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06.05.2021 – Vom Winde verweht


Den Zwerg hat’s bei den Stürmen der letzten Tage umgehauen. Das Bild hat irgendwie Symbolkraft. Wenn sich der Pulverdampf der Seuchenschlachten verzogen hat, werden die Opfer sichtbarer. Dazu gehören mit Sicherheit die ohnehin kläglichen Reste der Linken, Parteigebunden (die Partei „Die Linke“ taumelt zusehends in Richtung 5 %-Hürde) oder nicht. Von einer wie auch immer gearteten kulturellen Hegemonie ist die Linke hierzulande Lichtjahre entfernt, anders als früher, wo die Internationale und ähnlicher Revolutionskitsch zum guten Mainstream-Ton von Kulturbolschewisten und Feuilleton-Radikalinskis gehörte. Der Wegfall der Systemkonkurrenz im Osten hatte ein Riesenheer von Renegaten erzeugt, das umstandslos das Fähnchen in jenen Wind hängte, der in Richtung Neoliberalismus und Irrationalismus wehte.
Es gab und gibt viele, auch gute Gründe, den Sozialismus nicht für das Gelbe vom Ei respektive das Rote von der Fahne zu halten. Zu diesen Gründen gehören sicher nicht Opportunismus und Mainstreamverhalten, also das zu tun, was alle tun. Allein das wäre für mich persönlich ein Grund für ein „Jetzt erst recht links“: Niemals besinnungslos mit einer Horde Renegaten-Lemminge in die gleiche Richtung, nämlich Abgrund, rennen. Man macht sich nicht gemein.
Ein paar blieben bei der Fahne und diese Fahne wird offensichtlich als Folge von Corona-Collateralschäden derartig vom Wind des Irrationalismus zerzaust, dass sie als Orientierungspunkt nicht mehr dient. Rund um den 1. Mai tritt der Verfall der Rest-Linken katalytisch in Erscheinung. Beispiel: Eine sogenannte „Freie Linke“ betrachtet sich explizit als Linker Flügel der Querspinner-Nazis. Unter dem roten Lack riecht es schon nach brauner Kacke. Gespräche mit Linken werden zunehmend je unerfreulicher, je eher jene zum eigenen sozialen Umfeld gehören. Da wird die Wirksamkeit von Masken geleugnet, vom Merkel-Regime gefaselt, von staatlich verordneter Unterdrückung von Meinungsfreiheit in den Medien deliriert, von massenhaften Langzeitschäden nach Impfungen geraunt, das man meint, eine entvölkerte BRD steht ante portas. Wenn es nur so wäre, raunt der Zyniker in mir immer öfter angesichts solcher Hilfeschreie, und anders ist derartiger Irrationalismus nicht zu deuten.
Wissenschafts- und Evidenzfeindlichkeit aller linken Orten. Es gibt so etwas wie eine Erkenntnis nach derzeitigem Stand des Wissens und der Technik und mit dieser Maxime sind wir bisher in der Moderne summa sumarum ganz ordentlich gefahren. Aber nun in Seuchenzeiten gehört es zum guten linken Hobby-Virologen-Ton, 99,9 Prozent aller Expertinnen-Verlautbarungen anzuzweifeln und als Weisheit letzter Schluss aus den obskuren Tiefen des dreimal verfluchten Internets eine Veröffentlichung eines anderen Hobbyvirologen hervor zu zerren, nach der einer nach der Impfung mit Biontech in 60 Jahren Pickel auf der Nase wachsen.
Früher, in unseligen Zeiten, hieß es für „fehlgeleitete“ Intellektuelle: Ab in die Produktion, um Basiserfahrung und Einsicht zu erlangen, und damit zurück auf den rechten, nämlich den linken Weg zu kommen. Heute sollte es für die von mir skizzierte Verfalls-Restlinke lauten: Ab in die Intensivstationen und die Genossin Krankenschwester unterstützen (den Bruder auch). Der Geschmack der Wirklichkeit ist heilsamer als nächtelanges Surfen im Netz und stundenlange Buch- und Zeitungs-Lektüre.
Manchmal denke ich, das Schlimmste steht uns noch bevor, wenn die Seuche vorbei ist.

02.01.2021 – Beatz und Rote Fahnen


2021. Keine Satire.
Unlängst brauchte ich als Teilnehmer einer Video-Podiumsdiskussion in einem heisigen soziokulturellen Zentrum vorab einen offiziellen Schnelltest. Das war perfekt organisiert, im hiesigen Hauptbahnhof, nach 5 Minuten war ich dran. Ich fragte: „Und in 30 Minuten kann ich mir das Ergebnis dann hier abholen?“ Dass die freundliche junge Testerin mich mitleidig anlächelte, war sicher eine Projektion von mir: „Sie kriegen das Ergebnis spätestens nach einer halben Stunde auf Ihr Handy.“ Es dauerte keine 15 Minuten, dann lachte mich das Negativ-Ergebnis in freundlichem „Freie-Fahrt-Grün“ via Email an. Wenn die Seuche einen Vorteil hat, dann den, dass der alte Analog-Adam in mir zumindest ein paar Abstriche (hahaha) gemacht haben wird. Ich bin froh über jede halbe Stunde, die ich nicht mit öder Warterei oder überflüssiger Lauferei vergeuden muss.
Ich schlenderte also gemütlich über eine hiesige Flaniermeile. Ich hätte mit dem Testergebnis in der Tasche sogar dem Konsum frönen können in den jetzt sich langsam öffnenden Läden, aber die lange Enthaltsamkeit hatte in mir alle, ohnehin nur geringe, Lust auf Konsum abgetötet. Abgesehen von Socken fiel mir auch nichts ein und so sexy ist der Kauf von Socken – ohne Gummirand! – auch nicht. Von ferne hörte ich ein lange nicht vernommenes Geräusch. Bassdrum, ein Schlagzeuger hatte sein Instrument auf der Straße aufgebaut. Ein paar Leute wippten im Takt der Beatz und Groves und in mir kam ein verschüttetes Gefühl hoch, das Prickeln von Urbanität, Champagnerperlen im Gemüt.
Sie kennen das vielleicht noch, liebe Leserinnen, wenn Sie sich jenseits der bleiernen Theoriewelt von Büchern und TV bewegen, in Erwartung eines Konzertes, Ausstellungen, Theater, Straßenfest. Leben eben, wenn sich irgendwann dieses Prickeln einstellt, nur unzureichend mit Vorfreude beschrieben. Mehr davon, dachte ich, warf einen Nickel in den Hut des Schlagzeugers und schritt der Diskussion entgegen.
Am nächsten Vormittag ein ähnliches Gefühl, bei der Annäherung an das hiesige 1. Mai-„Fest“, was aus Seuchengründen keins war, sondern nur die Aneinanderreihung von öden Reden. Aber ein paar Rote Fahnen und die typische 1. Mai-Aura, die trotz allem über dem Treffen schwebte, erzeugte wieder dieses Prickeln von Urbanität, dieses Mal eher Bier als Champagner. Geht doch, dachte ich, kommt alles wieder, am Horizont zeichnet sich Morgenröte der Hoffnung ab. Wermutstropfen: Diskussionen mit alten Kumpelinnen, Altlinken, noch Aktiven. Teilweise voll auf diesem „Allenichtganzdichtda“-Kurs dieser unsäglichen Schauspielerinnen-Truppe um den eitlen und dummen Fatzke Liefers, also Querspinner-Geschwurbel. Kein Wunder, dass die Partei „Die Linke“ immer mehr abkackt und zur Wahl ein desaströses Ergebnis einfahren dürfte. So viele Spinner. Und spalterische Egomanen, wie leider auch die intellektuell durchaus schätzenswerte Sahra Wagenknecht.
Tragisch, weil selten war eine starke Linke so notwendig wie in Postpandemischen Zeiten, wo sich abzeichnet, wer die Seuchenzeche zahlen wird: Die Reichen werden es jedenfalls nicht sein.

1. Mai. Partisan mit Lenin, Stalin, Mao. Mit Rollator, aber immer noch dabei. Hier gebührt wieder dem unvergessenen Matthias Beltz das Schlusswort:
Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?
Parmesan und Partisan, beide wurden sie zerrieben!

30.04.2021 – Zuchterfolge


Sonnenblumen Goldener Neger, vorne, und Kürbissetzling. Meine Zuchterfolge sind in Anbetracht der nächsten Seuche von wachsender Bedeutung. Wenn die nächste Seuche dergestalt gruselig aussieht in Sachen Letalität und Infektiosität, dass wir uns nach Corona zurücksehnen, ist Autarkie im Lebensmittelbereich ein entscheidender Survivalfaktor. Wenn jeder Gang vor die Tür zum lebensbedrohlichen Risiko wird, ist homegrown das Mittel der Wahl …. Von meinen 10 Kürbissetzlingen kann ich vermutlich monatelang mit Suppe überleben und aus den Sonnenblumenkernen Öl pressen für Fladen. Wahrscheinlich werde ich dann auf der Veranda übernachten müssen, mit einem Heckler und Koch Sturmgewehr mit stark Mannstoppender Wirkung (tut’s auch gegen Frauen). Da mir dieses Metier eher fremd ist, ohne Anruf das Feuer zu eröffnen auf Kürbisdiebe, muss ich auch den Marihuana Anbau revitalisieren, damit die nächtlichen Traum-Dämonen vertrieben werden.
In der ersten Stufe der nächsten Seuche wird man sich für jeden Gang auf die Straße per Smartphone einen Timeslot buchen müssen. Mir reicht’s jetzt schon, einen Termin für einen Schnelltest vor einem Videolive-Stream einer Podiumsdiskussion buchen zu müssen, dauernde Fehlermeldungen „Füllen Sie das und das richtig aus“ grrr, Hass… Was sollen später mal die Leute ohne Smartphone machen? Auch wenn das eine aussterbende Spezies ist – 80 Prozent haben aktuell eins, Tendenz rapide wachsend – heißt das, 20 Prozent sind immer noch ohne, meist aus Kohlegründen oder weil sie überfordert sind. Ein paar wird es auch 2028 (da kommt laut meinen Berechnungen die nächste Seuche) noch geben ohne. Sind die dann Kollateralschäden?
In einem Interview wurde ich gefragt, ob Menschen in prekären Lebenslagen jetzt prioritär geimpft werden sollten.
Wenn möglich, ja. Das sei aber auf jeden Fall Kernaufgabe für die nächste Seuche.
Wie aber wird Priorität dann festgelegt? Mit einem priority scoring? Für alles Mögliche von Gesundheit über Gesellschafts-Relevanz bis Lebenslage gibt es dann Punkte und je höher das Scoring am Ende desto eher die Impfung. Ohne große Diskussionen.
Schöne neue Welt? Warten Sie’s ab, liebe Leserinnen. In China läuft das Prinzip schon perfekt. Mehr als perfekt.

28.04.2021 – Wohlstandsverwahrlosung


Im Dschungel der Städte.
Ein 29jähriger Münchener (!) ist im April in Kolumbien entkräftet im Dschungel gerettet worden, nachdem er an einem Schamanenritual teilgenommen und dabei Yagé getrunken hatte, das Zeug wirkt psychodelisch. Unser deutscher Sinnsucher, offensichtlich zu blöd zum Kiffen und ähnlichem, hatte danach die Orientierung verloren, später Kontakt zu Bauern, die ihm Nahrung gaben und so sein Überleben sicherten. Er wurde letztlich von Rettungskräften nach Tagen aus dem Dschungel getragen. Danach erklärte er, nun an einem spirituellen Ritual teilnehmen zu wollen, um das Erlebte zu verarbeiten.
Wäre ich Cheffe der dortigen Rettungskräfte wäre, würde ich ihn nach seinem vorprogrammierten weiteren Scheitern, der Mann hat sich ja offensichtlich seinen Restverstand mit Drogen weggeschossen, im Dschungel verschimmeln und dadurch eins werden lassen mit den Pilzen und der Natur, mit der er sich so gerne selbst verbinden wollte. Dafür keinen Mann und keine Frau in Gefahr bringen.
Dieses asoziale Arschloch ist ein schöner Beweis dafür, dass bei der intensiven Suche nach dem eigenen Ich, der Verbindung mit der Natur (was soll das überhaupt sein?! Getrockneten Kuhfladen als Sombrero aufsetzen?) und dem Selbst meist nur gequirlte Scheiße rauskommt. Den bitterarmen Bauern die letzten Brocken wegschnorren, der hat bestimmt keinen Peso bezahlt, dann die Rettungskräfte in Gefahr bringen und als Krönung öffentlich androhen, diesen oder ähnliche Horrortrips zu wiederholen. Und das Ganze mit Sicherheit ungeimpft, also alle Beteiligten einem hohen Infektionsrisiko aussetzend. Die Kohle dafür muss derartige Eskapaden muss er ja haben, vermutlich aus begütertem Haus. Das kann sich nicht jeder leisten und leider werden ihn die wohl hoffentlich horrenden Rettungskosten nicht in den Ruin reiten.
Man stelle sich umgekehrt vor, die armen Bauern würden bei unserem Arschloch und seiner Sippe an der Tür klopfen und von den hiesigen schamanischen Ritualen schnorren wollen, sagen wir, bei der Spekulation an der Börse, unserem Religionsersatz. Die armen Kerle würden im Handumdrehen in Abschiebehaft landen und unsere Sippe Arschloch ihr Spendenaufkommen an die AfD verdoppeln, damit die denen solche Kanaken vom Leib hält.
Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Wohlstand verwahrlosen lässt, dann liegt er hier vor.

26.04.2021 – Impfstoff


Spätburgunder von der Ahr, dem klassischen deutschen Rotwein-Anbaugebiet, an einem Ensemble von Thymian und blühendem Bohnenkraut. Wie im wirklichen Leben Lieferengpass, zurzeit nicht lieferbar.
Der Stoff war Mitbringsel eines Freundes und Kollegen anlässlich eines der raren persönlichen Treffen, Arbeitsessen mit integriertem Zechgelage, in der Seuchenzeit. Bei sowas gilt der klassische Dreikampf: Lüften, Abstand, Selbsttest. Eben gerade habe ich wieder einen gemacht, der mich allerdings fröhlich stimmte. Nicht nur, weil er negativ war, sondern weil er vermutlich einer meiner letzten (knock on wood!!) gewesen sein dürfte, da mein Impftermin vor der Tür steht. So wie es im Moment aussieht, und das ist eine Aussage, die in sämtlichen Seuchenverlautbarungen an erster Stelle stehen sollte, sind für Zugangsberechtigungsrelevante (solche Bergriffe erregen mich regelrecht) Ereignisse wie Shoppen, Reisen, Restaurants, Theater etc. zukünftig keine Schnelltests erforderlich, sondern Impfnachweise, so vorhanden. Und für andere Zusammenhänge, wie Treffs siehe oben, gehe ich davon aus, dass Ansteckungsrisiken in beide Richtungen soweit minimiert sind, dass konventionelle Schutzmaßnahmen reichen. Zumal trotz Bodenfrost heute Nacht die Outdoor-Grillsaison nicht aufzuhalten ist, im Sommer grundsätzlich Seuchen-Ebbe ist unbd die Impfungen gaaanz laangsam zu wirken scheinen.
Was obige Heilkräuter angeht: Thymian (Thymus vulgaris) ist als Heilpflanze ein wirkungsvolles Mittel bei Atemwegserkrankungen. Er hilft auch bei Zahnfleischentzündungen, Verdauungsproblemen, Hautunreinheiten, Mundgeruch, Gelenkbeschwerden und psychischen Leiden wie Depressionen (nein, nicht rauchen, das Zeug!). Thymian hemmt im Körper Bakterien, Viren und Pilze, wirkt antioxidativ und gilt als natürliches Antibiotikum.
Bohnenkraut hilft gegen Pickel und Candida-Befall, was nicht nur die Damen freuen wird, sondern auch ältere Herren. Ich spreche hier das heikle Thema der Windeldermatitis an.
Scheiße, der Blogeintrag hatte so froh und hoffnungsvoll begonnen und ist echt wieder nach hinten losgegangen. Mein gottverdammter Hang zum Zynismus kann einem schon den Start in den Tag verderben. Und wenn ich daran denke, dass alle hoffnungsfrohen Spekulationen vom Blog-Anfang durch resistente Monster-Mutationen und (!, noch nicht mal „oder“!) die nächste Seuche Makulatur werden können, möchte ich am liebsten wieder in die Bubu-Maschine zurück. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass bei der nächsten Seuche (eine Art Aerosol-Ebola?) garantiert Impfpflicht eingeführt wird und alle Impfignoranten mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen werden. Für diesen Dienst an der Waffe würde ich mich sogar freiwillig melden.
Puh, gerade noch mal die Kurve in einen fröhlichen Tagesbeginn gekriegt. Ich wünsche Ihnen das Gleiche, liebe Leserinnen.

22.04.2021 – Kettensägemassaker


Ölbaum nach Schnitt. Wenn eine Olive erfroren ist, hilft, wenn überhaupt, nur ein radikaler Kopfschnitt. Selbst bei einem kleinen Exemplar von ca. 2,50 Meter Höhe sollten Besitzerinnen eines Normal-IQ da nicht mit einer Handsäge ran. Da muss eine Kettensäge her. Eine Prozedur, der ich mich so gerne unterziehe wie einer Darmspiegelung. Es gibt ja Menschen, die lieben sowas. Vorzugsweise Schreibtischtäter, die im normalen Leben nie eine Ahnung hatten, wie Schweiß schmeckt, der aus Arbeit rührt. Da kommen dann so schnurrige Vorstellungen zum Vorschein wie: „Endlich spüre ich mich mal wieder, sehe, was bei meiner Arbeit rauskommt, bin der Natur nahe, blablabla.“ Halbesoterisches, kraftmeierisches Anti-Zivilisations-Zeug, bei dessen Absonderung man das Gefühl hat, demnächst packt der Erzähler seine Keule aus und geht in der Nachbarhöhle auf Brautschau. Wenn ich schon Sätze höre wie: „Endlich spüre ich mich mal wieder“, möchte ich am liebsten meine Pistole entsichern. Von da führt in 103 Prozent aller Fälle eine direkte Verbindungslinie zu Esoterik, Aberglauben, Mystik. Wer sowas unsatirisch äußert, lässt sich nicht impfen, hängt Verschwörungserzählungen an und ist auf Quernazi-Demos anzutreffen, zu erkennen an Rastalocken oder Peacefahnen.
Höre ich da ein
“Du, das ist jetzt aber polemisch, Du, und macht mich echt betroffen. Wo rührt denn Deine Wut her, Du? Horch doch einfach mal nach drinnen, was jetzt in Dir vorgeht, Du …“
Dem halte ich entgegen:
„Du, hörst Du das Klicken in meiner Tasche? Das ist der Sicherungshebel meiner Parabellum, Du.“
Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Moderne auf dem Rückzug ist. Der rasende Fortschritt der Technologien überfordert uns und produziert Fluchten in Traumwelten. Also den Schlaf der Vernunft. Und als Folge ethische Bankrotterklärungen. Diesen Prozess zu verstehen, heißt aber nicht, ihn zu begrüßen oder auch nur zu akzeptieren. Ich verstehe die Mechanismen, die da ablaufen. Ich selber bin jeden Tag dreimal überfordert, und nicht nur an der Kettensäge. Heute Morgen beispielsweise habe ich einen Artikel in der Tageszeitung gelesen über eine Reform beim Leitungsausbau der Glasfaseranschlüsse für schnelles Internet und HD-TV. Es geht dabei also um Medien, Kommunikation, Kosten, wer ist dabei Verlierer, Gewinner, was sind gesellschaftliche Folgekosten? Dem Thema kann man sich kaum verweigern.
Ich hab von dem Artikel nicht die Bohne verstanden. Allerdings fange ich deswegen jetzt nicht an, die Sterne über meine Zukunft zu befragen und im nächsten Urlaub darauf zu hoffen, am Strand bei Vollmond zu menstruieren, damit ich eins werde mit dem Kosmos. Dann lieber ein kaltes Mythos-Bier am Strand, kühlen, klaren Kopf bewahren und die Weltlage analysieren.
Oder in die Fluten hechten. Korfu Wasser aktuell 14 Grad, da spürt man sich dann tatsächlich.
Beim Zeus, wie mir das fehlt …

21.04.2021 – Durchbruch


Birnenblüte im Garten. Mangels externer Aktionsmöglichkeiten goutiere ich mittlerweile sogar Gartenarbeit. Tiefer kann ich kaum sinken. Man muss sich also die vorzeitige und überraschende Einladung des hiesigen Sozialministeriums zur Impfung wie einen Fanfarenstoß für mein Innenleben vorstellen. Wenn Sie’s visualisiert haben wollen, hilft Ihnen das Video weiter, wo Meister Händel in der Ouvertüre zur Feuerwerksmusik das ganz große Besteck auspackt (und selbst der größte Klassikbanause sagen wird: Das hab ich schon mal gehört).
Leider stellte sich heraus, dass das Schreiben hunderttausendfach verschickt wurde, u. a. auch auf Basis schlechter Leberwerte, und soviel Stoff noch nicht vorhanden ist. Was für entsprechenden Frust sorgt, bei dem sich mancher erstmal die Kante gab. Leber, duck Dich …
Ich empfinde einen Impftermin als Befreiungsschlag, das erste offensive Agieren nach einer Zeit voller Defensive, in der es immer nur um Schutz & Vermeidung ging (und weiter geht natürlich!). Endlich nicht mehr nur Opfer. Selbst wenn der reale Aktionsradius noch gar nicht so groß erweitert würde (eine Restaurantöffnung z. B. ist nicht absehbar), wird doch der Funken Hoffnung auf die Rückkehr eines besseren Lebens zu einem Schwelbrand entfacht.
Ich habe eine edle Pulle eines Fürsten aus dem Burgund für einen besonderen Anlass beiseitegelegt, nein, keinen 65er Romanée, den halte ich für überschätzt, ich präferiere den 68er (1868! Nicht 1968), und den werde ich nach der ersten Impfung verklappen. Das ist ja der entscheidende subjektive Moment in diesem Epoche-Ereignis Corona.
16 Prozent nehmen zur Zeit in Hannover ihre Impftermine nicht wahr und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Risiken einer Erkrankung um ein x-faches höher und schwerer sind als Impfcollateralschäden. Naiverweise könnten wir Aufgeklärte die Hoffnung hegen, dass die Seuche solche Idioten schon ausmerzen würde. Leider erhöht so ein Verhalten nur die Wahrscheinlichkeit von resistenten Mutationen, ganz abgesehen von den gesellschaftlichen Folgekosten wegen massenhafter Long-Covid Erkrankungen.
Das ist natürlich ein dicker Wermutstropfen in meinem Burgunder. Wobei der Erfinder dieses Sprichworts keine Ahnung hatte von den unfassbar leckeren Wermuten, die es mittlerweile gibt. Da könnte man angesichts des Elends vieler Weißweine nur froh über jeden Tropfen Wermut sein.
Ich hatte mir vor Jahrhunderten schon mal eine Sonderpulle zurückgelegt, Weißen. Es gab einen besonderen Anlass nach dem nächsten und jedes Mal sagte ich: Nächstes Mal. Und was war nach dann endlich, nach Vollzug? Essig. Und was lernt uns das, liebe Genossinnen? Dazu das nächste Mal mehr. Bleiben Sie drin!

20.04.2021 – Leporello


DIN EN 14683 – Medizinische Gesichtsmasken. Dieses hochexakte Hinweisschild an einem Gartencenter weckte in mir selige Erinnerungen an ein anderes Leben, in dem ich noch als Angestellter eines Maschinenbauunternehmens unter anderem für die Verwaltung des gigantischen Normenbestandes zuständig war, in einer Zeit, als die nationalen Normen, wie DIN, EU-weit angeglichen und standardisiert wurden, in eben EN, also Euro-Normen.
In einer Zeit, in der es praktisch kein Internet gab, in der der Bürostandard noch klafterdicke Leporellolisten war und die Erstellung eines Textdokumentes ein viersemestriges Aufbaustudium voraussetzte. Grausige Zeiten.
Ich entwickelte im Büro, wenn ich mal nüchtern war, ein geradezu libidinöses Verhältnis zur Normung und plante eine Lesung aus dem deutschen Normenwerk. Es gibt ja nichts, was nicht genormt ist, von Kondomen über Pissrinnen bis hin zu Atomkraftwerken. Die letztlich auch nur Druckwasserreaktoren sind, was sich viel charmanter anhört. Und das ganze Normenwerk in einer vollkommen eigenen Sprachwelt.
Feinde der Normung verfolgte ich mit dem jedem aufrechten Linken innewohnenden Vernichtungsfuror. Eine Zeitlang parkte in der Nähe meiner Homebase ein rosa(!)farbener Uralt-Daimler, erkennbar alternativ-verbeult-ungewaschen, mit der breit gemalten Anarcho-Aufschrift „Keine Normen!“. Ich überlegte, in den Lack der Karre zu ritzen: „Wenn es keine Normen gäbe, könntest Du Dir noch nicht einmal ein Dreirad leisten, Du Penner! Geh lieber arbeiten!!“
Schon damals wurde der Keim in mir gelegt für meinen später abgrundtiefen Hass auf alle alternativen Mief-Kieze dieses Planeten, in denen der Horizont der Insassen im Normalfall an der Theke der nächsten Szene-Saufstube endet.
Zu DIN etc. fällt mir immer wieder der Spruch aus einem alten Normungs-Lehrbuch der Sechziger (!) ein:
Selbst Bimbo hat es schon erfasst,
nur ein genormter Stecker passt.
Die einzige Fundstelle dazu ist mein eigener Blog mit einem Eintrag von 2018. Welch anmutiger Witz, welch scharfsinnige Analyse. Aber auch: welch Melancholie. Damals war meine Homebase offensichtlich Berlin, Schöneberg umme Ecke. Was im Moment so weit weg ist wie der Mars, ein Restaurantbesuch und die SPD von der Kanzlerschaft.
Aber das mit der Normen-Lesung, das ist keine schlechte Idee. Später mal, vor der nächsten Seuche. Sowas geht nur in einem Avantgarde-Laden, mit einem kultursinnigen Publikum voller Geschmack und Kenntnis, das zum Beispiel die Geschichte von Leporello und seinem Herrn, Don Juan, kennt und es zu würdigen weiß, wenn mein Manuskript aus einer ellenlangen Leporelloliste besteht. Sowas geht nur in Berlin. Seufz.
Aber ich sehe Licht am Tunnel.

19.04.2021 – 0,12 % Zinsen.



Die schönsten Ergebnisse der letzten Zeit meiner Internet-Routine-Checks. Ich weiß schon ganz gerne, was im Netz über mich kursiert. Natürlich habe ich in den obigen Fundstellen bei den Folgezeilen nach meinem Namen abgeschnitten. So ist die Wirkung eindrucksvoller, selbst bei mir. Für einen Moment träumte ich vor der Inangriffnahme meines Tagwerks, dass ich mit Brinkhaus und Dobrindt, die ich intern nur Brickhouse und Klobrill nenne, die K-Frage kläre. Etwas Frust kam nur bei der Phantasie über den Eurojackpot-Millionengewinn auf. Wofür den Zaster ausgeben im Moment? Reisen …hahaha. Also dann Bausparvertrag und Lebensversicherung und eine Million auf das Festgeldkonto. Damit es mir später mal besser geht. 1 Mio. mit 0,12 % Zins p. a. macht 1.200 Euro, jeden Monat 100 Euro mehr. Wahnsinn.
Mein Leben bekam wieder Sinn, Ziel und Zuversicht. Und das in verschärften Seuchenzeiten, wo ich mir im Moment vorkomme wie ein 10.000 Meter Läufer in der Endphase des Rennens.
Der Läufer biegt in die letzte Runde ein, die Glocke dafür bimmelt, laut und durchdringend. Er atmet schwer, weiß nicht, an welcher Position er liegt, viele sind vor ihm, noch mehr hinter ihm. Jetzt nur keinen Schwächeanfall, nicht stolpern oder gar mit einem Konkurrenten kollidieren. Das Zielband flattert am Ausgang der Zielgraden, rot, grell, wie ein letztes Warnsignal. Was will es sagen? Bedenke, Mensch, du bist von Staub und wirst zu Staube werden. Memento, homo, quia pulvis est et in pulverem revertis? Aber nicht jetzt. Der Läufer erhöht das Tempo. Endspurt.
Endsieg. Was macht eigentlich Hitler. Wegen der K-Frage.
Das, liebe Leserinnen, war ein Excurs über freies Assoziieren im Schreibprozess. Für Laien: Lassen Sie von sowas die Finger. Da kommen Sachen bei raus, die in Ihnen schlummern, die bleiben besser da, wo sie sind. Mal im Ernst, wer will schon gerne wissen, wer oder was er wirklich ist. Wenn der Mensch von Natur aus schon nicht böse ist, so ist er doch zumindest Arschloch. Das wird ihm, wenn es gut läuft, im Prozess der Zivilisierung zum größeren Teil ausgetrieben. Was zunehmend weniger klappt. Guten Start in die Woche

12.04.2021 – Ein Wort gab das andere, wir hatten uns nichts zu sagen.


Alles Gute kommt von oben.
Sollten Sie 2068, dem 100. Geburtstag des SCHUPEEN 68, zufällig auf der Erde sein, setzten Sie sich lieber einen Helm auf oder besuchen Sie Verwandte im All. Dann könnte der Asteroid Apophis auf dem Planeten einschlagen. Kein Drama, bereits 250 km vom Aufschlagpunkt entfernt ist die Wahrscheinlichkeit zu überleben nicht schlecht. Aber wenn der Klumpen mit einem Durchmesser von ca. 300 Meter z. B. in die Nordsee plumpst, dürfte selbst ich, ca. 200 km von der Nordsee entfernt, in 68 Meter Höhe über Normalnull, nasse Füße kriegen. Kurzfristig hatte eine mögliche Annäherung dieses Asteroiden 2029 an die Erde die Stufe 4 von 10 auf der Turiner Skala, was eine weitere Beobachtung durch Astronomen erforderlich machen würde und eine gewisse Einschlag-Wahrscheinlichkeit nicht ausschließt. Sollte der Brocken unterwegs mit jemandem anders kollidieren und aus der Bahn geworfen werden, was leicht passieren kann, wie manche Leser bestätigen können, erstelle ich neue Berechnungen der Kollisionswahrscheinlichkeit und lasse es Sie wissen.
Soviel zum Unsicherheitsereignis vom letzten Blogeintrag „Asteroideneinschlag“. Meine Küche sieht auch mitunter so aus, als ob ein Asteroid da eingeschlagen wäre, das ist aber nicht so leicht vorauszuberechnen und ein Helm nutzt da auch nichts. Globale Unsicherheitsereignisse sind eher punktueller Natur, kaum vorhersehbar und mit schwer zu kalkulierenden Folgen, wie der Fall der Mauer, Corona oder die Lehman Pleite. Meine Pleiten hingegen waren immer vorhersehbar und die Folgen eher nicht global sondern im Lokal.
Unsicherheitsereignisse sind strikt zu trennen von sozialen oder ökologischen Prozessen, die sich über Jahrzehnte abspielen, wie der Siegeszug des Neoliberalismus und in dessen Folge das Anwachsen von Nationalismen und faschistischen Tendenzen oder die Klimakatastrophe.
Die im Prinzip aber schon vorhergesehen wurde mit dem Einzug von Familie und Privateigentum in die Menschheitsgeschichte, also seit Adam und Eva. Bei solchen Konstruktionen kommt nie was Gutes bei raus. Und danach wird’s richtig finster. Bei Matthäus heißt es dazu: „ …. Direkt nach der Drangsal jener Tage wird sich die Sonne verfinstern, der Mond hört auf zu leuchten, die Sterne (siehe Apophis, d. A.!) fallen vom Himmel und die Kräfte des Himmels werden erschüttert….
Und am Ende heißt es, auch wieder bei Matthäus:Ein Wort gab das andere, wir hatten uns nichts zu sagen.„
Womit wir wieder bei Adam und Eva, Zweierbeziehungen und anderen Katastrophen wären.
Passen Sie auf sich auf, liebe Leserinnen, nicht immer kommt alles Gute von oben, siehe oben, und auf keinen Fall niemals Sand in den Kopf stecken (Vorsicht bei doppelter Verneinung!)