11.11.2018 – Ich sollte meine Flugreisen verdoppeln


Sommerblume bildet im November neue Blüten. Das hat die Dipladenie noch nie gemacht.

Himbeeren reifen immer noch. Im November Himbeeren ernten, das hatte ich auch noch nie.
Es lebe der Klimawandel. Ich mache gerade Pläne für 2019, Diensttermine koordinieren, Zeitleiste für meine Berliner Homebase aufstellen und Korridore für Reisen freihalten. Ich sollte unbedingt noch ne Schippe an Flugreisen drauflegen, die in einer individuellen Ökobilanz das zweitgrößte Desaster darstellen. In dieser Desasterbilanz mit Abstand an erster Stelle steht natürlich die Aufzucht von eigener Brut. Also wenn ich meine Flugreisen verdoppele, ist das ein guter Schritt zur Verlängerung der (Elektro-)Grillsaison bis in den Dezember. Wenn es auch nicht mehr so sehr grünt, so blüht es doch unentwegt in meinem Garten. Grün ist meine Lieblingsfarbe. Ich habe z. B. darauf insistiert, dass die Rückwand unseres Haus-Gartens, im Winter weithin nach außen sichtbar, nicht in so einem alternativen Terrakotta-Kackocker, wie es jede ex-alternative Gretetofu resp. Hanswurst heutzutage macht, sondern in einem Pastellgrün bepinselt wird. Allerdings wird mir meine Lieblingsfarbe zunehmend durch die Partei gleichen Namens verleidet. Ich stehe nach wie vor staunend vor der Tatsache, dass einzig die SPD für den größten sozialpolitischen Raubzug der Nachkriegszeit, inszeniert ab 1998 durch die Schröder-Fischer Gang, verantwortlich gemacht wird und diese Mitverantwortung komplett an den Teflon-Grünen abperlt. Aber wenn es gerecht auf der Welt zuginge, wäre ich schon dreimal Aussteller auf der Documenta gewesen.
Regelrecht den Atem verschlägt es mir aber, wie rasant die Grünen AFD-kompatibel und zur Belohnung zur stärksten aller Parteien werden.
ICH persönlich befürworte es ja, wenn man wie grüne Promis gewaltbereite Fußballfans und vergewaltigende Familienväter in Konzentrationslager einsperren will oder weit draußen in der Natur aussetzen will, wo sie dann … ja, was dann? Erfrieren? Verhungern?
Beleg 1, Zitat von Boris Palmer, grüner OB von Tübingen: „Und diejenigen, die eine Gefahr sind, die oft mit der Polizei in Konflikt geraten oder eben hochgradig psychisch instabil, die sollten sich nicht frei in Städten und Gemeinden bewegen dürfen, sondern in sicheren staatlichen Einrichtungen (früher: KZs, d. A.) untergebracht werden„.
Beleg 2, Zitat von Kretschmann, grüner MP in Baden-Württemberg: „Salopp gesagt ist das Gefährlichste, was die menschliche Evolution hervorgebracht hat, junge Männerhorden. Solche testosterongesteuerten Gruppen können immer Böses anrichten.“ Und sollten in die „Pampa“ geschickt werden.
Natürlich sind mit den Zitaten weder der Fußball-Mob noch besagte Familienväter gemeint gewesen, sondern Flüchtlinge. Ersteres war eine niederträchtige und infame Unterstellung von mir. Angeregt durch den Ungeist, der aus der Sprache von Palmer und Kretschmann spricht. Da wütet und waltet etwas in ihnen, das mich gruselt. Und das immer weniger gedeckelt wird, weil die schützende, zivile Hülle immer brüchiger wird. AfD lässt grüßen. Kretschmann ist eben mental immer noch der durchgeknallte Politfreak, der früher dieser Kaspervereinigung Kommunistischer Bund Westdeutschlands angehörte, und jetzt wieder seinen Phantasien freien Lauf lassen kann.

10.11.2018 – „Wir sind in allem Weltmeister, aber allen anderen geht’s besser als uns.“


Veranstaltung Begegnungsstätte der katholischen Kirche ka:punkt in Hannover, für Menschen mit geringem Einkommen. Thema Rente. Mein Gesprächspartner: Lars Niggemeyer vom DGB. Es geht aber hauptsächlich darum, dass die Besucherinnen des ka:punkt zu Wort kommen, unsere Gesprächsreihe „Politik-Talk“ will durch Beteiligung gegen Politikverdrossenheit intervenieren. Was auch ganz gut klappt, es kommen regelmäßig ca. 60 Leute und diskutieren sehr munter mit. Wir dokumentieren sowas auch immer, siehe Foto oben, vom besten Praktikanten der Welt. Das Kreuz über meinem Kopf irritiert mich aber schon etwas. Ganz abgesehen von der Frage, ob öffentlich zur Schau gestellte Extrem-Bondage-Techniken wie eine Kreuzigung nicht Schaden an kindlichen Gemütern nehmen können, halte ich das Prinzip „Glauben“ nicht gerade für eine herausragende Errungenschaft der Aufklärung. Als ehemaliger Messdiener weiß ich, wovon ich schreibe. Nun ist es aber mit dem Glauben so, dass selbst die beinhärteste Atheistin eben nicht genau weiß, ob es nicht doch ein – oder mehrere – höheres Wesen gibt, das so viele verehren.
Ich halte mir die Hintertür zum Paradies jedenfalls sicherheitshalber auf durch Führung eines überwiegend Göttingefälligen Lebens, sieht man mal von der Einhaltung der 10 Gebote ab. Und bei dem Foto oben kamen mir schon Zweifel, ob das nicht ein Wink des Himmels ist: Tu Buße. Oder dergleichen.
Zuhause angekommen, war ich ziemlich platt. Die Tage sind kurz, aber hart und prall gefüllt mit Arbeit. Die Veranstaltung vom Vortag steckte mir noch in den Knochen, wo ich als Teilnehmer eines Podiums über bezahlbares Wohnen mit Bauminister Olaf Lies und anderen Koryphäen vor 500 Teilnehmerinnen lichtvoll meine Expertise ausbreiten sollte, infolge Einsteigens in den falschen Zug die Veranstaltung aber verspätet erreichte, in dem Moment, wo der hiesige Ministerpräsident Weil seine machtvollen Begrüßungsworte in den Saal goß.
Und das mir, für den Zuspätkommen seit Jahrzehnten keine Option ist. Ich hatte kurzfristig überlegt, ob ich Harakiri begehen sollte statt das Podium zu entern, aber mangels Samurai-Schwert und wegen zahlreicher ausstehender Termine davon abgesehen.
Ich lechzte nach dem ka:punkt also nach einem kühlen Wermut, im Moment mein absolutes Lieblingsgetränk. An der Ampel vor meiner Homebase herrschte Finsternis. Im Treppenhaus: Finsternis. Im Flur: Finsternis.

Siehe, es ward Finsternis im Lande respektive in meiner ganzen Butze. Kein Licht ging, keine Heizung, kein PC. Nichts. Stromausfall. Ein eiskaltes Händchen der Panik griff an mein Herz. Ich stürzte an den Kühlschrank und tatsächlich: Der Wermut hatte mindestens 13,5 Grad. Ein Wermut über 12 Grad ist aber Spülwasser, Desinfektionsmittel, was auch immer, aber keinesfalls genießbar.
Ich brach weinend am Küchentisch zusammen und wandte mich flehend gen Himmel: „Oh Göttin, womit willst Du mich noch heimsuchen?“
Nach 30 Minuten ging der Strom wieder. Ich aber hatte Armageddon ins Auge geschaut.
Was bleibt sonst noch von dem Tag? Die Bemerkung eines Teilnehmers im ka:punkt angesichts der wesentlich sozialeren Renten-Situation in Österreich:
„Wir sind in allem Weltmeister, aber allen anderen geht’s besser als uns.“
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

09.11.2018 – 80 Jahre Novemberpogrome


Herrliches Wetter, die Sonne scheint, Reste der Dipladenie, eine Sommer-pur Pflanze, die normalerweise schon bei weniger als 10 Grad schwächelt, klammern sich mit Macht an jeden Sonnenstrahl. Ich bin bester Laune und wollte diesen Blog gerade mit einem lustigen Erlebnis füllen, wie ich gestern bei der Anfahrt zum Kongress des Bündnisses für bezahlbares Wohnen in Niedersachsen, bei dem ich auf dem Podium eingeplant war, in den Zug in die falsche Richtung gestiegen bin. Die Eröffnungsrede hielt der hiesige Ministerpräsident Stephan Weil, 500 Teilnehmerinnen, auf dem Podium nur wichtige Minister etc. pp., außer mir …
Eine jener Geschichten, die am Lagerfeuer Weltklasse wirken …
Und dann kriegte ich diese PM der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, und meine gute Laune ist komplett weg. Es geht anlässlich des 9. November um die sogenannte BDS-Bewegung, eine Ansammlung linker Antisemiten, die zum Boykott Israels aufruft.
Auch Linke können dem Mob angehören. Diese Bewegung ist einfach widerlich und es steht zu befürchten, dass sie zunehmend mainstreamfähig wird. Gut, dass ich keiner Partei angehöre, das erspart z. B. mir den Austritt aus der Linken, in deren Reihen linker Antisemitismus eine lange Tradition besitzt. Hier der Text der PM, da muss ich nix dazu dichten:
„Wehret den Anfängen – BDS ist Antisemitismus pur“
Die beiden Vizepräsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Parlamentarischer Staatssekretär Christian Lange (SPD) und die stellv. Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Gitta Connemann (CDU), erklären anlässlich des 80. Jahrestags des 9. November 1938:
„Der 9. November 1938 ist einer der dunkelsten und schlimmsten Tage in der Geschichte unseres Landes. In der Reichspogromnacht brannten überall Synagogen und jüdische Einrichtungen. Wohnungen und Geschäfte wurden geplündert und zerstört, Tausende von Juden verhaftet und Hunderte getötet – alles unter den Augen der Öffentlichkeit. Es war ein staatlich inszenierter Zivilisationsbruch, nicht nur verübt von fanatischen Nationalsozialisten, sondern auch von Menschen, die bis dahin Nachbarn waren. Das erfüllt uns auch nach 80
Jahre mit Scham und Entsetzen“. „Es ist umso unerträglicher, dass auch im Jahr 2018 in unserem Land Synagogen, jüdische Kindergärten, Schulen und Gemeindehäuser von Sicherheitskräften beschützt werden müssen. Dass auf Demonstrationen offen antisemitische Parolen skandiert oder israelische Fahnen verbrannt werden. Dass im Internet gegen
Juden gehetzt wird oder Juden, die eine Kippa tragen auf offener Straße angegriffen werden. Hier ist weiter und wieder großer Handlungsbedarf. Dies wollen und dürfen wir nicht zulassen. Wehret den Anfängen“, so Lange und Connemann weiter.
„Ebenso wollen und dürfen wir nicht hinnehmen, dass die so genannte BDS-Bewegung („Boykott, Disvestment und Sanctions“) zum Boykott von Israel aufruft und damit auch die deutsch-israelischen Beziehungen massiv belastet. Aktivisten der BDS-Bewegung stören Veranstaltungen, bei denen Israelis auftreten, sie demonstrieren vor Kaufhäusern, in denen man israelische Produkte kaufen kann. Aus „Kauft nicht bei Juden“ ist ein „Boykottiert Israel und kauft keine israelische Waren“ geworden. Das ist die gleiche hässliche und
brutale Sprache. Beides ist Antisemitismus pur! Wir dürfen diesen Hass nicht relativeren oder ignorieren, sondern müssen es beim Namen nennen.“, so die beiden Vizepräsidenten weiter.

05.11.2018 – Ich hab’s schon gehasst, zu Ostern Eier zu suchen.


Cage of Fortune. Daniel von Bothmer. Kunstverein Hannover, Herbstausstellung 2018.
Käfig des Glücks, ist das nicht ein Widerspruch? Glück im Käfig? Auf den oberen Holmen des Käfigs sind Glasscherben angebracht, ähnlich denen von Eigentumsparanoiden auf den Mauern um ihr Haus. Trautes Heim, Glück allein. Was ist Glück? Wie soll ich leben? Zentrale Fragen unserer Existenz, wohl wahr. Aber wer grübelt eigentlich wie oft darüber? Ich halte mich für einen einigermaßen reflektierten Zeitgenossen, was ich unter anderem deshalb sein muss, weil ich mir schon – bei aller Spontaneität – ab und zu überlegen sollte, was ich in diesen Blog schreibe. Nicht, weil ich berufliche Nachteile befürchte, sondern weil ich nicht Falsches oder Peinliches hier verewigt haben möchte.
Aber die letzten Fragen, nach Glück oder dem guten Leben, stelle ich mir eher nicht. Ich hab’s schon gehasst, zu Ostern Eier zu suchen. Warum sollte ich mich da auf Sinnsuche begeben. Fakt ist allerdings, dass die Sinnsuche, zumal in Zeiten des allgemeinen Zerbröselns von gesellschaftlichem Rest-Kitt, ein flächendeckendes und ausuferndes Bedürfnis ist. Gefühlt jedes zweite Buch ist ein Lebenshilfe-Ratgeber, religiöser Aberglaube (eigentlich eine Tautologie), Esoterik, Psychopharmaka Verbrauch, anschwellende Verschwörungstheorien, all das sind Indizien für eine riesige Sprechblase über diesem globalen Comic: „Wo ist der Sinn?“
Ich gebe im nächsten Blog-Eintrag die Antwort darauf. Begnüge mich vorderhand aber mit der deprimierenden Erkenntnis, dass selbst der Vormarsch faschistoider Tendenzen in unserer Gesellschaft mit dem tief empfundenen Bedürfnis nach Sinn zu tun hat. Das sind nicht nur ökonomische Ursachen, wie der böse Neoliberalismus, der das befeuert. Der Hass, der Rassisten und Antisemiten antreibt, gibt ihrer trostlosen Existenz endlich Sinn. Ich hasse, also bin ich. Auch wenn Hass verzehrend und destruktiv ist, macht er doch lebendig. Er fühlt sich an. Man sagt ja nicht umsonst: lodernder Hass. Warum ist das von Interesse? Aus zwei Gründen:
1. Ist das mit eine Ursache dafür, warum die Strategie „Aufklärung“, Argumente, Appell an Vernunft und Interesse, hier versagt; Hass, das Ressentiment schlechthin, gründet viel tiefer als Vernunft und ist mit jener nicht aufzubohren.
2. Muss ich mich unter anderem auf eine Podiumsdiskussion mit dem hiesigen Bauminister Olaf Lies vorbereiten, , der nächste Politik Talk „Rente muss zum Leben reichen“ will präpariert sein, unser jährlicher Fachtag steht vor der Tür, (Anmelden! Ruck zuck!), gejagt von der Mitgliederversammlung etc. pp. … ehrlich gesagt, habe ich soviel zu tun, dass es sich überhaupt nicht lohnt, damit anzufangen, also schreibe ich hier, munter vor mich prokrastinierend, diesen Blog voll und…

… schaue mir sehnsuchtsvoll Mandelbaumplantagen meines letzten Urlaubs an, und frage mich: Wozu tue ich mir das Ganze überhaupt noch an?
Ha! Da ist sie, die Sinnfrage!
Guten Start in die Woche, liebe Leserinnen, und drücken Sie mir die Daumen, dass ich da heile rauskomme.

02.11.2018 – Hackfresse und Warze oder Pickel


Hackfresse, Ekel erweckend. Gesehen in der City einer x-beliebigen Stadt.
Friedrich Nietzsche über Schönheit: „Die edelste Art der Schönheit ist die, welche nicht auf einmal hinreißt, welche nicht stürmische und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel), sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich fortträgt und die Einem im Traum einmal wiederbegegnet, endlich aber, nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserm Herzen gelegen, von uns ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Tränen, unser Herz mit Sehnsucht füllt.“ (Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. 1878)
Der Mann hat ja so recht. Ich liebe das Prinzip Stadt, Stadtluft macht frei, und der Duft der Metropolen ist der süßeste von allen. Auf dem Land würde ich bei lebendigem Leib vor mich hin kompostieren und in einer Kleinstadt würde ich mir jeden Morgen einen Nagel in den Kopf hämmern, um zu merken, ob ich noch lebe. Aber Innenstädte sind im Normalfall der Vorhof zur Hölle. Eine Orgie gleichgeschalteten, geschmacksfreien Prollkonsums, mit Bildern und Impressionen, die alles an und in mir beleidigen, so schnell kann ich gar nicht Pillen und Drogen einwerfen, um von dem Horrortrip runterzukommen, wenn ich mal durch die „City“ muss. Kein Wunder, dass der Zombieklassiker schlechthin „Dawn oft he Dead“ von George Romero in einem Einkaufszentrum spielt.
Es geht mir um das Prinzip Stadt, um Orte von Kultur, Zivilisation, um Räume, die Impulse und Veränderungen produzieren, um diese kleinen magischen Momente, in denen man merkt: Hurra, ich lebe noch. Und heiter und beschwingt seines Weges zieht.
Bis man an irgendeinem Bildschirm mit ntv-News den Sauerland Rocker Friedrich Merz erblicken muss, der Mediendarling im Moment.
Dass dieser Politzombie aus der Gruft der Mafiabande von Blackrock wieder das Licht der Öffentlichkeit erblickt und dabei nicht sofort zu Staub zerfällt, beschreibt den Zustand unseres Gemein- und dieser Name ist sowas von berechtigt -Wesens bestens
Der Sauerland Rocker, der mit seiner Mofa einmal über die Feldwege seiner trostlosen Heimat geöttelt ist, dabei gegen eine wehrlose Mülltonne getreten hat und versucht hat, das als Easy-Rider-Legende zu stilisieren, dabei kläglich scheiternd sich erbärmlich blamierte, sowas soll mich mal regieren? Schlimmer nur als der unsoziale Nach-Merz (Witz für Schwerintellektuelle) ist nur der asoziale Jens Spahn. Die Niedertracht muss man erstmal besitzen, als Angehöriger einer immer noch diskriminierten Minderheit – outen Sie sich mal in Niederbayern als Schwuler – erbarmungslos auf andere Minderheiten einzuprügeln, seien es Arbeitslose oder Flüchtlinge. Solche Figuren wie Spahn jagen mir neben Ekel auch Angst ein. Sie sind zu allem fähig, wo Merz nur kühl kalkulierender, machtgeiler Opportunist ist. Ich hatte Jens Spahn mal zu einem Praktikum eingeladen, worüber flächendeckend die Weltpresse berichtete. Natürlich hat er abgesagt. Aber in Vorbereitung einer Zusage, was sicher von Medien begleitet worden wäre, hatte ich mir in Rot und Punkt 24 auf meine To-Do Liste geschrieben: „Reiss! Dich! Zusammen!“ Wäre ich da ehrlich geworden … oje.
Merz oder Spahn, Warze oder Pickel. Oh, Angela, ich vermisse Dich jetzt schon. Liebe Gemeinde, wir erheben uns von unseren Plätzen und singen für unsere Bundeskanzlerin präfaktisch gemeinsam mit den Equals: Baby, come back….
Zu Frau Dr. Merkel siehe auch oben, Nietzsche über Schönheit.

31.10.2018 – Feiertag


Un giornata particolare. Dieter Fröhlich. Gesehen in der Herbstausstellung des Kunstverein Hannover. Inspiriert vom gleichnamigen Film von Ettore Scola.
Heute ist erstmalig offizieller Feiertag in Niedersachsen, Reformationsfeiertag. Abgesehen von der berechtigten Irritation der hiesigen jüdischen Gemeinde über die damit verbundene Nobilitierung des notorischen Antisemiten Martin Luther blicke ich an solchen Feiertagen mitunter mit einer gewissen Wehmut auf frühere Facetten meines Erwerbslebens zurück.
Der Arbeitsmarkt besteht grob aus vier Bereichen: dem geringer werdenden Normalarbeitsverhältnis, dem wachsenden prekären Sektor, der Arbeitslosigkeit und der Selbstständigkeit. Ich kenne alle Bereiche aus eigener Erfahrung, mit jeweiligen Vor- und Nachteilen. An Tagen wie diesen denke ich an meine Zeit in „Normalarbeitsverhältnissen“, was für eine Labsal fürs Gemüt waren Feiertage! Selbst wenn er noch Tage bevorstand versetzte er die normale Normalarbeitnehmerin normalerweise in deutliche Begeisterung und mitunter hektische Planungsbetriebsamkeit. Könnte sich da nicht ein geschmeidiger Kurzurlaub rausschneiden lassen? In Verbindung mit einem sogenannten Wochenende, bei dem man am Erwerbsfreitagmorgen schon zu euphorischer Laune auflief, um am Sonntagnachmittag in umso tiefere Depressionen zu versinken angesichts des bevorstehenden Montags, was sich aber mit einem geschmeidigen Feiertag am Dienstag mittels Kurzurlaubsmontag vermeiden ließ! Oder die allfälligen Weihnachtsfeiern mit der Abteilung, natürlich übel geschmäht, aber doch mit einer gewissen Restrührung und dazugehörigem Alkohol gerne absolviert. Oder das Feierabendbier mit Kollegen, mit Menschen, mit denen man unter normalen Umständen nur Duellpistolen austauschen würde, aber unter dem Diktat und der Fron des kapitalistischen Erwerbsverhältnisses durchaus mal eine „ Gerstensaftkaltschale verklappte“ (Bürohumor!) und nach dem 16. Bier Duzbrüderschaft besoff, was sich leider nie wieder wechtreten ließ. All das und noch viel mehr vermisse ich an solchen Tagen wie diesen, ohne auch nur für einen Tag jemals wieder in ein Normalarbeitsverhältnis zurückkehren zu wollen. Da sei die allmächtige Göttinseibeiuns vor. Aber wenn ich an Tagen wie diesen am frühen Vormittag mit den neuesten Armutszahlen vom Statistischen Bundesamt belästigt werde und sofort in hektische Pressebetriebsamkeit verfalle, dann, ja dann wünschte ich mir, ich wäre nochmal kleiner technischer Angestellter in einer Maschinenbauanstalt.

Was tröstet ist immer die Kunst, Detail aus Un giornata particolare

30.10.2018 – Bald ist Weltmännertag


Aber vorher für alle Spontaneitätsfähige und Kurzentschlossene dieser Terminhinweis für Heute Abend im FZH Linden um 19 Uhr. Eine nicht unwesentliche Frage für Strategien der Gegenwehr, ob eine Partei noch „nur“ rechtspopulistisch ist oder schon faschistisch. Außerdem wird die Veranstaltung von einem Kumpel organisiert, der Unterstützung verdient. Feiner Kerl. Wir sehen uns nachher, liebe Leserinnen, ich geb‘ einen aus.
Apropos Kerl, am 3.11 ist Weltmännertag und am 19.11 Internationaler Weltmännertag. Als ob der November nicht schon trübe genug ist, auch noch sowas, eben vermeldet vom Statistischen Bundesamt, dessen Pressemitteilungen zuverlässig jeden Werktag um 8 Uhr über meinen Ticker laufen. Heute: Schienenverkehr 2017 – Mit 401 Millionen Tonnen transportierten Gütern neuer Höchstwert. Und: September 2018 – Erstmals mehr als 45 Millionen Erwerbstätige. Sowie als Krönung all dieser wunderbaren Zahlen aus der Welt der Fakten, die unser Leben so planbar und kalkulierbar machen:
„Zum Weltmännertag – 62 % der erwachsenen Männer sind übergewichtig.“
Getoppt wird meine Zuneigung zum Statistischen Bundesamt nur noch durch die zum Niedersächsischen Landesamt für Statistik, mit dem mich eine erquickliche Zusammenarbeit verbindet und ohne das ich Zahlenmäßig mit der Stange in der Nebel stochern würde. Was Göttin verhüten möge.
Also dieses Weltmännergedöns hat ja einen positiven Hintergrund und ist keineswegs ein Kampftag all jener armseligen Wichte, die genug vom Genderwahn und Gleichberechtigung haben und es den Weibern mal wieder so richtig zeigen wollen, wo der Hammer hängt – wenn er denn einer wäre. An diesem Tag ist nichts AfD-kompatibles. Es geht dabei um Achtsamkeit, Rücksicht, dieses ganze Diversity-Blablabla halt, bei dem letztlich jede und jeder einer beachtenswerten und achtenswerten Minderheit angehört, jedes Symptom wichtig ist und jede und jeder wertgeschätzt wird. Es geht bei Diversity als Fortschreibung von Gendermainstreaming immer nur um die Bekämpfung von Benachteiligung und das Ausbügeln individueller Schwächen – und es geht um jeden Menge Förderkohle.
Es geht nie um Kapitalismus. Es geht nie um strukturelle Macht und Unterdrückung und kollektive Gegenwehr. Ein schwuler Nazi wie Ernst Röhm wäre in der Diversity Betrachtung vermutlich ähnlich „wertgeschätzt“ – mein derzeitiges Hasskappenwort Nr. 1 – wie eine behinderte, illegale, ausgebeutete schwarze Haushaltshilfe in einem alternativen Mittelschichtshaushalt.
Also von mir aus gehören diese albernen Heldengedenktage für Jammerlappen auf den Biokompost. Die Meldung allerdings, dass 62 % der erwachsenen Männer übergewichtig sind, hat mein Herz erfreut. Als beinharter Anhänger des Wettbewerbs und von Leistung bin ich mit einem Body-Mass-Index von 25 großen Teilen der Konkurrenz weit voraus. Von daher: Weiter jammern, ihr Waschlappen. Ich mach jetzt 68 Sit-Ups.

28.10.2018 – Sports are not allowed.


Eine schöne Botschaft im Zeitalter der hysterisierenden Selbstoptimierung zwecks Erhalt der Reproduktionsfähigkeit im Dienst des Kapitals und der Erlangung eines ewigen Lebens. Man fragt sich nur, wofür. Dem Erhalt der Würde dient es bestimmt nicht, wenn alte Säcke mit grellbunten Stirnbändern, Edellaufschuhen in Farben, die einen Kanarienvogel noch erblinden lassen und mit einer Batterie von Funktionsmessgeräten an Armen, Beinen und Schwanz durch die Gegend torkeln, sich selbst glauben machend, das sei cool. Da seien ihre Kilometerlangen Krampfadern vor und die riesige Leuchtschrift über ihrem Kopf: ICH! BIN! PEINLICH! (Ähnliches gilt, wenn auch nicht in dem Ausmaß, für Weibsleut.)
Ich habe an die Sonne meines Alters, Licht meiner trüben Augen, an meine Neffen in meinem ganzen Leben nur einen ernsthaften Wunsch geäußert: Sollte ich erste Anzeichen von Peinlichkeit zeigen, sei es in Rede, Aussehen oder Verhalten, besessen vom Wahn, das Alter zöge spurenfrei an mir vorbei, so sollen sie mich ohne Zögern auf einem nahegelegenen Biocomposter entsorgen. So wahr ich 48 bin.
Die Antwort: „Yo, Digga.“ Es besteht also Hoffnung.
Ich habe ja nichts gegen das Laufen. Aber doch nicht in der Öffentlichkeit. Diese ist für edlere Zwecke. Öffentlichkeit ist eine zentrale Errungenschaft der Aufklärung. Das Austragen von Konflikten in einer bürgerlichen Öffentlichkeit, der Kampf um die res publica, die öffentliche Sache, auf der Agora war der Fortschrittsmotor der letzten 250 Jahre schlechthin. Das schließt Revolution und das schließt die Abschaffung ihrer, nämlich der bürgerlichen Öffentlichkeit, selbst mit ein.
Auf dem Weg dahin befinden wir uns, jenseits von Wahl-Ergebnissen, wie heute in Hessen. Wir befinden uns noch in einer sozialdemokratisch geprägten Republik. Nicht, was die Partei, sondern was Arbeits-, Sprach- und Verhaltensweisen im öffentlichen Sektor angeht, der nach wie vor zentral und mitbestimmend für unser gesellschaftliches Leben ist. Die Führungspositionen dort werden an Parteivertreter*innen verteilt, in Parteien sowieso, aber auch in Verbänden wie Diakonie und Caritas, die größten Arbeitgeber in Deutschland, bei NGOs, in der Verwaltung, Justiz, halbstaatlichen Unternehmen wie Energieversorger, etc. pp. , all das ist fest in der Hand von SPD, CDU sowie paar Grüne und FDP. Dieses Karriereversprechen unter bestimmten (Partei-)Bedingungen prägt ein gesellschaftliches Bewusstsein, bis hin zur Sprache, wie: „.. bieten wir unsere konstruktive Bereitschaft an, im Dialog das Problem zu lösen…“ Oder so ähnlich wird in diesem öffentlichen Raum verhandelt. Wenn dieses Konstrukt verschwindet, auch weil die Volksparteien verschwinden und z. B. Karriere auf AfD Ticket gemacht werden kann, dann gute Nacht, Marie. Dann verroht dieser bisher notdürftig konsensual geprägte Sektor als eine der letzten Bastionen gegen die Ent-Zivilisierung. Dann drohen uns amerikanische Verhältnisse, Massaker inklusive. Und beim Ami ist das Ende der Fahnenstange ja noch lange nicht erreicht. Deshalb sind solche Wahlen wie die heute nicht unwichtig als Signal.
Ich geh jetzt ne Runde laufen. Im Keller.

27.10.2018 – Hessenwahl oder: Was brauche ich zum Leben?


Mein letztes Hotel-WC. Früher beim Reisen habe ich auf Bahnhöfen gepennt, Parkplätzen, in 10 Zentimeter hohen, jedenfalls in meiner Erinnerung, Zelten. Mittlerweile schätze ich durchaus ein Mindestmaß an zivilisatorischen Standards. Allerdings stellte sich mir beim Anblick von angefaltetem Toilettenpapier und Telefon in meinem letzten Hotel-WC doch die Frage: Was brauche ich eigentlich im Urlaub? So etwas setzt, wenn auch nicht sofort und nicht immer, eine Gedankenkaskade in Gang: Brauche ich überhaupt Urlaub? Wenn ja, am Meer? Mit Flugreisen? Was meinen ökologisch eigentlich sehr ordentlichen Fußabdruck sofort ins Inakzeptable vergrößert. Zerstöre ich mit meinen Urlaubsreisen örtliche Strukturen oder schaffe ich Arbeitsplätze, wenn ja welche, und wo bleibt meine Kohle letztendlich? In der Region?
Wenn ich am Strand liege, lese ich nicht, mit dem Blick in Bücher verstellt man mitunter massiv den Blick in die Wirklichkeit, außerdem ist mir das schlicht zu anstrengend. Ich glotz aufs Wasser und denke. Manchmal. Aber wenn ich in so einer Gedankenkette wie der hier Geschilderten bin, lande ich schon mal am Ende bei den grundsätzlichen Fragen: Was brauche ich überhaupt zum Leben und was will ich noch vom Leben? Bei angefaltetem Toilettenpapier fällt die Antwort leicht. Aber komme ich bei Flugreisen nicht in ein ethisches Dilemma?
Der Vater der Aufklärung (wer war eigentlich die Mutter und was um Marx‘ Willen ist bloß aus den Kindern geworden?) Immanuel Kant hat vier Grundfragen formuliert:
„Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“
Das mit dem „Hoffen“ kann man getrost in die Tonne kloppen, das ist Religionsphilosophie und somit Gedöns; ich hoffe auf einen milden Winter, und Ende im Hoffnungsgelände. Die Frage „Was ist der Mensch“ würde heute, weniger anthropozentrisch, formuliert werden: „Was ist Leben?“ Aber mit dem Rest liegt Meister Kant, obwohl schon tot, nicht ganz daneben. Das ethisch grundierte „Was soll ich tun?“ ist z. B. die letzte Frage hinter der nach den eigenen Bedürfnissen des „Was brauche ich eigentlich zum Leben?“
Vom Scheißhaus zu Immanuel Kant – Reisen bildet, ganz eindeutig.
Wir wollen das „Was soll ich hoffen?“ nicht ganz außer Acht lassen, denn es gibt auch in säkularen Räumen noch quasireligiös Waberndes. In der Politik zum Beispiel, wo Parteitage als messianische Hochämter inszeniert werden, obwohl für die Volksparteien mittlerweile das
Totenglöckchen so läutet wie die “Hells Bells“ von AC/DC. Was also soll ich, um in dieser Sphäre zu bleiben, bei der Hessenwahl hoffen?
Ein einigermaßen undesaströses Ergebnis für die SPD, irgendwas über 20 Prozent. Wer außer der SPD soll sonst die „kleinen Leute“ binden, die jetzt in Scharen den Rattenfängern der AfD hinterherlaufen? Die „Linke“ tut es jedenfalls aus diversen Gründen nicht…
In was für Zeiten leben wir, wenn ich nochmal irgendwas für die SPD hoffe?!
Je älter ich werde, desto spannender finde ich Veränderungen. Aber manchmal könnt’s ruhig etwas commoder sein.
In dem Sinne schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bis Sonntag 18 Uhr.

23.10.2018 – Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.


Schon nicht mehr wahr, obwohl nur ein paar Tage her. Die Erinnerung an Sonne, Sand und 24 Grad warmes Wasser wärmt mir nicht mehr das Gemüt, von den Knochen ganz zu schweigen. Im Gegenteil, die Bilder als Erinnerungssurrogat wecken vor dem Hintergrund von Regen, Sturm und Temperaturen unter 10 Grad vor meinem Fenster umstandslos Reisesehnsucht. Der größte Unterschied zwischen Meer und hier ist für mich das Licht, diese unterschiedlichen Nuancen am Meer, von leicht verschwommen, diesig bis hin zu gleißender, blendender Strahlkraft. Und die Stille beim Radln oder Wandern im Hinterland. Ich wohne an der hässlichsten, dreckigsten und lautesten Straße Hannovers, hab mich dran gewöhnt, ich arbeite sogar bei gekipptem Fenster zur Straße hin, was bei ca. 25.000 Autos Durchfluss pro Tag eine gewisse Konzentrationsleistung darstellt, zumal ich tatsächlich ab und an bei der Arbeit denken muss.
Aber gesundheitsfördernd ist das nicht. Trotzdem war ich neulich stolz auf meine Straße. Mit gewissem Bangen harrte ich der Veröffentlichung jener Straßen, die wegen diesem Umweltgedöns für Diesel gesperrt werden sollen. Ich halte diese ganzen halbherzigen Maßnahmen für regelrecht albern, Brot und Diesel fürs Grün-Volk halt; wenn man sich diesen SUV-fahrenden Mob anguckt, weiß man, dass hier jeder Appell an Vernunft gegen Blech läuft. Aber wenn schon, denn schon, dann will ich mit meiner Straße wenigstens so betroffen sein, dass wir gesperrt werden. Und chakka: meine Straße gehört zu den acht in Hannover, die gesperrt werden sollen. Da kommt schon ein bisschen Lokalpatriotismus in mir hoch, Identifikation mit der Homebase. Ich hab mir gleich ein T-Shirt machen lassen: „Diesel 2019 – ich bin gesperrt!“
Trotz allem würde ich für (fast) alles Geld der Welt hier nicht wegziehen, auch nicht in die entzückende Fliederstraße im hiesigen Univiertel.

Fliederstraße. Kaum bin ich mal einen Tag in Hannover, schon muss ich mir die Hasskappe aufsetzen. 300 Euro Mieterhöhung sind beileibe kein Einzelfall. Modernisierungskosten dürfen mit bis zu elf Prozent auf die Jahresmiete der Mieterinnen umgelegt werden. Balkon hinten dran, Fahrstuhl in Flur, von energetischem Sanierungsgedöns zu schweigen, ruckzuck wird die Miete verdoppelt. 25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor zu Löhnen von weniger als 10 Euro. Netto bleiben da bei einer Alleinstehenden in Steuerklasse 1 bei Vollzeitarbeit für 10 Euro/Stunde ca. 1.150 Euro übrig. Da liegt allein die Erhöhung der Miete um 300 Euro in der Fliederstraße schon nahe der allgemein als zumutbar geltenden Kaltmiet-Obergrenze von 30 Prozent des Nettoeinkommens. Und da wundert sich die Demokratie, wenn ihr das Fußvolk von der Fahne geht.
Ich für meinen Teil schließe jetzt mein Fenster, weil ich arbeiten muss. Aber vorher check ich noch im Internet günstige Reiseziele im Süden. Nicht für sofort, bald reicht auch noch.