19.06.2018 – Fröhliches Paar


Fröhliches Paar. Harald Schulte. 2014. Ausstellung im Bezirksrathaus Marzahn.
Marzahn ist eine Großsiedlung in Plattenbauweise im Osten Berlins. Der normalgrüne Alternativ-Spießer würde sich beim Anblick von Marzahn mit Grusel wenden, wenn er denn nur jemals aus dem Dunstkreis seiner stuckverzierten Altbau Wohnung in die Nähe von Marzahn käme, wo Cindy übrigens nicht herkommt und auch nie gewohnt hat.
Der Spießer kommt aber nur bis Prenzlauer Berg und vielleicht Weissensee, worüber es eine hochgelobte deutsche TV-Serie gibt,was für mich 3 Gründe sind, da niemals einen Blick rein zu werfen.

Ich weiss nicht, ob der Bürger King ist im Bürgeramt von Marzahn, das hier ausgeschildert ist. Ich weiß dass Marzahn einer der sichersten Bezirke in Berlin ist.

Helene-Weigel-Platz in Marzahn.
Ich kenne Marzahn und habe dort kaum Spuren von Vandalismus, Verfall oder übermäßigem Dreck wahrgenommen. Die Siedlung ist von großflächigem Grün durchzogen und im Gegensatz zum Rest von Berlin herrscht dort eine paradiesische Stille, sieht man von zwei drei Magistralen ab, die den Bezirk kreuzen.
Den Plätzen sieht man an, dass ihre Planungs-Grundfunktion in der DDR auf Kommunikation ausgerichtet war,anders als bei vielen Orten öffentlicher Begegnung der BRD, die auf Konsum ausgerichtet sind,siehe Shopping Malls, überdachte Passagen etc.
Ich will Marzahn nicht schöner reden als es ist. Wir werden uns nur im Zuge der katastrophalen Wohnungssituation an städtebauliche Paradigmenwechsel gewöhnen müssen: höher bauen, tiefer bauen, aufstocken, Rückkehr der Platte und Großsiedlungen. Dazu brauchen wir auch einen anderen unarroganten Blick auf die Marzahns unserer Republik
Ohne eine veränderte ästhetische Wahrnehmung ändert sich auch kein Bewusstsein. Und dazu müssten die Spießer unserer Republik ihre Ärsche hochkriegen und sich bewegen , in jeder Beziehung.
Tun sie aber nicht. Und deshalb geht das alles auch den Bach runter.

18.06.2018 – Wer sich nicht in die Wirklichkeit begibt, kommt darin um


Fragmentierter Adler
Dauerklimmzüge an der Kante des eigenen Bewusstseins verengen das Gesichtsfeld derart , dass man bei beschleunigten Verhältnissen mitunter aus der Kurve getragen wird. Also wollte ich mich gestern zum Deutschland Spiel im Rahmen eines soziologischen Feldversuchs auf eine mir eher degoutante Wirklichkeit einlassen: auf die Fanmeile am Brandenburger Tor. Und dort unter 200.000 Schwingern (Frauen sieht man eher selten bei derartigen Perversitäten) deutscher Fahnen für Mexiko jubeln. Der Himmel hatte ein Einsehen mit meinem bescheuerten Plan und liess mich erst garnicht auf den Kriegsschauplatz: striktes Rucksäcke Verbot.

So kam ich zwar nicht unter die Deutschen aber in den Genuss einer Auto befreiten Strasse des 17. Juni.

Was mir ungekannte neue Perspektive bot.
Auch nicht schlecht. Wie ich da so stand und den Blick genoss, grübelte ich kurz über die doitsche Einheit: mit wem sollte ich mich zu welchem Zweck und in welchem Interesse eigentlich eins fühlen?
Mir fiel nichts und niemand ein. Beruhigt zurrte ich meinen Stahlhelm fest und radelte meiner Wege, einem zauberhaften Nachmittag entgegen. Eine meiner zahlreichen WM Wetten würde sich noch sehr positiv entwickeln.

17.06.2018 – Tag der deutschen Einheit


Public viewing am „Matzbach“ in Kreuzberg.

Fussbälle einem sinnvollen Verwendungszweck zugeführt. Auf den Allmende Gärten des Tempelhofer Feldes.
Früher wurde am 17. Juni der Tag der doitschen Einheit gefeiert. Man musste nicht zur Arbeit gehen und war eigentlich froh, dass die Zonis da blieben, wo sie waren, nämlich drüben. Nicht umsonst war der Standard Totschlag-Hammer aller ehrlichen Spießer gegen alles , was links von der NSDAP war: Wenn’s Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben. Meine Eltern stellten noch in den Sechzigern Kerzen ins Fenster am 17. Juni im Gedenken an die Brüder und Schwestern in der Ostzone. Als einzige in der ganzen Strasse. Mir war das peinlich. Meine Eltern haben a posteriori, was mit „von hinten rein “ nicht ganz korrekt übersetzt wäre, recht behalten.
Hätte ich mehr auf meine Eltern gehört, wäre aus mir was anständiges geworden, ich hätte 8 Kinder und eine Batterie von Psychopharmaka im Toilettenschrank.
So habe ich noch nicht mal einen Toilettenschrank, was irgendwie ein irrsinniges Wort ist, das mich ganz fuggelig macht, eine Batterie von Portweinflaschen im Weinkeller und erfreue ihr Herz, liebe Leserinnen, mit diesem zauberhaften Blog.
Fazit des heutigen Tages: die Zonis haben uns die afd beschert, wozu mir meine Rechtschreibkorrektur ARD vorschlägt, was echt ein Brüller ist.
Drücken Sie mir heute und die nächsten Tage die Daumen. Ich habe beim Wettanbieter meiner Wahl echtes Geld gesetzt, dass die BRD in der WM Vorrunde rausfliegt.
Den Gewinn würde ich sofort reinvestieren: in Portwein.
Prost.

14.06.2018 – Die Fußball WM hat begonnen.


Verdammte Technik
Vorlesung an der Uni über „Berliner Adressen – Soziale Topographie und urbaner Realismus“ vom Berkeley-Emeritus Hinrich C. Seeba.
Im Berliner Roman zwischen 1885 und 1906 spielen Adressen eine zentrale Rolle bei der gesellschaftskritischen Strukturierung des Geschehens. Dabei fiel der proletarische Osten unter den Tisch. Das assimilierte großbürgerliche Judentum mied das ostjüdische konservative Stedl-Milieu im Berliner Scheunenviertel, wo es nur ging. Der jüdische Philosoph Walter Benjamin kannte den Osten der Stadt nur von Postkarten. Die Mauer zwischen Ost und West gab es also schon damals, in Köpfen.
Ich fand die Vorlesung von Seeba über diesen urbanen Realismus, ausgehend von Fontane, sehr anregend. Zwei Dinge fand ich jenseits des Inhalts bemerkenswert: Berkeley und Stadtindianer.
Seeba war mit der Technik des Headsets etwas überfordert. Die Erklärung: Zustände wie in Deutschland, wo es ohne Technik bei Vorlesungen mit über 150 Hörerinnen nicht geht, gibt es in Berkeley nicht. Er hatte in seinen Veranstaltungen maximal 20,30 Studierende.
Berkeley ist eine Elite-Uni mit einem Etat von mehreren Milliarden Euro per Anno. Ein Jahr Berkeley kostet eine Studentin bis zu 40.000 Euro allein an Studiengebühren.
In Niedersachsen fallen zurzeit keine Studiengebühren an.
Regelrecht hellhörig wurde ich, als Seeba im Zusammenhang mit der Figur des Flaneurs, die ja von Walter Benjamin so famos gewürdigt wurde, davon sprach, dass sich Individuen den urbanen Raum wie Stadtindianer eroberten. Ein Begriff, mit dem die jungen Hüpferinnen in der Vorlesung definitiv nichts anfangen konnten und selbst viele Alk-Achtundsechziger überfordert sind. Stadtindianer waren marginaler Teil der Spontibewegung in Deutschland. Ich weiß nicht, wieso Seeba ausgerechnet auf diesen Begriff verfiel. Waltete da noch etwas in seinem Unterbewusstsein? Und wenn ja, was? Seeba, warst auch Du ein Stadtindianer? Ich hatte mich damals mit ein paar Kumpels in der Richtung zusammengetan. Es war über alle Maßen peinlich im Rückblick (wir trafen uns in einem Uni Raum …) und nur durch den Genuss von illegalen Drogen zu erklären und ich tue hiermit öffentlich Abbitte! Mea maxima culpa!
Aber Seeba war mir von der Sekunde an über alle Maßen sympathisch. Ich stellte mir vor, wie er nächtens mit Pfeil und Bogen über den Campus von Berkeley schweift, schwerst vollgekifft. ´
Seeba, komm bald wieder.

13.06.2018 – Vier dufte Typen suchen Shouter mit Bock auf Schabernack


Dufte Typen mit Bock auf Schabernack, entweder sind das Vollpfosten mit einem Gemüt wie Skiffle-Jazzer aus den Fünfzigern oder ganz abgefeimte Avantgardisten, die mit Bedacht der Pflege obsoleter Sprachmuster frönen. Oder manche Dinge ändern sich einfach nie. Was ich auf das Schärfste begrüßen würde. Mein Thema zurzeit ist „Wandel“ und „Veränderung“. Nichts ist beständiger als der Wandel, sagt eine alte Binse, über die Moses in seinem gleichnamigen Körbchen (welche Körbchen-Größe, darüber schweigt die Bibel natürlich) schon gegähnt hat.
Normal, wie die Jugend sagt. Ich frage mich allerdings, ob die Rotationsgeschwindigkeit der Veränderungen nicht ein Ausmaß angenommen hat, das die Zentrifugalkräfte unserer Gesellschaft überdehnt, was nix anderes heisst als das immer mehr Leute vom Karussell der „Normalität“ fliegen. Das Anschwellen des Mobs, die Zunahme der AfD, der Verlust an emanzipatorischer Gegenmacht, das fällt ja nicht vom Himmel. Das hat mit Überforderung von Individuen zu tun, die Angst produziert. Und Angst essen Seele auf, das wusste schon Fassbinder. Antidepressiva-Verordnungen haben sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt, stressbedingte Krankheitsbilder haben einen rapiden Anstieg, individuelle Flucht- und Verweigerungsstrategien haben Hochkonjunktur. Mir fällt dabei ein zentrales Werk aus den 70ern ein, „Angst im Kapitalismus“ von Dieter Duhm, das den – berechtigten – Institutions- und Strukturkritischen Ansatz der damaligen Politkasper*innen um die individualpsychologische Ebene erweiterte. Dass dabei nur Bagwahn, Esoterik und Selbsthilfegruppengedöns rauskommen konnte, obwohl auch Duhms Ansatz völlig berechtigt ist, war leider klar wie Kloßes Brühe. Das Schicksal der Menschheit ist ihre innere Tragik. Duhm selber ist ein wandelndes Fluchtbeispiel, der in völlig durchgeknallten Esoterikgruppen sein Seelenheil suchte. Wer zu tief in sich hineinschaut, verliert den Überblick.
So das Wort zum Mittwoch vom Laienprediger Ihrer Wahl.

10.06.2018 – Was ist Luxus?


96 degrees in the shade. Wie sich diese Hitze anhört, können Sie hier hören. Lassen Sie den Bass einfach in Ihren Bauch einwirken …
Die Antworten auf die Frage, was Luxus ist, dürften extrem unterschiedlich ausfallen: für die Eine ein Dach über dem Kopf, für Andere eine Segelyacht. Mal zwei Wochen Urlaub in der Karibik? Ein paar Tage Muße? Saubere Luft? Liebe? Ruhm & Erfolg?
Ohne das Streben nach Luxus gäb’s keinen Kapitalismus und wer ihm frönt, baut verdammt nahe an der Hölle: Das lateinische Luxuria ist die Wollust, die ich lieber mit drei „l“ schreiben würde, und das ist eine der 7 Todsünden.
Ich reibe mir bei der Hitze nach dem Duschen den ganzen Körper mit meinem selbstgemachten Rosenwasser ein, was nicht nur köstlich duftet, sondern auch immens erfrischt. Das Rosenwasser ist eigentlich nur für das Gesicht bestimmt, für ein paar Milliliter muss man schon einige Rosenblüten mazerieren. Aber den Luxus gönn ich mir. Ein immaterieller Luxus, vom Materialwert her ein paar Cent vielleicht. Aber hinterher fühl ich mich extrem luxuriös. Das Luxussegment „Ruhm“ war mir nur im Rahmen einer regionalen Teilbekanntheit beschieden, Erfolg zwar etwas mehr, aber es hätte schon noch eine Schippe mehr sein können von allem. Umso erfreuter war ich, als ich von der für die deutschen Ost(see)gebiete zuständigen Blogkorrespondentin dieses Bild erhielt. Ein Dorf, das meinen Namen trägt! (Danke dafür, dafür gibt’s in der Redaktionsstube demnächst ein Pikkolöchen):

Zwar flicht die Nachwelt mir nur kleine Kränze,
doch meine Freude, die kennt keine Grenze.

Grenzen hingegen kennt meine Freude angesichts der herrschenden Diskurse im Land. Ich weiß nicht, ob der Rat für deutsche Rechtschreibung am 08.06 beschlossen hat, das Gendersternchen „*“ offiziell ins deutsche Regelwerk aufzunehmen.
Mir kam nur ein Bild dazu in die Erinnerung aus der Zeit, als diese Diskussion noch auf der Argumentebene geführt wurde.
Die Diskussion ist durch, die Argumente sind ausgetauscht. Ab jetzt ist die Entwicklung der Sprache eine Machtfrage. Sprache bildet immer auch Herrschaftsverhältnisse ab und wirkt auf sie zurück. Herrschaftsverhältnisse ändern sich durch Druck und selten durch Beten oder Wollen. Der rechte Rand, der mittlerweile die Mitte der Gesellschaft ist, hat das erkannt und lässt die AfD im Bundestag gegen Genderwahn wüten. Also muss Emanzipation auch auf sprachlicher Ebene nach getaner gesellschaftlicher Diskussion per ordre du mufti durchgedrückt werden. Würde ich noch Projekte als Verantwortlicher durchführen, würde ich allen Beteiligten eine gendergerechte Sprache vorschreiben. Bei den allfälligen Diskussionen würde Blut fließen (bildlich … ), ich kenne mein Temperament. Göttinseidank sieht meine Lebensplanung anders aus.
Vor Jahren, es war irgendwo am Mittelmeer, als diese Diskussion noch, siehe oben, geführt wurde, sah ich am Strand einen Mann mit einem T-Shirt, auf dem stand: Gleichberechtigung ist, wenn die Weiber auch mal einen ausgeben. Ich weiß nicht, ob auf der T-Shirt Rückseite stand: Mett und Bier formten diesen wunderschönen Körper. Der Mann war sehr rundlich.
Für einen Moment tat er mir leid, wie er da am Strandkiosk stand, trotzig wie der Suppenkasper, der seine Suppe nicht essen wollte, traurig und überfordert von den Zumutungen der Moderne, aber wehrhaft. Der Moment verflog schnell.
Gnadenlos hielt ich in dem guten Gefühl, wesentlich schneller als diese Mettmaschine zu sein, mit der Kamera drauf.
Das Bild erspare ich Ihnen, liebe Leserinnen, dann doch.

08.06.2018 – Heimat ist im Großen wie im Kleinen eine Sackgasse mit Wendehammer


Weinrebe an der Verandatür. Die habe ich aus mehreren Gründen da gepflanzt: Es ist ein schönes Gefühl, in praller Sonne da im Schatten zu stehen. Ich bin passionierter Weintrinker. Es erfüllt eine archaische Vorstellung vom Paradies, aus der Tür zu treten und es wachsen einem buchstäblich Trauben in den Mund. Und man kann gut seine nassen Socken da reinhängen, die trocknen beim derzeitigen Stand der Sonne innerhalb von Stunden.
Der derzeitige Stand der Vernunft ist nicht so ganz vom Sonnenglanz durchflutet. (Am Rande: Wendungen wie „nicht so ganz vom Sonnenglanz“ verwende ich absichtlich. Es handelt sich in diesem Fall um ein Homoioprόphoron, eine Figur mit aufeinanderfolgenden, ähnlich klingenden Wörtern. Wird gerne in Oden verwendet.)
Der derzeitige Stand der Vernunft wird auch durch die 40millionenfache Verteilung des Drecksblattes am gestrigen Tag an alle Haushalte verdeutlicht. Das dürften Sie, liebe Leserinnen, auch in den Händen gehalten haben. Ich habe es auch gelesen. Es ging irgendwie um Heimat, der Begriff ist ja schwer in der Diskussion und da wollte das Drecksblatt vor der WM, wo sich alle Generalstände des Mobs versammeln, nicht hintanstehen. In einer Art Editorial delirierte da der Chefredaktör, einer gewisser Julian Reichelt, allerlei Irrsinniges ins Blatt. Wie ein schwer bekiffter Monolith ragte aber unter all dem geistigen Dünnpfiff ein Satz in die Landschaft, der mich hoch erfreute:
„Heimat ist im Großen wie im Kleinen … eine Sackgasse mit Wendehammer.“
Woraus wir schließen, dass jede Sackgasse ohne Wendehammer keine Heimat ist. Als Gründer der Firma SK-SACKKARRENVERLEIH kann ich durchaus mit dieser materiellen Verortung von Heimat leben und werde einen kulturellen Mehrwert daraus schöpfen insofern ich mir hier in der Nähe eine Sackgasse mit Wendehammer suche und dort eine Performance mache. Diese Sackgasse mit Wendehammer wird dann in Heimat umbenannt und es gibt Freibier und Erbsensuppe und für Besoffene einen Shuttle mit der Firma SK-SACKKARRENVERLEIH. Heimat, Deine Sterne hagelvoll.
Leicht übel, als ob ich schon 68 Freibiere intus hätte, wurde mir allerdings bei der Formulierung des Julian, der, wäre er im Mai geboren, sicher Majoran hieße:
„Aber für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist Heimat weniger ein Ort und viel mehr als ein Wort, nämlich ein Gefühl von Geborgenheit.“
Das wird die 20 – 30 Millionen Prekären in Deutschland in den sozialen Brennpunkten und auf der Straße aber freuen, dass sie zwar oft am Ende des Monats nicht genug zu essen haben und mitunter unter Brücken campieren dürfen, aber wenigstens ein Gefühl von Geborgenheit haben sollen.
Gefühle gehören in die Küche und ins Schlafzimmer, aber nicht in die Politik.
Wenn der gemeine Ostgote gefühlig wird, heißt es für den Rest der Welt, entweder die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, oder Pflugscharen zu Schwertern zu schmieden und dem Ostgoten mal wieder zeigen, wo der Wendehammer hängt. Was Blödsinn ist, reine Fabulierkunst. Wir erobern die Welt nicht mehr mit Waffen, sondern mit Kapital.
Als grausiges Fazit bleibt: Das Drecksblatt war früher verhasst und bekämpft und quasi die Spitze eines medialen Scheißberges in Deutschland. Heute in Zeiten allgemeinen Niedergangs und Niedertracht, sei es im Internet, in Talkshows, im Bundestag, scheint es fast wie eine altersmilde Stimme der Vernunft. Ich bin willens und in der Lage, gesellschaftliche Veränderungen zu begreifen und zu versuchen, aktiv damit umzugehen.
Aber das mit der „Bild“, so will ich sie ab jetzt liebevoll-zärtlich nennen, das fällt mir doch echt schwer.

07.06.2018 – Juristenpack


Juristenpack.
Gestern, anstatt das pralle Sommerleben draußen zu genießen, warf ich den einen oder anderen Blick in das „Auge des Zyklopen“, so der Titel eines TV-kritischen Romans aus der Zeit der „Angry Young Man“ der britischen Literatur der 1960er, als Autoren – und es waren nur Männer – noch Klassenbewusstsein hatten. Die Frauen hatten auch Klassenbewusstsein, wurden aber nicht gedruckt.
Normalerweise hätte ich an solchen Abenden das nagende Gefühl, das Leben fließt an mir vorbei, aber ich war ausnahmsweise mal einfach froh, bewusstseinslos abzuhängen. Die letzten Monate hatten mitunter eine Überdosis Leben. Und so genoss ich ein paar Bilder des Blockbusters „Jurassic World“. Das Bewusstsein lässt sich aber selten ganz ausschalten und so gingen mir zwei Dinge durch den Kopf: Die ingeniöse Postkarte des Kollegen Sievers von 1994, als Jurassic Park das erste Mal angesagt war (siehe oben, kann bei mir bestellt werden). Und die Frage, warum dieses Blockbuster Format so überaus erfolgreich ist. Eine wesentliche Funktion aller Hollywood Schinken ist Eskapismus, also die mentale Entlastung von den Mühen und Plagen des Alltags, die innere Flucht in andere Welten, auf ferne Inseln…Dieser Mythos wird allerdings mit dem Jurassic Topos kräftig dekonstruiert, dessen Moral lautet: Wer sich auf einsame Inseln begibt, kommt darauf um.
Zu weiteren Gedanken hatte ich allerdings keine Lust, das können Sie, liebe Leserinnen, übernehmen. Mir fiel nur angesichts der obigen Postkarte ein und auf, wie sich meine Sicht auf das Recht und dessen Wesen verändert hat in den letzten Jahren. Hatte ich früher eher die Perspektive des „furchtbare Juristen“ in Anlehnung an die Causa Filbinger, jenes furchtbaren Nazi-Juristen, der nahtlos nach dem Kriege Karriere als Ministerpräsident in Baden-Württemberg machte, so sehe ich heute das Recht und seine Vertreterinnen als stärkstes Bollwerk gegen gesellschaftlichen Verfall. Vor allen Parteien und natürlich auch vor der Zivilgesellschaft, die nichts anderes ist als eine Rotte Wölfe, die opportunistisch mit dem jeweiligen Zeitgeist und den Alphatieren den Mond anheult und im Zweifel übereinander herfällt. Homo homini lupus. (Tun das Wölfe überhaupt?)
Wir haben natürlich eine Klassenjustiz. Aber wir haben einen Rechtsstaat. Und es waren ja nicht nur furchtbare Juristen in der Nazizeit. Es waren furchtbare Ärzte, Eisenbahner, Polizisten, kurz, es war ein furchtbares Volk und ich sehe keinen Anlass, auch bei aller Einmaligkeit des deutschen Faschismus, von dem Urteil Abstand zu nehmen, wir seien auf dem besten Wege dahin, wieder eins zu werden. Ich glaube zwar nicht, dass der Faschismus vor der Tür steht, das werden die Justiz und das Kapital verhindern. Bei der internationalen Kapitalverflechtung wäre ein deutscher Prä-Faschismus derartig geschäftshindernd, dass die Vertreter des deutschen Kapitals mit wehenden Fahnen zur Antifa überlaufen würden. Und den Sauladen mal so richtig auf Vordermann/frau bringen würden, was ich uneingeschränkt begrüße! Aber furchtbar wird es schon werden.
Wo bleibt das Positive?

Meine kleine Insel, in Form meines Gartens, der meine morgendliche Seele erquickt bei der Zählung der Johannisbeeren.
Aber glauben Sie bloß nicht, dass diese Insel frei von Grauen ist. Bei der Zählung der Insassen meines Teichs musste ich erbleichend feststellen, dass es keine mehr gibt. Shibunkin, Gründlinge, Bitterlinge – alle weg. Kannibalismus? Katzen?
Und gestern hat ein Bussard ein Eichhörnchen niedergemacht. Ein Bussard aus der Nähe ist von furchterregender Größe, alte Schwedin.
Das sind Dramen! Da sind doch Fragen nach Faschismus und Klassenjustiz höchstens primär!
Sonnige Tage und möge Ihr Leben nicht an Ihnen vorbeifließen, liebe Leserinnen.

05.06.2018 – Aber Zement mal, Agamemnon, ich hätte Specht.


Irgendwie hatte ich mir das in Sachen „Arbeit“ anders vorgestellt, mit meiner Zweit-Homebase in Berlin. Ich würde in nächster Zeit mal die hunderte Überstunden der letzten Jahre abbummeln, reduziere die Schlagzahl im Job und den Rest erledigt man mit dem Smartphone von unterwegs, schlimmstenfalls mit dem Schlepptop. (Eine Verballhornung, die vor 10 Jahren schon so peinlich war, dass man sie jetzt als Avantgarde wieder hervorkramen kann, zumal der klassische Laptop angesichts diverser Hybridformen so am Aussterben ist, dass bereits die nächste Generation einen erstaunt fragen wird: „Plattenspieler? CD? Laptop? Wovon redest Du andauernd, Opa?!“) Stattdessen …. Siehe oben. Ich bin eben unverzichtbar, unersetzlich, überaus wichtig und werde dauernd überall gebraucht, egal wo.
Glaub ich zumindest.
Ich komm ja kaum zum Einkaufen vor lauter Arbeit. Und wenn, fasst einen das nackte Grauen an. Wie hier im Kaufhof:

Die Fußball WM steht vor der Tür. Wolle mer se noilasse?! Narhalla Arsch.
Manche Topoi durchziehen diesen Blog wie ein roter Faden und da ich hier, wie im realen Leben, mitunter zu Geschwätzigkeit neige, einer Art Sprechdurchfall (Töröö! Schechzalarm), dürfte ich mich des Öfteren wiederholen. Weil ich für diesen Blog aber nicht bezahlt werde, ist mir das egal.
Also: Das Leben ist ein steter Fluss von Veränderungen, Panta rhei, wie der Grieche sagt, und recht hat er. Früher war es cool, Fußball gut zu finden. In Linken-, Künstler- und Intellektuellenkreisen war man damit ziemlich out. Out sein heißt aber: Alleinstellungsmerkmal besitzen und die sind der erste Schritt vom Durchschnittstypen zum Mann von Welt, wovon es nur noch ein kleiner Hüpfer zu dessen Vollendung ist, dem Dandy, der nur noch aus Alleinstellungsmerkmalen besteht, weil er sich niemals gemein tut.
Also war, wer auf sich hielt, in den Siebzigern ein Fussball-Afficionado. Dann kamen linke und alternative Spießer dahinter, dass Fußball irgendwie mal proletarisch gewesen war, sich auf die Region bezogen hatte, etc. pp. Und ruck-zuck war Fußball Mainstream. Wenn ich etwas hasse wie die Pest, ist es Mainstream, denn vom Mainstream zum Mob ist es nur ein kleiner Schritt. Und da sind wir heute, beim Mob. Fußball ist eine reine Mobveranstaltung, deren Nähe der Mann von Welt verachtungsvoll von seinen gut sitzenden, vollkommen unsichtbaren Schulterpolstern schnipst.
Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, siehe oben.
Mittlerweile aber, siehe panta rhei, bewundere ich die alten Recken von früher, die jeder Veränderung und Einsicht trotzen, am Fußball hängen und zum Fußball drängen, sei es in Stadien oder Kneipen. Sie sind die wahren Romantiker, die von einer Zeit träumen, als es noch hieß: „Drölf (hahaha!) Freunde müsst Ihr sein.“
Aber wie das so ist mit der Romantik, als Romantiker erntet man vielleicht ein Leuchten in den Augen der Damenwelt, aber ideengeschichtlich weise ich als marxistischer Dialektiker auf gewisse Verbindungslinien von der Romantik zur späteren Übeln der Irrationalität hin.
Nicht teilen tue ich hingegen die Verurteilung des ansonsten hochgeschätzten Genossen Peter Hacks, der gegen die Romantiker nachtrat, sie seien allesamt opiumsüchtig, sexuell abhängig und gewohnheitsmäßig auf unbegründeten Reisen gewesen.
Also arbeitssüchtig, finanziell abhängig und gewohnheitsmäßig auf Dienstreisen finde ich wesentlich schlimmer.
Aber Zement mal, Agamemnon, ich hätte Specht. (Heißt: „Aber Moment mal, angenommen, ich hätte recht.“ Bürohumor. Mein Fagott, wie ich den vermisse, siehe auch hier)
Was bedeutet das denn für das richtige Leben im Falschen?
Da fragen Sie den Flaschen, liebe Leserinnen.

02.06.2018 – Die beste aller möglichen Welten

die beste aller möglichen welten
Lichtinstallation der Kunstfestspiele Herrenhausen.
Die Kunstfestspiele Herrenhausen sind eine Veranstaltung zur Ergötzung und Erbauung der höheren Stände. Einträchtig sitzen dort MP & OB (nein, das ist nicht das Kürzel der Kabarettgruppe „Maschinenpistolen & Tampons“, das steht für Ministerpräsident & Oberbürgermeister) in der ersten Reihe und demonstrieren Einigkeit nach außen im Rahmen eines hiesigen Skandal-Possenspiels, das mindestens einen von ihnen, wenn nicht gar beide, den Job-Kopf kosten kann. Es geht dabei um Gier, Eitelkeit, Niedertracht, Ehrgeiz und fast natürlich sind nur Macker involviert.
Ich guck mir beides, Kunstfestspiele und Possenspiel, mitunter an, genieße es und mach mir Gedanken, mitunter sogar eigene.
Die Kunstfestspiele haben einen Etat von 2,17 Millionen Euro per anno, ca. 14.000 Besucherinnen, macht 150 Euro pro Kopf. Es gab in früheren Jahren Festspiele, wo jede Künstlerin durchschnittlich weniger als 10 Zuschauerinnen hatte. Trotzdem war ich immer vehement für deren Erhalt, der gerade bei der Proll-Fraktion der SPD mitunter umstritten war.
Es braucht immer beides: Brot & Rosen, Kultur & Soziales. Die Frage ist nur, inwieweit die höheren Stände dazu ihr Scherflein beitragen. Per Umverteilung. Das geht in Richtung meines früheren Kneipenkumpels Dirk Rossmann, seinerzeit MSB Spartakus Sympathisant, heute drittreichster Niedersachse, mit einem Vermögen von ca. 3 Milliarden Euro einer der 100 reichsten Deutschen. Auch er kasperte bei den Kunstfestspielen rum. Hatte wahrscheinlich ‚ne Freikarte.
„Wir leben in der besten aller möglichen Welten“, das Motto der obigen Lichtinstallation stammt vom hannöverschen Leib- und Magenphilosophen Leibniz, eine mangels regionaler Alternativen vom hiesigen Bürgertum maßlos überschätzte Wurst, zu der ich auch schon meinen Senf gegeben habe
161114Die Leibniz Wurst HAZ
HAZ. Fachblatt für Wurst.
Zu Leibniz‘ Erkenntnis „es ist alles gut“, weil es Gottes Wille sei, die noch nicht mal von ihm ist, sagte der jüdische Aufklärer Moses Mendelsohn, der schon zu seiner Zeit massiv antisemitisch angefeindet wurde, das sei die Weltweisheit der Faulen; denn was ist fauler, als sich bei einer jeden Naturbegebenheit auf den Willen Gottes zu berufen..“.
Heute haben wir keinen Mendelsohn mehr. Wir haben das Holocaust-Denkmal in Erinnerung daran, dass wir seine Nachkommen ermordet haben.
holocaust
Jugendliche tollen auf dem Holocaust Denkmal herum.
Ich finde es natürlich gut, dass dieses Denkmal unserer Schande mitten im Herzen Berlins einen kleinen Stachel setzt. Sonderlich anrühren tut es mich nicht. Es ist mir zu abstrakt.
gleis-17-1
Anders das Mahnmal „Gleis 17“ . Es erinnert an die tausende Juden, die von diesem Gleis im Bahnhof Grunewald mit Zügen der Deutschen Bahn aus Berlin deportiert wurden.
gleis-17
Auf Stahlplatten stehen in endloser Reihe Datum und Anzahl der Juden, die von dort aus in die Vernichtungslager deportiert wurden.
Nach dem Besuch des Mahnmals brauchte ich lange, um in meinen üblichen Berlin-Rhythmus zu finden, heiter, beschwingt, neugierig auf Neues, mit dem Gefühl im Gemüt, dieses sei die beste meiner möglichen Welten.
Nein, wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten. Wir entfernen uns immer mehr selbst von einer vorstellbar guten.
Ihnen, liebe Leserinnen, ein heiteres und entspanntes Wochenende.