Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

20.04.2018 – Morgensplitter

pyrmont
Willkommensgruß von einer Veranstaltung in Bad Pyrmont.
Angenehme Erinnerung beim Bilderaufräumen der Arbeit der letzten Wochen. Ein wirklich aufmerksamer und netter Gastgeber. Das bleibt haften. Was ich da so von mir gegeben habe und ob das den Lauf der Dinge emanzipatorisch befeuert hat – keine Ahnung mehr. Aber der leckere Fürstenkaffee und die Aquarelle! Das unterschätzen Veranstalter völlig, die nachhaltige Wirkung von solchen Kleinigkeiten bei Referenten und Gästen. Bei Veranstaltungen, für die ich verantwortlich bin, geht da niemand unbeglückt von dannen.
Vögel zwitschern in der Morgensonne in meinem Garten. Schrecklich. Das hört sich an wie quietschende Türen, die dringend Öl bräuchten. Und immer die gleichen Harmonien, obendrein schräg, permanent einen halben Ton zu hoch. Ja, ich weiß, es gibt kaum noch Singvögel und die Bienen sterben aus und die arme Natur, jaul, kreisch, jammer, bedauer, bedauer.
Es ist nur leider so, dass das Geplärre von den Kohlmeisen sich wirklich einfach Scheisse anhört und ich als geschulter Dialektiker natürlich die Obertöne dieser kakophonen Ranwanzerei an die Kohlmeisenweiber – es geht auch im Tierreich immer nur um das Eine – heraushöre.
Und diese Melodie geht so: Die grünalternative Posse, die sich mit tränenerstickter Stimme über das Artensterben in unseren Breitengraden ausmährt, das böse böse Glyphosat verdammt und sich allein beim Wort Gentechnik bekreuzigt, als ob die leibhaftige Göttinseibeiuns ante portas Schwefelgestank verbreitet, diese Posse kutschiert ihre eigene Brut gerne auch mal in SUVs nicht vor die Pforten der atomstrombeheizten Hölle, wo sie eigentlich hingehört, sondern vor die der nächsten Waldorfschule, diese Posse fliegt zweimal im Jahr in den Urlaub nach Gomera und/oder auf die Malediven und soweiter undsofort, to be endlos continued. Ich fliege auch, aber ich heuchele dabei nicht, dass sich die Balken biegen.
Also lasst den Planeten ruhig über den Jordan gehen, aber bitte ohne mir auf die Nerven zu gehen. Das gilt auch und vor allem für die Kohlmeisen!
Mein facebook Profil, ohne jeden Content, aber mit hunderten von Freunden, die ich im Leben nie gesehen habe, wurde gehackt und darüber wurden Pornos versandt. Sowas macht einem die Entscheidung leichter, sich von diesem Schweineladen abzumelden, als die abstrakte Diskussion über den bösen, bösen Datenkraken, der reguliert werden müßte. Ohne eigene Betroffenheit läuft nicht viel an Veränderung. Mit ihr aber auch nicht. Wir haben ca. 16 Millionen Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, inklusive prekärer Jobverhältnisse und anderer entwürdigender Lebensumstände dürften es an die 30 Millionen sein, die dringend sofort einer nachhaltigen Verbesserung ihrer materiellen Existenz bedürften. Und was passiert? Der rechte Mob erhält Zulauf ohne Grenzen. Ohne Grenzen, schöne Formulierung in dem Zusammenhang.
Nun aber hinaus, in den Sommer, dem Gebrumme der Motoren und dem Donnern der Presslufthämmer entgegen.
Ein Morgensplitter noch: Facebook Fundstelle über mich, vom rechten Mob. Es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen :-)

19.04.2018 – Zorn ist ein Gericht, das kalt genossen werden sollte

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Weinkarte des Restaurant Chantecler im Hotel Negresco
Bestimmte Einschnitte im Leben bescheren einem nahezu naturwüchsig Folgeereignisse:
Die Geburt ein Trauma, das Abitur den Führerschein, eine Hochzeit Ärger bis zur Scheidung und der Tod einen Sarg. Mir bescherte ein altersgemäßer Einschnitt – der Tod war es nicht – einen Urlaub in einer Hotellegende, im Grand-Hotel Negresco. Nichts ist mehr so wie es früher war, wo ein Negresco für Frieda Normalverbraucherin unerschwinglich war. So ein Urlaub im Sonderangebot zu günstigen Zeiten kostet da wesentlich weniger als ein Urlaub in der Toskana zur Hauptreisezeit, wobei die Toskana für den Mann von Welt ein absolutes No-Go ist auf Grund der Anwesenheit von Proleten wie dem ehemaligen Steinewerfer und Außenminister Joseph Fischer. Ein echter Linker tut sich nicht gemein, diesen und einige andere Grundsätze werde ich hegen bis ins hohe Alter und eine derartig ungehobelte Existenz wie „Herrn“ Fischer würde ich in meinem Hotel, käme er zur Vordertür herein, durch die Hintertür vom Haushandwerker entsorgen lassen. Der in meinem kollektiv geführten Hotel das gleiche Gehalt bezöge wie der Geschäftsführer.
Soviel wohlfeiler Klassenkampf muss sein.
Das Chantecler habe ich mir natürlich verkniffen, so dicke habe ich es auch nicht, und in Nizza kann man an jeder Ecke in niedlichen kleinen Restaurants für einen Bruchteil excellent speisen.
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Wie hier im chat noir /chat blanc. Fünf Tische, vier Gerichte und man lebt für einen Abend und bezahlbares Geld wie Gott in Frankreich.
Natürlich brach sich auch im Negresco mein Dünkel Bahn: jede Menge russische Geldmafia mit ganz unansehnlich gebotoxten Frauen, an deren Gesichtern und Brüsten Chirurgen sich ein Vermögen ermeißelt haben dürften in jahrelanger Feinarbeit und dazugehörige Boxervisagen, die mich selbst im TV gegruselt hätten. Ich dachte nur: mach das weg.
Der Zorn des Gerechten aber überfiel mich angesichts der Kunst im Negresco, die überall und ohne Ausnahme hochgelobt wird. Nun graust es den Connaisseur beim Anblick von Chagalls und Dalis, aber darüber kann man mit Fug und Recht und mit Notabiturienten gerne diskutieren. Das ist kanonisierte Kunst.
Die nur einen Makel hat: Sie kann weg.
Ansonsten hängt da soviel zeitgenössischer Müll an den Wänden, dass ich jeden Morgen schreiend das Etablissement verlassen habe. Was auch nicht immer zur Steigerung der Laune beitrug. 20 Schritte weiter am Strand, das Negresco liegt direkt an der Strandpromenade Quai des Anglais, wo 2016 ein islamistischer Terrorangriff 86 Tote forderte, liegen Obdachlose auf Pappen in Schlafsäcken.
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Obdachlose am Strand von Nizza
Ich habe kein Problem damit, im Urlaub ein paar Euro auszugeben, unter anderem dafür arbeite ich. Aber 20 Schritte von Obdachlosen entfernt in einem Hotel zu wohnen, in dem eine Flasche Wein vermutlich soviel kostet wie der an staatlicher Unterstützung im Jahr erhält, das erweckte doch den Zorn des Klassenkämpfers in mir.
Ich ertränkte ihn abends im chat noir /chat blanc.
An der Zornfront kann ich mich in heimatlichen Gefilden noch genug austoben, wobei Zorn wie Rache ein Gericht ist, das kalt genossen werden sollte.
Ihnen, liebe Leserinnen, sonnige Tage.

17.04.2018 – Ich bin auf dem Kriegspfad

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Plakat Kioskprojekt SCHUPPEN 68 – 2013.
Die Hannoversche Allgemeine HAZ stellt aktuell ein Kioskprojekt vor, um die Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt zu befördern . Bei dem Projekt soll es an ausgewählten Kiosken Lesungen und Musik geben, die Stadt-Geschichte Hannovers soll an dieser urhannöverschen Institution, dem Kiosk, widergespiegelt werden, Stichworte wie Migration und Gentrifizierung fallen dabei.
Ich suchte beim Lesen des Artikels ebenso verzweifelt wie vergeblich nach dem geistigen Urheber dieses Projektes, dem SCHUPPEN 68. Das Konzept der HAZ ist bis ins wörtliche Detail vom Konzept des SCHUPPEN 68 abgekupfert, ohne Quellenangabe. Das ist ein Plagiat, wie es im Buche steht, und zwar im Strafgesetzbuch.
Ich habe mich meinem Naturell entsprechend umgehend auf den Kriegspfad begeben. Ich habe nach Erscheinen des ersten Artikels zum Projekt am 16.04.2018 sofort die HAZ detailliert informiert.
Der Duktus meiner Mail war launig, mit heiter-satirischen Einsprengseln, und auf Kooperation und Kompromiss ausgerichtet. Ich kann mich über eine grundsätzlich wohlwollende Berichterstattung der HAZ über meine Projekte nicht beklagen und hege einigen Redakteur*innen gegenüber durchaus freundliche Gefühle, die haben kapiert, worum es mir geht. Was soll ich also gleich im ersten Aufschlag die Krawall-Keule rauskramen?
Aber es gibt eine rote Linie: geistiges Eigentum und Schutz des Urheberrechtes sind heilige Kühe. Wer die via Plagiat antastet, befindet sich mit mir im Krieg.
Und in der Mail habe ich für den, der Texte lesen kann, die Werkzeuge gezeigt. Zitat aus meiner Mail an den zuständigen Redakteur:
„Über die im Promillebereich angesiedelten Chancen, in einem Plagiatsprozess zu obsiegen, klärt Sie gerne der Justitiar Ihres Hauses auf.“ ….
Jetzt warte ich auf eine in Form und Inhalt angemessene Würdigung der geistigen Urheberschaft. Natürlich habe ich auch die Variante einer Zahlung von Schweigegeld durch die HAZ angesprochen. Aber, Zitat:
„… Aussichtslos bei unseren extrem hohen ethischen Standards, die uns die Annahme von Schmiergeld nur ab sechsstelligen Summen erlauben.“
Die Quellen im Internet zur geistigen Urheberschaft des SCHUPPEN 68 dazu sind ebenso so zahlreich, wie die Zeugen dazu. Hier ein besonders launiges Beispiel von 2011.
Darüber hinaus war die HAZ durch meine regelmäßigen PMs über das Projekt informiert und hat selber in ihren eigenen Verlagsorganen darüber berichtet.
130807Wochenblatt Kunst am Kiosk
Wochenblatt, 07.08.2013, über das Kioskprojekt. Das Wochenblatt erscheint im gleichen Verlag wie die HAZ.
920901kiosktour schädelspalter
Der Urknall des Kioskprojektes fand übrigens 1992 statt (Quelle: Stadtmagazin SCHÄDELSPALTER)
Und überflüssig zu erwähnen, dass unsere Konzeption um Längen origineller, kreativer und kritischer war als alles, was man vom HAZ Plagiat bisher las. Wie sagte doch schon Goethe über Epigonen:
„Weh dir, dass du ein Enkel bist!“

13.04.2018 – Wie funktioniert eigentlich Kunst?

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Worüber lacht die niedersächsische Sozialministerin Dr. Carola Reimann hier?
Premierenfeier der Theaterproduktion der Landesarmutskonferenz „Suchen. Finden. Verlieren.“, für die ich verantwortlich bin. Im hannöverschen Theater hinterbühne, ein überaus angenehmer und hochprofessioneller Kooperationspartner. So eine Produktion ist schlicht Arbeit. Der Gefühlsstrom, den eine eigene Kulturproduktion auslösen kann, dieses einzigartige Gefühl von Kunst, das einen den Staub des Alltags von den Schuhen schütteln lässt und auf Schwingen des Glücks ins Paradies der Nicht-Notwendigkeiten entführt, das stellt sich da nur kurz und sehr spät ein. Mitten in der Premiere zum Beispiel, wenn man merkt: Das Stück hat den Flow. Was das Gegenstück zum Groove bei Funk und Soul ist, eine schwer fassbare, ins Transzendente lappende Kategorie. Es gibt in der Kunstproduktion Kategorien, die kann man nicht erarbeiten oder lernen, das unter anderem unterscheidet Kunst vom Handwerk. Beispiel Aura:
polizei
Hosseyn Kamyab, Mitte. Hosseyn verkörpert den Archetyp des „Komischen“. Er braucht nur Dazustehen und wirkt schon da komisch, wo andere Daueragieren müssen. Zur weiteren Wirkung braucht er nur sparsame Mittel einzusetzen. Sonst würde das ins Overacting, ins Knallchargentum ausarten. Es ist die Kunst der Regie, sowas zu vermeiden und das ist dem Kollektiv der Improkokken großartig gelungen. Ich habe das Stück mehrfach gesehen und bei Hosseyns Auftritten immer Tränen gelacht. Verbunden mit Neid. Ich kann bis zum jüngsten Tag irgendwo stehen, das findet garantiert niemand lustig. Dazu muss ich erst den Mund aufmachen und selbst dann haut es nicht immer hin. Ich hoffe, dass im Bild oben die Sozialministerin über meine Späßchen lacht. Die andere Variante wäre ….
trauer
Rabia Gökce Aydal-Sebastian, die leidende Mutter, Mater Dolorosa, auch ein klassischer Archetyp in der Kunst .
Eine ausführliche Premieren-Kritik gibt es hier vom Theaterexperten Christoph Meyer-Gerlt
Flucht
Flucht. Anders als im Film kann auf der Theaterbühne mitunter in einem Bild komplexe und lange Geschichte komprimiert, quasi eingefroren werden, wie in der Malerei.
Alle Bilder: Meyer-Gerlt und Kühner.
Foto-Impressionen hier von Meyer-Gerlt. Hier von Kühner. Hier von Kempa
.

08.04.2018 – Alles nur Theater – zum Beispiel am 11.04 bei FAUST!

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„Suchen. Finden. Verlieren. Eine Geschichte aus Albilat.“ Theater mit Flüchtlingen. Details im Flyer . Eine Produktion der Landesarmutskonferenz Niedersachsen. Einer meiner mindestens 12 verschiedenen Jobs für diese ehrenwerte Vereinigung. Der Job des Produzenten dürfte seit Harvey Weinstein im öffentlichen Ansehen auf dem Niveau von Robbenjägern, Waterboarding-Organisatoren und Dixieklo-Entleerern angekommen sein. Der konkrete Alltag in so einem Job haut einen auch nicht vom Hocker. Man hat eine Idee, sucht Leute, die sie umsetzen, besorgt die Kohle dafür, sitzt auf Proben dumm in der Ecke und hat ansonsten die Klappe zu halten (wenn man den Job richtig macht).
In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ich im Gegensatz zum marktorientierten Produzenten nicht nur keine Aussicht auf jede Menge Kohlen, Piepen, Mäuse habe, sondern ständig in Panik bin, dass ich die Mittelübersicht verliere. Schließlich bin ich kein Buchhalter. (Was ich in der Praxis aber sein sollte: siehe oben, 12 Jobs…).
Am 06.04. war die Premiere. Ich radelte maximal mittelmäßig gelaunt dahin, müde, Kopfschmerzen, nur einen Gedanken im Kopf: Hoffentlich hat das Theater den Parkplatz für den Dienstwagen der Sozialministerin reserviert. Die hatte ein Grußwort zum Beginn des Stücks zugesagt und das an einem Freitagabend in einer 60 Kilometer entfernten Nachbarstadt. Mit Presse war bei unserer Premiere nicht zu rechnen und in das Theater gehen maximal 100 Leute rein, sie konnte also keineswegs mit einem großen PR Mehrwert für sich rechnen.
Ich würde also der Sozialministerin für ihr Erscheinen bis an mein Lebensende dankbar sein, denn ihre Anwesenheit bedeutete für meinen Job den optimalen Mehrwert. Natürlich ist das Projekt auch inhaltlich sinnvoll, nützlich, einmalig, integrativ, alles, was Sie an demokratischem Schneckenfortschritt wollen. Aber so einen Gedanken habe ich einmal, wenn ich ein derartiges Projekt plane. Danach, im Alltag, denke ich nur noch an Parkplätze. Wenn die Ministerin im Fall einer Nichtreservierung eine halbe Stunde um den Pudding kurven muss und erst ankommt, wenn das Stück schon begonnen hat, dann müsste sie eine Heilige sein, um mir ihr Grußwort-Manuskript nicht um die Ohren zu hauen – innerlich.
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Das Stück war ein rauschender Erfolg. Die künstlerische Leitung Mareike Schlote, Sonja Thöneböhn und Marc Beinsen von den Improkokken hatten mit Menschen aus dem Irak, Iran, Syrien und der Türkei pralles Volkstheater im besten Sinn inszeniert: heiter, anrührend, lebendig, intelligent. Soviel Szenenapplaus wie da hab ich im Staatstheater noch nie erlebt, hinterher fünf „Vorhänge“ und danach jede Menge tolle Gespräche. Die Tatsache, dass dabei der Etat für Freigetränke offensichtlich um ein Mehrfaches gesprengt wurde, hätte mir unter anderen Umständen buchhalterische Gedanken gemacht. So musste ich nur innerlich über meine Naivität grinsen, mit der ich geglaubt hatte, dass sich eine Bande euphorisierter Schauspieler*innen, Regisseure etc. an die Maßgabe hält: Jede*r nur ein Freigetränk. Ein Teil des allgemeinen Endorphin-Schwalls war auch zu mir rübergeschwappt. Ich überlege sogar, auch wieder was auf der Bühne zu machen. Produzent ist doof.
Dringende Empfehlung: die vorerst letzte Vorstellung in Hannover am 11.04, 20 Uhr, bei FAUST zu besuchen, für schlappe 5 Euro. Wer mich drauf anspricht, kriegt hinterher ein Freigetränk Darauf kommt es auch nicht mehr an.
Die Sozialministerin war übrigens überaus angetan und die Parkplatzfrage hat sich dann auch noch geklärt. Ich hatte die Ministerin an der Straße erwartet und im Aussteigen hörte ich sie zum Chauffeur sagen: „Sie brauchen nicht zu warten, ich fahr nachher so nach Hause.“
Da stand er nun den ganzen Abend allein und unberührt: mein reservierter Parkplatz.

Die NETZ – Niedersächsische Teilhabe-Zeitung Nr. 5 ist da!

Foto---Cynthia-Rühmekorf
Ein Thema: Altersarmut (Foto: Cynthia Rühmekorf)
Zentrales Thema der NETZ: Armut und Ausgrenzung in Niedersachsen. Hier die komplette NETZ Nr. 5
Viele Beiträge sind von engagierten Betroffenen und deren Initiativen. Die NETZ ist ihr Organ. Sie soll bei Verbänden, in der Politik und Öffentlichkeit das Bewusstsein für eine nachhaltige Bekämpfung von Armut fördern. Die NETZ erscheint in unregelmäßigen Abständen seit 2014. Sie wird kostenfrei an Verbände, Parteien, Jobcenter, Bürgerämter, Betroffene in ganz Niedersachsen verteilt. Die LAK ist Mitherausgeberin der NETZ, die von den LAK Mitgliedern Caritas, Diakonie, Paritätischem und der LAG Freie Wohlfahrt finanziert wird. Die kostenlose Druckausgabe geht in den nächsten Tagen in den Vertrieb.
Themen unter anderem:
Reichtum. Macht. Armut.
Regelsätze Hartz IV.
Wohnen ist ein Menschenrecht.
Bedingungsloses Grundeinkommen.
Betroffenenbeteiligung.
Projekte, Termine, Infos.
Und Kultur. Auszug aus dem Gedicht „Umverteilen!“ von Hermann Sievers
„…
Und damit es auch der Letzte kapiert,
wird hier am Schluss klar konstatiert:
Es geht nicht um Neid,
es geht um Gerechtigkeit!“

Ich hab in meinem Leben viele Projekte gemacht, aber die NETZ ist das, wo mit am meisten Arbeit drinsteckt. Es ist mir deshalb auch eins der liebsten, weil es beinhart antizyklisch ist. Im Zeitalter von Digitalisierung und Zeitungssterben ein Papierprodukt auf den Markt zu bringen und zu glauben, dass es auf Akzeptanz stößt (was es tut, die Auflage ist blitzschnell vergriffen), das zeugt von gesundem Optimismus. Außerdem kriege ich als Mitherausgeber und presserechtlich Verantwortlicher im Zweifel die Prügel ab und das schätze ich ganz besonders, mich dann als Rebell und Märtyrer inszenieren zu können, der postwendend zum Gegenangriff übergeht.
Natürlich ist das Projekt auch inhaltlich sinnvoll, nützlich, einmalig, integrativ, alles, was Sie an demokratischem Schneckenfortschritt wollen. Aber: Ich handele definitiv nicht nur nach intrinsischen Motiven. Durch das schlichte Kleid meines sozialen Engagements blitzt durchaus das güldene Gewand der Eitelkeit hervor.
Und ich kann nur hoffen, dass ich in diesem Leben keine große Erbschaft mache oder im Lotto ein paar Millionen gewinne. Ich möchte nicht, dass meine lautere Gesinnung in Sachen „Umverteilung“ auf die Probe gestellt wird, gemäß der alten Weisheit:
Das Herz schlägt links, das Portemonaie sitzt rechts.

02.04.2018 – Frauen

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Frauenbilder. Galerie in St. Paul-de-Vence. Ein pittoresker Ort in Südfrankreich, der auch die Fondation Maeght beherbergt. Das ist ein zauberhaft gelegener Skulpturenpark mit einer der teuersten Altmetallsammlungen weltweit. Dort stehen Werke von Calder, Giacometti, Miro, etc. sicher hunderte von Millionen wert. Das Zeug ist nicht mein Ding, klassische Formenkonservative, bei der die Zeit vor und diesseits der Popart endet, aber alles ist extrem geschmackvoll in überwältigender Natur arrangiert.
Leider hat der Besucherstrom auf den Ort ausgestrahlt und es befindet sich in St. Paul-de-Vence die mit Abstand größte Galeriendichte, die ich je auf einem Quadratkilometer gesehen habe. Diese Galerien sind ohne jede Ausnahme Orte des Grauens, eine Ansammlung von Volkshochschulkurs-Müll bis hin zu Versandhandel-Kunsthandwerksschrott. Ist die Kunst in der Fondation angenehm konservativ, so ist sie in St. Paul keine, muss unter allen Umständen sofort weg, ins All am besten, und ist im Zweifel beinhart reaktionär. Wie im Fall der oben abgebildeten Frauen, eine feuchte Altmännerphantasie von jungen, unverdorbenen Mädels mit Idealmaßen, wie sie keine Frau hat, schüchtern, aber erwartungsvoll (fehlt bloß noch der verheißungsvoll geöffnete Mund) und natürlich demütig auf den Knien vor dem Meister, alles in einen grauenhaften Naturalismus gegossen, also ob es schon das 19. Jahrhundert nicht gegeben hätte. Fluchend schüttelte ich den Staub des ansonsten wirklich sehenswerten Ortes von meinen Füßen und schickte ein Stoßgebet gen Himmel: Oh Göttin, lass Vernunft und Fortschritt regnen.
Um bald darauf vom nicht vorhandenen Regen in die Traufe zu gelangen.
Wie üblich hing ich mit einem Buddy zu Ostern in der Kirche ab, in der ich vor dem Krieg die Weihen als Messdiener erhalten hatte. Messdiener bin ich nicht mehr, zum Bischof hat’s auch nicht gereicht und mit dem Glauben ist das so eine Sache.
Besagter Buddy hängt eher einem Straight-Edge Glauben an. Was Diskussionen eher zu Satireveranstaltungen macht, denn fragt man zwei Bibelexpertinnen zur Auslegung des Lehrbuchs für angewandten Aberglauben, kriegt man vier Meinungen.
Ich halte dagegen, dass Jesus eine Frau war und Gott in Wirklichkeit eine schwarze behinderte Lesbe, was von Männern im Laufe der Jahrhunderte aus der Originalbibel zensiert und umgeschrieben wurde auf eine eindeutig Schwanzzentrierte Bibelexegese. Daraufhin werden mir regelmäßig mehrere 1000 Jahre Fegefeuer angedroht, was ich angesichts der derzeitig sibirischen Ostertemperaturen eher für eine Verheißung halte.
Es begab sich aber, dass das österliche Evangelium heuer Johannes 20/29 war und siehe, dort heißt es über das leere Grab von Jesus zu Ostern:
„… aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, …“
Als ich diese Stelle vernahm, fuhr ich elektrisiert aus meinem Phantasien hoch, in denen mir in der Hölle gerade hochhackige und bestrapste Teufelinnen mit Peitschen zusetzten.
Das war der Beweis! Das war noch eine unzensierte Bibelversion! Kaum waren die letzten Akkorde der österlich brausenden Orgel verklungen, packe ich besagten Buddy sowohl am Revers als auch am Verstand:
„Jesus war eine Frau! Die Bibel sagt es!“
Buddy: „Hä?“
Ich: „LeinenBINDEN! Da lagen Binden im Grab!“
Mein Fegefeuer-Strafmaß erhöhte sich stante pede auf mehrere Zehntausend Jahre. Hoffentlich wird es bald wärmer…
st.-paul
St. Paul, Ort der Schönheit und Ausgeburt der Hölle, Du siehst mich nicht wieder solange auch nur eine Galerie Dein Inneres beherbergt.

31.03.2018 – Hass

kopflos
Kopflos
Interessanterweise gehört der Hass im Gegensatz zum Jähzorn oder zur Wut nicht zu den Todsünden im Christentum, obwohl er als Konsequenz die mörderischsten Auswirkungen hat. Basis für den Holocaust zum Beispiel war der flächendeckend existierende Judenhass in der Bevölkerung. Ich hab keine Ahnung, warum der Hass bei den Todsünden nicht explizit erwähnt wird, ich bin nur insofern Theologe als mein Vater Theo hieß. Ich habe eine Vermutung: immer wieder beschworene Kernbotschaft des Christentums ist die Liebe (eine sprichwörtliche Himmelsmacht), sei es Gottes- oder Nächstenliebe. Wer derartig exzessiv auf einer Emotion insistiert, der hat, das wissen wir aus drei Sylvestern Küchenpsychologie, heftige Probleme mit deren Komplementär-Emotion. Und das ist im Fall Liebe: Hass. Ein Blick in die Geschichte des Christentums zeigt, wie diese verdrängte Obsession Hass sich mitunter verheerend Bahn brach: siehe Frauenhass und Hexenverbrennung oder Hass auf Andersgläubige wie eben auf Juden, oder auf Moslems, siehe Kreuzzüge. Dass der Muselmann (die Muselfrau weniger, die hat da nix zu melden) um kein Jota besser ist, zeigt der Blick in die Tagespresse (Interessante Frage: Wann wird man diesen Ausdruck mal erklären müssen?).
Weiter mit der Fackel der Aufklärung in die Düsternis der Religionen geleuchtet:
Der bei unseren alternativen Dumpfmeisterinnen so beliebte Buddhismus mit dem vor Schlichtheit nur so brummenden Dalai Laba ist auch weit entfernt von einer hierzulande imaginierten Friedfertigkeit. Die Vertreibung und Ermordung der muslimischen Rohingya in Burma wird von Buddhisten forciert, da sind Mönche oft nichts weiter als in Kutten gekleidete Mörderbanden. Was die im intellektuellen Dauertran befindliche Oberregierungsrätin beim Besuch des Dalai Festzeltes und beim besinnungslosem Röcheln des „Onanie padme hum“ Mantras gerne ausblendet oder sicherheitshalber gar nicht erst weiß.
Einzig das Judentum macht sich, was Weltreligionen angeht, in Sachen Hass relativ locker, was insofern erklärlich ist, als sich die Juden für das auserwählte Volk Gottes halten und von keinerlei Missionierungsdrang beseelt sind. Alle anderen Religionen wollen bekehren und missionieren. Sie nehmen allzeit die Missionarsstellung ein, welche die Langweiligste von allen ist.
Vorösterliches Hass-Fazit: Religionen sind eine Ausgeburt der Angst. Sie sind die Antwort auf eine unverständliche und grausame Welt. (Arthur C. Clarke. Das ist der mit Odyssee im Weltraum). Am sympathischsten ist mir da das Judentum, welches sich nicht gemein tut. Dieser Hochmut des Nichtmissionarischen hat was Dandyhaftes. Und wenn ich etwas schätze dann das Dandytum.
Was bleibt?
Aufklärung, Verstand, Vernunft.
licht
Mehr Licht!

30.03.2018 – Eitelkeit

vip
Ich – an VIP Tisch.
Eitelkeit ist aus christlicher Sicht eine Todsünde. Sie wird unter Hochmut subsumiert. Die Höllenstrafe dafür: Alle Knochen werden gebrochen und man wird aufs Rad geflochten. Oje, da steht mir ja was bevor. Andere Todsünden wie Geiz und Neid sind mir fremd, aber als der liebe Gott die Eitelkeit verteilte, hab‘ ich mich zweimal angestellt. Weitere Todsünden sind z. B. Faulheit und Wollust. Da lugt doch schon gnadenlos das kapitalistische Ethos vom Triebverzicht und Fleiß durch die biblische Hintertür, Jahrhunderte bevor der Kapitalismus überhaupt in die Welt kam. So ist unter anderem auch der Erfolg des Christentums zu erklären: es definierte die Wirkmächtigkeit von gesellschaftlichen Erfolgsmodellen und setzte ethische Maßstab in die Welt, als man von sowas wie „Soziologie“ oder auch dem Sachsenspiegel und ähnlichen Codizes noch nicht mal träumte.
Bei aller Eitelkeit bin ich mir allerdings der Vergänglichkeit allen menschlichen Tuns durchaus bewusst. Wenn ich morgen tot umfalle, dreht sich die Welt trotzdem weiter und wie lange würde wohl keine Henne mehr nach mir krähen. Also tiefer hängen, mal viere gerade sein lassen und über sich selbst lachen. Gelacht habe ich jedenfalls, als ich unlängst eine Meldung in der HAZ las, wo es hieß: „Mit einem prominent besetzten Podium diskutiert Hannovers Linken-Ratsfraktion am Montag, 25. März, darüber, wie sich Obdachlosigkeit in Hannover verringern lässt. Unter anderem sind Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf, Klaus-Dieter-Gleitze von der Landesarmutskonferenz, ein MHH-Oberarzt, ein Schuldnerberater und andere Mitdiskutanten vertreten.“
Bei der Lektüre ging es mir ungefähr wie folgt durch den Kopf: „Das hat die HAZ in meinem Sinne schon ganz ordentlich gemacht, Oberärzte und andere Subalterne werden da namentlich gar nicht weiter erwähnt. Nur, liebe HAZ: falsche Reihenfolge! Sozialdezernentinnen haben sich da hinten anzustellen.“
Mein Gelächter angesichts solch despektierlicher Gedanken vertiefte sich noch angesichts der Tatsache, dass ich am Tag des angekündigten Events ungefähr 1.500 km weiter südlich am Mittelmeer an obigem VIP Tisch saß. Was der Veranstalter seit meiner diesbezüglichen Absage vor langer Zeit wusste. Früher hätte ich mich über sowas geärgert.
Angesichts der Vergänglichkeit allen menschlichen Tuns aber orderte ich noch einen Rosé und ließ die liebe Göttin eine gute Frau sein. Schließlich steht ja Ostern vor der Tür.
Das Einzige, was mir im Moment noch Sorgen macht, ist die Sache mit der Höllenstrafe, den gebrochenen Knochen und dem Rad. Die Nummer mit dem Beichten funktioniert nämlich nicht so, wie der Volksmund glaubt: Einfach Beichten, gut ist und von vorne – oder auch hinten – weiter sündigen. Die Beichte funktioniert nur, wenn sie im Zustand tätiger Reue erfolgt (siehe auch die Strafmilderung nach § 306e StGB).
Was soll’s.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, entspannte Feiertage und viel Spaß bei Ihren Lieblingssünden.

29.03.2018 – Geld

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Zwille. Von Gerhard Seyfried, 2018. Zitat aus dem „Tagesspiegel“:
„Mit den Geschichten von Zwille und Co. wurde er in den 80er Jahren zum Star der linksalternativen Szene und bekanntesten deutschen Comiczeichner. Seine Alben durften in keiner linken WG fehlen, seine knubbelnasigen Polizisten, Freaks und Weltverbesserer wurden ungezählte Male auf Flugblättern und in Schüler- und Studentenzeitungen nachgedruckt. Doch Ende der 90er Jahre kehrte Seyfried den Comics den Rücken, vor allem wegen der schlechten Bezahlung, die dem enormen Arbeitsaufwand für diese Kunstform nicht mehr gerecht wurde.“
Dass jemand wie Seyfried von seiner Arbeit kaum leben konnte, ist bezeichnend für die damalige linke Kulturszene. Heute gibt es eine solche Szene nicht mehr. Aber damals war es fast ehrenrührig, von Kulturarbeit leben zu können, überhaupt damit Geld zu verdienen. Geld, igitt.
Ich habe alles von Seyfried und mir den neuen Zwille Band natürlich sofort gekauft, als Nostalgie-Reminiszenz und Einstimmung auf mein Kreuzberg Jahr. Natürlich werde ich auch dieses Jahr wieder auf dem „Karneval der Kulturen“ meine Hüften zu Sambaklängen kreisen lassen – wenn ich’s nicht gerade im Kreuz habe – und selbstverständlich in Schwarzleder, mit finsterer Miene und geballter Faust in der Tasche auf dem „Carnival of Subcultures“ abhängen in der legendären Köpi.
Soviel „Bullenwannen“ (O-Ton Seyfried 80er) wie da auf einem Haufen habe ich sonst noch nirgendwo in den letzten 30 Jahren gesehen. Ich ziehe mich altersgemäß vor Einbruch der Dunkelheit und der Ritualkrawalle zurück. Die Bubumaschine ruft früh und vermutlich würde ich bei gutem Wetter abends auch gerne noch draussen im Britzer Schloss Restaurant speisen. Einwänden von linken, rechten und radikalen Spießerinnen der Mitte, Köpi und Britz, das würde doch überhaupt nicht zusammenpassen, würde ich entgegenhalten: Doch. Passt schon. Nur wer auf allen Hochzeiten in der Lage ist zu tanzen, kann beurteilen, wie die Musik wirklich spielt. Das kann sich natürlich nicht jede leisten. Und damit meine ich auch nicht nur die materiellen Kosten. (Das wäre übrigens die korrekte Forderung: Britz für alle!).
Für alle gutwilligen Leserinnen habe ich einen exclusiv Tipp: Das Britzer Schloss Restaurant ist der Ausbildungsbetrieb eines großen Hotels, da arbeiten nur Lehrlinge und deshalb gibt es Happe auf hohem Niveau im charmanten Ambiente zu relativ günstigen Preisen. Vielleicht sehen wir uns da mal, dann winken Sie mir gerne freundlich zu.