17.02.2020 – Handsigniert, nummeriert, limitiert. Mit garantiertem Jahrgangsstempel zum Subskriptionspreis


Prinzip Rumtopf, hier mit Tullamore Dew Whiskey, 43 %.
Klassische hiesige Früchtemischung, von Kirsche bis Pflaume, inklusive Mango und Ananas, im Wechsel der Jahreszeiten. Letzter Ansatz November 2019. Anbruch 1. Mai 2020, zur Feier des revolutionären Kampftages der Arbeiterinnen- und Trinkerklasse. Im von mir entwickelten „Rumtopf-Kolben“, (siehe auch Erlenmeyer Kolben), einem Laborgerät zur Qualitätssicherung von Früchten in Alkohol. Einfach Alkohol auf Früchte gießen kann jede. Aber eine excellente Qualität lässt sich nur in jahrelangen vergleichenden Versuchsreihen erzielen, streng nach wissenschaftlichen Kriterien. Da auf dem Sektor Rumtopf wissenschaftliche Standards völlig fehlen, bin ich darauf angewiesen, in mühevollen Selbstversuchen (siehe auch erster Herzkatheder am eigenen Körper durch Forßmann) Messmethoden und Geräte zu entwickeln, die diesem beklagenswerten Mangel Abhilfe schaffen. Diesen Mangel kann ich mir nur dadurch erklären, dass der gemeine Rumtopf als solcher vollkommen nichtexistent ist auf dem Wahrnehmungsschirm der Connaisseure und Dandys dieser Welt. Die Herkunft des Rumtopfs ist ungewiss, er wird mit der unseriösen Existenz des 50/60er Jahre TV-Koch Clemens Wilmenrod assoziiert. Das riecht nach Hawaii-Toast, Mettigel und Konrad Adenauer. Insofern ist der Rumtopf mit massenhaftem Vergnügen niederer Stände in geschmacklosen Zeiten konnotiert und völlig unter den Tisch jedes Sterne-Restaurants gefallen. Oder haben Sie, liebe Leserinnen, jemals auf der Dessertkarte eines gehobenen Etablissements sowas gelesen wie: Pot au Rhum an achterlei Früchten, angerichtet an Santiago de Cuba Rum?
Lobpreisungen auf einen Taylor Port Vintage Port 2003 oder einen Puligny Montrachet kann jede verfassen, die mit einem goldenen Löffelchen in der Gourmet-Schnute groß geworden ist. Wer aber fasst das Loblied eines Rumtopfes, dieser wundervoll fruchtig-aromatischen Komposition, in ziselierte Jamben und Trochäen?
Muss ich wieder ran, als alternder Avantgardist.
Ich habe immer drei unterschiedliche Töpfe in Arbeit, je 5 Liter Volumen, einen frisch angesetzten, einen in der Reifung und einen im Anbruch, sowie zahlreiche Rumtopf-Kolben mit unterschiedlichsten Alkoholika und Fruchtzusammensetzungen. Beispiel und absolut nicht zu empfehlen: Doppelkorn, 38 %, mit Äpfeln und Birnen an Kandis. Ein schönes Beispiel dafür, dass nicht überall, wo „Regionales Erzeugnis“ draufsteht, auch kulinarisches Entzücken drin ist.
2030 wird mein Standardwerk zur Qualitätssicherung im Rumtopf erscheinen. Das wird mein Durchbruch. Sichern Sie sich bereits jetzt vom Meister (= mir) handsignierte, nummerierte, limitierte Rumtöpfe mit garantiertem Jahrgangsstempel zum Subskriptionspreis.
Und lassen Sie sich nicht dadurch irritieren, dass der Rumtopf-Kolben entfernt der Urin-Ente ähnelt. Gerade in der Wissenschaft gilt: Form follows function!

13.02.2020 – Die Kunst findet nicht im Saal statt


Die Kunst findet nicht im Saal statt. Armut erst recht nicht und schon gar nicht im Sitzungszimmer.
Manchmal aber doch, zumindest Diskussionen zu ihrer Bekämpfung. Wobei Armutsbekämpfung an den doppelten Sisyphos erinnert. Kaum hat man den einen Stein den Berg hochgerollt, rollen zwei andere ihn wieder runter. Der Stein auf dem Berg ist in diesem Bild eine Landeswohnungsbaugesellschaft, die in den nächsten Jahren zehntausende Wohnungen im mittleren und unteren Preissegment bauen soll, nichtprofitorientiert. Die Landesarmutskonferenz fordert das seit Jahren und die SPD hat das nach langem Widerstand endlich in ihr Programm zur Landtagswahl aufgenommen.
Endlich mal Licht am Tunnel, dachte ich.
Aber ach, schon purzelten die Erinnerungen an die Diskussion über teurere Lebensmittel, wachsende Energiekosten, Armut durch Pflegekosten durch mein Hirn, und damit diverse Steine den sisyphitischen Berg wieder runter. Die Erinnerungen endeten nicht beim Betrug bei Mindestlöhnen, wo Millionen von Menschen sogar um die paar kargen Cents beschissen werden, die ihnen gesetzlich mehr zugestanden wurden. Eine unglaubliche Verrohung, aber das ist ja nichts Neues an der Kapitalistenfront.
Derart gemütsgebeutelt wollte ich mir ein paar schöne Stunden machen und ging gestern ins Kino. Das war von allen dümmsten Entscheidungen der letzten Tage die allerdämlichste. Nach dem neuen Film von Ken Loach „Sorry we missed you“ war ich derartig frustriert und deprimiert, dass ich gleich eine Handvoll rosa Pillen gebraucht hätte, um mich mental auf Normalniveau zu bringen. Details über den Film kann die geneigte Leserin hier nachlesen, es geht um die Verwüstungen, die der Neoliberalismus an der Gesellschaft und in den Individuen anrichtet. Der Film hatte kein Hollywoodesken Kameraschwenks, Zooms und Schnitte, mit den neuesten Hits als Filmmusik, nötig, um in mir ein Maximum an Emotionen, und damit den Idealfall von Kunst, zu erzeugen. Gerade der sparsame, quasidokumentarische Einsatz filmischer Mittel im Sinne eines kritischen Realismus erzeugte derartig viel Wut und Trauer in mir, dass ich noch vor Abspannende raus musste, ins Freie, mehr Luft. Unterwegs stellte ich irritiert eine gewisse Erschöpfung fest. Die frische Luft des Sturmes hatte die Emotionen eigentlich weggepustet und soo überarbeitet bin ich eher nicht, dass mich eine zweistündige Sitzung an den Rand eines Burnout bringt.
Vermutlich war sie das Ergebnis der Message von Loach. Da war im Gegensatz zu früheren Filmen von ihm nichts tröstliches mehr, keine Hoffnung auf Solidarität im Kollektiv oder zumindest schlitzohrige Konterstrategien des Prekariats gegen die Überwältigung durch den Kapitalismus wie in „Angels‘ Share“ .
Das war so ungefähr das Letzte, was ich brauchte, eine Bestätigung meiner eigenen dystopischen Weltsicht durch einen realistischen Filmemacher.
Armut – das ist doch keine Kunst? Von wegen. Im Fall Ken Loach sogar hohe Kunst.
Und der Abend endete doch noch tröstlich. Es gab zum xten Mal alte Folgen (mit dem durchgeknallten Drogenbold Charlie Sheen) im TV der Sitcom „Two and a half men“. Da flossen bei mir doch noch Tränen. Lachtränen. Und das, obwohl ich die Dialoge mitsingen kann, so oft hab ich die Folgen schon gesehen.
Auch das ist Kunst.

12.02.2020 – Ich bin Millionär


Autofahren kostet einen Otto Normalverschrotter durchschnittlich 330.000 Euro im Leben, wenn er Pech hat, kostet es ihn sogar das Leben. Ich fahre kein Auto. Also 330.000 Euro gespart. Ich zahle keine Miete. Sind nochmal ca. 310.000 Euro. Ich hab keine Kinder. Pro Kind bis zum Abschluss eines Studiums weitere 230.000 Euro Ersparnis. Bei 1,59 Kindern (BRD-Durchschnitt) sind das 365.700 Euro.
Macht zusammen 1.005.700 Euro, die ich gespart habe. Endlich Millionär. Jetzt muss ich nur noch das Loch in meinem Konto finden und dann wird aber sowas von geprasst…
Der Auslöser für eine derart erfreuliche Rechnung war der Anblick von Alice „leider nicht im Wonderland“ Weidel neulich im TV, beim Zappen durch irgendeinen Talk Blabla. Ihre ziemlich kranke Gesichtsmischung aus versuchter und miserabel gespielter Blasiertheit zu den Einlassungen Anderer und dem unverhohlen an der Gesichtsfront brodelndem Hass ließ mich verweilen für ein paar Augenblicke, und sinnieren über die psychischen Abgründe in der Politik, insbesondere die psychische Grundierung von politischen Einstellungen. Oder grundsätzlich: Was ist die Basis für Einstellungen und Meinungen?
Nach meiner Meinung werden (partei-) politische Einstellungen zu einem unterschätzten Ausmaß von Charakterausprägungen, mentaler Disposition und Neurosen bestimmt.
Alice Weidel ist als Lesbe Führungsmitglied einer faschistischen Partei, in deren Struktur der Hass auf alle Minderheiten eingeschrieben ist. Das auszuhalten, erfordert eine enorme Verdrängungsleistung und das sowas an anderen Stellen emotionale Kosten hat, immer öfter immer massiver irgendwo durchbricht aus dem Blubbern des Unterbewussten, schlimmstenfalls an der Gesichtsfront, ist offensichtlich. Weidel wird ahnen, dass sie sich der oberflächlichen Akzeptanz – nicht: Toleranz! – ihrer Gang nicht dauerhaft sicher sein kann. Im Konfliktfall wird ihr „Anderssein“ ein Thema, hinter ihrem Rücken, und dann Gnade ihr Göttin. Die Original-Nazis haben mit dem schwulen SA-Führer Röhm kurzen Prozess gemacht, als er anfing zu nerven, und danach war Schluss mit Toleranz gegenüber Schwulen: Rosa Winkel und KZ. Lesben wurden damals nur deshalb nicht flächendeckend verfolgt (es gab keinen lesbischen Komplementär-Paragrafen zum 175er), weil Frauen einfach nicht wichtig genug waren in der Nazi-Wahrnehmung und ihnen kein eigenes Begehren unterstellt wurde. Da fehlte die Projektionsfläche für Männer-Hass. Das sieht heute ganz anders aus. Da sind Lesben durchaus nicht nur Projektionsfläche für Nazimänner-Hass, sondern ganz konkrete Angriffsziele. Wenn Weidel nur einen Funken Humanität ausstrahlen würde, täte sie mir fast leid.
Drolliger sieht es mit der Grundlage für politische Einstellungen aus. Autoritäre, anale Zwangscharaktere, die vor jedem Schutzmann Männchen bauen und zwang(!sic)haft dem Ordnungs- und Sauberkeitswahn frönen, sind klassische Beute für rechte Parteien, auch anfällig für linke Dogmatik. Wer Flugangst hat, ist natürlich für radikale Einschränkungen beim Fliegen: grüne Beute. Wer unter Modernisierungsbedrohung leidet (fragen Sie mal in der Klapsmühle nach, wie viele Leute da sind, die diesem Druck nicht mehr standhalten), wird eher CDU und AfD-Beute.
Autos haben mich schon immer mit Angst und Schrecken erfüllt. Ich hab keins, siehe oben. Daher bin ich radikal für autofreie Innenstädte.
Wir sehen: Auf Befindlichkeiten, Ängste werden passende (politische) Einstellungen draufgesattelt und danach mit Argumenten legitimiert.
Kein Wunder, dass Logik, Verstand, Ratio, Aufklärung im derzeitigen Diskurs untergehen.
Wir suchen uns unsere Argumente nach unseren Neurosen. Wie sieht’s bei Ihnen damit aus, liebe Leserinnen? Viel Spaß bei der Reise nach innen.

10.02.2020 – Thüringer Rostbratwurst


Nach dem Unwetter kaum vorstellbar, dass das zu sonnigeren Zeiten ein lauschiges Plätzchen zum Grillen ist. Die Zeit des Grills kommt aber wieder und dann wird sicher auch die eine oder andere senfbetupfte Bratwurst das Ziel ihrer Bestimmung erreichen. Thüringer Rostbratwürste sind die schlechtesten nicht, würzig und schön braun, dazu einen Maiskolben in Butter, etwas Kartoffelsalat und einen kräftigen Weissburgunder Winzersekt – es muss nicht immer ein Drei Sterne Restaurant sein, um kulinarisch glücklich zu werden. Zwei Sterne reichen auch. Der Grillmaster muss nur aufpassen, dass die Wurst nicht schwarz wird.
In Thüringen ticken die Wurst-Uhren anders. Jede Menge Politik-Wurste, die sich zum Hans-Wurst machen, ersatzweise zur Grete-Tofu. In Thüringen ist ein Wurstbürgerliches Trauerspiel zu beobachten: die Wurst wird hier nicht erst braun und dann schwarz, die Bürger-Wurst wechselt von schwarz zu braun. Das Bürgertum, mittlerweile Lichtjahre entfernt von Lessings nobler Zuschreibung des edlen Charakters und der sittlichen Reife, entfaltet immer mehr seinen rohen, antidemokratischen Kern. Jede Klasse teilt sich in Fraktionen und im Bürgertum gibt es durchaus moralisch Denkende und Handelnde, Engagierte, die den derzeitigen Zustand der Gesellschaft nicht als das letzte Wort der Geschichte betrachten. Doch ihrer werden weniger und ihre Kräfte schwächer. Die Masken der Biedermänner und – frauen fallen und unverhüllt betritt Kamerad Brandstifter die Bühne. Lemuren wie der Kümmerling Kemmerich oder der Mohr, der demnächst seine Schuldigkeit getan haben wird, Mohring stehen nackt und ertappt da, als das, was sie sind: Gewissenlose Undemokraten. Sie sind das Produkt einer jahrzehntelangen Erziehungsgeschichte, die die zwei Mantren des Neoliberalismus „1. Alles muss sich rechnen. 2. Was nutzt es mir?“ bis in jede Zelle und Gehirnwindung der Individuen gepresst hat. Rest-Gefühle für Anstand, Demokratie, Moral sind zu Asche gebrannt, es herrscht das reine Kalkül. Gottseidank auch schiere Dummheit. Aber wenn die beiden Hanswurste schwarzbraun verbrannt durch den Grill-Rost der Geschichte fallen, rücken sofort vier andere, noch skrupellosere und schlimmstenfalls intelligentere, nach.
Zwei Dinge habe ich in diesem Blog das eine oder andere Mal schon angesprochen (kein Wunder, der ist mittlerweile über 10 Jahre alt, da wurde einiges schon mal verwurstet, und ich neige zur Geschwätzigkeit): Die Dummheit der bürgerlichen Totalitarismustheorie (Nazis = DDR) und die Reichsexekution. Die in den Köpfen des Bürgertums immer noch verbreitete Totalitarismustheorie verhindert zur Zeit noch die Lösung der Thüringer Krise und ist ein schönes Beispiel dafür, wie einem falsche Ideologie vom Theoriekopf auf die Praxisfüße fallen kann und einen ins Stolpern bringt.
Eine Lösung nach meinem Geschmack nicht nur der Thüringer sondern der Ostzonenkrise insgesamt wäre die Reichsexekution, die heute nach Artikel 37 Grundgesetz „Bundeszwang“ heißt: Einmarsch der Bundeswehr in die Ostzone und Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse, also jener Verhältnisse, die allen Menschen, gleich welcher Hautfarbe, ein Leben ohne Angst und Lebensgefahr beschert. Eine Reichsexekution gab es schon mal: 1923, in Thüringen. Natürlich ging es damals gegen links und natürlich waren Sozialdemokraten dafür mitverantwortlich.
Ich muss wieder raus, schauen, ob der Sturm vorüber ist. Entspannten Start in die Woche, liebe Leserinnen, und säubern Sie schon mal Ihren Grill. Irgendwann is wieder Sonne.

09.02.2020 – Ob ich nochmal Staatssekretär werde, wage ich zu bezweifeln.


An einem Sonntagmorgen, irgendwo in Neukölln. Für einen Moment war die Zeit aufgehoben, ich fühlte mich in eine Kindheit versetzt, in der es noch Laufmaschenannahmestellen gab. Für derlei Empfindungen braucht es nicht nur Bilder wie diese, sondern auch eine ganz eigene Stimmung wie leere Straßen, die im Gegensatz zum Gewusel des Alltags stehen, kühle Temperaturen und trübes Licht, ein strahlender Sommermorgen macht eher ein fröhliches Erwarten in die Zukunft, was bringt der Tag an Sonnenwonnen, denn einen melancholischen Blick zurück. Wenn ich dieses Foto nicht gemacht hätte, wäre das ein flüchtiger Moment gewesen, vergessen und verweht. So ist diese Empfindung aufbewahrt. Aufgehoben.
Und damit sind wir mitten in unserer heutigen Vorlesung über Hegels Begriff der Dialektischen Aufhebung und was das Führen eines Internetblogs damit zu tun hat. Also, wat is en Dialektik? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so : Bei der Dialektik wird das Gegenteil von einer Position behauptet und mittels der Synthese beider soll eine höhere Erkenntnis erlangt werden.
Manchmal hilft Kiffen da auch, führt aber meist nur zu höherem Blödsinn. Zuverlässiger sind da morgendliche Geistesblitze, sie sind oft das Resultat vorherigen Bemühens um Erkenntnis. Gleiches funktioniert auch beim Duschen und beim Kacken. Verlass ist da aber nicht drauf. Ich erwähne diese Alltagsphänomene nur, um das Wesen der Hegelschen Dialektik sinnlicher zu machen, denn Sinnlichkeit ist neben Lachen der beste Weg zur Erkenntnis.
Werkzeug der Dialektik ist die Dialektische Aufhebung von Widersprüchen, in einem dreifachen Sinn :
Aufheben im Sinne von Aufbewahren, im Sinne von auf eine höhere Ebene (Stufe) heben und im Sinne von überwinden, beenden (wie: Die Sperrstunde ist aufgehoben.) Die Widersprüche einer Argumentation werden also nicht einfach in die Tonne gekloppt, sondern ihre bedenkenswerten Anteile bleiben erhalten, die falschen Bestandteile werden überwunden und wir erlangen eine höhere Erkenntnis. Im Idealfall jedenfalls.
Was hat das mit dem Führen eines Blogs zu tun und warum ist ein Leben ohne Blog machbar, aber nicht wünschenswert?
Siehe oben, Bild und Empfindung aufheben, die Funktion von Archiv & Dokumentation. Alle Macht den Archivaren, sonst wird die Nachwelt Nichts erfahren!
Im Schreiben des Blogs werden im Idealfall eigene Argumente gegen externe abgewogen und im günstigen Fall verändert man/frau die eigene Sichtweise, Perspektive, und gelangt zu neuer Erkenntnis. Die Funktion von Reflexion. Und wer geht schon gerne unreflektiert ins Bett?
Natürlich gibt es noch andere Funktionen beim Führen eines Blogs: Schreibschulung, Präzision & Logik schärfen, das ästhetische Auge fokussieren, sich für Veränderungen öffnen, aus der Fron der Erwerbsarbeit in das Reich der Zwangfreien Welt flüchten für ein paar Momente, etc. pp (Ich arbeite gerade an einer Theorie des Blogs, dauert noch)
Sollten Sie, liebe Leserinnen, allerdings in irgendeiner Form von irgendjemanden abhängig sein oder noch was irgendwas werden wollen, wägen Sie Ihre Worte in einem Blog wohl. Ob ich z. B. mit meinen prononcierten Sentenzen in diesem Blog nochmal Staatssekretär oder ähnliches werde, wage ich zu bezweifeln.
Auch kein Verlust.

08.02.2020 – Kranke Phantasien


Kaum ist mal 1 (in Worten: ein) Künstlerkollege zu Besuch, schon sieht’s aus, als ob sich Dylan Thomas, Joseph Roth und Charles Baudelaire zu einem Arbeitstreffen verabredet hätten. Alle drei Autoren, jeweils Meister ihres Faches, starben im Alkoholdelirium, keine 50 geworden, beim Schwerstkiffer Baudelaire kam Syphilis dazu.
Der Mythos, dass zum Künstlerleben Sex and Drugs and Alcohol dazu gehören wie die Gauloise zum Frühstück, ja, die Boheme-Existenz überhaupt ein Zustand im Dauertran sei, dürfte in Zeiten des Religionsersatzes „Körperkult & Fitnesswahn“ nachhaltig zerbröselt sein. Heute punkten Kulturproduzenten (für Frauen als Kulturproduzentinnen galten und gelten andere Mythen & Normen im Kulturbetrieb) mit dem Bild eines lässig um den Hals geworfenen Handtuchs, farblich dezent kontrastierend zum verschwitzten Designer T-Shirt, nach einem Halbmarathon, in der Hand irgendein isotonisches Blubberwasser.
Dass Künstler durch solcherlei Sittenwandel auch substantiell professioneller geworden sind, kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Erst unlängst durfte ich wieder im Rahmen eines kleinen Projektes einen beklagenswerten Mangel an Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Struktur erleben. Eigenschaften, die mir Hass und Mordgedanken durchs Gemüt rasen lassen und meine Sichtweise bestätigen:
Künstler sind wie Atomkraft und Krieg – Nein Danke und nie wieder!
Es sei denn, ich lasse mir im Vertragswerk schriftlich volles Sanktionsdurchgriffsrecht bei solch unfassbaren Regelverstößen wie „Fünfminütige Verspätung bei Treffen“ zusichern. Sanktionen wie Nacktes Strafexerzieren um 6 Uhr morgens bei Minusgraden und Ostwind. Oder 24 Stunden kein Alkohol.
Da seien aber kranke Phantasien, höre ich da besorgte Sozialarbeiterinnen und Studienräte aufjaulen?
Nicht meine Phantasien sind krank, die Wirklichkeit ist es. So wird der Drops gelutscht.
Mit diesem Eintrag, liebe Leserinnen, sehen Sie aber eine der zentralen Funktionen vom Führen eines Blogs erfüllt: Er ersetzt die Couch des Therapeuten. Einfach mal sanktionsfrei den Müll der letzten Tage von der Seele reden. Zu den weiteren Funktionen eines Blogs kommen wir demnächst, wir werden uns dazu des Hegelschen Begriffs der „Dialektischen Aufhebung“ bedienen. Es wird spannend, bleiben Sie drin, liebe Leserinnen.
Für Heute enden wir dem Fluch des göttlichen W.C. Fields:
„Welcher Mistkerl hat den Korken von meinem Mittagessen geklaut?“

06.02.2020 –Madeira Jahrgang 1860, 5,02 Euro pro Tag und Thüringer Verhältnisse


Preisliste Madeira Weine, neulich beim Portugiesen. Der Portugiese war normales Restaurant, keineswegs im Nobelsegment angesiedelt, Hauptgerichte um die 15 Euro. Umso erstaunlicher die Weinliste. Für deutsche Normalverdienerinnen ist der Besuch eines Restaurants von dem Preisniveau etwas Normales. Für Menschen mit wenig Geld liegt so etwas außerhalb des Alltags. Hartz-IV-Bezieherinnen stehen für Ernährung pro Tag 5,02 Euro zur Verfügung. Wenn alles gut läuft. Wie so ein Ernährungstag aussehen kann, habe ich hier aufgeschlüsselt: LAK – Hartz IV Tagessatz Ernährung
Für bekennende Weintrinker und Spitzenpolitiker im Ruhe- und Wohlstand wie Gerhard Schröder und Joseph Fischer, ausgestattet mit hohen Belohnungen seitens des Kapitals für erfolgte Hilfeleistung bei der Ausplünderung der niederen Stände, beschönigend Agenda 2010 genannt, ist der Genuss von ähnlichen Qualitäten wie diesen hier abgebildeten Madeiras etwas Normales. Die durch diese und andere Verhältnisse entstehenden Gräben in der Gesellschaft werden nicht nur immer breiter und tiefer, sondern arten in regelrechte Schützengräben aus, meint: es herrscht Klassenkrieg. Das ist das wahre Drama und nicht das Schmierentheater, das gerade in Thüringen aufgeführt wird. Die Thüringer Verhältnisse sind nur der äußere, institutionalisierte Ausdruck eines inneren gesellschaftlichen Zustandes, die Spitze eines Scheissberges sozusagen. Da wurden ein paar Minenhunde losgelassen, um zu testen, wie weit die Gesellschaft, die Medien, die veröffentlichte Meinung sind in der Akzeptanz einer Beteiligung von Faschisten am Regierungsgeschäft. Selbst wenn die Hunde für dieses Mal wieder an die Kette gelegt werden, kräht da in zwei oder so Jahren kein Hahn mehr nach. Oder glaubt jemand im Ernst, die Grünen würden sich mit der heute noch als Steigbügelhalter der Faschisten gescholtenen CDU nicht ins aufgeschüttelte Koalitionsbett in Niedersachsen oder im Bund legen, wenn es denn die Mehrheits-Verhältnisse so hergeben?
Aus Bürgerkindern werden Leute und die Verhältnisse ändern sich nun mal. In Hangover wurde vor dem Krieg mal ein Festival ins Leben gerufen, das als Motto hatte: Bunt statt braun. Ich bin gespannt auf die erste Version: Braun statt bunt.
In dem Sinne, liebe Leserinnen: viel Spaß beim Madeiraeinkauf und Prost.

04.02.2020 – Bin ich denn der einzige Zurechnungsfähige unter lauter Bekloppten?


Felsküste Algarve, mit Grünzeug, im Jänner. Ein überaus entspannender, die Seele streichelnder Anblick, Bronchien befreiende Seeluft, Stille, Menschenleere. Sieht man von einem jungen Pärchen ab, das direkt auf der Felskante stehend ein Selfie macht. Früher hätte ich diese Minderintelligenzler noch gemaßregelt, heute sage ich mir: Lass segeln, besser, soviel Blödheit vermehrt sich erst gar nicht.
Soviel zum Thema Altersmilde.

Später den Salonbolschewistischen Klassenkampfposeur gegeben, vor Plakat der kommunistischen Partei Portugals, die immerhin noch im Parlament vertreten ist. Die Forderung auf dem Plakat nach einer Erhöhung des Mindestlohns auf 850 Euro ist angesichts der Preisniveaus in Portugal, das nicht sehr weit von unserem ist, ebenso einleuchtend wie utopisch. Real beträgt er zurzeit 600 Euro, im Hotelgewerbe an der Algarve werden ca. 700 Euro Durchschnittslohn gezahlt.
Zurück an der hiesigen und diesigen Klassenkampffront mitten im Konflikt um höhere Lebensmittelpreise. Sofort erhebe ich mein machtvolles Organ für einen sozialen Ausgleich bei einer, aus ethischer Sicht völlig nachvollziehbaren, Erhöhung der Preise für Grundnahrungsmittel. Was umgehend bei der Weltpresse Gehör findet.
Das wollte ich ihr auch geraten haben, schließlich ist dieses alternative Gesäftel auch in den Leitartikeln der Bürgerpresse, dass das Tierwohl ja unbedingt sofort eine deutliche Erhöhung der Lebensmittelpreise erfordere und Energie wegen Klima teurer werden müsse und Flugpreise gleich verdoppelt werden sollten, koste es, was es wolle, nur schwer erträglich. Erstens zeugt es von grenzenloser Empathielosigkeit gegenüber Menschen mit wenig Geld, unterhalb einer Bezahlung von A 13, und zweitens von einer grunzdummen politischen Einschätzung der realen Situation in unserer Gesellschaft, jenseits der Stuckverzierten Altbaubuden in Quartieren mit Grünen-Wahlergebnissen über der 50 Prozent Marke.
Bereits jetzt ist die schnell wachsende Bewegung „Fridays gegen Altersarmut“ Nazidurchseucht und wenn es zu einer Erhöhung der Lebensmittelpreise kommt, zusätzlich zu Mietenexplosion in Ballungsräumen, Verteuerung Heizkosten etc. pp. , ohne sozialen Ausgleich, dann wird’s hier richtig volksstürmisch.

Leider druckt die Weltpresse ein Foto von mir, wo ich Schulbubihafter aussehe als Armin Laschet und der Sauerlandrocker Friedrich Merz zusammen. Meine Laune ist sofort im Keller und nach zwei Tagen an der Heimatfront bin ich wieder urlaubsreif. (Für Feinschmeckerinnen der deutschen Sprache: Achten Sie auf den Unterschied in den Überschriften der Süddeutschen “ … teureren Lebensmittel…“ und in der Neuen Presse „…teuren Lebensmittel… Hier das Original: PM Landesarmutskonferenz Teurere Lebensmittel verschärfen Armut)
Nur das Stöbern im Altpapier heitert mich etwas auf, irgendwas marxistisches.

„Frauen kommen mit Macht, und sie sind hier, mitten unter uns.“ Mein Lieblings-Kardinal Marx, aber nur wegen des Namens. Si tacuisses .. Oder wärst Du wenigstens Trappisten-Mönch geworden, Marxchen, die müssen den ganzen Tag die Klappe halten. Aber nein, Du musst Deinem Unterbewusstsein freie Bahn lassen. Also Marx, das mit dem „mitten unter uns“ waren Vampire, Zombies und Werwölfe, vor denen Du sicher genauso viel Angst hast wie vor den Weibern.
Und woher willst Du, Marx, wissen, wie sich das anfühlt, wenn Frauen mit Macht kommen?
Von Deiner Haushälterin?
Ab in den Müll. Sowohl der Geschichte als auch des Altpapieres.
Bin ich denn der einzige Zurechnungsfähige unter lauter Bekloppten?
Wenn sich dieser Eindruck nach nur zwei Tagen an der Heimatfront weiter aufdrängt, dann kann 2020 noch heiter werden.

28.01.2020 – Nah bei de Tiere


Iberische schwarze Schweine an der Algarve im Jänner, auf einer blühenden Wiese voller Schlüsselblumen. Abends gab es die niedlichen Schweinchen dann in Form von geschmorter Schweinebacke in Rotwein an dreierlei Dünstgemüse im Restaurant. Dieser naturnahe Akt des Verzehrs ist ein erster Schritt in Richtung zurück zur natürlichen Akkumulation, laut Marx die Vorstufe der kapitalistischen. Bei der sind die Produzenten von ihren Produktionsmitteln getrennt und arbeiten entfremdet.
Nah bei de Tiere, könnte man im vorliegenden Fall sagen in Anlehnung an einen der zahlreichen unsäglichen Vorsitzenden der SPD, Kurt Beck. Von dem sagte man, er sei immer nah bei de Leut gewesen. Eine höfliche Umschreibung der Tatsache, dass Becks Bildungshorizont an der Titelseite der „Bild“ endete.
Allemal allerdings sympathischer als das fleischgewordene Brechmittel Gabriel. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Sozialdemokrat mir nochmal Gefühle abringen würde. Dieser Sargnagel der SPD und jetzt der Doitschen Bank hat es geschafft: mir wurde vor Ekel leicht übel. Ein sehr erfrischendes Bad in den Fluten des Atlantiks beendete das aber umgehend.

Bei 14 Grad Wassertemperatur werden Helden gemacht.
Kleine zumindest.
Charmantes Wochenende, liebe Leserinnen, oder was auch immer für ein Wochentag gerade sein möge.

25.01.2020 – Fridays for Nazis


Fridays gegen Altersarmut, gestern in der hiesigen City, logisch, war ja auch Freitag. Mit aktiver Unterstützung örtlicher Nazis. Wenn Nazis die soziale Frage für sich entdecken, dann gute Nacht, Marie & deutscher Michel. Gruselig. Da heißt es, rechtzeitig auf gepackten Koffern zu sitzen.
Was sich dramatischer anhört als es ist. Es geht dabei nicht um einen Aufruf ins Exil zu gehen, sondern um einen Reiseappell in den Süden. Portwein in der einzigen Strandbar, die noch geöffnet ist, frische Seebriese und der todesmutige Gang in den Atlantik bei gefühlten minus zwei Grad Wassertemperatur, das stärkt die Widerstandskräfte auf allen Ebenen mehr als Fluchtgedanken. In dem Sinne, gute Reise, liebe Leserinnen, aber immer schön Ceozwei beichten. Äh, kompensieren.