Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

08.12.2019 – Gegen die nächsten Hitzewellen bin ich gewappnet


Erntezeit in Portugal. Die Orangen von meist kleinen Parzellen werden Säckeweise für drei, vier Euro am Straßenrand verkauft. Sie sind kaum Konkurrenzfähig gegen spanische Produkte. Dort gibt es riesige Plantagen und effektivere Anbaumethoden. Ich hab allerdings irgendwo mal gelesen, dass grundsätzlich europäische Orangen kaum wettbewerbsfähig gegen brasilianische sein sollen.
Man sollte die Parzellen aber für Touris erhalten. Für mich ist dieser Anblick beim Wandern ein Inbegriff von Urlaub,
von der anderen, der fremden Welt. So wie der Anblick der unendlichen Weite des Meeres. Einen Begriff, so klein er auch sein mag, von der „Fremde“ zu bekommen, ist wesentliche, demokratische Funktion von Reisen.
Womit wir bei dem bekannten Dilemma sind, das in einem aktuellen Artikel der „konkret“ so formuliert wird: „Wer zu wenig reist, wird dumpf und xenophob, wer zuviel reist, zerstört Umwelt und fremde Kulturen.“
Da kann man nur dankbar sein, dass da mitunter nicht mehr soviel zu zerstören ist.

Portimao, Algarve.
Und wie sähe die hier in Teilen ohnehin zersiedelte und zubetonierte Küste aus, wenn alle Urlauberinnen, die in den Hochhäusern absteigen, in netten, kleinen Apartments Urlaub machen würden? Da wäre die Küste bis Lissabon zubetoniert. Also ein Hoch den Hochhäusern, auch den Innerstädtischen.
Denn die Variante, das Reisen per ordre du Mufti zu reduzieren durch drastische Kerosinbesteuerung beispielsweise, im Verbund mit anderen nachhaltigen klimaschonenden Regelungen, wäre sozial ungerecht, undemokratisch und kontraproduktiv. Sie würde eine derartig beschliessende Regierung aus dem Amt fegen und Lemuren an die Macht bringen, die ich mir kaum vorzustellen wage. Da wäre Höcke noch ne Light-Version.
Also lieber weiter so, der Klimakatastrophe entgegen. Ist mir recht. Ich reise gern und gegen die nächsten Hitzewellen bin ich gewappnet. Hab ne schattige Wohnung.

06.12.2019 – Ortseinfahrt Erde


Dieses Schild sollte am Ortseingang Erde stehen. Steht aber auf den Klippen der Algarve, wo es mich auf die Endlichkeit meines irdischen Wandelns hinwies. Die Erde wird die Menschheit überstehen, wie ich einen Pickel am Arsch. Die hat schon schlimmeres durchgestanden. Die Frage ist, wie unsere Gesellschaft die derzeitigen Krisen übersteht, mit welchem Modell von Herrschaft wir da herauskommen. Demokratie?
Achten Sie mal auf die hysterischen Reaktionen zu den Vorschlägen des Umweltamtes in Sachen Tempolimit, Spritpreiserhöhung und Quote E-Auto etc. Oder gar ein Böllerverbot zu Sylvester! Da fühlt sich der gemeine Germane sofort in seinem Grundrecht auf Selbstvernichtung behindert und geht ne Runde Amok laufen. Erstmal verbal, der Rest kommt später. Die Leute wollen konsumieren, um’s verrecken. Von mir aus gerne. Erstens geht mir die Menschheit auf die Eier und zweitens ist das der Freie Wille. Dass der auch mit Verantwortung zu tun hat, hat man dem Mob in der Schule der allgemeinen Verblödung nicht beigebracht.
Konsum ist Menschenrecht. Oder? Konsum und Demokratie sind untrennbar wie siamesische Zwillinge, nimm das Eine weg, geht das Andere ein.
Schöne Aussichten

Flusstal des Arade, Algarve.

04.12.2019 – Ein Schnäppchen


Algarve Anfang Dezember. Sonne pur, traumhaftes Licht, jeder Atemzug ein Gesundheitselixier. Eine medizinisch notwendige Massnahme. Von Mentalität garnicht zu reden, bei dem deutschen Schmuddelwetter. Die Strände habe ich fast alle für mich alleine, draussen vor den Bars sitzen einige wohlhabende deutsche und englische Rentner, die hier ihr Winterdomizil besitzen, und verkürzen ihre Restlebenszeit mit intensivem Alkoholkonsum schon vormittags.
Auch in meiner ziemlich luxuriösen Anlage, Parkähnlich mit Palmen, Mandel- und Olivenbäumen, bin ich fast der einzige Gast, eine skurrile Athmosphäre. Was ich ausserordentlich schätze. 1 Woche inklusive Flug, Frühstück, Transfer für 400 Euro, ca. 100 qm Apartment, Terrasse Blick auf das Monchique Gebirge. Ein Schnäppchen. Wie macht der Hotelbetreiber sowas möglich?
Vermutlich macht es keinen großen Unterschied, was Betriebskosten und Funktionserhaltung angeht, wenn er den Laden mit ein paar Leuten am laufen hält, statt bis März dicht zu machen. Er hat auch kaum Konkurrenz, die meisten Hotels sind zu.
Das ist die eine Komponente. Die Andere:
Beschäftige in der Tourismusbranche verdienen hier bei einem 12 Stunden Tag und einer 6 Tage Woche ca. 700 Euro im Monat. Das Preisniveau ist nicht sehr weit vom deutschen entfernt. Die Zeiten, wo ich noch als Hippie-Darsteller hier rumkasperte, um Geld zu sparen, weil der damalige Escudo uns ein Billigparadies bescherte, sind lange vorbei.
Im Normalfall werden die Beschäftigten von November bis März hier arbeitslos, dann kriegen sie vom hiesigen Arbeitsamt 400 Euro im Monat.
Aber das Wetter ist hier wirklich super, demnächst 19 Grad. Sonnige Grüße und ebensolches Gemüt wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

02.12.2019 – Mehr Licht oder Meer Licht?


Egal, Hauptsache weg.
Ohne Flieger ans Mittelmeer? Machbar, aber schwierig, wenn man nur eine Woche hat… Kompensation ist nett. Wie früher im Beichtstuhl, Pater peccavi, und weiter geht’s mit dem Sündigen. Weiße Salbe für einen Krebskranken. Flugscham habe ich nicht, es ist nur die reine Logik des Verstandes, die Vernunft, die mir sagt, dass das falsch ist, was ich tue, wenn ich fliege. Solange Vernunft aber nicht in Emotion wie Scham übersetzt wird, funktioniert die Klimawende nicht. Deshalb funktionieren ja Nationalismus und Faschismus auch so gut, weil sie den Verstand aussetzen und an niedere Emotionen andocken. Wenn ich bei der Kälte Obdachlose sehe, fasst mich mitunter Wut an über Verhältnisse, die das zulassen, gemischt mit Dankbarkeit und Beschämung, dass es mir so gut geht. Emotionen eben, deshalb bin ich auch ein Kind sozialer Bewegung und nicht der ökologischen. Mich packt keine Wut, wenn an meinem Fenster 25.000 Autos am Tag vorbeistinken. Die Konsequenzen dessen sind weit weg. Ich lege dadurch statistisch 1,5 Jahre eher die Löffel weg? So what, who cares Statistik und ich sterbe sowieso nicht. Die Klimakatastrophe rückt dadurch näher? Kann ja sein, aber wann…Wütend bin ich, wenn irgendein irrer Motorradidiot mit heulendem Motor und 180 km die Gerade hier beschleunigt, wenn gerade mal wieder 200 Meter Freie Fahrt für Geisteskranke Bürger herrscht. Dann geht mein Puls auf 180, das merke ich direkt.
Aber Klima? Hauptsache, die Sonne scheint. Außerdem ist die Klimakatastrophe längst da, bei jeder Hitzewelle tausende Tote jetzt schon. Und der Mensch ist ähnlich wie Kakerlaken und Ratten von hoher Resilienz. In Neu Dehli sind die Schadstoffwerte bis zu 20fach höher als bei uns, und da leben Millionen Menschen, werden immer mehr. Und gucken Sie sich mal Bilder vom Autoverkehr in Bangkok an, da leben die Berufstätigen in ihren Autos, Hundert km Dauerstau, 3 Stunden hin zur Arbeit, 4 zurück… Nein, wir haben noch viel – schmutzige – Luft nach oben. Alles wird schlecht. Aber das macht nichts.
Wir aber sollten uns ein Beispiel an den Bäckern nehmen

Von den Bäckern lernen, heisst Siegen lernen.

01.12.2019 – Antizyklisches


Antizyklisches Bodenfrost-Foto, Kloster Mirtiotissa auf Korfu, Ende Oktober.
Bodenfrost, beim morgendlichen Kontemplativ-Gang durch den Garten. Kontemplativ-Gang hört sich gut an, aber Ihnen, und nur Ihnen, liebe Leserinnen, verrate ich, was dahintersteckt: Ich bringe via Garten meinen Mülleimer zur Tonne. Es ist eben alles eine Frage der Etikettierung. So auch bei der sPD.
Die sPD ist hässlich und missgebildet. Sie taugt nicht zur Politik, zur Erheiterung, zum Positiven, ihr Motto: „I, that am not shaped for sportive tricks“. Sie ist so lahm und verkrüppelt, dass die Medienmeute sie anbellt, wenn sie ihrer ansichtig wird. Nach zahlreichen Intrigen und Verrat kommt sie doch noch einmal an die Macht, aber ihr Ende ist nahe. Verzweifelt sucht sie nach Rettung, nach Flucht vor dem Untergang: „A Horse! A Horse! My kingdom for a horse!“ Schliesslich trifft sie im direkten Kampf auf den Wähler und wird dabei getötet.
Wer mal ein Theater von innen gesehen hat oder zumindest Notabitur besitzt, wird wissen, dass es sich hier punktgenau um die Anwendung der Tragödie Richard III. auf die sPD handelt.
Kennzeichnend für die Tragödie: Der Held kann machen was er will, es geht immer Scheiße aus. Insofern ist es auch völlig egal, dass die sPD irgendwen zum Vorsitzenden gewählt hat. Sie hätte auch eine Kreuzung aus Mutter Theresa und Willy Brandt wählen können, es ändert nichts am Untergang. So stehen wir staunend und angeekelt am Spielfeldrand, um zu beobachten, wie das abgewirtschaftete alte sPD-Führungspersonal den neuen Vorsitzenden sofort nach alter Manier in den Rücken fällt und auf Fortsetzung der Koalition besteht, anstatt einfach mal die Fresse zu halten. Und die Gewerkschaften sind wie bei fast jeder Sauerei wieder munter dabei, im harmonischen Konzert mit dem Kapital.
Als ob das nicht schlimm genug wäre, noch die gruselige Auslosung für die BRD zur Fußball-Europameisterschaft, die schwerste Gruppe, mit Frankreich und Portugal. Das gibt für mich Null-Quote, wenn ich wie seit 1990 auf das frühe Ausscheiden der Ostgoten wette, dafür zahlen die Buchmacher nichts. Anders als bei der letzten WM, wo ich mit der Wette einen Urlaub finanziert habe.
Seit dem BRD-Gewinn der WM 1990, worauf ein Meer von Schwanzrotgoldenen Fahnen die Republik zudeckte und in Folge Ausländerheime angezündet wurden, als Nationalismus und Vorboten des Faschismus ihre grässliche Fratze zeigten, wette ich als Vaterlandsverräter und Kosmopolit konsequent gegen die Ostgoten, was mich summa sumarum einiges an Talern gekostet hat. Die Ostgoten sind auf dem Platz wie im Krieg, Panzergleich überrollen sie ihre Gegner und kämpfen bis zur letzten Patrone, haben aber im Fußball damit leider oft Erfolg.
Dann erreichte mich noch von einem meiner Korrespondenten dieses Foto

KDG, Graffiti am hiesigen Maschsee, mit dem Kürzel zeichne ich mitunter, wenn es flink gehen soll, auf WhatsApp zum Beispiel, sogar Dienstliches. Wenn sich das bei der Soko Graffiti rumspricht, krieg ich bestimmt mal ne Vorladung.
Und jetzt auch noch Bodenfrost und Advent.
Nichts wie weg hier.

30.11.2019 – Bin ich ein linker Spießer?


Der rote Stern über dieser Weihnachtspyramide steht nicht, wie man wegen „H&M“ glauben könnte, wenn man glauben wollte, für den Heiligen Melchior, einen der drei Mohren, so habe ich es zumindest im Kommunionunterricht gelernt, aus dem Morgenlande, sondern natürlich für die Modekette H & M, Paradebeispiel für katastrophale Produktionsbedingungen in Billiglohnländern und Ausbeutung der einheimischen Arbeitskräfte. Solche säkularen Einrichtungen haben in der Funktion des Konsums als Religionsersatz nicht nur den „heiligen“ drei Königen, sondern allen anderen Sinnstiftenden Institutionen und Ideologien unserer Gesellschaft den Rang abgelaufen.
Gestern am Black Friday pilgerten 250.000 Gläubige der Religion Konsum in die hannöversche City, um dort den sakralen Ritualen ihres Wahns, also ihrer Religion, zu frönen. 7.000 Demonstrant*innen, also knapp 3 Prozent von 250.000, folgten am gleichen Tag dem Gedanken von Friday for Future, um das Klima zu retten. Soviel zum gesellschaftlichen Maßverhältnis und ich möchte nicht wissen, wie viele der Religionsfanatiker, die mit ihrem Goldenen Kalb, dem Auto, zum „shoppen“, ein dem Abendmahl vergleichbarer Akt, unterwegs waren, die Demonstrantinnen mit Hass und Mordphantasien bedacht haben, weil sie ihnen für fünf Minuten die „Freie Fahrt für Freie Bürger“ nahmen.
Das alles ist so offensichtlich irrsinnig, verrückt, pathologisch und bar jeder Morgenröte von Hoffnung am Horizont der Geschichte, dass ich wenig Gedanken auf die Rettung der Welt, des Klimas, der Menschheit (auf die schon gar nicht!) verschwende.
Lohnenswerter scheint mir genaueres Hingucken, um scheinbar Offensichtliches zu hinterfragen. Einige Zeit war zentrales Medienthema die Flugscham. Sich des Fliegens zu schämen wurde im liberalen Mainstream allgemein begrüßt als ein Hebel zur Klimaverbesserung. Das Pendel scheint mir in letzter Zeit zurück zu schwingen. Vermehrt, ist davon die Rede, dass flächendeckendes Reisen, Fliegen, ja auch seine positiven Seiten habe, eine demokratische Errungenschaft sei und die vermehrte Kenntnis fremder Länder Sitten und Gebräuche signifikant zur Völkerverständigung beitrage.
Wer wollte solch hehrem Diktum widersprechen. Reisen, hier als Fliegen gemeint, ist wie Kultur ein zentrales Bildungsmoment des aufgeklärten Citoyens. Es erweitert den Horizont, verschafft Kompetenzen, Kenntnisse, Emotionen, verändert Sichtweisen. Wer nicht reist, wird von substantiellen Momenten lebendigen Lebens abgeschnitten und ist ein armer Tropf. Junge Menschen z. B., die Auslandsaufenthalte in einem israelischen Kibbuz oder einer portugiesischen Landkooperative hinter sich hatten, dürften gegen das Gift des Nationalismus und Faschismus relativ immun sein, was die Lektüre von 50 Büchern ersetzt.
Also eine feine Sache, dieses fliegende Reisen.
Aber wenn das alles so ist, wieso haben wir dann in einem Zeitalter, in dem noch nie so viele Menschen so viel und so weit reisen konnten, ein in der Nachkriegszeit nie gekanntes Ausmaß, nicht nur in Europa, an Nationalismus und Faschismus? Liegt es daran, dass ein erheblicher Teil der Reisenden sich im Urlaub in All-Inclusive Bunkern verschanzt und jeden Eingeborenen bis hin zur Kellnerin als natürlichen Feind betrachtet? Und dass die entpolitisierten Jugendkohorten der letzten Jahre flächendeckend nach Schule und Studium wie Heuschreckenschwärme im Ausland einfallen, nach dem Motto: Barcelona oder Berlin? Hauptsache Party!
Wird die Generation St. Greta diejenige einer Repolitisierung, die Kritik nicht als Sterneverteilen bei TripAdvisor für coole Locations begreift, sondern als Mittel zur Emanzipation?
Abwarten und Portwein trinken, diese Frage beantwortet sich, wenn diese Generation die magische Grenze der „30“ erreicht, wo so viele gläserne Decken warten….
Eins ist tröstlich: Schlimmer als ihre Vorgänger-Generationen können sie nicht werden.
Ich sei ein linker Spießer, höre ich da? Tja. Schon wieder so eine Frage.

29.11.2019 – Es wird kälter


Blick auf die Veranda: bevor die Fröste kommen, schnell noch Restblüten eingesammelt. Wobei die Rose noch wunderbar duftet und unermüdlich ist, die produziert auch zu Weihnachten noch Blüten. Ein Blick in die Politik zeigt, dass sich manche Blütenträume auf das Schönste verwirklicht haben, wie die Geschichte vom grünen EU-Parlamentarier Reinhard Bütikofer zeigt. Der beklagt völlig zu Recht in der HAZ vom 28.11.2019 die „Bösartigkeit des Regimes“ im kommunistischen China, das massenhaft Uiguren interniert, Zitat: „Wer solche Dokumente (die die Bösartigkeit des Regimes belegen sollen, kdg) an die Öffentlichkeit gebracht hat, empfindet vielleicht so etwas wie Scham, dass der altehrwürdigen Kulturnation China solche totalitären Praktiken aufgezwungen werden. Da werden Professoren in Lager gesteckt, und in den Dokumenten heißt es, man müsse den Lagerinsassen beibringen, wie man sich anständig anzieht. Das ist zynisch.“
Welcher aufrechte Demokrat wollte solch wackeren Sätze nicht unterschreiben. Bütikofer ist Experte.
Laut Wikipedia war er in den 70ern Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft (GDCF) und des maoistischen Kommunistischen Bund Westdeutschland KBW. .
Was bei Wikipedia nicht steht, kann man hier in einem Artikel des „Neuen Deutschland“ von 2008 nachlesen, und es beschreibt die Gesinnung und Phantasien dieser Parteikader präzise:
„In einer Schrift des KBW hieß es etwa über Daniel Cohn-Bendit, damals Mitstreiter der Frankfurter Sponti-Gruppe »Revolutionärer Kampf«, aus der auch Joschka Fischer kam: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder er wird von der Arbeiterklasse eine nützliche Arbeit zugewiesen bekommen, etwa in einer Fischmehlfabrik in Cuxhaven, oder er wird während der Revolution durch die Massen an den nächsten Baum befördert.«
Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, später trafen sich die Schmähenden und Geschmähten schiedlich-friedlich bei den Grünen, einem Abklingbecken für Pseudorevoluzzer*innen (ein paar Frauen waren auch beim KBW dabei, aber wenige. Solche kranken Machtphantasien von Zwangsarbeit und Aufhängen sind Männerdomäne.)
Der Autor dieser Zeilen ist der Letzte, der Faulenzern und Studienabbrechern wie Bütikofer die Karriere nicht gönnen würde. Und jede*r hat das Recht auf Entwicklung und Veränderung. Nichts ist so schrecklich wie der bar jeder Veränderung durch sein trostloses Dasein stapfende Spießer. Und geläuterte Sünder wie Bütikofer oder den ex-Steinewerfenden ex-Außenminister Joseph Fischer liebt die Gesellschaft, viel mehr als diesen immer schon alt gewesenen Sauerland Rocker Friedrich Merz, der mit seinen Ansichten geboren wurde.
Was mich an der Sache so stört, ist dieses synchrone, flächendeckende, immer dem Zeitgeist angepasste Verhalten, dieser gnadenlose Opportunismus, koste es, was es wolle. Sie haben alle unten links angefangen und enden alle oben rechts. Nicht einer, der antizyklisch agieren würde, lebendig halt, und gerade jetzt, wo es darauf ankäme, linkes, radikales Denken reaktiviert. Kein Wunder, dass sie alle (na ja, fast, Fischer und Bütikofer zumindest) fett und hässlich sind, in einen Fettkokon gepanzert gegen das Leben, und die Scham. Die dann doch, siehe oben, bei Bütikofer, ihren unbewussten Ausbruch hatte. (Es gibt auch Sympathische und Engagierte bei den Grünen, die weder Verstand noch Moral an der Garderobe der Institutionen abgegeben haben. Um die geht es hier nicht, hier geht’s um Kritik, immer.)
Eine feine Gesellschaft.
Es wird kälter. Trotzdem schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

26.11.2019 – Von Pumpgun- und anderen Latten


What the fuck is a Pumpgun Latte? Man liest immer das, was man gerne lesen möchte. Ich hoffe nicht, dass diese Art Fehl-Wahrnehmung von mir (vor irgendeiner pseudoalternativen Kaffee-Butze in Berlin) Rückschlüsse auf meine Phantasien zulässt, werde das aber sicherheitshalber offen und angstfrei in meiner Männergruppe diskutieren. Mir fehlt die Phantasie, den Geschmack eines Kürbisgepantschten Kaffeeersatzes für Warmduscherinnen und Weicheierinnen zu imaginieren. Ich weiß nur, dass es in den schlechten Zeiten Kaffeeersatz in Form von Zichorien gab, auch Eicheln, Bucheckern etc. pp.. Igitt. Aber die Alternativen waren schon immer vorneweg, wenn es nach rückwärts ging.
Keine Pump- aber andere Gun-ähnliche Waffen schleppte das Kommunikationsteam der Polizei bei der Anti-NPD Demo am Wochenende in Hannover mit sich rum.

Da kommt Diskussionsfreude auf, wenn man die strukturelle Verfasstheit der Angehörigen des Repressionsapparates – nein, wir sagen nicht mehr Bullen, wie ich mehrfach gegenüber Verbalmilitanten- und Onkeln auf der Demo insistierte – bedenkt. Falls jemand von Ihnen, liebe Leserinnen, mit Organisationsentwicklung zu tun hat, nehmen Sie das Bild gerne als Impuls. Alles beim Alten lassen, aber einem ausgesuchten Team rote Westen (und Mützchen) mit der Aufschrift „Kommunikationsteam“ umhängen – die Knarre natürlich weglassen…
Falls Sie sich jetzt fragen, hat der Blogschreiber keinen Frisör, dem er das alles an die Backe hängen kann: fast getroffen. Ich sitze hier an einer lästigen und unangenehmen Arbeit und nutze jede Gelegenheit zur Flucht; das Wetter am Mittelmeer hab ich durch, in der Nähe von Korfu bebt die Erde und an der Algarve scheint die Sonne. Da fällt die Wahl nicht schwer. Eigentlich wollte ich mich jetzt noch über die SPD auslassen, deren Bundestagsabgeordnete langsam in Panik verfallen angesichts der Tatsache, dass die Koalitionsflüchtlinge Esken und Walter-Borjans eventuell Parteivorsitzende werden und die Koalition beenden. Das bedeutet Neuwahlen und ob die SPD dann über 5 Prozent kommt…Jedenfalls ist dann Ende im Gelände mit den schönen SPD-Abgeordneten-Sitzen, dann heißt es wieder zurück ins Glied, mit schmalem Sozialarbeitergeld, nach TVÖD, oder was die sonst so arbeiten. Arbeiter gibt es, glaube ich, noch einen im Bundestag. Aber das grenzt an Leichenschändung. Diese Parteisoldaten haben echt nicht mehr alle Latten am Zaun, sind so unfassbar unsolidarisch und unprofessionell, dass hier nur betretenes Schweigen das Mittel der Wahl ist.

24.11.2019 – Ich hab’s ja gleich gesagt!


„No pasarán – Sie kommen nicht durch“. Gestern auf der Anti-NPD Demo in Hannover.
Am 19. Juli 1936 rief Dolores Ibárruri über Radio Madrid zur Verteidigung der Demokratie auf. In Spanien hatte gerade das Militär gegen die Zweite Spanische Republik geputscht. Der grausame spanische Bürgerkrieg hatte begonnen.
Seitdem ist „No pasarán“ ein Schlachtruf der Linken in aller Welt, wenn die Demokratie bedroht wird. Dass das auch bis FFF Uelzen gilt, hat mich einerseits erfreut, andererseits entbehrt es auf Grund der Fallhöhe zwischen dem weltgeschichtlichen Ursprung im spanischen Bürgerkrieg und seiner tagesaktuellen Anwendung in Uelzen nicht einer gewissen Komik. Ein Grundgesetz der Komik lautet: Fallhöhe herstellen. Dazu später mehr.
Lustig war auf jeden Fall die Tatsache, dass ich zur Demo mit einem Taxi anreiste, vermutlich als einziger von ca. 8.000 Demonstrierenden. Ich war leicht matt bis platt und mir ward nach angemessener Bequemlichkeit. Die Geschichte sorgte für erstaunte, aber nicht überraschte Heiterkeit. Mit Taxi zur Demo, das hat man in linken Kreisen eher nicht, selbst wenn man zum Urlaub nach Neuseeland fliegt und ein Fachwerkhaus sein Eigen nennt.
Als bekennender Dandy bin ich in linken Kreisen nicht unbedingt mehrheitsfähig. Aber in Kreisen, in denen ich mehrheitsfähig bin, möchte ich auch nicht verkehren. Insofern war alles gut.
Na ja, fast. Wenn man liest, wie sich die Polizei wieder mal verhalten hat, möchte man am Zustand des Staates verzweifeln. Wenn man nicht eh wüsste, dass die Angehörigen des Repressionsapparates überwiegend rechten, autoritären bis faschistoiden Ideologien anhängen, seit Weimarer Zeiten. Auf linken Demos werden alle, die sich dem Vermummungsverbot widersetzen, in Kesseln umzingelt, rausgegriffen und Knüppelmässig behandelt. So ist unter anderem die Gewalt beim G20 Gipfel in Hamburg mit entstanden.
In Hannover ließ sich die Polizei von NPD Demonstranten erklären, warum die sich vermummten. Das war’s. Freifahrtschein für Nazis. Unsere Demokratie wird von vielen Seiten bedroht, das Verhalten staatlicher Organe ist nicht die geringste Ursache für den Legitimationsverlust unserer Demokratie.
Am Ende des Nachmittages gingen 8.000 meist gut gelaunte bürgerliche Antifaschistinnen mit dem zufriedenen Gefühl nach Hause, es den Nazis aber mal wieder so richtig gezeigt zu haben, während ca. 150.000 Duckmäuse, Spießer und Lifestyle-Optimierer*innen in der City shoppen gingen und mir auf die Eier. Blödes unpolitisches Pack, aber hinterher die Fresse aufreißen, wenn sie selber wegen irgendwelcher Abweichungen von der Norm in Lager gesperrt werden, sei es falsche sexuelle Orientierung, falscher Glauben, falsche Vergangenheit oder mangelhaftes Sozialscoring.
Mir egal, ich sitz dann auf meiner Hazienda auf Korfu und schreib meine Memoiren mit dem Titel: „Ich hab’s ja gleich gesagt!“
Die Tatsache, dass über Jahrzehnte linker politischer Antifaschismus und grundsätzlich alles Linke (damit meine ich natürlich nicht SPD, Grüne etc.) diffamiert wurde, meist von Leuten, deren IQ ich noch im Koma um ein Vielfaches toppe, fällt uns jetzt böse auf die Füße. Zumindest auf den Linken.
Einen fröhlichen Start ins Wochenende, liebe Leserinnen.

22.11.2019 – Für sowas sollte eigentlich die Straßenreinigung zuständig sein


Gut Böse.
Vor dem Krieg oder zwischen den Kriegen, ich weiß es nicht mehr, es ist sehr lange her und ich war noch ein Waldbauernbub, las ich begeistert das „Reader’s Digest“. Reader’s Digest war eine reaktionäre US-Kampfpostille, die mit allerlei Rührgeschichten kleine Pimpfe wie mich, aber auch Erwachsene, subkutan mit dem American Way of Life indoktrinierte, Kirche, Küche, Kapitalismus und Kommunismus igitt. Das Mistblatt ist mittlerweile pleite, wird nicht mehr gebraucht, Auftrag ausgeführt, der Kapitalismus hat auf ganzer Linie gesiegt. Besonders gerne las ich die Reihe „Ein Mensch, den man nicht vergisst“, wo dann z. B. ein heldenhafter Baptistenprediger im roten China vorgestellt wurde, der unter Lebensgefahr die Heiden missionierte und dort die Stellung hielt, also eine Missionarsstellung. So Zeug halt.
Jetzt wissen Sie, wie Friedrich Merz zu dem wurde, was er ist. Bei der Lektüre ….
Auch wenn ich es heute, Äonen später, anders formulieren würde, zwei, drei Leute sind mir im Lauf der Jahre schon untergekommen, die ich unter diese Rubrik fassen würde. Einer kam mir vorgestern unter die Augen, als ich von der Erwerbsfron völlig ermattet nur noch vor dem TV abhängen konnte, mich langsam in Morpheus Arme wiegen lassen wollte und dabei auf ein Interview mit Prof. Dr. Gerhard Trabert stieß, eine Ikone auf dem Gebiet Armut & Gesundheit. Ich hab mehrmals mit ihm zusammen gearbeitet und habe selten, eigentlich noch nie, jemanden getroffen, der einen derartig beeindruckenden Lebenslauf besitzt, so engagiert, kompetent und dezidiert politisch ist und dabei völlig unprätentiös, liebenswürdig und zugewandt ist. Im Gegensatz zu einer erklecklichen Anzahl von Leuten, bei denen ich nach getaner Arbeit froh bin, wenn ich deren Rücken sehe, hab ich mich bei Trabert immer schon Tage vorher auf die Zusammenarbeit gefreut. So wie ich mich darüber freue, dass es in den Tiefen des Netzes Fotos davon gibt, wie hier unter der zauberhaften Überschrift „Das Zahnmobil auf der Landesarmutskonferenz“
Hat was von der Sendung mit der Maus.
Auch aus Gründen der politischen Hygiene sind solche Erinnerungen für mich im Moment wie Licht am Tunnel, Fackeln in der Dusternis oder ein Hauch „Sauvage“ von Dior in einer schweißstinkenden Berliner Feierabend-U-Bahn im Hochsommer. Das trifft’s wohl am besten, wenn ich daran denke, dass sich für Morgen hier eine Rotte Faschisten angesagt hat, um mit einem Marsch gegen missliebige Journalisten zu hetzen.
Für sowas sollte eigentlich die Straßenreinigung zuständig sein…Hoffentlich ist morgen ein breites Bündnis dagegen auf den Beinen. Und hoffentlich ist es nicht so nasskalt und eklig wie die letzten Tage.
Wir sehen uns um 13.30 Uhr auf dem Stephansplatz in Hannover. Gegen die Kälte von innen und aussen habe ich einen Flachmann mit einem excellenten 10 Jahre alten Matusalem Rum aus Kuba dabei, Soli-Schluck. Ich geb dann einen aus.