17.05.2019 – Alkohol am Arbeitsplatz, die kritischen Tage einer Frau und Stalingrad


In einem meiner zahlreichen früheren Leben war ich kleiner Angestellter einer Maschinenbaufirma. Hier ein Bild von meinem Arbeitsplatz, keine Ahnung, wie das Mineralwasser da hin kam, in diesem Schrank vermutete unser Abteilungsleiter archivierte Akten.
Er wusste, warum er dieser Vermutung nie auf den Grund ging. Er kannte mich, wir mochten uns, und der Anblick wäre für ihn keine Überraschung, aber doch eine Enttäuschung gewesen. Summa summarum konnte man über diese Zeit meines Arbeitslebens in der Zeugnis-Sprache sagen:
Durch meine ausgeprägte Geselligkeit trug ich erheblich zur Verbesserung des Betriebsklimas bei. Meine Pünktlichkeit war beispielhaft und für meine Arbeit zeigte ich stets Verständnis und Interesse.
Was übersetzt heißt: Ich war ein ziemlicher Zecher und hielt massenweise Leute von der Arbeit ab. Außer morgens pünktlich am Arbeitsplatz zu sein, brachte ich nichts zustande und von Extrudern und Kalandern, dem Hauptgeschäftsfeld der Firma, verstand ich so viel wie eine Kuh von der Quantenphysik. Dass ich mich an diesem Arbeitsplatz fast Jahrzehnte hielt, ist eines der großen Wunder der Neuzeit. Und nein, ich will die Probleme des Alkohols am Arbeitsplatz und grundsätzlich überhaupt nicht verniedlichen, die Meldung, die gerade über den Ticker ging, spricht eine deutliche Sprache. Alkoholismus ist eine Krankheit, die auf schwere psychische Probleme weist und massiv lebensverkürzend ist, meist unter Qualen.
Daher ist dieser Blogeintrag ein Appell an Leute, die zu viel saufen: Reduziert das um die Hälfte und raucht ab und zu ne Tüte. Macht mehr Spaß, verlängert das Leben und wäre volkswirtschaftlich noch sinnvoller als eh schon (reduzierte Gesundheitskosten), wenn das Zeug legalisiert würde und Steuern darauf anfielen. Genug der Sonntagspredigten, ich wollte auch nur obiges Foto im Blog archivieren, eins meiner all-time-favourites. Wenden wir uns nun jenen zauberhaften Geschöpfen zu, die das Leben so lebenswert machen, den erblühten Frauen.

Heute kann sich die Frau ihre Jugendfrische, blühendes Aussehen und Ausgeglichenheit erhalten. Selbst an kritischen Tagen. Ob damit die gemeint sind, wenn Männe Zuhause ist?
Frauengold wurde später verboten, weil es krebserregend war, hatte aber enormen Erfolg einfach deshalb, weil es hochprozentigen Alkohol enthielt und sich die Mädels damit ordentlich die Kante geben konnten unter medizinischen Vorwänden, was sonst in den reaktionären 50ern für Frauen verpönt war.
Wo bleibt das Positive? In der mangelnden Bildung von Neonazis z. B., deren Exponent Steve Bannon gestern folgenden Satz von sich gab:
Nach der (EU-) Wahl wird jeder Tag in Brüssel Stalingrad sein.
Ja, nee, ist schon recht, alter Blödmann, Bildung ist Glückssache und Metaphern werden in der Lotterie verlost. Stalingrad war der Auftakt für die Niederlage des Faschismus, dessen Vertreter Bannon heute ist. Sein Stalingrad-Bild bedeutet also nicht das Ende der EU, so wie er es sich wünschte, sondern dass nach der Wahl der Untergang der Rechten in Europa eingeläutet wird.
Schön wär’s.
Es ist immer wieder beleidigend, mit was für Nicht-Satisfaktionsfähigen Vollidioten ich mich hier rumärgern muss.

16.05.2019 – Es ist zum Kozel


Ein schönerer Name für ein Bier ward selten gefunden. Gesehen in meiner neuen Wohlfühl-Homebase, der Arminius-Markthalle in Moabit, wo ich gerne das zweite Frühstück nehme. Es ist angenehm Hipsterfern dort, was sich aber auf Grund der Nähe zum aktuell heißen Scheiss, dem ehemals KPD-roten Wedding, vermutlich nicht lange so halten wird.
Zum Kozel war mir natürlich wie jeder Anständigen bei der Lektüre dessen, was Verena Bahlsen von sich gab. Dieser von Dummheit, Niedertracht, Größenwahn und Rohheit geprägte Dreck einer Frau, die ebenso leistungslos wie unverdient zu Reichtum gekommen ist, verdient nicht weiter der Erwähnung. An solchen Kreaturen macht ein Ehrenmann sich niemals die Finger schmutzig, wären da nicht ein, zwei Sonderaspekte.
Der Erste und Wichtigere: Die Sicht der Frau Bahlsen ist ja kein singulärer Ausrutscher, sie steht für eine ganze Generation von Elite-Erbinnen, die komplett abgeschottet in ihrer Welt der Reichen und Schönen, von der Nurse über die Privatschulen bis hin zur Elite-Uni und dem Eintritt in das väterliche Erbe, groß, dumm und niederträchtig geworden sind. Das produziert nahezu zwangsläufig das Waffenarsenal des Klassenkrieges, dessen Instrumente Frau Bahlsen hier einmal kurz zeigte, bevor sie nach einem Tritt in den Arsch seitens ihres Alten Herrn, in Sorge um Umsatz und Gewinn, zurückruderte und sich entschuldigte. Feige ist sie also auch noch.
Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, brachte es auf den Punkt:
„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“

Der zweite Aspekt ist ein rein privater. Mir wurde vor Jahren mal unterstellt, mein Künstlernetzwerk hätte den Bahlsen-Keks geklaut, das Firmenlogo der Arschkeks-Bäckerei, eine nette Aktion, die durch die Medien der Welt ging. Je mehr man sowas dementiert, desto länger bleibt es kleben.
Ich kann mir aber vorstellen, in heutigen Zeiten mit einer Aktion in Sachen Bahlsen aktiv zu werden. Ich weiß noch nicht wie, und würde zu einem Brainstorming den Spiritus rector aller revolutionären Umtriebe zu Rate ziehen.

Spiritus rector, Super M.

11.05.2019 – Perverse, überall Perverse


Berliner Fundsachen, Teil 37 „Männer-Wickeltisch“. Als ich das beim Gang zur Toilette entdeckte, hatte ich sofort Bilder im Kopf, die ich da keinesfalls haben wollte. Für einen Moment hatte ich die Horrorvision, nach dem Öffnen der Tür ….
Und das lassen wir jetzt mal so in der Schwebe.
So wie die Frage, ob die vermeintliche Perversität der Bilder im Auge des Betrachters oder in der Welt als solcher liegt. Wir retten uns aus dem Dilemma mit dem Hinweis auf Freud, der den Begriff der polymorphen Perversion wertfrei benutzte. Wobei Freud eine Menge Unsinn verzapft hat, wenn das Kokain alle war. Es dürfte z. B. eine Menge Leute geben, die heftig protestieren würden gegen die Einordnung von Fetischismus oder Sadomasochismus als eine Form von infantiler, also tendenziell unreifer und fehlorientierter Sexualität.
Von Freuds phallozentrischem Ödipus-Komplex Geschwafel mal ganz zu schweigen.
Ich verlasse dieses schlüpfrige Terrain und wundere mich nur, wohin meine Sätze mitunter im Schreiben mäandern.
Mein normales Verfahren beim Blogschreiben ist eher, die Bilder, die es mir wert sind, hier, in der Cloud, zu archivieren und ungeordnet im Fluss des Schreibens sich Gedanken entwickeln zu lassen. Also ohne großen Plan, sieht man von zunehmenden Momenten bei der Lektüre morgendlicher Headlines ab, wo mich der heilige Zorn des Selbst-Gerechten packt ob des Irrsinns, der da draußen in der Welt waltet.
Ich begebe mich jetzt lieber auf festeren Boden, wie zum Beispiel dem von Brot und Rosen.

Der überwältigende Duft dieser einfachen Feld-, Wald- und Wiesen-Rose kreuzt jeden Morgen meine Nase, wenn ich schlaftrunken zur Toilette wanke. Ich sammele die Blätter und mache einen Auszug daraus, der nach jedem Aufguss immer konzentrierter wird und am Ende ein paar Milliliter eines betörenden Konzentrats ergibt. Kost keinen Cent, der Busch wächst einfach in meinem Garten und übertönt mit seinem Duft die englischen Duft-Edelrosen, die da noch stehen und teilweise echtes Geld gekostet haben. Luxus ist auch für wenig Geld zu haben. Luxus ist für mich eine Art Menschenrecht für alle, in Anknüpfung an die Worte der Gewerkschafterin Rose Schneiderman aus dem Jahre 1911:
“The woman worker needs bread, but she needs roses too”.
Es gibt Biographien, bei denen ich beiseitetrete, alle Hoffart fahren lasse, den Hut ziehe und leise sage: „Chapeau“. Die von Rose Schneiderman gehört dazu.

10.05.2019 – Drogenhölle und Schwänzchen in die Höh‘!


Drogenhölle Görlitzer Park. Wir fassen uns alle virtuell an den Händen und rufen dreimal laut: „Herrjemine, wie furchtbar!“
Ein Parkmanager im Görlitzer Park hat einen Versuch gestartet, mit dem Drogenhandel dort umzugehen und mit Farbe Zonen markiert, in denen sich die Dealer aufhalten sollen. Umgehend setzte in den Medien und weiten Teilen der Politik nahezu bundesweit und unisono ein vollkommen hysterisches Geheule mit dem Tenor ein: Das linksgrünversiffte Berlin kapituliert vor den Drogendealern und gibt den Rechtsstaat preis.
Man kann in der Tat den Park kaum betreten, ohne Drogen angeboten zu kriegen, das ist sicher lästig, vor allem, wenn man eigenes Grass dabei hat, aber wesentlich bedrohlicher empfinde ich z. B. das Radfahren in Berlin. Das ist meine subjektive Wahrnehmung, andere nehmen das anders wahr. Wichtiger als die subjektive Wahrnehmung sollte bei der Beurteilung gesellschaftlicher Zustände der Verstand sein und wenn man den einschaltet, weiß man, dass es eine Gesellschaft ohne Drogen nicht gibt, dass der beste Umgang mit diesem Problem die Legalisierung von Drogen ist, bei allen Bauchschmerzen, und dass das wahre Problem im Lande der Alkohol ist. Ein kurzer Blick die Alkohol-Abgründe in und vor den Stadien und Kneipen dieser Republik mit all den Fußball-Troglodyten lässt den Wunsch aufkommen, dass das Artensterben auf der Erde umgehend und flächendeckend die Spezies Mensch mit einschließt.
Ein paar Stunden später setzte das nächste hysterische Gejaule ein: Bodo Ramelow hatte den Vorschlag gemacht, eine neue Nationalhymne einzuführen. Die BLÖD, das Zentralorgan aller Quartalsirren im Lande, bezeichnete in klassisch-pathologischer Projektion der eigenen Beklopptheit auf das Gegenüber das Vorgehen von Ramelow als „Irre“ und von ähnlicher Qualität war der Rest der Kommentare. Nicht einer kam auf die naheliegende Idee die Abschaffung der Nationalhymne zu fordern, als ein Zeichen gegen ausufernden Nationalismus, gerade vor der Europawahl. Warum erheben wir uns nicht bei feierlichen Anlässen und singen:
Alle meine Entchen
schwimmen auf dem See,
Köpfchen in das Wasser,
Schwänzchen in die Höh‘.

Jeder kennt Text und Melodie, anders als bei der Nationalhymne, und das Lied drückt doch ein tiefes Sehnen aus. Hand auf’s Herz, meine Herren (und Damen?), resp. ganz woanders hin: ist es nicht das, was wir alle mitunter innig wünschen „Schwänzchen in die Höh‘“!?
Aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.
Kommt mir das nur so vor oder kennzeichnet unsere aktuelle Gesellschaft ein permanenter Zustand von Empörung und Hysterie auch und gerade bei Lächerlichkeiten? Vermutlich um angesichts realer Probleme wie Spaltung der Gesellschaft, Klimawandel, Wohnungsnot etc. pp. nicht von Angst überwältigt zu werden? Denn Verstand als Voraussetzung für Lösungsversuche von Problemen ist ja offensichtlich ein verschwindender Rohstoff.
Außer bei mir natürlich.
Und wo bleibt das Positive? Hier mit meiner Lieblingsfundsache bei der Berliner Maidemo:

Wütender Mob.

08.05.2019 – Beschluss umsetzen


Fundsachen, die Freude machen. Gibt es beim Führen eines Rollators eigentlich eine Promille Grenze und was trinkt die gute Frau sonst noch am Tag? Mich hat nicht nur die Fundsache als solche gefreut, sondern auch die Tatsache, dass endlich mal jemand so im öffentlichen Raum reagiert, wie ich es auch tun würde. Gut zu wissen, dass man nicht allein ist.
Der öffentliche Raum respektive seine Aneignung durch die Bürgerinnen, ist eine entscheidende Grundlage für Demokratie überhaupt. Das, was der öffentliche Raum der Einzelnen an Teilhabe, Gestaltung, an Inbesitznahme ermöglicht, sagt viel aus über die demokratische Verfasstheit seiner Gesellschaft. Das wir uns in einer kritischen Phase des Spätkapitalismus befinden, lässt sich unter anderem an der zunehmenden Privatisierung öffentlicher Sphären ablesen, nicht nur des Raumes, sondern auch immaterieller, meist öffentlich-rechtlicher Verfasstheiten, wie Gesundheitswesen, Infrastruktur, Bildung, Wohnen etc. Die natürlich materielle Gestalt annehmen, mit der der Profit gemacht wird, wie: Krankenhäuser, Wasserwerke, Schulen, Häuser etc. Verschwindet der öffentliche Raum als res publica, als Sache der Bürgerinnen, wird auch Widerstand erschwert. Mir wurde in einem riesigen öffentlichen, wie ich glaubte, Raum mal für eine Kunstaktion zum Thema Wohnen Hausverbot erteilt, das durch schwarze Sheriffs eines Wachdienstes kontrolliert wurde. Es handelte sich um den Komplex des hiesigen Ihmezentrums, einer gigantischen, zerfallenden Großwohnanlage für tausende Menschen, mit Straßen, Plätzen usw., für die die Eigentümerin, eine Finanzinvestorin, die dann später Pleite ging, das komplette Hausrecht hatte. Was nicht nur in Häusern gilt.

Noch aber sind Demonstrationen wie die hier am 1. Mai am Brandenburger Tor möglich, wo ich mein Lieblings-Allzweck-Transpi entdeckte, bei dem ich vermute, dass es in dieser Form nur in Deutschland möglich ist, wo die Beschlusslage die Mutter aller Dinge ist. Ich werde sowas anfertigen lassen, von Künstlerinnen, und das zukünftig auf jeder Demo einsetzen.Passt immer.
Schönen Rest Ihres Lebens, liebe Leserinnen.

06.05.2019 – Faust in die Fresse


Satyr und Faun“ aus der Alfred Hrdlicka Ausstellung im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum . Hrdlicka – Motto „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus – war eine Art Rustikal-Radikal-Humanist und überragender Skulpturalist. Als der Obertrottel Wolf Biermann gegen den von den Nazis verfolgten Stephan Heym nachtrat, bezeichnete Hrdlicka ihn als „angepassten Trottel“ und auch sonst war sich der Mann für keine Raufhändel zu schade.
Anfang der Neunziger kaufte das hannöversche Sprengel-Museum den „Haarmann-Fries“ von Hrdlicka. Aufgrund massiver Kritik an dem vermeintlichen „Denkmal für den Massenmörder Haarmann“ verschwand das Werk jedoch bis heute im Depot des Museums.
Das erträgt der ehrenwerte hannöversche Bürgermob bis heute nicht, dass ihm ein radikaler Mensch und Künstler den Spiegel vorhält. Ist doch der Massenmörder Haarmann ihr Kind, als Ausgeburt der Hölle des ersten Weltkrieges, in den das Bürgertum mit Hurra und Tschingderassabum marschierte, in der Aussicht auf Beute und die wahre Größe Deutschlands. Die es ja dann mit Hilfe Hitlers ein paar Jahre später auch erreichte. Jeder, der in dieser Stadt an dem Trauma Haarmann rührt, erntet einen Proteststurm sondergleichen.
Keine Probleme hat der Bürgermob hier und anderswo dagegen damit, dass deutsche Waffen und deutsches Geld weiter in aller Welt mitmorden. Das Recht auf Beute in Form von Dividenden deutscher Waffenschmieden betrachtet er als Menschenrecht und wer wie Kevin Kühnert daran rührt, wenn auch in anderen Zusammenhängen, dem würden, zumindest zu Haarmans Zeiten, die Killer der Freikorps auf den Leib rücken. Heute erledigen das doitsche Betriebsräte, aber nur verbal. Seien wir also dankbar für zivilisierte Zeiten.
Solange es sie noch gibt.
Die Hrdlicka-Ausstellung war also Pflicht, ich war allein mit der Kunst und es war alles aufs Äußerste angenehm und gut.
Zurzeit bin ich allerdings auf Erlebnishunger und es brauchte danach etwas ganz anderes. Wingsuit-Fliegen, Survival-Durchquerung der Sahara nur mit einem Schweizer Armee-Messer oder ähnliches ist nicht mein Ding. Meine individuelle Dekonstruktion der alltäglichen Routinen und des öden Allerleis aller Tage, derer noch nicht Abend ist, besteht eher in der Zusammenführung vollkommen entgegengesetzter Welten, quasi von Antagonismen, Dinge, die einem in einer Art Kulturschock die Perspektive weiten und das Denken einer Veränderung unterziehen. Was z. B. am 1. Mai die revolutionäre Mai-Demo in Verbindiung mit dem Business Lunch bei Lanninger war, wurde am Tag der Hrdlicka-Ausstellung der nachfolgende Besuch des Imax-Kinos am Potsdamer Platz, wo man den Blockbuster „Avengers Endgame“ in 3 D gab.
Es war spektakuläres Überwältigungskino der grandiosen Art, ich saß zusammengefaltet in meinem Sessel und dachte jeden Moment, mir fliegt irgendeine Faust aus der Leinwand direkt in die Fresse.
Im Rausgehen überlegte ich, wie viele Menschen sich am selben Tag eine Hrdlicka-Ausstellung und einen Imax Film wie Avengers angucken.
Charmanten Start in die Woche, liebe Leserinnen.

05.05.2019 – Wo kauft Kevin Kühnert ein?


In diesem Laden in Kreuzberg ist Kevin Kühnert Stammkunde. Kaum hatte Kevin, der durchaus nicht allein Zuhause ist, mal was richtiges gesagt, sich stets auf dem Boden des Grundgesetzes in Form meiner Lieblingsparagrafen 14 und 15 bewegend, und darauf hingewiesen, dass die permanent leistungslose, obszöne Mehrung des Reichtums unter anderem der Familien Klatten und Quandt als BMW Mehrheitsbesitzerinnen nicht der Weisheit letzter Schluss sein könne, da ließ das Kapital seine zuverlässigsten Kettenhunde los, die sofort den Mond, den armen Kevin und alle, die es, so wie ich, nicht wissen wollten, ankläfften. Es handelte sich natürlich um die korrumpiertesten Gauner, die der Klassenkampf hervorbringt, um die Betriebsräte der doitschen Automobilindustrie, deren Gewerkschaft IG Metall ich das Missvergnügen und die Unehre habe, auch anzugehören. Der BMW-Betriebsrat Schoch kläffte also in die versammelten Mikrofone der abkommandierten Medien
„Für Arbeiter deutscher Unternehmen ist diese SPD nicht mehr wählbar“. Schoch vergaß die Wahlempfehlung für die AfD hinzuzufügen, aber das ist in seinen Kreisen vielleicht schon selbstverständlich.
Eins muss frau dem Kapital lassen: Blöd ist es nicht. Es hat gerade die Fraktion der früheren Arbeiterklasse mit der fettesten Kohle geschmiert, die immer noch die meisten Bataillone auf jenen Ort bringen können, wo Klassenkämpfe nun mal entschieden werden: auf die Straße. Facharbeiterinnen der doitschen Automobilindustrie verdienen mehr als der gemeine Stupidienrat, allein an Jahresprämien sind da regelmäßig mehrere tausend Euro fällig, und sie kommen im Regelfall in die Zone des beginnenden Spitzensteuersatzes, weshalb jede Partei, die über eine Erhöhung dieses Satzes auch nur diskutiert, die nächsten Wahlen vergessen kann. Betriebsratsvorsitzende wie der von VW verdienten per anno schon mal bis zu 750.000 Euro. Auch wenn das jetzt etwas weniger schamlos geregelt ist, wird das Kapital schon Wege finden, seine obersten Kettenhunde nicht darben zu lassen.
Ich ließ mich mit meinem fast juvenilen Elan des Klassenkämpfers von sowas nicht abhalten und hing auf der DGB Maiveranstaltung am Brandenburger Tor ab.

Rote Fahnen sieht man besser
Aber das Speise- und Getränke Angebot dort convenierte überhaupt nicht. Bin ich mit Herz, Kopf und Faust auch nah bei der Arbeiterklasse, gehören Gaumen und Magen eindeutig der Klasse der Unterdrücker.

Ich nahm also gen Mittag den Business-Lunch im Lanninger, wo es einen exzellenten Wegeler Riesling gab.
Derart gestärkt schwang ich mich auf mein Veloziped und strebte, unter bösartigem Hubschrauber-Geknatter, der revolutionären 1. Mai-Demo in Fuckhain entgegen. Allerdings waren gesamt Kreuzberg und Fuckhain derartig mit feierwütigem Partyvolk vom Myfest geflutet, in deren vollgekifften Augen nichts weniger glühte als revolutionärer Elan, weshalb ich leicht frustriert das vollzog, was der Fortschritt in letzter Zeit allgemein vollzieht: den Rückzug. Nächstes Jahr hänge ich mit Sicherheit bei der „Hedonistischen Internationalen Mai-Demo“ in Grunewald ab. Die einzigen Ismen, die ich schätze, sind nun mal Sozialismus und Hedonismus.

29.04.2019 – Entweder man hat eine Überzeugung oder man ist eine Wetterfahne.


Vortrag Andrej Holm zur Wohnungssituation beim Armutskongress von Parität, DGB und anderen im April in der Charité. Holm ist sicherlich jenseits des „Der Markt wird es richten blablabla“ der Experte schlechthin in Sachen Stadtentwicklung, Gentrifizierung und Wohnungsproblematik. Es war einer jener makellosen Vorträge, die mich an Gitarrensoli von John Fogerty erinnerten: Kein Ton zu viel, alles passte, klar und brillant.
Holm sieht ein bisschen aus wie der pummelige, unbeliebte Nerd, der beim Fußball immer als letzter gewählt wurde. Seine Biographie sagt allerdings anderes:
Er war MfS-Mitarbeiter. Die Stasi-Akte lobte Holms Standhaftigkeit, Mut und Klassenstandpunkt. Das kostete ihn 2017 den Job als Staatsekretär für Wohnen beim Senat von Berlin.
Nach der Wende wurde Holm keineswegs zur Wetterfahne, die ihr Karrieremäntelchen in den Renegaten-Wind hängte, was ihm mittlerweile ohne Zweifel eine Professur eingebracht hätte. Er engagierte sich in der „Marxistischen Jugendvereinigung Junge Linke“ und dem Oppositionsbündnis Vereinigte Linke. Später war er in der autonomen Hausbesetzerbewegung und in verschiedenen Stadtteil- und Mieterinitiativen aktiv. Und neben zahlreichen Publikationen war er aktiv im „Berliner Bündnis gegen Privatisierung“ und im „Netzwerk Privatisierung/Öffentliche Güter“.
Wir können davon ausgehen, dass Holm nicht nur am Schreibtisch saß, Literatur wälzte und den Griffel schwang.
Holm ist dezidiert für eine Stärkung des öffentlich-rechtlichen Wohnsektors, was Enteignungen beinhaltet. Er bezieht damit Stellung gegen rein profitorientierte Wohnungskonzerne, die in letzter Konsequenz als Folge ihrer Profitgier bei wachsender Obdachlosigkeit im wahren Sinn über Leichen gehen, nämlich die von erfrorenen Obdachlosen, die nach Mieterhöhungen von 60 oder mehr Prozent auf der Strasse landeten, und auch jener Menschen, die ihre Wohnungen nach extremen Mietsteigerungen nicht mehr angemessen heizen können. Auf dem Totenschein steht dann vielleicht: Herzversagen infolge chronischer Bronchitis und akuter Kreislaufschwäche. Aber jede, die ihren Verstand und ihre Moral nicht am Kleiderständer abgehängt hat, weiß, was die Ursache ist. Die Verantwortung hat einen Namen: Deutsche Wohnen, Vonovia.
Insofern ist Andrej Holm Teil der Lösung und nicht Teil des Problems und der pummelige Nerd hat eine Biographie, vor der ich sage: Chapeau.
Ich hoffe inständig, dass er als Referent zu unserem Fachtag „Alternativer Wohngipfel“ am 04.11 kommt, in der hannöverschen Marktkirche. Dann könnte im Prinzip alles andere suboptimal laufen und ich könnte mich trotzdem beruhigt zurücklehnen. Der Erkenntniswert wäre gesichert.
Zusammengefasst können wir am Ende der heutigen Unterrichtseinheit sagen: Entweder man hat eine Überzeugung oder man ist eine Wetterfahne. Es reduziert sich auf die Frage: Hast Du Eier? Wie das gegendert wird, weiß ich im Moment nicht und es würde auch nicht zur Überleitung zum Abschlussbild dieses Eintrags passen, dass ein Appell der antiklerikalen Fraktion des SCHUPPEN 68 für säkulare F-Eiertage ist:

Von: Hermann Sievers, genannt „Der Heide“.

28.04.2018 – Staatsfeinde, überall Staatsfeinde.


11 Euro Kaltmiete/qm. Bei mir umme Ecke. Das Verwunderliche ist nicht der Preis, sondern die Tatsache, dass es ein Angebot in Form eines Aushangs gibt. Der Regelfall ist das Gesuch, also die Nachfrage.
Ich habe hier vor 20 Jahren umgerechnet ca. 1,50 Euro bezahlt, bei einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft. Das war zwar eine Schlichtwohnung, allerdings mit Garten. Selbst wenn die Gesellschaft in der Zwischenzeit modernisiert und das auf die Miete umgelegt hätte, inklusive einer für kommunale Wohnungsbaugesellschaften handelsüblichen Mietangleichung, würde ich jetzt vermutlich keine 5 Euro pro Quadratmeter zahlen, wenn ich noch Mieter wäre.
Kommunale Wohnungsbaugesellschaft, Wohnungsgenossenschaft, private Vermieterin oder börsennotierter Wohnungskonzern wie Deutsche Wohnen: die Tatsache, wo man oder frau zur Miete wohnt, macht heutzutage den Unterschied aus, ob man oder frau nach Abzug der Kosten der Unterkunft unter die Armutsgrenze rutscht. Wohnen ist die zentrale soziale Frage und wird es absehbar bleiben.
Die Tatsache, dass der Reichtum auf der anderen Seite in unserem Land regelrecht explodiert, ist zu einem großen Teil auf den Wertzuwachs bei Immobilien zurückzuführen. Jede 70. Deutsche ist Vermögensmillionärin. Das bezieht sich nur auf mobiles Vermögen, sprich Aktien, Anlagevermögen, Gespartes, Bares, Gold, etc., also ohne Immobilien. Deren Verkauf oder Vermietung bildet die Basis für einen horrenden Zuwachs des mobilen Vermögens, neben Gewinnen aus Anlagevermögen,Unternehmensgewinnen und Steuerhinterziehung.
Dieser Prozess bildet die Grundlage des Kapitalismus, an der nicht gerüttelt werden darf. Die Eigentumsfrage, also unter welchen Umständen wer wie enteignet werden kann, darf unter keinen Umständen gestellt werden. Das wird sie allerdings in Sachen „Wohnen“, wo sich Initiativen zur Enteignung von großen profitorientierten Wohnungsbaugesellschaften breitmachen, aus der Not geboren. 1,2 Millionen Menschen sind wohnungslos und wer heute eine Wohnung in städtischen Ballungsräumen sucht, hat schnell ein existentielles Problem an der Backe. Das ist sozialer Sprengstoff.
Wer trotzdem Enteignungen fordert, ist ein Staatsfeind. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man das mediale Trommelfeuer beobachtet, dass die Medien derzeit gegen Enteignungen eröffnen. Das Kapital in Gestalt der Verleger und Medienbesitzer hat seine Agenten und Kettenhunde von der Leine gelassen, in Form von wadenbeißenden Redakteurinnen, die alles ankläffen, was nach Enteignung riecht. Dafür braucht’s keinen Erlass des Chefredaktörs, das macht die eigene Existenzangst von selber, dass da gegen alle Moral und Vernunft gekläfft wird, dass einem ganz albern wird, wenn man diesen gedruckten Müll liest.
Im Grundgesetz steht im Artikel 15: „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“
Dieser Artikel gehört zu den Grundrechten im Grundgesetz, sie sind als sogenanntes Derivat der Menschenwürde (Art. 1 GG) definiert, weshalb sie einen gewissen Ewigkeitsschutz genießen, soweit ihr „Menschenwürdekern“ betroffen ist. Und wer wollte bestreiten, dass Wohnen, eine abgeschlossene Wohnung zur eigenen Verfügung, ein Menschenrecht darstellt, dessen massenhafte Verweigerung eine Verletzung des Kerns der Menschenwürde darstellt.
Wer wie die FDP die Abschaffung dieses Artikels fordert, steht damit also nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Insofern ist die FDP eine verfassungsfeindliche Organisation und gehört vom Verfassungsschutz überwacht.
Das, teure Freunde, sind die wahren Staatsfeinde.

27.04.2019 – Seit 1968 Weltweit der erste


Sichtlich stolz nehme ich die Ehrung meines Lieblings-Japaners in Kreuzberg zu meiner Rolle als Mitbegründer des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 entgegen. Auch wenn “ … weltweit der Erste“ es besser getroffen hätte. Aber so isser halt, der Japaner.
Hinwiederum: bin ich dadurch reich und berühmt geworden? Ich bin höchstens, wie mir ein Künstlerkollege hinterwarf: Regional teilbekannt. Immerhin geht’s mir besser als van Gogh: Ich hab‘ noch beide Ohren am Kopf.
Wo auch sonst.
Man muss im Leben Prioritäten setzen. Ich hätte ja auch neben meinen Erwerbstätigkeiten mich nach Feierabend ins Kämmerlein setzen können und der Kulturproduktion frönen, wie Kafka, der tags der Fronarbeit bei einer Versicherung nachging. Und übrigens keineswegs nur darunter gelitten hat oder bitterarm war, wie die Rede früher ging. Ich hätte ja auch der Erwerbsarbeit entsagen können und mich nur der Kulturproduktion widmen, arm wie eine Kirchenmaus, was ja angeblich der Kunst förderlich sei. Siehe van Gogh. Dass mit dem „förderlich“ halte ich für kompletten Blödsinn, den sich gutbezahlte Feuilletonschreiberlinge aus den Fingern gesaugt haben, die keine Ahnung haben, wie zermürbend es ist, wenn man sich tagtäglich um die Grundlagen der materiellen Existenz das Hirn zermartern muss. Die Figur vom Künstler, der leiden muss, um Kunst schaffen zu können, ist insofern das passende Konterstück zu jener bürgerlichen Klischeevorstellung vom „Genie“. Beides, der Leidenskünstler als auch das Künstlergenie, sind pure Ideologiebegriffe, weil sie von den materiellen Bedingungen der Kunstproduktion abstrahieren.
Präzise auf den Punkt gebracht und mit Fakten unterfüttert ist das in dem großartigen Materialband „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ zum gleichnamigen Projekt von 2013 ff. Hier nachzulesen Materialband – Armut – Das ist doch keine Kunst!.
Dass der Band großartig ist, weiß ich aus erster Hand. Ich habe ihn von vorne bis hinten selbst geschrieben. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.
Ich musste den Band auch an dieser Stelle noch mal dokumentieren, weil wir ihn für eine PM benötigen, die demnächst zu einer famosen öffentlichen Intervention des ingeniösen SCHUPPEN 68- Künstlerduos Gleitze & Sievers erscheinen wird. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen. Es wird ganz excellent & exquisit.
Ich musste bei den Vorarbeiten für das Projekt und die PM feststellen, dass es keine Fundstelle für den Materialband mehr gibt, alle Internetpräsenzen mit dem Teil sind erloschen, defekt, whatsoever. Es ist eben einfach Arbeit, harte Kärrnerarbeit.
Wo ich doch lieber an einem korfiotischen Strand abhängen würde oder dem Müßiggang eines Berliner Flaneurs nachgehen auf den Spuren Walter Benjamins.
Letztlich besetze ich doch lieber das Fach des Bonvivants und Connaisseurs als das des brotlosen Künstlers. Und dafür braucht’s nach Lage der Dinge Erwerbsarbeit.
So komm ich also nie nach Hollywood oder Kassel (Documenta), sondern nur bis Berlin oder Korfu.
Macht auch nix. Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.