Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

11.06.2021 – Nämlich Oldenburg


Irgendwo in Oldenburg. Diesen Phahl im Vordergrund kann man sich nicht ausdenken, sowas serviert nur die Wirklichkeit.
Dass mir Oldenburg mal als süße Verheißung von frischer Freiheit und frohem Flaneurtum unterkommen würde, hätte ich prä-pandemisch nie gedacht. Ist aber so. Meine erste Reise – der Zustand von Reise tritt für mich immer dann ein, wenn es im Reisegefährt zur Lektüre eines Journales und dem Verzehr einer Brotzeit kommt – seit x Monaten führte mich auf dienstlichen Pfaden nach Oldenburg. Hatte ich vor kurzem noch darüber räsoniert, dass die Einschränkungen durch die Seuche zu einer mählichen Akzeptanz, ja förmlichen Begrüßung dieses freudlos-reizreduzierten Lebens, dieses monatelangen Vagabundierens auf den ewig gleichen Pfaden mit dem Anblick der ewig gleichen Bilder, Eindrücke, Perspektiven führen würde, einfach weil der Mensch durch die normative Kraft des Faktischen so niedergedrückt wird, dass nur eins bleibt, um nicht Schaden an der Seele zu nehmen: Sich fügen in das Unabänderliche, so kam es unlängst ganz anders. Nämlich Oldenburg.
Freiheit. Abenteuer.
Dieses Prickeln im Gemüt beim Besteigen des Zuges, diese staunende Begrüßung des vorbeisausenden Grünpanoramas, dieses zögernde Herumtapsen beim Umsteigen, dieses wohlige Erschauern beim Begrüßen analoger Humanoiden, dieses adrenalinige Rauschen in den Adern bei den schier nicht mehr für möglich gehaltenen Worten meines Intros: „Ich bedanke mich für die Einladung, freue mich, hier und heute teilanalog zu sein und begrüße jetzt auch die hybrid Zugeschalteten.“ Oder so ähnlich.
Worte von derartig historischer Tragweite, jedenfalls für mich, formuliert man nicht vor, die muss einem der Genius loci eingeben. Von daher möchte ich lieber nicht wissen, was ich da wirklich von mir gegeben habe.
Solche Reisen nutze ich, wann immer möglich, zu kurzen Momenten des Flanierens und sei es für ein Stündchen. Kein Ort der Welt kann so erbärmlich sein, dass er im freien Fluten des Weges nicht wenigstens ein Bild hergibt, das bisher ungekannt war, einen winzigen, kleinen Eindruck, der für einen Moment den Denkapparat anregt, das Humorzentrum reizt oder das Ästhetikempfinden in Wallung bringt. Wie dieses Dach einer ehemaligen Tankstelle aus den 50ern in Oldenburg. Ja, in Oldenburg.

Diese über alle Maßen kühn-reduzierte, schwungvolle Dynamik der Konstruktion, die in ihrer Fröhlichkeit laut zu rufen scheint: „Willkommen, Du offene Welt voll Modernität und Freiheit.“
Oldenburg, weißt Du überhaupt, welch seltene Preziose Du da in den Mauern beherbergst? Ich hoffe, das Teil steht unter Denkmalschutz. Ich aber hatte in Oldenburg den Glauben an eine Welt voller Möglichkeiten wiedergewonnen. Das Leben hat noch was im Köcher.
Auf dem Nachhauseweg ließ ich mich dergestalt noch zu ein paar Reflexionen über das magische Viereck der Zivilisation hinreißen: Reisen, Konsum, Kultur und Demokratie. Ein ambivalent-ideologisches Viereck voller Verheißungen, jedoch im Kern auch mit der Sprengkraft des eigenen Untergangs versehen.
Macht aber nix. Hauptsache Sommer.

08.06.2021 – Mit Sozialpolitik gewinnste keine Wahlen.


Karneval der Kulturen 2018, Berlin-Kreuzberg, mit Schweizer Narrengruppe vor dem Yorck-Programmkino. Meine damalige Heimstatt war direkt umme Ecke. Das kriegt man in Berlin nur, wenn man einen Sechser im Lotto hatte oder jemanden kennt, der einen kennt … Ich bin gespannt, ob ich sowas jemals wiederkriege. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (Wer erinnert sich noch an Meister Nadelöhr? Pitti platsch oder Schnatterinchen?) oder ein Reicher in das Himmelreich als das eine Normalsterbliche eine bezahlbare Unterkunft in Berlin findet. WG-Zimmer, 16 qm, 500 Euro, aber nur nach vorherigem Kreuzverhör im Rahmen eines Schauprozesses („Watt, du isst Fleisch? Nee, Alter, ditte jeht jaarnich!“).
Vor dem Hintergrund dieses Szenarios ist es nachvollziehbar, dass ich mir am Sonntag den Tatort anschaute, was ich normalerweise nie mache. Es ging um den Wohnungsmarkt in Berlin mit all seinen Facetten: Von krimineller Entmietung über Obdachlosigkeit bis hin zu Totschlag. Der Film war wider Erwarten gut, auch ästhetisch. Die klassische lineare Ästhetik von Zeit und Raum war unaufdringlich aber beeindruckend gebrochen durch Verfremdungen, Einblendungen von Obdachlosen und ihren Statements.
Der Film war ein Lehrstück über Kapitalismus: Der geht bei den in Rede stehenden Profitraten auf dem Immobilien-Markt über Leichen, ungehindert von Recht und Gesetz, also vom Staat, dessen Wesen hier auf den Punkt gebracht wurde: Agent des Kapitals. Wer in Berlin zwangsgeräumt wird (ca. 5000 per anno), ist in einer existentiellen Notsituation, die auch tödlich enden kann. Das Bedauern darüber, dass es im Tatort mal einen Immobilienhai erwischte, hielt sich in Grenzen.
Die Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft mit diesem sozialpolitischen Problem umgeht, gab es am gleichen Sonntag, zwei Stunden früher: Einblendung der Wahlprognose Sachsen-Anhalt. Die Linke 11 Prozent, SPD 8 Prozent. Die beiden Parteien, denen allgemein die größte sozialpolitische Kompetenz zugeschrieben wird, erhielten zusammen weniger Stimmen als die faschistische AfD, deren sozialpolitische Kompetenz in dem Diktum gründet: Arbeit macht frei.
Die Mitte der Gesellschaft entscheidet Wahlen, das sind – noch – an die 60 Prozent der Bevölkerung. Dieser Mitte ist Sozialpolitik scheißegal, entweder aus konsequentem Interesse, weil die Betreffenden materiell so saturiert sind, dass sie nur einen minimalen Daseinsfürsorge- Staat brauchen. Oder aus purer Verdrängung, weil sie Angst davor haben müssen, demnächst abzustürzen aus der Mitte und beim Mob zu landen.
Was der Sache auch förderlich ist: In Villenviertel ist die Wahlbeteiligung oft mehr als doppelt so hoch wie in sozialen Brennpunkten, da wählt in manchen Blocks bis auf die Nazis keine mehr. Wenn Sie sich, liebe Leserinnen, mal mit einer Sozialpolitikerin unterhalten, fällt nach spätestens 10 Minuten automatisch-resignativ der Satz: „Mit Sozialpolitik gewinnste keine Wahlen“.
Mein Tipp für die Bu-Wahl am 26.09: Die Linke fliegt aus dem Bundestag und die SPD landet knapp zweistellig. Dieses Mal noch.
Aber die Grünen werden’s schon richten…

05.06.2021 – Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen.


Welche Corona-Krisen-Phrase ist hier abgebildet? Eine Hilfestellung gebe ich: In der Antwort kommen die Begriffe „Licht“, „Ende“ und „Tunnel“ vor. Und nein, es ist nicht: Wir schaffen das.
Vor Monaten habe ich ein Dokument mit dem Namen „Konsumliste“ angelegt, in dem ich die Dinge notierte, die ich kaufen wollte, wenn das wieder analog möglich ist. Im Internet z. B. Socken zu kaufen, wär mich irgendwie zu blöd. Man kann’s auch übertreiben. Und Socken sind mir ausgegangen, was bei „Socken“ der passende Begriff ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Begriff „Konsum“liste selbstironisch verwendet habe, wie ich es überhaupt beruhigend finde, dass ich oft nicht weiß, wenn mir alte Blogeinträge unter die Augen kommen, ob ich die damals ernst gemeint habe. Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst. Aber wo verläuft da die Trennlinie?
Nun ist es an der Zeit, die Liste abzuarbeiten. Zwischenzeitlich hatte ich mich drauf gefreut, das Reich der Freiheit wieder Fuß um Fuß betreten zu können, Konsum, Restaurants, Reisen, Freunde treffen, etc. pp. Aber nun, wo es real wird, merke ich, wie sehr ich mich in den Seuchenmodus gefügt, es gar genossen habe, dass mir das Unabänderliche die Wahl der Entscheidung abnahm. Das Reich der Freiheit ist immer auch eins der Verantwortung und Entscheidung: was mache ich jetzt? Und da ist die viel Wichtigere noch gar nicht gestellt: Warum mache ich das?
Und wer wird demnächst den Käse zum Bahnhof rollen?
Es stehen also wieder, wie zu Seuchenbeginn, grundsätzliche individuelle und gesellschaftliche Veränderungen an, die im Moment noch allenthalben bejubelt werden, aber wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Ich erinnere an den Kanarienvogel, dessen Käfigfenster offensteht, und der gar nicht daran denkt, in Freiheit zu fliegen. Weiß er, dass Tiere bei Käfighaltung in Zoos oder Haushalten meist wesentlich älter werden als in Freiheit?
Jetzt werden Sie, liebe Lesegemeinde, verstehen, warum ich seit Tagen aus ethisch zutiefst begründeten, wenn auch umstrittenen Motiven des Freiheitsdiskurses diese fucking Scheißliste vor mich herschiebe: Blöde Socken. Und wo ich das schreibe, muss ich mich zur Ordnung rufen. Was bin ich für ein Jammerlappen. Andere sind in krank geworden, haben Long-Covid, Angehörige im Pflegeheim, gar verloren, sind in ihrer materiellen Existenz bedroht, usw. usf. und ich erzähle hier einen von der Socke. Also Ende Gelände, ich will ja morgen noch in den Spiegel gucken.
Und wieder 5 Euro ins Phrasenschwein. Was selbst ne ätzende Phrase ist. Und den Spiegel brauch ich auch gar nicht. Dafür hab ich Zoomkonferenzen. Wo der Spiegel lügen kann, mittels Licht, Kopf wegdrehen oder einfacher Flucht, sagt Zoom erbarmungslos die Wahrheit, zwei Stunden am Stück. Ich kann nachvollziehen, dass durch die ständige Konfrontation mit dem eigenen Zoom-Gesicht die Schönheits-OP-Diskussionen zusätzlichen Schub kriegen. Ich werd mir auch mit Botox die Hackfresse aufpimpen lassen. Noch vor den Socken.

04.06.2021 – Patriarchat zu Phall gebracht.


Männerbünde zerschlagen, Patriarchat zu Fall bringen.
Demos zum Klima sind ebenso wichtig und notwendig wie solche gegen Sozialabbau, digitale Überwachung und was der Phänomene mehr sind. Diese Demos richten sich immer gegen Erscheinungsformen des Kapitalismus, seine markanten Ausprägungen, gegen jene Bruchkanten, an denen seine hässliche Fratze augenfällige und schmerzhafte Konturen zeigt.
Diesen Demos eignet aber nicht zwangsläufig das Wesen des Kapitalismus als Anklage oder auch nur als Problem. Man kann ja durchaus die Klimaentwicklung als Katastrophe ansehen, die aber mit den Mitteln des Kapitalismus als verhinderbar gilt: Mit dem marktförmigen Zertifikate-Handel von umweltschädigenden Stoffen und Gütern z. B., je umweltschädlicher, desto höher der Preis. Das verkennt das Wesen des Kapitalismus, die Gier und die Konkurrenz. Gier und Konkurrenz lassen noch jeden Konzern Wege finden mit mörderischem Dreck Profit zu erzielen, sei es bei uns und besser noch in der Peripherie, und wenn wir unseren Müll nicht in Zentralafrika loswerden, schießen wir ihn eben auf den Mond.
Die Demo oben an der Lutherkirche (der Name steht für Programm und Pogrom, eine nette Volte in der Geschichte, dass die Demo eben nicht an einer Marien- oder Hedwigskirche stattfindet) dagegen richtet sich direkt gegen das Wesen des Kapitalismus, die dem Patriarchat eingeschriebene Gier, Macht und Eigentumsideologie. Ohne diese kein Kapitalismus.
Welche psychopolitische Funktion obige Männerbünde hatten, haben und im Zeichen des allgemeinen Rollbacks auch und gerade an der Geschlechterfront zunehmend haben werden, zeigt der Klassiker „Männerphantasien“ von Klaus Theweleit, der nach 40 Jahren neu aufgelegt wurde.
Das Buch hat mich mit Sicherheit mehr geprägt als Marx-Lektüre und war für undogmatische Linke, die vom Feminismus nicht völlig unbeleckt waren und die Marxismus auch jenseits rein ökonomisch-ideologischer Zusammenhänge dachten, damals Standardlektüre.
Männerbündisch strukturierte – also ganz normale – Männer sind Leute mit Körperzuständen, die angsterfüllt sind. Angst ist auch immer Angst vor dem eigenen Inneren, die Angst vor dem Fremden, vor der Fremde. Das projiziert man nach außen und versucht das Außen zu bekämpfen, weil man selber damit nicht klarkommt. Mit Gewalt oder Alkohol, Drogen, Arbeit, Konsum. Der Kern des so beschriebenen Faschistischen ist Angst vor Körperauflösung – ob man nun ökonomisch bedroht ist, durch die Umgebung bedroht, durch Veränderung. Daher legen Männer sich Körperpanzerungen zu, Blockaden vom Scheitel bis zur Sohle.
Falls Sie, liebe Leserinnen, sich fragen, woher die zunehmende gewaltförmige Verrohung in unserer Gesellschaft kommt und warum Sie mit Männe nicht über die Beziehung reden können, hier haben Sie einen Ansatz. Und weil das so ist, wie es ist, gibt’s da im Kapitalismus auch keine Lösung (Und nein, Selbsthilfegruppen im Stuhlkreis sind keine Lösung). Kapitalismus ohne Angst funktioniert nicht, auch das ist sein Wesen. Also vergessen Sie’s, liebe Leserinnen.
Sonniges Wochenende und einen zauberhaften Sommer wünsch ich und den Mädels an der Lutherkirche viel Erfolg. Das wär doch mal ne Headline am 05.06: Patriarchat zu Fall gebracht. In meinem Blog stünde dann: Patriarchat zu Phall gebracht.

03.06.2021 – Archäologie des Alltags.


Hannöversches Stadtmagazin Schädelspalter 13. August 1992 mit Terminhinweis zur SCHUPPEN 68 Performance im Gedenken an den Mauerbau 1961 in der Ostzone. Fazit: Sobald die Mauer wieder steht, gibt’s Freibier und Erbsensuppe bis zum Abwinken.
Diese Aktion ging mir durch den Kopf, als ich unlängst mit einem Altgenossen (so wie ich und alle verständigen Genossinnen natürlich Mitglied keiner Partei; man schaue sich nur die Lafontaine-Posse im Saarland an…) darüber räsonierte, dass sich dieser Freudentag heuer zum 50sten mal wiederholt und das doch gebührend gewürdigt werden müsste. Wir ventilierten kurz die Idee, am 13.8 am Brandenburger Tor eine Mauer hochzuziehen, mehr symbolisch, aus Umzugskartons, für die Medien, die Touris und zur eigenen Belustigung. Ich hab ja noch zwei, drei Mauern im Archiv, zum Beispiel die hier

Aktion vor dem Landtag.
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt am Sonntag wird die Notwendigkeit der Wiedererrichtung der Mauer auf das Nachdrücklichste unterstreichen: Fast 30 Prozent werden Nazipartien wie AfD, NPD, die Rechte etc. wählen. Die Hälfte der CDU- und FDP-Wähler*innen und Abgeordneten ist im Gemüt schon so angebräunt, dass die Übergänge zu den Nazi-Originalen fließend sind. 40 Prozent gehen erst gar nicht zur Wahl, vermutlich weil ihnen das Nazi-Angebot zu lau und liberal ist und sie lieber gleich Adolf Hitler als MP hätten. Die Mehrheit in Sachsen-Anhalt und in der gesamten Ostzone ist auch nach 30 Jahren noch antidemokratisch eingestellt und daran wird sich in den nächsten 30 Jahren nichts ändern. Also Mauer wieder hoch, bevor das Virus „uns“ im Westen auch noch durchseucht.
Eiserne Vorhänge, Mauern in Gesellschaften, materiell oder unsichtbar, sind langlebig. Italien z. B. existiert als Nation seit 150 Jahren und die Mauer zwischen dem Norden und dem Mezzogiorno wird eher immer höher. Die Lega Nord mit der Programmatik der Abtrennung des Nordens ist die älteste noch existierende Großpartei in Italien.
Also ehrlich machen, weg mit dem Tabu-Schleier und konsequent und radikal die Wiedererrichtung der Mauer angehen.
Was bleibt, ist die Bewunderung für mein verdienstvolles Kollektiv von Werktätigen, Kulturschaffenden und Faulpelzen SCHUPPEN 68 für das mutige, verdienstvolle Avantgarde-Vorgehen, womit man sich im Nationaltaumel von 1992 nicht nur keine Freunde machte, sondern den eigenen Aufstieg nachhaltig bremste. Wenn Sie, liebe Leserinnen, sich schon immer gefragt haben, warum ich z. B. nie auf einer Documenta vertreten war oder eine Einzelausstellung in der Tate Modern hatte: Hier haben Sie die Antwort.
Und wenn Sie, liebe Leserinnen, wissen wollen, was vor bald 30 Jahren im TV und auch sonst in der Gesellschaft so lief, viel Spaß bei der Lektüre der Schädelspalter-Seite, virtuelle Alltags-Archäologie sozusagen.

31.05.2021 – Fußball-EM 2021


Brüsseler Impressionen, Kulturgüter Waffles und Männeken Pis. Fußball ist eher Unkultur, findet aber statt. Niemand bedauert das mehr als ich, was zumindest den Profifußball angeht. Diesem Bedauern habe ich hier mehrfach beredt Ausdruck gegeben. Nicht nur, weil es eine Notwendigkeit der Kulturkritik war angesichts der völlig verrotteten Umstände um dieses männerbündische Gruselphänomen, sondern auch aus Abarbeitung enttäuschter Liebe, war ich doch lange Jahre durchaus enthusiasmierter Anhänger des gepflegten Rasensports. Spätestens seit der WM 1990 war die Liebe erkaltet angesichts nationalen Fahnentaumels nach dem Titelgewinn in Verbindung mit brennenden Flüchtlingsheimen. Wer noch einen Funken Anstand im Leibe hatte, wusste: Kein Tropfen Herzblut mehr für die Wegbereiter des Gesindels.
Seitdem wette ich bei jedem Fußball-Großereignis gegen „unsere“ Ostgoten, was mir bei der letzten WM 2018 nicht nur regelrechte Glücksströme durch Gemüt und Körper bescherte, sondern angesichts des vorzeitigen Ausscheidens der Ostgoten einen zusätzlichen Urlaub (klein, eher Malle als Mallediven), hatte ich doch justament darauf gewettet.
Und werde das auch heuer wieder tun, wofür die Anbieter durchgängig eine Quote von 7:1 zahlen. Leider fehlt mir mittlerweile das, was bei Fußball-Wetten nicht von Nachteil ist, nämlich jeglicher Sachverstand. Wusste ich früher noch aus eigener Anschauung über die Schwächen der hiesigen Rumpelkicker, die sie nur mit mörderischem Weltkriegs-Zwo-ähnlichen Körpereinsatz ausbügeln konnten, kenne ich heute nicht einmal mehr die Namen der beteiligten Schwachköpfe. Hummels kenn ich noch, soll wieder dabei sein, was mir Hoffnung macht, ist der Mann doch so langsam, dass selbst ich ihn noch in einem 50-Meter-Sprint abhänge.
Zu meinem Erstaunen ist Belgien an Nr. 1 der Europa-Rangliste, das wäre ein feiner Tipp als Europameister. Belgien ist klein und von einer Nation kann man da kaum reden, das sind eher drei mühsam nebeneinander dahinfunktionierende Landesteile plus Sonderfall Brüssel. Eben aber las ich, dass sich ihr Mastermind De Bruyne gerade Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch zugezogen hat. Seine EM-Teilnahme ist aber nicht gefährdet. Die fängt in 12 Tagen an. Und dann mit solchen Brüchen in Kopfballduelle gehen?
Mörderischer Weltkriegs-Zwo Körpereinsatz ist offensichtlich nicht nur eine doitsche Domäne und die Bezeichnung „Schwachköpfe“, siehe oben, ziehe ich ausdrücklich nicht zurück.
Was bleibt, sind meine Tipps: die BRD scheidet in der Vorrunde aus, das Finale lautet Frankreich gegen Belgien und Belgien wird Europameister. Wer Killer-Kicker wie De Bruyne in seinem Kadaver, äh Kader hat, dem ist alles zuzutrauen.
Auch wenn manche Belgier einen an der Waffel haben, sind ihre Waffles und Pommes Weltklasse und Brüssel ist eine über alle Maße bezaubernde Stadt. Damit am Schluss wenigstens irgendwas Versöhnliches steht.

28.05.2021 – Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen


On air. Auf Sendung. Digital. Unlängst bei einer Livestream-Diskussion zum Thema „Wohnungsnot“ des hiesigen soziokulturellen Zentrums Pavillon.
Wenn Sie sich fragen, liebe Leserinnen, warum die Grünen einen derartigen Lauf haben: Das liegt auch an der organisierten Struktur unserer Zivilgesellschaft, z. b. in Form von NGOs. Ich muss es wissen, ich arbeite für eine. So gibt es neben vielen anderen Landesarbeitsgemeinschaften eine LAG Soziokultur in Niedersachsen https://www.soziokultur-niedersachsen.de , ein – neben vielen anderen – genuines Kind der Grünen. Entstanden ist diese Sozio-Kultur aus den radikalen autonomen Jugendzentren der 70er. Aus Kindern werden Leute. Diese NGOs prägen natürlich die Alltagswelt mehr als sämtliche Arbeitskreise der SPD. Ob diese Pazifizierung und Kanalisierung subkultureller, rand- und widerständiger Strömungen der Gesellschaft nicht auch an Verlust ist?
Fakt ist, dass ich nächsten Monat die ersten Live-Veranstaltungen seit Monaten habe, wann die letzte war, weiß ich gar nicht mehr. Verloren. Analoge Diskussionen, mit leibhaftigem Publikum. Natürlich laut Veranstalter unter Wahrung der Hygienestandards. Dazu muss ich das Homeoffice verlassen und mit Öffis reisen, teils Stunden (Niedersachsen ist ein Flächenland). Ich schätze solche Veranstaltungen über alle Maßen. Ein Publikum ist immer auch ein lebendiger Organismus, insofern ist eine derartige Veranstaltung auch sinnlicher Akt und politische Bildung at its best, 10x nachhaltiger für alle Beteiligten als Buchlektüre (wenn’s gut läuft … ).
Aber ich habe keine Erinnerung mehr, wie sich sowas anfühlt. Ich hab’s eigentlich auch nicht mehr vermisst. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, richtet sich in die ödesten, ja bedrohlichsten Umstände ein, redet sie sich schön und behaglich und will am Ende gar nicht mehr anders. Ähnlich ist das mit Reisen, Restaurants, Kulturveranstaltungen. Deren Fehlen wird immer mehr zu einer abstrakten Kopferinnerungserkenntnis als zu einer körperlichen Sehnsucht. Geht doch auch so.
Ob der Appetit beim Essen wiederkommt? Eben fielen mir in meinem Schreibtisch zwei Briefmarken in die Hand. Eine aus dem Internet, prosaisch s/w, mit Barcode, eine bunt, vor Seuchenzeiten am Postschalter gekauft. Was’n analoger Anachronismus, wegen sowas das Haus zu verlassen, gar Schlange zu stehen, Lebenszeit vergeuden mit Leuten, die schlecht riechen. Und Aerosole verbreiten. Das muss ich bestimmt nicht mehr haben.
Bleibt die Frage: Was bleibt vom alten Leben, wenn das Gorgonenhaupt der Seuche seine Schrecken reduziert? Und was verschwindet? Ohne Bedauern? Immer mehr Fragen.
„.. Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen …“

24.05.2021 – Von der Kuhhaut des Patriarchats.


Geistige Getränke. Zwischen Leber und Milz ist noch Platz für ‘n Korn und ‘n Pils. Anderes Geistiges kam in Form eines sogenannten heiligen Geistes über sie, so heißt es in der Bibel zu Pfingsten. Wir können davon ausgehen, dass es sich hier um eine Drogenmetapher handelt, heißt es doch weiter: „Und sie redeten in Zungen“. Meint: Sie redeten noch mehr dummes Zeug als ohnehin. Was jeder, der mit Kiffern abgehangen hat, sofort bestätigen wird. Was Bekiffte an Blödsinn von sich geben, passt auf keine Kuhhaut.
So lustig ist ein möglicher Ursprung dieser Redewendung übrigens nicht, wurden doch Ehebrecherinnen in eine Kuhhaut eingenäht ertränkt. Ehebrecher hatten nichts zu befürchten, weil in diesem Fall ja die Erbfolge nicht angetastet wurde. Die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie ist nur mit der Entstehung des Kapitalismus und Privateigentums zu verstehen. Das Privateigentum ist nur in der Erbfolge der Kleinfamilie gewährleistet.
Und wer kann schon sicher sein, dass die eigene Frau einem da nicht ein Kuckucksei ins Nest legt (ca. 10 Prozent sind Kuckuckseier). Das wird mit mörderischen Konsequenzen sanktioniert und nur an diesem kleinen Beispiel sieht man (!), dass geschlechtersensible Sprache mitunter eine Frage von Leben und Tod sein kann und dass das Patriarchat auf den Misthaufen der Geschichte gehört.
Dummes Zeig schwafeln nicht nur Kiffer, sondern auch geistige Würdenträger der katholischen Kirche, wenn sie nicht gerade mit Kinderficken beschäftigt sind. Das dumme Zeug könnte man und frau begrüßen, werden dadurch doch immer mehr Abergläubige fahnenflüchtig und treten aus, wohin auch immer.
Das ist aber leider nicht dialektisch gedacht, wird die katholische Kirche dadurch perspektivisch zu einem militant-reaktionären Weiße-Alte-Männer-Bund. Was bei einem derartig harten Kern rauskommen kann, sieht man bei militanten Evangelikalen in den USA, die in Abtreibungskliniken so viel Terror und Mord verbreitet haben, dass diese sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Und so sind wir in unserer heutigen Predigt zu Pfingsten von geistigen Getränken über Kiffers Kuhhaut und das Patriarchat zu geistigen Würdenträgern gekommen, was ich zu Beginn des Schreibens nicht gedacht hätte. Beim Blogschreiben gönne ich mir den Luxus des freien Flutens, ein Begriff aus alten undogmatisch-linken Zusammenhängen, den ich schon lange nicht mehr gehört habe. Für sachdienliche Hinweise, was aus dem freien Fluten geworden ist, bin ich dankbar.
Man könnte fast meinen, ich schriebe in Zungen. Happy Pfingsten, liebe Leserinnen.

23.05.2021 – Sind so viele Fragen


Train train. Züge waren ein klassischer Topos des Blues und Rock, Sehnsucht nach der Ferne und Überdruss am eigenen Ort, Neues erleben, Altes vergessen, Aufbruch, Entdeckung, Eroberung. Spielt, soweit ich das auf dem Schirm habe, in der schwarzen Ausprägung von Pop, also Soul, Funk, Reggae (Hiphop, Rap etc. kann ich natürlich überhaupt nicht beurteilen) kaum eine Rolle, scheint mehr ein weißes Ding zu sein. Ob das das Conquistador-Gen der Weißen ist, die einen offensichtlich unstillbaren Trieb zur Eroberung äußerer und innerer Kontinente hatten und noch haben? Weshalb sie auf dem Sektor Mobilität durchaus Bahnbrechendes erfanden, während ihnen die Kenntnis von Kräutern, innerem Erleben und Spiritualität eher flöten ging. Ersatzweise entwickelten sie in der postkolonialen Ära den TUI-Imperialismus, die Eroberung und Vernichtung fremder Kulturen mittels Boeing 727, Flughafen-Transfer, Halbpension, Hotel am Strand, 7 Tage, 4 Sterne für 629 Euro. Das gehört zum Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung, nach Grundgesetz Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, das beinhaltet das uneingeschränkte Recht auf Urlaubsreisen“.
Zumindest gefühlte Grundgesetz-Praxis. Solcherlei Gedanken mäanderten unlängst durch mein Hirn, als ich die stillgelegte Trasse der ehemaligen Kohlebahn hinter meinem Haus vom hiesigen Hafen zum Kraftwerk erkundete. Die Katze oben begleitete mich eine Weile.

Irgendwann war ich dann auf archaischen Bahnschwellen, die ich auch als Foto einer maroden rumänischen Karpaten-Bahnlinie verkaufen könnte, alleine unterwegs, mitten in der Natur, Stille, wo keine 100 Meter entfernt, vor dem Fenster meines Arbeitszimmers, 20.000 Autos am Tag vorbeidonnern und meinem morgendlichen Würfelhusten stündlich Zucker geben. Man muss mitunter gar nicht weit reisen, um irgendwo anzukommen.
Ich war auf den Bahnschwellen u. a. dabei, Gedankenstaub aus meinem Gemüt zu schütteln, nach einer drolligen Zoom-Sitzung, bei der ich das Missvergnügen hatte, den Host zu geben. So sehr ich analoge Moderation schätze, so wenig goutiere ich digitale. Mir fehlt jedes Gespür dafür, wie die Leute in digitalen Räumen drauf sind. Wenn ich in einem analogen Versammlungs-Raum bin, „rieche“ ich nach wenigen Momenten die Stimmung, so wie andere schon beim Auto-Motor-Anlassen hören, dass die Bremsen in 57 Tagen mal wieder geölt werden müssen, oder so. Hat halt jeder sein Ding.
In digitalen Versammlungsräumen rieche ich höchstens meine Gemüsesuppe, die in der Küche auf dem Herd köchelt. Und so muss ich mir Gedanken machen über Seuchenforcierte Digitalisierungstendenzen und deren gesellschaftliche Auswirkungen, anhand eigenen Erlebens.
Gestern z. B. saßen schon die ersten Leute in der Außengastronomie. Dieser winzige (norddeutsches Schweinenieselbibberwetter) Lichtstrahl von Hoffnung auf mehr „Normalität“ ließ mich unberührt. Frisst sich der Digital-Virus langsam ins Gemüt? Was geht an alten Fähigkeiten und Wahrnehmungen flöten? Wann wird es endlich wärmer? Und kommt der Hl. Geist zu Pfingsten über mich und macht, dass ich in fremden Sprachen rede, so wie in der Bibel?
Sind so viele Fragen …Aber das mit den Sprachen wäre ein Hammer. Griechisch ist echt so Scheißschwer, die Schrift allein …
Liebe Göttin, mach dass ….

21.05.2021 – Sie können uns kreuzweise …


Da geht’s lang. Und wo geht’s in Sachen Seuche lang? Die Diskussionen kochen hoch, resp. sind in einem Dauerhoch. Spaltung zwischen Geimpften und Noch-Nicht-Geimpften, denen so überlebensnotwendige Menschenrechte wie Reisen nach Malle erschwert werden. So what.
Das wahre Problem sind die unsolidarischen, oft quer“denkenden“ Impfverweigernde. Immerhin geschätzt ca. 10 – 25 Prozent, also bis zu 20 Millionen. Ich kann nicht einschätzen, was das für eine notwendige Ausbildung von Herdenimmunität zur Folge haben wird. Sicher ist, dass dieses Verhalten tödliche Konsequenzen haben wird. Wäre es nur für die Verweigerungsminderintelligenzlerinnen, könnte das unter dem Konto Survival of the Fittest abgebucht werden. Ein derartiges Verhalten ist ein evolutionärer Nachteil für die Spezies, auch eine eventuelle Ausbildung bei Einzelindividuen von natürlicher Immunität ist kein Vorteil, da die eher nicht vererbbar ist. Also ab inne Kiste und hauch wech die Scheiße.
Aber so einfach ist es leider nicht. Verweigernde sorgen für die Ausbreitung von Mutationen, gefährden ihr Umfeld und sind enorme Kostenträger. Früher oder später wird es sie fast alle erwischen, die Seuche verschwindet absehbar nicht, die Regeln werden allmählich gelockert, Präsenz wird die Regel und das Ansteckungsrisiko für Nichtgeimpfte potenziert sich spätestens im nächsten Winter.
10 – 20 Prozent aller Infizierten leiden Stand jetzt an Long-Covid, ein weiteres Potential von bis zu 4 Millionen Langzeit-Erkrankten, siehe oben. Die materiellen Kosten von Behandlung über Reha bis Berufsunfähigkeit dafür sind zurzeit nicht annähernd quantifizierbar, dürften aber die Kalkulationen aller derzeitigen Krankenkassen-Beitrags-Entwicklungen Makulatur werden lassen.
Festzustellen bleibt: Die sich dergestalt unsolidarisch Verhaltenden bürden die Kosten ihres Verhaltens der Solidargemeinschaft der Versicherten auf. Das finde ich inakzeptabel.
Eine Lösung: Impfverweigernde unterzeichnen einen Vertrag, kann leicht in der Impf-App hinterlegt werden, laut dem sie sämtliche Kosten einer Covid-19 Erkrankung privat tragen. Das ist natürlich illusorisch. Ergo: Impfpflicht. Wie bei Masern.
Die Debatte kommt, so sicher wie der nächste Sonnenaufgang.
Ach so: Sollten Sie, liebe Leserinnen, hier im Blog mal einen Kommentar hinterlegt und keine Reaktion drauf erhalten haben, tut mir das leid. Keine böse Absicht. Ich komme nur leider nicht dazu, die Kommentare zu moderieren. Das ist fast alles Spam und da sind so einige aufgelaufen. Stand heute: 164.908 Kommentare …

Come together. 1991. Sie können uns kreuzweise. Wahlkampf für die erste Satirepartei der BRD. Das soziale Medium war die Kneipe mit dem Bier nach der Klebeaktion und die Kommentare, die da moderiert werden mussten, waren entweder nicht druckreif oder was für den Verfassungsschutz.
Ja, wenn der Opa erzählt ….