Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

03.10.2022 – Wenn zwei große Köpfe aufeinandertreffen, kann es trotzdem schon mal hohl klingen.


Schild an der Bar Vereinszimmer, gegenüber Wasserfall Kreuzberg im Viktoriapark, an dem ich in Berlin täglich vorbeikomme. Das einem Metropolendesign völlig konträre Schwarzwaldambiente dort ist für mich im Vorbeiflanieren nach wie vor einen Moment des kontemplativen Nachfühlens und inneren Grinsens wert. Das Ganze passt so überhaupt nicht zusammen, dass es eine Freude ist. Außerdem ist es eine Labsal, in den Dauerbrüllendheissen Sommern die Füße ins kühle, sprudelnde Nass zu halten.
Heuer hat’s sich was mit Nass. Vor Monaten hat laut Medien eine Ratte in der Pumpstation ein Kabel durchgenagt und jenseits aller Wassersparmaßnahmen hat es die Stadtverwaltung bis heuer nicht geschafft, das Kabel zu flicken und Wasser in Marsch zu setzen.
Ob die Medien das richtig kolportiert haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumal die zurzeit vollauf mit Precht-Welzer Bashing beschäftigt sind. Die beiden Groß- und Querdenker haben eine Medienschelte unter dem Titel „Die Vierte Gewalt“ veröffentlicht, in der sie den Medien unterstellen, dort würde mainstreammässig immer in die gleiche Richtung geschrieben, eine stromlinienförmige Meinung und Ansicht verbreitet, weil Journalistinnen dem Mainstream verinnerlicht hätten und sich an Leitwölfen orientieren würden. Paradebeispiel Ukrainekrieg, wo Precht und Welzer eine dissidente Meinung veröffentlicht hatten, nicht dem bellizistischen Mainstream folgend. Dafür wurden sie ebenso niedergemacht wie natürlich für ihre Medienschelte, die gerne auch unter die Gürtellinie tritt.
Ich habe das Buch nicht gelesen und zwei, drei Medienkommentare reichen mir, kennste zwei, kennste alle. Natürlich haben die Beiden recht. Nur aus den falschen Gründen. Die von ihnen geschilderte Gleichförmigkeit der Meinungen und Ansichten, mit graduellen Unterschieden zwischen z. B. „FAZ“ und „Welt“ einerseits und „Zeit“ und „Spiegel“ andererseits, hat als Hauptursache sicher nicht, auch richtige, sozialpsychologische Gründe, wie Herdentrieb, Orientierung am Leitwolf etc. pp. Die Hauptursache, und an deren Erkenntnis scheitern unsere zwei Groß- und Querdenker notwendigerweise, weil sie in ihrer bürgerlichen Ideologie gefangen sind, liegt in der Meinungsfreiheit. Hä?
Wir haben Meinungsfreiheit. Jede Journalistin hat die Freiheit, die Meinung ihres Verlegers zu vertreten. Tut sie das nicht, ist sie über kurz oder lang ihren Job los. Und das in harten Zeiten. Ergo haben dieses Diktum seit Jahrzehnten Legionen von Schreiberlingen verinnerlicht respektive, und das ist viel schlimmer als schierer Opportinusmus, hat jahrzehntelange auch mediale Zurichtung ihrer Köpfe dazu geführt, dass sie die gleichen Interessen wie ihr Verleger vertreten. Obwohl sie im Zweifel aus der Klasse des Prekariats kommen oder demnächst dort landen werden. Während ihr Verleger zur Klasse des Kapitals gehört. Ist er souverän, lässt es seinen Domestiken auch schon mal Sachen durchgehen wie „Der Markt muss jetzt aber mal echt reguliert werden und gezügelt.“ Im Zweifel gilt aber natürlich die Generallinie. Wie z. B. „Eigentum ist unantastbar.“
Sie, liebe Leserinnen, werden daher in 95-99 Prozent aller Medien niemals nachhaltig lesen können, dass es eine unglaubliche Schweinerei ist, dass z. B. unser kostbarstes Gut, die Gesundheit, der Börsenspekulation und den Gesetzen des neoliberalen Marktes unterliegt, dass wir also Börsennotierte Krankenhauskonzerne besitzen, dass wir immer mehr Krankenhäuser dicht machen müssen, weil „es sich nicht rechnet“, dass die Beschäftigten dort aus Gewinnmaximierungsgründen sich kaputtschuften etc. pp., Und das ergo das Gesundheitswesen wie das Energiewesen, das Bildungswesen, das Verkehrswesen komplett in staatliche Verwaltung gehören.
Oder habe ich da was überlesen? Also das Verdienst unseres rebellischen Duos ist, das Richtige zu sagen, aus den falschen und unzureichenden Gründen.
Wenn zwei große Köpfe aufeinandertreffen, kann es trotzdem schon mal hohl klingen.

02.10.2022 – Wir sind im Krieg


Berliner Mauer am Brandenburger Tor. Foto von 1971 mit meiner Drohne.
100 DDR-Flüchtlinge wurden zwischen 1961 und 1989 beim Versuch zu fliehen hier erschossen oder verunglückten tödlich.
3.100 Menschen starben 2021 beim Versuch über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen.
Am Vorabend des Tags der deutschen Einheit. Angesichts des aktuellen langen Marsches der Geschichte in das Ungewisse einer kalten Dämmerung lohnt sich ein kurzes Innehalten und Nachdenken über Mythen, die mit der deutschen Einheit und dem Fall des Eisernen Vorhangs verknüpft sind. Ein viel gepriesener Mythos ist der vom unblutigen Ende des Ostblocks beim Fall des Eisernen Vorhangs (sieht man mal von Rumänien ab).
Das kann im Ernst nur behaupten, wer ein historisches Ereignis losgelöst von seinen dadurch ausgelösten Konsequenzen betrachtet. Der Fall der Sowjetunion war weitgehend unblutig, hatte aber als direkte Konsequenz eine Kette von Kriegen der neu entstehenden Nationen und Ethnien des zerfallenen Reiches untereinander sowie von blutigen Militärinterventionen des zunehmend imperialistisch agierenden Russland, wie im Bürgerkrieg in Tadschikistan mit bis zu 150.000 Toten. Die Tatsache, dass das hierzulande kein Schwein interessierte, heißt ja nicht, dass es nicht Realität ist.
Als direkte Folge vom Zerfall des „Reich des Bösen“ löste sich Jugoslawien ab 1991 auf und die entstehenden Teilstaaten hatten nichts Besseres zu tun, als sofort im völkischen Wahn übereinander herzufallen, mit weit über 100.000 Toten in einer Kette von Kriegen. Unblutiges Ende?
Es gab Gewinner und Profiteure der Einheit, es gab Verliererinnen. Die Redlichkeit gebietet, die ungesungenen Verse dieses Epos ins bessere Licht jenes Theaters zu rücken, das wir Weltgeschichte nennen. Und jedes Theaterstück hat ein Ende. Welches Ende hat das derzeitige Schmierenstück, dessen Prolog 1989 aufgeführt wurde?
Helmut Kohl, bis auf die Knochen korrupt, aber nicht blöd, war damals vehement gegen den Untergang vom Reich des Bösen, nicht aus moralischen, sondern aus geopolitischen Gründen. Zitat:
„… Der Christdemokrat hielt damals einen Untergang der UdSSR für eine »Katastrophe« und erklärte, wer das anstrebe, sei ein »Esel«. Als Esten, Litauer und Letten aus der Sowjetunion drängten, befand Kohl entsprechend, sie seien auf dem »falschen Weg« und sollten sich lieber gedulden. Er dachte wohl an eine Dauer von zehn weiteren Jahren. Auch die Ukraine sollte am liebsten im Sowjetimperium bleiben, vorerst zumindest, um deren Bestand nicht zu gefährden. Als das nicht zu machen war, setzte Kohl auf eine Konföderation der Ukraine mit Russland und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken …“
Vielleicht steht in den Schulbüchern der 2030er, wenn es dann noch welche gibt: „Die atomaren Kriege ab 2023 nahmen ihren Ausgang 1989.“
Da wir laut Lauterbach im Krieg mit Putin sind, ist der Soundtrack für Heute „Eve of destruction“: If the button is pushed, there is no runnin‘ away.
Übrigens gefällt mir das heutige Brandenburger Tor auch besser, mit Feiern ohne Ende, wo jeder ungestraft seinen Senf dazugeben kann

30.09.2022 – Mit Gott, Familie, Vaterland sicher in den Untergang


Tankstelle Kreuzberg, Mehringdamm, Dragonerareal, weiteres Gentrifizierungsprojekt bei mir umme Ecke. Ich sehe mich nächstes Jahr schon in Marzahn, wenn unsere Hütte verkloppt ist.
Gibt schlimmeres. Die Tankstelle dürfte fast 100 Jahre alt sein, jetzt ist ein LPG-Biomarkt drin. Die älteste Tankstelle Deutschlands stand in Hannover, hat nächstes Jahr tatsächlich 100 Jahre Geburtstag und war von offensichtlich surreal-atemberaubender Schönheit. Interessant die Argumente gegen die Installation der Tankstelle damals: „ … so gibt es doch gewisse Dinge, an die auch die bitterste Not nicht herankommen darf ….“.
Das erinnert strukturell an Diskussionen gegen die Einführung von TV, PC und Handy, aber auch gegen die Einführung von Auto-Sitzgurten, Nichtraucherkneipen und Gendersprache. Sowas hat immer hyperventilierendes an sich, der Untergang des Abendlandes steht jedes Mal vor der Tür in diesen Kulturkämpfen.
Pillepalle. Der Untergang der Welt, wie wir sie kennen, steht wegen ganz anderer Dinge wenn schon nicht vor der Tür, so doch hinter der übernächsten Ecke. Wobei wir leider nicht wissen, welche das ist. Eine jener Ecken ist aber sicher der in unterschiedlichen Varianten und Intensitäten grassierende Faschismus in Europa. Hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang dominiert die klerikalfaschistische Variante des „Für Gott, Familie, Vaterland“ der orthodoxen Kirche, der Talibanvariante des Christentums. In Italien ist das der Katholizismus. „Für Gott, Familie, Vaterland“ war schon das Credo von Mussolini, auch von Franco. Die mörderischste Faschismusvariante, der Nationalsozialismus, transzendierte den Aberglauben an Gott in „Für Führer, Volk und Vaterland“. Blöd waren sie ja nicht, die Nazis, Gott und Fammillje trauten sie zu Recht nicht über den Weg.
Die säkularen Varianten des Faschismus finden wir unter anderem in Schweden und Frankreich. Grundsätzlich schwellen die ideologischen Ausprägungen von Faschismus wie Rassismus, Antisemitismus, Chauvinismus, Frauenverachtung, Homophobie, Minderheitenhass überall in Europa an und werden zum Höhepunkt der Krise, wenn die Rezession voll durchschlägt, einen Sprengsatz für die Demokratie bilden.
Bei „uns“ sind die gesellschaftlichen Verhältnisse zivilisierter. Noch. „Wir“ können auch, anders der Rest, mal eben über Nacht mit einem Federstrich 200 Milliarden locker machen für soziale Wohltaten, um den Zorn der Volksgenossinnen zu bändigen und zu verhindern, dass der Mob im Winter Barrikaden baut, Mollis schmeißt, Jagd auf Schwule und Nichtweiße macht, Synagogen anzündet, etc. pp. Was eindeutig schlecht fürs Geschäft wäre. Das bisschen AfD, 10 Prozent demnächst in Niedersachsen, verkraften wir schon, oder?
Ich traue der bürgerlichen Mitte hier keinen Fußbreit doitschen Bodens über den Weg. Wenn es ans Eingemachte – das bisschen Wohlstand auf dem Konto – geht, ist die zu jeder Schandtat bereit. Der Mob ist bereits jetzt schon derart Gewaltaufgeladen, dass die Stadt Schwerin ihren Ordnungsdienst mit Schusswesten ausstattet. Und Teile der Eliten lauern doch nur drauf, ihre teilweise Bändigung nach der Niederlage des Faschismus wieder aufzuheben. Den ideologischen Zement für sowas rührt die Tuntenklamottenfraktion der hiesigen Kinderficker um Wölki et. al. an, die noch heute noch dem Volkssport der Hexenverbrennung frönen würde, wenn sie nicht durch die Aufklärung ein wenig in ihrem Tatendrang gezügelt worden wäre.
Mitte, Mob, Elite, was für ein Dreiklang.
Fazit: Keine Ahnung, wohin die Reise geht, eins aber ist klar wie Kloßbrühe:
Mit Gott, Familie, Vaterland
sicher in den Untergang

27.09.2022 – Atomkrieg und Faschismus


Makellos geschwungene Theke im legendären Kreuzberger Gretchen Club.

Makellos swingende Bläser dort.
Ich sollte über die wachsende Gefahr eines Atomkriegs schreiben, nach Putins verzweifelter Teilmobilisierung. Weiss einer der schlauen Kommentatoren hierzulande, wie der Mann wirklich tickt? Sicher nicht, also tickt die Uhr.
Ich sollte über wachsenden Faschismus in Europa schreiben, nicht nur in Schweden und Italien. Das Kleinbürgertum, heute würde man sagen „untere Mittelschicht“, das als Folge der Weltwirtschaftskrise Ende der Zwanziger verarmte, bildete das Schwungrad für den Erfolg der Nazis. Heute sind wieder weite Teile der Mitte vom sozialen Absturz als Folge multipler Krisen bedroht.
Über all das sollte ich im Schreiben meine Gedanken ordnen, als Prozess einer Präzisierung.
Ein ander Mal. Zeit für Düsternis bringt der trübe Gevatter Winter noch genug. Heute soll der Gretchen Club gepriesen werden als Ort wundervollen musikalischen Geschehens.

Und der goldene Hahn, SO 36 Mythos. Woselbst ich unlängst ein alkoholisches Feuchtgetränk verklappte. Alle rauchten, die Luft verhinderte selbst Nahsicht, alle waren sturzbetrunken, die Mehrzahl schien Drogen zu frönen, deren Namen ich vermutlich noch nicht mal kenne, und zwei Stammgäste, geschätzte 20 Jahre Knast, fixierten mich so hasserfüllt, als ob sie überlegten, mir auf der Toilette einen Bierseidel über den Schädel zu ziehen. Es war wie eine Zeitreise in frühe Jahre, als der Besuch übel beleumundeter Spelunken zum Alltag gehörte.
Ich fühlte mich mopsfidel.
Scheiß auf Atomkrieg und Faschismus. Für Heute.

24.09.2022 – Die Macht der Bilder


Aktion 22.09.22 vor dem niedersächsischen Landtag mit riesigem, leerem Einkaufswagen, in dem normalerweise Autohäuser ihre Karren präsentieren. Damit wurde die verzweifelte Situation vieler in ein Bild umgesetzt, die im Winter die Wahl haben werden: Hungern oder frieren. Im Gegensatz dazu standen daneben ein paar kleine Warenkörbe Hartz-IV 2.0.

In der ursprünglichen Warenkorbversion 1.0 waren wenigstens noch Spaghetti und Tomatensoße. Bei Preissteigerungen von 180 Prozent und 70 Prozent für Beide seit Anfang 2020 fällt selbst das flach.
Starke Bilder, fürwahr. Die Eingeladenen waren alle da, die Spitzen der demokratischen Fraktionen im Landtag und Sozialpolitiker*innen, Medien, LAK Mitglieder, von Armut Betroffene und alle kamen ins Gespräch miteinander, die Sonne schien, alles klappte, niemand wurde überfahren, was ein schlechtes Bild auf mich als Verantwortlichen geworfen hätte und über mein Angebot an die Jungs von der Verleihfirma, dass es mir 50 Euro extra wert wäre, wenn sie den Einkaufswagen in den Dienstwagen von MP Stephan Weil (Plenum im Landtag, alle waren da) rollen lassen würden, weil wir dann in die Tagesschau kämen, wurde herzlich gelacht.
Kaum meine ich mal was ernst, kommt es auch wieder nicht an. Die Presse berichtete umfangreich und brachte unsere Forderungen in die Öffentlichkeit. Man muss sich mich als zufriedenen Menschen vorstellen.
Bis auf eine winzige Kleinigkeit. Die Bilder waren offensichtlich so stark, dass sie unsere Inhalte regelrecht kannibalisierten. Sie liefen jenseits unserer Aussagen, Forderungen etc. für sich medial. In den NDR Abendinfos hieß es lapidar: Ein riesiger leerer Einkaufswagen als Protest vor dem Landtag. Und der Wagen mehrfach aus verschiedenen Perspektiven. Der Warenkorb ikonisierte sich quasi, tauchte als dpa-Version in diversen anderen Zusammenhängen und Artikeln auf, ohne Rückgriff auf den ursprünglichen Kontext.
Künstlerpech? Eher eine Praxislehrstunde über die Macht der Bilder. Wir leben in einer durch und durch visualisierten Welt, zumal im digitalen Zeitalter. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Papier ist geduldig und kommt im Zweifel in die Rundablage P. Papierkorb. Niemand liest mehr zusammenhängende Texte von mehr als einer Seite. Was übrigens im Normalfall das Maß dieser Blogeinträge ist.
Weswegen unsere heutige Vorlesung über die Macht der Bilder hier endet, mit der Empfehlung an alle, die irgendwas in eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit transportieren wollen: Investieren Sie Ihr Hirnschmalz nicht in Texte, sondern dampfen Sie Ihre Message in ein Bild ein. Die nächste Vorlesung erfolgt mit Praxisbeispielen über: Der macht die Bilder. Männerphantasien Teil 1.

21.09.2022 – Abenddämmerung der Geschichte


Abenddämmerung am Meer mit einem Glas Tokajer, dem Wein der Könige, König der Weine. Wir wissen nicht, ob die Welt, wie wir sie kannten, gerade in der Abenddämmerung der Geschichte versinkt und welche Welt dafür dann am Horizont wieder aufscheint. Wenn man die Kommentare der letzten Zeit liest, spricht manches dafür. Und absehbar wird sich eine Flut endzeitlich gestimmter Ratgeber über den Markt ergiessen: „Kopf hoch beim Untergang.“ „Armageddon? – Ohne mich!“ „Wohin, wenn alles zusammenbricht- 10 Tipps für Aussteiger.“
So Zeug.
Sollte der Untergang aber so aussehen wie im Bild, wäre zumindest ästhetisch alles im Lot. Literatur-Tipp für heute: wir lesen die Geschichte von Frau Lot.

16.09.2022 – Der Trend geht bergab und mir zumindest wird schlecht.


Genug ist genug! Kundgebung 14.09.22 in Hannover.
Wer daran glaubt, dass sich beim Klimaschutz irgendwas zum Besseren wendet, die glaubt auch noch an die Weihnachtsfrau. Immer mehr Autos, nicht ein Hauch von Prozessumkehr. Der Trend geht zum Drittwagen. Alles wird gut? Eher schlecht.
So auch die Demokratie in der EU. Neofaschismus in Schweden, Italien vor der Regierungsbeteiligung, Frankreich Grusel-Le Pen, die Trusse in Großbritannien tickt ähnlich, fast alles, was hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang ist, trägt den Stempel „Scheiternde Demokratien“. Das haben sogar die Penner in Brüssel gemerkt und Ungarn den Demokratie Status abgesprochen, also ist alles offensichtlich schlimmer als befürchtet. Deutschland eine Insel der Glückseligen?
Na ja, der Zustand der Zivilgesellschaft, die gemeinhin als aufgeklärt und gefestigt gilt, lässt zumindest mich daran zweifeln. Angesichts der dramatischen Situation im bevorstehenden Winter, wo es für Millionen um die Frage geht: Hungern oder Frieren? sollte man meinen, dass sich fortschrittliche Massenproteste, Kundgebungen, Demos auf den Straßen etablieren. Zumal wenn man bedenkt, für was für einen Verschwörungs- und Coronaschwurbler-Müll sich heutzutage Massen öffentlich artikulieren. So sollte es also selbstverständlich sein, dass die Sturmgeschütze der Zivilgesellschaft, alle Gewerkschaften und Wohlfahrtsverbände für Kundgebungen mobilisieren, die zu mehr sozialer Gerechtigkeit aufrufen und sich für die Demokratie einsetzen, natürlich in scharfer Abgrenzung gegen Rechts, Verschwörungstheorien, Rassismus, Antisemitismus.

NP, 15.09.22
In der Realität waren es bei der ersten Kundgebung der Art im Westen der Republik, in Hannover die IG Metall, Verdi, GEW und NGG, neben anderen Formationen der Zivilgesellschaft.
Null Wohlfahrts- und Sozialverbände, die DGB-Spitze, die SPD-Parteisoldatin Fahimi findet alles irgendwie ziemlich toll, was da an Entlastungspaketen für Arme aus Berlin kommt …
Opportunismus? Mangelnde Empathie und Solidarität? Faulheit? Inkompetenz? Angst vor kommunistischer Unterwanderung? Vor grünen Männchen aus dem Weltall?
Bei diesem Zustand der Zivilgesellschaft kann man nur beten, wenn man es könnte oder wollte, dass unsere Gesellschaft nicht absehbar in dauerhaft schweres Wasser kommt, also in eine veritable Demokratiekrise und Bedrohung von Rechts. Es braucht nur wenig Fantasie, um zu ahnen, wie Teile der Zivilgesellschaft darauf reagieren.
Alles wird gut? Mir zumindest wird schlecht.

13.09.2022 – Die wird mir fehlen


Oranienstr., Zentrum des Kreuzberger Hardcore-Kiezes SO 36. Das war und ist nicht meine Lebenswelt. Punk, Anarchie, Militanz, bei aller Sympathie für andere, radikale Lebensentwürfe haben die Styles und Codes, die da herrschten, nicht so viel mit meinem Alltag zu tun. Demzufolge hing ich früher da auch eher selten ab, im Dreieck zwischen Rio-Reiser-Platz, Oranienstr., Mariannenplatz und Kotti. Und wenn doch, kam ich mir mitunter vor wie beim unangemeldeten Eindringen in ein Kinderzimmer, ähnlich wie bei Konzerten, wo man merkt, dass man eher zu den Gesichtsältesten gehört.
Heuer war das anders. Des Öfteren leitete der Gott des Flanierens meine Schritte dorthin, auch zum Verweilen, Auf- und Abschreiten, Begutachten der Auslagen, Graffiti, Transpis, Plakate. Bei aller Digitalisierung sind Plakate mein zentrales Informationsmedium in Berlin. Erstens sind sie mitunter ästhetische Offenbarungen und zeigen den Weg des Designs in der Restrepublik der nächsten Jahre und zweitens wüsste ich kaum, wo nach was in Berlin im Internet zu suchen, die überwältigende Fülle des Angebots ist so erschlagend. Außerdem glotz ich schon genug auf mein Handy.
Ich fühle mich also wohl in der Oranienstr. und sie wird mir jetzt irgendwie fehlen. Wie kömmt’s?
Liegt wohl an den überwältigenden Krisenzeiten, die das Hier und Jetzt der kahlen Realität grauer, nackter Mauern, auf denen in flammendroter Menetekelschrift steht: Alles wird Scheiße, so schwer erträglich macht.
No future, selten passt das Motto der Sex Pistols in der wundervollen Hymne „God save the Queen“ so gut wie heuer. Klima, Corona, Inflation, Energie, Krieg, Rechtsruck am laufenden Band weltweit, Armut, Migration, weltweite Verelendung, ich hab bestimmt jede Menge vergessen, reicht auch so schon.
Da ist das Aufscheinen einer anderen, besseren möglichen Welt, wie sie in der Oranienstr. aussieht, Labsal. Freundlich, friedlich, bunt, kreativ, solidarisch, kämpferisch, ich wüsste gar nicht genau, wie ich diese mögliche Welt, die da vielleicht am Ende der Straße auf dem Foto liegt, genau benennen sollte, und die Protagonisten dort wüssten es auch nicht. Zumal viele davon Touris sind, von den Eingeborenen gehasst wie die Pest, weil die die Hauseingänge vollkotzen und scheißen, keinen Respekt vor der Hood haben und die Preise treiben.
Egal, dass eine Möglichkeit als Schimmer, als Morgenröte am Horizont der Geschichte überhaupt existiert, ist schon mal ne feine Sache.
Und so saß und flanierte ich da des Öfteren, peinlich drauf achtend, den Rucksack zuhause zu lassen, I am not a Tourist, I live here, sammelte Eindrücke, Impulse, schimpfte auf die Rollkoffer-Asis, die den Pflasterstrand vollklackerten, und ließ mir die Sonne auf dem Pelz brennen.
Hier nun Auszüge aus dem Queen-Requiem der Sex Pistols, von wegen No future und so:
God save the queen
The fascist regime
They made you a moron
A potential H bomb
God save the queen
She’s not a human being
and There’s no future
No future
No future for you

11.09.2022 – Verrückte Welt


Britische Botschaft, am Morgen nach dem Tod der Königin. Jetzt dürfte da das notorische Blumenmeer liegen. Mich interessierte, was sind das für Menschen, die da in echter Trauer Blumen ablegen, sogar Tränen vergießen. Sie kennen die Tote doch nur medial vermittelt. Was hatte die Frau mit ihrem Leben gemein? Ich finde dieses Promi betrauern verstörend. Ausweis einer Entfremdung eigener Gefühle. Als ich die Blumen im Detail fotografierte, stürzten sich mehrere Kamerateams auf mich. Viel Betrieb war noch nicht und die wollten ihre Statements. Ich äusserte meine Verstörung. Reporter:“ Aber die Frau hat doch viel bewegt.“ „Sie hat nichts bewegt. Brexit, Inflation, Energiekrise, Verarmung, was hat die Frau da bewegt? Nichts.“
Was ich mir verkniff: Nie ein Wort des Bedauerns darüber, dass der Reichtum ihrer Gang über Jahrhunderte mit Blut, Schweiss und Tränen aus ihren Untertanen und den Kolonien zusammengeraubt wurde. Das verkniff ich mir aus Pietät.
Und hier trauern Millionen Bekloppte und die Medien verfallen in kollektive Begeisterungshysterie über die Verblichene. Sie wäre so stoisch gewesen. Toll.
Was für eine verrückte Welt.
Nur einer normal. Nächste Woche erfahren wir, wer.
Stunden später, bei mir umme Ecke. Fußgänger und Radfahrer kriegen sich auf Bürgersteig in die Flicken. Der Fußgänger beleidigt den Regelverletzer mit nicht zitierfähigen Ausdrücken. Der, Typ Pensionär, hyperventiliert in Richtung Herzinfarkt und brüllt durch den Kiez:
„Primitivling! Ist das Dein Niveau, Du Schöneberger Schwuchtel?“
(Schöneberg ist das queere Epizentrum nicht nur Berlins).
Ich hab Zuhause noch Tränen gelacht.
Berlin macht einem den Abschied wirklich nicht leicht.

10.09.2022 – Achtung, Achtung! In diesem Winter können Sie Ihre Handys nicht mehr aufladen!


Coronaschwurblerdemo vor dem Reichstag. Stiernackige Nazis von der Antisemiten-Partei „Die Basis“.

Aber auch alternatives Milieu, Friedensfahnen, Müslis, Esos. Nichts neues, aber insofern brisant, als die soziale Frage viel deutlicher im Vordergrund stand. Tenor der Rede, ich hab mir nur eine angehört, mehr geht bei allem dokumentarischem Willen nicht: Die Regierung versagt nicht nur bei Corona, sondern auch in anderen Krisen wie Inflation, Armut etc. Das Milieu ist also flexibel, anschlussfähig, reaktionsschnell, auch kreativ, wie man sieht. Wenn die Zivilgesellschaft da nicht langsam auf breiter Basis in die Hufe kommt und gegenhält, öffentlich, deutlich, dann sammelt dieses antidemokratische Milieu ruckzuck Massen von Frustrierten, Wütenden, Angstgetriebenen ein.
Noch ist es sommerlich, heiter. Noch. Der Deutsche Städte- und Gemeindetag prognostiziert für den Winter Stromausfälle. Allein die Hunderttausende Heizlüfter im Betrieb, wenn Gasheizungen schlapp machen, lassen ein Netz nach dem anderen unter diesen kumulierten Krisenbedingungen in die Knie gehen. Stromausfall heisst unter anderem: Handys können nicht mehr geladen werden.
Was dann in unserer Gesellschaft los ist, möchte ich mir nicht vorstellen.