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13.12.2017 – Muss ich mir das antun?

Aktion-Wohnen-Mahnwache
Aktion und Mahnwache vor der Marktkirche auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover
rathaus
Feierlicher Empfang im Rathaus Hannover anlässlich der Verabschiedung eines Verbandsoberen.
Die Aktion auf dem Weihnachtsmarkt fand mit der Gruppe Gnadenlos Gerecht bei eisigem Wind, Schneetreiben und dummen Sprüchen von saturierten Spiesser*innen statt. Details hier.
Der Empfang im Rathaus kurze Zeit später mit lauter Prominenz wie Sozialministerin, Bürgermeistern, Abgeordneten, Verbandschefs etc. pp., inklusive feinstem Fingerfood und edler Getränke, bei jeder Menge Smalltalk und Netzwerkarbeit (vulgo: Strippenziehen).
Bei beiden Anlässen würde manch Zeitgenossin, aus unterschiedlichen Gründen, abwehrend die Hände heben und sagen: „Das muss ich mir nicht antun. Da würde ich mich unwohl fühlen.“
Ich könnte nun argumentieren: Beides gehört zu meinem Job, da musste ich zähneknirschend durch, wenn man den Job politisch auffasst und politisch was bewegen will, muss man da notgedrungen mitmachen. Stimmt irgendwie. Ist aber nur die halbe Wahrheit. Auch wenn ich mir bei der Aktion derartig den Arsch abgefroren habe, dass ich den Rest des Tages nur noch auf der Wärmflasche zubrachte, und während des Empfangs mir mitunter während selbstgefälliger, elend langweiliger Reden von alten Säcken die Ohren vor Pein geblutet haben: Ich hab Beides genossen. Beide Veranstaltungen waren auf ihre Art ideale Inszenierungen einer spätbürgerlichen Gesellschaft, auf dem Höhepunkt ihrer Selbstvergewisserung. Was aber auch heißt: Im Abstieg begriffen. Von nun an geht’s bergab.
Und ich liebe nicht nur gute Weine, leichte Gespräche und Kungeleien, ich liebe auch das Adrenalin, das dazugehört, wenn man Teil einer dramatischen Inszenierung ist. Mitten drin im Leben. In der Kiste liege ich noch lange genug. Für mich ist die achte der Todsünden: Langeweile. Insofern: geile Show.
Die von der realen Lage natürlich ablenkt. Immer mehr Menschen werden obdachlos. Neulich fanden an einem Abend in Hannover vor tausenden Zuschauern Veranstaltungen mit einem homophoben Antisemiten namens Xavier Naidoo, und Blut und Boden-Rammstein Epigonen namens Völker(!)ball statt. Neofaschistische Ästhetik im Mainstream der Jugendkultur.
Und in Berlin wütet palästinensischer Mob mit „Tod den Juden“ Parolen ungestört auf den Straßen. Wieso bildet die Polizei da keinen Kessel? Wieso wird da keine Anklage erhoben gegen die Täter*innen? Und wieso werden die dann im Zweifel nicht ausgewiesen? Antisemitismus ist inakzeptabel, bei aller Konsequenz und Härte des Rechtsstaates.
Der Blick auf die Realität ist so frustrierend, dass ich mich schon wieder auf die nächste Inszenierung freue. Ideal fände ich eine Hybridveranstaltung:
eine Stunde draußen „Spießer ärgern“ Action bei eisiger Kälte, dann alle rein in den warmen Festsaal und ordentlich Schampus abpumpen. Ohne Ansprachen.

06.12.2017 – Letztlich ist doch eh alles Sackkarre.

no-pasaran
SCHUPPEN 68 Performance No pasaran = „Sie werden nicht durchkommen“, ein Appell von Dolores Ibárruri angesichts des Vormarsches der Franco-Faschisten im spanischen Bürgerkrieg. Der Ausspruch gehörte später, post 68, zur linken Folklore. Wann immer sich irgendwo „Bullenschweine“ (O-Ton 70er ff.) formierten, fand sich so sicher wie das spätere Amen der Geläuterten in der Kirche ein Hygienereduziertes Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (siehe Winfried Kretschmann, Grüne, MP. MP ist aber nicht die Waffe im revolutionären Volkstanz, sondern der MinisterPräsidenten-Job nach dem gaaaanz langen Marsch durch die Institutionen) oder ein KPD-AO Mitglied (siehe Antje Vollmer, Grüne), das diesen Spruch Mantramässig vor sich hinröchelte wie der Tibeter sein „O nani padme hum.“
Das Foto oben ist von einer Performance aus den 80ern. Auslöser für die Performance: Einerseits habe ich einen unstillbaren Hang zur Rechthaberei, aus dem heraus ich noch Jahrzehnte später gegen derartig geläuterte Biederbacken wie Kretschmann oder Vollmer nachtrete, indem ich sie durch den Kakao oder Schneematsch ziehe, also Existenzen, die ich eigentlich post 68 schon für nichtsatisfaktionsfähig gehalten habe.
Andererseits kann ich mich erinnern, dass wir den Schneemann mit einer Sackkarre vor das hiesige SPD Parteibüro gekarrt haben und ihn dort dem Tauwetter anheimgaben. Symbolgehalt der Aktion: Sobald ein warmer Gegenwind aufkommt, schmilzt der Widerstand der SPD dahin wie Schneemann im Föhn. Egal, worum es geht.
Jaja, wenn der Opa von seinen wilden Jahren erzählt.
Damals konnte man noch wütend auf die SPD sein. Heute aber ist die Tragödie des Arbeiterverrats zur Farce der Hanswurste verkommen.
Das dicke Ende kommt immer zuletzt und es trägt den Namen Lars Klingbeil. Lars Klingbeil Jahrgang 1978, Generalsekretär der SPD. Das neue Gesicht der SPD. Lars Klingbeil ist ungefähr so taufrisch wie das Mesozoikum und redet, dass selbst August Bebel mitten im August in Winterschlaf gefallen wäre. Wäre die SPD eine Sitcom, wäre Lars Klingbeil der running gag, der, der immer gegen verschlossene Türen rennt. Es ist aber die Geschichte einer griechischen Farce.
Die SPD kann machen was sie will, den freien Fall in Richtung 5 Prozent hält weder Ochs noch Esel auf. Die Zukunft der SPD sind ihre ehemaligen MPs Torsten Albig, jetzt DHL Lobbyist in Brüssel, und Hannelore Kraft, jetzt Aufsichtsratsmitglied des Steinkohlekonzerns RAG: Nichts wie weg vom sinkenden Schiff und ran an die Silberlinge, es werden mehr als 30 sein.
Von dem Schlag ist die gesamte Führungscrew. Wo wäre da jemand von der moralischen Integrität eines sagen wir mal Rudolf Dreßler? Ich sehe nur Grottenolme und Schachtelhalme. Deshalb wird die SPD den Weg der Partei BHE – Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten gehen, in den Orkus der Geschichte.
Andererseits: wer bin ich, soviel Steine aus dem Grasshaus zu werfen. Zu derartiger Peinlichkeit wie bei rotgrün reicht es bei mir allemal. Ich war damals, also post 68, undogmatisch linker Sponti (Google-Tipps zur Vertiefung für die Nachgeburt: „Mescalero und Stadtindianer“. Wir Spontis trafen uns im Hauptgebäude der Uni, was schon mal nicht soo verwegen revolutionär war wie unsere Ansichten, eine Gruppe gleichgesinnter „Stadtindianer“. Und diskutierten allen Ernstes, mit Pfeil und Bogen durch die Stadt zu vagabundieren und für Aufruhr zu sorgen. GOTT, wie peinlich war das denn?! Kein Wunder, dass die eine Hälfte von uns in der Psychiatrie landete und die andere Hälfte …. Schwamm drüber. Heute, mit fundierterer Kenntnis – und Praxis – von Dada, der Situationistischen Internationalen und der Kommunikationsguerilla sehe ich das mit dem Pfeil und Bogen etwas positiver. Und falls sich ein paar Kumpels (es war nur eine Frau dabei) von damals, gerne auch Psychiatrie-erfahren, melden: ich wär dabei. Letztlich ist doch eh alles Sackkarre.
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03.12.2017 – Mein AfD Parteitag

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Sieht das nicht zauberhaft aus? Verwunschen und romantisch?
NEIN, tut es nicht. Das sieht beschissen aus! Nach Winter, Kälte, Glätte, Oberschenkelhalsbruch, Tod. Ich hasse den Winter. Wer braucht den und welchen volkswirtschaftlichen Nutzen hat er? Ich kann einer Winterlandschaft nicht den geringsten ästhetischen Reiz abgewinnen, weil ich es gewohnt bin, durch die Oberfläche der Dinge zu schauen und ihren Kern zu erblicken. Die Erscheinung der Dinge von ihrem Wesen trennen zu können, das macht letztlich Zivilisation aus. Also ich hege bei diesem Anblick nur den sehnlichen Wunsch: Tau wech den Scheiss. Und ansonsten Rucksack packen, ab in Flieger, Ökobilanz versauen und paar Tage an der Algarve abhängen. Da scheint gerade die Sonne bei 20 Grad, Wasser dürfte auch noch so viel haben, jetzt ist es da leer, die Orangen sind reif, die Störche klappern, der Portwein ist günstig …. Also es braucht nicht viel, um mich glücklich zu machen.
Bei diesem deprimierenden Blick aus meinem Fenster fielen mir alle meine Sünden wieder ein. Gestern an der Öffi-Haltestelle im Kiez treffe ich einen Freund.
Er: „Schön, dann können wir ja zusammen zur Anti AfD Demo fahren.“ Hier ist ja gerade der Parteitag dieser Bande.
Ich: „Äh, nee, ich fahr da nicht hin.“
Er: „Wieso das denn?“
Ich: „Ich fahr nach Lüneburg, zum Weihnachtsmarkt.“
Ein paar nicht druckreife Schmähungen später versuchte ich, ihn mit sachdienlichen Hinweise aus meiner jahrelangen Demo-Praxis milder zu stimmen: „Es gibt da mehrere Demo-Blöcke. Wenn Du Wasserwerfer vermeiden willst, geh zum DGB Block.“
Er: „Da ist immer so langweilig.“
Ich: „Vielleicht singt der DGB Chor ja da.“
Er. „Dann verklage ich die Veranstalter wegen Körperverletzung.“
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Lüneburg war dann doch noch sehr nett. Es war ein Ritualtreff mit Uralt-Freund*innen, man ist ja froh über jede, die noch laufen kann. Aber ein bisschen gefuchst hat mich das doch mit dem Treffen an der Haltestelle. Wozu hat man eigentlich Freunde, wenn sie selbst dann da sind, wenn man sie mal nicht braucht?

01.12.2017 – Es geht immer nur um die Sache

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Meine „Gerhard Schröder goes Cohiba“ Performance bei der 1.-Mai-Feier 2000.
Das war unter anderem eine Anspielung darauf, dass der Parvenü Gerhard Schröder sich mit Mitteln prahlerisch präsentierter Distinktion von der Herkunft aus seiner Klasse emporkömmlingte. Schröders Mittel waren, in medialer Inszenierung öffentlich vermittelt, unter anderem Barolo Rotweine (überschätzt), Brioni Anzüge (überteuert) und Cohibas (Schröders Solidarität mit Cuba)… Schröder heute im TV zu sehen, bereitet mir körperliche Pein. Der Mann sieht aus wie ein Lude (Sorry, liebe Zuhälter). Vollkommen degoutant. Da entwickle ich beim Anblick von Angela Merkel ja vergleichsweise libidinöse Gefühle.
Dinge wie Cohiba, Brioni und Barolo waren (und sind?) den Kolleg*innen meiner Gewerkschaft, der IG Metall, böhmische Dörfer mit sieben Siegeln. Das ist im Prinzip nicht tragisch, stünde es nicht symbolhaft für einen derartig bedauernswerten Mangel an innergewerkschaftlicher Lernfähigkeit und Lebenswelten-Tauglichkeit, dass ich irgendwann meine Mitarbeit da eingestellt habe, auch wenn ich in der Sache bis ans Ende aller Tage, derer noch nicht Abend ist, Gewerkschafter bin.
Ich kann mich noch an zauberhafte Konflikte mit der hiesigen Gewerkschaftsführung Anfang der 2000er erinnern. Die Grundkonstellation:
Auf der einen Seite war (ist?) die IGM eine stalinistisch geprägte Organisation, nicht wegen der Inhalte, sondern ihrer Verfasstheit wegen und der Umgangsformen miteinander:
Kaderförmig organisiert, Prozesse laufen top down und der innergewerkschaftliche Umgang mit dem internen Gegner war von teils hasserfülltem Vernichtungswillen geprägt.
Auf der anderen Seite ich, lasse mir von niemandem was erzählen, und gehe keinem dienstlichen oder projektmäßigen Verbal-Raufhandel aus dem Wege. Viel Feind, viel Ehr.
Im in Rede stehenden Fall, es ging um Projektmittel, meinte die damalige Geschäftsführung mir gegenüber einen übergriffigen Ton anschlagen zu können. Das klärte ich in wenigen Sekunden in deutlichen Worten, in tendenziell orkanartiger Lautstärke. Das war ungewöhnlich in einer derart autoritätsfixierten Organisation. Die folgenden Minuten erinnerten eher an eine Vollversammlung von Brüllaffen. Irgendwann trug ich meinen drei Kontrahenten den Götz von Berlichingen an und verließ den Sitzungssaal, der am Ende eines langen Ganges mit den Zimmern der Mitarbeiter*innen lag. Mir bot sich ein skurriler Anblick: Alle Mitarbeiter*innen standen mit halboffenen Mündern lauschend auf dem Gang. Dann huschten sie in die Zimmer, als ich die Tür aufriss und rausstampfte.
Bei der nächsten Sitzung stand als erstes der damalige Vorsitzende auf und schloss alle geöffneten Fenster, mich mit den Worten adressierend:
„Lieber Kollege, ich denke, wir sind uns alle hier einig: es geht doch immer nur um die Sache.“
Und die Erde ist eine Frisbee Scheibe und ich bin Immanuel Kant. Ich kriegte die Projektmittel, weil ich als damaliger Delegierter mit einer Kampfabstimmung über das Projekt in der nächsten Delegiertenversammlung drohte. Organisationen hassen demokratische Abstimmungen, deren Ausgang nicht vorher feststeht.
Es kommt mittlerweile kaum noch vor, dass jemand mit einem derartig surreal weltfremden Spruch hausieren geht: „Es geht mir nur um die Sache.“ Wenn doch, muss ich herzlich lachen oder mir sträuben sich die Nackenhaare. Wer sowas äußert, sagt auf der Meta-Ebenen etwas viel Wichtigeres: „Ich werde niemals über jenseits der Sachebene auftretende Konflikte reden“.
Da gibt es nur zwei Varianten: Projekt beerdigen oder zukünftig per ordre du Mufti vorgehen. Top down.
bsirske
Damals hab ich solche Performances noch für lau, auch für Promis (dieser hier trägt auch 2017 noch den Porno-Balken), gemacht. Ich war Überzeugungstäter. Bin ich heute auch noch.
Aber nicht unter 500 Euro.

28.11.2017 – Ich hoffe, Sie verzeihen mir

Nun, Leserinnen, gebt fein acht,
Ich hab‘ Euch etwas mitgebracht.
zwerg
Es ist eine Transgender-Zwergin aus meinem Garten,
er/sie/es mag es gerne hart, hält nichts von der sanften Tour, der zarten.
In beiden Fäusten Stangen, munter.
Oben die Volksbank, die SPD ist dann darunter.
Die SPD steht Kopf. Das ist famos.
Am Baumstumpf drunter klebt viel Moos.

Wenn Wind kommt, dreht die SPD sich rasend schnelle,
Dann klappert‘s laut. Doch kommt die SPD nicht von der Stelle.
Des Nächtens wird die Transgender-Zwergin dann vermöbelt.
Er/sie/es stöhnt laut und oft und mein Nachbar pöbelt
was von wegen Ruhestörung und so weiter.
Ich seh‘ das Ganze eher heiter.

Und wundere mich, was das Gedicht für eine Wendung kriegte.
Weil offensichtlich wieder mal der Schabernack bei mir obsiegte.
Es sollte dieses Bild nur in den Blog.
Und auf Verstand und Sinn hatt‘ ich grad heute keinen Bock.
Deshalb, und nur deshalb, steh‘n diese Zeilen hier.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir.

26.11.2017 – „So viel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen. Modul 1: Wahrnehmung.“

plakat
Auch eine Art von Wahrnehmung. Das Plakat hängt seit Jahren im Hausflur, ich guck da vermutlich sechsmal am Tag drauf, nehme es aber nicht mehr wahr. Gestern brachte mir ein DHL-Bote ein Paket, sah das Plakat und fing laut und lange an zu lachen, er freute sich dermaßen ansteckend, dass ich am Ende mitlachen musste.
Was lernen wir aus dieser kleinen Geschichte, liebe Leserinnen, wenn wir uns auf den Weg in ein eigenes Leben machen? Unsere Existenz gründet auf einer Kette von Wahrnehmungen. Wenn wir uns unser Selbst und unserer Welt gewahr werden wollen, müssen wir wahrnehmen. Der erste Schritt auf dem Weg in ein eigenes Leben beginnt mit „Wahrnehmung“. Die gilt es zu trainieren und schon sind wir im praktischen Teil unseres kleinen Ratgebers. Wir fangen nicht mit der Königsdisziplin der Wahrnehmung an, der Selbstwahrnehmung. Nicht, dass uns am Beginn der Reise da jemand begegnet, den wir nicht leiden können.
Ein Scherz, wir haben uns alle lieb. Das ist das erste Gebot. Zu den 6 anderen obersten Geboten auf unserer Reise kommen wir später. Der Scherz soll nur darauf hinweisen, dass es hier nicht allzu bierernst zugehen soll.
Wir fangen in kleinen Trippelschritten an, mit der Schulung der Außenwahrnehmung. Wie nehmen wir die Welt wahr, die uns täglich umgibt, und wie gehen wir mit dieser Wahrnehmung um? Meistens achtlos, aber das können wir uns abtrainieren. Jede von Ihnen hat irgendetwas alltägliches in der Welt da draußen, was sie anzieht, abstößt, irritiert, stört, erfreut, wütend macht …Werbeplakate, überquellende Abfallbehälter, Spatzen, Sonnenuntergänge, röhrende Autos, Schaufenster mit Schmuck, Speisekarten vor Lokalen, was auch immer. Machen Sie von diesen sich wiederholenden Gegenständen eine Serie von Fotos mit Ihrem Smartphone (entsprechend dem Prinzip der seriellen Kunst). Und beobachten Sie, was das mit Ihrer Wahrnehmung macht.
telefonzelle
Mein Gegenstand zur Zeit: Telefonzellen. Hier in Berlin am U-Bahnhof Sonnenallee. Dort bat mich vor einiger Zeit jemand mit einer Behinderung, ihm Münzen in einen Schein zu wechseln. Er zog sich mit dem Schein in die Telefonzelle zurück, legte sich auf der Leiste unter dem Apparat eine Linie Koks und zog die mit dem eingewechselten Schein durch die Nase. Das war für ihn wohl so am bequemsten, weil er sich kaum bücken konnte. Seitdem sehe ich die ohnehin verschwindenden Telefonzellen, die eh Artefakte einer untergegangenen analogen Zeit sind, mit anderen Augen. Und fotografiere sie. Das trainiert die Wahrnehmung meines bevorzugten Soziotops, der urban-prekär-subkulturellen Szenen.
Ende von Modul 1. Irgendwann gibt es mehr. Wenn ich das Ganze nicht in einen Bestseller verwurste. Oder für Grete Tofu, dem Pendant von Hans Wurst: vergemüse.
Nachtrag zum Plakat oben: Der Auftritt war eine vierstündige Legende im alternativen raum 2. Wir spielten auf Abendkasse. Reinerlös nach Abzug von Fahrt- und anderen Kosten: 2 Euro. Das Geldstück liegt heute noch in meinem Regal. Ich brauchte drei Tage, um mich von dem Auftritt zu erholen. Danach hängte ich meine Karriere als Subkultur-Kabarettist an den Nagel.
Eine Frage der ehrlichen Selbst-Wahrnehmung. Charmanten Start in die Woche, liebe Leserinnen.

25.11.2017 – Ich schaue gerade aus dem Fenster

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7 Grad, Niesel, Wind von achtern, Trübnis. Da hilft nur eins, um die Laune zu verbessern: Der Blick in den Wirtschaftsteil der Bürgerpresse. Der Ifo Geschäftsklimaindex, also die Lage der Nation in Sachen Wirtschaft, ist so hoch wie nie seit 1969. Es geht uns nicht nur gut, sondern GOLD! Ich werde also nachher auf den Straßen tanzen, Konfetti streuen und Freudentränen vergießen. Was war da eigentlich los, 1969, beim letzten Rekordhoch?
Wir hatten mehr als Vollbeschäftigung, eine Arbeitslosenquote von 0,9 Prozent, die Armutsquote sank seit 1963 kontinuierlich, die wilden Septemberstreiks legten die Grundlage für Lohnerhöhungen anfangs der 70er von über 10 Prozent und der Ex-Außenminister und spätere Lobbyist für Siemens, RWE und BMW, Joseph Fischer fing an, sich warmzulaufen fürs „Bullen“verprügeln im Rahmen seiner militanten APO Karriere. Die früheren Väter der taz, jetzt FAZ Abonnenten, dachten sich allerlei revolutionären Hokuspokus und Mumpitz aus, kurz, es herrschte eitel „Brüder zur Sonne“nschein in der BRD. Die Schwestern rüsteten dann auch nach.
Und heute?
Heute haben wir den IFO noch höher als 69, eine Rekordarmutsquote von 16 %, eine Unterschäftigungsquote von über 10 %, weit über 10 Mio. Menschen wollen mehr, nämlich existenzsichernd, arbeiten, dürfen aber nicht, ab und zu streikt mal ein Lokführer oder Flugkapitän und 2016 hatten wir im Schnitt pro Tag 10 Übergriffe von Neonazis gegen Flüchtlinge und deren Unterkünfte.
Ich schau gerade aus dem Fenster.
Ich lass das mal mit dem Tanzen auf den Straßen, nicht, dass ich es noch im Kreuz kriege. Und alle Leserinnen, die auf konkrete Hinweise für den Weg zum eigenen Leben gewartet haben, muss ich auf den nächsten Blogeintrag vertrösten.
Aber ich hab da einiges in der Pipeline. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss: So einen Ratgeber zu schreiben wäre keine schlechte Sache. Ich wollte nächstes Jahr in meiner Berlin-WG sowieso mehr für mich selber machen, auch schreiben zum Beispiel, und bevor ich hier für lau so einen Blog vollkritzele, kann ich doch gleich dem Trend folgen, ins Ökonomische gehen. Ein paar 10.000 Ocken zusätzlich sind doch nicht verwerflich. Ich hör hier mal auf, muss pinkeln, aber grundsätzlich ist die Sache klar:
Non olet.

24.11.2017 – „Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“

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Dialog auf unserem Hausmitteilungsbrett von 1998. Ein früher alternatives Hausprojekt, in dem es oft lebendig zuging, bis hin zu Geburten. Ob es sich bei der in Rede stehenden Zange um eine Grillzange oder ein Geburtshilfe-Instrument handelte, entzieht sich meiner Erinnerung. Ich ordnete gerade gescannte Papierfotos aus der guten, alten, analogen Zeit ein. Da fiel mir das in die Hände. Mich gruselt es ein wenig, wenn ich die ganzen Leute darauf sehe, die mittlerweile gestorben sind, vor der Zeit, wie man so sagt.
Was fast automatisch zum Cliffhanger vom gestrigen Blogeintrag führt, der Frage nach einem guten, nach dem „eigenen“, also autonomen Leben. Es gibt ein Leben vor dem Tod und das will genutzt sein. Für viele Menschen ist ein gutes Leben ein Leben, was jederzeit vollkommen im Rahmen der Erwartungen und innerhalb fester, enger Normgrenzen bleibt, jederzeit planbar und vorhersehbar. Daran ist überhaupt nichts auszusetzten. Im Gegenteil, was für ein Chaos würde herrschen, meinte jede, sich allzeit abseits von Normen und Werten zu halten, sich permanent selbst verwirklichen zu wollen, mit den Mitteln der Kultur gar. Eine ganz und gar schreckliche Vorstellung.
Allerdings produziert der Zusammenprall von Anpassung an Normdruck einerseits und Sehnsucht nach Individualität und Originalität anderseits Kosten: Psychische und gesamtgesellschaftliche. Das hiesige Schlafmittelgetränkte Zentralorgan für Biedermann & die Schnarchsäcke, die Hannoversche Allgemeine, hat seit Tagen eine Dauerbeilage unter dem Thema „Sicherheit“. Sicherheit vor Kriminalität, vor Geldverlust, vor Krankheit, vor Wanderraten, vor dem Leben, was weiß ich. Es ist ganz und gar gruselig, seitenlang, jeden Tag. Was für eine Angst muss in unserer Gesellschaft, die für die Mehrheit die Sicherste ist, die wir je hatten, herrschen. Was für eine Sehnsucht nach einem eigenen Leben.
Diese Angst produziert Aggression, Ausgrenzung, Wut auf das Fremde. Auf Flüchtlinge, auf Obdachlose, auf Andersdenkende, auf Juden, auf Falschparker, auf alles, immerzu.
Wäre ich noch zynischer als ohnehin, hätte Zeit und bräuchte das Geld, schriebe ich einen Lebenshilfe-Ratgeber in Richtung
„Soviel bin ich mir wert! Mein Weg in ein eigenes Leben in 16 Modulen.“
Oder so ähnlich. Auflage 200.000. Mindestens. Solch Zeug verkauft sich wie geschnitten Brot. Ich hab aber keine Zeit. Ich habe eine bestimmte Vorstellung, was mögliche Grundlagen für ein eigenes Leben sein können. Für mich gehört dazu, das Leben als Inszenierung zu begreifen, so zu leben, dass man am Ende des Tages, des Jahres eine Erzählung hat, eine Geschichte – Geschichten, Bilder, die aneinander gereiht eine eigene Dramaturgie aufweisen. Um dem nachzuspüren, was das für einen selber bedeuten kann, wie das konkret aussehen soll, hilft ein Tagebuch. Jeden Tag 100 Wörter, das schafft Disziplin, Struktur, Perspektive und Ideenproduktion im Kopf. Das Leben verfertigt sich sozusagen im Schreiben. Soviel Zeit muss sein.
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So geht’s auch. Die Sorge um die eigene Katze. Meiner ging’s damals, 1998, offensichtlich schlecht. Also ab ins Bett, mit Wadenwickel und Hustentee. Das Bild wird keine 10 Sekunden Bestand gehabt haben, dann dürfte das Tier zeternd und tobend in den Garten geflohen sein. Auch schon lange tot. Aber weit nach ihrer Zeit, die ist bei meiner Pflege. auf Menschenjahre umgerechnet, 110 geworden.
Im nächsten Blogeintrag wird es konkreter, wenn es um das eigene Leben geht.
Bleiben Sie drin!

23.11.2017 – Was ist eigentlich ein gutes Leben?

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Großes Auto – gutes Leben?
Was macht ein gutes Leben aus? Gesundheit, gute Beziehungen, ausreichende finanzielle Mittel, befriedigende Arbeit, sonnige Urlaube, Ruhm und Ehre, Friede auf Erden …
Es gibt einige grundlegende Bedingungen (plus individuelle Sonderwünsche), die erfüllt sein sollten, damit jede*r von einem guten Leben sprechen kann. Das ist nicht so schwer zu bestimmen. Anders als bei den Kategorien „glückliches Leben“ oder gar „Was ist eigentlich ein eigenes Leben?“ Also ein selbstbestimmtes Leben jenseits von standardisierter Existenz in einem Wüstenrot-Eigenheim, mit 1,34 Kinder, einem Golf im Carport, 1,27 Lebensversicherungen, einem Druck von Dali über der Sitzgarnitur und einem Amazon-Einkaufsschema, dass mit drei Algorithmen abzugreifen ist. Früher hätte man dazu gesagt: Mit einem Leben aus dem Versandhauskatalog.
Aber diese Metapher ist binnen weniger Jahre so obsolet geworden, wie die, die ich vor 27 Minuten im Deutschlandfunk über die anstehenden Entlassungen bei Siemens gehört habe: „In Görlitz stehen 800 Siemensianer in Lohn und Brot.“
Blödsinn. Wenn überhaupt, kriegen die meisten Siemensianer*innen Gehalt und keinen Lohn, und grundsätzlich ist im ERA (Entgelt-Rahmen-Abkommen) Vertrag von 2003 zwischen Arbeitgebern und IG Metall die Trennung zwischen Lohn und Gehalt aufgehoben: Es heißt Entgelt.
Und es geht für die Kolleg*innen nicht um Brot, also das tägliche Überleben, wie in den Zeiten des Manchester Kapitalismus. Bei „uns“ verhungert keine mehr. Es geht um den Ratenkredit der Leute für ihr Wüstenrot-Eigenheim.
Ich soll mich nicht so anstellen, das ist doch nur eine Metapher? Von wegen. Unsere Sprachebene bildet unsere Bewusstseins-Ebenen ab und Metaphern von „Lohn und Brot und Versandhauskatalog“ zeigen, dass die Verwenderin nicht begriffen hat, in was für einem fundamentalen gesellschaftlichen Wandel wir uns befinden im Zeitalter von Digitalisierung und sozialen Medien. Wenn einer erstmal Verständnis von Modernisierung und Wandel ausgeht, folgt bald die Sprache und am Ende bleibt Wut & Angst.
Was das bedeutet?
Gucken Sie sich mal die Verbrauchskurven von Psychopharmaka an, den Anstieg von Angsterkrankungen, die Wahlergebnisse der AfD und den Ton in den gesellschaftlichen Diskursen.
Auf der Suche nach Originalität und Individualität, also nach einem „eigenen“ Leben, nennen immer mehr Menschen ihre Kinder nach Helden aus TV Serien wie „Games of Throne“. Bei Hochzeiten gehört oft der Transport in überlangen Hochzeitsautos dazu (siehe Foto oben). Aus Gründen der Originalität und Individualität. Ich gehe jede Wette ein, dass solche Ehen ein extrem kurzes Verfallsdatum haben. Es ist erwiesen, dass Ehen, die massenhaft an so originellen und individuellen Daten wie dem 11.11.11 oder 09.09.09 geschlossen werden, signifikant eher geschieden werden als normale.
Ich bin old-fashioned. Ich würde meine Kinder nach der Serie „Augsburger Puppenkiste“ benennen: Blechbüchsenarmee Rolle Roll Roll.
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Und im nächsten Blogeintrag erfahren Sie, liebe Leserinnen, mehr über das Geheimnis: Wie führe ich ein eigenes Leben?
Bleiben Sie drin!

21.11.2017 – Einen Hoch auf gesunde Sexsüchte!

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Können Sie mir sagen, wo auf dem Bild sich Bohnenkraut befindet? Sehen Sie. Ich auch nicht. Bohnenkraut ist mein Lieblingskraut. Passt nicht nur wunderbar in die Küche, sondern entfaltet als Highlkraut saagenhafte Wirkung. Es hilft gegen Husten, Leberprobleme, Durchfall und, Zitat: „ .. Beeinträchtigungen der Libido, Erektionsstörungen oder ungesunde Sexsüchte …“ Jedes Kraut in meinem Garten, und da gibt es viele, hat ein Motto. Am Bohnenkraut steht: „Einen Hoch auf gesunde Sexsüchte!“
Sein Wuchs ist allerdings überschaubar und da ich in meinem Garten weder Kräuterbeete anlege, auch kein durchstrukturiertes Ordnungssystem pflege mit beschrifteten Tafeln oder die Pflanzen mit Chips zwecks GPS Ortung versehe, ist da ein Durcheinander, dass man nix findet. Jedenfalls nicht das Bohnenkraut.
Naturmässig ist das alles so ineffizient, nicht Ertragsoptimiert, dass man sich fragt: Wie konnte sich sowas unlogisches, chaotisches und anarchistisches wie die Natur am Markt überhaupt durchsetzen? Am Kapitalmarkt würde die Natur keinen Tag überleben! Aber bei mir im Garten auf üppige Hose machen, wucher, wucher.
Ganz anders als das spärliche und unsichtbare Bohnenkraut dagegen Rosmarin und Salbei. Hilft nicht gegen ungesunde Sexsüchte und braucht zum Kochen keine Sau, wenn überhaupt, nur in winzigen Dosen. Ein Zweig Rosmarin zu viel an der mediterranen Gemüsepfanne oder ein Blatt Salbei am Saltimbocca und man kriegt sofort die berüchtigte Rosmarin-Salbei-Pelz-Fresse. Igitt. Aber wachsen tut das Zeug als ob es dafür bezahlt würde.
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Rosmarin, unübersehbar. Ist immerhin immergrün und ein paar Doppelzentner nehme ich für Rosmarinöl. Mit gutem Olivenöl die Zweige bedeckt in einem dunklen Gefäß paar Monate ziehen lassen ergibt ein ideales Mittel gegen Entzündungen und andere Gebresten. Sobald auch nur ein Hauch von Entzündung an oder in meinem Körper in Sichtweite kommt, wird sofort die Rosmarinöl-Kanone aufgefahren
Meine Sicht auf die Natur wird ja von der FDP geteilt. Natur als schwer planbarer reiner Kostenträger, daher bloß keinen Klimaschutz. Gut, dass sich unsere SUV- und Flugreisen-Gesellschaft eh entschieden hat, Natur etc. über den Jordan gehen zu lassen. Was da in den Koalitionsverhandlungen verkaspert wurde in Sachen Klimaschutz würde auch in der extremsten Form nicht ansatzweise dafür reichen, eine Prozess-Umkehr bei CO2 Emissionen in die Wege zu leiten. Also muss sich keine über vertane Chancen ärgern und ich find’s alles wieder lächerlich und plane meinen nächste Urlaub.
Flugzeug. Was sonst.