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06.12.2022 – Auf die Dauer ohne Mörtel keine Mauer.

Ich hatte unlängst auf die Interessenvertretung der Faltschachtelbranche abgehoben und deren Mission. Zu den Stillen, aber Fleißigen im Lande, von denen viele wenig bis nichts wissen, gehört auch der Backzutatenverband. Ohne den Backzutatenverband wäre unsere Republik nicht die, die sie ist. Der deutsche Backzutatenverband im Lauf der Zeit: 2002 erfolgte der Anschluss Österreichs, auf eigenen Wunsch, und 2011 der Umzug des Verbandes nach Berlin-Mitte. Wohin sonst. Dort sitzt auch der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM), in der Reinhardtstr., in der dritten Etage der FDP-Bundesgeschäftsstelle. Ein Verband, dem von jeher meine tiefe Zuneigung galt, gehört zu seinen Aufgabenbereichen doch die Interessenvertretung des Mörtels. Auf die Dauer ohne Mörtel keine Mauer. Das ist ein eherner Grundsatz der Mörtelphilosophie. Es gibt nur noch wenige verbindende Gedanken, Grundsätze, Maxime in unserer Zivilgesellschaft, die sich in immer mehr disparate Segmente dividiert. Einer davon lautet: Weg mit Mauern, auch denen in den Köpfen.

Das ist natürlich gequirlte Scheiße. Erstens ist das pure Ideologie, weil in und um ganz Europa herum seit Jahren tödlichere Mauern aufgerichtet werden als es der antifaschistische Schutzwall – oder die Schandmauer der Ostzone, ganz nach Standpunkt – je war. Ich trete seit Jahrzehnten für eine Revitalisierung des Eisernen Vorhangs ein. Hoch damit, raus mit allem aus der EU, was östlich der Elbe ist. Abgesehen natürlich von meiner zweiten Heimat Berlin, die dann wieder eine politisch selbstständige Einheit wäre.

Hoch damit heißt auch: Wiederaufbau der Mauer und dafür braucht es Mörtel. Und dieses Mal nehmen wir Dünnbettmörtel, denn, so der VDPM:

„ … Dünnbettmörtel wird zum Vermauern („Kleben“) von Steinen eingesetzt, die besonders maßgenau produziert sind (Plansteine). Die Fugendicke beträgt nur 1-3 mm. Wichtig für den Bauherren ist, dass auch Dünnbettmörtel vollflächig aufgetragen wird und ein geschlossenes Mörtelband in ausreichender Dicke entsteht. Nur so lassen sich Schwachstellen vermeiden…“

Nur so lassen sich Schwachstellen vermeiden! Darauf kommt es an. Beim letzten Versuch ist die Mauer an den Schwachstellen gescheitert. Schwachstellen waren z. B. die Reiselust der Insassen der Ostzone und ihre Gier nach Bananen Sie wollten nicht nur ans Schwarze Meer, sondern auch nach Malle. Reisen ist aber ökologisch kontraproduktiv. Gehört verboten. Und Bananen können mittlerweile auf Grund des Klimawandels auch in Meck-Pomm angebaut werden. Da fallen Schwachstellen weg.

Es spricht also viel dafür, die Mauer wieder hochzumörteln, Hand in Hand mit dem Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM), in der Reinhardtstr.. Die dann in Ostberlin wäre. Wie ganz Berlin-Mitte. Ein Verlust, der sich in Grenzen (sic!) hielte.

Sie, liebe Leserinnen, werden jetzt verstehen, warum meine stille Liebe den Verbänden dieser Republik gehört. Da steckt viel mehr drin und dahinter als es scheint.

05.12.2022 – Kurz und beschissen

Schön. Aber grober Unfug. Eine Unsitte sondergleichen, überall im Süden am Strand und sonst wo Steine zu Skulpturen zu stapeln. Steine erfüllen eine Funktion, sie stabilisieren Strände, die eh von Abschwemmung, Erosion und Sanddiebstahl bedroht sind. Und da, wo Einheimische sie zu vermeintlichen Türmchen stapeln, sind das keine Spielereien gelangweilter Pseudokreativlinge sondern Orientierungsmarken. Mir haben solche Marken in einer unwegsamen Küstenregion der Tramuntana mal das Leben gerettet. Na ja, vielleicht etwas übertrieben, aber verlaufen Sie sich mal in Schluchten, wo für Ungeübte eine wie die andere aussieht. Ich hab jedenfalls vor Erleichterung fast geheult, als ich wieder auf Türmchen stieß, an denen ich mich orientieren konnte. Und so nimmt es nicht Wunder, dass ich mitunter in der Dämmerung an Stränden Verdauungsspaziergänge unternehme und pardautz, andauernd über Skulpturen stolpere. Schepper, klapper, polter, stürz, freu, harhar.

Eigentlich müsste ich mich auf eine Podiumsdiskussion über Altersarmut vorbereiten, die gleich stattfindet. Aber bei dem derzeitigen Wetter und Blick aus dem Fenster noch so ein Depri-Thema, da könnte ich mich auch gleich erschießen, das käme Stimmungsmäßig aufs Gleiche raus. Kein Wunder, dass ich lieber Urlaubsfotos angucken, siehe oben. Hat mich aber auch gleich wieder auf die Palme gebracht. Das Leben ist eben wie ne Hühnerleiter, kurz und beschissen.

04.12.2022 – Über die Kontroverse zwischen der Interessenvertretung der Faltschachtelbranche und dem Bundesverband der Beutelindustrie.

Boot zum Eroticbeach. Demnächst erzähle ich Ihnen, wie die Reise war.

Ich habe mal diesen Blog der letzten Jahre Revue passieren lassen, während er offline war und ich Kopf und Gemüt nicht im Prozess des Schreibens einer relativ regelmäßigen Selbstaufklärung und Katharsis unterzogen habe. Objektiv gesehen war er meine subjektive Verarbeitung von Polykrisen.  Beispiel Eintrag vor drei Jahren, 25.12.2019 unter „Trügerische Ruhe“:  http://www.schuppen68.de/?p=10650

„ …. wenn der Volkssturm der Entrüstung unserer Demokratie Feuer unter dem Arsch von ungekanntem Ausmaß entfachen wird, weil der Urlaub auf Malle demnächst echtes Geld kosten soll. Weil Heizen teurer wird für die, die sich keine Dämmung leisten können. Weil die ohnehin irrsinnige Pendlerpauschale den Geringverdienerinnen an die Börse geht. Und das alles bei wachsender Arbeitslosigkeit, stagnierenden Reallöhnen, explodierenden Mieten und einer anziehenden Inflationsrate. Wenn der Volks-Sturm sich anbahnt und ich noch flugfähig bin, mach ich erstmal Urlaub, im Süden. …“

Da war von den aktuellen Querspinnerinnen und Demokratiefeinden, von Energiekrise, explodierender Inflation etc. noch wenig zu sehen. Corona ja, aber noch herrschte relative Ruhe. Insofern ist der Blog in seiner objektiven Funktion für mich ein unschätzbares Dokument meiner erlebten Zeitgeschichte.

Ab 2019 war nur noch Krise. Ermüdend. Und das Fazit meines „subjektiven Faktors“ in Dauerkrisenzeiten, um das grässliche Wort „individuelle Befindlichkeit“ zu vermeiden und um einen wunderschönen Kampfbegriff aus der Post-68er Zeit zu verwenden, ist: Tendenzielle Wurschtigkeit. Soll die Welt ruhig den Bach runtergehen, mir doch egal. Vor mir die Sintflut, ich will Spaß.

Und kost‘ Benzin auch drei Mark zehn
Scheiß egal
Es wird schon gehen

Markus, NDW-Song, 1982.

Sendungsbewusstsein verkrümelt sich leise weinend in die dunkle Ecke einer Kammer, an deren Tür „Aufklärung“ steht. Die Missionarsstellung geht in den Ruhestand.

In solchen Zeiten ist es tröstlich zu wissen, dass es noch Menschen und Organisationen gibt, die eine Mission haben, wie der FFI. In der Rubrik „Über uns“ schreibt er unter „Ziele und Mission“:https://ffi.de/ueber-uns/der-ffi/ziele-und-mission/

Als Interessenvertretung der Faltschachtelbranche bringt der FFI die Interessen seiner Mitglieder in die öffentliche Diskussion und in die politischen Entscheidungsprozesse ein. Er wirkt bei der Etablierung von Branchenstandards mit und betreibt Marketing und PR für die Faltschachtel. Bei all dem heißen die obersten Gebote des FFI Kompetenz, Zuverlässigkeit und Service-Qualität ..“

Sie mögen es lächerlich finden, liebe Leserinnen, aber für mich ist die Mission der Interessenvertretung der Faltschachtelbranche ein Leuchtfeuer in düsteren Zeiten. Wenn da nicht die dauernden Kontroversen der Faltschachtelindustrie mit dem BBI wären, dem Bundesverband der Beutelindustrie.

14.11.2022 – Und schwups, schon ist die Inflation Ende 2023 bei 4 Prozent.


Rotterdam
Manchmal durchzuckt einen ein Gedanke, ein Bild, eine Vorstellung, unverhofft, kurz, intensiv. Esoterische Geister mögen sowas Erscheinung, Vision nennen. Im religiösen Aberglauben gibt es den Begriff Epiphanie, die Konkretion einer vermeintlich überirdischen Wesenheit. Beispiel: Der Stern von Bethlehem in der christlichen Mythologie, der den drei Königen den Weg zur Krippe wies.
Also wenn Sie, liebe Leserinnen, demnächst von der aktuellen Grasernte zwei, drei Züge zu viel nehmen und innere Stimmen hören, die sich Ihnen als extrakorporale Wesenheit, meinetwegen als irgendein Gott, offenbaren und Ihnen anempfehlen, ein besserer Mensch zu werden, können Sie sagen: „Ich hatte eine Epiphanie“. Was sich wesentlich gebildeter anhört als: „Whow, war ich gestern wieder stoned.“
Solche ungeplanten blitzartigen Erkenntnisse, Einsichten sind mitnichten das Ergebnis übernatürlicher Eingebungen, metaphysischer Erscheinungen. Wer sowas glaubt, hat seinen Verstand an der Garderobe vom Café Aufklärung abgegeben und sollte dringend therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Oder aufhören zu kiffen. Das Zeug ist eben nicht für alle geeignet. Epiphanien – auch säkularer Art, dann würde man sagen: Geistesblitz – resultieren aus der Summe unserer Erfahrungen, Kenntnisse, Ansichten, im Schnittpunkt mit Stimmungen eines genius loci und unseren eigenen mentalen Befindlichkeiten. Auf neudeutsch: Hängt vom setting ab.
Beim Anblick von Rotterdam vor ein paar Wochen, dieser grandiosen, dynamischen, modernen Metropole mit ihren Wolkenkratzern, durchzuckte mich sowas wie Epiphanie, die kurz gefasst ungefähr so ging:
Alles wird gut. Der Kapitalismus, der sich hier, jenseits seines mörderischen Wesens, in seiner reinen, kraftvollen, auf Entwicklung, Fortschritt, Veränderung gerichteten Erscheinung zeigt, hat immer auch ein Interesse daran, sich aus Systemerhaltungsgründen in einem dynamischen Gleichgewicht, einer Aufrechterhaltung seiner Ordnung zu befinden. Was man Homöostase nennt und die Grundlage organischer Systeme ist. Gesuchter Tod, Selbstzerstörung gehört da nicht zu.
Dieses Bild, ausgelöst durch jenes oben, widerspricht der hier von mir oft breitgetretenen Überzeugung, dass „wir“, also der Kapitalismus, uns auf dem Weg in den Untergang zumindest jener im Herzen der Bestie halbwegs zivilisierten Ordnung befinden.
Das Rotterdamer Ereignis hat konkrete Auswirkung auf meine Einschätzung der Inflationsentwicklung zum Beispiel: Ich glaube (!), dass Inflationsmäßig ziemlich schnell alles „normaler“ wird. Dauerhaft solche Krisenzustände wie die jetzigen würden das System Kapitalismus sprengen. Die aktuelle Inflation ist überwiegend Angebotsbefeuert, also das Angebot kann auf Grund von Lieferengpässen, Krieg, Coronabedingten Produktionsausfällen, Managementversagen die Nachfrage nicht decken. Sowas lässt sich regeln, organisieren. Produktion wird zurückgeholt in eigene Länder, De-Globalisierung, Regulierung der Märkte, Stabilisierung der Lieferketten, Waffenstillstand im Ukrainekrieg
Und schwups, schon ist die Inflation Ende 2023 bei 4 Prozent.
Glaube ich.
Aber mit dem Glauben ist das so eine Sache.

13.11.2022 – Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.


Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

Nein. Tu ich nicht. Eher empfand ich den nächtlichen Anblick auf der Tauentzienstrasse in Berlin als subtile Horrorgestalt, aus einem Buch von Stephen King. Horror ist am wirkungsvollsten, wenn er alltäglich daherkommt und einen Namen hat: In diesem Fall Weihnachten. Der Tauentzien ist die Haupteinkaufsstraße von Berlin, noch vor dem Kudamm. Hier liegt auch das KaDeWe, welches ich ab und zu frequentiere wegen der unvergleichlichen Feinkostabteilung, wo es alles zu kauen und schlucken gibt, was Herz und Leber aller Neureichen der Welt, die Berlin gerade in der Vorweihnachtszeit mit ihrer bloßen Existenz verpesten, erfreut. Meins auch.
Und insofern prallen im KaDeWe Kulturen aufeinander, nämlich meine und die der Geschilderten. Und wie oft, wenn Kulturen aufeinanderprallen, entsteht dabei kein sinnvoller, befruchtender Austausch, was eine Wunschwahnvorstellung von universitären Elfenbeinturmintellektuellen und Politikerinnen aus Szenevierteln ist, die sich die Welt so malen, wie sie sie gerne hätten, sondern nackter Hass.
In dem Fall bei mir. Angesichts der langen Schlangen von Russ*innen, die sich vor den Shop-in-Shop Luxusläden dort wie Prada, Luis Vuitton, Versace etc. bildeten. Die bringen regelmäßig vor Weihnachten neue Kollektionen raus und alles, was keinen Geschmack und Geld hat für Taschen zu 3000 Euro oder eine gesteppte Bomberjacke für 10.000 Euro, stellt sich da brav an.
Natürlich gibt es im KaDeWe auch Schwarze. Ich hab selber einen gesehen. Der tauschte die Mülleimer da aus.
Dass in mir ungutes Gefühl hochquoll angesichts dieser Anblicke, ist ebenso unzivilisiert wie verständlich und auch sinnvoll. Natürlich galt mein ungutes Gefühl auch neureichen Ukrainer*innen dort, aber dafür reichten meine Sprachkenntnisse nicht aus, um das zu differenzieren. Selbstverständlich hab ich mich auch in die Schlange gestellt, um die Sprachen dort zu hören. Einfach nur dem Äußeren nach zu urteilen, wäre ein disqualifizierender
rassistischer Reflex.
Sinnvoll war die Erfahrung im KaDeWe insofern, als Emotionen als notwendige Voraussetzung für die Bildung politischer Einstellungen unabdingbar sind, sofern sie kritisch reflektiert werden. Mit Büchern und Theorie kriegen Sie höchstens eine hauchdünne zivilisatorische Lackierung über Ihren alten Adam, die Eva sowieso. Also der Weg zum Klassenkampf führt notwendig durch das KaDeWe und hinterher in die Feinkostabteilung, Sekt verklappen.
Für alle Bildungsvollpfosten: Das Gedicht oben ist nicht von mir, sondern von Goethe.

07.11.2022 – Der brave Mann denkt an sich, selbst zuletzt.


Was hat Eva im Paradies gefehlt? Gepflegter Herrenwitz aus den Fünfzigern. Da gab’s ja mitunter richtig gepfefferte. Das Schöne an diesem Blog ist, hier kann alles verwurstet werden, von dem ich sonst nicht weiß, wohin damit. Wenn ich mehr als drei Gegenstände von obigem Kaliber habe, mache ich einen Ordner „Herrenwitze“ auf. Bis dahin schwebt diese Lachsack-Furzkissenähnliche Perle des Humors singulär in meinem Blog und vertreibt kurzfristig die Gedanken an die böse, böse Politik.
Die wie immer mit dem Privaten einherkommt. Auch Ihre Wohnungen, liebe Leserinnen, dürften sich jetzt langsam mit Pulloverkompatibler Kälte vollgesogen haben, die Heizungen laufen sich langsam warm, obwohl es für die Jahreszeit nach wie vor zu milde ist. Die Infoschreiben der Energieversorger sind raus, ich muss 130 Prozent mehr zahlen. Ich dachte, mich trifft ein Hirnschlag. Sowas abstrakt als drohendes Menetekel in den Medien zu lesen ist eine andere Nummer, als wenn es einem in den Briefkasten flattert. Berlin ade, war mein erster Impuls. Korfu gleich hinterher. Der nächste Gedanke: Wie werde ich schnell ohne viel Arbeit und Mühsal reich? Lotto, TV Quiz, erben, ok, sowas soll vorkommen, ist aber schlecht kalkulierbar. Und gar bei Banküberfall oder Drogenhandel fangen schon die Schwierigkeiten an, beides vermutlich illegal, und kann in Arbeit ausarten.
Ich sah mich schon am Dümmer Urlaub machen, ein See, der seinen Namen nach einem Film mit Jim Carey hat, namens „Dumm und Dümmer“. See und Film sind extrem flach.
Bei Millionen Haushalten ist Ende Gelände im Portemonnaie, egal wie da noch an einigen Stellschrauben gedreht wird. Spätestens bei den ersten Frösten, wenn die Energieabschläge schwarz auf weiß für die neue Heizperiode in den Briefkasten geflattert sind und die Inflation weiter hartnäckig zweistellig bleibt, wird die Stimmung bei den Volksgenossen schnell, nachhaltig und explosiv kippen.
Und die Stimmung in Sachen „Ukraine“ wird sich drehen wie ein Wetterhahn im Winde. Frieren und Hungern für die slawischen Brüder und Schwestern im Osten? Bei der Ostorientierung der Deutschen in den zurückliegenden Jahrzehnten hab ich da so meine Zweifel. Der Krieg könnte schneller in einen Waffenstillstand zumindest übergehen als bisher gedacht, wenn die USA und Deutschland den Ukrainern klarmachen, dass auf Grund der Stimmung an der hiesigen Heimatfront die Unterstützung in Sachen Kohle und Waffen ausläuft und Verhandlungsfrieden das Gebot der Stunde wird. Da bin ich mal auf die ersten friedensbewegten Zwischentöne aus Berlin, Washington und Kiew gespannt. Ein Paradigmenwechsel in der Praxis muss ja erstmal verbal und mental vorbereitet werden.
Ich würde das begrüßen. Krieg kommt für mich nach der ultima ratio. Sterben für das Vaterland? Nicht so meins. Und auch aus anderen egoistischen Motiven bin ich eher für Frieden. Urlaub am Dümmer? Dann eher Schlittschuhlaufen in der Hölle. Es ist nun mal so: Der brave Mann denkt an sich, selbst zuletzt.

04.11.2022 – Drogen, Alkohol und Religion


Am Meer.
Transzendenz ist Erfahrung jenseits dessen, was wir verbalisieren können. Über Transzendenz können wir nach Wittgenstein nicht reden, der, obwohl rasiermesserscharfer Sprachlogiker, der Transzendenz nicht abgeneigt war. Wenn uns bei der Musik von Mozart Tränen kommen, wir auf einem Trip Zeit und Raum verändert wahrnehmen, in euphorischen Phasen individueller Geschlechterliebe auf Wolken schweben zu scheinen oder am Meer liegend unsere Brust sich weitet, mit einem anderem Stoff, Glück, als Luft, so sind das transzendentale Erfahrungen, an deren Bestimmung, Entstehung, Form und Verlauf unsere Sprache notwendigerweise scheitert. Transzendente Erfahrungen sind notwendig, ohne sie nimmt der Mensch Schaden an seiner Seele. Drogen, Alkohol, Religion sind nichts weiter als die materialisierte Sehnsucht des Menschen nach Transzendenz. Marx hatte mit seinem Diktum recht: Marihuana ist Opium für das Volk.
Nicht wenige suchen transzendentale Erlösung in der Religion, im Glauben an Götter, an metaphysische Elemente. Was individuell sicher nicht verwerflich ist, aber in seiner organisierten Form von religiösen Gemeinschaften, Amtskirchen etc. zum Demokratie gefährdenden Schwachsinn wird. Eine Münze kleiner geht es leider nicht und damit kommen wir zur gesellschaftlichen Anwendung des Obigen.
Überall auf der Welt verschwindet Demokratie und das Neue nimmt langsam Konturen an. Vollständige Demokratien gibt es gerade noch 20 auf der Welt, von 152 Staaten.
In panischer Angst schwurbelt das bürgerliche Lager um den Begriff herum, nennt das neu Entstehende Autoritarismus, Fundamentalismus, Nationalismus, religiöser Wahn, anstatt es als das zu benenn was es ist, nämlich beginnender Faschismus. Das Bürgertum kommt mir vor wie ein Kleinkind, das glaubt, mit dem Verschweigen vom Namen des Alptraums verschwindet jener aus seiner Realität. Tut er aber nicht, im Gegenteil, was schlecht verschwiegen wird, taucht umso übler hinterrücks wieder auf. Die Namen und Staaten sind bekannt: Formale Demokratien wie Russland, USA, Brasilien, Türkei, fast der ganze Osten der EU, und jetzt auch noch Israel, ausgerechnet Israel. Mit einer Regierung, in der Pistolen schwingende Rassisten und Faschisten Polizeiminister werden wollen.
Ihnen allen gemein ist der Rückgriff auf die Metaphysik. Ob Gott, Jahwe, Allah, sie alle führen den Namen eines Gottes im Mund. Für Gott, Familie, Vaterland, Ehre. Mit Hass gegen linksgrünversiffte Genderdiktatur, Flüchtlinge, Buntes, Nachbarstaaten.
Das rührt die Menschen offensichtlich im Inneren mehr an als guten Argumente und Logiken von uns Gutmenschen.
Wenn Sie wissen wollen, wo der Unterschied zwischen Rechtspopulismus und Linkspopulismus ist, schauen Sie, welche Rolle das Individuum bei Beiden spielt. Rechtspopulisten wollen immer maximale Verfügungsgewalt über den Körper der Frau, als willfährige Reproduktionsmaschine für die Krieger an der Front. Auf Abtreibung steht bei ihnen der Tod, im wörtlichen Sinn. Ein Linkspopulist wird niemals gegen Abtreibung sein
Fazit dessen, was mir selber erst nur in Konturen klar wird: Eine rein ökonomisch verkürzte Erklärung der aktuellen Krisenentwicklung greift zu kurz, a la : Je weniger Geld im Beutel, desto mehr Krise und nachfolgend Faschismus. Das mündet in Vulgärmarxismus.
Epilog: Die wissenschaftliche Reflexion über die Transzendenz übrigens ist die Metaphysik, eine filosofische Disziplin, die sich mit den letzten Fragen beschäftigt: Warum existiert die Welt? Gibt es einen Gott? Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt? Die Metaphysik ist also so nützlich und notwendig wie ein Pickel am Arsch. Entscheidend ist die Frage, wie können wir die Welt verändern, zu einem besseren Ort machen.

03.11.2022 – Baumärkte, Darmspiegelungen und Gewerkschaften


Streik der IG Metall beim Baumaschinenproduzent Hanomag-Komatsu, 01.11.2022
Der Besuch eines Baumarktes kommt in meinem Beliebtheitsranking noch hinter einer Darmspiegelung. Wenn ich nur diese schwieligen Männerhände da sehe, die gestapelte Spanplatten und Betonmischer zärtlicher streicheln als jedes menschliche Wesen in ihrem Leben, weiß ich: Die Zivilisation ist dem Untergang geweiht. Das Blaumanngekleidete Grauen. Baumarktbesucher, Fußballfans und Kirchgänger belegen in meinem Personengruppenbeliebtheitsranking letzte Plätze. Aus solchen Schichten, die teilkongruent sind, wird der Mörtel gerührt, der das Fundament unserer Gesellschaft bildet und entsprechend sieht sie ja auch aus.
Meine Laune war ergo nach einem notwendigen Besuch in diesem Vorhof der Hölle nahe dem Gefrierpunkt. Hellte sich im Verlassen dieses locus horribilis aber jählings auf, als von Nahem quäkendes Lautsprecher-Popgeplärre und Trötenlärm scholl. Das Leben findet auf der Straße statt und nicht zwischen Buchdeckeln oder in Baumärkten, ergo lenkte ich den Weg meines Pedalo-Zossen sofort dort hin. Warnstreik der IG Metall. Siehe oben.
Ich bin schon so lange IG Metall Mitglied, dass meine Ehrennadel für 100 Jahre Mitgliedschaft Staub angesetzt hat. Als ehemaliger Betriebsrat, Delegierter, Bildungsreferent und feuriger 1. Mai-Agitator kenne ich den Laden in- und auswendig. Die IGM gleicht, jenseits der Inhalte, aus organisationssoziologischer Sicht der katholischen Kirche: Veränderungen sind ihr natürlicher Feind, der interne Umgang mit Kritikern, gar Häretikern, ist stalinistisch, Schuld sind immer die anderen und eigentlich sind beide die Steigerung von Baumärkten. Einziger Lichtblick: Es gibt in der IGM nicht so viele Kinderficker wie in der katholischen Kirche. Hoffe ich jedenfalls.
Um da bei der Stange (!) zu bleiben, bedarf es einer gehörigen Portion Abstraktion und soziologischer Phantasie darüber, wie unsere Gesellschaft ohne Gewerkschaften aussehen würde. Nämlich noch beschissener als eh schon. Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall z. B. ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde unter heftigen Entbehrungen bei den Streikenden in den 50ern in einem monatelangen Erzwingungsstreik erkämpft. Der Einstieg in die 35-Stunden-Woche, den ich persönlich noch mit erstreikt habe, war überhaupt die Voraussetzung mit dafür, dass das Verhältnis von Arbeitszeit und Lebensqualität ein Thema wurde, das dann in dem notorischen Work-Life-Balance Gequatsche von Heute mündete. Die Liste, wie unsere Gesellschaft ohne Gewerkschaften aussehen würde, ist ellenlang.
Seit Anfang der 90er, dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Sieg des Neoliberalismus, sind Bedeutung, Einfluss und Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in freiem Fall, die Mitgliederzahlen wurden mehr als halbiert. Ohne deren regulatorischen Gestaltung haben wir hierzulande einen der größten Niedriglohnsektoren in der EU, die Armut ist um 50 Prozent gestiegen und das Kapital macht, was es will. Ich halte es also bei aller berechtigten Kritik an dieser Blaumann-Baumarkt-Truppe für betriebsblind, geschichts- und Interessenvergessen und reaktionär, nicht Mitglied einer Gewerkschaft zu sein.
Die Tendenz bei denen geht allerdings dahin: Der Letzte macht das Licht aus. Es naht der finale Zapfenstreich. Und so musste ich, als ich mich warmen Herzens und nunmehr bester Laune unter die Streikenden mischte, laut und herzhalft lachen, als ein begnadeter Selbstironiker aus den knatternden Lautsprecherboxen die mit einer Milliarde Aufrufen meistgedudelte Hymne aller Pophymnen donnern ließ: The Final Countdown.
Was also, liebe Gemeinde, will uns die heutige Predigt sagen? Auch im Untergang wird alles gut. Zumindest zum Lachen.

31.10.22 – Einfach mal belanglos und heiter.


Eine Woche Rhodos Anfang November 91.383 Euro. Screenshot von weg.de.
Vergleichsweise günstig kommt da noch Kreta daher mit 27.705,20 Euro.
Die Preise werden durch den allmächtigen und in dem Falle eher nicht nebulösen Algorithmus festgelegt, bei dem es hier im Wesentlichen um Angebot und Nachfrage in Relation zum erwarteten Gewinn gehen dürfte. Keine Quantenphysikähnliche Wissenschaft also. Die Unterkünfte sind eher mittelklassig. Nebensaison. Wie also zum Teufel kommt dieser Preis zustande? Weiß der allmächtige Algorithmus, gelobt und gepriesen sei sein Name, doch mehr als ich, als Sie? Ist da ein nahe bevorstehender Atomschlag schon eingepreist? Oder anhand meiner ip-Adresse meine eher inferiore Adresse, so dass man mich mangels unterstellter Zahlungsunfähigkeit und/oder mangelnder Konsumbereitschaft gar nicht erst als potentiellen Bucher haben will?
Wir haben hierzulande im Oktober Hochsommer und ich brauchte nach der Rückkehr aus Korfu, wo fast durchgängig sonnige 25 Grad herrschten, meine Kleidungsgewohnheiten nicht umzustellen. Aber auch wenn das Wetter langsam völlig aus den Fugen gerät und wir vielleicht durchgängig bis Dezember frühlingshafte Zustände haben, es wird auch heuer winters wieder Tage geben, an denen Dunkelheit herrscht, Nieselregen, der Himmel so tief, die Temperaturen so brrrr und die Stimmung nahe Antidepressiva, ergo der innige Wunsch nach Abhauen erwacht. Und so hatte ich schon mal vorsorglich das Terrain sondiert, mit solch skurrilen Ergebnissen wie oben. Immerhin hat mich das zum Nachdenken gebracht, auch nicht schlecht.
Bis in den November sind es auf Korfu an die 25 Grad, Wasser über 20, sonnig, allerdings sind da alle Strände hochgeklappt, sprich: Die Saison ist Ende Oktober vorbei. Keine Direktflüge, keine Unterkünfte, Restaurants und Läden zu, bis auf das Angebot für Locals. Es kämen keine Leute.
Da beißt sich die betriebswirtschaftliche Katze in den Schwanz. Wenn keine Angebote da sind, fragen die Leute ja auch nicht nach. Und ich bin bestimmt nicht der Einzige, der die milden Temperaturen im November da schätzen würde, die einsamen Strände und die Ruhe und Beschaulichkeit einer von touristischen Anmutungen weitgehend befreiten Szenerie.
Aber dem Griechen, anders als dem Spanier, scheint das Wumpe zu sein. Auch wenn die soziale Absicherung bei saisonal bedingter Arbeitslosigkeit da wie das gesamte soziale Netz eher spärlich ist, als Folge von Schäubles brutaler Austeritätspolitik nach Finanz- und EU-Krise, herrschte bei den Locals in den letzten Tagen vor Saisonende eine durchgängig heitere, frohe Stimmung in Erwartung des Endes der Saison.
Ist ja auch ok so, dass sich nicht alle Welt den Bedürfnissen einer Erholungs- und Spaßsüchtigen Reiseklientel aus Mittel- und Nordeuropa unterordnet. Ich kann ja immer noch mit Zelt auf dem Rücken trampen. Wie damals, sweet hitch hiker. Das machen zwar wohl nur noch Verrückte und entlaufene Strafgefangene. Aber wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln, Inflation, Rezession, Krisen. Den Urlaub lässt sich der Deutsche als Letztes nehmen. Und vielleicht sehen wir sie bald wieder massenhaft an Autobahnauffahrten und auf Raststätten, die sweet hitch hikers.
Heute im Blog einfach mal nur belanglos und heiter. Die böse Politik verfinstert uns noch früh genug wieder das Gemüt.