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25.01.2020 – Fridays for Nazis


Fridays gegen Altersarmut, gestern in der hiesigen City, logisch, war ja auch Freitag. Mit aktiver Unterstützung örtlicher Nazis. Wenn Nazis die soziale Frage für sich entdecken, dann gute Nacht, Marie & deutscher Michel. Gruselig. Da heißt es, rechtzeitig auf gepackten Koffern zu sitzen.
Was sich dramatischer anhört als es ist. Es geht dabei nicht um einen Aufruf ins Exil zu gehen, sondern um einen Reiseappell in den Süden. Portwein in der einzigen Strandbar, die noch geöffnet ist, frische Seebriese und der todesmutige Gang in den Atlantik bei gefühlten minus zwei Grad Wassertemperatur, das stärkt die Widerstandskräfte auf allen Ebenen mehr als Fluchtgedanken. In dem Sinne, gute Reise, liebe Leserinnen, aber immer schön Ceozwei beichten. Äh, kompensieren.

24.01.2020 – Botox, Silikon und braune Schafe


Media Night 2019, Schloss Herrenhausen. Wenn das Bild nicht paradigmatisch für die Mensch-Maschine Dialektik steht, welches dann…Einer der Vorzüge meiner Jobs ist die Einladung zu solchen Empfängen mit extrem hohem Botox- und Silikonfaktor. Man erhält Einsichten und Ansichten wie sonst nirgendwo. Wenn Sie so wollen, politische Bildungsarbeit, direkt im Botoxprallen Leben. Und es gibt Fingerfood und Wein für lau, wobei letzterer im Normalfall von inferiorer Qualität ist. Das Foto hab ich aus mehreren Gründen in den Blog gesetzt: Es ist tatsächlich ein gelungener Schnapsschuss, ich möchte es nicht nur auf meiner Festplatte archivieren und ich möchte damit angeben, wo ich überall rumkomme. Wenn ich mir bei solchen Anlässen die erstbeste Gesellschaft da anschaue, kommen mir Zweifel auf: Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit, mich auf sowas einzulassen, Zweifel am Fortbestand zumindest Menschenähnlicher Existenz und an deren Sinn grundsätzlich, und an der Mobilisierungsfähigkeit der sogenannten „Zivilgesellschaft“, wenn der Faschismus noch militanter, radikaler und tiefer in die Mitte der Gesellschaft vordringt. Jeden gut gemeinten bürgerlichen und umso hilfloseren antifaschistischen Appell von der Mitte der Gesellschaft, vorzugsweise in Leidartikeln des jeweiligen Chefredaktörs, an die Mitte der Gesellschaft, jetzt endlich gegen den brauen Spuk zusammenzustehen, den Anfängen zu wehren und ein neues 33 zu vermeiden, nimmt der Faschist als Fanfarenstoß eines Sieges und als Ermutigung wahr, noch brutaler vorzugehen. Es passiert ja nichts, es ist alles kraftloses Papier und lyrische Sonntagspredigt.
Wo soll Erkenntnis auch herkommen, ist der Faschismus doch eine Ausgeburt der bürgerlichen Gesellschaft, das braune Schaf der Familie, das man bei Empfängen nicht gerne am Tisch sieht.
Noch. Denn hier herrscht ein so unfassbarer Opportunismus vor im Kern der Zivilgesellschaft, die paktieren mit jedem, und sind die ersten, die bei AfD Minister*innen irgendwann in einer Koalitionsregierung katzbuckeln, wenn es um Fördermittel, Aufträge oder einfach nur Macht und Einfluss geht.
Wo soll der Geist und die Kraft des Widerstandes auch herkommen? Mir fiel neulich der Entwurf eines Kulturentwicklungsplans 2030 der Landeshauptstadt Hannover in die Hände Kulturentwicklungsplan .
Einer der Nachteile meiner Jobs ist, dass ich mitunter lesen muss. Im gesamten Kulturentwicklungsplans 2030 nicht eine einzige Fundstelle zu Armut, sozialen Brennpunkten, Spaltung der Gesellschaft. Und das in einer Stadt, in der ein Viertel aller Familien arm ist. In was für einem Paralleluniversum leben die Schreiberlinge dieses auch einen Tiefpunkt deutscher Sprache darstellenden Flachwerkes?
Die Einladung zu Empfängen wie obigem fasse ich auch als Schmerzensgeld auf.
Für Bestechung ist es viel zu wenig. Fröhliches Wochenende, liebe Leserinnen.

22.01.2020 – Bruno Breitklops und seine Käsegang


Live bei mir im Kiez umme Ecke, im Kulturpalast Hannover.
Die selbstbesoffene Kitschrührseligkeit des alternativen Mittelstandsmilieus in dem Kiez Hannover-Linden (ähnlich wie St. Pauli, Kreuzberg etc., nur in klein und lahm), in dem ich in Hangover lebe, geht mir schon seit Äonen auf den Senkel. Der Horizont dieser Schnarchsäck*innen fängt an der eigenen Biotonne an, riecht auch so vermodert, und hört an der Stadtteilgrenze auf, egal, wie weitgereist zwischen Kapverden und Kapstadt die Trägerinnen dieses Horizontes sich auch geben mögen. Den Flug immer brav kompensiert natürlich. Kompensation ist in der Psychoanalyse ja jenes Verhalten, das die eigene Minderwertigkeit ausgleichen soll. Klappt natürlich nicht, deswegen haben so viele Leute auch ne Meise.
Natürlich ist das Leben hier nicht die reine Hölle auf Erden, ich bin ja dankbar, dass ich nicht in einem Villenviertel psychoelend dahinvegetieren muss. Und solange ich bei einem Abendspaziergang zum Kopf-Durchlüften auf solche Bilder treffe wie jenes oben, will ich nicht weiter klagen. Es hat mich erheitert, zumal Bruno Breitklops und seine Käsegang ein hinreichend schräges Bühnenoutfit besaßen.
Einen autonomen Steinwurf entfernt vom Kulturpalast befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Hautklinik ein schickes Neubauviertel, Wohnen am Wasser in den sogenannten Ihmeauen. Vor ein paar Jahren waren die Wohnungen da noch ein Schnäppchen, bei Quadratmeterpreisen von 2500 Euro. Interessant die Lage des Viertels. Der Stadtteil hier ist dreigeteilt, Linden-Nord ist Szene mit Kneipenremmidemmi, Linden-Mitte gentrifiziert und Eigentum mit Stuck an der Decke, und Linden-Süd, ein sozialer Brennpunkt mit überdurchschnittlich hoher Armutsquote. Dort liegen die Ihmeauen, zusammen mit anderen schicken Wohninseln wie dem Ahrbergviertel, einer ehemaligen Wurstfabrik, strahlen sie in den noch sozialen Brennpunkt aus und werden auch hier eine Verdrängungswelle produzieren.
Es gibt noch einen früher schäbigen Wurmfortsatz des hiesigen Viertels namens Limmer, wo sich das Prekariat zum Bierabpumpen an Kiosken traf. Hier entsteht gerade ein weiteres Neubauviertel „Wohnen am Wasser“, auf dem schadstoffverseuchten ehemaligen Gelände der Reifenkocherei Continental. Hier sind die zu erwerbenden Wohnungen kein klassisches Schnäppchen mehr, sie kosten in der Spitze über 8.000 Euro pro Quadratmeter und das eine oder andere Apartment knackt die Millionengrenze. Es ist ja auch keinem Zahnwalt-Ehepaar zuzumuten, in einem nur 100 qm großen Penthouse dahinzuvegetieren.
Alles noch billig im Vergleich zu Düsseldorf, Frankfurt oder München.
Wobei erstmals seit Jahren in den 7 größten Städte der BRD die Mietpreise bei Neuvermietungen stagnierten. Wann sich das allerdings dämpfend auf die Mietpreise in den Bestandswohnungen, weiß kein Schwein. Ebenso wenig, wann die Spekulationsblase bei Immobilien platzt. Und wann die nächste Rezession voll durchschlägt. Und wie sich der Strukturwandel des Arbeitsmarktes auswirkt. Wann die nächste Finanzkrise kommt. Und der böse Klimawandel erst, wann macht er die norddeutsche Tiefebene zu einer andalusischen Wüste? Sind so viele Fragen, musst Du tüchtig Urlaub machen.
Ich geh dann mal packen.

17.01.2020 – Hüte Dich vor Sturm und Wind und Niedersachsen, die in Rage sind


Treckerdemo Hannover, 17.01.2020.
Ich säuberte heute vormittag meine Veranda, Frühjahrsputz, das Thermometer zeigte in der Sonne nach Süden über 20 Grad. Frühlingserwachen im Januar, eine heitere Triebsamkeit quoll in meinem Inneren hoch und ließ mich, was selten genug vorkommt, zum Wischmob greifen. Da erfüllte ein Hupen und Tröten von Ferne den Äther, die heitere Triebsamkeit steigerte sich in eine fast fiebrige Erregung. Das waren deutlich nicht die Töne des verdammten Fussballmobs. Es war der Sound der Straße, jene nervösen Kakophonien, jenes einzigartige Amalgam von Rock ‘n Roll und Reggae, jene flirrenden wabernden Töne, die nur die Artikulation des politischen Willens vom Mob, oder meinetwegen auch Bürgertum oder Citoyen, ist doch eh eine Grütze, auf der Straße herruft. Ich ließ den Wischmob fallen und rückte aus, dem Treckermob entgegen.

Hunderte von Treckern legten den Verkehr lahm. Ich weiß nicht genau, worum es ging. Irgendwie „Mehr Freiheit für Gülle“, „Hoch die internationale Massentierhaltung“ und „Von der Bahre bis zur Wiege: Pestizide, Pestizide“. So Zeug halt. Mir eher egal. Grundwasserverseuchung stört mich nicht, ich trinke Portwein, und der Dreck, den ich in meiner Straße täglich einatme, macht mich bestimmt resilient. Hoffe ich jedenfalls.
Bemerkenswert fand ich nur, dass mich der Sound der Straße derart in Wallung brachte.
Hier deutet sich das Wesen der Demokratie an: Der Konflikt. Es ist nicht der Konsens, sondern der Konflikt, der unseren Alltag bestimmt. Der Konsens bildet nur die formale Klammer, die den Laden am Laufen hält. Er generiert sich aus dem Konflikt, aus dem Ursprung der Demokratie, und der Konflikt äußert sich fundamental, lebendig und greifbar auf der Straße. Pech nur für die Demokratie, dass das Wesen ihrer Konflikte in zentralen Bereichen ein antagonistisches ist. Die Demokratie als Herrschaftsform des Kapitalismus hat die Funktion, die unauflösbaren Konflikte zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapital und Natur, zwischen Kapital und Mensch zu befrieden. Auflösen, aufheben, versöhnen kann sie die Widersprüche nicht. Und das ist für mich das Leitmotiv, wenn ich den Sound der Straße höre.
Verständlich, dass mich dabei Erregung packt, wenn ich auf meinem Maileingang starre. Ich sitze als NGO Vertreter u. a. im niedersächsischen Bündnis für Bezahlbares Wohnen, wo mich Fanfarengleich mitunter Mails erreichen, die einen Durchbruch an ganzer Front, einen zentrale Sieg im Kampf gegen die Wohnungsnot dergestalt vermelden, dass „ … am 15. Januar 2020 im Niedersächsischen Ministerialblatt neue Ausführungsempfehlungen zu § 47 NBauO (notwendige Einstellplätze) veröffentlicht wurden (s. Anhang). Das Bauministerium hat damit eine wichtige Bündnisempfehlung umgesetzt… Die Richtzahlen¬spanne für Mehrfamilienhäuser sollte von bisher 1 bis 1,5 Einstellplätze je Wohnung auf 0,5 bis 2 Einstellplätze je Wohnung erhöht werden. Diese Empfehlungen wurden nun umgesetzt. Für Studentenwohnheime wurden die Richtzahlen von 1 Einstellplatz je 2-3 Betten auf 1 Einstellplatz je 6 Betten reduziert…“
Herr, es ist vollbracht. Nun kann ich mein müdes Haupt zur Ruhe betten

15.01.2020 – Die Ersten den Tod, die Zweiten die Not, die Dritten das Brot.


Leinwand im Kino. Dokumentarfilm „Gruppe SPUR – Die Maler der Zukunft!“.
Im kleinen Kinosaal war außer mir noch eine Person, was ich als überaus angenehm und angemessen fand, schließlich war die Gruppe Spur die erste Künstler-Avantgarde Gruppe nach dem Krieg, von 1957 – 1965 https://de.wikipedia.org/wiki/SPUR , und Avantgarde ist nun mal die Sache der Wenigen. Die Gruppe Spur legte die kreative Grundierung für die 68er „Revolte“, mit Aktionen, Performances und Manifesten. Aber wie das so ist mit Avantgarde, für sie gilt der Grundsatz von Siedlern und Kolonisatoren: Die Ersten den Tod, die Zweiten die Not, die Dritten das Brot. Die Gruppe geriet in Vergessenheit. Ich kannte sie nur als Mitglied der Situationistischen Internationalen, deren Ideen und Aktionen maßgeblich das Wirken des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 beeinflusst haben, wie sonst nur Walter Benjamin und Donald Duck. Der Film löste in mir mehreres aus, was ein Idealfall von guter Kunst ist: den Wunsch, ein besserer Mensch zu werden (Katharsiseffekt von Kunst), in dem Sinne, dass ich mir stante pede schwor, wieder aktiver zu werden in Sachen Aktion, Performance und Intervention, jenseits meiner Brotberufe. Ich war emotional angerührt, mit Freude, Begeisterung, Mitfühlen. Und schaltete während des Filmes kognitive Querprozesse in Gang, wen gab es da noch, wie war die Situation in der BRD grundsätzlich damals, was war das Revolutionäre an der Gruppe, was ist das Futter daraus für heutige Kulturproduktion.
Ein excellenter Film, den Kauf der DVD kann ich nur empfehlen.
Das Erleben des Films war in dieser Form aber nur im Kino möglich. Nur der Raum des Kinos verschafft Emotionen jenseits des Filmerlebens auf dem heimischen Sofa,

das fängt beim Ritual des Kartenkaufs und Knabberkrams an der Kasse an, geht über das anregende Vorspiels der Werbung in den warmen, weichen Sesseln über den flimmernden Lichtstrahl des Projektors, wenn es sowas noch hat, bis zum Erleben der anderen Sound- und Bilddimension und hört beim wohligen Ausklingen des Abspanns noch nicht auf. Und alles kollektiv, aufgehoben im Gleichstrom der Anderen. Worauf ich allerdings verzichten kann, mir war die zweite Person neulich schon zuviel.
Außerdem ist durch die Materialität des Films eine immer seltener gewordene Linearität des Erlebens gegeben. Normal ist die Konsumsituation von Bildern ja heute virtuell und digital-nichtlinear, das heißt, jedes Bild ist jederzeit an jedem Ort auf jedem Träger (=Smartphon) abrufbar. Im Kino sind wir noch mit der Triebaufschubreligion des Kapitalismus konfrontiert, die ja nur so wirksam funktioniert, wenn dann später (Elternsound der Nachkriegsgeneration „Später, das ist noch nichts für Dich, für Kinder, das kannst Du später mal machen und dann verstehst Du das auch“) tatsächlich auch ab und zu irgendwann Triebabfuhr erfolgt, sprich, endlich kommt der und der Film in mein Kino. Das ist ja fast wie beim Urlaub.
Nur die Kunstform Film ist so an einen spezifischen, konkreten Raum wie das Kino gebunden. Theater, Bildende Kunst, Musik haben zwar ideale technische Reproduktionsforen in den Musentempeln des Bildungsbürgertums, finden aber ihre edelste Entfaltung in den Schuppen des off-mainstreams oder gar auf meinem Lieblingskampfplatz: Der Straße. Die Literatur ist mittels (E-) Buch überall zu Hause. Nur der Film braucht zwingend seinen Raum.
Bittere Randnotiz zur Gruppe Spur: Am bekanntesten wurde ihr kurzfristiges Mitglied, der notorisch linksradikale Antisemit Dieter Kunzelmann. Heimrad Prem hat 1978 Selbstmord begangen, Helmut Sturm, Hans-Peter Zimmer und Lothar Fischer sind auch alle tot und die kennt keine Sau. Mich auch nicht. Ich bin lediglich regional teilbekannt, wie mir ein hiesiger Künstler mal hinterherwarf. Der Spruch steht auf der Liste der 100 Favoriten für meine Grabinschrift:
Er war regional teilbekannt.

12.01.2020 – Prozyklisch und antizyklisch


Lenzrose. Frisch erblüht im Winter. Antizyklisches Verhalten der Natur.
Der Begriff des „Antizyklischen“ spielt in der Nationalökonomie eine Rolle (bei mir auch, aber nicht ökonomisch). Staatliche Ausgaben zu senken in einer sich anbahnenden Wirtschaftskrise ist prozyklisch und verschärft die Krise nur. Antizyklisch und wirksamer wäre es, Ausgaben zu erhöhen, für Konjunkturprogramme zum Beispiel, Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit etc., das sorgt für Beschäftigung und Wirtschaftswachstum. Prozyklisch hat sich Reichskanzler Brüning in der Wirtschaftskrise der 30er verhalten. Das endete im Faschismus.
Im Privatbereich wäre prozyklisches Verhalten zum Beispiel sich tätowieren zu lassen, oder sich einen SUV zu kaufen. Machen ja alle. Nach vorherrschendem Verhalten liegt offensichtlich der höchste Grad der Individualität im widerspruchsfreien Aufgehen in der Masse.
Antizyklisches Verhalten wäre zum Beispiel sich in einer Gewerkschaft zu organisieren und engagieren. Macht keiner mehr. Die „Jugend“ läuft eher zu „Friday für Future“. Das wird sich aber auch bald erledigen. Beachten Sie bitte nicht das Geschnatter in den Feuilletons, sondern die ständig steigenden Umsatzzahlen der SUVs und die Zuwachsraten der Flüge. Wenn Jugendliche die unsichtbare Decke der „30“ erreichen, werden die alle vernünftig. Dann gründen sie Fammilljen, kaufen SUVs, fliegen zweimal pro Jahr auf die Malediven und forcieren die Klimakatastrophe mit dem schlimmsten aller Übel: Sie ziehen Brut auf. Sie werden normal. Prozyklisch.

DGB Neujahrsempfang 2020, Hannover. Lauter weiße, alte Männer.
Nicht nur mein Job sondern auch meine Neigung bringt es mit sich, dass ich seit Jahrhunderten dort abhänge, obwohl Getränke und Büffet so unterirdisch sind, dass einem jedes Schwein leid tut, das dafür geschlachtet wurde. Der „Vortrag“ sollte „kurzweilig“ sein, laut Ankündigung. Eine Lesung meines Einkaufszettels hätte da mehr Wirkung gezeigt. Gefühlte 105 Prozent der Anwesenden waren weiße alte Männer. Ich fuhr mit dem Rad hin, es war dunkel, kalt und nieselte. Das sind Tage, an denen wird aus Weicheiern Kruppstahl geschmiedet.
Seit Anfang der Neunziger haben sich die Mitgliedszahlen der Gewerkschaften fast halbiert und was schlimmer ist: Die Struktur ist völlig überaltert. Bis zu 40 Prozent sind Rentner*innen.
Bei Nachwachsenden herrscht eine fundamentale Unkenntnis grundlegender Tatsachen unseres gesellschaftlichen Lebens, Beispiel Arbeitsmarkt: Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 30 Tage Urlaub, Lohnsteigerungen, Weihnachtsgeld etc. pp, das alles ist nicht vom Himmel gefallen. Es steht auch nirgendwo in einem Gesetz (Urlaubsanspruch laut Gesetz beträgt 18 Tage). Das wurde von Gewerkschaften in teils monatelangen Streiks erkämpft.
Da werden sich viele noch wundern, wenn in den nächsten Krisen viele soziale Fortschritte wieder eingesammelt werden. So was fällt eben nicht wie Manna vom Himmel.
In Hannover findet zurzeit ein Muster an Arbeitskampf statt, bei der Gildebrauerei. Um den Streikenden für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit das Genick zu brechen, hat der Arbeitgeber Gilde in vier Einzelfirmen aufgespalten, um so die Existenz von Betriebsräten auszuhebeln. Dieses Vorgehen wird bundesweit beobachtet und wenn der Streik gebrochen wird, werden die Arbeitgeber ihre Schlüsse daraus ziehen…
Was mich persönlich mit Ennui erfüllt, wenn die ganze Herde prozyklisch immer nur in die gleiche Richtung trottet: Es ist so unoriginell.
Grundlage von authentischer Individualität und Originalität ist antizyklisches Verhalten.
Der Rest ist Mainstream, von Helen Fischer bis Bruce Springsteen.

10.01.2020 – Globuli und Hostien


Plakat 2010, Auftritt raum 2, Neu Tramm 3. Ein Auftritt mit dem Freund & Kollegen Sievers, dessen Zeitgeisterbahn Sie unbedingt betreten sollten.
Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ist seit 10 Jahren publik und getan hat sich nichts, außer dass man (natürlich man) den dümmsten Trottel der Bischofskompanie zum Missbrauchsbeauftragten gemacht hat, also einen aus der Herde der Böcke zum Gärtner. Dass die Opfer mit jedem Tag, der ins nicht gelobte Land geht, weiter verhöhnt und gedemütigt werden, liegt im System begründet und ist ein ebensolcher Skandal wie die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft da nicht mit dem Knüppel zwischenhaut, die gesamten kirchlichen Archive beschlagnahmt und sofort Ermittlungsverfahren gegen alle Verdächtigen einleitet. Kein Wunder, rutschen doch nach wie vor zahlreiche Entscheidungsträger in Staat und Gesellschaft sonntags auf den sakralen Knien rum, pflegen den Götzendienst und Kumpanei mit kirchlichen Entscheidungsträgern. Die Elitenkrähen hacken sich nur ungern gegenseitig jene rechten Augen aus, auf denen sie schon immer blind waren. Eine feine Gesellschaft.
Von meinem Zorn des Gerechten über die hier beschriebenen Zustände nehme ich die kirchlichen Wohlfahrtsverbände zum Teil aus. Ohne sie würde die Integration der Flüchtlinge nicht funktionieren und überhaupt der verbliebene Rest an sozialer Fürsorge im Staate nicht. Natürlich sind auch sie Profiteure der Wohlfahrtsindustrie und deutliche kritische Töne sind eher nur mal aus dem Umfeld evangelischer Kirchentage oder katholischer Arbeitnehmerschaft zu hören, wo mitunter sogar klassenkämpferische Töne wider den Stachel löken …
Aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten sind die kirchlichen Verbände eher Teil von Lösungen und nicht des Problems. Und im Zweifel auch mit angenehmeren Personen besetzt als manche Parteien. Der Rest des klerikalen Systems aber soll meinethalben zur Hölle fahren und dortselbst 400.000 Jahre im ewigen Feuer schmoren, Sous-vide natürlich, auf solche Feinheiten lege ich als Connaisseur Wert.
Das Plakat oben klebt seit 10 Jahren bei mir im Hausflur über dem Mitteilungsbrett, auf dem früher revolutionäre Botschaften vermeldet wurden, heute aber eher Müllabfuhrtermine. Wahnsinn, wie lange das Gaffatape hält. Achtlos tapse ich täglich daran vorbei. Die aktuelle Diskussion um den Missbrauch hat mich wieder daran erinnert, dass auch ich eher Teil der Lösung bin, mit den bescheidenen Waffen des Satirikers. Beachten Sie bitte den Lichtreflex des Fokusstrahls vom Smartphone, den ich künstlerisch so auf die Hand des Oberreaktionärs Ratzinger gelenkt habe, dass er den Anschein einer Hostie erweckt. Damit Sie, liebe Leserinnen, mal einen Einblick in die Werkstatt des Meisters (damit meine ich mich!) erhalten.
Für die hoffentlich immer zahlreicher werdenden Heidinnen unter Ihnen: Hostien sind der materielle Träger des schwer verkifften Unsinns der Transsubstantiation. Wer diesem Aberglauben frönt, die glaubt auch an die Wirkweise von Globuli. Und damit tut sich das weite Feld der Gegenaufklärung auf. Globuli sind die Hostien des postmodernen Volltrottels.
Amen. Der Herr (damit meine ich mich!) hat gesprochen. Wir singen das Lied Nr. 68 aus dem Gesangsbuch: „I‘m on the Highway to hell.“

05.01.2020 – Ich steigerte also das Nichts in neue Größen


Nichts, verschiedene Größen.
Zu behaupten, ich hätte zwischen den Jahren Nichts gemacht, wäre mein persönlicher Euphemismus des Jahrzehnts, meinen Zustand mit Faulheit zu beschreiben eine freche Untertreibung und meinen Aktionsradius mit „gleich oder kleiner Null“ zu definieren, eine mathematische Falschaussage, er bewegte sich weit unterhalb dessen. Einzige nennenswerte Aktivität, die ich an den Tag legte, war Stoffwechsel und selbst den hätte ich eingestellt, wenn das noch ein paar Tage länger gedauert hätte. Mir war durchaus angenehm dabei, die Arbeit ward getan und sie ward gut getan, kein Termin drängte, oder dräute gar am Gefühlshorizont. Das Jahr war überaus gelungen in jeder Beziehung und nicht eine Sekunde hatte mich in faden Momenten das nagende Gefühl befallen, dass draußen an mir das Leben vorbeirauschen würde und meine Zukunft vom Horror vacui einer ungelebten Existenz gepeinigt würde. Alles war bunt gewesen, wie eine Wundertüte.
Da wird ja man wohl mal einen Gang zurückschalten dürfen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, sondern die Tugend des Revolutionärs vor dem Sturm auf die Barrikaden. Ich steigerte also das Nichts in neue Größen und fühlte mich wohl, es stand mir zu und ich stand dazu.
Siehe aber, am siebten Tag geschah es, dass ich ein Glas köstlichen selbstgemachten Johannisbärgelee aus dem Keller holen musste und eine freudige Erregung in mir registrierte.
Ich spürte dem in mir nach. Und es handelte sich unleugbar um das fröhliche Gefühl, das sich einstellt, wenn man etwas sinnvolles vollbringt. Da hatte er mich also wieder, der Sinn, ein dubioser Cocktail aus Effizienz, Arbeit und Nützlichkeit. Wäre das hier kein Blog sondern ein Vlog, würde ich diese Szene mit dem Intro „Sonnenaufgang“ von Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ unterlegen.
Der Wert einer Handlung oder Nicht-Handlung bemisst sich in unserer Gesellschaft nach ihrer Nützlichkeit. Damit sind wir wieder mitten im Kapitalismus, mehr zu dessen Filosofie hier: Utilitarismus.
Ich habe Zeit meines Lebens ein gesundes Misstrauen gegenüber Erwerbsarbeit gehegt. Sie ist ein notwendiges Übel, wenn man sich bestimmte Dinge leisten will, und nur in sehr seltenen Fällen (ca. 5 – 10 Prozent) vermittelt sie das Gefühl von Sinn. Nicht sie ist Wesenskern des Kapitalismus, sondern der Profit. Das mit der Erwerbsarbeit wird uns nur von Kindsbeinen an eingebimst, damit das mit dem Profit funktioniert. Die Marxsche Mehrwerttheorie bringt der Volksmund auf den Punkt:
Die Dummen leben von der Arbeit und die Schlauen von den Dummen.
Aber selbst ich, der ich eine gesunde Abneigung von Kindesbeinen an gegen Nützlichkeit, Effizienz, Arbeit habe (die theoretische Grundierung kam später erst mit dem überaus sympathischen Schwiegersohn von Marx, Paul Lafargue, in mein Hirn) , bin derart mit dieser Ideologie vollgesogen, hinter meinem Rücken quasi, dass ich nach 7 Tagen schon nach Sinn lechze.
Jetzt suche ich nach Un-Sinn. Aber das muss möglichst effizient funktionieren.

04.01.2020 – 2020 ff.


Ohne Worte. Was schon zwei Wörter sind.
Ich habe den Eindruck, dass bei den Prognosen über das neue Jahrzehnt ein Unterton von Pfeifen im Walde mitschwingt.
Alle Prognosen sind vom Ende her gesehen Asche, Vanitas.
Eine gepflegte Pandemie kann alle Prognosen über den Haufen werfen. Ein mutiertes Vogelgrippe-Virus, das die Mortalitätsrate des unbehandelten HIV-Virus besitzt, würde auch in sozialer Hinsicht unsere Gesellschaften alt aussehen lassen (Die Rate beträgt 100 Prozent über 20 Jahre). Lokale Atomkriege zwischen Indien und Pakistan oder irgendwo anders sind keine Gehirngespinste mehr.
Und wer weiß schon, wie der nächste heiße Scheiß unser Leben verändert. Nach dem Smartphone z. B. ist die Welt eine andere geworden. Außer Trappisten und Amish gibt es keine nennenswerten Gruppen ohne das Ding. Fast jede Deutsche unter 65 nutzt ein Smartphone. Arbeit, Freizeit, Kommunikation auf der Höhe der Zeit ist ohne das Ding nicht machbar. Mir ist das Ding eigentlich schnurz, ich seh es halt wie einen Lichtschalter. Wer liebt schon einen Lichtschalter, aber ohne den wär’s duster. Selbst ökologisch hat das Ding Vorteile, wie das erregte Geschnatter um die Bonpflicht zeigt. Bargeldloses Zahlen mittels Smartphones und die Papierberge fallen weg. Das ist auch auf viele andere Bereiche anwendbar und muss hier nicht erörtert werden, das geschieht seit Jahren in den einschlägigen Organen. Spannend finde ich diesen Prozess dort, wo er Veränderungen im privaten, alltäglichen Bereich hervorruft, jene mikroskopischen Veränderungen, die feine Spuren im Sand des Bewusstseins hinterlassen.
Ich führe zum Beispiel meinen Terminkalender per Papier, darauf passe ich auf wie auf meinen Augapfel. Virtuelles wie Outlook-Kalender ist mir eher Wurst, und Göttin sei Dank gibt es keine Macht der Welt, die mich zu sowas verpflichten könnte.
Hinten in den Kalender klebe ich zum Jahreswechsel immer den aktualisierten Adressteil ein, mit Anschriften und Festnetznummern. Aber wer telefoniert heute noch Festnetz? Wer schreibt noch Briefe? Wozu brauche ich eine Handynummer auf Papier?
Die Arbeit habe ich mir also heuer das erste Mal gespart. Und das war ein komischer, anrührender Moment, ein Moment des Abschieds, des Hinterhersinnens, fast meinte ich, mich beim Papier, beim alten und neuen Kalender, entschuldigen zu müssen.
In der Folge aber bekam Papier für mich auch eine kleine, andere Wertigkeit. Was seltener wird, wird ja auch kostbarer, geschätzter. Das gilt nicht nur für Toilettenpapier ….
Und alles, was mit Papier zusammenhängt, wird einer anderen Reflexion unterzogen. Handschrift zum Beispiel, und Schreibmaterial, wie Füller. Das sind auf einmal Wertgegenstände. Noch diese Woche eile ich in die wenig geschätzte City und kaufe mir einen guten Füller.
Oder bestelle ihn gleich per Smartphone.

02.01.2020 – Ich bin von lauter Flaschen umgeben – Teil 2


Eau de Toilette Probefläschchen von Fragonard. Seit einem Besuch der Fragonard-Produktionsstätte in Grasse schätze ich deren Düfte, sie sind dezent, natürlich und konzentriert. Nicht so eine Massenware wie Armani oder ähnliches Prollzeug.
Sinne lassen nach, sind unterschiedlich ausgeprägt, mein Geruchssinn z. B. ist nicht der Beste. Was im Sommer da, wo sich ungewaschene Menschenklumpen bilden, ein Segen ist, bei einer Weinprobe allerdings ein Nachteil. Sinnlichkeit lässt sich aber schulen, kann geübt werden. Und so unterwerfe ich mich ab und zu einer Blindverduftung, was das Parfüm-Gegenstück zu einer Wein-Blindverkostung ist. Wenn Sie, liebe Freundinnen der guten Gerüche, diesen Begriff noch nie gehört haben, ist das kein Grund zum Googeln, ich hab ihn gerade erfunden.
Dabei werden die Gerüche einem Wohlgefallens-Ranking unterworfen, entsprechend nummeriert, und das Procedere ein paar Wochen später wiederholt, natürlich doppelblind. Beruhigend, wenn dann die gleiche Reihenfolge rauskommt.
Schulung der Sinne, ästhetische Bildung, das Lernen von Unterschieden in Geschmack, Geruch, fremden Kulturen, ist auch politische Bildung, das kann gar nicht oft genug betont werden. Sie bildet eine Grundlage für ein Wesensmerkmal des aufgeklärten Kosmopoliten: Die Wahrnehmung und Wertschätzung von Differenz. Jeder Mensch ist in seiner Gleichheit anders. Wer das kapiert, kann kein Nazi werden. Reisen, Weinproben und Blindverduftungen sind also im weitesten Sinn Akte der Aufklärung.
Das hilft auch im neujährlichen Alltag. In Hannover an der nächsten Messstation bei mir umme Ecke war 24 Stunden nach dem Feuerwerk noch eine Feinstaubbelastung von 218 µg/m3 . Der Luftqualitätsindex hört mit der schlechtesten Bewertung 6 für sehr schlecht mit dem Grenzwert > 100 µg/m3 auf, darüber wird nicht weiter differenziert. (Es geht natürlich immer um Jahresmittelwerte für eine valide Bewertung, aber die Existenz von Maxima lässt zumindest Rückschlüsse auf die Mittelwerte und Gefährdungsschwellen zu). In meiner Straße steht keine Luftmessstation, sie ist die dreckigste und lauteste des Universums, für ihre Messstationen müssten vermutlich andere Skalen mit neuen Zehnerpotenzen eingeführt werden. Beruhigend allerdings die Tatsache, dass es woanders schlimmer geht. In meiner Berliner Homebase von 2018, der Yorkstrasse, bretterten täglich doppelt so viele Autos durch. Wir sehen also: Reisen erweitert den Horizont. Und beruhigt. (Wobei die Yorkstrasse viermal so breit ist und auf dem Mittelstreifen hohe Bäume stehen. Seufz.)
Ich mach jetzt Schluss, muss Wohnung lüften…
Heiteres Restjahr, liebe Leserinnen.