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20.08.2019 – Meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen


WG-interne Kommunikationsstrategien.
Wenn man mit mehr als sich selbst zusammenwohnt, ist das so ähnlich wie mit Reisen: man erlebt und lernt was. Im Normalfall wird sowas im Himmel geschmiedet und in der Hölle geschieden, aber der Weg zwischen diesen beiden Punkten ist das Entscheidende, vermittelt er zwar nicht schmerz- aber kostenfrei mitunter Konfliktlösungs-Kompetenzen und Überlebensstrategien, die sonst in teuren Seminaren erworben werden müssten. Was glauben Sie wohl, liebe Leserinnen, warum so ein geistiger Dünnbrettbohrer wie Joseph Fischer eine derartige Karriere hinlegen konnte? Noch nicht mal Notabitur, Null Manieren, ein Parvenü, wie er im Buche steht und dann Außenminister? Die Fähigkeiten dazu erwirbt man sich in jahrelangen zähen, elenden Kleinkriegen in WGs, gepaart mit noch zäheren, elenderen Konflikt- und Beziehungsgesprächen an dortigen Küchentischen. Wer sowas ohne Klappsmühle überlebt, den kann im späteren Berufsleben und selbst in der Politik nichts mehr erschüttern, siehe Joseph. Gegenbeispiel ist das Muttersöhnchen Friedrich März, der noch nicht mal ein Vormärz war (Vormärz! Ein Witz für Schwerintellektuelle), dessen herausragendes rebellisches Merkmal bei Wikipedia die Tatsache ist, dass er das Schuljahr 1969/70 wegen zwei Fünfen wiederholen musste.
Bei Mama großgeworden und dann gleich mit dem nächsten Mama-Ersatz zusammengezogen, Kinder gemacht, etc. pp. Wo soll denn da Lebensweisheit und Konfliktkompetenz herkommen. Kein Wunder, dass er von Frau Dr. Merkel so nach Strich und Faden in den Erdboden gepflügt wurde, dass ich mich beim Gedanken daran immer noch vor Freude wie ein Apotheker im Sand kugele.
Der überwiegend erfolgreiche Phänotyp „Muttersöhnchen“ nach Ausprägung Merz ist geprägt durch Brutalität und Arroganz und kennt nur Unterwerfung, was aber keine Strategie ist, sondern ein Mangel an Sozialkompetenz, der letztlich zum Scheitern führt, erkennbar an mehrfacher Demütigung (in solchen Kategorien denkt der Charaktertyp „Muttersöhnchen“) in Merz‘ politischer Karriere.
Der überwiegend erfolglose Muttersohn, numerisch weitaus häufiger anzutreffen, ist gekennzeichnet durch Konfliktscheu, exzessive Sucht nach Anerkennung. Der grundsätzliche Charaktertyp „Muttersöhnchen“ ist von seiner Triebstruktur her oral fixiert, mit Neigung zu oraler sprich verbaler Aggressivität, siehe Merz, aber auch exzessiver oraler Triebbefriedigung wie Rauchen, Essen, Alkohol. Sexuell ist der erfolgreiche Phänotyp Muttersöhnchen vermutlich eher in Dominastudios anzutreffen, was allerdings eine zwar drollige, aber vollkommen haltlose Spekulation von mir ist. Dass es noch kein psychoanalytisches Standardwerk über Entstehung, Ausprägung und Verhaltensweisen des Muttersöhnchen-Charakters gibt, anders als z. B. zum autoritären Charakter, ist ein beklagenswerter Mangel.
Wir wissen jetzt also, wo Kompetenzen in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung, Kreativität lebensnah und günstig erworben werden können, wobei diesbezügl. Kollateralschäden wie Traumata, Drogensucht und lebenslange Feindschaften nicht verschwiegen werden sollten. C‘est la vie.
Mein Rat in Sachen Kommunikation, Konfliktlösung und Kreativität ist, Botschaften wie die Obige nicht an die interne WG-Pinnwand zu schreiben, in der Art: „Hier könnte mal wieder jemand in Sachen Hygiene aktiv werden. Ich hab’s die letzten 6 Monate gemacht!!“. Das sieht nach Korinthenkacker und Kleingeist aus und damit ist man sofort in der Defensive. Ritzt man es – siehe oben – in den Staub von Äonen, mit einem Smiley und dem metaironischen „Wasch mich!“, verrät das: Hier waltet ein souveräner Geist, der mit einem Friedensstiftenden Augenzwinkern unangreifbar über allen Wassern schwebt. Und wenn der Topf 4 Jahre später noch so aussieht, dann kann man immer noch die Hasskappe aufsetzen. Und später Außenminister werden.
Warum ich diese Geschichte erzähle?
Mein Frisör ist im Urlaub und meine Männer-Selbsthilfegruppe hat mich rausgeschmissen. Sonnigen Spätsommer, liebe Leserinnen.

18.08.2019 – Zum Paradies fehlen 30 cm


Trauben auf meiner Veranda.
Das Land, in dem einen die Trauben in den Mund wachsen, ist eine archaische Vorstellung vom Schlaraffenland, einem Paradies ohne Not, ohne Arbeit, mit freier Entfaltung der Bedürfnisse – eine der zahlreichen Ideen über Utopia. In diesem Fall aus einer Zeit, wo Arbeit Plage war, Unterdrückung herrschte und eine einzige Missernte den Tod bedeuten konnte.
Da kommt Mensch schon mal auf solche Gedanken. Immer nur auf den Kniebänken des Aberglaubens rumrutschen ist auf die Dauer nicht so prickelnd, wenn für alles, was in so einem irdischen Jammertal noch ein bisschen Spaß macht, das ewige Höllenfeuer droht. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass alle, die sich auf Erden für mehr Gerechtigkeit einsetzten, was die Not gelindert hätte, gerne schon mal aufs Rad geflochten oder verbrannt wurden.
Bei mir herrscht kein Paradies, kein Schlaraffenland, kein Utopia. Auf meiner Veranda wachsen Trauben, die bereits jetzt vollreif sind (Südlage, sonnendurchglühte Backsteinwand). Ein paar davon hängen auf cirka 150 Zentimeter Höhe. Ich bin über 180 Zentimeter groß, ich muss mich zum Direkt-in-den-Mund-Verzehr also etwas bücken. Da fehlen zum Paradies 30 cm.
Utopien sind nicht nur bei mir auf der Veranda 30 cm fern, sondern grundsätzlich etwas aus der Mode gekommen. Was maximal möglich scheint, ist Fridays for Future. Immerhin soll ja die Generation Greta anfangen, Adorno zu lesen. Für die Ausbildung eines allgemeinen Diskurses über Utopien wäre eine minimale theoretische Fundierung ebenso nicht das Schlechteste wie für das Entstehen einer neuen sozialen Bewegung, meinetwegen Klima…
Solange aber allenthalben in Gleichstellungsbüros, Stadtteilinitiativen, Selbsthilfeblablas über Identität statt über Klasse diskutiert wird, können wir damit warten, bis die SPD den nächsten Bundeskanzler stellt. Da der Begriff „Utopie“ in sich den Kern der Realität trägt, anders als der Begriff „Vision“, der eher was mit kiffen zu tun hat, ist die Wirklichkeit des Alltags mit entscheidend als Lackmustest für den Stand der Hoffnung. Und da sieht es ganz schlecht aus, folgt frau jedenfalls der Antwort von einem, der es wissen muss, nämlich von mir, auf die Frage des geschätzten Dr. Carlson vom web-Radio Flora in einem Interview anlässlich einer Aktion der Landesarmutskonferenz zur wachsenden Wohnungsnot.

Aktion Hannover City, Landesarmutskonferenz „Dorf der Alternativen“, 16.08.2019, siehe auch NDR .
Dr. Carlson frug zum Schluss, wie ich denn die Chancen zur Umsetzung unserer Forderungen einschätze, u. a. brauchen wir allein in Niedersachsen 100.000 zusätzliche Sozialwohnungen und natürlich eine gemeinnützige Landeswohnungsbaugesellschaft (Details hier PM Landesarmutskonferenz Aktion Wohnungsnot – Dorf der Alternativen). Ich habe selber jahrelang eine eigene Sendung bei Radio Flora gemacht, kenne den Interviewer seit Jahren, was soll ich da groß rumeiern. Ich beschloss das Interview mit einem Wort:
„Schlecht“.
Ich wünsche allen einen sonnigen Start in die Woche.
What’s left? Das Foto der Inschrift zum Gedenken an den auf der Strasse gestorbenen Jürgen Bauer, die Aktivistinnen bei mir umme Ecke angebracht haben

14.08.2019 – Schlucken oder Spucken?


Muntaner Wermut, der einzige mallorquinische Wermut. „Der Wermut gegen Schwermut! Unser absoluter Favorit – er hat das Zeug, den Wermut wieder populär zu machen!“ (aus: 3. Ausgabe SCHLUCK, das anstößige Weinmagazin) Das ist leider eingetreten, denn am Wochenende stand im hiesigen Zentralorgan für Tranfunzeln, der HAZ, die Einschätzung, dass Wermut „in“ sei. Das Trüffelschweinpotential der HAZ liegt ungefähr auf dem Niveau von „Das Internet ist der aktuelle heiße Scheiss“, es liegt also unter Null. Und wenn in der HAZ (=Hannoversche Allgemeine Zerebrallähmung) steht, dass Wermut angesagt ist, gibt es diesen wundervollen Tropfen wahrscheinlich schon seit Äonen an jeder Pommes Bude statt Oettinger-Pils .
Ich bedauere das ein wenig, nimmt es meiner Leidenschaft für Wermut doch jenen Hauch von Exclusivität, derer es bedarf, um sich postkonsumistischer Dandy zu nennen. Postkonsumistisch insofern, als die Anschaffung eines excellenten Wermuts keine exorbitante Ausgabe sein muss, im Gegensatz zum von mir ebenfalls hochgeschätzten Portwein, wo Jahrgangs-Ports schnell mal in die Hunderte Euronen gehen können. Ein Glas Wermut, als Aperitif z. B. am heimischen Grill, kostet ca. einen Euro, was im Vergleich zu dem Wein-Mist, den man mitunter sogar in renommierten Restaurants für ein Mehrfaches vorgesetzt kriegt, geschenkt ist.
Die Begeisterung für Wermut wurde bei mir vor ein paar Jahren auf Mallorca geweckt und nachdem ich eine profunde Reise durch die Welt des Wermuts absolviert hatte, steht für mich fest: die Krone gebührt Muntaner. Um es im lebhaft süßen Sprachtänzeln des Sommelier-Blabla zu sagen:
„Seinen frischen Schliff erhält er durch die Beigabe von süßen Orangen- und Zitronenschalen. Er tänzelt lebhaft süß auf der Zungenspitze, zeigt sich am Gaumen spritzig fruchtig und endet in einem sanften, erfrischend bitteren Abgang.“!
Zusammen mit einem Monkey 47 Gin ergibt der Muntaner einen perfekten Martini, geschüttelt, nicht gerührt. So wollte ihn James Bond, der allerdings ein veritabler Banause war. Er verwendete für seinen Martini einen Lillet statt eines Wermuts und das ist ein absolutes No-Go. Da werden Grenzen überschritten! Es gibt einfach Regeln, an die sich ein Gentleman zu halten hat und wer einen Lillet für den Martini nimmt, bleibt trotz Smoking ein Prolet. Und lassen Sie um Himmels Willen die Olive weg, die in jedem Martini Rezept steht. Oliven sind in Salzlake eingelegt und wer einen Cocktail aus guten Zutaten mit Salzlake verschandelt, der klebt der Venus von Milo auch Arme an. Eine weitere ins Niederträchtige lappende Unsitte sind für mich auch diese affigen Martini-Cocktailgläser, die auf jedem diesbezüglichen Buchcover abgebildet sind, weil die Kreativabteilung mal wieder bekifft unter dem Mac lag bei der Gestaltung und ihr nichts einfiel. Aus diesen Gläsern weichen in Nanosekundenbruchteilen vollständig sowohl Aroma als auch Kälte des Drinks. Was für ein Verfall von Sitte, Stil und Niveau!

Hier nehmen wir natürlich die offiziellen I.N.A.O Degustationsgläser. Ist denn das so schwierig… ?! Ich habe mitunter das Gefühl, die Welt ist eine Konstruktion, eigens geschaffen, mich jeden Tag in Verzweiflung, Depression, Zorn, Ekel und Raserei zu versetzen.
Wermut ist außerdem ein uraltes Heilmittel und wird aufgrund der antiseptischen, antibakteriellen, krampflösenden und durchblutungsfördernden Wirkung bei Kopfschmerzen, Entzündungen und Menstruationsschmerzen verwendet sowie bei Magenverstimmungen, Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit oder Blähungen. Zusammenfassend können wir sagen:
1. A bottle of Wermut a day keeps the doctor away.
2. Hände weg von inferioren Wermut-Marken wie Cinzano. Kauft Muntaner.
3. Auch bei einer Wermut-Probe gilt die alte Weinverkostungsfrage: Schlucken oder Spucken? Das ist wie vieles im Leben eine Geschmacksfrage und ändert am Wermut nichts.
Prost, liebe Leserinnen.

10.08.2019 – Vom Job in den Blog oder: Tödliche Probleme und andere Problemchen


Installation vor dem Berliner Hauptbahnhof. Die kleinen Aufkleber überall sind Preisschilder. Es geht um die Situation von Sexarbeiter*innen, oft mit migrantischem Hintergrund, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen, weil „Lovemobils“ (Love?) z. B. an einsamen Plätzen stehen, was Raub, Vergewaltigung und Mord begünstigt.
Wenn ich aus dem Berliner Bahnhof komme, bin ich ohne Ausnahme guter Dinge. Ist es dienstlich, so ist es nie mit Stress oder Überforderung verbunden, ist es privat, ist es immer ein Wechsel in spannende Zeiten, fern der Ebenen des Alltags. Diese fröhliche Grundstimmung wurde mir unlängst getrübt, durch diese Installation, und das hat mir gefallen. Kunst muss auch verstören, einen für Momente aus der Komfortzone kicken, und vor Augen führen, wie pillepalle doch mitunter die eigenen Gedanken, gar Problemchen sind. Und wenn das optisch so verstörend und expressiv ist, wie in dem Fall, dann: Chapeau.
Die Geschichte, die einige der eigenen Irritationen relativiert, fiel mir bei der Sichtung der aktuellen Schlagzeilen ein. Es gibt sie ja doch noch: die anderen Problemchen. Eigentlich hatte ich z. B. für mich die Themen Fußball und SPD abgehakt, im Schreiben darüber war mir das Elend Beider hinreichend klar geworden. Beim Fall Olaf Lies, der als niedersächsischer SPD-Bau-Minister ein Angebot der Energiewirtschaft abgelehnt hatte, obwohl er da ein Mehrfaches seines Ministergehaltes bekommen hätte, wurde mir klar, dass die SPD bald auch Karrieristen keine Gewähr mehr für Aufstieg bieten wird. Sogenannte Parteibuchkarrieren in Ministerien, Verbänden, semistaatlichen Organisationen wie Bahn, Post, Stadtwerken, Polizei werden immer seltener, logisch bei einer Partei, die demnächst unter die 5 Prozent Hürde abkackt. Also treten Karrieristinnen zukünftig lieber in die AfD ein. Die SPD wird auch um Entlassungen im hauptamtlichen Apparat nicht umhin kommen, ihr ganzes organisatorisches Vorfeld, wie die AWO, eine SPD Bastion, und diverse NGOs (in dem Geschäft kenne ich mich aus, ich arbeite für eine) kommt ins Rutschen, der finale Zerfallsprozess der SPD wird einer Lawine gleichen. Eine bürgerliche Tragödie und das meine ich ohne Häme, denn die Alternative – nicht nur „… für Deutschland“ – ist weiterer Schritt zu mehr Barbarei.
Was den Fußball angeht, frug mich unlängst jemand, die ihn aktuell zu Recht zum Kotzen findet, sich aber nicht so wie ich auskennt: „Wäre es nicht eine Lösung, wenn die, die noch An- und Verstand besitzen, die Stadien und Fußball-Kneipen boykottieren und auch im TV nichts in der Richtung gucken? Würde diese Attacke auf sein Geschäftsmodell ihn nicht back to the roots bringen?“ Ich machte Jemand die Situation an einem Gleichnis deutlich, ich bin biblisch geschult:
„Denn siehe, spricht der Herr (also ich), das ist so, als würde man an SUV-Trottel appellieren, angesichts der sich anbahnenden Klimakatastrophe auf den ÖPNV umzusteigen. Denn wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als dass im Fußball oder in einem SUV An- und Verstand vorkommen.“
Wir lachten. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch und so freute mich über eine Schlagzeile uneingeschränkt, nach der die EU rigoros gegen Mikroplastik vorgehen will. Dabei geraten auch Kunstrasenplätze in den Fokus. Viele deutsche Fussball-Amateurklubs fürchten um ihre Existenz. Das wäre ein folgenreicher Angriff auf das Geschäftsmodell, denn dann bräche die Basis weg. Morgen werde ich eine Open Petition in Gang setzen: „Weg mit dem Mikroplastik – überall!“
Aber was wäre, wenn es SPD und Fußball nicht mehr gäbe? Die SPD wird durch die AfD ersetzt, so weit, so gruselig. Aber der Fußball, der ja auch eine Triebabfuhr-Funktion unter kontrollierten Bedingungen besitzt, was Gewalt, Aggression, Emotion angeht, durch was würde der ersetzt? Die Hooligan-Horden, die im Fußball-Kontext noch einigermaßen auf dem Schirm der staatlichen Repression sind, wo gehen die dann hin? Was die machen Millionen armer Seelen mit ihrem inhaltsarmen Leben zwischen Familie, Job und Eigenheim, wenn man ihnen das Stadion, das TV, die Kneipe nimmt? Wo und wie lassen Rassisten wie Schalke-Tönnies ihre Wut- und Hassgeschwängerten Ressentiments sonst ab?
Panem et circensis, das Jahrtausende alte Spiel.
Aber das, liebe Leserinnen, sind zugegeben Problemchen, die nur deshalb ihre wertvolle Zeit gestohlen haben, weil ich gerade mal wieder aus Arbeit in das Schreiben flüchte: Vom Job in den Blog.
Sonniges Wochenende.

07.08.2019 – „Die Agentur für Sommerlöcher“ des SCHUPPEN 68 meldet: Wolf in Hannover vor Ihmezentrum gesichtet!

Presseinformation 07. August 2019, Hannover
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des SCHUPPEN 68 meldet: Wolf in Hannover vor Ihmezentrum gesichtet!
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des Künstlernetzwerks SCHUPPEN 68 meldet für das Sommerloch 2019 folgende Sichtung: Wolf vor dem Ihmezentrum in Hannover gesichtet! Das Ihmezentrum ist eine der größten innerstädtischen Baustellen Deutschlands und soll voraussichtlich im Herbst 2019 abgerissen werden. Anbei die Fotos der Sichtung als Beweis.
„Die Agentur für Sommerlöcher“ des Künstlernetzwerks SCHUPPEN 68 ist für die meisten Sommerloch-Sichtungen der letzten Jahre verantwortlich, einen Auszug der Medienberichte finden Sie in der Dokumentation: Sommerloch Dokumentation SCHUPPEN 68
Zur Wolf-Sichtung:
Am 06.08.2019 wurde vor dem Ihmezentrum in Hannover-Linden ein Wolf gesichtet.

Der zufällig vorbeikommende Wolf-Dieter Gleitze konnte ein Foto der Wolfssichtung machen. Gleitze unterstreicht, noch sichtlich erregt:
„Das hätte ich nicht geglaubt, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gehört hätte. Aber es war ja nur eine Frage der Zeit, bis Wölfe auch ins Ihmezentrum kommen. Mir steht der Schrecken immer noch ins Gesicht geschrieben.“

Der SCHUPPEN-68-Wolfsexperte Hermann Sievers sagt dazu:
„Das ist kein Wunder, denn große, verwaiste Flächen wie das Ihmezentrum sind geradezu ideal für Wölfe. Zudem hat dort erst vor kurzem ein Immobilien-Wolf sein Revier markiert.“
Wolf-Dieter Gleitze & Hermann Sievers (SCHUPPEN 68), die beiden Inhaber von „Die Agentur für Sommerlöcher“, betonen:
„Sommerlöcher erfüllen gerade in Zeiten von Fake-News, Desinformation und Lüge eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Schon der große Aufklärer Theodor W. Adorno hat postuliert: Es gibt kein richtiges Sommerloch im falschen. Er steht damit in der Tradition des Diktums von Immanuel Kant „Habe Mut, Dich Deines eigenen Sommerlochs zu bedienen“.
Außerdem wollen wir uns mit dem Sommerloch-Service bei den Medien für die jahrelange wohlwollende Berichterstattung bedanken. Wir laden die Medienvertreter*innen herzlich ein zu einem Hintergrundgespräch. Termin nach Vereinbarung. Es gibt ein kleines Büffet mit Sauren Gurken und gebratener Zeitungsente.“
Information:
Das Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 wurde 1968 gegründet und steht in unterschiedlichen Besetzungen mit seinen zahlreichen öffentlichen Interventionen, Performances und Aktionen in der Tradition der Aufklärung, Beispiele:
1991: Teilnahme an der hiesigen Kommunalwahl als erste Satirepartei Deutschlands überhaupt
2009: Gründung des einzigen Witzeverleihs der Welt, seitdem Dauereinsatz mit mobiler Witzothek mit Leihwitzen, siehe NDR-TV
2013: Langzeit-Kunst-Intervention „Armut? Das ist doch keine Kunst!“ – u. a. mit dem Projekt „Kunst am Kiosk“ an verschiedenen hannöverschen Kiosken
2017: Intervention zur Umbenennung der Sonnenblume „Goldener Neger“
2018: Verkauf von „Nichts®“, dadurch Sanierung des SCHUPPEN-68-Haushalts für 2019, siehe hier
(mehr siehe Künstlerverzeichnis der HAZ )
Wolf-Dieter Gleitze ist unter anderem Autor des Blogs www.schuppen68.de, in dem er aktuelle politische Entwicklungen anhand von Alltags-Phänomenen satirisch und kritisch aufs Korn nimmt. Beruflich ist er als Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz LAK Niedersachsen unterwegs.
Hermann Sievers tritt als Quartalskünstler & Gelegenheitsdichter in Erscheinung, u. a. bei der hannöverschen Kunstveranstaltung ZINNOBER. Als vermeintlicher Modernisierungsverweigerer verlässt er selten Tarifzone 3, geht aber dennoch einer geregelten Arbeit nach.

Mit der Bitte um Berichterstattung und besten Grüßen
Wolf-Dieter Gleitze & Hermann Sievers
SCHUPPEN 68
Kontakt: 0160 99 50 41 61

06.08.2019 – Fin de Siècle 2.0


Ich lag am Teufelssee und schaute den Kiefernnadeln über mir beim Wachsen zu.
Es war ein sehr heißer, trockener Tag. Ich wartete an den Ampeln darauf, dass auf den Dauerbesonnten Kreuzungen in Berlin der Asphalt aufplatzte, mit Blasen, wie Milch, wenn sie kocht. Tat er nicht. Wir sind ja hier nicht in einem Öko-Kitschfilm. Wer konnte, floh wie ich in den Schatten, an Badeseen. Manchmal streifte ein Gedanke mein Gemüt, aber er blieb nie haften. Einzig die Entscheidung, wann ich wieder eine Runde schwimmen würde, belästigte mein Gehirn im halbstündigen – oder war es halbjährlich? Wen interessiert Zeit unter solchen Bedingungen – Rhythmus. Ich versuchte, den Tagesspiegel zu lesen, aber die Artikel lösten in mir ein ähnliches Interesse aus wie die Lektüre von 6 Seiten „Müller“ aus dem Telefonbuch. Die Welt ist eine Ansammlung von Katastrophen, die Kunst ist bunt, die Dürre verheerend, ein Bombenanschlag, der Arbeitsmarkt ist noch stabil, die Immobilienpreise steigen, ein Fußballer hat ein Tor geschossen, ein Mann mit einer Gitarre singt blablabla zu einer Tonika und 100.000 Leute in einem Stadion nässen sich ein vor Freude …..
Auf einmal setzt sich ein Widerhaken in Form eines echten Gedankens in meinem Hirn fest und ich rolle mich auf den Bauch, fast begeistert, immerhin ist es auch schon 18 Uhr und die sedierende Sonne verschwindet langsam hinter den Baumwipfeln am Teufelssee, der in einer Senke liegt.
Leben wir vielleicht in einem neuen Fin de Siècle, 2.0, so der Gedanke? Unsere Besserwisserin Vicky P. Dia meint dazu:
„ … bezeichnet eine künstlerische Bewegung in der Zeit von etwa 1890 bis 1914…. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war von einem Bewusstsein geprägt, dass eine Epoche sich endgültig dem Ende zugeneigt hatte….
… Die Zeit war geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz. Eine allgemeine Krise ergriff die maßgebenden Gesellschaftsschichten, weil Grundwerte des sozialen Lebens gefährdet schienen.
…. vollzog sich eine kontinuierliche militärische Aufrüstung …“

Passt.
Jetzt hab ich Denkfutter. Künste sind Seismographen, wenn sie gut sind, spiegeln sie oft zuerst aufkommende Zeitenwenden. Wenn sie schlecht sind, geben sie nur den herrschenden Zeitgeist wieder, der immer der Geist der Herrschenden ist.
Wie sieht es aktuell mit einem Fin de Siècle 2.0 aus? Was ist mit Literatur, bildender Kunst, Popmusik? Spiegeln sie so etwas wie einen Eve of destruction wieder, wo es heisst: “If the button is pushed, there’s no runnin‘ away.” (Was den „Öko-Eve of destruction“ angeht, spiegeln die Künste nur den herrschenden Zeitgeist wieder, langweilig und angepasst rennen sie Türen ein, die eh sperrangelweit offen stehen, Betroffenheitskitsch oft.)
Zeitgenössische Popmusik interessiert mich einen Furz, zeitgenössische Literatur würde mich interessieren, lese ich aber nicht, zeitgenössische Kunst gucke ich mir oft an, aber deren Subsummierung in Styles, Schulen, Kategorien, Genres interessiert mich auch nicht. Dieses geballte Nichtwissen ist ja eine tolle Grundlage für die Verfolgung des Gedankens Fin de Siècle 2.0.
Je mehr und rapider sich die Welt verändert, und ich versuche, mich mit zu ändern, um ein bisschen davon zu verstehen, desto mehr gehen Sicherheiten flöten. Früher hatte ich zu allem eine Meinung. Jetzt gucke ich den Kiefernnadeln beim Wachsen zu.

03.08.2019 -Stirb!


Die! Berlin, Nähe Checkpoint Charlie. Potzdonner, dachte ich im Vorbeiradeln, ein fulminanter, kreativer Weckruf zum Zustand der Welt. Stirb, Globus! Ein Menetekel, die Zeichen aber nicht an der Wand, wie im famosen Heine-Gedicht von König Belsazar, sondern im Wind, den schwankenden Zustand von Mutter Erde im Werk aufnehmend. Großartig, welch Künstlerin steckt dahinter? Frug ich mich, trat in die Eisen und eruierte. Aber ach!

Werbeballon für das Springerblatt „Die Welt“. Herrjemine.
Die Welt ist ein Jammertal, Enttäuschungen, Niederlagen, Demütigungen durch den Lauf der Geschichte allenthalben. Seit dem Ende des IMF Vertrages gestern setzt ein Rüstungswettlauf verstärkt wieder ein, wo die Weltuntergangsuhr eh schon auf zwei Minuten vor 12 steht, so weit fortgeschritten wie nie. Die Älteren haben es noch in Erinnerung, das Wettrüsten im vorigen Jahrtausend, das unter anderem die Neue Friedensbewegung hervorbrachte, mit Protestformen wie einem „Die-In“, wo Menschen in der Stadt auf Kommando wie tot umfielen. Ein Ziel des Westens war bei diesem Waffenwettlauf unter anderem, den Osten totzurüsten, was auch klappte. Das „Reich des Bösen“ konnte die Kosten nicht mehr tragen, der Ostblock implodierte, „wir“ hatten gewonnen. Alles wurde gut, „Das Ende der Geschichte“ trat ein, also der weltweite Sieg der liberalen Demokratie und ein immerwährender Friedenszustand, mit der dazugehörigen „Friedensdividende“, mehr Wohlstand für alle.
Das glaubten Anfang der 90er jedenfalls die, die nach der ersten Klasse die Volksschule verlassen hatten und auch noch an den Klapperstorch glaubten. Denjenigen, die bis zur zweiten Klasse durchhielten, fiel das biblische Gleichnis von den zwei Bäckern ein:
„Denn siehe, spricht der Herr, wo aber zwei Bäcker in einer Straße sind und einer davon zumacht, so wird der andere sofort die Preise erhöhen, denn wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, wo keine Systemkonkurrenz herrscht, da gehen die Preise zum Teufel, und es werden nur noch wenige sein, die sich leckere Brötchen leisten können.“
Die Bibel hat doch recht und so kam es auch. Prompt setzten selbst in Europa wieder Kriege ein, unter anderem auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, allenthalben zerfielen die Staaten, Demokratie ist mittlerweile Mangelware, was bedeutet, sie wird ordentlich durch die Mangel gedreht.
Die sozialen Wohltaten, die das Kapital vor dem Untergang des „Reich des Bösen“ notgedrungen an die hiesigen Systeminsassen verteilt hatte, um sie bei Laune zu halten, sammelte es ruckzuck wieder ein, die andere Bäckerei hatte ja zugemacht. Während die Vermögen der Superreichen unvorstellbare Dimensionen annahmen, nimmt auf der anderen Seite der Hunger weltweit zu, massive Armutsmigration wird immer mehr. Das Vermögen der 500 reichsten Deutschen übertrifft den gesamten Staatshaushalt der BRD um ein Mehrfaches, während die Armut hier seit den Neunzigern um 50 Prozent zugenommen hat.
Das sind in sehr kurzen Worten die gesellschaftlichen Folgen des – vom „Reich des Guten“ gewonnenen – Wettrüstens im vorigen Jahrtausend. Da frage ich mich als jemand, der sogar bis in die dritte Klasse gekommen ist: Wie werden wohl diejenigen Folgen nach dem Ende des jetzigen Wettrüstens aussehen? Geschichte wiederholt sich angeblich nicht, es sei denn als Farce oder Tragödie. Wenn das, was in den 90ern ff. die Farce war, wie sieht dann die Tragödie aus?
Eine Veranstaltung, bei der ich lieber nicht dabei sein möchte. Charmantes Wochenende, liebe Leserinnen.

31.07.2019 – Was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto?


Ausstellung „Garten der irdischen Freuden“, Gropius-Bau, Kreuzberg.
Diese Installation hat was von Alice in Wonderland. Im Kontrast dazu im Raum vorher ein Gemälde „Der Garten der Lüste“ in der Nachfolge von Hieronymus Bosch, um 1550.
Es geht in der Ausstellung um den Garten als Metapher für den Zustand der Welt. Was für eine Kunstausstellung logisch ist, weil wir uns sonst in einem Gartencenter befänden, wo es um den Garten als Zustand unseres trauten Heimes ginge. Eine der optisch opulentesten Ausstellungen seit langem, hoher Spaßfaktor, mein gedankenschwerer Kopf wurde freigeblasen, aber auch mit Erkenntnis und Selbstreflexion wieder gefüllt.
Museum als Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, ästhetische Erziehung par excellence.

Eine Installation aus Südafrika bestand aus abgebrochenen Flaschen, Scherben. Die – schwarze – Mehrheit in Südafrika kann sich keine Gärten leisten. Sie kennt Gärten nur in Form von Glasscherben, die auf den hohen Mauern von Gartenbesitzern, der weißen Minderheit, einbetoniert sind, um Eindringlinge fernzuhalten. Klasse & Rasse, neben Geschlecht die globalen Trennlinien überhaupt, das sind die Grundlagen für Macht und Unterdrückung.
Mir fiel mein eigener Garten ein, ein kleines Paradies inmitten eines angesagten Kiezes, eine Art Sechser im Lotto, an den ich mehr oder weniger durch einen Zufall gekommen bin. Glück eben.
Ich fing an, die Glücksquote meines Lebens auszurechnen, all die Dinge, zu denen ich ohne jegliches Zutun, eigene Leistung und Verantwortung gekommen bin: Meine Trefferquote im genetischen Lotto.
Also: ich wurde in eine Region hineingeboren, die ohne Kriege, brutale Verfolgung, offene Unterdrückung ist, der Terror hält sich in Grenzen, hier gibt es keine Seuchen, außer Blödheit, keine Naturkatastrophen, keine wilden Tiere (sieht man mal vom Wolf ab, der aber nicht mehr als 20 – 30 kleine Kinder pro Tag verzehrt), der Staat funktioniert, die Klassengegensätze sind formalisiert und verdeckt. Das grenzt das Ganze schon erheblich ein auf Nord- und Mitteleuropa, Japan, Kanada (USA in Teilen schon nicht mehr) und bisschen Neuseeland, Australien und so Kleinzeug, wo wir mal die Ureinwohnerinnen außen vorlassen. Weiter: Ich bin männlich, weiß, nicht geflüchtet, nicht behindert, Mittelschichtskind mit ordentlicher Bildung. Ich hab bestimmt noch ein paar Parameter vergessen, die mich im genetischen Lotto bevorteilten, aber es reicht auch so schon, um zu sagen: Ich bin ein Glückskind, mit einer Glücksquote von ca. 1:100. Das fiel mir eben gerade wieder ein, als ich auf der Veranda vor mich hin muffelte:

Warum scheint eigentlich die Sonne jetzt nicht?
Und was für eine Glücksquote haben Sie beim genetischen Lotto, liebe Leserinnen?
Viel Spaß beim Nachrechnen.

28.07.2019 – Ich bin nur von Idiot*innen umgeben


Auf der CSD gestern in Berlin.
1 Mio. Teilnehmer*innen. Expliziter Anspruch der Veranstalter*innen: wir sind nicht politisch, wir sind Konsum. Bei 100en LKW keinerlei Öko-Auflagen, nur ellenlange Vorschriften, wie mit Sponsoren Logos umzugehen ist. Ausser dem CSD fallen mir spontan nur zwei Daten ein, die par excellence für politische und gesellschaftliche Unterdrückung von Minderheiten stehen: Reichskristallnacht 9.11 und der 8. März. Und an so einem Datum unpolitisch? Und Arm in Arm mit Amazon? Die die Daten der Schwulen und Lesben ihres Konzerns mit einem Mausklick an eine Regierung weiterleiten würden, die sie vor die Wahl stellte: entweder die Daten oder keine Geschäfte mehr in Deutschland. Krupp hat seine Waffen auch jederzeit an alle verhökert. Warum sollte das mit Daten anders laufen? Bei dem Anblick der CSD Parade fragte ich mich: wie blöd kann man//frau/…etc. eigentlich werden? Nichts gegen Party, ich war am gleichen Abend noch auf einem fantastischen Reggae Konzert, aber sollte nicht bei ein paar Leuten wenigstens ab und zu ein bisschen Verstand und Ethik einsetzen?
Es ging noch schlimmer. Ich flüchtete sofort zu meinen radikalen CSD Polit-Genoss*innen nach Kreuzberg. Voll politisch, militant und radikal gegen Staat und Kapital! Ca. 300. Das spiegelt die Massverhältnisse unserer Gesellschaft gut wider. Ich fiel vom Regen in die Jauche

Lauter geisteskranke Antisemit*innen, von der BDS Initiative: Boycott Israel.
Ich wollte ihnen noch anheim stellen, mal eine CSD Demo in Palästina zu organisieren, was ihr Todesurteil wäre. Aber an so einem Pack mache ich mir verbal die Finger nicht schmutzig. Mir blieb nur die Party-Flucht, Wut wegtanzen. Fazit: 1 Millionen Idiot*innen, 300 Arschlöcher und 1 Gerechter. Zwar nur ein Selbstgerechter, aber immerhin. Fazit 2: wer mit dem Schwanz resp. der sexuellen Identität denkt, ist vielleicht nach allen Seiten offen, aber selten ganz dicht.

27.07.2019 – Vegetieren von A nach B


Der Narziss, Caravaggio, Potsdam Barberini Museum. In der dortigen Ausstellung mit Meisterwerken des Barock wird klar, warum Caravaggio ein Ausnahmemaler war. Keins der anderen Bilder hat eine derart fast beklemmende Sogwirkung, allein auf Grund der Komposition. Caravaggio verzichtet völlig auf schmückende, Symbolbehaftete Zierrat. Nur Narziss, ganz nah, sofort und ausschliesslich im Thema. Aber die gesamte Ausstellung lohnt. Ein Bild: „Der Künstler bei der Arbeit“. Eine tolle Selbstreflexion der eigenen Arbeit und des eigenen Mediums,revolutionär zur damaligen Zeit, und auf der Darstellungsebene eine spannende Abwechslung zum Dauerklerikalen Gedöns der Renaissance.
Museen sind unverzichtbar, Orte der Bildung, der ästhetischen Erziehung und der Kontemplation. Nicht zu vergessen: der Kühlung. Was für eine Labsal bei diesen äquatorialen Temperaturen. Es war interessant zu registrieren, wie beim Flanieren mit jedem Grad mehr sich die Schrittfrequenz meiner Begleitung und mir reduzierte, die Wörter fielen immer seltener aus unseren Mündern und versiegten bald völlig. Alles reduziert, wir vegetierten quasi von A nach B. Aber garnicht einmal unfroh. Es war ein amöbenhaftes auf sich selbst Geworfensein. Eine faszinierende Grenzerfahrung.
Das kann ja noch heiter werden, mit dem Klima. Gut, dass es Museen gibt.