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17.02.2019 – Wollen wir einen George Clooney trinken?


Nespresso Laden in der City.
Ich bin ebenso selten wie ungern in der „City“ – in dem Fall der von Hannover, könnte aber auch vermutlich jede andere Grossstadt außer Berlin sein, das den Vorteil besitzt, keine City zu haben, sondern diverse Epizentren. Unlängst wurde in der hiesigen Presse Klage darüber geführt, dass Läden wie Benetton oder Esprit in der City dicht machen, wegen Internet Handel, zu hohen Mieten etc. pp. Benetton und Esprit sind globale, austauschbare Ketten, mit austauschbarem Tinneff im Angebot, gesichtslos, stillos, dumpf. Wenn darüber schon Klage geführt wird, dass solche Ketten die City verlassen, was für ein gesichtsloser, stilloser, dumpfer Ort muss diese dann sein. Den Artikel des hannöverschen Käseblatt zur City-Krise können Sie hier nachlesen.
In ihm stehen Sätze wie: „Der Online-Konkurrenz haben Sie (die Ketten, d. A.) offenbar nicht im jeden fall etwas entgegenzusetzen.“ Rechtschreibung im Original. Diese Zeitung hat eine Auflage von mehreren 100.000 und in ihr wird die korrekte Rechtschreibung offensichtlich mit dem Würfel ermittelt. In meinem Blog geht es auch manches Mal nicht nach den Regeln des Dudens, mitunter gewollt, aber auch schlampig. Der Unterschied zwischen diesem Blog und dem erwähnten Käseblatt ist: Der Blog ist mein flüchtiges, individuelles Vergnügen, kostenfrei für jedefrau. Angesichts des Zustandes der regionalen Medien erweitere ich also meine Aussage: Nicht nur die City, auch die Welt ist ein Ort von Trübnis, Jammer und Elend. Nur ich bin gut.
Und ein inkommensurabler Pharisäer, und so kommen wir nach langem Vorspiel zum Akt als solchem, dem obigen Bild. Es stieß mir ins Auge, als ich am Freitag ins Theater eilte. „Potzdonner, Nespresso!“ dachte ich für mich. “Für diese Drecksaluminiumkapselsauerei ein eigener Laden! Den hat Satan in die Welt gesetzt. Was sind das für gesichtslose, stillose, dumpfe Menschen, die auf diese ökologisch desaströse Art ihren Espresso zubereiten.“
Und erbleichte. Denn in meinem Innern hörte ich eine Stimme aus 280 Kilometern und ein paar Zeiteinheiten Entfernung durch die Wohnung meiner Berliner Homebase tönen: „Wollen wir einen George Clooney trinken?“ Was wegen der Werbung nichts anderes als einen Nespresso meint. Sie, geschätzte Leserinnen, ahnen, wessen Stimme das war. Meine.
In unserer Wohnung in Berlin steht eine Drecksaluminiumkapselsauereimaschine namens Nespresso, und ich bin nichts weiter als ein elender Pharisäer.
Das Theaterstück war auch Scheiße. Man gab „Iggy Popp – Lust für Life“. Die Geschichte von Iggy Popp und David Bowie, die in den Siebzigern in einer WG in Berlin abhingen – 5 Minuten von meiner entfernt – und dort unter anderem das Album „Lust for Life“ produzierten, Sex and Drugs and Rock ‘n Roll eben, wie Max und Moritz sich das so vorstellen. Mich interessierte an dem Stück, wie „Stadt“ auf der Bühne inszeniert wird und Rock ‘n Roll. Beides nicht halb und nicht ganz in dem Stück, Videoprojektionen, Drehbühne, Nebel, all das ersetzt eben noch keine dramaturgische Kreativität, sondern schlägt sie im Zweifel tot. Und Iggy Popp und David Bowie waren auch nie mein Fall, beides Poser, keine Rock ‘n Roller.
Der Freitag war irgendwie ein gebrauchter Tag. Lustig war nur folgendes Fundstück aus der City, eine Tafel an einem dieser gesichtslosen hohen Häuser, in denen sich Betrüger, Gauner und Lumpen versammeln, in diesem Fall Deloitte (Legal!), Bantleon und Bethmann, feine Gesellschaften, die mit Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Vermögensverwaltung und Consulting im High-End Bereich tätig sind, die also Staaten nach bestem Wissen und ohne Gewissen zum Vorteil von Milliardären und Superreichen ausplündern.

Über ihnen aber thront das End- und Dickdarmzentrum.

14.02.2019 – 1,5 Lebensjahre im Stau oder wie ich beinahe als Lungenfacharzt geendet hätte!


Berlin, Kreuzberg. Hauptverkehrsstraße. Alles wird gut.
154 Stunden, mehr als sechs Tage zu je 24 Stunden – so viel Zeit verlor ein Autofahrer in Berlin im Jahr 2018 in Staus zu den Stoßzeiten in der Hauptstadt. Mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Rechnet man nur die wachaktive Zeit pro Tag, also circa 10 – 14 Stunden, legt die Staureichsten Straßen zu Grunde und inkludiert Urlaubstage, andere Straßen und andere Städte bei Dienstreisen, dann komme ich auf ungefähr 1,5 Jahre, die eine Deutsche in einem 40jährigen Berufsleben im Stau zubringt.
Nun ist über den Schwachsinn, mit Individual-Autos in Großstädten unterwegs zu sein, genug geschrieben worden, da muss ich meinen Senf nicht auch noch dazugeben. Mich hat nur das Ausmaß über die Jahre erstaunt und die Tatsache, dass die Stauzeiten abgenommen haben sollen, trotz Zunahme des Individualverkehrs und immer durchgeknallterer Karren wie diese SUVs.
Die angebliche Abnahme der Stauzeiten wird bei Frieda Normalverbraucherin wieder die Zuversicht in die technologische Intelligenz als Lösung aller unserer Probleme nähren, es lebe das elektronische Verkehrsleitsystem oder wie sowas heißt. Auf die humane Intelligenz bei Autofahrerinnen, Fußballanhängern, Helene Fischer-Fans und Thermomix-Usern zu hoffen, heißt …. (mir fällt spontan kein Vergleich ein, also lass ich es es). Ergo torkelt der Planet weiter dem Kollaps entgegen. Aber bitte erst nach meinem nächsten Urlaub. Den Flieger hab ich schon gebucht. Technologisch sind wir eben auf dem Mond, ethisch weit dahinter.
Ich war bei Liste der staureichsten Straßen in der BRD nur ein bisschen stolz, dass vier der ersten sechs bei mir in Berlin entweder direkt durch meine Hood gehen, wie der Spitzenreiter im Verlauf des Mehringdamms, oder zu den meistgenutzten Verbindungswegen von mir gehören, per Rad. Wie oft hab ich schon an der Skalitzer Str. (für Ortsfremde: Kottbusser Tor, genannt Kotti, Ort des Grusels, Hort des Verbrechens, jeden Tag Schießereien mit dutzenden Toten) an Ampeln gestanden und geröchelt.
Ist alles nicht so schlimm, behaupteten neulich Lungenfachärzte, medienwirksam auf allen Titelseiten. Heute steht irgendwo im Kleingedruckten, dass diese bezahlten Lakaien der Autoindustrie sich um den Faktor 10 „verrechnet“ haben. Weiter hatten sie gelogen: wer an einer viel befahrenen Straße lebe, atme in 80 Jahren so viele Stickoxide ein wie ein Raucher in wenigen Monaten. Tatsächlich sind es sechs bis 32 Jahre.
Sie halten dennoch an ihren Aussagen fest: Die „Größenordnung“ sei richtig.
Da freut man sich schon auf die Entfernung des falschen Lungenflügels, denn laut Lungenfacharzt war zumindest die grobe Gegend des Amputats richtig.
Mir kommt da einiges hoch. Unter anderem Erinnerungen an meine Jugend im Mathematik Unterricht. Meine Lösung für 2 x 2 war 7. Nach der allfälligen Maulschelle durch den Pauker protestierte ich: „Aber die Größenordnung stimmt doch!“ Daraufhin der Pauker:
„Wenn Du so weitermachst, endest Du noch als Lungenfacharzt.“
Ach ja, des Bildrätsels Lösung oben: Das war vor meiner Haustür während des Karnevals der Kulturen 2018. Die Yorkstr., normalerweise Heimat von ca. 50.000 Autos pro Tag, war da für ein paar Stunden für den Verkehr gesperrt und es herrschte Samba, Reggae und Karneval gleichzeitig.
Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen.

11.02.2019 – Kollektives Frauenbesäufnis im Namen der Nelke


Gestern regnete es, das dürfte den Zyklus meiner Nelke weiter verlängern. Die Nelke war auch das Widerstands-Symbol der Adligen, die während der französischen Revolution geköpft wurden. Am 8. März beglücken wir die Damen mit einer roten Nelke, zum Weltfrauentag, was die Herren der Schöpfung – und so sieht die Schöpfung ja auch aus, wie ein Herren-Gedeck, macht einen dicken Kopf und ist zum Kotzen – für den Rest des Jahres von der Beziehungsarbeit entlastet. In der Ostzone endete der 8. März immer in einem kollektiven Frauenbesäufnis. Einer der zahlreichen Gründe, warum ich die Ostzone vermisse.
Allein bei dem Wort „Beziehungsarbeit“ bricht mir schon der Schweiß aus und es erinnert mich an einen ehemaligen Chef von mir, der zu mir sagte: „Sie haben die Arbeit auch nicht erfunden.“ Das war eines der schönsten Komplimente, die mir je gemacht wurden. Ich wollte mir das beim Deutschen Patentamt schriftlich geben lassen, dass ich die Arbeit nicht erfunden habe. Auf die Antwort warte ich seit vielen Jahren.
Heute wird viel von Care-Arbeit geredet, was etwas anderes meint, aber genauso kacke klingt. Es erinnert an Care-Pakete und verschleiert nach alter Soziologen Art mehr als dass es nutzt. Sprache ist eben ein machtvolles Instrument, das wichtigste zur Bewusstseinsbildung. Sprache drückt Herrschaft aus und bildet sie. Dazu gibt es Mittel und Möglichkeiten sonder Zahl und in diesem Blog kann alles nur angerissen, nie vertieft werden. Und auch nur, wenn es mich persönlich umtreibt, ärgert (meistens) oder erfreut (selten). Geärgert habe ich mich wieder, am 07.02, wie aber eigentlich jeden Morgen, über das hiesige Schnarchblatt des abgehobenen Wutbürgertums, die HAZ. Was ihr ins neoliberal-erzkonservative Weltbild nicht passt, wird ausgeblendet, findet in ihr nicht statt oder wird ideologisch beschönigt, verschleiert. Ein winzig kleines aber schönes Leer- und Lehr-Stück ist die Veröffentlichung eines Veranstaltungshinweises zum „Politik-Talk“ der Landesarmutskonferenz am 07.02, um 16 Uhr im ka:punkt.

Weil Du arm bist, musst Du früher sterben. (Veranstaltungsplakat)
So der Titel der Veranstaltung. Er bringt den Skandal Massenarmut in einer der reichsten Gesellschaften auf den Punkt: arme Männer sterben 11 Jahre früher, arme Frauen 7 Jahre früher als „normal“ situierte Vergleichsgruppen. Sowas würde, wenn überhaupt, versteckt alle 10 Jahre einmal in der HAZ stehen, die sich lieber an vorweihnachtlichen Rührstücken delektiert, wo ein generöser Spender einer obdachlosen Familie eine Wohnung zur Verfügung stellt.
Im Rahmen ihrer Friede-Freude-Eierkuchen Ideologie macht also die HAZ aus unserem Veranstaltungshinweis folgendes Kastrat:

Jeder Veranstaltung wird in drei Zeilen zumindest der Raum für den Inhalt oder Titel zugebilligt, nur unserer nicht. So wird Ideologie gemacht.

09.02.2019 – Ein Brechmittel aus der Mitte der Gesellschaft


Die Nelke auf meiner Veranda ist heute, am 09.02.2019, mittlerweile über 3 Wochen alt und zeigt keinerlei Zeichen von Alterung. Langsam finde ich das interessant, ich hab das an Rosen im Garten auch schon beobachtet, dass die im Einzelfall weiter über ihren Zyklus bis in den Winter blühen, aber die waren eingebuddelt, keine Schnittblumen. Keinerlei Zeichen von Alterung fände ich an mir als Option nicht schlecht, ich würde jetzt nicht meinen rechten Arm drum geben oder viel Geld dafür bezahlen, aber ein par diesbezügl. Versuche würde ich dafür schon eingehen, auch aus wissenschaftlicher Neugier. Verhindert das Blumenwasser die Alterung der Nelke? Muss ich dann jeden Morgen auf nüchternen Magen einen Teelöffel davon schlucken? Würg.
Ist es die unfassbar verdieselte Drecksluft meiner Hood, die die Nelke konserviert, und muss ich mich dann damit einreiben? Oder liegt das Geheimnis in der Pflanze selbst und wie extrahiere ich das?
Alles zu aufwändig, ich altere lieber in Würde. Aber ich halte Sie, liebe Leserinnen, die an den Geheimnissen der ewigen Jugend interessiert sind, auf dem Laufenden. Vielleicht mache ich einen Extra Blog auf: Das Alter der Nelke, oder so. In der Zwischenzeit rege ich mich über einen Kryptofaschisten aus der Mitte der Gesellschaft auf, sein Name ist Haese, er weiß von nichts, er ist Geschäftsführer einer hannöverschen Wohnungsbaugenossenschaft. Wenn ich lese, was alles Geschäftsführer im Titel führt, möchte ich meinen an der hiesigen Mülldeponie abgeben.
Haese wirkt auf mich wie ein Brechmittel, wie es im Buche steht, aber leider, leider nicht im Strafgesetzbuch.
Er ist ein Rassist, was ihm sogar die hiesige HAZ inexplizit bescheinigt, ein dümmlicher Sexist, und eine Bedrohung für Menschen in Wohnungsnot. Auf seine Klage hin hat das BVG das unbefristete Belegungsrecht bei Sozialwohnungen für unzulässig erklärt. Das wird Konsequenzen haben, die noch unabsehbar sind.
Dass sich eine hiesige Künstlerin nicht entblödet hat für so eine Kreatur zu arbeiten und der Busenschnecke einen provokativen BH geschneidert hat, wirft ein deprimierendes Licht auf den politischen Zustand der regionalen Kunstszene, den mit unterbelichtet zu bezeichnen die Untertreibung des Jahrtausends ist. Unter anderem in solchen Momenten weiß ich, warum ich mitunter nach Berlin ins Exil flüchte.
Warum sollte man angesichts solcher Zustände wie der hier Geschilderten ewig leben? Sich wappnen gegen eine See von Plagen? Oder zu wissen, daß ein Schlaf Das Herzweh und die tausend Stöße endet, Die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel ….?
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen, und bleiben Sie innerlich jung.

06.02.2019 – Was für eine Vergeudung von Lebenszeit


Nelken halten bei dem Wetter draußen ewig. Die Nelke ist die Blume der Arbeiterbewegung, Symbol der portugiesischen Nelkenrevolution, und vollkommen out. Die Ayurvedageneigte Dame von Vegan-Welt stellt sich gerne eine Calla in die Ökoecke. Wobei ich keine Ahnung habe, ob sich das verträgt: Vegan und Schnittblume? Ist Schnittblume nicht Mord an Schwester Blume? Oder sind das eher Fruitarierinnen, die so denken, wenn sie denn denken? Und steckt in Fruit-Arier mehr von der rassistischen Bedeutung des Begriffs „Arier“ drin, als die zufällige Verkofferung des Wortes sagen will? Fruitarier ist nämlich ein Kofferwort. Das sind so Gedanken, die mir gerade beim Schreiben durch den Kopf gehen, die mich aber einen Furz interessieren. Was für eine Vergeudung von Lebenszeit, mit Gedanken belästigt zu werden, die einen nicht interessieren.
Ich hab einfach nur das Foto auf meiner Veranda verwursten (Fuck you, fruitariens oft he world!) und, daran anknüpfend, ein bisschen über den Zustand der Welt räsonieren wollen.
Die Nelke hatte früher jeder aufrechte Sozi am 1. Mai im Knopfloch. Heute hat er eine Träne der Rührung und des Jammers im Knopfloch, wenn er an seine Partei denkt. Wenn er denn denkt. Heute gibt’s keine Nelken mehr und bald auch keine Sozis.
Gedacht hat deren Arbeitsminister Hubertus Heil, 11 Jahre Studium Soziologie mit Abschluss an der Fernuni Hagen und niemals auch nur in die Nähe eines Normalberufes gekommen, sich was mit seiner Respektrente, und zwar in Richtung Sozialismus. Peter Altmaier, auch Minister für Irgendwas, wollte dem nicht nachstehen, und dachte sich ebenfalls was, mit seiner Industriestrategie 2030, das geht aber eher in Richtung Nationalismus.
Nationalismus und Sozialismus, das hatten wir schon mal und ist eine eher unsiegheilvolle Mischung. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir am Ende des Ganges (den Gag könnte ich jetzt noch auswalzen, aber ich bin kein Walzer) dann eine Deutsche Arbeitsfront unseligen Gedenkens bekommen. Nichts liegt mir ferner als eine platte Faschisierung aktueller Verhältnisse, aber diese Mischung aus Nationalismus und Sozialismus, mit der die bevorstehenden Wahlkämpfe eingeläutet werden, kann von der AfD locker getoppt werden. Und das wird dann richtig gruselig.
Ich halte dem entgegen: Hoch die Internationale Solidarität!
Was mich aber wirklich umtreibt, ist die Frage, wo kriege ich meine Nelken her. Der letzte Blumenladen hier im Kiez, betrieben von einem griechischen Ehepaar, der überhaupt noch ab und zu Nelken hatte, weicht einem Bistro oder Coffeegedönsladen, für die Ayurvedageneigten Damen von Vegan-Welt, wo dann bestimmt Calla in der Ecke stehen.
Das Leben ist so trostlos wie bei mir vorm Fenster. Tröstlich einzig die Tatsache, dass ich doch ne Muschi hab, anders als im letzten Blogeintrag behauptet.

Die bewacht meinen Rumtopf.
Zur Deutschen Arbeitsfront DAF gehörte übrigens auch eine Organisation namens „Amt Schönheit der Arbeit“. Das ist einerseits natürlich infam, lappt aber doch überzeitlich-erheiternd derart ins Transzendente, dass es mich gestärkt die Arbeit aufnehmen lässt.

04.02.2019 – Marx und Moritz


Marx und Moritz. Gesehen bei einem befreundeten Kollegen. Der Marx Riegel ist eine meine letzten Arbeiten, der Moritz ein Memoriam an den verstorbenen Kater einer Künstlerkollegin. Manchmal macht Kunst Sinn, Kunstsinn, und ergibt mehr als die Summe der Einzelteile. Und erzeugt beim Betrachter, also mir, Wohlbehagen. Wäre ich ein Kater, brummte ich. In den letzten Jahren habe ich keine Katze mehr gehabt. Schade eigentlich, die hatten bei mir immer das Paradies auf Erden, nach hinten raus Gelände zum Stromern ohne Ende. Eine Katze aus dem Haus, der Paul, war mal drei Monate auf Trebe und stand eines Tages maunzend im Garten. Wenn der eine Dashcam gehabt hätte, was da wohl drauf zu sehen gewesen wäre. Meine Katzen waren eigentlich immer draußen, nur zum Schluss, im Alter und im Winter, konnten sie natürlich auch auf die Heizung. Insofern war da Ortsabwesenheit nie ein Thema, im Gegensatz zu Hunden.
Krokodile sind auch pflegeleicht, Nacktnasenwombats nicht. Das ist mit Tieren so wie mit Menschen. Die sind auch nicht alle gleich pflegeleicht.
Nach vorne raus wohne ich an der lautesten, dreckigsten und hässlichsten Straße des Universums, das war in dem Blog schon Thema. Die Luft hier ist wirklich atemberaubend, seit ich von der Algarve zurück bin, huste ich jeden Morgen wieder ein halbes Brikett, und ich rauche seit Jahren nicht mehr. Der Kiez hier, Hannover-Linden, geht mir auch auf den Senkel, ehemaliges Arbeiterviertel, jetzt alternative Spießerkultur, die Dauerbesoffen von ihrer angeblich weltoffenen Multikulti-Kultur durch die Gegend torkelt, nicht merkt, wie die durchgentrifiziert wird, oder aber es ist ihr egal, und im schlimmsten Fall profitiert sie davon, durch Wertsteigerung der Eigentumswohnungen. Ergo haust hier ein Scheuklappenmilieu, welches mich als Kosmopoliten und Klassenkämpfer nur gruselt. Aber wegziehen würde ich hier eher nicht. Auch weil dieses Milieu hier jede Menge unfreiwillig komische Sumpfblüten fabriziert und mir täglich Material für mein Buch liefert, das Opus Magnum, das ich gerne noch vollenden möchte. Wozu ich infolge Leben aber eher nie kommen werde.
Unlängst kam mir dieses Bild vor die Linse, bei mir umme Ecke, am Lindener Hafen, bei dem ich vor
Hannover Docks, am Lindener Hafen. Am Lindener Hafen legt 0,75 Schiffe pro Tag an und das Gelände ist so klein, dass ich eine Kokosnuss von einem Ende zum anderen werfen kann.
Grundsätzlich gilt für Städtebau: Wassernähe, gar Hafennähe ist Premiumlage, für 1a Wohnen, Gewerbe, Vergnügen, etc. pp. im Hochpreis-Segment. Docks oder Hafencity oder ähnliches sind also immer Bezeichnungen für, zumindest von der Planung her, große städtebauliche Visionen, Beispiele sind die legendären London Docks oder Hafencity in Hamburg.
Dass sich diese trostlose Gegend hier am Lindener Hafen, in der ein Pisspott noch ein Schmuckstück wäre, nun selbst adelt als Hannover Docks, dass hat etwas derartig ragend Größenwahnsinniges, Schwerstbescheuertes und Komplettverpeiltes an sich, dass es schon wieder liebens-, na ja zumindest lachenswertes hat.

02.02.2019 – Cruise Missiles oder: Was lernt uns das?


Vor ein paar Tagen hatte ich nicht nur einen Ozean mit 15 Grad Wassertemperatur zum Schwimmen, sondern auch den dazugehörigen 6 km langen Strand für mich allein zum Wandern, nachdem ich die Anreise über eine 20 % Steigung mit dem Radl bewältigt hatte.

Lieber 20 Prozent im Portweinglas als Steigung am Berg. So gesehen sollte mein Immunsystem für alle Virenattacken dieses Winters, der mich fahl & höhnisch durch das Fenster meines Arbeitszimmers angrinst, gestählt sein.
Ich bin katholisch erzogen worden, insofern wohnt mir ein Hang zur Ehrlichkeit inne, denn Lügen ist Sünde, und diese Ehrlichkeit gebietet zu erwähnen, dass ich den Berg hochgeschoben habe, den Strand nur zur Hälfte bewandert habe und meines Bleibens im Atlantik nur kurz war.
Was lernt uns das, und zwar über Sprache?
Wer genauer liest, wird feststellen, dass ich mit keinem Wort im Intro mich darüber ausgelassen habe, wie ich das Geschilderte bewältigt habe noch ob ich die als möglich geschilderten Varianten überhaupt real umgesetzt habe.
Das machen Jahrzehnte Öffentlichkeitsarbeit aus einem Schreibenden, der immer gewahr sein muss, zitiert zu werden, sich zu rechtfertigen, und immer eine Hintertür offen haben sollte, um sagen zu können: „Das habe ich soo niemals gesagt.“ Hört sich nach Politik an? Da können Sie einen drauf lassen, liebe Leserinnen, aber im realen Leben und in der Literatur läuft’s doch grundsätzlich auch nicht anders. Oder? Aber wenn Sie mich mal darauf ansprechen, sage ich mit Sicherheit:
„Das habe ich soo niemals gesagt“.
Soviel als Abhärtung für das Hirn in Sachen political speech, wo mich zur Zeit wieder sehr viel an früher erinnert: Nato Doppelbeschluss, der Ami wollte die Sowjets totrüsten, was ja auch geklappt hat. Begründung: die Sowjets bedrohen uns mit neuen Raketen (SS-20), da müssen wir nachrüsten.
Heute kündigt der Ami mit derselben Begründung die INF Verträge , die eine Rüstungsbeschränkung begründeten. Dann hat er freie Bahn zur Nachrüstung, Nato inclusive BRD, im Schlepptau. Da kann der Russe nicht mithalten, wird totgerüstet, siehe oben und Geschichte der Sowjetunion.
Unterschiede zu früher: gegen den NATO Doppelbeschluss gingen Hunderttausende auf die Straße, im Bonner Hofgarten, dem zentralen Ort von Öffentlichkeit der BRD, Gegenstück zur Straße des 17. Juni in Berlin, waren bei nur einer Demo 400.000.
Meine Vorhersage für die österlichen Friedensmärsche 2019: keine 20.000. In der ganzen BRD.
Und: Als das „Reich des Bösen“, so redeten die Offiziellen damals, die Sowjetunion, zerfiel, war der Nachfolgestaat Russland einigermaßen stabil und die Frage des Atomwaffenbesitzes hinter dem Eisernen Vorhang konnte einigermaßen übersichtlich geklärt werden. In was für Bestandteile von kriminellen Gangs, durchgeknallten Despoten, fragilen vorstaatlichen Gebilden, alle im Besitz von tausenden Atomwaffen, sich im Zweifel Russland zerlegt, dafür fehlt mir die Phantasie.
In der Krise stirbt nicht die Wahrheit als erstes sondern wird die Sprache ans Kreuz genagelt.
Den tanzbaren Soundtrack zum NATO Doppelbeschluss lieferte Anfang der 80er die feine Combo Fischer Z mit dem Song „Cruise missiles“, Zitat:
They claim the ultimate solution.
To all the problems that we face.
It’s pointing rockets at the Russians.
And hope they don’t end up in Greece.

Deshalb ziehe ich mich dann auch nach Portugal zurück, wenn es soweit ist. Außerdem können heute die Bomben weltweit überall abregnen, damals kam nur die BRD in Frage.
Das ist doch mal ein Fortschritt.

30.01.2019 – Der natürliche Feind des Portugiesen ist der Gast


Algarve im Winter.
Ich weiss aus eigener Erfahrung nicht, wie unfreundlich das diesbezüglich schon sagenumwobene Personal im Dienstleistungsgewerbe in der ehemaligen Ostzone war, aber das portugiesische dürfte dem nicht viel nachstehen. Ich mag keine übertriebene Freundlichkeit, zumal wenn sie schleimiges an sich hat, Tourismus ist ein Deal wie alles im Kapitalismus, ich gebe Geld, das Hotel Unterkunft und einen guten Tag und wenn es gut ist, dazu ein Lächeln. Dass daraus selten internationale Solidarität wird, ist mir klar. Wir leben in illusionslosen Zeiten. Aber so wie das Hotelpersonal hier im Portugal mal wieder drauf ist in Sachen Unfreundlichkeit, das grenzt fast an Körperverletzung.
Jeder hat so sein Lieblingsland, meist bedingt durch Urlaube, Sehnsuchtsprojektionen oder Schwarzgeldkonten. Bei mir ist es Portugal, bedingt durch frühkindliche Tramperfahrungen, mit dem Daumen im Wind und dem Zelt auf dem Rücken, und die Sympathie für die portugiesische Nelkenrevolution. Eine der 68 Todsünden der SPD, die ich ihr nie verzeihe, ist ihre unheilvolle Rolle bei der Abwicklung der Nelkenrevolution, als Helmut Schmidt und Willy Brandt Seit an Seit mit der CIA mittels Geld und Erpressung (nennt man „wirtschaftlicher Druck“, hört sich besser an) die Portugiesen zwangen, vom Versuch einer sozial gerechteren Gesellschaftsordnung Abstand zu nehmen. Kapitalismus beinhart, alte SPD Schule eben. Die Friedrich-Ebert-Stiftung lieferte die Blaupausen dazu. Eine feine Gesellschaft. Die Ehrlichkeit gebietet, zu erwähnen, dass ich das eine oder andere Mal ebenso vertrauensvoll wie angenehm mit der hiesigen Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen gearbeitet habe. Das Leben ist bunt und selten ein Ponyhof.
Was ist eigentlich von der Nelkenrevolution geblieben?

Zeichen an der Wand (Markthalle in Lagos).
Und die nicht mehr wegzudiskutierende Erinnerung daran und Hoffnung darauf, dass es Zeiten gibt, in denen sich für ein paar Momente das Tor zu einer besseren Welt öffnen kann.
Aber eins, Portugal, das sage ich Dir: wenn das nicht ein bisschen besser wird mit deiner Freundlichkeit, dann wechsle ich mit fliegenden roten Fahnen zum Griechen. Ich hab eure Nelkenrevolution doch nicht versemmelt. Das war die SPD. Die ist an allem schuld.

27.01.2019 – Vor der Hacke ist es duster, aber vor dem Reifen auch nicht ungefährlich


Brother WP-5 – eine Art Hybrid zwischen Schreibmaschine und PC,aus den Achtzigern (?). Gesehen bei mir umme Ecke in Kreuzberg, wo es nichts gibt, was es nicht gibt. Wie in dem Fall ein Riesenladen nur mit Schreibmaschinen, mechanische, elektrische, und eben Brothers (keine Sisters). Da drängten sich mir soviele Fragen auf: wer zum Teufel schreibt noch mit Schreibmaschinen? Leute wie Siegfried Lenz oder Günther Grass, Schreiberlinge halt, die den letzten Schuss nicht gehört haben und noch Faxe verschicken? Wobei die flach fallen, wg. Tod.
Und angesichts der nonchalanten Eleganz, mit der das Schild „gebraucht“ an den Brother gepappt wurde, frage ich mich, was würde der wohl neu kosten? Und wer baut sowas noch? Und wo kriegt man die Disketten dafür her und wer erinnert sich noch an dieses magische, fast ins erotische oszillierende Klicken, mit dem die Disketten in den Laufwerken einrasteten? Wie profan schweigend startet dagegen moderne Software. Sinnliche Geräusche sterben, anschwillt bis zum Erbrechen hinwiederum Lärmdrecksberieselung allüberall, selbst auf Scheisshäusern in Restaurants, ohne Sinn und Verstand, nur mit dem Ziel, die Menschen nie zur Ruhe, zu sich selbst kommen zu lassen.
Ist wohl auch besser so angesichts des Zustandes des Menschengeschlechts.
Mir gefror bei der Entdeckung des Brothers das Gesicht zur starren Maske, es wehte bei minus 8 Grad ein eisiger Ostwind.
Später, am frühen Abend landete ich an der Algarve, wo mir der Taxifahrer ins Hotel bitter verfroren sein Leid klagte, dass die Nächte hier so kalt seien, 8 Grad.
Bei meiner Frage:“Plus oder Minus?“ starrte er mich an , als ob ich eine Meise hätte.
Hier ist also Frühling für mich. Ich schwitze mir im T-Shirt auf dem Radl den Arsch ab und ungefährlich ist es auch nicht, wie an dem Dammbruch vor dem Reifen zu sehen.

Vor der Hacke ist es duster und vor dem Reifen auch nicht ungefährlich.
In der Rest-BRD soll Schnee gefallen sein, hörte ich. Tut das bloss wech! Frustfreien Start in die Woche, liebe Leserinnen.

22.01.2019 – Rechts von mir ist nur die Wand


Alle meine Entchen frieren auf dem See.
In Niedersachsen galt früher für die CDU: Rechts von mir ist nur die Wand. Geprägt von ländlichen Einflüssen wie dem Gülle-Gürtel im Emsland, wo sie regelmäßig Wahlergebnisse von über 60 Prozent holte, Familien mit 8 Kindern keine Seltenheit waren und die Richtlinien der Tagespolitik von der Kirchenkanzel verkündet wurden, konnte man die CDU mit Wohlwollen verwurzelt, bodenständig und konservativ nennen, mit Ehrlichkeit: beinhart reaktionär. Ich weiß, wovon ich rede, ich komme aus dem Eichsfeld. Da war es genauso, nur schlimmer. Jetzt haben wir (?) die AfD, die macht zwar keine großen Sprünge in der Gegend, weil man sich schon echt anstrengen muss, um reaktionärer als die dortige CDU zu sein, aber es reicht, um die Wand einen halben Meter nach rechts zu rücken.
Überflüssig zu erwähnen, dass osteuropäische Arbeitsmigranten in den Fleischfabriken dort bis aufs Blut ausgebeutet werden, die Verhältnisse so unmenschlich sind, dass sogar Tuberkulose wieder auftritt, dass die Mafia im Vergleich zu der feinen Gesellschaft dort eine caritative Vereinigung ist. So sehen also Teilbereiche der hiesigen politischen Landschaft aus, die nicht nur güllemässig zum Himmel stinkt. Kein Wunder, dass dort das Mantra vorherrscht: Der Markt ist unser Gott und wird alles richten und Probleme haben wir mit der linksgrünversifften Gendersprache und dem * , dass der Teufel auf die Welt gebracht hat, aber keinesfalls mit Armut, Wohnungslosigkeit und Menschen, die im Winter auf der Straße erfrieren. Demzufolge blockiert die CDU hier massiv die Gründung einer gemeinnützigen Landeswohnungsbaugesellschaft, die den privaten Börsengaunern wie Vonovia und Deutsche Wohnen etwas Profitwasser abgraben könnte und ein Ansatz wäre, Menschen mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen. Die Bayern (CSU!) haben’s vorgemacht, die NRW SPD fordert sowas und in Berlin wird sogar per Bürger*innenbegehren die Verstaatlichung von Wohnungsbaugesellschaften gefordert.
Die SPD hier, auch relativ nahe an der Wand, was aber für SPD-Verhältnisse schon lange nichts mehr heißt, kneift den Schwanz ein, um den Koalitionsfrieden nicht zu gefährden.
Und mit sowas muss ich mich rumplagen. Tröstlicher Gedanke: Wollte ich auf meine alten Tage noch Staatssekretär oder ähnliches werden, würde mir ein solcher Blog eher nicht hilfreich sein – was der Euphemismus des Tages ist. Da ich aber nun auch rein gar nichts mehr werden will in diesem Leben, brauche ich aus meinem Herzen keine Güllegrube zu machen.
Aber kalt ist es schon hierzulande, eisig. Mein armes Entchen.