachricht: na ja …
Mir wird da u. a. Schach, 700 PS Autos und Sixpack-building empfohlen. Das ist vollkommen grotesk. Ich hege Null Interesse an diesen Dingen und habe in meinem Leben eher ein sechsstündiges Video über das Liebespiel von Wattwürmern im Netz geguckt als jemals nach diesen Dingen gegoogelt. Wenn das die Macht der Algorithmen ist, kann zumindest ich gut schlafen deswegen.
Was natürlich passt, ist die Arm, Reich, Corona Empfehlung am Anfang der Leiste. Die Clips hab ich mir angeguckt und bin vor Neid erbleicht. Eine ölig-aufdringliche Hackfresse preist da im Guru-Style eines „Chakka“ Motivationstrainers ihre Produkte und Lebensbinsenweisheiten an, mit denen bedauernswerte Existenzen die Verarmung durch Corona vermeiden sollen und im Zweifel natürlich Millionäre werden können, Chakka, du schaffst das, du bist stark, wenn Du es nur willst. Der Kretin hat in Teilen seiner Analyse nicht unrecht, beherrscht das Handwerk der Rhetorik für Schlichthirne. Und hat damit Erfolg. Selbst für das Verbraten hohlster Binsenweisheiten Klickzahlen, die in die Hunderttausende gehen ….
Ja, ich weiß, die Bildzeitung lesen auch Millionen. Trotzdem seufze ich bei sowas schonmal kurz auf – Bevor die Arbeit weiter geht, am Drehplan für das nächste Video.
Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen. Chakka!

08.05.2020 – Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus


Letzten Winter, irgendwo am Meer.
Heute bin ich das erste Mal sauer auf das Virus, eine alberne und auch nur kurze Reaktion. Wie kann man auf eine bewusstseinslose Ansammlung von DNA oder RNA sauer sein, deren einzige Bestimmung Vermehrung ist. Noch nicht mal zum Kacken reicht es bei den Dingern, keinerlei Stoffwechsel. Was für eine naive Betrachtung des eigenen Körperinnern eine irgendwie beruhigende Vorstellung ist. Ich betrachte das Virus normalerweise nüchtern und mit dem Verstand. Ich schätze sein Bedrohungspotential für mich, meine Umgebung und die Gesellschaft ein, versuche mich entsprechend zu verhalten, vertraue auf die Wissenschaft, was Impfstoff und Therapien angeht, und ein klein bisschen, und das ist eine der ganz wenigen Formulierungen in diesem Blog ever, bei der ich kurz überlegt habe, ob ich sie verwenden soll, sogar auf „unsere“ Politik, die das bisher ganz ordentlich macht. Im Gegensatz z. B. zu England und USA. Besser läuft’s anscheinend zurzeit nur in Griechenland.
Ich bin, was das Virus angeht, entfernt von Zuständen wie Angst, Wut, Hilflosigkeit etc. Emotional gesehen tun mir nur Menschen leid, die durch die Pandemie in existentielle Bedrohungen geworfen sind.
Als ich allerdings mitkriegte, dass die AfD heute in Hannover eine Demo plant, vorgeblich gegen Corona-Beschränkungen, wallte Wut in mir, Empörung quoll den Hals empor.
Real ist das eine faschistische Provokation von Hardcore Nazis. Die Demo sollte heute stattfinden, am Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, auf dem hiesigen Opernplatz, an dem das Denkmal für die ermordeten Juden liegt. Dagegen hat sich sofort Widerstand geregt. Das läuft in Hannover gut, sowohl auf der Ebene eines breiten bürgerlichen Spektrums inklusive Gewerkschaften, als auch auf der Ebene versprengter Reste radikaler Linker, inklusive der Jugendorganisationen von Gewerkschaften und „linker“ Parteien.
Auch wenn in allen Aufrufen zu den Gegendemos intensiv auf Corona-Prävention insistiert wurde, wäre ich dieses Mal nicht dabei gewesen. Ich halte eine Teilnahme aus Seuchenpräventionsgründen nicht für angemessen, bin allerdings hin- und hergerissen zwischen virologischer und gesellschaftlicher Prävention (aus Gründen der Gesellschaftshygiene müsste die Nazidemo sofort weggekärchert werden und der Platz von Nazi-Aura dekontaminiert). Die Verantwortung für diesen ärgerlichen Widerstreit habe ich natürlich sofort aus Entlastungsgründen dem Virus in die Schuhe geschoben und ich war angepisst. Scheißvirus.
Der Verstand aber ist der tröstende Bruder der Emotionen und daher weiß ich natürlich: Meine Entscheidung, meine Verantwortung.
Zurzeit ist die Nazidemo verboten. Wegen unkontrollierbarer Corona-Verhältnisse. Nicht wegen unerträglicher Verhöhnung der Nazi-Opfer. Aber wer weiß, wie das Verwaltungsgericht heute Vormittag entscheidet.
Skurril: Angemeldet hat die Demo der „Flügel“ der AfD, also die Hardcore-Nazis. Die weichgespülten hiesigen Niedersachsen-Nazis waren dagegen, die wollen mit solchen Provokationen noch warten. Auch bei den Original-Nazis gab es verschiedene Fraktionen. Wie die „Sozialrevolutionäre“ um Strasser oder die SA um Ernst Röhm, die allerding sofort liquidiert wurden, als sie den Anteil der Beute für ihre Arbeiter-Klientel einforderten.
Geeint hat aber alle der Hass und wahnhafte Vernichtungswille gegen alles, was anders ist. Analogien zu heute dürften nicht zufällig sein.
Das ist einer wenigen Tage bisher, an denen ich lieber im Bild oben wäre als hier.
Was soll’s. Muss ja.

07.05.2020 – Kotzen, Pissen, Prügeln.


Corona-Abstandshalter.
Da ich nur Phantasien, aber keine Ahnung habe, wie es mit der Corona-Krise weitergeht, muss ich mich mit meinem Alltagsverhalten natürlich dauernd darauf ein- und umstellen. So sieht eine der raren Arbeitssitzungen bei mir unter den Bedingungen von Home-Office in Zeiten von Corona aus. Als Corona-Abstandshalter fungiert ein auf 2 Meter ausgeklappter Zollimann.
Eins ist sicher: Die Krise regt den wichtigsten, aber auch zu Tode zitierten und gerittenen menschlichen Rohstoff an: Die Phantasie. Vor deren Zitierung ich spätestens seit dem Gruselgraffiti der glorreichen 70er an allen Wänden der Städte: Phantasie an die Macht! Reißaus nehme. Bei den Phantasien, die in unserer Gesellschaft vagabundieren, würde ich zum Mond auswandern, wenn die an die Macht käme.
Kleine, behinderte Geschwister der Phantasie sind zwei Pestbeulen der Moderne: Religion & Fußball. Wer sonst im Leben nix hat, hat sowas. Religion & Fußball füllen in der Existenz des offensichtlich von den Anforderungen der Moderne heillos Überforderten eine Leerstelle aus. Vermutlich die unstillbare Sehnsucht nach Liebe & Anerkennung, wer weiß das schon so genau. Solche Leerstellen werden normalerweise mit Alkohol und Drogen aufgefüllt, oder auch Arbeit.
Von letzterem ist abzuraten. Wenn ich die Wahl zwischen einem Puligny-Montrachet und einer Vierstunden-Konferenz mit einer Horde Grenzdebiler hätte, wüsste ich, wofür ich mich entscheide. Den Religions- und Fußball-Abhängigen sind solche Gedanken wumpe, die Regierenden wollen sich mit derart Gestrickten lieber nicht anlegen und gestatten ihnen, demnächst wieder ihre satanischen Kulte auszuüben. Dem Religionsausübenden sei zu Gute gehalten, dass er zwar falsche, aber wenigsten überhaupt Moralvorstellungen hat, und er übt seinen Kult überwiegend still, auf sich bezogen und unter Zuhilfenahme nur geringer Mengen Alkohol, dem Messwein, aus. Beim Verlassen seiner Kultstäte fällt er kaum auf.
Der Fußballabhängige ahnt tief im Inneren, dass sein moralischer Kompass völlig verstellt oder schon auf dem Müll gelandet ist. Sowas ist natürlich kaum zu ertragen und deswegen knallt er sich die Rübe bis ins Koma voll. Was man beim Verlassen seiner Kultstätte, dem Stadion oder der Fußballkneipe merkt: hier greift der öffentliche Dumpfmeister-Dreikampf Kotzen, Pissen, Prügeln.
Und darauf setzt meine Hoffnung angesichts der Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga ab 15.05: Dass sich tausende Vollidioten ohne Masken, im Torjubel eng umschlungen (in Fußball-Ritualen wird so viel latente Homosexualität „ausgelebt“ wie kaum irgendwo) vor den Stadien versammeln und Bilder liefern, die den Humanisten wünschen lassen, ein Meteorit fahre gen Erde und mache aller Menschheit ein Ende. Und am nächsten Tage werden alle Geisterspiele verboten bis in alle Ewigkeit, Amen, und der Profifußball geht dahin, wo er hingehört, in die Pleite.
Überhaupt Geisterspiele, was für eine wundervoll vieldeutige Bezeichnung.
Diese Suada wider die unheiligen Geschwister Religion & Fußball hält mich natürlich nicht davon ab, mir beim nächsten Fußball-Großereignis mittels meines geballten Sachverstandes durch eine gutplatzierte Wette gegen die Ostgoten einen kleinen Urlaub zu verdienen.
Und im nächsten Urlaub im Süden bei einer Wanderung in einem kleinen Bergdorf in der Ortskirche auf eine Bank zu sinken und der Kontemplation zu frönen. Ist ja auch schön kühl und still da.
Wohin einen die Phantasie so treibt. Das hätte ich beim Beginnen des heutigen Eintrages nicht gedacht, dass ich am Ende in einem kleinen Bergdorf lande.

05.05.2020 – Wo sind die Wasserwerfer, wenn mal sie mal braucht?


Gevatter Hein nahm Heinz die Rute aus der Hand und holte ihn zu sich in die ewigen Angelgründe. Uns Nachgebliebenen sei sein Name in Corona-Zeiten aber Mahnung und Pflicht: Säumenicht! Vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass nach dem Virus vor dem Virus ist.
Irgendwie scheint ein leichtes, befreites Aufatmen durch die Gesellschaft zu gehen angesichts der zahlreichen Lockerungsübungen, die allenthalben verkündet werden. Und mein MP, der Liebling der Massen, der Meister der Rhetorik und des Frohsinns, Genosse Stephan Weil, vorneweg, den flinkzüngig-lavierenden Armin Laschet und den brachial-dämonischen Marky-Mark Söder in den Schatten stellend. Ja, wir Niedersachsen, gemeinhin sturmfest und erdverwachsen, können auch, flott und opportunistisch nach der nächsten Landtagswahl schielend, ganz anders. Sturmfest und Erdverwachsen, das zur Erklärung für den Rest der Ostgoten, sind wir laut unserem Niedersachsenlied, wo es unter anderem heißt:
Aus der Väter Blut und Wunden
Wächst der Söhne Heldenmut.
Niedersachsen soll’s bekunden:
Für die Freiheit Gut und Blut.
Fest wie unsre Eichen halten
Allezeit wir stand,
Wenn Viren brausen
Über’s deutsche Vaterland.

Ich hab‘s an einer Stelle leicht aktualisiert.
Wenn sich der gemeine Niedersachse und mit ihm seine entzückende Niedersächsin da mal nicht in den Finger geschnitten hat bei all den Lockerungsübungen.
Mich würden mehr als alle offiziellen Verlautbarungen die Referentinnen-Papiere interessieren, die in ministeriellen Schubladen schlummern und staatliche Handlungsoptionen für den Fall beschreiben, wo die Variante eines durch Körperflüssigkeit übertragenen Virus wie Ebola (25 bis 90 Prozent Letalität) oder HI (100 Prozent Letalität) plötzlich Aerosolbefeuert durch die Lüfte tanzt. Inwieweit das möglich ist bei mindestens 40 weiteren Viren mit einem Pandemie-Potenzial wie Sars-CoV-2 (Stand heute) entzieht sich meiner und vermutlich auch der Kenntnis vieler Experten. Im Moment wissen wir, dass wir immer mehr, aber immer noch zu wenig wissen.
Und was passiert, wenn sich zwei Virenwellen mal überlagern…?
Also durch mein Inneres braust immer öfter ein Ruf wie Donnerhall: Säumenicht! Und mein stiller Gruß und Dank gilt Heinz, dem alten Forellenquäler, möge er seine Rute schwingen in Frieden in alle Ewigkeit. Amen.
Ich aber frage mich angesichts der immer mehr sich öffentlich zeigenden Quartalsirren, Wichtigtuer, Verschwörungsspinner und Neonazis, wie hier am urniedersächsischen Maschsee:
Wo sind die Wasserwerfer, wenn man sie mal braucht!?

03.05.2020 – Dann bin ich kein Linker mehr


Neue Presse 02.05.2020
Schöner Artikel, der das Wesentliche schildert. Stilistisch an der einen oder anderen Stelle etwas rumpelig, aber ich will mich nicht beklagen. Die Medien sind mir durchaus geneigt. Der Beitrag vom NDR verwendet meine Aktion als Klammerfunktion am Anfang und Ende und erweckt so den Eindruck, dass zentraler Aspekt des 1. Mai in Niedersachsen meine Aktion war. Sei’s drum.
Schön wäre es, wenn ich die Jugend der Welt neugierig auf das Werk von Groucho Marx gemacht hätte, ist doch die Synthese zwischen Karls stringenter Ökonomielehre und Grouchos erbarmungslosem Anarchismus das, was es anzustreben gilt. Verbunden vielleicht mit einem Schuss lyrischen Dandytums von Wladimir Majakowski, (siehe 3. Majakowski hatte Stil und lebte gern).
Schön auch das Foto des Artikels, das den Eindruck des ikonischen Sheriffs erweckt, der einsam und entschlossen auf der staubigen Straße vor dem Saloon für das Gute kämpft. Siehe auch Gary Cooper. Auf gar keinen Fall aber John Wayne. Wo ersterer aus jeder Pore Eleganz und Stil ausstrahlte, war letzterer ein Machismo-getränkter Prolet. Heute tragen die Sheriffs keinen Stetson mehr, sondern Mundschutz.
Unschön am 1. Mai, und das wär‘s dann auch mit der Nachlese, das Verhalten vieler Berliner*innen. In Corona Zeiten für derartige Versammlungen verantwortlich zu sein, ist unsolidarisch in höchstem Ausmaß gegenüber den zahlreichen Beschäftigten, Verwandten, Kolleg*innen etc., mit denen die dort Anwesenden nach dem 1. Mai in Kontakt treten, als potentielle Virenverbereiter*innen.
Wenn ein derartig dummes, egoistisches und unsolidarisches Verhalten etwas mit Links zu tun haben soll, dann bin ich kein Linker mehr.
Da ich das aber eigentlich vom Habitus her bleiben möchte, spreche ich hiermit allen Krawallinskis im Umfeld des Berliner, Hamburger etc. pp. 1. Mai die Berechtigung ab, sich Links zu nennen. Einzig wahrer Linker in der BRD bin ab heute ich.
Das Geschilderte gilt natürlich erst recht für die Idiot*innen vom Rosa-Luxemburg-Platz und die bescheuerten Querdenker in Stuttgart. Dort liegt der Keim einer neuen, rechten Attacke in Corona-Zeiten auf die Demokratie. Allein der Begriff „Querdenker“ erzeugt in jedem Ästheten ein Sprachbrechreiz. Ansonsten werde ich für zukünftige Entgleisungen der Firma Kärcher den Auftrag zur Säuberung erteilen.
Meine Güte, an was ich mich alles abarbeiten muss.
Was bleibt, eine letzte Impression von der 1. Mai Aktion

Mit großer Pose, Corona-Abstandhalter und immerhin vier Zuschauer*innen (Alles Medienvertreter*innen, also kommen hinten ein paar 100.000 bei raus).
Was sich auf meinem Konto aber nicht bemerkbar macht. Brotlose Kunst ….
Guten und gesunden Start in die Woche, liebe Leserinnen.