Archiv für den Autor: admin

27.05.2024 – Das Leben ist weder ein Wunschkonzert noch ein Ponyhof.

Ausstellung „Iconic“, VW Museum, Berlin, Unter den Linden.

Polaroid SX 70. Ich besitze immerhin ein noch funktionierendes Modell des Nachfolgers Polaroid 600, was damals für jede Menge Spaß sorgte. Einträglicher wäre es, ein Nachfolgemodell des obigen Porsche zu besitzen, aber das Leben ist weder ein Wunschkonzert noch ein Ponyhof. Dieses Gefühl über das Leben im Allgemeinen, die AfD im Besonderen und den Faschismus im Speziellen scheint allerdings in breiten Teilen des bürgerlich-öffentlichen Spektrums zu herrschen. Wenn ich da so die ersten Einschätzungen der Kommunalwahl von gestern in Thüringen zur Kenntnis nehme, frage ich mich, ob ich vielleicht in einem Paralleluniversum lebe: Erleichterung darüber, dass der AfD kein Durchmarsch an die Macht geglückt ist, so ein weitverbreiteter Tenor, der allerdings kein Heldentenor ist. Unter „normalen“, dieses Wort ist nur noch in Anführungszeichen zu benutzen, Umständen müsste die AfD nach einer unablässigen Folge von Skandalen, kriminellen Handlungen, einer völligen Abwesenheit von irgendwelchen konkreten Politikansätzen und seien sie auch noch so abstrus, nach Dauerhassattacken untereinander, nach purem Politirrsinn, vollkommen pulverisiert sein, im Promillebereich sowohl bei den Wahlanteilen als auch bei ihren verzweifelten Mitgliedern sich bewegen. Aber nichts dergleichen. Die Champagnerflaschen sind schon kaltgestellt bei denen für das Ergebnis bei der Europawahl. In Thüringen sind sie in 9 von 13 Stichwahlen und im aktuellen Wahltrend zur EU-Wahl https://dawum.de/Europawahl/ mit fast 17 Prozent liegt die Partei stabil auf Platz 2.

Für den Wahlmob der AfD scheinen drei Varianten der Wahrnehmung zu herrschen: Die Skandalmeldungen über die Partei erreichen den nicht, weil er mittlerweile vollkommen außerhalb der „normalen“ klassischen medialen Landschaft lebt, nur noch in seinen Filterblasen, er kennt die Skandale zwar, aber sie sind ihm egal, weil er sich „normalerweise“ genauso verhalten würde, also bestechen lassen, oder er kennt sie und hält die Berichterstattung darüber für eine linksgrünversiffte Hetzkampagne der Eliten gegen die wahren Deutschen.

Eine Brandmauer gegen Rechts existiert nicht mehr, sie verhält sich real wie unsere symbolische aus Pappkartons vom 23.05 in der City von Hannover. Auf den ersten Blick stand sie stabil und solide, aber sobald ein Windstoß kam und wir sie nicht fixierten, zerlegte sie sich in Einzelteile, was mehrfach passierte. Bei der Aktion sorgte das für ordentlich Gaudi, in der realen Gesellschaft würde ich nicht so fröhlich drüber lachen.

Bereits jetzt kursieren in Kommentaren vermehrt Einschätzungen, man könne „Rechts“ in Deutschland nicht länger ignorieren, das sei ja jetzt „normal“ wie im Rest Europas, müsse die „vernünftigen“ Teile der AfD einbinden, die ja auch eine Protestpartei sei, und in der Regierungsverantwortung entzaubern.

Entzaubert werden am Ende jene dummen Kommentar-Auguste, die offenbar Zuhause noch nicht mal ein zweiseitiges Geschichtsbuch besitzen. Zur Erinnerung: Franz von Papen, vorletzter Reichskanzler vor Hitler, hatte einen genialen Plan vor dessen Machtergreifung, Zitat: „ …  Papens Plan war es, Hitler „einzurahmen“, ihn und seine Stimmen zu kaufen und in Wirklichkeit selbst die Macht auszuüben. Er soll dazu geäußert haben: „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“ …“

Papen überlebte die Mordaktionen Hitlers nach der Machtergreifung nur, weil er von Göring unter Hausarrest gestellt worden war.

Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht in gleichen Mustern, aber ein bisschen lernen könnte man schon, gell…

Papen wurde im Rahmen der Entnazifizierung 1947 zu 8 Jahren Arbeitslager verurteilt. 1949 wurde er freigelassen und seine Vermögenseinziehung rückgängig gemacht. Er starb 1969 mit 90 Jahren.

Normal.

Ohne Anführungszeichen.

24.05.2024 – Immer noch tragbar.

Screenshot Hallo Niedersachsen, NDR, 23.05.2024, 19.30 Uhr.

Wenn ich aus Berlin kommend in Hannover in die U-Bahn steige, ziehe ich immer automatisch den Kopf ein, so niedrig sind hier die U-Bahnstationen. So eng, so provinziell. Mitunter möchte ich am liebsten umkehren und zurück in die Metropole. Riefe da nicht die Pflicht, die Rettung des Grundgesetzes, der Demokratie, des Vaterlandes, mit einer Aktion in der City. Zitat NDR:

„Die „Aktion Brandmauer“ stellt AfD-Aussagen Grundgesetz-Artikel gegenüber. In Hannover ist zum 75. Jahrestag des Grundgesetzes eine symbolische Brandmauer gegen Rechtsextremismus aufgebaut worden. Ausschnitte des Grundgesetzes wurden AfD-Aussagen gegenübergestellt.

Die Landesarmutskonferenz Niedersachsen (LAK) wollte mit der Aktion am Donnerstag am Kröpcke ein Zeichen gegen Extremismus setzen. „Die Demokratie ist so bedroht wie nie zuvor nach dem Krieg“, sagte Fabian Steenken von der LAK. Hauptursache für die Zunahme von Rechtsextremismus sei die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich.

Zitate zeigen, wie AfD Grundgesetz missachtet. Die „Brandmauer“ der LAK besteht aus Pappkartons, auf denen Zitate von AfD-Politikern zu lesen sind. Auf der Rückseite sind die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes abgebildet, die unveräußerlichen Grundrechte. Damit will die Landesarmutskonferenz zeigen, dass die AfD mit ihren Aussagen unser Grundgesetz missachtet, sagt Organisator Fabian Steenken.

Quiz: Brandmauer aufbauen oder beschädigen?

Passantinnen und Passanten konnten mitmachen und Fragen zum Grundgesetz beantworten – bei einer richtigen Antwort wurde die Mauer durch einen zusätzlichen Stein stabilisiert und bei einer falschen wurde ein Stein herausgeschlagen.“

Wenn mir das vor Krisenzeiten, vor 10 Jahren meinetwegen, jemand prophezeit hätte, dass ich mich mal auf die Straße stellen und für Demokratie im Lande und das BRD-Grundgesetz mobilisieren würde, hätte ich dem einen Vogel gezeigt. Nicht dass ich das Grundgesetz und unsere Demokratie verachtet hätte oder geringgeschätzt, aber beides hätte ich damals, na, sagen wir mal, noch für so ausbaufähig gehalten, dass ich meine Energien und Zeit für besseres, kreativeres investiert hätte. Denn eine Brandmauer gegen Rechts ist sicher nicht der Gipfel der Originalität. Aber der Wurm muss ja dem Fisch, also den Medien, und nicht dem Angler, also mir, schmecken. Die Medien kamen, die Demokratie war gerettet.

 Für dieses Mal wenigstens. Und zurück bleibt der schale Geschmack der Erkenntnis, wie sehr sich doch die Zeiten geändert haben. Dramatisch verändert, wie die EU-Wahl zeigen wird. Denn wahrscheinlich geht der ideellen AfD-Gesamtwählerin die Tatsache, dass die anderen Nazis in Europa unsere Nazis für zu sehr Nazi halten, sowas von am Arsch lang, dass sie trotzdem ihr (Haken)Kreuz an der rechten Stelle machen werden. Am doitschen Wesen soll die EU genesen.

Schön an der Aktion allerdings unsere Tragetüte, in der die Passanten ein Exemplar des GG nach einer Quizfrage mit nach Hause tragen konnten. Aufschrift der Tüte: „75 Jahre Grundgesetz – Immer noch tragbar“. (Aus dem Hause Sievers/Kupas) .

Das war dem NDR ein Extralob wert. Und auf dem LAK-Instagram-Account gab es einen Extra-Award für über 25.000 Klicks für einen Reel. So sieht die Bilanz des gestrigen Tages trotz Rücksturz in die Provinz einigermaßen passabel aus.

23.05.2024 – Eine kleine Geschichte zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes

Der Hippie-Bulli von VW. In der Dauerausstellung „Iconic“ im VW-Museum in Berlin, Unter den Linden. Ortsunkundigen Berlin zu zeigen macht im Normalfall nicht nur Spaß, sondern fördert auch den eigenen Erkenntnisgewinn. Man sieht die Stadt durch andere Augen, denen der Fremden, begibt sich an eher offiziell-touristische Orte, die man sonst nur quert und entdeckt Neues, was früher ignoriert, übersehen wurde. Den Prachtboulevard Unter den Linden mit all den Prunkbauten der Geschichte Berlins und Preußens nutze ich sonst nur zum Durchradln, wenn überhaupt, heuer aber nahm ich auf Führerwegen das erste Mal dort das offizielle VW-Museum wahr. Das natürlich nicht so altbacken heißt. Sondern irgendwas mit „Iconic“. Darunter geht heute nichts mehr. In dem Fall trifft es aber zu.

Eine überwältigende, emotionale Präsentation ikonischer Objekte, Relikte, Ereignisse aus allen Jahrzehnten seit Gründung der BRD, aus den letzten 75 Jahren – siehe GGG, Geburtstag Grundgesetz – wie obiger 68er Hippie Buli, ein C-64 Commodore von 1982, eine Polaroidcamera von 1972, eine kolorierte TV-Fassung des WM-Endspiels von 1954, ein VW-Käfer aus den 50ern, großartige Gemälde von Jackson Pollock oder Anselm Kiefer und das absolut auf der Höhe der Präsentationstechnik. Der digitale Loop zu „Innovation“ auf drei Seiten eines Präsentationsraumes auf ca. je 5 x 30 Meter hatte eine rauschhafte Sogwirkung. Sowas hab ich in einem echten Museum noch nicht gesehen.

Ist ja auch logisch. VW verkauft wie jeder Autoklempner keine austauschbaren Blechkisten auf der Basis einer ausgelutschten, umweltverseuchenden Dinosaurier-Technik namens Verbrenner- oder meinetwegen auch E-Auto, sondern Emotionen. Sonst kauft doch kein Trottel mehr diesen Schrott. Im vorliegenden VW-Fall identifiziert sich der Konzern nicht ganz zu Unrecht gleich mit der kompletten BRD-Siegesgeschichte, verkauft beides, Konzern und Staat, als kongruenten grandiosen Erfolg und Versprechen für eine glorreiche, mobile, innovative Zukunft. Pfeifen im Walde, aber so gut gemacht. Eintritt? Ich bitte Sie, ist für lau, soviel Gemeinsinn liegt noch im Werbeetat. Als i-Tüpfelchen kann man sich dort in bebilderten Hörinseln Hits aus den jeweiligen Jahrzehnten auswählen. Ich plauderte aufs Kurzweiligste mit einem beseelt dreinblickenden Engländer, der gerade Honky Tonk Women von den Stones aus dem Jahr 1969 gehört hatte: „My music“.

Draußen vor der Tür (1947 ) ereilte mich eine WhatsApp aus der Homebase: „Schlimmes passiert …“.

To cut a long sory short: Die Investorengemeinschaft, die unser Wohnhaus in Kreuzberg vor einiger Zeit von einer Erbengemeinschaft gekauft hatte (ein BRD-Klassiker), hatte den Vertrag des Hausmeisters gekündigt. Er kann die Wohnung im Haus behalten, muss aber jetzt ein paar Hundert Euro mehr Miete zahlen. Der Mann ist Handwerker, Alleinverdiener und das Paar hat sieben Kinder. Das ist für ihn unbezahlbar, eine bezahlbare Ersatzwohnung findet er vielleicht in der Steppe Mecklenburg-Vorpommerns, kommt von da aber mangels Auto nicht zur Arbeit. Eine lebensgeschichtliche Zäsur, besser: Katastrophe.

 Mir schien, dass sich in Teilen der Hausgemeinschaft, die sich sommerlich vor der Kneipe im Haus versammelt hatte, eine gewisse Erleichterung breit machte, als sich herauskristallisierte, dass „nur“ der Hausmeistervertrag betroffen war und nicht die Wohnung dazu. Eine gekündigte Wohnung wäre eine sofortige, massive Bedrohung für alle Parteien gewesen: Deine Wohnung kann die Nächste sein! Die Mieten in unserem Haus sind teilweise für Kreuzberger Verhältnisse grotesk günstig, normal ist in der Gegend zwischen zwei der angesagtesten Berliner Quartiere Möckernkiez und Bergmannkiez mehr als Dreifache fällig, nach oben keine Grenze. Es gibt einen niedrigschwelligen Sozialraum direkt im Haus, einen türkischen Imbiss, der WG-intern Hades heißt und als Kontakt- und Austauschbörse seit vielen Jahren funktioniert, die Anbindung an den ÖPNV ist glänzend, jegliche Infrastruktur beispielhaft vorhanden, wer so in Berlin wohnt, hat keinen Sechser in der Wohnlotterie gezogen, sondern einen Siebener.

Das findet dort niemand wieder nach einem Wohnungsverlust. Das spüren alle. Dagegen gibt es bei allen Kündigungsfristen und Milieuschutzregelungen keinen finalen Schutz. Und so herrscht eine wachsende nervöse Stimmung dort. Alle wissen: Dieses Mal ist es “nur“ der Hausmeisterjob. Aber was kommt als nächstes?

Diese und andere Ängste im entfesselten neoliberalen Kapitalismus sind die Grundstimmung am 75. Geburtstag des Grundgesetzes und ich gehe keine Wette auf den 100. ein.

Aber eins ist sicher: Demnächst bin ich wieder beim Pfeifen im Walde, bei VW: Wenn schon die Aufführung, der Kapitalismus, Scheiße ist, so ist die Musik, das Pfeifen, doch grandios.

20.05.2024 – Karneval der Kulturen

Die bunte Eidechse ist noch träge
Exot
Nach dem Rausch…
… kommt die Ermattung und die Straßenreinigung, die den Dreck wegmacht

Der Karneval der Kulturen erinnert zu Beginn an eine bunte Eidechse, die vor träge in der Morgendämmerung döst, bevor die Sonne ihr Blut erwärmt und sie geschmeidig hin und her flitzt. Wir waren wieder nur in der Aufmarschzone der Karnevalswagen unterwegs, die vor der Haustür begann. Dort war die langsam erwachende und sich kurz vor Abmarsch in fiebrige Spannung steigernde Stimmung der Agierenden hautnah zu spüren. An der eigentlichen Strecke herrschte drangvolle, unangenehme Enge.

Exoten aller Art, eine überaus heitere Stimmung, die Musikkorridore der einzelnen Wagen überlagerten sich, reichten den Zuhörer von einem Moment zum anderen von Peru weiter nach Ghana und versetzten einen in den gelungensten Momenten in higher spirits, in jene Transzendenz, die wir jenseits des Alltags brauchen.

Und nach dem Rausch kommt die Ermattung und die Straßenreinigung, die den Dreck wegmacht.

19.05.2024 – Zwei Wirkungstreffer

Das obere Bild zeigt den Darsteller eines Gestapo Beamten im Stück „Hans Litten“, bei einer Diskussion mit dem Publikum nach der Aufführung. Das untere Bild zeigt zwei Vollverschleierte mit einem sogenannten Niqab, der nur noch schmale Augenschlitze freilässt, auf einem Kinderspielplatz in Kreuzberg.

Beide Bilder haben Wirkung bei mir hinterlassen, eine jener emotionalen Wirkungen, die mit dazu beitragen, dass aus Bildern Erzählungen werden. Erzählungen, die in ihrer Summe mehr gesellschaftliche Wirkmacht entfalten als Argumente.

Im Fall des Gestapo Darstellers beruht die Wirkung darauf, dass er in seiner Uniform mit Hakenkreuz durch die unsichtbare Vierte Wand, die die Bühne vom Zuschauer trennt und das Geschehen auf der Bühne zur Künstlichkeit formt, hindurch getreten ist, Teil der Realität wurde. Einer von uns . Mit Hakenkreuz. Das nicht mehr Teil einer Inszenierung war, sondern Teil einer Realität. Auch wenn diese nicht bedrohlich war, fand ich das für einen Moment gruselig.

So wie bei den verschleierten Schaukelnden. Der Niqab, dieses Symbol der Entindividualisierung der Frau und von religiöser und gesellschaftlicher Unterdrückung, an einem Ort von Unschuld und Freiheit (zumindest größerer als an den meisten anderen gesellschaftlichen Orten bei uns), das fand ich mehr als gruselig, das empfand ich als bedrückend und bedrohlich.

Bilder als Wirkungstreffer.

Demnächst mehr zum überaus sehenswerten Stück „Hans Litten “ . Heute ist der Umzug des Karneval der Kulturen. Das bedarf jetzt der Vorbereitung. Zumal pünktlich zum Start ein Gewitter ins Haus steht. Für uns allerdings kein großes Problem, der Umzug startet quasi vor der Haustür, so dass wir uns im Zweifel zwischendurch in den Hades, die Kneipe im Haus, zurückziehen können. Auch dazu demnächst mehr. Sonnige Pfingsten, liebe Leserinnen.

16.05.2024 – Die Farbe Blau

AfD Plakat vor blauem Himmel.

Was für Vokabeln werden die Schlagzeilen nach der Europawahl ab dem 06.06 dominieren, angesichts des zu erwartenden Rechtsrucks? Dramatischer Rechtsruck? Bedrohliche Verschiebung? Oder lyrischer: Europa, was ist los mit Dir? Ist die Demokratie in Gefahr? Etc. pp.?

Gerade sprach der deutsche Oberkatholik Kardinal Marx im Deutschlandfunk in der Morgenandacht. Sowas höre ich mir sonst nicht an, aber das hat mich dann doch gewundert, ein derartiges Schwergewicht bei so einem Format? Es war dann auch keine Andacht, sondern ein für katholische Verhältnisse eindringlicher Appell aus Anlass des 75jährigen Geburtstages des Grundgesetzes am 23.05 zur Europawahl gegen Nationalismus, Rassismus und Populismus zu stimmen. Also gegen die AfD, was er aber nicht explizit sagte.

Ein eher hilfloser Appell, aber schaden tut es nix. Man muss für fast jede Stimme gegen Rechts dankbar sein. Mich hat seine akademische Ausdrucksweise gestört, bei sowas muss klare, einfache Sprache herrschen, mit Leidenschaft und Appell an Emotionen. So werden Narrative gebildet, nicht mit Intellekt-Diskursen.

Apropos Narrative, zu deren Bildung es auch und vorrangig Bilder, Erzählungen,  Geschichten, Entertainment braucht. Mit Argumenten, Logik, Vernunft allein kommt man im Kampf gegen Rechts nicht weiter. Am 23.05, zum Geburtstag des Grundgesetzen, wird in der City von Hannover eine Brandmauer gegen Rechts stehen. Auf der stehen unter anderem Originalzitate der AfD, die den Charakter der Partei deutlich machen.

(Idee und Gestaltung Gleitze/Sievers/Kupas)

Mehr dazu demnächst. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen!

Mein Lieblings-Zweizeiler zur Farbe Blau zum Schluss, aus einem Film mit Heinz Erhardt aus der „Willi“ Serie. Aus einer Zeit, als die Welt spießig, schrecklich, langweilig, aber in Ordnung war. Halbwegs und im Vergleich zu heute. Und nun, noch ’n Gedicht:

Blauer als die Adria

War Willi

Als er Lilli sah.

14.05.2024 – Fick Deine Staatsräson

Transparent über dem Landwehrkanal. Er bildet die Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln und insofern verbindet das Transparent den linken Antisemitismus von Kreuzberg und den migrantischen von Neukölln. „Fick Deine Staatsräson“ bezieht sich auf das Postulat: „Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson“, zuletzt geäußert von Olaf Scholz nach dem Überfall der faschistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober. Aus der Verantwortung gegenüber dem singulären Verbrechen des Holocaust ist die Sicherheit und Existenz Israels seit dem Kriegsende zentraler Inhalt und Priorität deutscher Politik, aus ethischen und Vernunfts-Gründen (räson, von raison, franz. Vernunft).

Der Satz „Fick Deine Staatsräson“ zeugt von aggressiver Verachtung dieser Position, er hat in seiner Wut etwas surreal-wahnhaftes. Ich kann alles Mögliche ficken, aber eine abstrakte Staatsräson eher nicht.

Der Satz ist die linke, antisemitische Entsprechung der faschistischen Forderung „Weg mit dem Schuldkult“ , die auch zentraler Bestandteil der antisemitisch grundierten letzten Documenta war. Insofern haben wir es hier mit einer Allianz von Linken, Faschisten und Kulturschickeria zu tun, vereint im Antisemitismus.

Das Täterprofil des Transparentproduzenten dürfte ungefähr so aussehen, nach dem Sprachduktus und dem Tatort zu urteilen:

Männlich, um 25, weiß, deutsch, privilegiert gebildet, linksextrem mit Gewaltaffinität, wie dem Abfackeln von SUVs in einschlägigen Kiezen, wohnt (ev. mit seinen Helfer*innen) in einer WG im Wrangelkiez in Kreuzberg, in der alle Mitglieder genderfluid, nonbinär und trans sind. Von daher ist er nicht nur Mitglied, sondern auch Ohneglied. Diesen Flachwitz brauchte ich, damit mir nicht die Galle überläuft.

Lassen wir weiter unsere Phantasie spielen: Unser Täter macht zur Zeit eine Therapie, um seine Aggressivität in den Griff zu kriegen, jedenfalls die in Beziehungen. Er stammt aus privilegierten Verhältnissen, beide Eltern sind Lehrer, Erziehungsgrundsatz „Der Junge soll sich ausprobieren“. Das tut er noch drei, vier Jahre, dann forciert er sein Jurastudium, macht nach dem Examen Karriere im Sozialministerium und zieht Mitte der Vierziger als Kandidat der Grünen in den Landtag von Brandenburg ein. Brandenburg, weil seine Familie mittlerweile ein Häuschen im Speckgürtel von Berlin besitzt. In dem seine Frau eine gutgehende Praxis für schamanische Wunderheilungen betreibt. Beide leben in einer offenen Beziehung, er hat zurzeit ein Verhältnis mit einem Schauspieler vom HAU, Hebbel am Ufer. Mit Sohn und Tochter (Erziehungsgrundsatz: „Die sollen sich ausprobieren) gibt es intensive, kontroverse politische Diskussionen. Der Sohn ist in der AfD, die eine Koalition mit den Grünen in Brandenburg bildet, und die Tochter in deren Rechtsabspaltung, der FDP, der Faschistischen Partei Deutschland. Die Original FDP gibt Mitte der 2040er nicht mehr, sie hatte sich nach einer Serie von Wahldebakeln ab 2024 Mitte der 30er aufgelöst. Sein Punkt in den Diskussionen gegenüber dem Nachwuchs ist: „Euren Antisemitismus finde ich ja ok, ich war in den 20ern auch so drauf (und zeigt stolz ein Video von der Anbringung des Transparentes). Aber Eure Genderpositionen finde ich echt Scheiße, die machen mich total betroffen.“

Die Mutter versucht seit Jahren, das schlechte Karma im Haus auszuräuchern. Damit wird sie 2048 das ganze Haus abfackeln, wobei die ganze Familie draufgeht. Aber damit greifen wir unserem Fortsetzungsroman vor.

Wie ich auf sowas komme, fragen Sie, liebe Leserinnen? Ich bitte Sie, das ist nun wirklich keine Raketenwissenschaft.

10.05.2024 – Im Übergang von Demokratie zu Faschismus?

Admiralsbrücke, Kreuzberg, einem der Partyspots der Jugend der Welt. Das Graffiti mit der Palästinaflagge in diesen Zeiten setzt ein Signal: Solidarität mit der Hamas. Solidarität mit einer faschistischen Mörderbande. Zeichen stehen nie für sich, sie sind immer kontextuell zu sehen. Es geht ja in Zeiten wie diesen immer auch um die Frage: Wie konnte es zu einer Entwicklung kommen, in der wir uns die Frage stellen, befinden wir uns in einem Interregnum? Einer Art Zwischenreich im Übergang von Demokratie zu Faschismus. Sowas fällt ja nicht vom Himmel, hat ein Vorgeschichte und eine Perspektive. Ist menschengemacht, also auch politisch veränderbar. Die Frage dabei: Wie sind die aktuellen Rahmenbedingungen für eine emanzipatorische Veränderung?

Ich sach mal: Oje.

 Vergleiche sind wie der Ackergaul von meinem Großvater aus dem Eichsfeld: Je weiter man sie reitet, desto mehr hinken sie. Aber ein Blick in die Weimarer Republik ist zumindest anregend: Damals gab es in der Linken und in der Kulturszene einen verbindenden antifaschistischen Konsens. Heute existiert der in weiten Teilen der Restlinken und Kulturschickeria nicht mehr. Verbindend ist vielmehr Antisemitismus und intellektuelles und moralisches Versagen in deren Positionierung gegenüber einer Fraktion des zeitgenössischen Faschismus, nämlich der Hamas. Schweigen dazu. Und Schweigen heißt Zustimmung. Da darf man gespannt sein, wie die Genannten auf andere Entwicklungen von Faschismus reagieren.

Wobei meine Spannung sich in Grenzen hält. Betrüblich fand ich eher die Reihenfolge der 100 schönsten Kieze in Berlin, laut einer Expertenjury, deren Ergebnisse gestern mal wieder im rbb vorgestellt wurden. Mein Kiez, der Bergmannkiez auf Platz 5. Und dazu die Aussage: Ihr Völker der Welt, kommt in den Bergmannkiez. Oje. Als ob da nicht schon genug Rollkoffergeschwader unterwegs sind. Platz 500 hätte ich wesentlich besser gefunden, verbunden mit der Aussage: Drecksloch, Ratten, Kriminalität. Ihr Völker der Welt, umfahrt den Bergmann Kiez weiträumig.

Der Höhepunkt war dann die Aussage von „Kennste, wa“ Mario Barth: Wenn er einem Freund aus Amerika in drei Tagen Berlin zeigen sollte, wäre der Bergmannkiez dabei. Massenhaft Freunde von Mario Barth. Oje. Die Aussichten sind wahrhaft trostlos auf allen Ebenen. Tröstlich allein in der Kiez-Reihenfolge Platz 1: Prenzlberg. Ihr Völker der Welt, alle ab nach Prenzlberg. Da kann man nix mehr kaputt machen.

Im Bergmannkiez allerdings auch nicht. Der ist im zweiten Weltkrieg von Bomben weitgehend verschont geblieben, da ist Berlin wie vor 100 Jahren. Wer wollte da nicht dabei sein. Und so wird die schöne Fassade von innen ausgehöhlt. Ist wie mit der Demokratie.

09.05.2024 – Demokratie und Melancholie

Kurpension Haus Oldenburg. Bad Pyrmont.

Unlängst verschlug es mich nach Bad Pyrmont. Der Anblick des früher glanzvollen Staatsbades, Kurortes der Fürsten und Dichter und Herberge manch imposanter Denkmäler aus mehr oder weniger glorreichen Kriegszeiten versetzte mich umgehend in Melancholie. Verfall allenthalben

Oh, malerisches Bad Pyrmont,

in Dir hat kurend sich so mancher Fürst gesonnt.

Jetzt bist verschuldet Du bis über beide Ohren

Durch deine leeren Gassen klackern nur noch Rollatoren.

Denkmal Krieg 1870/71 gegen den Erzfeind Frankreich.

Schlossweinstube Spelunke. Was für ein zauberhafter Begriff voller Verruchtheit aus verschollenen Zeiten. Wie gerne hätte ich einmal ernsthaft in meinem aktiven Sprachgebrauch den Satz von mir gegeben: „Unlängst verschlug es mich in eine übel beleumundete Spelunke.“ Tempi passati.

Es war aber eine heitere Melancholie. Nicht zu vergleichen mit der nachtschwarzen Depression, die mich an Orten wie Peine oder Barsinghausen umfängt, wenn ich dort nach 18 Uhr durch die friedhofstote Einkaufsmeile fluchtartig dem Bahnhof entgegenstrebte. In solchen Zombieorten, vermutlich nur eingefleischten Norddeutschen bekannt, herrschte, anders als in Bad Pyrmont, nie Glamour und Glanz, nur das Versprechen auf lebendiges Begrabensein. In Bad Pyrmont aber klang durch die entseelten Gassen für mich noch das Potpourri eines vergangenen Kurorchesters, das Gekicher und Gescherze der Kurschatten und das freundliche: “Hier die Kännchen Kaffee und der Frankfurter Kranz für die Damen“ der weiß beschürzten Bedienungen. Die die fetten Matronen in Wirklichkeit hassten wie die Beulenpest.

Die Melancholie mit ihren heiteren Momenten ist zu trennen von der düsteren Depression. Im klinischen Sinne waren beide früher deckungsgleich, bevor sich der Begriff Depression etablierte. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das durchaus verschiedene  Gemütszustände sind und die Melancholie hat einen eigenen Diagnoseschlüssel nach ICD-11 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten der WHO).

Die Melancholie ist mit einem bittersüßen Sehnen in der Brust nach einer besseren, meist vergangenen, Welt behaftet. Sie währt in ihrer leichten Ausprägung nur kurz, ähnlich dem Glücksempfinden, und kann durchaus aktivieren. Mich motivierte sie z. B. zum überaus gelungenen Vierzeiler oben und einer umfangreichen Fotodokumentation. Anders die ichverschlingende Peiner Depressionen.

Ich vermute, dass der Anflug von Melancholie in Bad Pyrmont (schöner Titel für einen schrägen Song) sich aus mehreren Quellen speiste: Einerseits aus dem objektiv vorhandenen geschichtlichen Geist des traditionsreichen und verfallenden Ortes, andererseits gemahnte mich die ganze Atmosphäre natürlich auch an meine eigene Vergänglichkeit. Nicht dass meine besten Zeiten hinter mir lägen. The best is yet to come . Wie zum Beispiel der Karneval der Kulturen. Aber Bergfest war schon.

Und natürlich erinnerte mich der Zustand Bad Pyrmonts an unsere Demokratie. Prachtvolle Denkmäler, die an glorreiche Zeiten erinnern, allenthalben. Wie zum Beispiel die ewiggleichen hilflosen Beschwörungs- und Beschwichtigungsreden, die aus allen Kanälen zu vernehmen sind, nicht nur von Politikerinnen, angesichts der anschwellenden Überfälle von Faschisten auf Demokratinnen. Diese Reden sind leere Hüllen. Sie bewirken nichts, sie beschwören eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit und demokratische Gegenwart, die real aber so aussieht wie das Kurhaus Oldenburg und die Spelunke.

Im Grunde, und das war Teil des heiteren Momentes der Bad Pyrmonter Melancholie, war ich angesichts der Drohungen der Zukunft froh, dass das Bergfest schon hinter mir liegt, das Beste aber dennoch erst noch kommt. Und dass mich die Melancholie zu einem Gedichtband angeregt hat, dessen erstes Werk Sie, liebe Leserinnen, hier exclusiv lesen konnten. Titel: Bad Pyrmonter Elegien.

07.05.2024 – Kartoffel vor Döner?

AfD Plakat vor Großwohnsiedlung. Großwohnsiedlungen sind klassisches AfD-Wahlreservoir. Unser Land zuerst, also Biodeutsche zuerst, Kartoffel vor Döner. Wenn sich die Wählerinnen in den sozialen Brennpunkten mit ihren (Haken)Kreuzen bei der AfD da nicht mal ein gewaltiges Eigentor reinsemmeln.

Zur Erinnerung das klassische Vorgehen von Faschisten: Erst wird zur Herstellung eines vermeintlich homogenen Volkskörpers, eines imaginären „Wir“ aller rassereinen Volksgenossen der äußere Feind konstruiert: Die Ausländer, die Juden, die globalen Eliten. Und wenn der Faschismus sich dann mächtig genug fühlt, geht es gegen innere Feinde, gegen alles, was bunt, divers, vielfältig ist, anders lebt, egal welcher Herkunft. Das zeigen die wachsenden brutalen Angriffe auf eingeborene Demokratinnen und Demokraten, auf Wahlkämpferinnen, auf zivilgesellschaftlich Aktive. Die Zeiten, wo „nur“ Flüchtlingsunterkünfte gebrannt haben, sind vorbei. Jetzt ist den Nazis jeder der Nächste, als Opfer. Im zunehmenden Prozess der Selbstradikalisierung geht es bald an andere Personengruppen, irgendein Feind, ein Opfer muss immer her. Sehr schnell geht es dann gegen „Sozialschmarotzer“, unnütze Fresser in sozialen Brennpunkten. Ruckzuck, von der Straße weggefangen, ins Arbeitslager, schwarzer Winkel ans Revers, ins Konzentrationslager. Tödliches Ende einer völkischen Vision. Das Muster liefert die Aktion Arbeitsscheu Reich von 1938

Mach Nazis ein Kreuz durch die Rechnung, wie es oben auf dem Plakat der Grünen heißt?

Über dieses Stadium des hilflos-gut gemeinten bürgerlichen Antifaschismus sind wir hinweg.

In weiten Teilen der Republik, nicht nur im Osten, haben die Nazis die kulturelle Hegemonie in der Alltagsgesellschaft. Und es wird sich zunehmend erweisen, dass dort die Reste der Zivilgesellschaft vor der nackten Brutalität der SA-Schergen zurückweichen und zerbröseln, langsam, wie ein trocknender Keks in der Sonne. Das dauert, aber irgendwann kommt ein Windstoß und wusch, ist vom Keks nichts mehr da.

Zur Prozesshaftigkeit von Faschismus und Gewalt: Was Gewalt in Wahlkämpfen angeht, wie aktuell geschehen, ist noch Luft nach oben. Sehr viel Luft. Im Laufe des letzten demokratischen Wahlkampfes 1932 vor der Machtübernahme der Nazis starben an die 100 Menschen bei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Allein beim Altonaer Blutsonntag wurden 16 Menschen von der Polizei erschossen . Das Altonaer Arbeiter*innenviertel war als Klein-Moskau bekannt.  Da kann man schon mal reinhalten …
Sowas wird bei uns nie möglich sein? Das Internet, das Smartphone, und der Fall der Berliner Mauer wurden auch mal für Hirngespinste erklärt, wenn es vorher überhaupt in der Vorstellungskraft der Menschen lag.

Meine Vorstellungskraft reicht relativ weit.

Allen Wahlkämpferinnen, Plakatklebern und Engagierten jedenfalls mein Respekt und meine Hochachtung. Ich würde in Berlin definitiv nachts keine Wahlplakate hängen, mit weniger als vier Leuten. Wenn möglich mit Argumenten wie einer Glock oder Heckler & Koch ausgestattet. Oops, da ist wohl meine Vorstellungskraft durchgaloppiert…