Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

14.10.2021 – Im elftcoolsten Stadtviertel der Welt


Sonnenflecken. Körnerpark, Neukölln.
Kürzlich wurden die 50 coolsten Stadtviertel der Welt gekürt. Einziges aus Deutschland auf Platz 11: Berlin-Neukölln. Mit dem expliziten Hinweis, ein idealer Tag in diesem coolen, multikulturellen Kiez würde gekrönt durch einen Spaziergang vom Körnerpark zum Tempelhofer Feld
Auf dass die Jugend der Welt noch häufiger nach Neukölln kommen, nächtens die Bürgersteige vollkotzen möge und die Mietpreisexplosionen wegen schicker Gegend die Ureinwohnerinnen vertreibe. In Neukölln gibt es das einzige Zwei-Sterne-Restaurant der Welt, das ausschließlich Desserts serviert.
Direkt um die Ecke war eine der letzten Räumungen eines besetzten Hauses, Friedel 54. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ich war bei der Räumung dabei, hab mich aber altersgemäß verzogen, als es brenzlig wurde.
Natürlich ist Neukölln mittlerweile völlig out, wie alles, was in irgendwelchen bescheuerten Rankings auftaucht. Selbst der Wedding ist nicht mehr der heißeste Scheiß. Wenn Sie mich fragen, was richtig cool ist: Marzahn.
Nett ist es trotzdem im Körnerpark, die dortige Galerie macht ein feines Ausstellungsprogramm und Touris verirren sich komischerweise selten dahin. Bleibt die Frage: Wo soll das alles enden? Das Elend der Obdachlosen wird immer offensichtlicher, es werden immer mehr. Und die selbstkritische Frage muss immer im Hinterkopf bleiben: Wieweit bin ich selbst Teil dieses Verdrängungsprozesses. Ich gehe zum Beispiel auch gerne gut essen, jedenfalls lieber als an den Millionen Dönerbuden der Karl-Marx-Straße.

Wo die allerdings hinführt, wissen wir ja. Direkt nach Moskau. Diese Plakatgegenüberstellung stammt aus der famosen Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ im DHM in Berlin
Dort wird deutlich, dass der Gründungsmythos der documenta von Nazis durchseucht war. Das Odium des vermeintlich Aufklärerischen, Rebellischen kriegte sie erst viele Jahre später, zu Unrecht. Kein Mensch thematisierte in den Gründungsjahren, dass Documenta-Oberguru Haftmann beinharter Nazi war und blieb, dass jüdische Künstler*innen nicht ausgestellt wurden, Frauen nicht stattfanden und fast ausschließlich abstrakte Kunst präsentiert wurde – Abstraktion ist Flucht aus dem konkreten, ergo Beliebigkeit & Feigheit. Späterhin blamierte sich die Documenta mit einer weitgehenden Missachtung der DDR-Kunst. All das wird excellent mit zahlreichen Documenta-Werken im DMH dokumentiert. Wer sich nächstes Jahr nach Kassel auf den Weg macht, wird das, was dort passiert, nur halb verstehen ohne Kenntnis dieser Ausstellung.

09.10.2021 – Arme Sparschweine der Nation


Sparschwein mit drei Euro mehr Hartz-IV ab 01.01.22 vor Jobcenter.
Das ist von allen bisherigen Hartz-IV-Erhöhungen die zynischste. Der Regelsatz ist eh schon verfassungswidrig niedrig, die Erhöhung bleibt weit unter der Inflationsrate und die existentiellen Bereiche wie Wohnen und Ernährung sind überdurchschnittlich teurer geworden während Corona: Grundnahrungsmittel über 10 Prozent, Mieten in Ballungsräumen teils auch in der Größenordnung und die Unterdeckung bei Stromkosten für Hartz-IV-Bezieher*innen beträgt mittlerweile fast 100 Euro im Jahr. Hartz-IV-Bezieher*innen haben statistisch gesehen ca. 5 Euro am Tag für Ernährung, das heißt, sie müssen fast zwei Tage mit Essen aussetzen, um die Stromlücke zu finanzieren. Das ist keine statistische Spielerei, sondern Realität im Deutschland eines Olaf Scholz. Mit seiner Laienspielschar demnächst auch in Ihrem Theater. (Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, Hartz-IV würde grundlegend reformiert oder erhöht?)
Dem Rest der Bevölkerung ist das weitgehend egal, die Mitte der Gesellschaft verdrängt das aus Angst vor dem eigenen Absturz und die höheren Stände leben eh nach dem Motto: Mehr ist nie genug, egal woher es kommt, und wenn es aus den Fressnäpfen der Armen geklau(b)t wird.
Zur Orientierung: Nur das Vermögen der 50 reichsten Deutschen übersteigt die Höhe des gesamten Bundeshaushaltes 2021.
Am 17.10, dem Weltarmutstag werden diverse Sparschweine mit drei Euro Inhalt vor Jobcentern, der Deutschen Bank, der Börse und dem hiesigen Landtag auftreten (der soll via Bundesratsinitiative sich für eine Erhöhung um 100 Euro einsetzen).
Die Schweine werden vom Meister handsigniert. Seien Sie rechtzeitig vor Ort und sichern sich ein Schwein. Durch Handsignatur und Nummerierung steigt der Wert dieser Sauerei, zusätzlich gepusht durch eventuelle Übertragung in den Medien, ins Unermessliche.
Fachleute gehen davon aus, dass die Werke samt Inhalt hinterher vier Euro wert sein werden.

05.10.2021 – Yves, der Blaumeister


Hommage an Yves Klein, den Blaumeister.
Wenn man Ende September in den Süden fährt, ist es nicht unwahrscheinlich, vom strahlenden Sommer bei der Rückkehr mit endloser Grauigkeit konfrontiert zu werden, in allen Schattierungen, vom endlos-trostlosen Dauertiefgrau eines Himmels, der so tief hängt, dass er die Baumwipfel im Garten und die Seele gleich mit bedrückt, bis hin zum hoffnungsschimmernden Hellgrau, das einen winzigen Sonnenstrahl erhoffen lässt. Grau, gräulich, greulich. Es sind nicht so sehr die fehlende Wärme, das wohlige Meer, die salzig-gesunde Luft (nach drei Tagen hier wieder morgendlicher Würfelhusten, überlege, wieder mit dem Rauchen anzufangen, da hab ich wenigstens was von dem Geröchel),

die fangfrischen Garnelen, die fehlen. Es ist das Licht eines ununterbrochen strahlenden Himmels, in allen seinen Schattierungen. Was da allein für Blau hervorgezaubert wird, wenn das Meer am Horizont den Himmel küsst, da könnt man glatt ins Schwärmen und ins Sehnen kommen.
Aber nach drei Tagen ist der Alltag wieder in der Hütte, die Heizung an, die Wollsocke usw. usf.
Was soll’s. Und zur Erheiterung gibt’s ja das Polittheater. Wobei das Lachen oft im Halse stecken bleibt und nahtlos in ein Würgen übergeht. Tony Blair, ehemaliger „sozialistischer“ Premier im UK und Vordenker und Wegbereiter der hiesigen Agenda 2010, gehört zu den Briefkastenfirmeninhabern aus den Pandora Papers, ist also in einer Reihe da, wo er hingehört, mit Gaunern und Lumpen. Diese vollkommene Absenz von Scham und ethischen Prinzipien bei einem, dessen Partei dem Sozialismus verpflichtet ist, resp. war, macht, auch wenn es naiv ist, denn doch Würgen.
Übertroffen wird diese Canaille nur durch Gasgerd Schröder, der seine vollkommene Korrumpiertheit ungeniert vor aller Welt auslebt. Was für ein Abgrund an Niveaulosigkeit. Welch überaus beklagenswerter Mangel an Stil, Eleganz, Würde und Noblesse. Das beleidigt meine Existenz. Aber solche Charaktere sind nicht satisfaktionsfähig. Es verbietet sich also von selbst, dem Mann meinen Sekundanten zu schicken.
Zum Mythos der Pandora: Nachdem sie die nach ihr benannte Büchse geöffnet hatte, kamen ja alle vorher unbekannten Übel über die Menschheit: Krankheit, Tod und – Arbeit. Als Folge dieses Aktes kam, zumindest der Überlieferung nach, die Misogynie in die Welt. Ich glaube eher, dass die mit der Angst der Männer vor der Macht der Frauen zu tun hat. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

04.10.2021 – Mein nächster Job ist Reiseführer


Gruppenbild mit Damen. Reiseführer mit Frauengruppe. Es war gen Mittag, wie an den Schatten unschwer erkennbar, als ich von den Westküsten-Bergen Korfus hinab dem Strand entgegenschritt und auf diese Gruppe stieß. Das Zahlenverhältnis Frauen-Mann von 12:1 weckte in mir stante pede den Wunsch: Mein nächster Job ist Reiseführer.
Mittelmäßig unauffällig robbte ich mich an die Gruppe heran, heuchelte Panorameninteresse und sondierte das Setting. Der Reiseführer war breitschultrig, muskulös, von angenehmem Äußeren mit wohlklingender Stimme und wusste Interessantes zu berichten, wie unter anderem vor 50 Jahren die ersten Hippies Korfu entdeckten und damit als Trüffelschweine (das ist meine Formulierung! Soo brillant war der Man auch wieder nicht) dem Individualtourismus an der Westcoast den Boden bereiteten. Und wie vor Jahren noch Lastwagenweise Sand von den Stränden für den Hochbau geklaut wurde und die damit immer mehr schrumpften. Ein weltweites Phänomen. Die Bandenkriege zwischen Baumafia und Tourismusmafia würden mich echt mal interessieren.
Wie auch immer: Die Mädels himmelten ihn an. Selbst für mich fiel noch der eine oder andere Seitenblick ab. Kein Wunder, bei dem Zahlenverhältnis. Beim weiteren Abstieg fiel mir ein: Reiseführer bin ich doch auch schon gewesen. Es gibt eigentlich wenig, womit ich nicht schon mal Taler verdient hätte. Reiseführer bei einem Bildungsträger für EU-Programme, in dem Fall zu unserem dualen Bildungssystem. Also Ausbildung an zwei Orten, Berufsschule und Betrieb. Ein Referenzmodell für Europa, dem wir nicht zuletzt unseren immer noch überlegenen Facharbeiter*innen-Ausbildungsstandard verdanken. Ich hacke ja gerne und lange auf unserer Gesellschaft rum, aber das hat schon seinen Grund, warum der Rest Europas sich früher am dualen System orientiert hat. Das gab’s woanders kaum. Wie das heute ist, weiß ich nicht, ist mir auch wumpe.
Ich weiß nur noch, dass der Job die Hölle war. Spätestens am dritten Tag des Programms, wenn die Gruppe ihre Identität hatte, führten sich selbst Vollakademiker in Führungspositionen ihres Landes auf wie eine Sextanergruppe. Außerdem waren bei ca. 20 Leuten immer zwei, drei Alkis dabei, die mittags schon einen in der Kiste hatten und chronisch zu spät kamen, wofür ich sie am liebsten hätte Strafexerzieren lassen, weil irgendwo steht immer ein wartender Buss mit laufendem Motor. Ohne Mikro komme selbst ich mit relativ lauter Stimme in der Öffentlichkeit bei einer Gruppe ab 20 Personen an Grenzen, was enorm anstrengend ist.
Der Horror waren gesellige Beisammensein am Abend. Bei so einer Gruppe kommt immer irgendein Vollhonk auf die Idee der Völkerverbindenden Musik. Jede*r ein Lied aus dem Heimatland! Was für ein aphones Gejaule. Und jedes Vorurteil wurde bestätigt: Ich kriege heute noch Depressionen, wenn ich die schwermütigen Finnen visualisiere, mit ihrem trostlosen Singsang. Die Iren wollten nie aufhören mit Singen. Einziger Lichtblick war der Franzose, der nach kurzer Zeit immer so brettlbreit war, dass er noch nicht mal mehr singen konnte. Mir fiel nur „Hänschen klein“ ein und „Avanti Popolo“.
Die Hölle auf Erden war ein Luftkurort dagegen.
Ich hielt im Wandern inne, warf einen Blick auf unseren korfiotischen Reiseführer und dachte mitleidsvoll: Du arme Sau.

30.09.2021 – Alte Knaben.


Der Chor muss ein fideler Haufen sein, heißt es doch bei Wilhelm Busch:
Rotwein ist für alte Knaben
eine von den besten Gaben.
Für solche Überschriften liebe ich meine Hannoversche Allgemeine. Unfreiwillige Komik ist noch das Beste, was diese Fisch-Einwickelfolie für die gehobeneren Stände produziert. Ansonsten ist der Blick in die Zeitung eher ermüdend. Nachdem die wochenlang aufgebaute Spannung des Wahlkampfes am Wahlabend um 18 Uhr mit den Balken der Prognose in sich zusammenfiel wie ein angepiekster Luftballon oder eine ejaculatio praecox, bleibt das müßige Spekulieren um mögliche bürgerliche Koalitionen. Als ob sich Notwendiges ändern würde. Alles rotiert wild im Vakuum, damit alles bleibt, wie es war.
Die FDP tut ja selbst bei Einführung Tempo 130 schon so, als ob wir wieder Postkutschen als Regelangebot im ÖPNV einführen würden. Bevor es eine substantielle Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze gibt, friert eher die Hölle ein oder die SPD ruft wieder Sozialismus als Staatsziel aus. In diesem Winter werden noch mehr vor allem ältere Menschen in ihren Wohnungen an Kälte sterben, weil sie sich die explodierenden Energiekosten nicht leisten können. Das Geld für Essen geht dann schon am 20. jeden Monats aus statt wie früher am 25., weil die Mieten zumindest in den Ballungsräumen weiter „explodieren“ und die Miete am Essen eingespart werden muss. Auf dem Totenschein dann steht wie üblich „Herzversagen“ statt „Armut“. Vermögenssteuer wird es auf keinen Fall geben, höchstens wird an der Erbschaftssteuer symbolisch gedreht. Die Handreichung für deren Umgehung liegt bereits jetzt im Büro Ihres Steuerberaters aus.
Wo bleibt das Positive?
Es gibt keine Volksparteien mehr. Das ist deshalb positiv, weil es von „Volk“ zu „völkisch“ immer nur ein kleiner Schritt ist. Einer der gruseligsten Sätze in der von mir ansonsten als letzte Brandmauer gegen die Barbarei hochgeschätzten Justiz ist: „Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil …“ Völlig zu Recht hieß es noch nach dem 2. Weltkrieg kurze Zeit: „Im Namen des Rechts ergeht folgendes Urteil … “.
Im Grundgesetz § 20 heißt es: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“ In der ursprünglichen Version hieß es:
„Alle Staatsgewalt geht dem Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung geübt, aber nie praktiziert.“
Was es leider statt Volksparteien gibt, sind jede Menge Milieuparteien, wie die linksliberal-urban und Europaorientierte „Volt“. Wenn man daran kratzt, kommt nur der alte Effizienzbasierte Neoliberale zum Vorschein.
Nicht kratzen braucht man an den mit durchgeknallten esoterischen Matschbirnen vollgestopften Querspinnern von „Die Basis“. Da sieht man auf den ersten Blick den alten braunen Antisemiten und Nazi.
Wenn ich es mir rechts überlege, möchte ich doch lieber meine alten Volksparteien wieder.

24.09.2021 – Vorher ist nachher ist vorher


In der Nacht vor meinem Abflug nach Korfu hatte ein regional teilbekannter Satiriker die Wahlplakate im Kiez mit Roten Socken verschönert, um die hanebüchene Kommunisten Kampagne der CDU aus dem vorigen Jahrtausend zu kommentieren.
Ob’s was nutzt? On verra.

Ich für meinen Teil wandere auf stillen Pfaden durch corfiotische, vom Zerfall gezeichnete Bergdörfer der Westküste und freue mich immer über jenen magischen Moment, an dem ich völlig verschwitzt und fertig um eine Ecke biege und den Ort der Erlösung von allen Strapazen erblicke, fern am Horizont, aber doch real: das Meer.

23.09.2021 – Schöne Aussichten


Irgendwo in Korfu. Keine Ahnung, was das ist. Eine Benzinabfüllstation aus den Fünfzigern? Zweimal in der Woche kam da ein Töfftöff vorbeigeöttelt:“Volltanken, 10 Liter.“? Jedenfalls wird das Ensemble vermutlich noch in 200 Jahren da vor sich hinrosten. Der Grieche, das ist nicht neu, pfeffert gerne alles, was er nicht mehr braucht, fröhlich in die Landschaft: Autos, Kühlschranke, Matratzen, Plastikflaschen… Und da spätestens seit Schäubles Austeritätspolitik kaum noch öffentliche Infrastruktur existiert, bleibt das Zeug da liegen bis zum St. Nimmerleinstag. Und sieht selten so kunstvoll bizarr aus wie das Ding da oben, sondern einfach nur beschissen.
Der Klagen darüber gehen dreizehn auf ein Dutzend, sie sind so neu wie die Zeitung von vorgestern und sie sind wohlfeil, hat der gemeine Grieche doch andere Sorgen als der Wohlstandsverwahrloste deutsche Ökospiesser, der dem Taliban gleich gegen jeden Plastikbeutel wütet, der seinen vom Idyllewahn geprägten Blick in die Landschaft ruiniert. Da wird der Klimaneurotiker zum Inquisitionskatholiken. Jedem Klappskopf seine Religion, heutzutage meist ohne Gott, aber für Vaterland, Klima, gegen Impfen, für Tiere, gegen Ausländer, zutreffendes einfach ankreuzen und Sie haben einen ideellen Gesamtdoitschen.
Und für solche Blogeinträge bin ich nun tausende Kilometer geflogen. Bei aller berechtigten Kritik an meinen bekloppten Landsleute, irgendwie hab ich ja auch einen an der Waffel.
Und Scheisse sieht der Müll in der Landschaft tatsächlich aus. Mensch Grieche, lass das doch mal sein. Echt ey.

17.09.2021 – On the road again


Heuer ist es deutlich voller auf Korfu als während der Hitze des Juli. Vermutlich weil der Engländer wieder reisen darf. Nachdem ich in der nur durch halsbrecherisches Kraxeln zu erreichenden kleinen Doppelbucht am Morgen ein paar beschauliche Momente genossen hatte, füllte gen Mittag ein steter Strom junger Leute den Strand. Ausgerechnet junge Leute. Wenn es etwas gibt, was ich noch weniger leiden kann als alte Leute, sind es junge. Von solchen im Mittelalter ganz zu schweigen.
Fluchend verließ ich den Ort. Und kam bei der ersten Wanderung vom Regen in die Traufe. Ich wandere lieber auf kleinen Straßen und Wirtschaftswegen als in der Natur. Da stehen meist nur Bäume rum, man sieht nichts und ich bin ja nicht Rübezahl.
War vor zwei Monaten noch allenthalben Ruhe auf den schmalen Wegen, nervten jetzt diverse Autos und meine größten Hass Objekte, diese vierrädrigen Motorräder, die selbst an Stränden und in Naturschutz Gebieten rumbrettern, natürlich mit jungen Leuten. Ich kriegte einen Tobsuchtsanfall, brüllte in den übelsten Schimpfworten , verschluckte mich, lief rot an und setzte mich erstmal am Wegesrand, um runterzukommen.
Unter infernalischem Klappern bog ein uralt R4 um die Ecke, zusammengehalten nur vom Staub der Jahrzehnte. Er hielt an. Es war der Althippie.
Ob ich einen Lift wollte. Ich dankte, nein, ich wollte lieber wandern. Er, besorgt, ich hätte so einen roten Kopf…Nein, meinte ich, alles ok. Und dass ich den Spirit des Wandern lieben würde. Er:“ That’s cool, man.“ Ich:“You are a good man.“ Wir machten beide das Peace Zeichen, er rumpelte davon, ich dachte an Jack Kerouacs „On the road“, meine Zeit on the road, für einen Moment erfüllte der Spirit die Insel und mich und alles war gut. Hört sich vielleicht kitschig an. Aber solche Geschichten kann man sich nicht ausdenken. Die passieren nur on the road.

13.09.2021 – Die Messe ist noch nicht gelesen


Letzte Woche Straßen-Wahlkampf für die Linke bei der Kommunalwahl in Niedersachsen. Irgendwas muss man ja machen, auch wenn man nicht Mitglied einer Partei ist. Hat nix genutzt. Niedersachsenweit fiel die Partei von schlechten 3,3 Prozent auf miserable 2,8 Prozent.
Es ist schon faszinierend: Für ca. 40 Prozent der Bevölkerung ist das Leben ein täglicher Kampf, arm, erwerbslos, beschäftigt im Niedriglohnsektor, nach Zahlung der Miete unterhalb des Existenzminiums, keine Rücklagen, Schulden … die Zone des Prekariats beinhaltet viele Facetten.
In der Mitte der Gesellschaft, bei jenen ca. 40 Prozent, denen es noch commod geht, wächst die Angst vor dem sozialen Absturz.
Und was passiert mit der einzigen Partei, die das Thema Gerechtigkeit einigermaßen glaubwürdig wie eine Monstranz vor sich herträgt? Sie ist vom Verschwinden in der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit bedroht.
Was bringt Menschen dazu, derart massiv gegen ihre existenziellen Interessen zu denken, fühlen und handeln? Hoffnung auf die Wiedergenesung einer SPD als soziale Instanz? Darauf, dass es schon nicht so schlimm kommt, wenn es denn schon nicht besser wird? Auf einen Lottogewinn?
Wahrscheinlicher ist, dass die Maschinerie des Neoliberalismus in den letzten Jahrzehnten gnadenlos effektiv, wie der Kapitalismus nun mal ist, gewütet hat. Die ewigen neoliberalen Mantren, die von der Bewusstseinsindustrie unablässig in die Herzen und Hirne der Verdammten dieser Erde geprügelt wurden, wirken nachhaltiger als jedes „Om mani padme hum“:
Die Verantwortung für Dein Marktversagen liegt nur bei Dir. Bei uns kann es jede schaffen, wer es nicht schafft zu Reichtum, Eigenheim und zwei Autos, hat individuell versagt. Ihr, die hier eintretet in die Hölle des Kapitalismus, lasst jede Hoffnung auf Verbesserung oder gar Utopie fahren. Der Staat ist schlecht, der Markt ist alles. Wenn die Wirtschaft brummt, wird es mir auch eines Tages besser gehen.
Es ist unglaublich, wie sehr die Trickle-Down-Theorie bis in den letzten Winkel von sozialen Brennpunkten Verbreitung findet: dass der Wohlstand der Reichsten einer Gesellschaft durch deren Konsum und Investitionen in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickert und zu Wirtschaftswachstum führt.
Jede Statistik belegt seit 30 Jahren, dass das Humbug ist. Trotzdem wird’s geglaubt, wie die Himmelfahrt Christi.
Fazit für die bevorstehende Bundestagswahl: die Messe ist noch nicht gelesen. Soo toll haben hier die Sozis nicht abgeschnitten und die CDU ist keineswegs untergangen, wie man den Umfragen entnehmen könnte. Die Grünen können sich in jedes gemachte Bett legen und für eins wette ich 5:1, Ihr Verdammte dieser Erde: Wenn es zu Jamaica kommt, dann wird es schlimmer.
Abteilung Mantra Nr. 2: Schuldenmachen ist böse. Die Schwäbische Hausfrau. Wir müssen den Wildwuchs in den Sozialausgaben bändigen. Der Staat muss schlanker werden. Wer gefördert wird, muss auch gefordert werden.
Viel Spaß noch in der Vorweihnachtszeit, liebe Leserinnen. Der Weihnachtsmann, garantiert ungegendert, wird’s schon richten.

11.09.2021 – Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit.


Brüder, zur Sonnenblume, zur Freiheit. Schwestern gehen einen saufen. Auch wenn ich sie nicht übermäßig schätze, sind Sonnenblumen doch in der Morgensonne ein schöner Lichtverstärker, mit einer strahlenden Aura.
Welche Gesichter strahlen morgen, nach der niedersächsischen Kommunalwahl? SPD vermutlich, da kriegt manche totgeglaubte Karriere ungeahnten Rückenwind und der Mitgliederschwund dürfte auch erstmal gestoppt werden. Jede*r ist schließlich gerne bei den Siegern und eine SPD-Mitgliedschaft kann vielleicht doch noch förderlich sein beim beruflichen Vorwärtskommen, auf der Behördenleiter, in Gewerkschaften, Verbänden etc.
Wahrscheinlich strahlen auch die Gesichter bei unabhängigen Wählergemeinschaften und FDP, aber das war’s dann vermutlich auch. Die Partei-Kommentare für die Presse sind jetzt schon geschrieben, zwischen „Diese Wahl war ganz klar ein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahlen kann man nicht losgelöst vom bundespolitischen Geschehen betrachten.“ bis „Diese Wahl war natürlich kein Stimmungstest für die Bundestagswahl. Kommunalwahl haben ihre eigenen Gesetze.“ Wenn etwas eigene Gesetze hat, sind es eigene Gesetze.
Eines der wenigen Wahlplakate von „Die Partei“, was mir heuer gefallen hat, war eins mit der Aufschrift: „Schluss mit Polemik und Floskeln: Packen wir’s an!“
Wer’s noch nicht gemacht hat und immer nicht weiß, was eigentlich ihre Interessen sind, hier der Link zum Wahlomat. Überraschend für mich, dass ich zu mehr Fragen als früher keine Meinung hatte und dass Sekten wie die DKP und die MLPD deutlich vor der SPD und den Grünen bei mir rangierten in der Übereinstimmung. Überraschungsfrei vorne mit über 90 Prozent Die Linke. Steckt in mir doch mehr Lenin als gedacht?
Sind so viele Fragen. Sonniges Wochenende und wählen Sie das Richtige, liebe Leserinnen, folgen Sie Ihrem Interesse.