Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

23.01.2022 – Für etwas Besseres als zurück zur Normalität


Anti-AfD Demo Hannover, 22.01.2022.
Die allseits wabernde Seuchen-Sehnsuchtsphantasie „Endlich wieder zurück zur Normalität“ heißt nach der Lage der Dinge ja nichts weiter als zurück zu: Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich vertiefen, Klimakatastrophe weiter befeuern, dem Mob achselzuckend das Feld überlassen.
Etwas feinsinniger ging es auf der Anti-Schwurbler Demo am Wochenende davor zu

Von unserem Blogkorrespondenten (Vollständiger Vorname Armin der Redaktion bekannt).
Demos bei dem Wetter sind ja echt nicht der Brüller, man kriegts im Kreuz, die Nase läuft, mit Maske ist die Brille dauerbeschlagen und jünger werden die Bekannten, die man da trifft, wenn man sie überhaupt wiedererkennt, auch nicht. Aber abgesehen von der unbedingten gesellschaftlichen Notwendigkeit solcher Veranstaltungen sind sie ja auch Leuchttürme an Lebendigkeit in Zeiten ereignisreduzierten Dauereinerleis. Keine Reisen, kein Berlin, keine Konzerte, spärliche Restaurantbesuche gleichen dem in einem Hochsicherheitstrakt, gerne hätte ich z. B. die Premiere vom „Volksfeind“ genossen, aber mein Theaterkorrespondent, die große Zukunftshoffnung des deutschen Films, meldete 90 Prozent Belegung, also Danke, nein. Und über allen sozialen Kontakten schwebt, je nach Nähe, permanent die Frage: Ist das Gegenüber geimpft, geboostert und getestet? Es ist alles so zääääh und sämig, ermattend von innen her. Nichts geschieht und alles wiederholt sich.
Die ewige Wiederkunft des ständig Gleichen ist doch nicht nur eine philosophisch abgehobene Figur Nietzsches „Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins.“, sondern ein tagesaktuelles Seuchenproblem. Zumindest wenn man ein relativ buntes Leben hat(te) und nun auf Seuchenrituale zurückgeworfen ist. Dann erscheint einem eine Demo schon als siehe oben Leuchtturm eines „Ich spüre mich“.
In den Iden des März werden die Würfel fallen: Entweder wir gehen über sinkende Fallzahlen in der Open-Air Saison in die endemische Lage über, in der es heißen wird: Jeder ist selbstverantwortlich für Seuchenhygiene und die dann toten Impfverweigernden akzeptieren wir wie Verkehrstote, hier dann nur als Collateralschaden übermäßiger Dummheit. Was im Sinne Darwins für das Menschengeschlecht hoffen lässt.
Oder neue Varianten, Serotypen, Rekombinationen (Delta/Omikron z. B.) überrollen uns in ständiger Folge. Dann stellt sich die Frage: Bleibe ich die nächsten Jahre Zuhause sitzen, gelähmt, wie das Kaninchen vor der Schlange? Oder trotze ich den Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks? Und gehe raus ins Leben, volles Risiko. Natürlich unter Einhaltung aller Regeln, Dauergeboostert, mit Corona-Nasenspray im Rucksack und einem Zehnerpack Pfizer-Paxlovid. Was dessen Wirksamkeit angeht, glauben Sie nicht mir, liebe Lesende, sondern dem Markt. Die Pfizer Aktie hat in den letzten 6 Monaten, das ist der dafür relevante Zeitraum, um fast 40 Prozent zugelegt. Der Markt hat recht. Immer.
Das zumindest haben der Markt und ich gemein.

21.01.2022 – Worte des allmächtigen Autors


Dieses Plakat von 2010 hängt nicht bei uns im Hausflur, weil ich dem Schutzpatron aller Kinderficker so überragende Bedeutung für meine Existenz beimesse, sondern als Erinnerung an den wohl legendärsten Auftritt des ingeniösen Duos Gleitze & Sievers. An den Abend werden sich die Beteiligten noch auf dem Totenbett, ach, was sage ich, weit danach noch, erinnern. Und die „Gute Reise“ am Mitteilungsbrett wünscht nicht dem Zombie in der Kutte eine baldige Fahrt zur Hölle, sondern hat hausinterne Bewandtnis. Soviel zum Setting.
Nichtsdestotrotz ist dieses ästhetische Meisterwerk ein ewiges Fanal. Heuer vor allen Dingen für die Bürgerpresse, die sich angesichts des Dauer-Desasters für die katholische Kirche mal wieder derart in Nativitäten ergeht, dass es mich gruselt. Da gehen den Schreiberlingen Sentenzen von der Feder wie „Die katholische Kirche hat ein Problem“. Als ob nicht der dümmste Lümmel von der letzten Medien-Bank wüsste, dass die katholische Kirche das Problem ist. Wobei auch das nur die halbe Wahrheit ist. Das ganze Problem ist das Prinzip „Glauben“, das Nicht-Wissen, schlimmer noch: Nicht-Wissen-Wollen.
Glauben ist die ideelle Atombombe des Zeitalters der Aufklärung. Mit schlimmeren Folgen als jede bisherige Seuche. Ob Glaube an Götzen wie Gott, Buddha, Allah und weiß der Teufel, wie diese monotheistischen Phantasiegebilde noch heißen, oder die postmodernen Religionsersätze (Plural?) Astrologie, Homöopathie, Esoterik etc.: es geht immer um Nicht-Wissen, um ein Strukturprinzip, was sich der letzten Begründung entzieht. Ich kann akzeptieren, wenn Menschen, die von der rasenden Moderne überfordert sind, Zuflucht und Trost in Irrationalität suchen. Die Eine glaubt, der Andere säuft. So what, jedem Tierchen sein Pläsierchen, oder Bierchen. Nur bleibt’s ja dabei nicht. Mit diesem Un-Sinn wird, siehe Seuche aktuell, ja die Gesellschaft geflutet und vergiftet, wie nicht nur auf „Spaziergängen“ zu beobachten. Da wird munter gegen jede Evidenz geglaubt, dass Corona nicht existiert, wie eine Grippe ist, Impfen Massenmord, Bill Gates der Satan usw. usf., und das als Gesellschaftsmodell gepredigt.
Glauben ist Mord an der Vernunft. Dieses strukturelle Problem nicht zu thematisieren, ist der Skandal hinter dem Skandal, den die Bürgerpresse zu benennen sich scheut wie der Teufel das Weihwasser, weil nach wie vor die Pfaffenlobby einen unfassbaren gesellschaftlichen und ökonomischen Einfluss hat. Stattdessen wird auf irgendwelche Kinderfickerschutzpatronenwürste in Tuntenklamotten wie Ratzinger, Marx, Wölki eingeprügelt. Wie billig.
Lagerfeld hat mal gesagt: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Abgesehen davon, dass eine Gesichtsbaracke wie der verblichene Schneidergeselle Lagerfeld mit ästhetischen Urteilen eher zurückhaltend sein sollte, muss es richtig heißen: Wer glaubt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
Worte des allmächtigen Autors.
Amen. So wahr mir Göttin helfe.

16.01.2022 – Das Prinzip Hoffnung


Nach Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, einem ikonischen Werk aus den Siebzigern.
Im Widerstand wähnen sich heutzutage viele Impfverweigernde, Coronaleugnerinnen, Antisemiten von „Die Basis“, Hardcore Nazis, ein breites Bündnis von Demokratiefeinden, das sich auf den Straßen immer mehr breit macht, aktuell bei Spaziergängen. Ihr Sympathisantensumpf reicht bis in Medien, Kultur, staatliche Institutionen, der Sumpf nährt sich aus der Mitte der Gesellschaft, dockt an lange vorhandene emotionale Defizite und vom Kapitalismus deformierte psychopolitische innere Kontinente an.
Novak Djokovic, endlich ausgewiesen, steht da paradigmatisch. Das neoliberale Dogma des erfolgssüchtigen „Ich, Ich, Ich“ könnte als Logo auf seinem Sporthemd prangen, brutaler Sozialdarwinismus, rücksichtslos andere gefährdend, blinde Flecke, was Solidarität angeht. Der Impfverweigerer kennt nur sich. Und da liegt eine kleine Hoffnung für die zukünftige Entwicklung begründet: Dass sich dieses Bündnis nicht zu einer breiten, nachhaltigen sozialen Bewegung formiert, mit charismatischen Führungspersönlichkeiten, identitätsstiftenden Symbolen, kollektiven Ritualen.
Es ist nicht zu leugnen, dass durch das massenhafte Auftreten des von mir oben geschilderten breiten Bündnis mehr als der erste Schritt zu einer sozialen Bewegung gemacht ist, nun aber im Gegensatz zu den Klassikern wie Arbeiter*innenbewegung, Frauenbewegung, Ökologie ein genuin antiaufklärerisches, mit ausgeprägt faschistischen Elementen. Das aber, was die klassischen sozialen Bewegungen am Leben gehalten hat, allen Widerständen zum Trotz bis hin zum faschistischen Terror gegen das Beispiel Arbeiter*innenbewegung, was ihr Nährstoff schlechthin war, vor aller Ideologie, ist Solidarität.
Was jedoch das Bündnis der Antiaufklärer, der Demokratiefeinde auszeichnet, ist nicht Solidarität, sondern Kumpanei des Straßenmobs, kein Ehrgefühl, sondern kriminelles Verhalten, keine Utopie des Kollektivs, sondern nur die Dystopie des scheinbar grenzenlos freien Individuums, keine Ratio, sondern Wahn und Aberglauben. Was zählt, ist das „Ich“.
Dazu reicht ein Blick in die Parlamente, was das Verhalten der AfD Mitglieder untereinander dort angeht, Hauen und Stechen, Betrug, Niedertracht, Hass, Terror etc. Zusammengehalten wird der AfD-Mob von den fetten Pfründen und einem diffusen Hass auf das System.
Es bleibt also zu hoffen, dass nach einem möglichen Übergang in die Endemie das Bündnis aus den geschilderten Gründen zerbröselt, den Bindungskitt verliert, sich in Segmente zerlegt. Was wegen möglicher Terroraktionen gefährlich ist. Aber wachsender Dauer-Terror, getragen von einer nachhaltigen sozialen Bewegung, da sähe ich schwarz für die Demokratie in ihrer jetzigen Form.
Und wenn wir schon bei der Hoffnung sind: Virologe Drosten macht Hoffnung auf ein Leben wie vor der Pandemie.
Alles wird, wenn schon nicht gut, so doch besser.

15.01.2022 – Vom Anthropozän zum Pandemozän


Neulich vor meiner Tür. Ebola-Ausbruch? Mord und Totschlag? Kaputte Gasleitung? Auch wenn es nicht Kreuzberg ist, ein bisschen Leben ist immer hier im Viertel und so nahm niemand weiter zur Kenntnis, als ich angesichts der mich während des Einkaufs erreichenden schlechten Nachricht spontan und laut fluchte: „Scheiße!!“ Der Karneval der Kulturen in Berlin fällt zum dritten Mal hintereinander Pandemiebedingt aus.
Nachvollziehbar. Allerdings hatte das für mich über den Nachrichtengehalt hinausgehenden, frustrierenden Symbolcharakter. Bis dato war dieser Termin für mich eine Art Leuchtfeuer in trüben Zeiten gewesen, Hoffnung am Horizont, Land in Sicht, irgendwann ist wieder normal. Dieser Symbolgehalt drehte sich nach der Absage. Nun schien mir das frühere Leuchtfeuer der Hoffnung eher wie ein Menetekel, eine flammende Leuchtschrift, die nichts Gutes verheißt. Ein oder zweimal Absage ist ok, das sind Ausrutscher, nichts, was man nicht korrigieren könnte. Aber dreimal? Dreimal ist der Beginn von Kontinuität, da setzt der Regelfall ein. Wer weiß, ob es den Karneval in der bekannten Form absehbar (jemals?) wieder geben wird? Den Veranstalter*innen ging ähnliches durch den Kopf, schreiben sie doch in ihrer PM: „…. gemeinsam mit allen Akteur*innen und denen, die es werden wollen, eine neue Vision für den Karneval entwickeln…“ Karneval der Kulturen zukünftig per Zoom?
Es zeichnet sich zwar für OmiKorn Hoffnung am Horizont ab, leichterer Ansteckungs-Verlauf (wie auch immer der für Ungeimpfte aussehen mag), aber was kommt danach? Endemie? Oder nie? Oder Alpha 2.0? Delta im Quadrat? Vogelgrippe für alle, die Natur gibt einen aus? Zur Erinnerung an den letzten, noch sehr begrenzten, Ausbruch: Da sterben am Influenza-A-Virus H1H5 vulgo Vogelgrippe von 861 Infizierten 455. Wenn der sich mit einem Erreger von Humangrippe kreuzt, ist das, was wir jetzt erleben, gesellschaftlich gesehen eine Kuschelsituation….
Ich schob mein Einkaufswägelchen vor mich hin, nun nur noch innerlich fluchend wie ein Kutscher, und ein gruseliger Gedanke in Form einer brillanten Formulierung schoss mir durch den Schädel: Markiert dieses Menetekel des Karnevals den Übergang vom Anthropozän zum Pandemozän? Also von jenem aktuellen Zeitalter, in dem der Mensch der beherrschende Faktor der biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ist, hin zu jenem, in dem die Pandemien die Herrschaft übernehmen?
Sofort hatte ich gute Laune ob dieser, wie ich hoffte epochemachenden, Formulierung. Ich googelte sofort „Pandemozän“, ob da nicht irgendein Schlauberger mir zuvorgekommen war. War natürlich. Mist.
Aber nur einer! Auf Twitter.
Das gildet eh nicht. Ich bin also aktuell dabei, Gebrauchsmusterschutz für den Begriff „Pandemozän ®“ anzumelden. Dann verdiene ich mich an der Seuche dumm und dämlich. Alles wird gut, auch ohne Karneval.
Narhalla Marsch und Tusch und fröhliches Wochenende, liebe Lesende.

11.01.2022 – Weil Du arm bist, musst Du früher sterben


Prof. Gerhard Trabert beim Politiktalk der Landesarmutskonferenz. . Manchmal gibt es sie doch noch, Nachrichten über die ich mich freue. So wie die, dass Gerhard Trabert zum Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl von der Partei Die Linke nominiert wurde.
Er will damit auf die Situation von Armen und Ausgegrenzten aufmerksam machen: „Es geht nicht um mich. Es geht mir um die Menschen, für die ich mich engagiere“. Wenn es jemanden gibt, dem die Phrase „Es geht nicht um mich“ abzunehmen ist, dann Gerhard Trabert. Ich habe im Laufe der Jahre viele sozialpolitische Akteure kennengelernt und diese Szene ist, wie jeder andere gesellschaftliche Bereich, auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ich habe allerdings nie jemanden getroffen, bei dem Kompetenz, Engagement und öffentliche Anerkennung so wenig persönliche Eitelkeit produziert haben wie bei Trabert. Immer freundlich, zugewandt, ein überaus angenehmer Zeitgenosse, der sich nie in den Mittelpunkt drängt. Wenn ich da an andere denke – zumeist Männer …
Das fehlt mir wirklich in dieser vermaledeiten Seuche: Der persönliche Kontakt zu Leuten wie Trabert und Veranstaltungen wie unser Politik-Talk, wo wir mit Expertinnen aus verschiedenen Armutsbereichen ins Gespräch gekommen sind mit Besucher*innen im ka punkt, einem Treffpunkt für Menschen mit wenig Geld der katholischen Kirche in der City von Hannover.
Bleibt: Daumendruck für die BuPrä-Wahl, dass Gerhard vielleicht ein, zwei Stimmen aus dem rotschwarzgrüngelben Lager erhält, als kleines Zeichen. Immerhin war der jetzige Präsident mal Bürobote bei Gerhard Schröder und in der Folge federführend verantwortlich für die Agenda 2010. Vielleicht erinnern sich zwei, drei Leute in der Wahlversammlung mal daran, wer für was für eine Gesellschaft steht. Viel Hoffnung habe ich nicht. Aber die stirbt ja als letztes.
Ich versuche mich gerade zu erinnern: Wann hat irgendein führender Repräsentant des Landes das letzte Mal den Begriff Armut in den Mund genommen? Wenn Ihnen, liebe Leserinnen, was Sachdienliches einfällt, lassen Sie es mich wissen.
Der vormalige Bürobote Steinmeier hat übrigens als Student bei der ehrenwerten linksradikalen Zeitschrift Demokratie und Recht mitgearbeitet, die von der Ostzone finanziert wurde.
Return on Investment sieht anders aus. Kein Wunder, dass das mit dem Sozialismus nix wurde.

09.01.2022 – Gschichten ausm Seuchenstadtl.


Ihmezentrum 05.01.2022. Sieht aus wie die verlassene Kontrollstation eines Straflagers nach der Apokalypse: Eine verheerende Seuche hatte 2025 die Menschheit weitgehend vernichtet und die Städte verfielen schnell.
Was mich an den Berichten zum Ihmezentrum wundert: Die Tatsache, dass der Klotz irgendwann – zeitnah? – bei der Kommune landen könnte und die Stadt dadurch auf Jahre in ihrer Investitionsmöglichkeit eingeschränkt ist, vielleicht Gebühren erhöht werden müssen, spielt medial nach meiner Kenntnis keine Rolle. Wo doch sonst z. B. die hiesige HAZ hysterisch hyperventilierte, wenn sich irgendwo am Horizon auch nur die Wahrscheinlichkeit abzeichnete, dass die öffentlichen Hände die Neuverschuldung erhöhen müssten. Nirgendwo sonst hat die HAZ-Besatzung vom Praktikanten bis zum Chefredaktör schreibend zuverlässig den Willen der Verleger im vorauseilenden Gehorsam erfüllt wie bei den Forderungen nach Schuldenbremse, Steuersenkungen und Deregulierung. Der Quark wurde so lange breitgetreten, bis auch der Dümmste in der Redaktion, und derer waren und sind Legion, merkte, dass das nicht nur nicht der Weisheit letzter Schluss ist, sondern sogar ökonomisch kontraproduktiv.
Nur beim Ihmezentrum herrscht das Medien-Prinzip Bretterwand: Völlig vernagelt.
Haben Sie, liebe Leserinnen, sich mal gefragt, warum Novak Djokovic nicht alle Saiten auf dem Schläger respektive Latten am Zaun hat? Öfter mal den Schläger an die eigene Denkmurmel geknallt? Erblich bedingte Geisteskrankheit? Des Rätsels Lösung: Der Mann hängt der Aberglaubensrichtung serbisch-orthodox an, Markenzeichen: religiöser Fanatismus, nationalistisch, ultrareaktionär und schwerst verschwörungstheoretisch unterwegs.
Bei der Beerdigung des an Corona (orthodoxe Lesart: Gibt es nicht, Teufelswerk, Beten hilft, wer sich impft, fährt zur Hölle) gestorbenen Unwürdenträgers, den Mad Novak so innig liebte, trafen sich tausende, ohne Masken, und küssten den Leichnam, woraufhin sich Teile der restlichen Führungsgarde auch gleich infizierten. Mögen sie zur Hölle fahren. Mir ziemlich wumpe. Mich gruselt nur bei dem Gedanken, dass derlei Wahn im Europa des 21. Jahrhunderts kein Einzelfall irgendwo im fernen Land der Skipetaren ist, sondern maßgebliche gesellschaftliche Träger dieses Wahns wie Serbien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina EU-Beitrittskandidaten sind. Als ob chronisch korrupte oder faschistoide Gebilde, bei denen das Staatswesen oft in den Händen von Mafiabanden ist, wie Rumänien, Bulgarien, Ungarn nicht schon schlimm genug wären.
Nachher gehe ich in die Kirche, zünde eine Kerze an und werde beten: Liebe Göttin, lass 2025 werden. Aber verschone mich dabei, denn siehe, ich bin einer der Gerechten.

07.01.2022 – Das nicht beliebig vermehrbare Gut Gesundheit ist mir zum Zocken doch zu schade


Hannover Ihmezentrum, 05.01.2022. Ausbaufähiges Objekt in aufstrebender Umgebung mit Potential zu verkaufen.
So würde ich das als Makler anbieten. Brecht hat über die Bankenbranche mal gesagt: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank…“. Da kannte er die Immobilienbranche noch nicht, die eine Art neuzeitliche Seuche ist. Aber zurück zu klassischen Seuchen. Die erste intensive Seuchen-Recherche, die ich betrieben habe nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, war die nach dem Aerosolverhalten in Flugzeugen und Zügen. Ich hab sofort den Braten resp. Tofu gerochen, dass Corona meine Reisen massiv beeinträchtigen könnte. Ich wollte Klarheit über die gleitende Wahrscheinlichkeit einer Infektion in einem Flugzeug, in dem zwischen 0 und 100 Prozent aller Insassen bei Reisebeginn infiziert sind, wenn der Flug zwei Stunden dauert. Da spielen noch andere Parameter eine Rolle außer dem Aerosoloverhalten, wie Impfstatus, Hygieneverhalten, Alter und Herkunft der Insassen etc. pp., aber mir ging es um eine Annäherung. Jedes öffentliche Verhalten in Seuchenzeiten gleicht einer Wette über die Wahrscheinlichkeit einer Infektion. Ich bin Zocker von hohen Graden, wenn es nur um Kohle geht, halte ich jede Wette.
Fast. Aber das nicht beliebig vermehrbare Gut Gesundheit ist mir zum Zocken doch zu schade. Gestern fand ich einen schönen in-vivo-Beweis zum Aerosolverhalten, anschaulicher als alle Studien und Computersimulationen. In Indien sind 70 Prozent aller Fluggäste einer Chartermaschine positiv auf Corona getestet worden. Beim Abflug in Italien waren alle noch negativ. Selbst unter Berücksichtigung der Sensitivität von Tests ist das eine Quote, bei der ich geschluckt habe. Und keinen Portwein.
Dann doch lieber Wetten mit Bodenhaftung. Ich habe eine laufen mit einem Freund und Connaisseur über eine Flasche Vintage Port, was das Beste ist, das einer Weintraube widerfahren kann. Meine Wette: Die nächste Pandemie, ergo die Ausrufung einer epidemischen Notlage von nationaler Tragweite, kommt vor dem 31.12.2025. Die andere Seite hält dagegen.
Nun gibt es für einen Dandy, der in der postmodernen Variante eher eine Frage der inneren Einstellung denn einer stutzerhaften Kleidung ist, einen ehernen Grundsatz: Spielschulden sind Ehrenschulden und unter allen Umständen einzulösen, und wenn es den rechten Arm kostet.
Meine Lebensplanung sieht vor, dass ich 109 werde. Aber man weiß ja nie, und wie gewährleiste ich daher die Einlösung einer verlorenen Wette, noch post mortem? Doch nur, indem ich mein Testament ändere. Und schon sind wir bei den letzten Dingen.
Also diese Seuche geht mir langsam echt auf die Eier. Ich geh mal in meinen Keller und gucke nach einem Gegenmittel. Am besten Portwein. Passt schon. Ich trinke ja nicht gern im Hellen, und wenn ich zum Fenster rausgucke, 7.30 Uhr: Stockdunkel.
Prost

06.01.2022 – Kriminelle Vereinigungen


Bröselnder Beton Ihmezentrum, 05.01.22, mit Resten meiner Intervention zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin am 20.03.2020. Die taz schrieb darüber:
„Beispielsweise hängen die finster schwärmenden Zeilen (Gedicht „Hälfte des Lebens“ d. A.) nun im urinösen Klima neben Bauzäunen an bröselndem Beton des Ihme-Zentrums, der monströsen Stadtentwicklungssünde Hannovers und eine der größten deutschen Bauruinen.“
Das Ihmezentrum war für mich offensichtlich ein herausragender genius loci, fanden da laut meinem Presse Archiv doch im Lauf der Jahre mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Aktionen, Performances und Interventionen statt. Am anderen Ende von Hölderlin war der „Weltrekord für den kürzesten Karnevalsumzug der Welt“
Hammer jelacht. Das Lachen dürfte allerdings den Bewohner*innen des Ihmezentrums ebenso vergangen sein, wie es dem Kämmerer der Stadt Hannover vergehen wird, wenn die Folgelasten dieses kriminellen Investorendramas auf das Stadtsäckel durchschlagen. Wenn das Ihmezentrum kommunalisiert wird. Too big to fail, den Klotz kann man nicht verfaulen lassen. Es gibt übrigens keinen Leerstand dort, die Menschen leben dort gerne und die katastrophale Wohnsituation in Ballungsräumen tut ein Übriges.
Mein Vorschlag: Offensiv rangehen, das Unvermeidliche akzeptieren. Wir befinden uns im Vorwahlkampf zur Niedersachsenwahl am 09.10.22. Wohnen wird, neben der Seuche, das zentrale Thema. Die Landesarmutskonferenz fordert, mit dem DGB und anderen, seit Jahren eine Landeswohnungsbaugesellschaft. Die Grünen sind mit im Boot, die SPD hat sich dem nach langem Widerstand angeschlossen, die CDU und FDP natürlich sind kategorisch dagegen (die Linke ist natürlich auch dafür, ist aber dabei, auch in Niedersachsen in der Bedeutungslosigkeit zu versinken). Das wird ein Milliarden Projekt und nichts hindert Hannover daran, die Integration des Ihmezentrums in eine zu gründende Landeswohnungsbaugesellschaft zu fordern, im Rahmen einer Kooperation mit kommunalen Trägern. Das Land wird Hannover natürlich was husten, mit den Kosten als Klotz am Bein an den Start zu gehen, das tut sich Rotgrün dann bestimmt nicht an. Aber die Stadt Hannover wäre endlich in der Offensive und hat das Land als Mitschuldigen für das sich anbahnende kommunale Haushaltsdesaster in Mithaftung.
Ich sollte Politikberater werden.
Einen hab ich noch:

Den Begriff „Heuschrecke“ würde ich heute, da antisemitisch konnotiert, nicht mehr verwenden. Heute würde ich derartige Investoren als das bezeichnen, was sie sind: kriminelle Vereinigungen.

05.01.2022 – Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.


Ihmezentrum. Planerische Visionen oder Visionen auf Planen? Das Ihmezentrum in Hannover ist die wahrscheinlich größte innerstädtische Baustelle, manche sagen Ruine, in Deutschland, die noch flächendeckend bewohnt wird. Ein riesiger Wohnkomplex, ca. 860 Wohnungen mit annährend 2.500 Bewohner*innen im Stil des Brutalismus der 70er Jahre, siehe auch Märkisches Viertel, gibt’s in fast jeder Großstadt. Seit vielen Jahren wird das Objekt von Investor zu Investor weitergereicht. Das Prinzip: Mieteinnahmen kassieren, große Zukunftsvisionen versprechen, nichts investieren, Öffentlichkeit hinhalten, Fristen nicht einhalten, Gewinnbringend verscherbeln, im Zweifel Insolvenz anmelden, um nicht haftbar gemacht zu werden. Das geht solange, bis die Zitrone ausgequetscht ist und der Bau droht zusammenzubrechen. Seit 2010 kein nennenswerter Baufortschritt.
Ich komme täglich an dem Komplex vorbei, außer Planen vor die Fassaden zu hängen, findet da praktisch nichts statt. Kein Baulärm, paradiesische Ruhe. Der Klotz erinnert mich an einen kaputten Zahn, der von unten her wegfault. Aktueller Eigentümer ist Lars Windhorst, dem man schmeichelte, würde man ihn einen windigen Gesellen nennen. Am 04.01.22 schreibt die HAZ zur Causa: „Erneut hat offenbar das Projektentwicklerteam von Eigentümer Lars Windhorst eine entscheidende Frist bei der Sanierung des Ihme-Zentrums verstreichen lassen. Bis Jahreswechsel hätten Mietverträge mit Einzelhandelsgeschäften oder Gewerbetreibenden für mindestens 9000 Quadratmeter Nutzfläche unterschrieben im Rathaus vorliegen müssen. Das ist nach Auskunft der Verwaltung nicht der Fall. Auf Anfrage der HAZ zu dem Sachverhalt war der Vertreter des Eigentümers, Carsten Grauel, ganztägig nicht zu erreichen.“
Ich habe mir die Mühe gemacht, mit ein paar Mausklicks zu recherchieren. Die oben auf der Plane aufgeführte Alexus Immobilien Management hat ihren Sitz in Berlin, Malvenweg 128. Ein Privathaus, am Arsch der Welt, kurz vor dem Müggelsee.

Malvenweg 128
Der Internetauftritt www.Alexus-immobilien.de sieht aus wie vom Praktikanten zusammengeschustert. Null Referenzprojekte, der eigene Firmenname mehrfach falsch geschrieben:
ALEXUS IMMOBILIEN MANAGMENT! Realisierte Projekt-Fundstellen im Internet: 2017 ein Aldi-Markt und 2014 Stattdessen mehrfach eine 12seitige Strafanzeige einer ehemaligen Mitarbeiterin, bei der sich, bei aller Skepsis, einem die Haare sträuben. Dass derartige Fundstellen von der Alexus-Gang nicht umgehend aus dem Internet geklagt wurden, spricht Bände.
Da überrascht es nicht, dass das Ihmezentrum als Referenzprojekt bei keinem Beteiligten zu finden ist, weder beim Eigentümer-Vertreter Grauel noch beim Ansprechpartner für Vermietungen Timm. Wer schmückt sich schon gerne mit einem Projekt, von dem er weiß, dass es vermutlich reif für die nächste Insolvenz ist.
Prima facie, Anscheinsbeweis? Juristisch vielleicht nicht, aber nicht nur Frieda Normalverbraucherin dürften sich die viel zitierten Haare sträuben. Ob allerdings die Causa gerichtsnotorisch wird oder nicht, früher oder später landet der Komplex eh beim Steuerzahler, getreu dem Motto: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.
Ich werde ein paar regionale Medien und die Stadt informieren und halte Sie auf dem Laufenden. Vielleicht kommt mal jemand auf die Idee, zu recherchieren, am Malvenweg 128. Ich bin bei meinem nächsten Tripp zum Müggelsee auf jeden Fall vor Ort.
p. s.: schon 2009 hatte ich gefordert: Ihmezentrum raus aus Linden. Und ein paar Tage später ein Kaufangebot für den Schuppen unterbreitet: Kaufangebot Ihmezentrum. Lindenspiegel 03-2009. Über meine zahlreichen anderen Aktionen zum Ihmezentrum informiere ich Sie, liebe Leserinnen, zusammen mit dem Fortgang dieses Lehrstücks aus dem Kapitalismus.

03.01.2022 – Dem Flaneur ist nichts zu schwör.


Seit Corona gehe ich häufiger zu Fuß, aus verschiedenen Gründen und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wobei gehen unpräzise ist. Synonyme und präziser sind u. a.: marschieren, schlendern, promenieren, schleichen, bummeln, hinzu kommt Artverwandtes wie wandern, walken etc. pp.
Konstituierend für den Kapitalismus sind nicht Maschinen oder Ideologien, sondern ist Bewegung. Stillstand wäre da der Tod, es muss immer schneller, weiter, höher gehen, rasender. Deshalb war die Muße verflucht, bis sie als Heilmittel zur Selbstoptimierung für den Produktionsprozess erkannt wurde. Müßiggang war früher aller Laster Anfang, die Faulheit eine Todsünde und auch heute noch ist staatlich anerkannt verflucht, ergo Hartz-IV-Sanktionen unterworfen, wer sich dem Erwerbsprozess entzieht.
Wir haben wahrscheinlich mehr Begriffe für Bewegung und den Sonderfall „gehen“ als die Eskimos für Schnee. Gehen findet fast immer Geschwindigkeitsoptimiert statt. Wenn wir in der Stadt gehen, tun wir dies meist mit annähernd Höchstgeschwindigkeit unterhalb der Schweiß-Grenze. Beim Wandern fordern wir diese heraus. Man muss sich nur mal Quartalsirre, mit starrem Blick auf neue Rekordzeiten, anschauen, die mit Maximalspeed durch die Wälder powern, oft an irgendwelche Körperüberwachungsgeräte gebunden, leider nicht an Intelligenzoptimierer, die ihnen einflüstern: Mach mal langsam, genieß es. Qual ist der Genuss des Leistungswilligen und Schweiß sein süßer Lohn. Wie oft, liebe Leserinnen, haben Sie beim Wandern Menschen einfach stehen, liegen, gucken, also in Nicht-Bewegung gesehen? Selten dürfte noch übertrieben sein. Im Urlaub findet das schon eher statt, da dient es der Muße, also siehe oben, oder dem Sammeln von Eindrücken, was auch wieder funktional ist und zweckgerichtet, dient es doch der Erfahrung und Ästhetik-Pflege. Climax all des Irrsinns: Laufbänder, da sind die Bekloppten ganz bei sich, gerne auch im Fitness-Center in Gemeinschaft. So wird Individualität zur Lachnummer, unterscheidbar nur im Schweißband.
Jede pathologische Entwicklung fordert Gegen“bewegungen“ (Sic!) heraus. Auf Marx, der Arbeit als Fetisch regelrecht vergötterte, folgte sein Schwiegersohn Paul Lafargue mit dem Recht auf Faulheit und gegen die im Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts zum Exzess getriebene Verachtung des Müßiggangs entwickelte sich der Flaneur, der planlos umherschweift und schauend genießt. Hatte er im 19. Jahrhundert noch Dandycharakter, der gesehen, wahrgenommen werden wollte (es gab Flaneure, die sich ihr Tempo mittels einer mitgeführten Schildkröte vorgeben ließen, was natürlich Aufmerksamkeit erregte), tauchte der Flaneur des 20. Jahrhunderts in der Maße unter. Was macht den Flaneur des 21. Jahrhunderts aus? Das herauszufinden wird meine Hauptaufgabe für das kommende Jahr in Berlin sein. Wenn das planlose Umherschweifen und schauende Genießen per Rad als Flaneur-Parameter für das 21. Jahrhundert akzeptabel ist, war ich da auf einem sehr guten Weg. Das Umherschweifen war interessanterweise auch Kriterium für die Stadtindianer, die mir von allen Kaspertruppen der radikalen Linken die liebste war. Da fügt sich eins zum andern.