Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

17.09.2021 – On the road again


Heuer ist es deutlich voller auf Korfu als während der Hitze des Juli. Vermutlich weil der Engländer wieder reisen darf. Nachdem ich in der nur durch halsbrecherisches Kraxeln zu erreichenden kleinen Doppelbucht am Morgen ein paar beschauliche Momente genossen hatte, füllte gen Mittag ein steter Strom junger Leute den Strand. Ausgerechnet junge Leute. Wenn es etwas gibt, was ich noch weniger leiden kann als alte Leute, sind es junge. Von solchen im Mittelalter ganz zu schweigen.
Fluchend verließ ich den Ort. Und kam bei der ersten Wanderung vom Regen in die Traufe. Ich wandere lieber auf kleinen Straßen und Wirtschaftswegen als in der Natur. Da stehen meist nur Bäume rum, man sieht nichts und ich bin ja nicht Rübezahl.
War vor zwei Monaten noch allenthalben Ruhe auf den schmalen Wegen, nervten jetzt diverse Autos und meine größten Hass Objekte, diese vierrädrigen Motorräder, die selbst an Stränden und in Naturschutz Gebieten rumbrettern, natürlich mit jungen Leuten. Ich kriegte einen Tobsuchtsanfall, brüllte in den übelsten Schimpfworten , verschluckte mich, lief rot an und setzte mich erstmal am Wegesrand, um runterzukommen.
Unter infernalischem Klappern bog ein uralt R4 um die Ecke, zusammengehalten nur vom Staub der Jahrzehnte. Er hielt an. Es war der Althippie.
Ob ich einen Lift wollte. Ich dankte, nein, ich wollte lieber wandern. Er, besorgt, ich hätte so einen roten Kopf…Nein, meinte ich, alles ok. Und dass ich den Spirit des Wandern lieben würde. Er:“ That’s cool, man.“ Ich:“You are a good man.“ Wir machten beide das Peace Zeichen, er rumpelte davon, ich dachte an Jack Kerouacs „On the road“, meine Zeit on the road, für einen Moment erfüllte der Spirit die Insel und mich und alles war gut. Hört sich vielleicht kitschig an. Aber solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken. Die passieren nur on the road.

13.09.2021 – Die Messe ist noch nicht gelesen


Letzte Woche Straßen-Wahlkampf für die Linke bei der Kommunalwahl in Niedersachsen. Irgendwas muss man ja machen, auch wenn man nicht Mitglied einer Partei ist. Hat nix genutzt. Niedersachsenweit fiel die Partei von schlechten 3,3 Prozent auf miserable 2,8 Prozent.
Es ist schon faszinierend: Für ca. 40 Prozent der Bevölkerung ist das Leben ein täglicher Kampf, arm, erwerbslos, beschäftigt im Niedriglohnsektor, nach Zahlung der Miete unterhalb des Existenzminiums, keine Rücklagen, Schulden … die Zone des Prekariats beinhaltet viele Facetten.
In der Mitte der Gesellschaft, bei jenen ca. 40 Prozent, denen es noch commod geht, wächst die Angst vor dem sozialen Absturz.
Und was passiert mit der einzigen Partei, die das Thema Gerechtigkeit einigermaßen glaubwürdig wie eine Monstranz vor sich herträgt? Sie ist vom Verschwinden in der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit bedroht.
Was bringt Menschen dazu, derart massiv gegen ihre existenziellen Interessen zu denken, fühlen und handeln? Hoffnung auf die Wiedergenesung einer SPD als soziale Instanz? Darauf, dass es schon nicht so schlimm kommt, wenn es denn schon nicht besser wird? Auf einen Lottogewinn?
Wahrscheinlicher ist, dass die Maschinerie des Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten gnadenlos effektiv, wie der Kapitalismus nun mal ist, gewütet hat. Die ewigen neoliberalen Mantren, die von der Bewusstseinsindustrie unablässig in die Herzen und Hirne der Verdammten dieser Erde geprügelt wurden, wirken nachhaltiger als jedes „Om mani padme hum“:
Die Verantwortung für Dein Marktversagen liegt nur bei Dir. Bei uns kann es jede schaffen, wer es nicht schafft zu Reichtum, Eigenheim und zwei Autos, hat individuell versagt. Ihr, die hier eintretet in die Hölle des Kapitalismus, lasst jede Hoffnung auf Verbesserung oder gar Utopie fahren. Der Staat ist schlecht, der Markt ist alles. Wenn die Wirtschaft brummt, wird es mir auch eines Tages besser gehen.
Es ist unglaublich, wie sehr die Trickle-Down-Theorie bis in den letzten Winkel von sozialen Brennpunkten Verbreitung findet: dass der Wohlstand der Reichsten einer Gesellschaft durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert und zu Wirtschaftswachstum führt.
Jede Statistik belegt seit 30 Jahren, dass das Humbug ist. Trotzdem wird’s geglaubt, wie die Himmelfahrt Christi.
Fazit für die bevorstehende Bundestagswahl: die Messe ist noch nicht gelesen. Soo toll haben hier die Sozis nicht abgeschnitten und die CDU ist keineswegs untergangen, wie man den Umfragen entnehmen könnte. Die Grünen können sich in jedes gemachte Bett legen und für eins wette ich 5:1, Ihr Verdammte dieser Erde: Wenn es zu Jamaica kommt, dann wird es schlimmer.
Abteilung Mantra Nr. 2: Schuldenmachen ist böse. Die Schwäbische Hausfrau. Wir müssen den Wildwuchs in den Sozialausgaben bändigen. Der Staat muss schlanker werden. Wer gefördert wird, muss auch gefordert werden.
Viel Spaß noch in der Vorweihnachtszeit, liebe Leserinnen. Der Weihnachtsmann, garantiert ungegendert, wird’s schon richten.

11.09.2021 – Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit.


Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit. Schwestern gehen einen saufen. Auch wenn ich sie nicht übermäßig schätze, sind Sonnenblumen doch in der Morgensonne ein schöner Lichtverstärker, mit einer strahlenden Aura.
Welche Gesichter strahlen morgen, nach der niedersächsischen Kommunalwahl? SPD vermutlich, da kriegt manche totgeglaubte Karriere ungeahnten Rückenwind und der Mitgliederschwund dürfte auch erstmal gestoppt werden. Jede*r ist schließlich gerne bei den Siegern und eine SPD-Mitgliedschaft kann vielleicht doch noch förderlich sein beim beruflichen Vorwärtskommen, auf der Behördenleiter, in Gewerkschaften, Verbänden etc.
Wahrscheinlich strahlen auch die Gesichter bei unabhängigen Wählergemeinschaften und FDP, aber das war’s dann vermutlich auch. Die Partei-Kommentare für die Presse sind jetzt schon geschrieben, zwischen „Diese Wahl war ganz klar ein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahlen kann man nicht losgelöst vom bundespolitischen Geschehen betrachten.“ bis „Diese Wahl war natürlich kein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahl haben ihre eigenen Gesetze.“ Wenn etwas eigene Gesetze hat, sind es eigene Gesetze.
Eines der wenigen Wahlplakate von „Die Partei“, was mir heuer gefallen hat, war eins mit der Aufschrift: „Schluss mit Polemik und Floskeln: Packen wir’s an!“
Wer’s noch nicht gemacht hat und immer nicht weiß, was eigentlich ihre Interessen sind, hier der Link zum Wahlomat. Überraschend für mich, dass ich zu mehr Fragen als früher keine Meinung hatte und dass Sekten wie die DKP und die MLPD deutlich vor der SPD und den Grünen bei mir rangierten in der Übereinstimmung. Überraschungsfrei vorne mit über 90 Prozent Die Linke. Steckt in mir doch mehr Lenin als gedacht?
Sind so viele Fragen. Sonniges Wochenende und wählen Sie das Richtige, liebe Leserinnen, folgen Sie Ihrem Interesse.

09.09.2021 – Dachschaden


Flugi. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass man bei Impfverweigerung sich nicht nur irgendwann sicher die Seuche einfangen wird, sondern auch erhebliche Dachschäden davonträgt: Hier liegt er vor. Der Typ, der dieses Flugi auf der Unteilbar-Demo in Berlin verteilte, hatte schon auf der Erscheinungsebene was schwer Gestörtes, Tendenz zur Verwahrlosung, er wirkte getrieben, ja gehetzt, ein ins aggressive lappender, zorniger Gesichtsausdruck. Ein Fremdkörper unter den sonst eher sanft anmutenden Demoteilnehmenden (die schwarzgekleidete linksradikale Fraktion hönkelte zur gleichen Zeit im notorischen Kreuzberg/Fuckhain-Bezirk rum).
Beim Anblick des offensichtlich grenzwertig Gestörten wunderte ich mich, dass unter dem Druck der Seuche nicht viel mehr öffentliche, psychisch bedingte Gewalt passiert. Ich habe zwar schon länger den Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft zunehmend in diverse Fraktionen von durchgeknallten Zombies, verrohten Quartalsirren und andersbegabten Bekloppten zerlegt, aber zur Zeit scheint sich das wachsende Aggressionspotential noch überwiegend nach innen zu richten.
Wann schlägt der innere Wahn in äußere Aggression um? Welcher Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen, nachdem es jahrelang stetig volllief, mit Kränkung, Resignation, Einsamkeit, Wut? Wann schlägt politisches Querulantentum, wahnhaftes Sendungsbewusstsein in gefährliches pathologisches Verhalten um?
Am nächsten Tag wandelte ich fürbass auf einem Kunstmarkt in einer der feineren Gegenden Berlins. Zur gleichen Zeit verletzte ein paar Strassen weiter ein offensichtlich traumatisierter Afghane zwei Menschen mit einem Messer schwer, ihn störte, dass eine Frau öffentlich arbeitete. Da schließen sich eine Menge Fragen an, die nicht so einfach zu beantworten sind.
Es soll auch heute wieder heiter enden. Auf dem Kunstmarkt war auch ein Stand mit griechischen Ölen, deshalb verweilte ich kurz zum Betrachten. Und wurde animiert: „Probieren Sie doch mal.“ Nachdem ich schon dreimal vorher animiert wurde für irgendein Gedöns, lief das Fass bei mir über. Ich hasse sowas.
Ergo:
„Danke, aber ich mache gerade eine Nulldiät.“ – „Ach, wie sieht die denn aus?“ – „Ich esse nichts. Seit Jahren schon.“ – „Was?! Und das geht? Wie machen Sie denn das?“ – „Fotosynthese. Ich wandele Licht in Energie um“ – „Faszinierend. Dann trinken Sie also nur.“ – „Nein. Ich trinke auch nichts.“ – „Das geht doch gar nicht“ – „Doch. Osmose. Ich diffundiere das Wasser aus der Luft durch meine Haut, zurück bleiben nur die Schadstoffe. Dadurch hab ich mich auch so gut gehalten.“ – „Wie alt sind Sie denn?“ – „84.“
Ein paar Leute standen jetzt am Stand und hörten zu. Ich vernahm Geflüster: „84 …murmel…murmel.“ Aber keine sagte was in der Richtung: Das ist doch ein Witz. Oder: Dummes Zeug, was Sie da von sich geben.
Ich flanierte zum nächsten Stand und bedauerte zu einem wiederholten Mal, keine Sekte gegründet zu haben. Oder wenigstens Unternehmensberater geworden zu sein.
Kann ja noch werden.

09.09.2021 – Demonstrationen sind immer auch Simulation einer anderen Realität


Normalerweise von Tausenden Autos am Tag befahren. Leipziger Straße, Berlin, Unteilbar Demo vom 04.09.2021. Demonstrationen sind immer auch Simulation einer anderen Realität. Sei es dystopisch wie beim Sturm auf den Reichstag im August 2020, wo hunderte Nazis im Rahmen einer Querspinner-Demo auf den Treppen des Gebäudes vorab schon mal Probe-Fotos zu einem faschistischen Umsturzversuch lieferten. Oder utopisch wie oben, eine bunte, friedliche, entschleunigte Metropolen-Welt, von Autos befreit, in der Hochhäuser als Memento mori einer vergangenen Epoche dienen.
Nichts gegen Hochhäuser in der aktuellen Situation. Um der Wohnungsnot in Ballungsräumen zu begegnen, werden Hochhäuser eine andere Wertschätzung erlangen müssen als sie derzeit besitzen. Wir können ja durch Baumaßnahmen die Fläche nicht grenzenlos verdichten ergo vernichten. Jedem sein Einfamilienhäuschen mit Carport und Steingarten? Eine Schreckensvision. Und wir können auch nicht jedem eine kuschelige 100 qm Kiez-Altbau-Wohnung mit Stuckdecken garantieren (Ist sowas überhaupt noch en vogue? Zieht es die Hipsterin nicht eher ins Tiny House, die alternative Spießervariante des Einfamilienalptraums?)
Hochhäuser sind ja auch Reibungsflächen zum kollektiven Nachdenken über eine bessere Zukunft. Wie hier am Alexanderplatz mit dieser riesigen Dachinstallation

Allesandersplatz.
Wird nach der Wahl alles anders? Die zentrale Frage wird kurzfristig sein und ihre Beantwortung für die breite Masse eher unerfreulich ausfallen: Wer zahlt für die Krise? Nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte tippe ich mal auf die Kälber. Sie wissen schon (Achtung, Politkalauer!):
Nur die dümmsten Kälber
Wählen ihre Metzger selber.

Wir erinnern uns: Den größten Sozialraub der Nachkriegsgeschichte der BRD vollzog die rotgrüne Parvenü-Proleten Koalition (Parvenü Schröder, Prolet Fischer). Das Kapital hatte die Krise ausgerufen, Koch Schröder und Kellner Fischer wurden als Ausputzer engagiert und lieferten über alle Erwartungen: Die Riester-Rente legte die Axt an ein funktionierendes Rentensystem zu Gunsten der Versicherungswirtschaft, die Arbeitsmarktreform Agenda 2010 (federführend: cum-ex und Wirecard-Olaf Scholz) schuf den größten Niedriglohnsektor Europas mit extremer Ausweitung der prekären Zone und als Dreingabe kriegten Konzerne von Allianz bis Siemens mit der Befreiung von der Kapitalertragssteuer zig Milliarden geschenkt. Nur ein paar Beispiele.
Nun haben wir wieder Krise. Wenn die Linke nicht ins Parlament kommt, und das ist angesichts der Fehlerquoten der Kaffeesatzleserinnen von der Demoskopie nicht auszuschließen, kann es für Rotgrün reichen.
Geschichte ereignet sich nach Marx zweimal: Einmal als Tragödie, einmal als Farce.
Es bleibt zu hoffen, dass die Parvenü-Proleten Koalition von 1998 schon die Tragödie war.
Alles Kaffeesatz. Eins ist sicher: Heute wird es nochmal Sommer, der Wahlabend wird spannend und die Zeit danach eine für den Kampf.
Noch nicht mal bis Eins zählen kann er, der Chronist…

08.09.2021 – Über Spatzen, Pferdeäpfel und Demonstrationen


Am Rande der Unteilbar-Demo vom 04.09.21.
Spatzen, Ältere und Landbevölkerung kennen das Bild, picken gerne unverdaute Haferkörner aus Pferdeäpfeln. Ähnliches Verhalten ist auch auf jeder größeren Demo zu beobachten, wo jede Menge Spinner*innen die Gelegenheit nutzen, am Rande der Demo oder mitten drin, ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Sonst hört ihnen ja keine zu. Sie nähren sich am größeren Organismus. Das verleiht dem Geschehen eine durchaus unterhaltsame Note.
Jede Demo ist eine Inszenierung, ein Gesamtkunstwerk. Die Parallelen zum bürgerlichen Kunstwerk sind offensichtlich: Jede Demo ist ein Unikat, einmalig und in der Form nie wiederholbar. Es bedarf zu ihrer Inszenierung Kreativität, im Gegenzug setzt sie diese aber auch frei. Die besten Ideen und Impulse kriege ich auf Demos.
Im Akt der Konsumtion einer Demonstration und eines bürgerlichen Kunstwerkes wechseln sich Momente der Kontemplation und der Anspannung ab, Genuss und Einsicht, Erkenntnis und Entspannung, das sind Pole, die Beiden gleich sind. Beide sind Errungenschaften der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und ihre zivilisatorische Bedeutung ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Beide haben maßgeblich zu dem beigetragen, was zwingende Voraussetzung für unsere heutige Existenz als konsumfreudige Citoyens ist (wenn wir es uns denn leisten können): Bürgerliche Öffentlichkeit als Möglichkeit von Erfahrung und Entfaltung. Früher blieben Kunstwerke dem Feudalherren vorbehalten und Demonstrationen gab es nicht, sie fanden, wenn überhaupt, im Riot, im Aufstand des Plebs, statt, oder als revolutionärer Akt wie Bauernaufstände.
Beiden, Demonstration und bürgerliches Kunstwerk, ist also das gemein, was Walter Benjamin als Aura beschrieben hat: Ein flirrendes, transzendentes Wesen der Einmaligkeit, nicht reproduzierbar, das die Betrachtenden und Teilnehmenden in ihren Bann schlägt (auf die Vergleiche sind sicher schon andere gekommen, aber das recherchiere ich jetzt nicht, werd ja nicht bezahlt für das hier). Ein Rest Magie in Zeiten rasend rotierender Moderne.
Ich merke das, wenn ich mich dem Ort einer Demonstration nähere. Die Atmosphäre wird spürbar anders, bunter, je näher man kommt, lebendiger, lauter, mitunter macht sich eine gewisse Erregung bemerkbar. Wer eher Demo-inaffin ist, möge sich an das Geschehen vor und bei Konzerten erinnern, siehe auch Theater, Urlaubsorte …

Demo umme Ecke. Die Botschaft dieses Individuums auf dem Zettel rechts unten war so wirr, dass selbst ich als Experte für Allerschrägstes und Verpeiltes keinen Sinn erkennen konnte.
War die Demo ein Erfolg? Ich weiß es nicht, es ist mir auch ziemlich egal. Es war bunt, lebendig, lehrreich, erfahrungsgesättigt, anstrengend, eher Teil der Lösung als des Problems und am Ende der Demo in der Briefmarken-Weinbar an der Karl-Marx-Allee habe ich einen excellenten Weißen verklappt. Das Leben, die Politik und die Kunst finden nicht im Saale statt, sondern im Leben.
So weit das Motto der heutigen Predigt, liebe Gemeinde

02.09.2021 – Auftakt meiner Rote-Socken Kampagne.


Auftakt meiner Rote-Socken Kampagne. Der Lange Marsch fängt mit dem ersten Schritt an. Von Mao, aber solche Sätze machen sich auch gut zu Beginn von Seminaren etc. auf einem Board (Sagen Sie bloß nicht: Tafel. Da sind Sie gleich unten durch als Old School).
Unlängst musterte mich eine Frau bei einem meiner raren Ausritte in die City ein, zwei Momente, sprach mich dann an: „Gibt es eigentlich den SCHUPPEN 68 noch?“
Gute Frage. Ich wandte eines der ältesten Rhetorik-Stilmittel der Geschichte an (steht schon im Talmud): Um Zeit zu gewinnen, auf Frage mit Gegenfrage reagieren. Stufe zwei: In Verbindung mit Allgemeinplätzen, die vom Gegenüber positiv zurückgespiegelt werden können. In der Zwischenzeit überlegen: Was sach ich jetzt bloß?
Ich also: „Oh, wie schön. Wann und wo haben Sie denn zum letzten Mal von uns gehört? Und was soll ich sagen: Wir werden ja alle nicht jünger …“
Die Dame erzählte regelrecht begeistert von diversen Kunst-Veranstaltungen und Performances, auf denen sie bei unseren beliebten Quizfragen (Ich lege Wert auf Volksbildung) was gewonnen hatte und stimmte mir lebhaft zu, was das „jünger werden“ anging.
Ich war gerührt, solche Begegnungen kommen vor, aber nicht jeden Tag, und um den Langzeit-Fan nicht zu enttäuschen, stellte ich etwas in den Raum. An dem ich jetzt knabbere. Ich führte aus, dass die Medien nicht mehr so häufig berichten über SCHUPPEN 68-Aktivitäten, was stimmt, wir nicht mehr so aktiv sind, stimmt auch. Aber was in der Pipeline hätten (stimmt bedingt): Eine Aktion zur Wahl. In der City. Näheres aus den Medien.
Oje.
Was tun? Sowas wie zur letzten Kommunalwahl, Anti-AfD Aktion? Freibier zieht immer. Hm. Für sowas braucht’s Leute, Sitzungen, feuchtfröhlich. Wir werden aber, siehe oben, alle nicht jünger.
Mir fielen meine roten Socken ein. Zur Grundausstattung des Dandys als Klassenkämpfer gehören rote Socken. (Die hab ich das letzte Mal dienstlich getragen, bei einer Diskussion mit einer FDP-Gliederung. Mitunter schnitz ich mir meine Witze selber). Passt ja in die aktuelle Diskussion. Es vergeht kein Tag, an dem die Bürgerpresse nicht angstgetrieben ihre Klientel darauf hinweist, dass der Olaf-Scholzomat keinesfalls mit den Linken geht, sondern mit dieser abstrakten Option nur die FDP in eine Jamaica-Koalition erpressen will.
Glaubt die Bürgerpresse in ihrer Panik im Ernst, dass R2G sich am Grundgesetz orientieren, die § 14 und 15 heranziehen und zulässige Enteignungen durchführen würde? Die machen vielleicht Cannabis legal, führen Gendergedöns ein und stellen 160.000 Gleichstellungsbeauftragte ein, das war’s dann aber auch.
Ich komme an der Stelle nicht weiter.
Hier sitz ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!

Quizfrage: Woran orientiert sich dieser Vers? Für die ersten 10 richtigen Antworten gibt es ein Paar rote Socken.

01.09.2021 – #unteilbar – Für eine solidarische und gerechte Gesellschaft


Plan Demo-Aufstellung 04.09.2021.
Zitat Aufruf: „Wir alle sind jetzt gefordert, klar und #unteilbar zu zeigen, dass wir eine andere Gesellschaft wollen. Die Krisen unserer Zeit verlangen dringend unser gemeinsames Einstehen für Solidarität: Für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und konsequentes Handeln gegen die Klimakrise. Wir verbünden uns – so wie wir uns im „Aufbruch der Vielen“ 2015 und mit 242.000 Menschen bei unserer #unteilbar-Demo 2018 in der Zurückweisung des Rechtsrucks und für eine offene Gesellschaft verbündet haben. Zeigen wir unsere #unteilbare Solidarität, gehen wir am 4.9. wieder zusammen auf die Straße!“ Unter Beachtung der Hygienevorschriften.
Die Demo kriegt angesichts der zumindest theoretischen Möglichkeit einer Rote-Socken-Koalition R2G einen zusätzlichen Bedeutungsgehalt: Natürlich bietet sie – wieder – einen Überblick über den Stand von Basisdemokratie, Selbstorganisation und neuen emanzipatorischen Entwicklungen in unserer Gesellschaft, aber zusätzlich kann von ihr aus auch ein Impuls an die Basis von SPD, Grünen und Linke gehen, ihren Parteispitzen Feuer unterm Arsch zu machen für eine Koalition, die nicht vollkommen den Maßgaben des Kapitals unterliegt. Die Demo-Organisation hat ja im Aufstellungsplan oben schon zusammengefügt, was zwar nicht zusammengehört, aber besser ist als der Bundestags-Rest. Macht mir den linken Flügel stark.
Ich suche vergebens im Plan den Block UDOLIF, der Undogmatischen Linken Freigeister. Wo also einordnen? Wo die hübschesten Frauen sind, die coolste Musik, die exklusivsten Drinks? Wahrscheinlich macht GdL-Weselsky mit seinem Bahnstreik alles zunichte. Ich hab ja ein offenes Ohr für Streiks – war oft genug (na ja, ab und zu) selber an vorderster Front – und andere gewerkschaftliche Belange, wenn sie denn neben den egoistischen, ständischen Eigeninteressen auch zumindest einen Ansatz von, siehe oben, emanzipatorischem Gesamt-Denken pflegen.
Bei den Arschnasen von der GdL nichts dergleichen. Weselskys Verlautbarungen auf der PK zum neuen Streik strotzten nur so von neoliberalen Phrasen vom Bund der Steuerzahler: Die Bahn wird mit Milliarden Steuermitteln gepampert und die Chefs stopfen sich die Taschen voll, während der kleine Mann auf der Lok Kohl-Dampf schieben muss.
Solche Tiraden sind populistisch und zum Kotzen. Natürlich gehört die Bahn wie alle öffentliche Infrastruktur in Staatshand, dass bezahlte Spitzen-Angestellte (zu)viel Lohn kriegen, ist ärgerlich, aber bestimmt nicht das Verteilungsproblem in unserer Welt der Milliardenkonzerne und im Vergleich zu Lokführern werden die vielen oft migrantischen Arbeitskräfte der externen Reinigungs- und Dienstleistungsfirmen der Bahn tatsächlich mit Hungerlöhnen abgespeist. Davon kein Wort der GdL.
Hier sei ausnahmsweise der große autonome Steinewerfer Joseph Fischer abgewandelt zitiert: „Herr Weselsky, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch.“
Und, liebe Leserinnen, mal unter uns Ästhet*innen: Der sächsische Dialekt dieser Kreatur und der Pornobalken unter der Nase, das ist vollkommen degoutant und inakzeptabel.
Es bleibt dabei: Erscheinung und Wesen stehen in einem dialektischen Verhältnis. So wie sich einer gibt, so denkt er auch.

30.08.2021 –Wahlbeteiligung reduzieren!


Sozialer Brennpunkt oder malerisch-mediterrane Altstadt?
Im „XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte“ beschreibt Marx das von ihm so genannte Lumpenproletariat näher. Das Lumpenproletariat geht keiner geregelten Lohnarbeit nach und war damit für Marx, der selber keiner geregelten Lohnarbeit nachging, erledigt: kein proletarisches Klassenbewusstsein, unzuverlässig, reaktionär, als Bündnispartner nicht zu gebrauchen, eine Gefahr für die Arbeiterbewegung. Die Aufzählung dessen, was für ihn Lumpenproletariat darstellt, ist allerdings lebendige Literatur und Geschichte zugleich:
„ … zerrüttete Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschenspieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler …. „ (und natürlich die Bohème!)
Da kam es für ohnehin Ausgegrenzten und Prekären aus Sicht des Klassenkampfes gleich ganz dicke. Was sich bis heute wie ein roter Faden durch die Wohlfahrtsstaatlichkeit zieht: Der paternalistische Blick auf die „da unten“, die Armen, Prekären, für die man die Lösung ihrer Probleme parat hat, aber bitte ohne deren Beteiligung.
Das mit dem Sieg des Proletariats klappte nicht so recht. Im Staatssozialismus entartete das in die Diktatur einer Kaderelite und im Kapitalismus, also bei „uns“, ließ sich das Proletariat gegen ein paar Wohlstandsbrösel in Form von Urlaub, Auto, Eigenheim ruck zuck das Klassenbewusstsein abkaufen. Bevor Sie, liebe Wählerinnen, sich jetzt fragen, ob ich keinen Frisör hätte, dem ich das erzählen könnte, hier die praktische und traurige Nutzanwendung der Marxschen Analyse, die ebenso erbarmungslos hochfahrend wie gnadenlos richtig ist:
Die soziale Klasse des Lumpenproletariats existiert durch die Zeiten. Große Teile der Nazi-SA rekrutierten sich aus prekären Existenzen und erledigten die Drecksarbeit im Straßenkampf und den SA-Folterkellern zur Durchsetzung des faschistischen Terrors bis 1934.
Heute ballen sich die dergestalt Ausgegrenzten in sogenannten „Sozialen Brennpunkten“: das Dienstleistungs-Prekariat der Botenfahrer, alleinerziehenden Teilzeitbeschäftige in Handel, Gastronomie etc., Erwerbslose, Migrant*innen, Mini-Jobber*innen …. und demnächst auch Literaten und Bohème. Die können sich das Wohnen in den von ihnen kreierten angesagten Kiezen nämlich nicht mehr leisten.
Und hier, in diesen Sozialen Brennpunkten, erzielt die AfD ihre größten Stimmenanteile. Dahinter verbirgt sich die wieder gewachsene Wahlbeteiligung der letzten Jahre. Es gehen die wieder zur Urne, die sich sonst jahrelang enthalten haben, und machen ihr Kreuz bei den Neo-Nazis. Die AfD ist, ähnlich den Nazis, ein Elitenprojekt mit stabiler Verankerung im Lumpenproletariat. Nur nennen wir es heute nicht mehr so. Wir sagen „Andersbegabte“. Oder so.
Das Wahlverhalten ist verständlich, bei der Verachtung, die den ohnehin Abgehängten explizit oder subkutan seitens des Staates, der Gesellschaft, der Gewerkschaften, Verbände, Medien, Bürgertum und Linken entgegenschlägt. Für sie hat sich noch nie was geändert. Ab 01.01.22 gibt es drei Euro Hartz-IV mehr. Dafür diesem Staat die Stange halten? Dann lieber die Standarte der Neo-SA.
Verständlich, aber nicht akzeptabel. Also muss aktuelles Ziel eines antifaschistischen Engagements sein: Wahlbeteiligung reduzieren

29.08.2021 – Demnächst haben die Kommunisten das Sagen


Und dann werden sogar die Leerstellen zwischen den Wörtern zur Mangelware.
So ähnlich der anschwellende Bocksbeutelgesang in Teilen der Bürgerpresse angesichts einer sich abzeichnenden zumindest theoretischen Mehrheit für R2G. Ob mit derlei Volksfrontgebimmel noch ein paar Omas im Schwarzwald oder Fucking, Kissing und Petting in Panik zu versetzen sind, kann ich nicht beurteilen. Erstaunt hat mich das moralinsaure Andocken der obigen Kommunisten an Spießerparolen à la AfD. Der arbeitende Mensch. Kotz würg schrei jaul jammer. Als ob es neben Marx mit seinem Fetisch Arbeit nicht Leute wie Paul Lafargue gegeben hätte, mit seinem „Das Recht auf Faulheit“.
Das mit dem Sauftourismus finde ich auch ätzend. Wenn ich in den Einflugschneisen des hiesigen Partypöbels wohnen würde, der kotzend, kackend, kopulierend die nächtliche Öffentlichkeit des hiesigen Szenekiezes zu einer diskretionslosen Lärm-Terrorzone macht, hätte es schon diverse Blutbäder gegeben. Marx sei Dank wohne ich in einer Straße mit über 20.000 Autos pro Tag Durchgangsverkehr, ich hab meine Ruhe.
Aber warum müssen ausgerechnet Kommunist*innen (jedenfalls die fünf, die es in Hannover noch gibt) so auf diesem Fetisch „Arbeit“ rumreiten? Vermutlich, weil sie immer noch dem – bei aller Wertschätzung seiner Analysen – rassistischen und antisemitischen Vollpfosten St. Marx hinterhertrotten anstatt sich auf die Gedankenwelt des souveränen Freigeistes Paul Lafargue einzulassen. Mir waren Leute vom MSB Spartacus daher eher suspekt, obwohl sie im Zweifel richtiger lagen als der Rest der früheren Sekten (Falls zufällig jemand aus unserer damaligen AG (sic!) Stadtindianer den Blog liest, würde ich mich über eine Rückmeldung freuen. Würd mich schon interessieren, was aus denen geworden ist. Baghwan-Jünger? Grünen-Abgeordnete? IT-Spezialisten?)
Wenn es neben Kollegen, Verwandten und Nachbarn noch eine Plage der Menschheit gibt, dann ist es der arbeitende Mensch. Ich habe eine Liste von zweihundert Inschriften für meinen zukünftigen Grabstein. Seit Gründung dieser Liste unter den Top Five ist „Er hatte die Arbeit nicht erfunden“.
Ich darf gar nicht daran denken, wie viele Tage, Monate, Jahre ich mir mit sinnreduzierter Arbeit versaut habe, nur um genug Taler im Beutel für ein paar Weinpullen zu haben. Was hätte aus mir alles werden können, gäbe es die Arbeit nicht! Grünen-Abgeordneter, Sektenguru, weltberühmter Blogger ….