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21.04.2019 – Wir werden alles anzünden, was nicht niet- und nagelfest ist



Die famoseste Ansammlung von Kasperköpfen in der Post-68er Zeit war sicherlich die KPD-ML, ein irrsinniger Haufen von Wichtigtuern, die ausschließlich damit beschäftigt waren, Abweichler von der wahren Linie zu bekämpfen und sich permanent zu spalten.
Gegen die KPD-ML ist die Monty-Python-Nummer über die judäische Volksfront ein Witz (allerdings ein guter).
Aber irgendwie bin ich fast stolz darauf, dass dieses Dokument der Weltgeschichte (irgendwann vor 1974 entstanden) seinen Ursprung in meinem Nachbarhaus fand, 2. Etg., links (!). Und schmunzeln muss ich über die zentrale Rolle der Arbeiterklasse in dem Flugi.
Über ein paar Strategen aus dem Umfeld dieser Kaspertruppe, mit denen ich leider auch ab und zu politisch zu tun hatte, schrieb nämlich irgendwann ein von deren völliger Unfähigkeit zu konstruktiver Arbeit zu Recht total Abgenervter im Internet :
„ … ihre einzige nennenswerte Leistung besteht darin, Zeit ihres Lebens geregelter Arbeit aus dem Weg zu gehen …“.

Auf die KPD-ML stieß ich, als ich recherchierte, wie viele 1. Mai Demos es denn heuer in Berlin gibt. Es sind mehr als 20. Das übertrifft meine Erwartungen bei weitem und ich bräuchte einen Hubschrauber, um alle auch nur einmal anzugucken.
Ich hatte, glaube ich, „1. Mai, Berlin, Mao“ gegoogelt. Nun ist es keineswegs so, dass diese Satire-Inszenierung der vormaligen KPD-ML mit den 70ern überwunden wäre. Mao bewahre. In Berlin gibt es eine Maoistentruppe namens „Jugendwiderstand“, die militant gegen andersdenkende Linke vorgeht. Überflüssig zu erwähnen, dass das gewaltbereite Antisemiten sind. Chef ist übrigens ein Kindergärtner.
Bis dato habe ich den Begriff „rotlackierte Faschisten“, den die SPD in der Weimarer Zeit gegen die Kommunisten benutzte, für einen semantischen (und politischen!) Fehlgriff der übelsten Kategorie gehalten, weil er eine Einheitsfront gegen die Nazis verhinderte. Auf diese Maoistentruppe allerdings passt er. Und so muss ich in hohem Alter noch erleben, dass ich dem Staatschutz mal die Daumen drücke. Nämlich bei seinen Ermittlungen gegen den Jugendwiderstand.
Ein bisschen übersichtlicher ist es nach meiner 1. Mai Recherche schon geworden. Auf das Myfest darf ich wohl nicht, weil da „abertausende Touris und Druffis zappeln und die Demo dadurch als eine Werbeeinlage für das supercoole Berlin erscheint, in dem es eben auch Demos gibt.“
Das sagen Organisator*innen der revolutionären 1. Mai Demo, die in Fuckhain startet. Wo ich schon seit Jahren nicht mehr abhänge, weil das eine einzige Partymeile für die Jugend dieser Welt geworden ist. Immerhin haben die Kids vom revolutionären 1. Mai die medialen Gesetze gut verstanden, denn, Zitat:
„… Schreib „Wir werden alles anzünden, was nicht niet- und nagelfest ist“ in die Überschrift, dann lesen das dreimal so viele Leute, wie wenn du “Wir wollen Kiezkommunen aufbauen und die Menschen gegen Verdrängung organisieren” schreibst….“
Die Kids werden ihren Weg machen, so wie der um 74 – siehe oben – Steine werfende Ex-Außenminister der Grünen, Joseph Fischer.
Also bisher gesetzt ist bei mir nur der DGB-Bonzen Umzug zum Brandenburger Tor. Aber da ist die After-Show-Party bestimmt langweilig. Egal, ich jedenfalls verspüre endlich mal wieder ein 1.Mai-Vorfreude-Kribbeln. Charmante Rest-Ostern, liebe Leserinnen.

20.04.2019 – Geht doch nach drüben!


Berlin, Bahnhof Friedrichstr. In Berlin laufen so viele Verrückte rum, da kommt es auf einen mehr oder weniger nicht an? Aus pragmatischen Gründen kann man das so sehen, denn wie soll das verhindert werden? Wegsperren, Zwangsjacke, Sedieren? Aus gesellschaftlichen Gründen stellt sich die Situation etwas anders dar und für Linke durchaus nicht unkompliziert. Dieser Mann auf dem Bild ist ein offensichtlich hochgradig durchgeknallter antisemitischer Verschwörungstheoretiker, was de facto eine Tautologie ist, denn kratzt man an einem Verschwörungstheoretiker kommt mit tödlicher Sicherheit ein Antisemit zum Vorschein. Der Antisemitismus wächst ständig und wird immer brutaler und dreister, bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.
Immer vorweg natürlich unsere „linken“ antisemitischen Genossinnen, denen das ständige Wedeln mit dem Palästinenser-Tuch den Durchblick vernebelt hat. Ihnen rufe ich aus tiefstem Herzen eine Phrase aus der Zeit des seligen Helmut Kohl zu, die krakeelenden 68er-Revolutionslaiendarstellerinnen galt und in Richtung ehemalige Ostzone zielte:
Geht doch nach drüben!
In meinem Fall ist damit der Gazastreifen gemeint, wo die hiesigen Palästinenser-Sympathisantinnen gerne mal eine Christopher-Street-Day-Demo organisieren dürfen, wo sie dann erleben können, welche zivilgesellschaftlichen Standards da drüben herrschen. Nämlich gar keine, und erleben würden sie es auch nicht, weil ein derartiges Unterfangen sofort tödlich endete. Dabei könnten die Saudis und ihre Öl-Spießgesellen mit einem Bruchteil ihres Reichtums aus dem Gazastreifen einen Ort des Wohlstandes machen, wo es Arbeit, Bildung, Krankenhäuser für alle gäbe. Und damit auch Frieden mit Israel. Bei der Umsetzung würden ihnen die Israelis gerne helfen, die wissen, wie man Wüsten zum Blühen bringt. Machen die Saudis aber nicht. Warum wohl?
Eher nicht, weil sie selber Zionisten, Juden, CIA, was auch immer, wären, wie unser Verschwörungsspinner in obigem Bild insinuiert. Das Gefährliche an solchen Leuten ist: Kein Mensch weiß, was für eine Zeitbombe in dem Manne – und es sind fast immer Männer – tickt und wann die wie und wo hochgeht. Eine – noch – offene Gesellschaft wie unsere muss das aushalten. Aber, und hier wird es für Linke spannend, wie weit muss sie es aushalten, dass ein großer Teil des hiesigen Antisemitismus migrantischen Hintergrund hat, dass viele dieser militanten, zornigen, jungen Männer aus dominant muslimisch geprägten Kulturkreisen kommen? Also mir ist es scheißegal, welcher Religion jemand angehört, Hautfarbe, Geschlecht etc. pp. besitzt, wer sich hier als Migrant an unsere durch jahrhundertelange Kämpfe erworbene Standards in der Tradition der Aufklärung nicht hält, wer in Sachen Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie gegen das Strafrecht verstößt, dem rufe ich zu:
Geht doch nach drüben.
Oder im Klartext: Ausweisung nach Maßgabe des Rechtstaates. Meine Utopie „Mit-Ausweisung der diesbezüglich auffällig gewordenen biodeutschen Kartoffeln“ lässt sich leider noch nicht realisieren.
Aber da kommt man als Linker schon mal in Schwulitäten.
Und wo bleibt das Positive? Solche Impulse kriegt man am laufenden Meter beim Flanieren durch Berlin, auch wenn sie erstmal Wut erzeugen. Nur sie, in realer, lebendiger Erfahrung, produzieren politische Erkenntnis mit Handlungsfähigkeit. Das ersetzt mir keine Zeitung und kein Buch. Ich lese tatsächlich kaum noch Bücher. Da hat der Altmeister mal wieder Recht gehabt:
Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
und grün des Lebens gold‘ner Baum.

Goldene Bäume, die grün sind? Hat Goethe gekifft?!
Fazit: Berlin geht mitunter mächtig auf den Sack.
Aber was soll’s. Muss ja.

19.04.2019 – Umzug nur noch in der Holzkiste mit den Füßen voran


1. Mai, Faust hoch Demo, Block gegen Verdrängung. Wer sich ein bisschen in subkultureller Semantik auskennt, weiß, dass es bei der hier angekündigten Veranstaltung eher vermummt und rustikal zugeht. Nachdem ich den letzten 1. Mai in Hannover als so deprimierenden Tiefpunkt der jahrelangen negativen Entwicklung der 1. Mai Veranstaltungen erlebt habe, dass ich mir vornahm, den diesjährigen lieber in Berlin zu feiern, besteht also Hoffnung, dass sich was verändert. Die Mietensituation spitzt sich so dramatisch zu, dass sie sich als Kulminations- und Schnittpunkt diverser politischer Strömungen zu entwickeln scheint, radikale linke Formen des Protestes inclusive. Und das ist dringend nötig, denn bisher ist die wachsende Spaltung zwischen Arm und Reich nur trübbraunes Wasser auf die erbärmlichen Mühlen rechter Rattenfänger.
Ich werde trotzdem in Berlin abhängen, die Maigeschichte in Hannover ist für mich auserzählt. Man sollte wissen, wann eine Geschichte zu Ende geht, sonst rennt man wie ein Hamster in der Laufrolle einem imaginären Ziel entgegen, ohne jemals vom Fleck zu kommen. Mich würde allein schon interessieren, was es für 1. Mai Folklore in Berlin gibt, neben dem klassischen DGB-Zug zum Brandenburger Tor, sicher mit einer machtvollen Blablabla-Ansprache irgendeines Gewerkschafts-Vorsitzenden. In Kreuzberg gibt es das Myfest, da treten sich wahrscheinlich die Touris gegenseitig die Hühneraugen platt, auf dem Mariannenplatz ist bestimmt wieder die Avantgarde der autonomen Folklore unterwegs.

Autonome Folklore 1. Mai 2016 in Hannover.
Außerdem gibt es sicher diverse Umzüge irgendwelcher stalinistischen, maoistischen oder sonstigen Spinnersekten und vielleicht noch irgendwas Dadaistisches. Wo ich am liebsten mitmachen würde. Irgendwie passt das mit den ganzen Umzügen auch, denn ich ziehe in Berlin ebenfalls um, von Kreuzberg nach Moabit. Ich hasse Wohnumzüge, und wenn es nach mir geht, mache ich in meiner Original-Homebase nur noch einen, nämlich in einer Holzkiste raus, mit den Füßen voran. Allein dieses Kistenpacken, da krieg ich Pestbeulen, wenn ich nur daran denke. Aber in Berlin flattere ich als „möblierter Herr“ von WG zu WG, da brauch ich immer nur meinen Kulturbeutel (warum heißt der eigentlich nicht Zivilisationsbeutel?) einzupacken, meinen Helm aufzusetzen und mit dem Fahrrad den Kiez zu wechseln. Den Soundtrack dazu liefern Bad Company mit Movin on. „Movin on“ nicht nur im Sinne von Umzügen, Weiterziehen, sondern Veränderung grundsätzlich, ist interessanterweise ein Topos, dass bei schwarzer Musik Soul, Reggae, Funk etc. , selten vorkommt, das ist mehr weißer Shit. Doch das zu ergründen, würde den Raum hier sprengen. Booom.

Black music inna Kreuzberg. Motown Soul, nicht Philly. Wer sich ein bisschen in subkultureller Semantik auskennt, weiß hier Bescheid.
Ich freu mich auf Moabit. Bei mir um die Ecke dort gemahnen mich die mächtigen Wände der legendären Justizvollzugsanstalt daran, die Finger von illegalen Aktivitäten zu lassen. Oder mich zumindest nicht erwischen zu lassen. In Moabit saß übrigens Erich Honecker ein. Zweimal, einmal bei den Nazis 1935, und dann nochmal 1992. Da waren die Nazis aber nicht mehr an der Macht, sondern schon alle tot.
Fast alle.
Fröhliche Ostern, liebe Leserinnen.

18.04.2019 – Notre Dame und die Banlieues


Alle Jahre wieder: Gefüllte Zwerge und Goldene Neger.
Die Garten-Saison ist mitten im Gang. Ich hasse diese primitiven Tätigkeiten wie Baumschnitt, Rasen säen, umgraben. Das befördert den zivilisatorischen Fortschritt kein bisschen, man kriegt einen Hexenschuss und hat man je davon gehört, dass Karl Marx oder Immanuel Kant im Garten gearbeitet hätten?
Gäbe es nicht sowas wie gefüllte Zwerge und goldene Neger, würde ich bei mir einen Kunstrasen ausrollen und Plastikblumen drauf kleben. Die kann man dann im Frühling sauber kärchern und Ende Gelände Gartenarbeit.
Mit einem Kärcher die Banlieues Frankreichs von renitenten Jugendlichen säubern wollte auch schon der vormalige Premierminister Sarkozy, den einen „abgefüllten Zwerg“ zu nennen mir der Anstand, den dieser gallische Trunkenbold nie hatte, verbietet, obwohl der Mann wiederholt brettlbreit in laufende Kameras hineinlallte und kaum über 1,65 groß sein dürfte. Eher noch kleiner war Napoleon, den sich der von mir sonst höchstgeschätzte Deutschlandfunk nicht entblödete, in einem Kommentar als einen Gründungsmythos von Europa zu beschwören. Es ging um den Brand von Notre Dame und welche Bedeutung doch diese Kathedrale für den europäischen Gedanken hätte, vor dem Hintergrund der darin stattgefundenen historischen Momente, wie eben der Kaiserkrönung Napoleons. Und der Tränen Kohls bei der Beerdigung Mitterands.
Da hat’s mich dann doch echt vom Stuhl gekegelt vor Lachen. Die Kaiserkrönung Napoleons war ein Verrat an den demokratischen Idealen der französischen Revolution und folgerichtig hat der Mann danach Europa mit einem nie dagewesenen imperialen Eroberungskrieg überzogen, mit ungezählten Toten.
Und die Tränen vom verblichenen dicken Birne (Göttin hab ihn selig, der Mann war im Vergleich zu seinem Nachfolger, dem Parvenü Schröder, ein Gigant an Sympathie) als Kitt für Europa zu feiern, dazu muss man entweder schwerst bekifft sein oder aber, und letzteres trifft dann wohl leider auf die hier zitierte Kommentatorin des Deutschlandfunks zu, in schwerem Wasser sich befinden. Man tut dem Deutschlandfunk nicht unrecht, wenn man ihn als Hort des liberalen, weltoffenen Bildungsbürgertums bezeichnet, und dem schwimmen angesichts des innergesellschaftlichen und europäischen Verfalls der demokratischen Ideale bis weit in die Mitte der wutbürgerlichen Gesellschaft hinein die Felle davon. Da zerrt sich das weltoffene Bildungsbürgertum bei jeder Gelegenheit Argumente herbei, egal wie unpassend, siehe Napoleon und die Tränen Kohls, um dagegen zu halten. Das mag in manchen Fällen löblich sein, im Fall Notre Dame ist es nicht nur neben der Kappe, sondern kontraproduktiv. Für was ein und für wessen Europa steht denn Notre Dame? Doch offensichtlich für ein Europa der Eliten, siehe das Engagement der französischen Milliardäre, und für ein Europa des wohlsituierten Bürgertums.
Für die brennenden Banlieues, Vororte, sozialen Brennpunkte in ganz Europa interessiert sich kein Schwein. Auch das ist ein europäisches Kulturerbe, aber ein düsteres. Das zu ignorieren und angesichts Notre Dame einen tränenreichen, hysterisierenden Aufriss zu machen als stünde Attila vor den Toren Roms, diese ideologische Verblendung treibt die Spaltung Europas und damit dessen Ende als verbindendes, demokratisches Ganzes nur voran. Den Menschen in den Banlieues dürfte Notre Dame am Arsch lang gehen und ihre Wut durch die Spenden-Millionen der Milliardäre nur angefacht werden.
Und denen, die in all dem Tränenmeer ihren Kopf, den Träger des Verstandes, noch über Wasser halten können, sei jener aufgeklärte säkulare Umgang mit Notre Dame in Folge der französischen Revolution in Erinnerung gerufen: Da war der Trum nämlich ein Weindepot. Prost.
Und ich muss jetzt in den Garten. Mein Gärtner kommt.

14.04.2019 – Immer nur Jesus, Maria und Joseph


Bildnis einer jungen Frau mit entblößter Brust. Um 1525. Berliner Gemäldegalerie.
Unlängst weilte ich in der dortigen Ausstellung „Bellini und Mantegna“, italienische Maler der Renaissance. In Feinheiten sicher interessant, die Beiden gelten als Meister der inventione, der malerischen Erfindungen. So war bei einem Portrait der Hintergrund komplett schwarz, das hatte es wohl bis dato noch nicht gegeben. Aber die Motive waren komplett sakral, biblisch und ein begleitender Freund seufzte irgendwann zu Recht:“Immer nur Jesus, Maria und Joseph, irgendwann reicht’s.“ Ausserdem lungerte da nur Bildungsbürgerrentnervolk rum, es war vormittags. Dieses Volk kann ich echt nicht leiden, mit wichtiger Miene kenntnislos die im Feuilleton gefeierten Blockbuster abklappern und mir die freie Sicht auf die Bilder nehmen, das schätze ich überhaupt nicht. Ich kann ja nicht alle beiseite rempeln.
Aber offensichtlich waren Bellini und Mantegna Wegbereiter, denn ihre Innovationen brachen auch motivischen Neuerungen Bahn. Keine 30 Jahre später ist das obige Bild, das in einem Nebenraum hing, entstanden und da ist von der Bibel keine Rede mehr.
Ein paar Schritte weiter, hinter der Potsdamer Brücke, wurde es sofort wieder weniger erbaulich. Nach meiner Wahrnehmung nimmt nicht nur die Zahl der Bettelnden zu (die alle immer sofort mich ansteuern,mir scheint das Wohlfahrtsgen ins Gesicht geschrieben), sondern auch die der psychisch Auffälligen. In Berlin scheint mir das extrem auffällig,quasi exponentiell gesteigert. Liegt das an dieser Ballung auf engem Raum, wo man den Glücksversprechungen des Kapitalismus dauernd ausgesetzt ist, permanent von ihnen angeschrien wird, aber deren Erfüllung weiter weg als der Mond ist, unerreichbar für immer mehr Menschen? Ist sowas zum verrückt werden?
Ich weiss es nicht, aber die Fallhöhe aus den Tempeln des Bildungsbürgervolkes ist mitunter hoch und wenn die Inszenierung dort wie im vorliegenden Fall mal nicht so erbaulich ist, hat der Lärm, der Dreck, das Chaos des Molochs Berlin einen schnell wieder im Griff.
Und das ist auch gut so.

13.04.2019 – Pizza im Haus


Werbeschild vom Imbiss bei mir im Haus. Dort verkehren Menschen, die nicht zur urbanen, digitalen, hippen Kreuzberger Avantgarde gehören. Es gibt Bier, Kümmerling und Chips, natürlich wird geraucht, und neuerdings gibt es auch Pizza. Ich war da öfter zum TV gucken bei der letzten Fussball-WM und habe mich sehr wohl gefühlt. Das mit dem peinlichen Fussball hat sich ja nun für Besitzer eines Niveau-Passes erledigt, aber auf die Pizza freu ich mich schon. Ich frage mich beim Anblick des Schildes allerdings des öfteren….na ja, und mit der Beendigung dieses in den Raum gestellten Satzfragmentes lasse ich Sie, liebe Leserinnen, für einen Moment alleine.
Wir kommen damit von den Kümmerlingen meines Imbiss zu den sich abzeichnenden Entwicklungen für prekär Lebende im Lande, insbesondere Hartz-IV Bezieherinnen.

Die Jagdsaison ist wieder eröffnet. Die Hauptstadt-Presse vom gestrigen Tag hetzt hier – noch niedrigschwellig – gegen „Drückeberger und Faulpelze“. In der Eskalationsstufe 2 wird es dann gegen „Sozialschmarotzer“ gehen und bei der allgemeinen Verrottung der Zustände in unserer Gesellschaft ist Stufe 3 nicht fern, wo es dann gegen „Volksschädlinge“ gehen wird. Diese sich hier abzeichnende Hetzjagd ist der sichere, letzte Beweis dafür: wir sind in einer beginnenden Rezession.
In ökonomischen Krisenzeit tritt der Boulevard sofort aufs niederträchtigste nach unten, gegen jede Minderheit, gegen alles, was ohnmächtig und wehrlos ist. Dem schliesst sich alsbald die Bürgerpresse an, die Politik greift das gerne auf, so sie es nicht schon instrumentalisiert hat.
Es braucht immer Sündenböcke. Bei Strafe des Untergangs des Systems dürfen die wahren Verantwortlichen für Krisen, Rezessionen niemals benannt werden. Das alles wiederholt sich mit so tödlicher Sicherheit zu den zyklischen Krisen des Kapitalismus wie Ebbe und Flut. Ein Blick auf die Aufsteller der Dreckspresse genügt.
Aber der Mob wird’s nie kapieren, was da passiert. Irgendwie ermüdend.
Solange es jedoch die Museen, Theater und Opern dieser Welt, dieser Stadt gibt, ist das Leben trotz allem eine feine Erfindung. Und die Imbisse nicht zu vergessen.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen, ein charmantes Wochenende.

05.04.2019 – Bombenstimmung


Blick aus Hotel-Fenster auf der Insel.
Ein paar Tage Sonne, Meerluft und Stille, abseits vom zuhäusigen Gestank und Lärm von 25.000 Autos am Tag, direkt vor meiner Nase und meinen Ohren,nur noch getoppt von den ca.50.000 Autos am Tag in meiner Berliner Wahlheimat, wär nicht das Verkehrteste, um bei Verkehr zu bleiben. Gesagt, geflogen. Und ja, Asche auf mein sündiges Haupt, Fliegen ist eine Öko Sauerei sondergleichen, Pater peccavi! Aber allein der Blick aus dem Hotel Fenster ist eine Sünde wert. Und wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein. Ausserdem, wo findet man heute noch Stille, ausser in der Vorsaison an einsamen Stränden am Mittelmeer? Überall wird man von Tönen gepiesackt, selbst auf öffentlichen Scheisshäusern läuft Hintergrund-Musik, um den Mob sogar bei intimen Verrichtungen nicht für eine Sekunde zu sich kommem zu lassen. Wieviel Entfremdung geht noch?
Und Reisen bildet ja auch. Ich lernte, dass in meinem Hotel Agatha Christie abgestiegen war, und Joan Miro und zahlreiche andere Berühmtheiten. Die Gäste waren überwiegend very british,hatten teilweise mit Agatha Christie noch den five o’clock tea genommen, kurz, es war überaus angenehm.
Bis ich mitkriegte, dass 1937 ganz spezielle Landsleute hier zu Gast waren, die Legion Condor. Die hat dann im spanischen Bürgerkrieg die unbefestigte und wehrlose Stadt Guernica bombardiert,mit Hunderten Toten, viele Kinder darunter, um für den 2. Weltkrieg zu üben. Feige und hinterhältig, wie des Deutschen 2. Natur nun mal ist. Die Legion Condor zahlte den Angestellte hier statt der üblichen 2 Peseta Lohn am Tag 25.
Schon damals herrschte also ein günstiger Wechselkurs. Und mit Sicherheit eine Bombenstimmung .
Da zeichnen sich Entwicklungslinien ab, nahtlos in die 70er ff. Terrorismus und Tourismus; die Fortsetzung der Legion Condor mit anderen Mitteln. Der Ballermann als Wehrertüchtigungscamp für Afghanistan. Niedere Gesinnung ist für das Kriegshandwerk Grundvoraussetzung.
Reisen bildet? Manchmal wünschte man sich zwecks Erhaltung der Stimmung etwas weniger Bildung.
Aber schön isses trotzdem hier.

30.03.2019 – Der Rest ist Schweigen


Ich erkläre dem niedersächsischen Bauminister Olaf Lies, dem Volk und den Medien die Welt. Für einen Moment sieht es so aus, als ob ich die 10 Gebote verkünde und ich überlege kurzfristig, vor laufenden Kameras über das Wasser des nahegelegenen Flusses zu wandeln, lasse es aber bleiben, weil die Geschichte schon damals nicht gut ausging.
Die Aktion der symbolischen Gründung einer Landeswohnungsbaugesellschaft vor dem Landtag war aus medialer Sicht ein Erfolg. Wenn dpa das meldet, übernimmt das der Rest. Was politisch aus unserer Forderung nach einer realen Landeswohnungsbaugesellschaft in Niedersachsen wird, bleibt abzuwarten. Andere Länder sind da weiter und die SPD in Berlin wird am 30.03 darüber diskutieren, ob sie das Volksbegehren zur Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne unterstützt. So weit so sozialistisch.
Jenseits aller politischen Kategorien geht es bei solchen Aktionen immer auch um Anerkennung, Aufbau von Hierarchien, Befriedigung von Eitelkeiten. Der Erfolg der Aktion, die Anerkennung dadurch schmeichelte mir in den ersten Momenten eher als die Genugtuung darüber, dem politischen Ziel ein Stück näher gekommen zu sein. Normal. Normal?
Der beste Zeitpunkt, was anderes zu machen, den Job zu wechseln, ist vermutlich der, wenn man glaubt, man wäre wichtig.
Wichtig war ich für meine Katzen, die kriegten morgens Futter von mir. Aber wenn es mich nicht gegeben hätte, hätten sie sich an den Karnickeln im Garten gelabt.
Wichtig ist also relativ, wie wir an dem Beispiel sehen.
Allerdings werde ich in diesem Leben vermutlich keinen anderen Job mehr machen. Insofern schwebt über diesem ganzen Setting hier ein Hauch von Melancholie. Was bleibt, um sich nicht zu wichtig zu nehmen, sind die Stilmittel von Scherz, Satire, (Selbst-)Ironie und tiefere Bedeutung. Der Rest ist Schweigen.
So zumindest der sterbende Hamlet:
„Oh, ich sterbe, Horatio!
Das starke Gift bewältigt meinen Geist;
Ich kann von England nicht die Kunde hören,
Doch prophezei ich: die Erwählung fällt
Auf Fortinbras; er hat mein sterbend Wort;
Das sagt ihm, samt den Fügungen des Zufalls,
Die es dahin gebracht – Der Rest ist Schweigen.“

Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.

27.03.2019 – Marxismus und Donaldismus


Gips-Donald, weiß, und Gips-Donald, Rasta.
Ich lasse mir lieber einen Backenzahn ohne Betäubung ziehen als dass ich einen Baumarkt aufsuche. Ein Dandy – und diesen Archetyp in der Tradition eines Oscar Wilde zeitgenössisch zu revitalisieren sollte das Streben eines vernunftbegabten Mannes des 21. Jahrhunderts sein – beschäftigt sich niemals mit inferioren Tätigkeiten wie hämmern, bohren, sägen sondern widmet sich entweder dem Ordnen seines Äußeren vor dem Spiegel oder der Lektüre des „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein, dem „Kapital“ von Karl Marx oder den 529 Ausgaben der Donald Duck Taschenbücher. Letzteres ist keineswegs als Witz gemeint. Der Autor dieser Zeilen hat zwar die aktive Phase seines Donaldismus hinter sich, als er – jenseits der 40, also keineswegs im unreflektierten Wahn der Jugend! – die Welt mit eigenhändig gegossenen Donalden flutete (siehe oben), in der Hoffnung, sie im Sinne der Ente zu einem besseren Ort zu machen. Nämlich zu einem Ort, an dem Männer allein aus handwerklichem Ungeschick, schierer Tölpelhaftigkeit und überwältigendem Pech unfähig sind, Kriege zu führen. Oder können Sie sich Donald Duck als Feldwebel vorstellen, als islamistischen Terroristen oder auch nur als durchgeknallten Gelb-Westen-Chaoten? Das Chaos richtete die Ente nur bei sich und in der Familie an, immer cholerisch, immer vom Pech verfolgt, aber immer wieder widerstehend den Bürzel aufrichtend, den Wutschaum vom Schnabel putzend und sich den Imponderabilien des Lebens wappnend, nur überlebend durch die Hilfe seiner drei Neffen Tick, Trick und Track. Was für ein warmherziger Utopie-Entwurf, viel menschlicher als Karl Marx. Mich unterscheidet von Donald nur, dass ich wesentlich mehr Glück habe und nur zwei Neffen. Ansonsten bleibe ich bis zum Ende aller Tage Donaldist. Und Marxist.
Manchmal ist ein Baumarkt Besuch aber unumgänglich und das Bild, das sich neulich meinen Augen dort bot, war schwerst verstörend, brannte aber in dieser einen Sekunde der Wahrnehmung alle Schrecken des aktuellen Zustandes der Gesellschaft in mein Hirn und mein Herz. Ich sah einen Mann vor dem Werkzeug-Regal den Schaft eines Hammers, , reale (!) 30cm lang, streicheln mit einer Inbrunst und Zärtlichkeit, als ob es sein bestes Stück wäre. Also sein Auto.
Auf der Flucht aus dem Baumarkt räsonierte ich über die Welt, sowas hilft aus Verstörung. Baumärkte sind, wie die Welten des Fußballs, der Bundeswehr, der katholischen Kirche, Refugien schierer Männerbündelei, nur selten und zaghaft angekratzt durch das Prinzip „Frau“. Hier sind sie unter sich, die Herren der Schöpfung, fernab der Zumutungen der Anderen, der Weichen, Feuchten, Fließenden, die obendrein immer alles wissen wollen, über Gefühle. Als ob da viel wäre in diesen Männerbündischen Hohlköpfen außer Wut und Angst. Und dampfendes, unterdrücktes homoerotisches Begehren, das aber auf keinen Fall zugelassen werden darf, weswegen es mit maximaler Aggression abgetötet werden muss. Über dieser Welt der Männerbünde schwebt immer eine angsteinflößend dunkle Wolke von Gewalt, Zerstörung, Zorn.
Und weil das alles zutiefst pathologisch ist, fließt der Alkohol als Fluchtmittel in Strömen. Die klerikalen Kinderficker dürften zu ebenso hohen Prozentsätzen Alkoholiker sein wie Bundeswehrangehörige und Fußball-Schwachköpfe. Von den Schnapsdrosseln in Baumärkten ganz zu schweigen.
Da ist alles nicht neu, sollte aber im Hinterkopf behalten werden angesichts der Tatsache, dass diese Welt, die alles Andersartige, Lebendige, Bunte verabscheut, diejenige ist, die zur Zeit gewinnt.
Aber auf meinen nächsten Baumarkt Besuch freue ich mich jetzt. Dann nehme ich mir vor dem Regal für Werkzeuge eine Stunde Zeit und mache schwer verstörende Fotos von Männern mit Hämmern. Demnächst hier im Blog!

22.03.2019 – Runter vom Sofa, rein ins Vergnügen.


Bei mir umme. Natürlich ist der dazugehörige ca. 4 qm große Hafen eher ein Witz, so wie dieses Schild, dessen Humor irgendwie ins Transzendente lappt. Er schwebt über allen Wassern, ist aber nicht direkt greifbar. Kleidete ich ihn in Worte, raubte ich ihm die Wirkung. Insofern ist auch Wittgensteins Diktum „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ von der Erkenntnis her: begrenzt. Es gibt noch eine Welt jenseits der Begriffe. Aber ich will hier kein Proseminar zu Zech-Buddhismus für Anfänger machen, hier geht’s um meinen Hafen, zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt. Den querte ich unlängst auf der Suche nach leeren Grundstücken. Hintergrund: Das Land Niedersachsen ist zur Zeit noch störrisch, was die Gründung einer von der Landesarmutskonferenz, dem DGB und Anderen geforderten Landeswohnungsbaugesellschaft angeht: Gemeinnützig, nicht profitorientiert, bezahlbarer Wohnraum für alle, ab 5 Euro pro qm, Größenordnung 40.000 Wohnungen über die Jahre. Die Argumente der Gegenseite: Reine Symbolpolitik, dauert zu lange, kostet zu viel, braucht Personal etc. pp. Das ist natürlich kompletter Unsinn, die Bayern haben es ruckzuck vorgemacht, und eine aus dem Boden gestampft. Waren ja auch Wahlen.
Es geht, man muss nur politisch wollen. Aber die hiesigen Akteure sind entweder träge oder wollen den Profitkuchen nicht mit Gemeinnützigen teilen. Es ist also seeehr sämig, dagegen anzukämpfen, und ich bin’s manchmal auch einfach leid. Ich will meine Ruhe, meinen Urlaub, meinen Sommer, Ende im Gelände. Dann sagt aber der Restrebell in mir: Runter vom Sofa, rein ins Vergnügen. Also gibt’s am 27.03 eine Aktion mit Aktivist*innen vor dem hiesigen Landtag. Der zuständige Bauminister Olaf Lies hat sein Kommen zugesagt, sinnigerweise für High Noon, was aber eine andere Bedeutung besitzt als ich sie gerne hätte, und wir werden ihm das erste Haus der dann zu gründenden symbolischen Landeswohnungsbaugesellschaft überreichen, siehe Medieneinladung Landesarmutskonferenz Einladung Medien Aktion Landtag 27.03.2019.
Runter vom Sofa musste ich auch wegen des Argumentes der Gegenseite: Keine Grundstücke. Auch das ist ausgemachter Blödsinn. Ich setzte mich auf mein Rad und fand nach 5 Minuten in direkter Hafennachbarschaft sofort eins, ca. 20.000 qm groß, früher mit Gartencenter, steht seit über 10 Jahren leer. Citynähe, perfekt erschlossen, braucht die Stadt (oder eine Landeswohnungsbaugesellschaft) nur zu kaufen und los geht’s.
Wenn der Eigentümer sich aus Spekulationsgründen renitent zeigt, wird enteignet, siehe § 15 Grundgesetz. Kein Problem, wenn man es politisch will. Das wird beim Bau von Autobahnen oder Stromtrassen ruckzuck angewendet.
Für Hannover, immerhin über 500.000 Einwohnerinnen, gibt es übrigens kein Leerstandskataster, wir haben also keinerlei Überblick, wie viele Wohnungen und Häuser leer stehen. In anderen niedersächsischen Großstädten das Gleiche.
Es ist aber alles sooo sämig. Zu dieser Grundstimmung passte meine Hafentour.

Ein paar hundert Meter Kaimauern, zwei Kräne und ein halbes Schiff, das im trüben Hafenbecken vor sich hindümpelte und trotzdem löste der Anblick diese typische Hafenstimmung in mir aus: eine Prise Fröhlichkeit ob des Freiheits- und Glücksversprechens, das Häfen innewohnt, mit einem Schuss Melancholie ob des Wissens, dass es hier und heute nicht eingelöst wird.
Dann eben woanders.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen.