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27.10.2020 – Erst schmelzen die Polkappen, dann die Narrenkappen.


Protestverbrennung gegen Hamsterkäufe, Location no. 37, Hannover-Ihmezentrum.
Satellitenbilder von Hannover zeigen auf Grund der Kunstaktion „Protest-Verbrennung von 68 Rollen Klopapier“ mittlerweile Rauchschwaden von der Dimension der Brände im Amazonas Becken. Von Hannover ist Nichts mehr zu sehen, was auch besser so ist. Das Klima ist endgültig gekippt, zur Zeit schmelzen die Polkappen, dann folgen die Narrenkappen.
Jenseits der Iden des eigenen Lebens reduziert, wer auf das Prinzip „Altern in Würde“ hält, die Besuchsfrequenz von Wirtshäusern oder übel beleumundeten Spelunken auf tendenziell Null. Rückfälle eingeschlossen und so nahte ich mich gestern nach dem Einkauf, dürstend und hungernd, spontan der letzten Kneipe im hiesigen Kiez, wo sich noch vermodernde Reste der Arbeiterbewegung in Form von SPD-Ortsvereinen, Stammtischen und Damenkränzchen treffen. Durch die dicke Verglasung schimmerten 3,4 Thekenkönige, coronös machbar, also Maske auf, rein und den Thresen-Klopfgruß „ich mach mal den hier“ entrichtet. Undenkbar in den dutzenden Szenesaufstuben, die pestilenzartig den Kiez hier zuwuchern. Ich liebe solche Gesten, die wie Artefakte aus grauer Vorzeit in das Heute ragen.
Großes Hallo: „Na, zündest Du jetzt hier Klopapier an?!“ Der Wirt, sonst eher ein Knurrhahn, brummelte ein anerkennendes: „Gut gemacht.“ Die Geschichte ist offensichtlich rum.
Ich war noch vor dem ersten Bier in aufgeräumter Stimmung, fühlte mich für einen Moment Lokal berühmt und nahm an einem der freien Tische Platz, bereit für Bratkartoffeln. Zwei Tische weiter saß noch jemand, den ich aus frühen Gewerkschaftskämpfen kannte. Wir kamen ins Plaudern, schlugen ein paar alte Schlachten nochmal und gingen die Reihen der Recken durch, lebt der noch, was macht der, usw. Der Kollege ist eine Generation älter als ich. Nachdem wir alles und alle durchhatten, sagte er: „Jetzt ist keiner mehr da.“ Es klang nicht traurig oder resigniert und das machte es umso bitterer. Sonst hätte ich ja versuchen können, ein paar tröstliche Worte zu finden, a la: „Aber das Bier schmeckt uns doch gerade, war doch ne tolle Zeit, etc. pp.“
Aber es war einfach eine Feststellung, eine fast nüchterne Bilanz. Eine Zeit zu leben. Eine Zeit zu sterben. Und jetzt ist eben keiner mehr da. Was soll man da noch sagen. Trauer und Resignation sind Prozesse, können sich wieder verflüchtigen, aber eine Bilanz ist eine Bilanz. Wir tranken schweigend einen Rostocker. Memento mori.
Die Frage nach dem nächsten Kneipenbesuch stellt sich nicht. Teil-Lockdown. Der Wirt fluchte, als ich die Nachricht vermeldete, die gerade über den Ticker lief. Die ganzen Grünkohl-Essen, die langsam anlaufen, hinfällig.
Vom feeling her hab ich kein gutes Gefühl, wenn ich an die Stimmungslage der nächsten Monate in Germanien denke. Aufheitern tut mich im Moment die Selbstdemontage und sich abzeichnende erneute Demütigung des Friedrich Merz durch Angela Merkel. Was für eine Schwachsinns-Idee, das Gremium, das ihn wählen soll, coram publico anzumeiern, es wären alle gegen ihn. Was für ein erbärmlicher Jammerlappen. Was für eine Schapsidee. Die Ideen des Merz.

26.10.2020 – Die Löffel weglegen? In Rente gehen? Neue Ziele setzen?


HAZ, 24./25.10.2020. Es gibt drei heilige Grale der Öffentlichkeitsarbeit: Ein Beitrag im Deutschlandfunk, eine Erwähnung in öffentlich-rechtlichen Abendnachrichten und einmal auf der Titelseite des jeweiligen regionalen Leitmediums erscheinen und/oder als Thema des Tages tituliert zu werden. Nachdem nun auch letztere Beiden mit einer Klatsche erledigt wurden, siehe oben, wenn auch etwas anders als gedacht, habe ich alles im Leben erreicht und könnte … ja, was? Die Löffel weglegen? In Rente gehen? Neue Ziele setzen?
So viele Fragen am frühen Morgen. Dass im Artikel aus dem verdienten Satirekombinat SCHUPPEN 68 das Künstlerkollektiv 68 wurde, vielleicht in Anlehnung an die Gruppe 47, was man für diejenigen, die sich noch ohne Rollator bewegen können, verlinken muss, nehme ich mal als Anregung. Im Moment neige ich noch zu Satirekombinat. Aber VEB Scherzkeks ist auch nicht schlecht. Oder LPG Kulturkampf, schließlich komme ich aus dem Eichsfeld, einer ländlich-katholisch-reaktionären Gegend im Süden Niedersachsens, in die Ostzone hinein lappend. Das Eichsfeld gehörte in den letzten Wochen, jetzt hat sich das eingepegelt, zu den Landkreisen mit der höchsten 14-Tage-Inzidenz pro 100.000, so wie Erzgebirge, Oberammergau und der ganze Schweinegürtel in Westniedersachsen. Und jetzt raten Sie mal, liebe Leserinnen, was diese Inzidenz-Mafia verbindet, so weit weg von einander sie auch sein mögen.
Richtig: Das Reaktionäre. Rechts von denen steht politisch nur noch die Wand. Im Erzgebirge hat die AfD mehr Stimmen als SPD, Grüne und FDP zusammen, im Schweinegürtel kriegt die nur deshalb kein Bein an die Erde, weil die CDU sie locker rechts überholt, im Eichsfeld kann die CDU normalerweise immer noch einen Sack Sülze als OB-Kandidat aufstellen und der wird trotzdem gewählt. Die Devise dieser Schollenverwachsenen, schwarzbraun wie Haselnuss vor sich hin modernden Runkelrüben-Züchter und Gülle-Fetischisten lautet durchgängig: Gottvertrauen, Fammillje und Deutschland über alles.
Es bieten sich zwei Varianten an: Es gibt einen gerechten Gott und er ist eine linksradikale, schwarze Anarcha-Lesbe (behindert hab ich vergessen), die in alttestamentarischer Prägung Rachegleich das Virus über die Verdammten dieser Landkreis-Erde kommen lässt.
Oder nach jedem Gottesdienst geht es ab ins Wirtshaus, zum Frühschuppen, hinterher in die Fammilljenfeier, da wird gepichelt, dass es Göttinerbarm, und dann fallen alle Abstände und Hemmungen. Und da Pillen-Paul im vorigen Jahrtausend schon die Kondome verboten hat, sind Masken erst recht Teufelszeug. Da bleibt der Gesichtspimmel ungeschützt.
Das sind bis hier nur Vermutungen oder fiese Unterstellungen eines Antichristen und notorischen Linksradikalen, aber wenn diese Zusammenhänge keine Evidenz aufweisen, was dann?
Wissenschaft, übernehmen Sie!

22.10.2020 – Protestverbrennung gegen Hamsterkäufe


NDR-TV, 18 Uhr, ab 7.43
Im Beitrag wird ein zentraler Satz aus der PM, siehe unten, zitiert: „Blödheit ist ein offensichtlich unbegrenzt vorhandener Rohstoff“. Was sich auf die hirnlos Hamsternden bezieht. Ich hab mir das jetzt schon zehnmal angehört und muss jedes Mal lachen. Dieser Satz hört sich, aus sachlich-seriösem Reportermund zitiert, fremd an, zumal er völlig aus dem öffentlich-rechtlichen Sprachduktus fällt.
Auf Grund , sagen wir mal, kommunikativer Missverständnisse meldete sich die Polizei bei mir und fragte besorgt nach, was da wohl alles brennen würde, mich auf den § 7 der Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Stadtgebiet hinweisend, der das Verbrennen von Gegenständen (Bücher sind da nicht explizit aufgeführt) in der Öffentlichkeit, sagen wir mal, kritisch beäugt. Zur Zeit wären alle Peterwagen im Stadtgebiet angehalten, nach brennenden Scheiterhaufen voller Toilettenpapier Ausschau zu halten. Oje.
Da Aktionen in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten zu meinem beruflichen und künstlerischen Selbstverständnis gehören, bin ich essentiell auf eine konstruktive Kooperation mit der Ordnungsmacht angewiesen. Zumal sich weitere Medien zur Berichterstattung angesagt haben. Ich trat dieses Feuer also sofort aus.
Lustig auch die Geschichte beim Kauf des Toilettenpapiers, was mir peinlicher war, als wenn man mich beim Verlassen eines Pornoshops gefilmt hätte. Prompt wies mich die Verkäuferin streng daraufhin, dass ab Morgen Abgabe nur noch in handelsüblichen Mengen erfolgen würde. Die Regale waren nämlich schon wieder leer. Ich röchelte nur, in den Boden versinkend: „Das ist nicht für mich. Das ist für die Kunst.“ Bemerkung hinter mir: „Na, das ist ja mal ne Ausrede.“
Damit Sie, liebe Leserinnen, mal sehen, was Kunstproduktion für ein Rattenschwanz von Arbeit, Stress und Demütigungen zur Folge hat. Oder heißt es jetzt: Hamsterschwanz?
Lange Rede, kurzer Verstand, hier nun exclusiv für Sie die PM PM SCHUPPEN 68 Protest-Verbrennung gegen Hamsterkäufe, mit zahlreichen Perlen der Formulierungseleganz …., Zitat:
„Hamsterkäufe sind so überflüssig wie ein Kropf, das haben alle Erfahrungen der ersten Corona-Phase gezeigt. Darüber hinaus sind sie unsolidarisch gegenüber älteren und Mobilitätseingeschränkten Menschen, die dann tatsächlich bei einem ausschließlich durch Hamsterkäufe hervorgerufenen Engpass in die Röhre gucken, weil sie nicht schnell genug sind.
Das beabsichtige Hamsterverhalten von Millionen Bundesbürger*innen zeigt mehrere Schwachstellen in unserer Gesellschaft auf:
1. Blödheit ist ein offensichtlich unbegrenzt vorhandener Rohstoff.
2. Die Jugend taugt nichts.
3. Das beabsichtige Hamsterverhalten ist Hamsterdiskriminierend.
Aus diesen Gründen wird das Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 in einem Akt gesellschaftlichen und künstlerischen Protestes 68 Rollen Toilettenpapier an 68 verschiedenen Orten in Hannover verbrennen.“

Einwände, dass die Grundlage dieser Protestaktion ja ein Hamsterkauf sei, wischt Gleitze mit lässiger Mine vom Toilettendeckel:
„Das Aufklärungspotential dieser sozialen Intervention ist so groß, dass dadurch Millionen Hamsterkäufer*innen zu Bewusstsein kommen und den Schwachsinn einstellen. Dadurch werden kurzfristig 720 Millionen Meter Toilettenpapier eingespart.“
Das Argument, ob es nicht besser sei zu überzeugen statt die Zielgruppen zu beschimpfen, lässt Gleitze nicht gelten:
„Soweit kommt’s noch.“

19.10.2020 – Ich entsichere meine Pistole


Aktion „Appel und Ei“ zu „Hartz-IV-Erhöhung 14 Euro ab 2021“. Mit NDR-Berichterstattung, ab 11.02.
Vor der Aktion frug ich einen Künstler an zwecks Support. Für sowas habe ich einen kleinen Etat, also konnte ich ihm ein kleines Honorar anbieten.
Die Situation der vor allem freischaffenden Kulturproduzentinnen in Zeiten der Seuche ist ebenso klar wie dramatisch: 100 Prozent Verdienstausfall ist keine Seltenheit und vielen droht Hartz-IV.
Hartz-IV ist eine sozialpolitische Sauerei, die Menschen stigmatisiert, Armut fördert und die Spaltung der Gesellschaft vertieft. Ich habe dieses kafkaeske System des Überwachens, Strafens und Demütigens von Anfang an politisch bekämpft, mit Zeitungen, der Gründung von Betroffeneninitiativen, auf der Straße.
Solange es in der Welt ist, bildet es die letzte Auffanglinie für Menschen in existentieller Bedrängnis und wenn das so ist, dann gilt das für alle Betroffenen gleichermaßen, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb von Hartz-IV gibt es nicht, da ist der Kapitalismus ein gnadenloser Gleichmacher. Ich würde mir wünschen, dass die Betroffenen aufstehen und sich wehren, politisch, radikal, auf der Straße. Aber ich wünsch mir auch ne eigene Talkshow, Fazit: Das Leben ist kein Ponyhof.
Und so nehme ich – wenig überrascht – zur Kenntnis, dass die Künstlerkaste einen potentiell ins Haus stehenden Hartz-IV Bezug keinesfalls als Signal zu politischer Aktivität im eigenen Interesse und zu solidarischem Engagement für Millionen Hartz-IV Beziehenden im Lande nutzt, gegen das Prinzip und die Struktur von Hartz-IV. Richtig ist vielmehr, dass besagte Kaste des Öfteren aufheult, was das für eine Zumutung sei – wobei unausgesprochen immer mitschwingt: mit diesem asozialen, kulturfernen Pack in eine Topf gerührt zu werden. Hartz-IV ja, aber bitte nicht für mich, ich bin was Besseres. Das Floriansprinzip in Reinkultur.
Bei einer derartigen Haltung nicht weniger Kulturproduzentinnen geht mein Kotzreiz nahtlos in den Wunsch nach einer kulturfreien Gesellschaft über, befreit von derartigem Dünkel, beinharter Arroganz, gepaart mit Dummheit und politischer Verblendung. Und ich danke Athene, der Göttin der Kunst, dafür, dass Kultur eben nicht systemrelevant ist, entgegen dem frommen Wunsch des Feuilletons und vieler nach A 13 bezahlten Museumsgängerinnen.
Nach dieser Vorrede wird sie, liebe Leserinnen, das Zitat aus der ellenlangen Absage des Eingangs angefragten Künstler nicht überraschen:
„ … Ich gebe mir, wenn die Berichterstattung ungünstig läuft, auch selber noch das Image, ein Hartz 4 Bezieher zu sein. ….“
Und mit diesem asozialen Pack will ja kein Künstler was gemein haben.
Der Staat hat diese offene Flanke erkannt, hier könnte sich bei empathisch ausgelegten und Intelligenz begabten Künstlerinnen eventuell sowas wie Politisierung, Solidarität, Widerstand entwickeln. Daher wurde flugs ein sogenannter fiktiver Unternehmerlohn entwickelt für Kulturschaffende, anstelle von Hartz-IV. Unternehmer statt Hartz-IV, wenn das kein Ritterschlag ist. So bleiben die Kulturschaffenden brav bei der Kapitalismus-Stange und das Prinzip: Divide et impera funktioniert wie geschmiert weiter.
Wenn ich aber nochmal irgendwo lese „Kultur ist systemrelevant“, entsichere ich meine Pistole. Bis dahin guten Start in die Woche, liebe Leserinnen.
Ruhm, Lob und Ehre aber dem famosen Kollegen Marc Beinsen von den Improkokken, der spontan einsprang und der Aktion Leben einhauchte. Wenn Sie jemanden für Ihre Veranstaltungen, Feiern, für Workshops, Kurse ect. suchen: einen Besseren finden Sie nicht.

16.10.2020 – Ganzheitliche Behandlung mit Wasserwerfer, Knüppel und Zwangsjacke


Ausschilderung einer Ersten Lage. Steilhänge bis zu 60 Prozent, kein Wunder, dass ich fit wie ein Turnschuh bin. Und schön, dass da in der Gegend die Lagen oft ausgeschildert sind, so dass man weiß, wenn man sich auf legendärem Terrain (heute sagt der Connaisseur: Terroir) befindet, wie dem Würzburger Stein, dessen Jahrtausendjahrgang 1540 noch im Jahre 1961 trinkbar war.
Regelrecht ergriffen vor Sympathie und Mitgefühl war ich aber ob dieser Ausschilderung der Seele eines der Besitzer der Lage Escherndorfer Lump:

Durch meine Ideen habe ich sehr viele Neider. Geht mir doch genauso, alter Lump aus Escherndorf, geht mir haargenau so.
Wer hätte nicht gerne ein fahrbares Fass mit Kühlschrank und Licht zum reinsetzen! Da ist mein fahrbarer Witze-Verleih nix dagegen, da ist in einem der Fächer nur ein Flachmann drin. Lange grübelte ich noch im Keuchen und Schnaufen (60 Promille Steigung) über den kryptischen Satz:
„Somit durfte ich in meinem ganzen Leben niemals reingewählt werden.“
Wir wissen nicht, wo rein, aber man spürt durch die tote Tafel hindurch förmlich Verbitterung und Wut unseres guten Lumpen, dessen Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei offensichtlich selbst für die Gegend da unten so penetrant war, dass ihn die Bevölkerung nirgendwo reinwählte, egal was es auch sei.
Ich durfte ja auch in meinem ganzen Leben niemals reingewählt werden. Aber in meinem Fall ist das auch besser so, sowohl für die Gremien als auch für mich. Sobald ich in irgendwelchen Gremien war, was sich mitunter beruflich nur schwer vermeiden lässt, habe ich früher zuvörderst zwei Dinge gesucht: die Toilette, das Büffet und den ersten Krawall.
Im Alter wird man ruhiger, aber jetzt verstehen Sie, warum dieser offensichtlich schwer gestörte Escherndorfer Lump ein warmes Gefühl der Sympathie in mir auslöste. Und Hand aufs Herz: Sind wir nicht alle mehr oder weniger Durchgeknallte, Deppen und Quartalsirre im Weinberg des HERRN?
Die Tatsache, dass ich in diesem Blog des Öfteren pathologisierende Zuschreibungen für Politiker aber auch den Rest des Mobs, vulgo Bevölkerung, verwende wie eben Quartalsirre, hat nicht nur mit dem Hang zur Polemik, der der Satire naturhaft innewohnen sollte, zu tun. Meine Beschreibungen sind vielleicht nicht immer klinisch exakt, auf jeden Fall aber ein valider Diagnose-Ansatz. Mittlerweile kommt ja sogar die Bürgerpresse auf den Trichter, dass Leute wie Trump in eine Klappsmühle gehören, und dass viele dieser Corona-Demonstranten eher medikamentös sediert werden müssten anstatt in Dialoge eingebunden zu werden. Ich bin mehr für eine ganzheitliche Behandlung mit Wasserwerfer, Knüppel und Zwangsjacke, aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.
Ist auch besser so.

15.10.2020 – Bakterien in einer Petrischale


Fremdenzimmer am Main. Ein weiteres Beispiel dafür, warum „Ausschilderung“ so viel mehr ist als reine geographische Orientierung, offenbart dieser Hinweis doch Abgründe in der mainfränkischen Seele. Zum Status des Gastes in Form eines „Gästezimmer“ reicht es für Herbergssuchende in dieser Gegend feiner Tropfen, aber fieser Eingeborener nicht. Zugereiste sind ehrlicherweise auch im Begriff auf das reduziert, was sie sind: Fremde und keine Gäste. Leute, denen man mittels Bocksbeutel an den Geldbeutel will. Nur die reine Ökonomie, die Geldgier schützt Reisende davor, dort dem anheimzufallen, was des Doitschen liebstes Hobby ist: Xenophobie. Ein schönes Beispiel dafür, wie der Kapitalismus vor Fremdenfeindlichkeit vulgo Rassismus schützt. Das Geschäft darf durch nichts gestört werden, auch nicht durch Rassismus. Wer in deutschen Betrieben rassistisch agitiert, fliegt raus. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, dafür ist der Kapitalismus eher nicht bekannt, sondern wegen Störung des Betriebsfriedens, weil er den Gang der Geschäfte stört.
Das Fremdenzimmer-Luxusangebot mit Dusche und WC hat sich offensichtlich nicht am Markt durchsetzen können.
Wir aber verlassen die faszinierende Welt der Ausschilderung und der ansonsten zauberhaften Maininsel mit coronösem Bedauern, verbieten sich Reisen doch unter dem Vorzeichen explodierender, aber noch nicht exponentieller Fallzahlen: 6.638, das ist doch mal ne Hausnummer. Wer bietet mehr? Der morgige Tag. Und unsere Nachbarn. Ob das so bleibt?
Der Blick auf die aktuelle Inzidenzkarte erinnert mich an Bakterien in einer Petrischale. Gestern schimmerte die Schale noch hell, unschuldig und unbeleckt vom Seuchengeschehen, heute schon wabern bösartig dunkle und dunkelste Kulturen hoher Fallzahlen das Petri-Gefäß voll, höhnisch die Betrachterin anlachend: Pass bloß auf, sonst bist Du dran, beim kleinsten Fehler. Mein Lieblingslandkreis BeClopptenburg liegt bei einer 14-Tage-Inzidenz von 207 pro 100.000, doitscher Rekord, sieht man mal von Hort und Heimat aller Vollidioten ab – Berlin-Neukölln.
Wunder über Wunder, ein paar km Luftlinie weg von BeClopptenburg liegt die Zahl bei 2, im Landkreis Lüchow; Heimat des Wendlandes, Ort des Widerstandes gegen Gorleben und Domizil so vieler Alternativer. Gibt es da einen Zusammenhang? Ich liebe Statistiken. Auch Freunde von mir wohnen im Wendland, ich könnte ich mich, im schlimmsten aller statistischen Fälle, nach da durchschlagen und dann, in der alternativen Quarantäne, mein Magnum Opus vollenden: Sitten- und Kulturgeschichte der Ausschilderung. 1.000 Seiten, der Brüller auf der nächsten Buchmesse.
Bis dahin lege ich allen Leserinnen die Corona-Weisheit von St. Angela (vom 18.03) ans Herz: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.
Die Frau hat sowas von recht, wenn sie sauer ist über die nicht ausreichenden Beschlüsse bei der Bund-Länder-Konferenz gestern.
Wenn ich diese Bande vertrottelter Länderchefs da sehe, frage ich mich, warum ich kein MP geworden bin. Dafür hätt’s allemal gereicht.
Ich werde Angela vermissen.

12.10.2020 – Arsch und Eimer


Ich werde versuchen Ihnen, liebe Leserinnen, in den nächsten Blogeinträgen mit Bildbeispielen wie diesem die wunderbare Welt der Ausschilderung etwas näher zu bringen, bei der es um so viel mehr geht als um eine Kulturgeschichte der geographischen Orientierung, entfaltet sich doch in der Ausschilderung das Sittengemälde einer Zivilisation, die im Kern brüchig wird.
Whow, da hab ich auf nüchternem Magen aber einen rausgehauen.
Und diese hier abgebildete Symbiose von Klerus und Zivilgesellschaft, von Grauen und Grusel, von Arsch und Eimer, leitet nahtlos zum aktuellen Coronageschehen über. In aller Medienmunde sind gerade die bösen Metropolen als Hauptorte des Infektionsgeschehens. Stimmt ja auch zum Teil und auf der dämlichen Jugend hab ich hier auch schon zu Recht rumgehackt. Wenn Sie sich die Karte des aktuellen Infektionsgeschehen (14-Tage-Inzidenz) pro 100.000 Einwohner nach Landkreisen und kreisfreien Städten aber genauer angucken, werden Sie feststellen, dass ein signifikant über dem Durchschnitt liegendes Cluster sich im Westen Niedersachsens befindet.
Der Westen Niedersachsens aber ist eine ländliche Region von endloser Weite, belebt nur von Milliarden Schweinen und CDU-Wähler*innen, Partyfern wie die äußere Mongolei. In diesem Schweinegürtel gilt selbst die niedersächsische Landeshauptstadt Hangover als Metropole und das ferne Berlin als Hure Babylon, als Sündenpfuhl. Familien mit fünf bis sieben Kindern sind keine Seltenheit, die CDU holt hier bayerische CSU-Wahlergebnisse und ist so reaktionär, dass selbst die AfD kein Bein an die güllegetränkte Erde kriegt. Von der Kanzel wird hier sonntags Erhalt der Schöpfung und Nächstenliebe gepredigt und unter der Woche wird die Kreatur gequält und der Boden vergiftet, dass es eine Göttin erbarm, wenn es sie denn gäbe. Osteuropäische Wanderarbeiter in den Schlachthöfen malochen sich hier die Knochen kaputt und werden unter Bedingungen untergebracht, die der dortige Landrat seinem Schäferhund niemals zumuten würde.
Die Vermutung für schlichte Gemüter liegt nahe, dass eine gerechte Göttin Corona als Strafe über diese Jauchebande sendet. Eher nicht. Natürlich liegt das an den Ausbrüchen in den Schlachthöfen, aber vermutlich auch am Feiergeschehen da. Nicht umsonst haben die Landkreise Zusammenkünfte in Vereinshäusern und Dorfgemeinschaftshäusern untersagt. Dort, im reaktionären wilden Westen, wird die Fammillje noch hochgehalten und Feiern mit dutzenden, hunderten Familienangehörigen, gerade bei den Großbauern, dürften keine Seltenheit sein. Der Alkohol fließt in Strömen, anders wäre die Bigotterie in diesen Vorhöfen der Hölle auch gar nicht auszuhalten, und alles weitere entnehmen Sie der Entwicklung des Infektionsgeschehens.
So berechtigt die Kritik am jugendlichen Fehlverhalten in den Metropolen auch ist, darf darüber der vollständige Blick auf die Statistik, siehe Karte, nicht vergessen werden, und die Frage, was weitere Ursachen sein können. Da muss man dann auch mal die Stammesbräuche und Sitten der Eingeborenen näher befragen.
Sonst kriegt das leicht eine zivilisationsfeindliche Schlagseite, die das Leben auf dem Land idealisiert, fernab der verseuchten Metropolen.
Das hatten wir schon mal, Berlin als Sündenpfuhl dämonisiert, die große Hure Babylon. Da haben die Nazis ja gründlich mit aufgeräumt.
Wahrlich, wahrlich, ich aber sage Euch, die wahre Hölle ist auf dem Land.
Amen.

11.10.2020 – Alter verschwindet und Jugend hört nicht mehr auf. Oder: Auf mich hört ja wieder kein Schwein


Spielstraße in Volkach am Main. Die demographische Entwicklung schreitet flott voran. Ich rufe die Jugend der Welt nach Volkach. Brot und Spiele. Wobei es sich in Volkach um flüssiges Brot in Form von Frankenwein handelt, der das Elend der Welt leichter ertragen lässt. Irgendwie konterkariert diese Ausschilderung aber den seit Jahrzehnten grassierenden Jugendwahn unserer Gesellschaft, Motto: Alter verschwindet und Jugend hört nicht mehr auf.
Um auf allen Märkten des Lebens, von der Liebe bis zum Geld, foreever young konkurrenzfähig zu sein, unterwerfen wir uns fugen- und faltenlos dem Diktat der Worklife-Balance und der Wellness-Welt, Botox-Bataillone und Silikon-Geschwader (auch für Männer – lassen Sie sich vertrauensvoll beraten in Ihrem Zentrum für Intimchirurgie des Mannes) trotzen der Schwerkraft und dem Verfall – vermeintlich. Vergebens. Irgendwann senst uns alle Gevatter Hein mitleidlos ins kühle Grab.
Nicht alle gleich. Arme Männer beißen ca. 10 Jahre früher ins Grass als besserverdienende Geschlechtsgenossen, bei den Mädels sind es ca. 7 Jahre. Frauen leben gesünder und sind auf Grund der Verantwortung für die Aufzucht der Brut mit mehr Resilienz ausgestattet. Weder vor dem Virus noch im Tod sind alle gleich.
Wobei das mit dem Virus statistische Tücken hat. Seuchen der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass es oft vorrangig Arme trifft. Beispiel Pest: das Decamerone verlegt die Handlung in ein Landhaus außerhalb von Florenz. In dieses Landhaus sind sieben Frauen und drei junge Männer vor der Pest geflüchtet. Ein Landhaus, die Flucht vor dem Pesterreger muss man sich leisten können (7 Frauen und 3 Männer, darunter hat es der Schwerenöter Boccaccio nicht gemacht. Männerphantasien im Spiegel der Jahrhunderte…) Die legendäre Choleraepidemie von 1892 in Hamburg traf vor allem den sozialen Brennpunkt Gängeviertel, über das Robert Koch sagte: „Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie in den sogenannten Gängevierteln, …. Ich vergesse, daß ich mich in Europa befinde.“ Die Fallzahlen in Blankenese dürften geringer ausgefallen sein.
Bei Corona sieht das vermutlich etwas anders aus, nicht nur wegen des anderen Verbreitungsweges. Ich weiß nicht, ob meine ursprüngliche Vermutung zutreffen wird, dass Corona-Fallzahlen in sozialen Brennpunkten höher sind. Hauptursachen sind zur Zeit Reiserückkehrende, Familienfeiern und jugendliche Regelverletzer*innen bei Paahdys. Reisen muss man sich ebenso leisten können wie große Familienfeiern und Paahdymachen kostet auch Geld (wobei von da aus die Streuung vermutlich am gleichmäßigsten in alle Stadtteile erfolgt). Dass Menschen in Unterkünften, auf der Straße, mit schlechter Ernährung, Bildung etc. eher krank werden, ist offensichtlich, aber was die oben beschriebene statistische Verteilungsfrage angeht, bedarf es genauerer Untersuchungen.
Was sich jetzt schon abzeichnet, ist eine wachsende Spaltung zwischen Jung und Alt, die anders als bei der Rentenfrage realen Grund hat. Das vermeintlich demographische Rentenproblem ist eins von „Geld haben und kein Geld haben“, und nicht eins von Jung und Alt. Bei der Seuchenverbreitung hat diese Spaltung sehr wohl einen realen Kern und zusätzliche Spaltungslinien sind das Letzte, was wir uns leisten können. Also rufe ich die Jugend der Welt nicht nach Volkach sondern zur Vernunft.
Aber auf mich hört ja wieder kein Schwein.

06.10.20 – Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.


Dem Chef noch post mortem in den Arsch zu kriechen, zeugt von perfekter marktförmiger Abrichtung. Selten aber las ich so eine mich verstörende Todesanzeige wie diese. Jede Silbe ein abgefeimtes Marketing Blabla, das in einer wahren Apotheose der Grunzdummheit endet, bei deren Lektüre mir die Tränen kamen – vor Lachen:
„Deine Leidenschaft galt dem Ziegel; dafür haben wir gebrannt.“
Vermutlich wurden die gebrannten Ziegel an den Köpfen dieser Tröpfe auf Bruchfähigkeit getestet. Man sieht es förmlich vor sich, wie dieser Albert Schweitzer des Brennwesens sich leidenschaftlich mit seinen Ziegeln im Bett wälzt, „fördernd und fordernd“. (Dieses Agenda-2010-Sprech in eine Todesanzeige zu pressen ist ebenso pathologisch wie bezeichnend für den Zustand unserer Gesellschaft).
Und so geht es ohne Unterlass weiter: „Hoch identifiziert und an einem Strang“. Über den Tod hinaus jede Formulierung aus der Realschul-Bewerbungsfibel für den kapitalistischen ideellen Gesamttrottel, bar jeden echten Empfindens und jeder Intimität, wie es sich für den Tod gebührte. (Im ersten ungläubigen Überfliegen hatte ich gelesen: hochinfiziert.)
Meine Lieblingsunterzeichnerin in der Anzeige ist Diana Dummich. Ein Name, der auf der Zunge zergeht, voller Rhythmus, Poesie und Wahrheit.
Das letzte Mal, als mir ein Ziegel auf den Kopf fiel, musste ich operiert werden, Dachschaden halt. Ich fragte vor der OP den Anästhesisten bänglich:
„Es wird doch alles gut werden?“
Die Antwort:
„Der Herrgott wird’s schon richten.“
Oje.

Diese Anzeige versöhnte mich mit meinem Lieblingsliteraturgenre „Todesanzeigen“.
In dem Sinne, Herrgott befohlen, liebe Leserinnen, passen Sie auf, wenn Sie an einem Strang sind, wo sich das andere Ende befindet, und wem Sie Ihre Leidenschaften widmen.

05.10.2020 – Besser als jede Analyse


Weinberge Volkacher Ratsherr. Eine der bekanntesten Lagen in Franken, am Städtchen Volkach gelegen. Keine ganz große Lage, aber mit Weinen von da macht man nichts falsch. Zum Wandern eine Gegend wie aus dem Bilderbuch, alle paar Kilometer ein Dörfchen mit Straussenwirtschaften, wo es deftige fränkische Küche und jede Menge probierenswerte Weine gibt, die man im Handel nur schwer bekommt. Die Landschaft ist getränkt von Weinkultur. Wenn man in milder Spätsommersonne von einem Weinberg über die Landschaft, auf den Main schaut, meint man, es gäbe nichts Schöneres, vor allem, wenn man schon einen Schoppen intus hat.
Ich fand sogar gute Argumente für die Existenz von Kirchen, oben auf dem Ratsherrn. Ohne sie wäre das Panorama nur halb so schön und eine bessere Orientierung gibt es nicht im Gelände. Wobei die Ausschilderung in der Gegend Weltklasse ist. Man kann sich nicht verlaufen, unmöglich. Selbst ich kam da ohne Google Maps aus und das brauch ich sogar für den Gang zu meiner Mülltonne.
Auf sowas wie Ausschilderung achte ich in der Fremde auch aus zivilisationsgeschichtlichen Gründen. Meine These ist, dass eine zentrale Grundlage für die Entstehung von Zivilisation und Kultur das Phänomen der Ausschilderung ist. Nicht umsonst hieß es jahrelange bei allen Veranstaltungen des SCHUPPEN 68 kategorisch statt Ortsangabe: Es ist ausgeschildert! Unser Publikum sollte gefordert werden und meistens wollten wir auch keins. Publikum will jede*r, wir aber waren die Avantgarde von übermorgen. Bei uns fand die Kunst nicht nur nicht im Saale statt, sondern auch ohne Publikum.
Es war also alles wunderbar, da oben auf dem Volkacher Ratsherrn. Und doch fehlte zum perfekten Glück in diesem Blick eine Kleinigkeit: Azurblaues Meer mit goldgelbem Strand in funkelnder Sonne, dazu der Duft von Pinien, die den Olivenhain säumen, aus dem man gerade kommt.
Für die Ökobilanz nicht die beste Erfahrung, zu wissen, dass kein heimischer Urlaub auf Dauer das gerade geschilderte Setting ersetzen kann. Andererseits auch egal, weil wir den Point of no return des Verfalls eh überschritten haben, ökologisch und sozial. Ich für meinen Teil hab beim Anblick der SUVs in den schmalen Gassen der Volkacher Altstadt und der ganzen Heizpilze dort nur lachen können. Das gutsituierte Bürgertum heizt seinem Untergang entgegen.
Schön auch meine folgende Geschichte aus dem hiesigen Bürgertum, um mit einer heiteren Note zu enden. Zu meinen Job gehört es, mit allen demokratischen Parteien über Armut zu reden, so unlängst auch mit den Senior*innen der niedersächsischen FDP. Bei Diskussionsveranstaltungen pflege ich als Warming-up immer ein kleines Themenbezogenes Quiz mit kleinen Preisen und einer heiteren Note. Das gehört dazu wie das Stretching vor dem Laufen. Sie können dabei förmlich körperlich spüren, wie das Publikum entspannt, aufnahmefähiger und diskutierwilliger wird.
Meine Einstiegsfrage bei der FDP lautete: „Von welcher Partei stammt das folgende Zitat:
Eigentum grenzt Freiheitsraum anderer ein. … Wo die Verfügungsgewalt über Eigentum an Produk¬tionsmitteln zu Herrschaft über Menschen führt, ist ihre demokratische Kontrolle durch Mitbestimmung geboten.“
Die meisten tippten auf die Linke oder die Grünen. Auf die richtige Antwort kam keine: FDP. Aus den Freiburger Thesen von 1971.
Solche Geschichten beschreiben Veränderungen besser als jede Analyse.