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19.10.2017 – Inhalte werden überschätzt. Wir leben in einer Bilder-Welt.

Ich hatte einen Fachtag am Hacken, den man als Erfolg bezeichnen kann.
fachtag lange schlangen
Die Teilnehmer*innen drängelten sich regelrecht vor den Anmeldelisten. Details hier.
Stress macht mir die Organisation von sowas nicht. Mittlerweile sind immer über 10 Verbände mit im Boot, mit ausgewiesenen Experten, Bereichsleiter und so Zeug, die auch reichlich Organisationserfahrung haben. 2,3 Sitzungen und das Ding ist eingetütet. Was nicht klappt, wird wegimprovisiert.
Und wenn ich eins gelernt habe, dann das:
Inhalte werden überschätzt.
Fachtage sowieso. In meinem Bereich werden da eh nur die bereits Gläubigen nochmal bekehrt. Inhalte werden verschriftlich für die Dokumentation nachgereicht und schlimmstenfalls heuert man jemanden ab, der dokumentiert das Ganze auf Video, das stellt man dann online und verkauft das als E-Learning, da verkauft man seine eigene Dokumentations-Faulheit noch als digitalen Lernprozess.
Es gibt allerdings ein paar Sachen, die dürfen unter gar keinen Umständen in die Hose gehen, denn sonst kriegt dieser Fachtag ein Label, das einem sein Arbeitsleben lang wie Scheiße am Hacken heften bleibt.
1. Das Catering muss klappen. Ein sechsstündiger Fachtag, bei dem das Catering nicht klappt, da kann man sich gleich die Kugel geben
2. Das Rednerpult für die Sozialministerin muss niedrig sein. Was gäbe das sonst für ein Bild mit jemanden, der Gregor Gysi nicht weit überragt, und sich am Mikro den Hals nach oben verrenkt.
Unsere Sozialministerin ist hochkompetent bis ins Detail,
Cornelia-Rundt
hat einen feinen Humor. Und führt eine ebensolche, aber sehr scharfe rhetorische Klinge (Foto: El Practicanto). Ich war mal auf einer Veranstaltung mit ca. 300 Leuten bei einem eher konservativen Verband, bei der einer der Chefs des Ganzen ihr als Willkommensgeschenk etwas überreichte, das in ein Geschirrspültuch eingewickelt war. Ich dachte nur: Das ist jetzt nicht wahr, das ist ein Film! Und richtig. Ich habe noch nie jemanden so maliziös im öffentlichen Raum lächeln sehen wie unsere Sozialministerin, kurz und gnadenlos einen Verballeberhaken der finalen Art austeilend: „Oh, wie nett, ein Geschirrspültuch für die Ministerin für Gleichstellung.“ Denn genau das ist sie, was man beim ersten Klick auf der Homepage nachlesen kann: Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.
Was für ein Bild wird da mit dem Geschirrtuch produziert?! Frauen raus aus der Politik und zurück an den Herd?
Wie kann man nur so Bilderblöd sein.
Der so zu Recht als Volltrottel Hingehängte erbleichte und tat mir im ersten Moment rein kreatürlich leid. Dann dachte ich aber: „Ok, Du Trottel, wir sind im 21. Jahrhundert und Du brauchst eben die harte Tour.“
Der Mann war ja nicht irgendein Bürobote oder Sachbearbeiter.
Also das mit dem Rednerpult hat bei uns geklappt, wie man oben sieht. Was eine Kleinigkeit aus der Spur lief und mich für ca. 60 Sekunden in den Wahnsinn trieb, war der Mikrofonständer. Die Stellschraube im Gelenk hatte sich unmerklich gelockert und das Mikro begann sich gaaanz langsam zu senken. Zwei, dreimal dippte die Ministerin es kurz an, umsonst, sie ging gar leicht mit dem Kopf hinterher und fixierte dann das bösartig weiter sinkende Mikro kurz wie eine Kobra das Kaninchen, während ich 1000 Tode starb und überlegte, wann ich intervenieren sollte. Was ja nur nervt, wenn mitten im Vortrag einer vor der Vortrags-Nase rumwuselt, verzweifelt überall rumschraubt und am Ende bricht das Rednerpult zusammen.
Ich sah die Ministerin vor meinem inneren Auge schon wieder maliziös … siehe oben: „Herr Gleitze, haben Sie zum Abschied für mich „Vorsicht, Kamera!“ eingeladen?“.
Als ich dann endlich aufsprang, winkte sie lächelnd kurz ab, nahm das Mikro aus dem Gelenk in die Hand und redete so weiter.
Man muss sich mich fürderhin als glücklichen Menschen vorstellen.
Ich hatte schon das Etikett des Fachtags vor meinem inneren Auge gehabt: Das war der Fachtag, an dem sich die Ministerin den Hals verrenkte.
Worum es inhaltlich ging, weiß doch nach zwei Wochen keiner mehr. Aber dieses Bild hätte Generationen überdauert.
Wie gesagt: Inhalte werden überschätzt.
Und Sie können mir glauben: Wenn ich am Ausgang der Niedersachsenwahl etwas bedauere, dann, dass meine Sozialministerin nicht mehr weitermachen will!

14.10.2017 – Niedersachsen-Wahl 15.10: Wahltag ist Zahltag

gregor-gysi
Gregor Gysi im Wahlkampf. Der einzige Politiker, von dem ich mir ab und zu in öffentlicher Rede gerne mal die Welt erklären lasse. Nicht aus Erkenntnisinteresse, Gott bewahre, ich weiß selber, wie der Laden läuft. Sondern aus reiner Lust an seiner Rhetorik: lebendig, spontan (natürlich mit Standards, wenn er Glas Wasser nimmt, kommt jedes Mal: „Oh, das ist ja Wodka. Macht nichts.“ Aber auch Standards kommen immer überzeugend über die Rampe), humorvoll, präzise im Spannungsaufbau und Timing, selbstironisch bei aller Selbstverliebtheit, kurz, die ganze Palette jüdischen Intellekts und Humors, von der „wir“ seit dem Faschismus abgeschnitten sind. Stattdessen kriegt Til Schweiger demnächst den Ernst-Lubitsch-Preis. Wehe den Besiegten. (Abgeschnittene Paletten, das ist ja auch ne schräge Metapher, aber ich hab keine Zeit und Lust zu feilen).
Ich geh wählen. Ich bin seit Jahren der Ansicht, dass man den Staat als eine der letzten zivilisatorischen Klammern vor der Gesellschaft, die Mob-Tendenzen annimmt, schützen muss, selbst durch solch fragwürdige Instrumente wie Wahlen.
Ich bin auf den Wahlausgang gespannt wie lange nicht. Es wird knapp und dabei habe ich schon ein paar Wünsche: Die Linke möge reinkommen (wg. Politik) , die Grünen mögen glatt über 10 Prozent kommen (wg. Thomas Schremmer, der mit Listenplatz 16 nur dann wieder in den Landtag kommt und der einzige in seiner Fraktion ist, der das Wort soziale Gerechtigkeit richtig buchstabieren kann) und Cornelia Rundt, SPD, möge Sozialministerin bleiben (wg. Sachverstand, die Frau weiß bis ins Detail, wovon sie redet.)
Mein Herz hängt an keiner dieser Parteien, das hängt an ganz anderen Geschichten. Und Adrenalin & Endorphin ist da auch nicht drin. Es wird einfach prickelnd. Auch für mein Alltagsleben. Gibt es Rotrotgrün, hab ich mehr Arbeit, einfach, weil Armutsbekämpfung dann einen anderen Stellenwert kriegt. Will ich aber nicht, ich will wie weiland Goethe für ein Jahr nach Italien, präziser: Berlin. Gibt es schwarzgelb, wird eventuell die Landesförderung für die LAK gestrichen, weil in deren Sicht der Markt die Armutsfrage löst. Wie bei allen NGOs und fast allen Verbänden ist unsere Arbeit von Fördermitteln der unterschiedlichsten Art abhängig. Das treibt mir allerdings keine Sorgenfalten auf die Stirn. Soweit kommt es noch, dass ich meine Jobs von CDU und FDP abhängig mache, hier der passende Soundtrack zu diesem Satz.
Und eins noch an die Linken, die wegen Arbeiterverrat der Agenda 2010-SPD immer noch wie enttäuschte Liebhaber mit antikoalitionären hochemotionalen Hasskappen rumlaufen: Politik ist eine Frage von Verstand & Interesse und nicht von enttäuschter Liebe. Liebe findet im Schlafzimmer statt, nicht im Parlament.
Guggenheim
Jetzt weiß ich auch, wieso ich mich vor einiger Zeit mal so fürchterlich fehl am Platze in dem Laden gefühlt habe …

13.10.2017 – Freitag der 13. – ohne Adrenalin & Endorphin

Neue Presse LAK - Ein Mauerfall zum Nachdenken
Auch wenn es mal abermals nur diese einfältige Mauer am 11.10 war, Adrenalin & Endorphin waren wieder meine Schwestern.
Abergläubig bin ich nicht. Aber natürlich habe ich Glückszahlen und Rituale, die ja nichts weiter als quasisakrale, zwanghaft glückbeschwörende Handlungen sind. Vor öffentlichen Auftritten zum Beispiel, egal ob Kabarett, Reden, Performances, sage ich jedes Mal, wenn ich zum Abflug die Klinke der Haustür in der Hand habe, laut: Rock ‘n Roll. Kitschiges Uralt-Ritual aus den Zeiten der Flying Sackbarrow Brothers, wo ich vor jedem unserer fünf Auftritte fast gestorben bin vor Aufregung. Aber solche Rituale trittst Du nicht wech, wenn sie erstmal in der Welt sind. Und während ich notwendige Utensilien zusammenpacke, höre ich immer, ohne Ausnahme, „White light, white heat“, von Lou Reed. Das Stück ist Programmmusik. Da beschreibt der Komponist, was er gefühlt oder gesehen hat. Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky ist ein klassisches Beispiel von Programmmusik.
White light, white heat hat das in Töne gesetzt, was bei öffentlichen Auftritten bei mir im Körper gerade abgeht oder abgehen wird: Die Anflutung von Adrenalin und Endorphin (Bei Lou Reed geht es natürlich um Drogen, aber das Prinzip ist exakt das Gleiche, Endorphin ist ja endogenes Morphin). Je nach Größe des Events ist bei mir trotz aller Routine die Stressanflutung mitunter heftig und je nach Erfolg die Glücksanflutung mitunter göttlich.
Mauer vor Landtag 1
Diese Aktion mit der Mauer vor dem Landtag gehört zu meinem Job, Öffentlichkeitsarbeit im Vorfeld der Landtagswahl am 15.10, um das Thema Armut in die Öffentlichkeit zu transportieren und die sozialpolitischen Forderungen der Landesarmutskonferenz LAK zu präsentieren (Fotos: Plüß. Der coolste Typ im Land, das ist der Praktikant 😉 ). Wenn ich dafür am Schreibtisch hocken bleibe und irgendeine dröge ellenlange Pressemitteilung an Gott und die Medienwelt schicke, ist der Effekt gleich Null. Das interessiert kein Schwein. Der Erfolg meiner Arbeit bemisst sich in diesem Fall also vorrangig an der Medienresonanz.
Mauer vor Landtag 2
Die Medien kamen, siehe oben. Die Aktion war lustig, es gab wieder jede Menge Impro Theater mit Passanten, denen die ganze Richtung nicht passte, das LAK Kollektiv arbeitete wie eine Präzisions-Nähmaschine zusammen, und Thomas Schremmer (mit dem Hammer), seines Zeichens sozialpolitischer Sprecher der Grünen Niedersachsen, kriegte was von der Medienresonanz ab. Gut – weil er unsere Arbeit unterstützt wie kein anderer und weil er ein Politiker ist, dem man nicht anmerkt, dass er einer ist. Und weil er mich spielend unter den Tisch bechert. Was das Beste ist, was ich über einen Politiker sagen kann.
Da hatte ich sie also wieder beisammen, my sweet little sisters Adrenalin & Endorphin.
Beide waren schon mal wesentlich größer, aber immerhin. Oder um mit Ry Cooder zu sprechen: Little sister, don’t you do, What your big sister done.
Wobei ich das dunkle Gefühl habe, dass Mr. Cooder was anderes als ich meinte ….

10.10.2017 – Manchmal hält einen nur die Erinnerung aufrecht

funkturm
Gestern Nacht Alptraum. Ich träumte, während eines Berlin Besuches rast ein Flugzeug in den Berliner Funkturm, siehe Screenshot. Ich lasse meine Träume mittels funktioneller Magnetresonanztomographie aufzeichnen, die ermöglicht solche Fotos. Das Verfahren hat ein Kumpel realisiert, der ist ein Genie, wird allerdings vom Mainstream nicht ernst genommen, weil er die Folgen seines jahrelangen LSD Abusus mit täglichen Tüten voller Marihuana bekämpft. Was sich in Verhandlungen schon irgendwie bemerkbar macht.
Schweißgebadet aufgewacht. Meine feuchten Träume sind mir lieber. Anflug von Migräne. Alles verspannt. Nach der Morgentoilette reibe ich mich mit Gesichtscreme ein. Ich vergreife mich und erwische Finalgon Hotcreme, das Zeug, was man bei Muskelverspannungen nimmt, damit die mittels brennender Hitze verschwinden. Wirkstoff der Creme ist ein Alkaloid, das auch in Chili drin ist. Weißte Bescheid.
Was danach abging, ließ die Hölle als Endstation Sehnsucht erscheinen. Mein Gesicht sah aus wie ein Parkplatz für Bügeleisen und brannte, als ob jemand einen Bunsenbrenner drauf hält. Und ein Diensttermin stand vor der Tür. Ich ließ ihn natürlich nicht rein. Sagte ab. Nicht mit dem Gesicht. Als der liebe Gott die Eitelkeit verteilte, hab ich mich zweimal angestellt. Dafür war ich gerade auf Toilette, als die Bescheidenheit an der Reihe war.
Wie überlebt man solche Tage? Manchmal hält einen nur die Erinnerung aufrecht. An den „Von der Schulenburg Park“ in Berlin zum Beispiel, den ich unlängst kennenlernen durfte.
schulenburg-park
Ein Märchenpark – es war zauberhaft und erinnerungswürdig….
Und insofern auch individualhistorisch interessant, als dass man dem Adelsgeschlecht derer von der Schulenburg nicht entgehen kann, egal, wo man hinkommt. In Korfu, wo ich unlängst weilte, ist Johann Matthias Reichsgraf von der Schulenburg ein Nationalheld, weil er (nur er allein? Hatte er keine Krieger, die für ihn starben?) die Insel vor den Türken rettete, in Berlin nennt man Parks nach ihnen und ich hatte das Vergnügen, eine Nachfahrin kennenzulernen. Im Flur der in Rede stehenden WG standen Dutzende von Original-Ölgemälden und jedes Mal, wenn Ebbe in der Kasse war, was immer der Fall war, wurde eins verscherbelt. Ich darf gar nicht daran denken, dass da eventuell ein Caravaggio darunter war, der für die Schulenburgs gearbeitet haben soll. Heute würde ich ein Angebot dafür machen, zu dem besagte Schulenburg nicht nein sagen könnte. Die wusste ja noch nicht mal, wie man Caravaggio schreibt. Damals war ich allerdings derart pleite, dass sogar die sprichwörtlich armen Kirchenmäuse für mich mit dem Klingelbeutel sammeln gingen. Aber wie gesagt: es sind mitunter die Erinnerungen, die aufrecht halten.

08.10.2017 – Eines langen Taqes Reise in die Nacht

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Irgendwann bin ich dann nach dem rätselhaften Rathenow über das stabile Stendhal und das ueltimative Uelzen in meine heimatliche Homebase gelangt. Es war eines langen Tages Reise in die Nacht. Das Stück gleichen Namens von Eugene O‘ Neill ist für mich ein ziemlich öder Stremel. Familiengedöns, ich bin in einer aufgewachsen, das hat mir gereicht, das muss ich nicht noch auf der Bühne haben. Aber der Titel bringt es poetisch auf den Punkt. Es war ein langer Tag, ohne den hätte ich Rathenow nicht kennengelernt. Was meinen Hang zu ungewöhnlichen Aktionen (außer mir ist von dem Häuflein Versprengter von Rathenow niemand mehr in Hannover gelandet) verstärkt hat. Wenn ich überhaupt einen Tipp geben kann, wie man (bei Tipps für Frauen bin ich eher zurückhaltend) sein Leben etwas sinnvoller gestalten kann: Machen Sie ab und zu was Antizyklisches, Ungewöhnliches und laden Sie das im Idealfall mit einem kulturellen Impuls auf. Beispiele demnächst.
Die Tipps zum Flirten im Internet waren übrigens sensationell. Vor allem so Sachen wie „Merk Dir den Namen Deines Gegenübers“ … Warum wird sowas nicht in der Schule gelehrt?! Stattdessen müssen die Schüler_innen (ich hab auf diese Schreibweise gesetzt, leider entwickelt sich offensichtlich die „*“ Variante „Schüler*innen“ zum Standard. Gärprozesse halt) sowas lesen wie „Eines langen Taqes Reise in die Nacht“. Das wirkt doch eher abschreckend.
Meine heimatliche Homebase ….Wenn ich die öffentliche Diskussion nach der Bundestagswahl richtig verfolge, stehen nach der Zäsur durch den Einzug einer genuin faschistoiden Partei wie der AfD in den Bundestag drei Topoi im Mittelpunkt: Modernisierung, Spaltung, Heimat.
Das passt wie Arsch auf Eimer. Es hätten ja auch Fortschritt, Solidarität und Internationalismus sein können. Was jetzt ein Witz ist. Eher wird Arminia Bielefeld Champions-League Sieger als dass solche Diskurse geführt werden.
Ich hab nichts gegen Modernisierungs-Diskussionen. Ich habe mit der ständigen Veränderung auch mitunter Bauchschmerzen, aber wenn die Diskussionen so ablaufen, dass den Modernisierungsverlierern und – Verweigerern weiter so wenig Chancen zum Luftholen, Innehalten gegeben werden und ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie seien individuell an ihrem Looser-Dasein schuld, dann zementiert genau das die ohnehin katastrophale Spaltung unserer Gesellschaft. Was dann bleibt, ist der Rekurs auf einen unfassbar kontaminierten Begriff wie Heimat. Wie der bereits jetzt wieder völkisch aufgeladen wird, betrachten Sie bitte aufmerksam an der Realität. Nix gegen Heimat. Ich find meine hier super. Aber da muss ich nicht groß Leitkultur-Gedöns draus machen und Mess-Latte Macchiato für den Rest draus kochen. Heimat hat man, das muss man nicht totlabern.
Apropos…
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Die heutigen Gedanken im Blog hätte ich mir dank finaler Kopfschmerzen schenken können, nachdem am Orkantag dem obigen Baum im Körnerpark der Garaus gemacht wurde, just zu dem Zeitpunkt, als ich die famose Ausstellung von Nika Oblak & Primoz Novak in der dortigen Galerie besuchte. Ich hasse Videokunst in Museen, das Medium gehört da nicht hin. Aber die Videos von Nika Oblak & Primoz Novak da sind genial, kurz, präzise und witzig. Mein Tipp: nix wie hin.
But mind your head!

07.10.2017 – Ich geniesse das Leben in vollen Zügen

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Die Ouvertüre war verheissungsvoll. Im Berliner Hauptbahnhof stauten sich hundertausende Ausreisewillige, die das Schicksal vieler Sinnsucherinnen der Postmoderne teilten, die Frage nach dem „Wann geht es hier endlich weg? Egal wohin, Hauptsache weg!“ Ein kleines Orkänchen hatte aus uns eine verschworene Schicksalsgemeinschaft geschmiedet, geeint durch das Band „Es fährt kein Zug nach nirgendwo und zwar frühestens um halb,den genauen Tag entnehmen Sie bitte unseren Durchsagen.“
Meine Abneigung gegen geschmiedete Schicksalsgemeinschaften machte mir die Entscheidung leicht. Ich entschied mich gegen eine Reise irgendwann mal in vollgequetschten ICEs, wo man sich das Gegreine von Zeitgenossinnen auf der Suche nach der verlorenen Zeit anhören müsste.
Und so befinde ich mich im Moment auf einer Odyssee mit Dampflokomotiven durch die Dörfer der SBZ (ehemalig!). Ich melde mich.
….
Später:
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Gestrandet in Rathenow – der Stadt der Optik. Die Anmutung weckt in mir klaftertiefe Sehnsucht nach der Stadt der Akustik und wenn sie jenseits des Polarkreises liegt. Verzweifelt google ich nach der Stadt der Haptik. Überhaupt hält mich nur noch Google aufrecht. Ich lerne: vor Zeiten sind zwei Abgeordnete der Linken im hiesigen Stadtrat zur CDU gewechselt. Rätselhaftes Rathenow.
Eine kleine Schar Verzweifelter hat sich bis hier durchgeschlagen. Wir frieren synchron im ungeheizten Wartesaal. Das verbindet. Ich rede sogar mit Wildfremden.
Fast alles Frauen. Der andere Mann wiegt ca. 150 Doppelzentner. Keine Konkurrenz. Ich überlege zu flirten, hab aber keinen rechten Plan. Google muss ran. Die Reise wird spannend. Ich melde mich…

06.10.2017 – Stürmische Zeiten

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Da hatte ich den Schirm noch auf – Berlin, Brunnen im Gräfe-Kiez, gestern am Orkan-Tag.
Ich liebe Brunnen. Die üben in fremden Regionen eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Aber ein Brunnen im strömenden Regen, das hat was überflüssig absurdes, fast lächerliches an sich. Du dummer Brunnen, warum belästigst du mich mit deinem sinnlosen Geplätscher, während um mich gerade die Zivilisation weggespült wird!? Ein paar Minuten später war ich froh, dass ich mich selbst noch gerade halten konnte, während um mich doitsche Eichen stürzten und Dachschindeln im Sekundentakt niederprasselten. Es ist obendrein saukalt, ich war auf einer Tagung zum Thema Armut, wo man Positives mit dem Elektronen-Raster-Mikroskop suchen musste und wie ich von Berlin nach Hannover zurückkommen soll,weiss allein der Gott des Sturmes und die Bahn. In beiden Städten sind Myriaden Nomaden der Zivilisation gestrandet. Und vor ein paar Tagen lag ich noch bei 25 Grad Wasser und Luft an Griechenlands Gestaden, vor mir azurblaues Meer, hinter mir ne Ouzo-Bude mit Pommes und Hamburger, ich war sogar zu faul zum denken. Am Paradies fehlte nicht viel.
Und nun das.
Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, Monate lang an Griechenlands Gestaden zu verweilen. Schon aber in Berlin. Selbst unter diesen geschilderten Umständen.
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Die Metropole ist rätselhaft, witzig, charmant.
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Regt zum Nachdenken an,gibt Impuls und öffnet Horizonte.
All das gibt es am Strand nicht. Da hängt man nur ab. Für ein paar Stunden, ein paar Tage paradiesisch. Aber wer will schon andauernd Paradies? Ein bisschen Hölle darf schon dabei sein. Und wenn es die der Deutschen Bahn ist.

04.10.2017 – Überall Vaginas

kloster
Kloster für ledige Fräuleins. Beachten Sie die Bildsymbolik einer Vagina (Vaginas. Überall Vaginas. Sowas bild ich mir doch nicht ein! Oder?)
Der Zustand der Lage ist grotesk und ermüdend. Aber ehrlich. Es gibt zwei Millionen mehr Wählerinnen als Wähler. Der Anteil von Frauen im Bundestag ist aber von ohnehin beschämenden 37 Prozent auf lächerliche 31 Prozent zurückgegangen, weil mit der FDP und der AfD explizit frauenfeindliche Parteien neu im Parlament sind. Ohne Quote (bei SPD, Grünen, Linke. Die anderen Parteien haben keine Quote) wären wir vermutlich noch bei 10 Prozent wie in den Achtzigern. Aber nach wie vor plärren Subkomplex-Denker_innen (auch jede Menge Frauen dabei, auf individuellem Geschlechter-Verrat beruht die Macht des Patriarchats mit) besinnungslos daher: Wir brauchen keine Quote.
Ja, schon klar, wir brauchen auch kein Equal Pay und keine Gendergerechte Sprache, was wir brauchen, ist Konrad Adenauer als Kaiser, die Wiedereinführung des § 218 und die des Züchtigungsrechtes in der Ehe. Es ist alles so inkommensurabel schwerstbescheuert und ideologisch, grotesk und, ehrlich gesagt, auch ermüdend. Ich hab einfach keine Lust, über Quote, Gender, Equal Pay zu diskutieren. Es ermüdet und langweilt. Und es hat, horribile dictu, keinen Stil!
Aber ehrlich isses. Wir haben doppelt so viele Unternehmer_innen im neuen Bundestag (nein, nach Arbeiter-Anteil google ich jetzt nicht). Da sage noch eine, der Bundestag spiegelt nicht die gesellschaftliche Realität wider. Ehrlich sind die Verhältnisse schon. Alles was rechts ist.
Man, ergo ego, möchte sich des Öfteren vor Verzweiflung über diesen Rollback die Kante geben. Wenn das Leben nicht doch irgendwie zauberhaft, berückend und voller Charme und Witz wäre. Und mit dem Alk und mit den Drogen ist das ja auch so eine Sache. Da gibt es herausragende Qualitäten wie z. B. einen 91er Puligny-Montrachet, der bei mir seit Jahren auf besondere Anlässe wartet, so was kauf ich mir nur einmal im Leben, nach einem Lotto-Gewinn o. ä., und jedes Mal, wenn einer kommt, sage ich mir: Nee, noch nicht, da kommt bestimmt ein noch besserer Anlass. Blödsinn. Man, ergo ego, soll nicht aufschieben. Jetzt ist das Leben. Morgen ist ein anderer Tag.
Laber, laber, was ich eigentlich sagen wollte: es gibt ja leider viel mehr schlechte als gute Qualitäten auf dem Genuss-Sektor der Realitätsflucht.
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Das zum Beispiel ist der schlechteste Wein des Universums. Local Product from Korfu. Ich verklappe im Süden immer die regionalen Weine, die meist genießbar, mitunter lecker, selten excellent sind. Aber wozu reist man schließlich?
Obiger Wein aber war das gaumenpeinigende Grauen schlechthin, Richtung Retsina 70er Jahre (Eingeweihte kriegen schon beim Lesen einen Flash-back Kopfschmerz mit integriertem Kotzreiz) , mit einem Restzuckergehalt von 2 Tonnen pro Liter, und einem möpselnden Bukett mit einer Note von Glykol und WC-Aromen. Die Rache Griechenlands an allen doitschen Invasoren.
Was aber über allen Maßen tröstlich ist, das ist die Erinnerung an den oben abgebildeten Weg von meiner Homebase auf Korfu an den Strand.
Das Leben ist eben doch irgendwie zauberhaft, berückend und voller Charme und Witz.

03.10.2017 – Auf der Suche nach dem heiligen Gral am Tag der Einheit.

akkordeon
Akkordeon Orchester beim Apfelfest im Willy-Spahn-Park in Ahlem. Vor Jahrzehnten habe ich mal in einem Dorfgasthof in Dedensen einen Quittenbrand getrunken, der war so einzigartig im Geschmack, dass ich vor dem Glas in die Knie sank und es anbetete und lobpries. Seitdem bin ich wie Parzival. Auf der Suche nach dem heiligen Gral des finalen Quittenbrandes, des ultimativen, alles erlösenden Geschmacks. Einmal noch diesen orgiastischen Moment der erlösenden Verzückung spüren, wissend, dass die Erfüllung gefunden ist, das Suchen ein Ende hat. Jedes Apfel- oder Kürbisfest auf dem Globus ist meins, denn dort gibt es mitunter einen dieser raren Quittenbrände. Die handelsüblichen Brände von Ziegler et. al. habe ich lange durch. Vergebens, aber keineswegs umsonst, die Suche hat mich ein kleines Vermögen gekostet. Auch der Quittenbrand beim Apfelfest im Willy-Spahn-Park in Ahlem war eine einzige Enttäuschung, eine 0,35 Liter Flasche für fast 30 Ocken schmeckt fuselig-sprittig, mit Anklängen an Möbelpolitur.
Die Restflasche kriegt ein Nachbar geschenkt, dem fasele ich was von meiner Quittenallergie vor und den Geschmack gülden, dann muss er mir dankbar sein und ich sehe das Desaster nicht mehr.
Verzweiflung ergreift mich. Meine Zeit rinnt dahin und ich werde fortgehen, ohne den Gral zu finden.
Aber das Akkordeon-Orchester war schön. Ich würde auch gerne Akkordeon spielen. Dann würde ich fortgehen, und zwar nach Louisiana und Cajun Musik lernen, in der Tradition der Balfa Brothers zum Beispiel, die man hier in einem Ausschnitt aus dem grandiosen Film „Southern Comfort“ sehen kann (Musik von Ry Cooder!). Da würde ich so einen kulturalisierten Schmonzes wie die Suche nach dem heiligen Quitten-Gral schnell vergessen und mir jeden Tag die Birne mit Selbstgebranntem zulöten.
Mein trüber Alltag sieht aber so aus, dass heute der Tag der Einheit, vulgo Annexion der ehemaligen Ostzone, ist und an dem Tag läuft mir seit 28 Jahre die Galle über. Ich war von Anfang an dagegen, aus simplen systemtheoretischen Gründen. Wenn es zwei konkurrierende Systeme gibt, bleibt der Preis, den die Systeminsassen zu zahlen haben, tendenziell stabil. Gibt es nur noch ein System, in unserem Fall Kapitalismus, verfällt der Preis. Ein Blick ins Lehrbuch der Ökonomie des verfallenden Preises zeigt: 40 Prozent aller Beschäftigten in der BRD haben seit den 90er Jahren Einkommensverluste erlitten.
Wenn von zwei Bäckereien im Kiez eine zumacht, werden die Brötchen bei der Übriggebliebenen teurer. Das leuchtet sogar Hein Blöd ein.
Sollte man meinen.
Was wir aber statt Er- und Einleuchtung haben, ist völkischer Kladderadatsch.
Ach, was reggae ich mich auf. Ich erfreue mich an den Resten meiner Sonnenblume Goldener Neger.
goldener-neger-on-reih-und-
Der hat sich mittlerweile in Reih und Glied ausgerichtet, wie sich das für einen ostgotischen Goldenen Neger gehört. Und ich erfreue mich daran, dass die Jugend mitunter doch noch von meinen weisen Worten ergriffen ist, wie man hier im Radiobeitrag unter „Sonnenblume Goldener Neger“ hören kann.

30.09.2017 – Sexuelle Phantasien

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AfD Plakat. Alle Rechte: Hermann Sievers. Nach Motiven von „Kraft durch Freude“, der größten nationalsozialistischen Reiseorganisation. Reisen bildet bekanntlich.
Gestern ist mir hier ein Blogeintrag in die Öffentlichkeit rausgerutscht, der in WordPress als Entwurf gespeichert war und eigentlich nicht für diesen Blog gedacht war. Kein Problem, war absolut nichts Ehrenrühriges drin, aber ich stelle mir vor, da wäre was ins Internet geflutscht, das sich mit meinen sexuellen Phantasien beschäftigt. Oje. So lassen wir es bei dem reißerischen Header und wenden uns dem zu, was gestern schon ursprünglich hier stehen sollte, der Frage, ob die AfD ein dauerhaftes Phänomen sein wird.
Ich denke ja, auch weil es sich bei der AfD um die parlamentarische Repräsentanz einer „Sozialen Bewegung“ handelt und sie daraus immer wieder Kraftströme und Revitalisierungen beziehen wird.
Was ist eigentlich eine Soziale Bewegung? Um mit der „Feuerzangenbowle“ zu sprechen:
„Aha, heute krieje mer de Soziale Bewegung. Also, wat is en Soziale Bewegung? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so:“
Um von einer Sozialen Bewegung zu sprechen, braucht es mindestens Folgendes:
– Eine breite Basis,
– ein kollektives „Wir“ Bewusstsein,
– die gemeinsame Deutung eines Problems,
– eine verbindende Zielvorstellung,
– ein Mindestmaß an Organisation, Koordination und Planung,
– Gegenöffentlichkeit,
– einen emotionalen Hang zur Totalität und zu Feindbildern,
– charismatische Führungspersönlichkeiten,
– stufenweise Akzeptanz durch den Mainstream .
Das kann jede anhand der AfD mal deklinieren, kommt mit Abweichungen hin. Ich bin mit mindestens vier „Sozialen Bewegungen“ konfrontiert worden, an denen man das auch buchstabieren kann: Der absterbenden Arbeiterbewegung, der Rückkehr der (zweiten) Frauenbewegung, dem Entstehen und Niedergang der Öko-Bewegung und den Geburtswehen des Rechtspopulismus.
Woraus leider keine Soziale Bewegung wird, sind z. B. die massenhaften Erwerbslosen, Armen, Ausgegrenzten, Prekarisierten, siehe auch im fast 90 Jahre alten Klassiker der empirischen Soziologie „Die Arbeitslosen von Marienthal“.
Sowas sollte man im Hinterkopf haben, wenn Politiker darüber redet, dass man die AfD stellen wird, überflüssig macht (durch Übernahme ihrer Position zum Beispiel), dass die sich von selbst erledigt etc . pp.
Der Mob hat sich sowohl via soziale Medien die Gegenöffentlichkeit als auch via Talkshow und Demonstrationen die bürgerliche Öffentlichkeit angeeignet. Das ist ein zentrales Problem und das wird uns wie Scheiße am Hacken die nächsten Jahre begleiten. Und wie das mit Scheiße am Hacken so ist: Die stinkt immer mehr.
verlassens-dorf
Über dem verlassenen Dorf am Meer schwebte eine berückende Duftwolke von Salbei, Rosmarin und Kiefern.