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30.11.2021 –Für die Wiedereinführung des Prangers.


Am Pranger

Immerhin bis 1840.
Wiedereinführung des Prangers für Impfverweigernde 2021? Ich bin dafür und werde heute eine Initiative Pro-Pranger bei Open-Petition starten. Strafe und Tat müssen in einem direkten Zusammenhang stehen, nur dann entfalten Reue und Einsicht maximale Wirkung. Unser heutiges System von Überwachen, Kontrolle und Strafe ist viel zu abstrakt. Beim „Zu-schnell-fahren“ z. B. werden wir geblitzt, dann erfolgt ein abstraktes Schreiben, eine bargeldlose Überweisung, nichts davon ist real, sinnlich erfahrbar. Würde dem Missetäter hingegen ein Reifen zerstochen und er müsste zwei Stunden an den Pranger, würde das die Wiederholungsrate sicher reduzieren. Ich persönlich bin für „Karre in die Schrottpresse“ bei 10 km zu schnell, bei 20 km Halter hinterher, aber wir fangen erstmal mit Pranger an. Niemand soll sagen, ich wäre nicht kompromissbereit.
Falls Sie, liebe warmherzige Leserinnen, jetzt einwenden, das sei aber ein barbarischer Rückfall ins Mittelalter, antworte ich 1. Klar. Wenn’s wirkt, warum nicht. Seuche ist ja auch Mittelalter. Und 2. bitte ich Sie zu bedenken: Wie traumatisierend sind jahrelange Prozesse, bei denen Angeklagte durch kafkaeske Justizmühlen geschrotet werden…? Und 3. bin ich mit meinen exotischen Vorschlägen in guter zivilgesellschaftlicher Tradition, hatte doch im deutschen Herbst der Mogadischu-Entführung 1977 der damalige Bayern-MP Franz-Josef Strauß vorgeschlagen, einsitzende RAF-Häftlinge als Geiseln standrechtlich erschießen zu lassen, der damalige Generalbundesanwalt stieß ins gleiche Horn und der Thomas Mann-Sohn und Uni-Prof Golo umkleisterte mit philosophisch gesetzten Worten diese Finallösungen in der „Welt“. Ok, nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Aber halten wir fest: Der Lack der Zivilisation war hauchdünn und hat weiter abgenommen. Die Barbarei ist aus den Köpfen jener Elite von damals, die noch Nazisozialisiert war, millionenfach in der Praxis der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Das Einzige, was mich von der Umsetzung meiner Pro-Pranger Petition abhält, ist die Vorstellung, dass Tausende dem zustimmen würden und ich in die Geschichtsbücher eingehen würde, durchaus wohlwollend, als Seuchen-Ayatollah oder Corona-Taliban.
Aber schön war’s doch in Duderstadt. Und manchmal reicht es ja auch aus, die Werkzeuge nur zu zeigen:
Nun, liebe Impfverweigernde, gebt gut acht,
die Corona-Inquisition hat Euch etwas mitgebracht ….

29.11.2021 – Eskapismus


Geil. Trägt seinen Namen zu Recht. Feiner Stoff. Auch eine Art Fluchtmittel aus der schnöden Realität, siehe auch Drogen, Religion, Medien etc. pp. Die Liste ist lang, die aktuelle Wirklichkeit ist finster und das ist noch das Beste, was man von ihr sagen kann. Eskapismus wird allgemein als Flucht aus der Realität bezeichnet und negativ konnotiert, vor allem von Geisteswissenschaftlerinnen, die wir im Moment so nötig gebrauchen wie einen Pickel am na ja, was ich eigentlich sagen wollte: Es handelt sich beim Eskapismus erstmal nur um eine Anpassungs-Strategie zum Überleben in finsteren Zeiten.
Ich hatte gestern eine meiner kleinen Fluchten vorgestellt, das harmlose Ausweichen in imaginäre, virtuelle Urlaubswelten via Internet. Sicher gesünder als sich ne Pulle Geil im Kopp zu kloppen. Wesentlich ungesünder für uns und zweckrational im höchsten Grade ist Eskapismus bei Viren, präziser: der Immun-escape, den Viren dann beschreiten, wenn der Realitätsdruck in ihrem Wirt, die Abwehr durch Antikörper zu groß wird, also z. B. wenn ein Impfstoff erfolgreich war. Dann spielt mitunter eine Virusvariante einen genialen Pass in die Tiefe, um ausnahmsweise bei der verhassten Fußball-Sprache zu bleiben, und hebelt die gesamte Abwehr aus. Der Artikel über dieses Prinzip anhand konkreter Beispiele ist übrigens vom März 2021 und sagt nüchtern (sic!), dass wir noch mindestens anderthalb Jahre Lockdowns brauchen.
Wir wissen nicht, ob Omikron diesen genialen Pass gespielt hat. Wir wissen nicht, ob wir (na ja, ich nicht, ich schreib bloß Zeug) dann die mRNA Impfstoffe Biontech und Moderna anpassen können und wie lange das dauert. Das Einzige, was wir wissen, ist die Tatsache, dass Biontech und Moderna-Aktien in der letzten Woche an der Börse um 30 Prozent zugelegt haben. Das macht Hoffnung. Zumindest für Aktienbesitzer und Unternehmenseigentümerinnen.
Viren können zwar nicht denken, sind aber teuflisch schlau. Oder besser: tödlich schlau, denn das Tribut „teuflisch“ anthropomorphisiert sie, unterstellt ihnen gesellschaftliche Attributfähigkeit, die sie nicht besitzen. Und weil sie so gnadenlos oder besser: logisch ihren Weg entwickeln, können wir nicht ausschließen, dass sie einen Weg finden, um uns über Jahre in Dauerlockdowns zu zwingen, weil sie beim Hase-Igel-Wettlauf zwischen Impfstoffanpassung und Immun-escape der Igel sind, der immer gewinnt. Wenn nicht irgendwann die Herdenimmunität gewinnt. Wo die allerdings angesichts der zig-Millionen Vollidioten in Deutschland herkommen soll, ist schleierhaft.
Vielleicht befördert die Impfstoff-Anpassung sogar die Fähigkeit zum Immun-escape, weil die Viren ständig und schneller sich gegen Abwehrdruck weiter entwickeln müssen (Kann allerdings sein, dass diese Vorstellung virologischer und epidemiologischer Unsinn ist. Ich bin blutiger Laie, der nur versucht, für sich die Morgen-Lage auf den Punkt zu bringen.)
Das wissen wir alles nicht. Wir wissen auch nicht, ob wir vielleicht nächstes Jahr operiert werden müssen. Deshalb haben die meisten von uns eine Krankenversicherung. Wir können übermorgen jemanden über den Haufen fahren, uns kann die Hütte abbrennen, wir werden arbeitslos, das Rad wird geklaut, das alles wissen wir nicht. Dafür haben wir Versicherungen, wir treffen Vorsorge (mehr oder weniger).
Wir wissen nicht, was ein möglicher Immun-escape bringt. Ganz zu schweigen von der nächsten Seuche. Welche Vorsorge treffen wir dafür?
Einen heiteren, entspannten und fröhlichen Start in die Woche wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

28.11.2021 – Das Omikron – Sie wollten nur wandern und wurden zu Wurst!


Fluchtpunkt Google Maps. Wer’s nicht kennt: Das gelbe Männeken im Kartenausschnitt hat den Ausblick oben im Foto. Es kann sich auf Maps um 360 Grad drehen und auf allen blaumarkierten Wegen wandern. Wandern ohne Google Maps ist vermutlich möglich, aber ich setze ja auch nicht mit einer Galeere nach Korfu über. Und in diesen trüben Zeiten ist das Nachwandern selbst gemachter Wanderungen via Maps Eskapismus-Notwehr. Mit Risiken und Nebenwirkungen. Ertappe ich mich doch nach ein paar Hundert virtuellen Metern nicht nur bei dem sehnsuchtsvollen Seufzer „Da jetzt sitzen und schwitzen … “, sondern beim Flüge-Check, wie komme ich ohne sechsmal Umsteigen in den nächsten Tagen da hin. Bevor Omikron…
Omikron, hört sich an wie der Titel und die Ankündigung eines Horrorschockers: Das Omikron – Sie wollten nur wandern und wurden zu Wurst!
Ich habe in diesem Blog mal spekuliert, dass mögliche Corona-Virus-Varianten eine Letalität wie das HI-Virus entwickeln könnten (fast 100 %), habe das aber später korrigiert, weil ein Virus eher nicht das Bestreben hat, seine Wirtsleute auszurotten. Jetzt muss ich zur Kenntnis nehmen, dass der notorische Porno-Balken-Träger Frank-Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes, befürchtet: „Meine große Sorge ist, dass es zu einer Variante kommen könnte, die so infektiös ist wie Delta und so gefährlich wie Ebola“ (da legen immerhin 50 % die Löffel weg). Nun ist Montgomery nicht das hellste Licht im Kronleuchter der Ärzteschaft und hat sich u. a. mit einer Geringschätzung von Maskentragen schon blamiert, aber in Verbindung mit der Tatsache, dass Israel trotz vorbildlichem Boostern jetzt eventuell in die 5. Welle läuft und die vierte Impfung plant, hat’s mir da doch die Laune leicht getrübt und ich griff vor der Zeit zu einem 12 Jahre alten Jamaica-Rum. Wer von den Älteren hätte ihn nicht im Ohr, den Song der Goombay-Dance-Band „Rum of Jamaica“. Imperialismuskritisch gesehen ein postkoloniales Schwerverbrechen, Grauen-getoppt nur durch die Frisur des Intonierenden. Sänger würd ich den nicht nennen.
Toilettenlektüre. HAZ vom 27.11. Papier und seine Knappheit ist zurzeit in aller Munde, so auch in der HAZ. Artikel über „Papier“, Zitat: „Jeder hat heute immer noch ein oder zweimal am Tag Papier in der Hand, und ich glaube auch noch, dass es noch eine Zeitlang so bleiben wird.“ Das liegt auf der Hand, fürwahr. Oder soll ich dafür ein Sandstrahlgebläse nehmen?
Noch habe ich die HAZ-Lektüre vor mir, gleich werde ich sie hinter mir haben.
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25.11.21 – Herrentorte. Gegendert wird später.


Weizen, Zucker, Sahne. Ungesund. Aber geil. Seelennahrung in trüben Tagen vom besten Konditor der Welt. Wenn ich die Gazetten aufschlage, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Bei der hiesigen HAZ läuft das meist auf Lachen hinaus: die hat jetzt die Genderdebatte für sich entdeckt. Was bedeutet, ich hätte mich über dieses Thema schon vor fünf Jahren nicht mehr auslassen dürfen. Zeitlich auch nur in die Nähe dieser Biedermeier-Postille gerückt zu sein, ist mir peinlich. Zumal diese Debatte um einen Nebenwiderspruch die wahren Skandale der Geschlechterdiskussion vernebelt: Wachsende Gewalt gegen Frauen, die Gender-Pay-Gap, Unvereinbarkeit von Familie und Beruf usw. usf. Natürlich werden diese Skandale dadurch befördert, dass Frauen nach wie vor selbst auf der Sprachebene oft nicht sichtbar sind. Aber das sind doch nicht die Hauptwidersprüche. Die finden im Leben statt. Auf der Straße, im Betrieb, im Bett. Natürlich ist es im 21. Jahrhundert grotesk, von Künstlerinnen Mails zu bekommen mit der Adressierung: „Liebe Freunde der Kunst … “. Aber das ist dann eben lächerlich, außerhalb eines Diskurses, der mich interessiert, auf den ich bereit bin, mich einzulassen. Wir schnallen ja 2021 auch den Gurt an im Auto, rauchen in Restaurants nicht mehr und sprechen Unverheiratete nicht mehr mit Fräulein an. Irgendwann ist gut mit diskutieren, dann wird entschieden. Also nie wieder hier ein Wort zum Gendern. Zu Fußball. Zur SPD.
Von Anfang gegen diskutieren war ich, was Impfverweigerer und Verschwörungsideologen angeht. Was für eine praxisabgehobene Irrsinnsidee von Politik und Teilen der Gesellschaft bis weit in die Pandemie hinein, mit solchen Leuten reden zu wollen, den Vernunftbasierten Diskurs zu suchen auf Basis von wissenschaftlicher Erkenntnis. Diese Diskussion lief nach dem Muster AfD, da waren überforderte Politikerinnen ja auch der famosen Ansicht, sie könnten mit solchen Leuten diskutieren, sie überzeugen. Auf solche Ideen kann nur kommen, wer sich sein Leben lang ausschliesslich auf Parteitagen rumtreibt, Fachtagen, Verbandstreffen, Lehrerkonferenzen etc. pp., wo alle sich dauernd ein weichgespültes Konsensgeschwurbel um die Ohren wedeln. Ich weiß, wovon ich rede. Phrasen wie „Ich finde das sehr wichtig und hochspannend, was Sie da gerade sagen“ gehen mir bei Veranstaltungen leichter als der Atem vom Mund.
Und jetzt kommt „die Politik“ (die es in der Reinform natürlich nicht gibt) mit Ansagen in Richtung Impfverweigernde um die Ecke, nachdem die Karawane sich endlich – und viel zu spät – in Richtung Impfpflicht bewegt: „Impfpflicht bedeutet aber nicht Impfzwang. Keine böse Polizei, nur Ordnungsgeld“. Das ist aus meiner Sicht rechtlich ein Widerspruch in sich, heißt es doch in § 43 StGB: „An die Stelle einer uneinbringlichen Geldstrafe (vulgo Ordnungsgeld, d. A.) tritt Freiheitsstrafe. ….“
Das ist keine Kann-Bestimmung.
Wenn der Rechtsstaat hier kneift, ist das eine Aufforderung an die Durchgeknallten dieser Erde, sich noch mehr als bisher als Märtyrer zu stilisieren.
Zur Pflicht gehört in letzter Konsequenz der Zwang, das heisst die Ausübung des staatlichen Gewaltmonopols. Mit allen Konsequenzen bis in die bürgerliche Existenz hinein, Knast, Jobverlust, das volle Programm. Diese Pandemie ist keine Grippe und Impfverweigernde bedrohen vorsätzlich zehntausendfach das Leben der Anderen.
Wenn Sie mich fragen: Solche Leute kasernieren, umerziehen und mit Drogen vollpumpen. Jeden Morgen einen dicken Zwangsjoint.
Aber mich fragt ja keine.
Göttinseidank.
In einem Staat, in dem ich das Sagen hätte, möchte ich nicht leben.

21.11.2021 – Welches Lied von Udo Jürgens ist hier im Foto visualisiert?


Die Lösung gibt es am Ende dieses Eintrags. Hinweis: Es ist nicht „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“.
Bewusste politische Willensbildung spielt sich in mehreren Sphären ab, die sich überlagern können: Beispiel Theorie. Lesen. Dürfte an Tiefenwirkung den schwächsten Einfluss haben. Wenn ich an die ganzen linken Buchhandlungen früherer Jahre denke und was da an Bewusstsein oder gar politischer Praxis von übriggeblieben ist, bleibt das Fazit: Lesen wird überschätzt. Oder um es mit dem Altmeister zu sagen: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“.
Der Vers, den Mephistopheles in Fausts Studierstube zu einem Schüler spricht, geht wie folgt weiter: „ … und grün des Lebens goldner Baum“. Also Leben. Praxis. Heißt in unserem Fall politischer Willensbildung: Organisation in Parteien und Verbänden. Eine außerordentlich mühselige, ritualisierte Form der Willensbildung, aber unbedingt nachhaltig. Wer sich das mal angetan hat, so wie ich in Gewerkschaften, vergisst das nie wieder, erwirbt eine geradezu stalinistische Zweikampfhärte in Konflikten und weiß trotz aller Widrigkeiten um die Notwendigkeit von solcher Form der Organisation und Willensbildung. Wer in der Studierstube sitzt oder sich mit Wattebällchen bewirft, verändert gesellschaftlich nichts.
Je mehr das Parteien-Modell und die Mitgliedschaft in Verbänden wie Gewerkschaften ausstirbt, desto schmerzlicher wird diese Lücke, wie ein einziger Blick in das derzeit vorherrschende gesellschaftliche Bewusstsein beweist, das von wachsender faschistoider Paranoia, erbarmungslosem Egoismus und grenzenloser Empathielosigkeit geprägt ist. Ein gleichwertiger Ersatz für das absterbende Modell ist nicht in Sicht und das führt uns zur dritten Sphäre der bewussten politischen Willensbildung: Basisorganisationen, Selbstorganisation.
Bürgerinitiativen, NGOs, Kampagnenorientierungen wie Fridays for future. Feine Sache, mache ich seit Jahrzehnten, weil es meinem Theoriemodell von Staat und Gesellschaft und meinem Anspruch an politische Praxis in Verbindung mit mir notwendigen hedonistischen Momenten am nächsten kommt. Aaber: dieser Sphäre fehlt es an Zähigkeit, kollektiver Durchsetzungsfähigkeit und sie droht zu einem – unterschätzten – Kollateralschaden der aktuellen Seuchensituation zu werden. Aus mindestens zwei Gründen:
Ihre lose Organisationsform droht durch mangelnde lebendige Präsenzkontakte auszutrocknen. Zoom ist kein Ersatz für den goldenen Baum des Lebens. Da droht etwas abzusterben. Sehen wir ja auch an Kulturveranstaltungen. Geht doch auch ohne. Gerade für Ältere. Zwei ausgefallene Konzerte in letzter Zeit für mich – schade, aber kein Drama. Geht doch auch ohne. Ich hoffe, ich täusche mich in dieser dystopischen Sicht, aber Verluste werden bleiben.
Viel schlimmer aber finde ich die Spaltung durch Einstellungen zu Corona, hie die Vernunftbegabten, da die Verschwörungsideologen und Relativierer, bis weit in linke Kreise, siehe Wagenknecht. Das zerreißt ganze Basisorganisationen, wie ich in der eigenen Praxis gerade erfahre. Wo auf einmal ehedem vernunftbegabte, sympathische Menschen mit der Vorstellung um die Ecke kommen, der Staat würde Masken als Nazi-Unterdrückungsinstrument einsetzen, um die Bürger*innen zu Untertanen zu degradieren, Motto: Die Maske ist der Geßler Hut des 21. Jahrhunderts. Da ist jede Diskussion sinnlos und das zerlegt in der praktischen Hygienearbeit jede Gruppe.
Auf die Untersuchungen zur langfristigen Auswirkung der Pandemie auf Basisorientierte Selbstorganisationsformen bin ich gespannt. Was bleibt da übrig, wenn sich der Kanonendonner der Seuche gelegt hat?
Ach ja. Das Lied im Foto oben. Es handelt sich um „Immer wieder geht die Tonne auf.“

19.11.2021 – Der Himmel so grau


Himmel über mir. Wär er unter mir, hätten ich und der Globus auch Probleme ..
Fakt ist, dass das Firmament seit Tagen in einem Grau vor sich hin döst, dass man immerzu schlafen möchte, schlafen. Oder ob‘s doch edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden? Eher letzteres. Mitunter ist ja die Realität so graulich verzerrt, dass man immerzu lachen möchte, lachen. Fast scheint es so, als ob der Sauerstoff der Realität, den man einsaugt, Lachgas sei. Wie soll ich denn sonst reagieren auf Meldungen wie diese aus Österreich vom 18.11:
„Um kurz vor 16 Uhr macht Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer eine der denkwürdigsten Kehrtwenden offiziell. Nur acht Tage zuvor hatte er noch in Stammtisch-Manier über Mediziner gespottet, die angesichts rasant steigender Infektionszahlen einen Lockdown forderten: Virologen wollten am liebsten, »ich übertreibe jetzt ein bisschen«, jeden Österreicher in ein »Zimmer sperren«. Nun, da die Vorhersage der Virologen sich bewahrheitet hatte und die Pandemie in seinem Bundesland mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 1740 so brutal wie nirgendwo sonst in Österreich grassiert, zieht Haslauer die Notbremse: Er verkündet einen »harten Lockdown« für Salzburg und das benachbarte Oberösterreich gleich mit. Selbst in den Schulen soll es nur Notbetreuung geben. Er hoffe darauf, dass es »noch vor Weihnachten« ein Lockdown-Ende gebe, sagt der Regierungschef.“
Kapitalismus. Macht. Gier.
So heißt das Spiel mit dem Tod, das in Salzburg und nicht nur da, gegeben wurde. Dagegen ist der Jedermann ein Kasperltheater. Von den Zehntausenden, die sich da in Österreich allein in den letzten acht Tagen infiziert haben, landen Hunderte in den Intensivstationen, von denen ca. ein Drittel sterben wird. Fröhliche Weihnachten, Herr Hasslauer. Andere notwendige OPs unterbleiben. In Österreich werden erste Triage-Teams zusammengestellt.
What’s left? Die Erwähnung, dass nur die Übernachtungsgäste aus dem Ausland in einer durchschnittlichen Wintersaison zehn Milliarden Euro im Land lassen. Und dass ein Streichquartett in einer Wiener Fußgängerzone bei einer Party zur Feier der Weihnachtssaison in der letzten Woche (!) eines des zauberhaftesten Mozart-Duette spielte: »Reich mir die Hand, mein Leben«.
Mir kamen die Tränen beim Hören. War es ob des unvergleichlichen Schmelzes von Mozarts Musik, einzig auf der Welt? Oder waren es die des Lachens ob dieser österreichischen Inszenierung?

15.11.2021 – Die Toleranz hört da auf, wo der Unsinn lebensgefährlich oder zum Verbrechen wird


Corona-Übersterblichkeit 2020/21 (in rot) im Vergleich zu Vorjahren (in grau). Zitiert nach Statistischem Bundesamt, das Zitierungen ausdrücklich erlaubt, mit Quellenangabe. Sie können das also in der Form verwenden. Die roten Kurven wären noch mehr als doppelt so steil ab Wirksamkeit Impfungen, gäbe es keine Vakzine. Ungeimpfte stecken sich dreimal so häufig an. Außerdem sind 90 Prozent aller Intensivfälle Ungeimpfte. Gäbe es keine Hygieneregeln, Lockdowns und gesteigertes Risikobewusstsein in breiten Teilen der Bevölkerung, würden wir die Toten in Säcken in Massengräbern verscharren. Soviel zu dem Irrsinnsgeschwafel von Querspinnern und Impfverweigernden, die behaupten Corona sei so eine Art Grippe.
Insofern schließe ich mich nicht nur dem Singapur-Modell an, nachdem Ungeimpfte Kosten für ihre Behandlung selbst übernehmen müssen, sondern fordere darüber hinaus strafrechtliche Sanktionen mit nachfolgender zivilrechtlicher Haftbarmachung für nachweisbare Konsequenzen, die sich aus pandemierelevantem Handeln von Ungeimpften ergeben. Auch als Standard für die nächsten Seuchen, die sicherer kommen werden als das Amen in der Kirche.
Ich sollte sprachlich abrüsten, wir wollen ja das gesellschaftliche Klima nicht noch mehr vergiften. Ich nenne also die Querspinner, Idioten und Bekloppten nicht mehr so, sondern intellektuell und ethisch Andersbegabte, bin aber nicht der Meinung, dass der Schwachsinn, den Hohlköpfe wie Wagenknecht oder Precht verbraten, als gleichberechtigte Meinung im Diskurs akzeptiert werden muss. Wir akzeptieren ja auch nicht im Rahmen einer ernstgemeinten Podiumsdiskussion über den Klimawandel jemanden, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe. Oder in einer über gesellschaftliche Teilhabe jemanden, der faschistische Ansichten vertritt.
Es ist eben nicht alles gleichberechtigt, die Toleranz hört da auf, wo der Unsinn lebensgefährlich oder zum Verbrechen wird. Konsens in unserer Gesellschaft ist der Standard der vorherrschenden wissenschaftlichen Erkenntnis, er ist die Grundlage für weitere Erkenntnisse. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist die Gerade, auf irgendwas muss man sich irgendwann mal einigen. Wenn also jemand behauptet, die Langzeitkonsequenzen von Impfungen lägen noch im Dunkeln und wir wüssten noch nicht genug über Impfstoffe, um das Risiko einzugehen etc. pp. und was dergleichen Pseudoargumente mehr sind, dann ist das keine gleichberechtigte Meinung, sondern lebensgefährlicher Unsinn.
Insofern freue ich mich, dass ich der Erste sein darf, der hier und heute öffentlich das Verbot jener Partei fordert, die ein Sammelbecken für solcherlei staatszersetzende Ideenträger ist: Die FDP. Ach ja, und Berufsverbot für den Obervirologen Precht sowie Redeverbot für Wagenknecht. Kimmich erwähne ich hier nicht, der Fußball und seine Spießgesellen sind schon lange nicht mehr satisfaktionsfähig.

14.11.2021 – Neulich, am Bordell.


Hinweisschild auf Angebot im Nachbarhaus. Angebracht an einem Bordell.
Die Cities von Großstädten sind toter als tot, darüber täuscht auch die massenhafte Bewegung dort zwecks Konsum nicht hinweg. Das ist nicht nur Surrogat-Leben, die Flucht aus der Wirklichkeit in die Scheinwelt des Konsums, sondern die Apotheose unseres Untergangs. Wenn wir so weiter konsumieren, kann selbst ein Quartaner ausrechnen, wann unsere Zivilisation den Bach runtergeht. Nicht umsonst hat Georg Romero seinen Zombieklassiker „Dawn oft he Dead“ in einem Einkaufszentrum angesiedelt. Mich erinnern die Cities an das Gesöff, das es in meiner Kindheit Maienblüte Zuhause gab: Nescafé.
Einer der vielen Gründe, warum ich Berlin so schätze: Es hat keine City. Selbst in den einzelnen Kiezen ein Zentrum zu verorten, fällt mir schwer. Wo wäre das in Neukölln? Kreuzberg? Die Grobplanung „Wir treffen uns in Berlin irgendwo in der City“ ist sinnlos.
Demzufolge meide ich die City, wenn möglich, quere sie mit dem Veloziped, sehr selten per Pedes. Was aber, wenn es wie unlängst erfolgt, durchaus skurrile Einblicke bieten kann, siehe oben. Oder auch hier

Aufbau für Demo der Staatstheaterszene am niedersächsischen Landtag. Protest gegen die Nichtübernahme der Tariflohnerhöhungen durch das Land. Luxusprobleme, von denen Minijobberinnen, Niedriglöhner, prekäre Existenzen im Transportgewerbe, Gastronomie etc. nur träumen können. Dazu würde ich gerne auch mal was aus der Staatstheaterszene hören.
Im Hintergrund im Landtagsgebäude der Eingang zum Votum, einem neueröffneten Restaurant auf Sterneniveau. Wer dort zu zweit tafelt, bekommt eine Rechnung präsentiert in Höhe des monatlichen Hartz-IV-Regelsatzes.
Ist so eine Location im Landtagsgebäude dekadent? Sind solche Preise, die in Dreisterne-Restaurants noch deutlich höher ausfallen können, grundsätzlich dekadent? Ist es zynisch oder dekadent, angesichts des Zustandes wie geschildert (der böse, böse Konsum, die böse Spaltung der Gesellschaft, die böse Pandemie, Ökoweltuntergang nicht vergessen, Migrationsbewegungen, to be continued …) Urlaube zu planen? Mehr als je zuvor. Mit Flugzeug. Wer will schon nach Korfu rudern.
Zu welchen Schlüssen, Sie jetzt, liebe Leserinnen, ich, wir, auch kommen, eins ist sicher: So öde und trostlos Cities auch sein mögen, flaniert man offenen Auges und per Camera durch sie hindurch, sind sie allemal für Anregungen zum Denken und mögliche Veränderungen der eigenen Perspektiven gut. Aber oft muss ich das nicht haben. Im Normalfall ist eine Urlaubsplanung am PC amüsanter. Aber bedenken Sie eins, liebe Leserinnen: Wenn Sie „urlaubsreif“ sind, ist es zu spät für Urlaube. Wenn Ihr Leben erst soweit gediehen ist, bringen Urlaube auch Nichts mehr, höchstens für die ersten drei, vier Tage nach Heimkehr. Danach sind Sie gleich wieder „urlaubsreif“.
Und nun die Lottozahlen von heute: 5,02 Mio. Infizierte insgesamt, 445.900 aktiv infizierte, 7-Tage Inzidenz gegenüber der Vorwoche um 57,6 Prozent gestiegen, 96.672 gestorben.

13.11.2021 – Im wahren Leben sind die Impfverweigerer die Verbrecher


Hinweis auf Theaterstück, in Verbindung mit Hygieneregelung 2 G. Liest sich so wie eine Parole impfverweigernder Querdenker. Im wahren Leben sind die Impfverweigerer die Verbrecher. Nachdem die Politik sich endlich in Richtung Impfpflicht bewegt, hoffe ich, dass auch meine Anregung für eine Impfpolizei aufgenommen wird, der ich mich sofort als Freiwilliger zur Verfügung stelle, ausgestattet mit Elektroschocker, Gummiknüppel und – als Finalargument – einer Walther PPK.
Angesichts von offensichtlich ca. 20 Millionen notorischen, vielfach gewaltbereiten Impfverweiger*innen hierzulande kann die Diagnose nur lauten: Massenhafter pathologischer Realitätsverlust, einhergehend mit paranoiden Wahnvorstellungen und schizoiden Gewaltschüben. Der Befund eines der profiliertesten zeitgenössischen Küchenpsychologen passt zur Schätzung, dass ca. ein Drittel aller Insassen der BRD therapeutischer Hilfe bedürfen und dass diejenigen Krankheitsbilder, deren Fallzahlen „explodieren“ (alles „explodiert“, eine der beliebtesten Metaphern, deren Vernichtungsphantasie das Gewaltpotential unserer Gesellschaft adäquat widerspiegelt) psychische Erkrankungen sind. Gesellschaften gehen mit einem bang oder einem whimper zugrunde (das ist von T. S. Eliot geklaut:
This is the way the world ends,
Not with a bang but a whimper).
In unserem Fall läuft es auf ein langgezogenes whimper, wimmern, hinaus. Aber der Big Bang kann auch noch kommen.
Die kollektive Realitätsverweigerung lässt sich sehr schön ablesen an dem verstörenden Bericht (leider Bezahlschranke) eines Intensivmediziners vom Uniklinikum Jena, nachdem selbst Sterbende ihre Corona-Diagnose bis zum Tod leugnen. Grausam, so zur Hölle zur fahren.
Neu ist diese Art mörderischer Realitätsverweigerung allerdings nicht. Trotz der traumatischen Erfahrung des Massensterbens im ersten Weltkrieg zettelten die an Leib und Seele verwundeten überlebenden Frontsoldaten zwanzig Jahre später ein noch viel größeres Morden an, das im Zivilisationsbruch des Holocaust mündete.
Die pandemische Situation ist natürlich kein Zivilisationsbruch, aber es gibt wiederkehrende Verhaltensmuster – selbst wenn sich Geschichte nicht wiederholt.
Angesichts der millionenfach jenseits aller Ratio befindlichen Zustände im Lande komme ich auf meine Forderung nach einem Komplettlockdown zurück, die Republik bleibt drei Wochen Zuhause, wer vor die Tür tritt, wird … na ja, ok, da geht mein Zynismus wieder mit mir durch.
Allgemein wird die bürgerliche Demokratie als Ultima Ratio gefeiert, das zivilisatorische Ende der Geschichte. Nur sie könne im Diskurs des freien Willens Konflikte benennen und befrieden. Ich bin gespannt, wann angesichts all der auflaufenden eschatologischen Katastrophen und Bedrohungen die Diskussion auch unter liberalen Philosophen jenseits faschistischer Carl-Schmitt-Denkfiguren einsetzt, ob das wirklich so ist. Wenn die Zivilisation vom Bruch und Untergang bedroht ist und die Demokratie absehbar nicht die Staatsform ist, die das verhindert – was dann…?
Ein fröhliches Wochenende wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

08.11.2021 – Wir waren die zweitkleinste aller Parteien


HAZ, 26.09.1991, zu den damaligen Kommunalwahlen. Der Artikel fiel mir unlängst beim Ausmisten in die Hände und rührte mich aus mehreren Gründen. In ihm wird dokumentiert, dass unsere famose Partei SCHUPPEN 68 nicht nur die erste Satirepartei der Welt war, sondern sogar eine Realsatirepartei. Damals war der Begriff Realsatire noch nicht Phrasenkontaminiert, es ist sogar möglich, dass ich ihn erfunden habe. Die Protagonist*innen von „Die Partei“, die heute unter dem Siegel Satirepartei segeln, waren damals noch nicht mal geboren. Sie gehören als teils gescheiterte Existenzen in Hannover übrigens zu den korruptesten Pöstchenjägern überhaupt. O tempora o mores.
Soweit so nachgetreten. Wichtiger ist die Frage, die sich mir stellt: war das, was ich damals gegenüber der Bürgerpresse abgesondert habe, eigentlich ernstgemeint, Realsatire oder hatte ich einfach nur zu viel gekifft? Ich fürchte fast, ernstgemeint. „Stadtteilorientiert“, wenn ich das nur lese, kriege ich die Krätze: Spießeralarm. „Alternatives Spektrum“: alternativer Spießeralarm. „Ablehnung der EXPO“: linker Spießeralarm. Abgesehen von der Forderung nach preiswertem Wohnraum und dem Erhalt des Kleingewerbes auf dem hiesigen Kiezboulevard steht da an politischer Haltung und gesellschaftlichem Habitus nichts, auf das ich sonderlich stolz wäre. Außer der Tatsache, dass sich danach im Laufe der Jahrhunderte gemäß dem Diktum „Der Kopf ist rund, damit die Gedanken auch mal ihre Richtung ändern können“ bei mir einige Sichtweisen geändert haben. Heute schreibe ich auch in diesem Blog vehement gegen kitschige Kiezmentalitäten, rührseliges Alternativentum und anderen reaktionären Stadtteil-Klimbim an. Diese Mentalitäten haben ihre Quellen in genau jenem Gedankengut, das aus dem Artikel spricht. Natürlich ist der Mann von Welt, und die Frau sowieso, heutzutage nicht mehr stadtteilorientiert, sondern kosmopolitisch. Der Begriff „alternativ“ gehört ebenso wie „Realsatire“ in die Sprachsondermülltonne und „Ablehnung der Expo“ in die Kategorie Rohrkrepierer (Linkes Motto aus dem Widerstand damals: „Expo, wir lieben Dich brennend.“ Mit einem Molly-Bild versehen.)
Die Expo war damals, jenseits aller linken und alternativen Befürchtungen, nichts weiter als eine enorme Förderung des hiesigen ÖPNV, das S-Bahnnetz geht darauf zurück, eine Wohnraumbeschaffungsmaßnahme mit ökologischen Projekten, siehe Kronsberg-Viertel, und ansonsten eine gigantische faszinierende Party. Wo sonst hätte ich in dem Umfang georgische Weine, armenische Cognacs, libanesische Spezereien und Tanzcombos aus aller Frauen Länder kennen lernen können?
Ich schätze mal, dass der überwiegende Teil meiner Bekannten nicht ein einziges Mal auf der Expo war, aber trotz dieser spektakulären Unkenntnis bis heute behauptet: Die Expo war Scheiße.
Das ist die Essenz von Spießertum: Getreu dem Motto „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ sich vorsichtshalber auf nichts einlassen, was das eigene Ressentiment auch nur ankratzen könnte.
Für Euch aber, die Ihr nachgeboren seid, noch dieses zum Artikel: GABL sind heute die Grünen, die Nazis waren damals genauso drauf wie heute, nur viel, viel weniger, die Linke Liste gibt’s nicht mehr, der hat SCHUPPEN 68 den Garaus gemacht. Und wir waren die zweitkleinste aller Parteien. Bei aller berechtigten Selbstkritik: Ein feines Projekt. Ich bin geschüttelt.
Sie wissen schon, James Bond: Geschüttelt, nicht gerührt!