02.06.2017 – Das Leben lockt. Die Arbeit ruft.

Ich bin schwerhörig.
Zumindest ab 1. Juli. Bis dahin drohen mir Arbeit und Termine sonder Zahl. Wie konnte ich überhaupt in diese Falle tappen?! Früher bin ich doch auch ohne viel Arbeit glänzend durch den Tag gekommen und hatte trotzdem die Taschen voller Geld. Gut, es waren keine besonders großen Taschen, aber ich hab ja auch keine großen Ansprüche gestellt. Ab und an einen Puligny Montrachet, hier und da ein Fläschchen Vosne-Romanée und zwischendurch einen Bollinger Vintage (den 85er. Der 83er ist eine Katastrophe!) – es brauchte nicht viel, um mich glücklich zu machen. Wobei ein ehemaliges Arbeitsumfeld von mir auch gute Bedingungen dafür bot, die frühere Maschinenbau- Anstalt Hermann Berstorff, bei der ich lange Jahre ein unbeschwertes Leben als kleiner Angestellter genoss.
Solange ich da arbeitete, trug Hermann Berstorff den Namen Anstalt völlig zu Recht. Auf Grund meiner eher Performance denn Arbeit zu nennenden Anwesenheit dort ging es mitunter zu wie in einer Irrenanstalt.
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Foto von meiner Entlassungsparty.
Bei der letzten von mehreren Massenentlassungen war auch ich fällig. Dass ich nicht schon Jahre vorher bei der ersten rausgeschmissen wurde, ist ein überwältigender Beweis dafür, wie man es bei minimaler Kompetenz mit maximalem Blendertum sehr weit bringen kann. Ich war dort technischer Angestellter, inmitten lauter Ingenieure. Studiert habe ich mal Germanistik. Oder sowas ähnliches.
Ich bin auf vieles in meinem Leben stolz, aber auf die Zeit bei der Anstalt Hermann Berstorff ganz besonders. Meine Entlassungsparty war eine rauschende Feier.
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Entlassungs-Party Büffet, achten Sie auf den Zwerg mit der IG Metall Fahne, der ist immer im Bild. Das Foto mit den Alkoholika schenke ich mir. Ich hab keine Ahnung mehr, wie ich damals nach Hause gekommen bin, so breit war ich. Ich versuche jetzt verzweifelt, die Ikonografie des ersten Fotos zu decodieren, der Tisch biegt sich ja vor Abschieds-Geschenken von Kolleginnen. Was ich in der Hand halte, soll wohl sagen: Du bist ein Arsch mit Ohren. Und das T-Shirt weist auf mein inhärentes Wesen als Alpha-Tier hin. Aber was soll uns der Backstein sagen? Der SED Orden am Revers meines Smokings? Die bunten Knalltüten?
Sind so viele Fragen. Bin auf die restlichen Fotos von damals gespannt. Das Archiv ist mir gerade wieder in die Hände gefallen.
Und heute? Komme ich vor lauter Ackern überhaupt nicht dazu, zwischendurch mal einen Vintage Bollinger weg zu schlabbern und aus meiner Kompetenz könnte ich Bände von Fachliteratur backen. Und was hab ich davon? Keine Kolleginnen und keine Zeit. Irgendwas ist da gewaltig schiefgelaufen. Da muss sich was ändern.
Ab morgen.

27.05.2017 – Rock’n Roll und Rollrasen. Terror in der Metropole.

Rockn Rollrasen
Mein Rollrasen. Früher Rock’n Roll, heute Rollrasen. So ändern sich die Zeiten. Als Gärtner bin ich für meinen Garten ein ähnlicher Glücksfall wie Stalin für die SBZ. (Für Spätgeborene: SBZ – Sowjetisch Besetzte Zone. Was die DDR de facto bis zum Ende der Mauer war. Wir hatten in der BRD den Ami am Hals. Und das war auch gut so. Ich wage mir die Entwicklung eines geeinten neutralen Deutschlands ohne Besatzungsmächte nicht vorzustellen, wenn die Westmächte Stalins Angebot von 1952 angenommen hätten. Keine 10 Jahre und die Ostgoten hätten den nächsten Krieg angezettelt, Furor teutonicus ).
Na ja laber, laber, lange Rede, kurzer Unsinn,
als Gärtner bin ich ein Desaster,
In diesem Blog bin ich der Master.
Heuer hatte ich einfach keinen Bock mehr, Samen auszusäen und im Sommer festzustellen, haben alles die Meisen weggepickt, ist vergammelt oder wegen Tschernobyl verstrahlt. Öko Öko, Rhabarber, Rhabarber. Also hab ich Rollrasen bestellt. Als die erste Bahn lag, hat mich fast der Schlag getroffen. Das sah so natürlich aus wie Donald Trumps Frisur. Mein Nachbar meinte kurz und trocken, nach Art des Hauses Leberhaken:
„Das ist kein Rollrasen, das ist ein Prollrasen.“
Ich verfiel in abgrundtiefe Depressionen. Mein Konsum an Psychopharmaka nahm derartige Ausmaße an, dass sich der Aktienkurs der Firmen Merck und Novartis verdoppelte. Dann aber lagen alle Bahnen, der Rasen wuchs an, erstrahlte in sattem pastellem Grün und wenn man darauf geht, dann geht man nicht einfach, man schreitet auf einem weichen zarten Teppich, geht man barfuß, streichelt das üppige Grün die Fusssohlen dergestalt, dass man in sexuelle Raserei versetzt wird. Es ist die pure Wonne. Und das allerschönste ist: Alle bewundern ihn. Der Rollrasen als Statussymbol. Ich überlege mir einen in der Küche auszulegen. Oder im Schlafzimmer. Wegen der Raserei.
Die Frisur verschandelt im Moment das Amphitheater in Taormina, beim Gipfel der G 7.
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Das Teatro Greco dort ist atemberaubend. Ich wurde dortselbst vor Jahren vom genius loci ergriffen und zitierte Oden von Friedrich Hölderlin, den ich immer im Tornister mit mir führe.
teatro greco
Innerhalb einiger Momente hatte ich das komplette Amphitheater leerdeklamiert. Mich erinnerte das an das Amphitheater von Kos, wo ich ebenfalls den Hölderlin gab. Ich war mit meinem Bruder dort. Er wälzte sich vor Lachen im Staub der alten Trümmer.
Ich aber beschloss, Satiriker zu werden.
Pfingsten ist Karneval der Kulturen in Berlin. Seit Jahren treffe ich mich mit uralten Freunden aus Schulzeiten dort und wir verfallen in Sambagesteuerte Raserei, altersgemäß natürlich. Mittlerweile haben wir uns auch halbiert, von der Anzahl her. So ein Karneval vertritt all das, was die das Leben so verachtenden IS Faschisten hassen. Ein ideales Ziel. Solche Gedanken hatte ich früher nicht. Der Terror verändert den Alltag. Es wäre aber auch naiv zu glauben, dass das mit dem Kapitalismus, der jeden dem anderen den Wolf sein lässt, jederzeit bereit, ihm an die Gurgel zu gehen, lange gut gehen könnte. Der Terror ist von der Peripherie zurückgekehrt in seinen Ursprung, in die Metropole.
Tanzen am Abgrund.

25.05.2017 – Männlicher Größenwahn erleichtert die Arbeit.

LAK bei Miethaie zu Fischstäbchen
Demo gegen Miethaie in meinem Kiez. Meinen Rede-Beitrag absolvierte ich im Smoking. Als Dandy bin ich froh über jede Gelegenheit, einen Smoking tragen zu können. Der ist leichter, angenehmer, stilvoller und vor allem origineller als das notorisch-autonome Schwarzleder vor Ort. Abgesehen davon ist er Bestandteil einer meiner künstlerischen Identitäten und soll dem jeweiligen Locus meiner Performance und mir, dem Publikum und dem Gegenstand, nämlich der Kunst, die angemessene Würde, Eleganz und den notwendigen Respekt mit vermitteln. Die Dialektik von Form und Inhalt halt.
Ob das bei der Demo und meinem Beitrag hinreichend gelang, daran hege ich leichte Zweifel. Ich musste einen jungen Revoluzzer-Heißsporn über die Funktion von Öffentlichkeit bei Demonstrationen belehren, ein Betrunkener krakeelte mich dauernd voll mit „Ich bin auch Akademiker“, die Linken kriegten sich coram publico mit den Autonomen in die Wolle, wer wohl den größeren Verrat an der gemeinsamen Sache begangen habe. Es hätte nach derlei Stimmungssenkern eine geballte Ladung Uppers gebraucht, um die volle Power über das krächzende Megafon zu bringen, und ob mein satirischer Redebeitrag, bei dem ich in die Rolle eines Miethais schlüpfte, für den Einzug in die Hall of Fame der politischen Satire reichte? Hm.
Trotzdem weigere ich mich nach wie vor, die Welt mit der 68. Broschüre zu diesen Themen zu beglücken. Das überzeugt niemanden, interessiert keinen und vermüllt nur die Umwelt. Wer die Verhältnisse zum Tanzen bringen will, der braucht Bewegung. Eingreifen, Bilder produzieren, Erzählungen inszenieren. Und beim Tanzen kann man sich auch schon mal auf die Schnauze legen. Was übrigens die Resilienzkräfte enorm fördert. Ich kann mir mittlerweile ehrlich gesagt in meinem Bereich keinen Job, keinen Auftritt vorstellen, der mich überfordern würde. Größenwahn? Sicher, ich bin eben ein Mann. Eine Frau würde öffentlich niemals so argumentieren. Sehen Sie es mal funktional, liebe Leserinnen: Größenwahn erleichtert die Arbeit.
Smoking Teil 2 – einen Tag später:
170524Neue Presse-LAG FW -LAK
Ein diametral anderes Setting. Die notorische Mauer mit ihrem Schöpfer beim Einsatz zur Pressepräsentation des „Hauses der Wohlfahrt“, was auch meine Geschäftsstelle ist.
Die Mauer muss weg bei der LAG FW
(Foto: syno kommunikation) Wenn man heutzutage den Medien keine Bilder, Erzählungen liefert, kann man seine Arbeit auch gleich in der tibetischen Hochebene organisieren. Der Effekt ist ähnlich.
Hinterher Pressekonferenz, danach Empfang mit Schnittchen, Prominenz aus Politik und Verbänden bis hin zur Sozialministerin Cornelia Rundt. Von da aus zum Treff der Gruppe Gnadenlos Gerecht, Aktionen, Veranstaltungen planen und die gemeinsame Reise zum Armutskongress in Berlin. Spät um 23 Uhr war ich tot. Zumindest wünschte ich mir das, denn dann würde ich fitter sein als in dem Moment.
Das einzig Ärgerliche an der Causa war: ich kann niemandem die Verantwortung für solche Zustände geben, was ja mitunter erleichtert: Der blöde Chef, die blöde Firma, der blöde Staat, die blöde Gesellschaft, das blöde Universum. Alle blöde, nur ich nicht? Nein. Meine Entscheidung. Ich muss das nicht machen. Ich könnte genauso gut auf Malle durch die Tramuntana wandern und später am Strand, mit einem Gläschen Son Ramon Weißwein von der Insel, die liebe Göttin eine gute Frau sein lassen.
Später.
Erstmal Autonomie.

21.05.2017 – Ist das Kunst oder kann das weg?

rad ihme
Besser als dieses Bild kann man das Wesen zeitgenössischer Kunst nicht erklären: Unterschiedliche Ebenen werden in einen irritierenden Zusammenhang montiert, das Produkt erzeugt Einsicht, Emotion, Erkenntnis. Dabei ist es nachrangig, ob derjenige, der das Rad aus dem Fluss gezogen und dahin gestellt hat, das so beabsichtigt hat. Entscheidend ist die Tatsache, dass das Bild ein öffentliches ist. Kunst ist unter anderem nur dann Kunst, wenn sie konsumiert werden kann, also öffentlich ist. Und wenn sie als solche deklariert wird, sei es von der Öffentlichkeit, den Medien oder dem Künstler.
Oder von mir. Was hiermit geschah.
Welche Emotionen erweckt das Bild bei Ihnen, liebe Leserinnen (der Bildausschnitt mit dem gelben Löwenzahn am unteren Bildrand ist absichtlich so gewählt)? Oje, die arme Umwelt? Ah, die bizarre Schönheit alltäglicher Gegenstände? Alles ist vergänglich, ich sollte das Leben nutzen? Ich muss morgen unbedingt Brot, Zahnpasta und Abschminkpads kaufen, aber nur ImseVimse? (Gibt’s wirklich, Öko Dinger. Denen hab ich es zu verdanken, dass ich 5 Jahre jünger aussehe. Im Halbdunkeln.)
Mir ging bei dem Bild tatsächlich die Begrenztheit des Lebens und die Nichtigkeit von Hader, Zank und Groll durch den Kopf. Das Rad alleine oder das Hochhaus für sich hätten bei mir das eher nicht ausgelöst. Da hätt ich vermutlich nur gedacht: Sieht das Scheiße aus. So aber ist alles vergänglich.
„Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden!
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;…..“

(Andreas Gryphius)
Pieter_Claesz_002
Pieter Claesz, Wikipedia commons gemeinfrei Ich weiß nicht, seit wann ich diesen Blog führe, aber eins weiß ich sicher: Ich habe hier nicht einmal das Urheberrecht auch nur angekratzt. Wussten Sie übrigens, dass in den letzten Jahren über 60 Prozent aller Werbeeinnahmen der Druckpresse in den USA bei facebook und Google gelandet sind? Und dass sich facebook und Google einen Dreck um die gesellschaftlichen Kosten scheren, die ihre Oligopol-Stellung verursacht? Obwohl facebook und Google eindeutig redaktionell arbeiten und keine reinen Provider sind, fallen sie unter die E-Commerce Richtlinie der EU, die sie zwar verpflichtet, strafbare Inhalte zu löschen, aber nicht dazu verpflichtet, ihr Angebot zu moderieren. Sie sind letztlich Haftungsbefreit.
Ein Angebot zu moderieren kostet Geld. Die Moderation von Spiegel online beträgt 3 – 5 Prozent der Gesamtkosten. Weil das richtig ins Geld geht, kann man bei den meisten redaktionellen Betreibern auch nachts nicht posten.
Fuck facebook! Fuckbook. Wobei die ja noch viel löschen im Vergleich zu Twitter. Also Tötet Twitter?
Keine Verbalmilitanz. Nicht in meinem Alter.

20.05.2017 – Ein Raunen geht durch den Saal, wenn ich rede

who killed the world
Who killed the world? Vielleicht Intelligenzgeminderte, die solche Autos fahren?
Wobei ich vorsichtig mit solchen Anwürfen sein sollte. Ich fahre ja auch nicht mit dem Rad ans Mittelmeer. Man kann mir also jene Hoffart vorwerfen, die vor dem Fall kommt. Damit sind wir mitten im Laster, und Vanitas, die Eitelkeit, oder auch Superbia, Eitelkeit mit Stolz und Hochmut, ist eine meiner Lieblings-Todsünden.
Wenn ich in der Zeitung über mich lese, dass ob meiner Ausführungen ein Raunen durch den Saal geht, dann greift Vanitas mit warmer Hand nach meinem Gemüt. Wobei mich die Formulierung „… als er Vermögenszahlen Deutschlands reichster Bürger einwirft …“ etwas irritiert. Das Leder beim Fußball oder den LSD Trip wirft man ein, aber Vermögenszahlen, mögen sie auch noch so berauschend sein?
Offensichtlich war die Rezensentin von meinen „Einwürfen“ derartig enthusiasmiert, dass sie später aus dem einfachen „Gleitze“ gleich den gesteigerten „Gleitzer“ machte.
Aber wann endlich verfällt die Presse mal nach zahlreichen erfolgreichen weiten und rauschhaften Einwürfen von mir über mich in den angemessen doppelten Superlativ: „Der gleitzeste Gleitzer, den es je gab“? Und wäre dann meine Vanitas gestillt? Wie verhält sich das überhaupt mit der Befriedigung von Lastern? Wollust vulgo Begehren kann gestillt sein, Geiz kann Grenzen haben, Jähzorn ist nicht zu stillen, Neid, Eifersucht verzehren bis zum Ende aller Tage, ohne Pause, Völlerei siehe Wollust, Faulheit hat ein Maß, mehr als Nichtstun geht nicht. Aber was ist mit Eitelkeit?
Scheiß die Wand an, das sind doch mal Fragen, über die es zu denken lohnt, oder wie sehe ich das?!
Anstatt über sowas zu grübeln, sollte ich mir lieber ernsthaft Gedanken machen, wie ich auf der Demo am Montag gegen Wohnungsnot mit meinem Redebeitrag wenn schon nicht dafür sorge, dass ein Raunen durch die Menge (?) geht, sondern sie wenigstens unterhalten wird. Der beste Weg zum Denken führt ja laut Walter Benjamin über ein Lachen.
Wohlan.

18.05.2017 – Über den Gleichheitsbegriff in der neoliberalen Karussell-Doktrin

Der Begriff „neoliberale Karussell-Doktrin“ gefällt mir aus zwei Gründen sehr gut: Er ist anschaulich, er ist präzise und er stammt von mir. Hab ich mir eben ausgedacht. Auf dem Klo. Ohne Smartphone. Falls das jemand wissen wollte.
Eigentlich müsste ich das Protokoll einer Mitgliederversammlung von gestern schreiben. Dazu habe ich aber so viel Lust wie ein Biber zum Sandburgen bauen. Stattdessen hämmere ich hier irgendwas in diesen Blog und freue mich daran, wie mir glänzende Bibermetaphern und herausragende Karussell-Doktrinen aus dem Hirn sprudeln, als ob ich dafür bezahlt würde. Werde ich aber nicht. Im Gegensatz zur Planung, Organisation und Durchführung von Mitgliederversammlungen. Und die gestrige mit einem Virus im Leib, der mich in einen Zustand versetzt, dessen Umschreibung mit „toter als tot“ als Euphemismus des Jahrhunderts durchginge. Meine Fresse, waren das noch Zeiten, als ich als einfacher Angestellter den Notwehrparagrafen, vulgo den „gelben Schein“ der Putativ-Krankschreibung, schon zog, wenn ich nur einmal genossen hatte. Ein Witz für Juristen und höhere Stände. Hahaha.
Na ja, laber laber, blabla. Dass mit der neoliberalen Karussell-Doktrin zielt auf Jürgen Marcus, mit seinem Lied „Auf dem Karussell“, wo es heißt:
„Auf dem Karussell fahren alle gleich schnell,
darum wäre es schön
wär‘ man noch einmal zehn
da sind alle gleich
ob sie arm oder reich.“

Damit wird mit einem regressiven („wär man noch einmal zehn“!) und faktisch unkorrekten Sprachbild die real existierende Ungleichheit zwischen Arm und Reich eingeebnet.
Auf dem Karussell fahren mitnichten alle gleich schnell. Auf dem Karussell fahren die auf dem äußeren Radius natürlich schneller, weil sie in der gleichen Zeit den längeren Weg zurücklegen: v = pi · d · n. Physik Klippschule. Was man aber, glaube ich, aus Gründen der political correctness nicht mehr sagt. Draußen scheint gerade die Sonne. Auch so eine Sprachmüll-Formulierung. Wenn sie drinnen schiene, wäre ich verdampft. Was ich sagen will: Ich fahr jetzt mal mit dem Radl raus, nicht ohne eine Quizfrage zum Schluss:
Wo befindet sich diese Seilbahn? Im Walsertal oder in Hinterzarten?
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Richtige Antwort: Berlin, IGA. Aber Hinterzarten hört sich auch irgendwie faszinierend an ….

14.05.2017 – Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als Weltkulturerbe

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Ich setze mich hiermit für die Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als immaterielles Weltkulturerbe ein. Eine entsprechende Petition bei Openpetition.de ist in Arbeit.
Ziel:
Die Deutsche Unesco-Kommission soll die analoge Toilettenlektüre als Kulturform ins deutsche Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufnehmen. Das ist die Grundlage für eine Anerkennung als Weltkulturerbe. 2016 wurden von der Deutschen Unesco-Kommission unter anderem ins Verzeichnis aufgenommen:
Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald, das Forster Hanselfingerhut-Spiel (Volksspiel mit derben Worten) und das Tonnenabschlagen (Reiterwettkampf mit Tonnen).
Zur Begründung:
Die analoge Toilettenlektüre, vulgo das Lesen von Druckerzeugnissen auf dem Klo, stirbt im Zeitalter des Smartphones aus. Das ist in Zeiten des zunehmenden Verfalls der Sitten und der wachsenden Spaltung der Gesellschaft eine kulturgesellschaftliche Zäsur von nicht zu unterschätzendem Ausmaß. Ein herausragendes identitätsstiftendendes und zentripetal wirkendes Merkmal unserer Gesellschaft über alle Klassengrenzen hinweg war die analoge Toilettenlektüre. Sei es der Comic-notorische Spießer mit den hängenden Hosenträgern und der „Bild“, der Banker mit der FAZ, dem angesichts seines Aktienkurses der desaströse Zustand der Welt am Arsch entlangging oder ganze WG Horden mit der taz, denen der desaströse Zustand der Welt auf den Darm schlug, für sie alle galt auf der Toilette das Diktum von Jürgen Marcus, hier etwas abgewandelt:
Ob sie arm sind oder reich
Auf dem Klo sind alle Menschen gleich

Die Form des Rituals war identisch, die Inhalte (der jeweiligen Lektüre) wichen nur ideologiekritisch voneinander ab, waren aber strukturidentisch.
Das schaffte Einheit da, wo sonst Trennendes herrschte!
Es ist davon auszugehen, dass dieses Ritual im Zeitalter des Smartphones atomisiert wurde. Die Toilettenlektüre ist digital geworden, sie ist beliebig und kaum kommunizierbar, vermutlich wird mittlerweile sogar auf der Toilette gearbeitet, nach dem Motto: schnell noch mal die Mails checken. Untersuchungen haben ergeben: vier von fünf Menschen nutzen das Smartphone auf der Toilette.
Das klassenspezifische Smartphone-Toilettenlektüre-Verhalten bedarf dringend der Evaluation, hier tappt die Forschung noch zu sehr im Dunkeln.
Außerdem ist die digitale Toilettenlektüre wesentlich unhygienischer als die analoge. Die Drucklektüre verschwindet nach Erledigung in einem Mülltrennungsbehältnis. Das im Dauereinsatz befindliche Smartphone hingegen ist eine mikrobakterielle Brutstätte. Gerade Männer neigen zu mangelhafter Hygiene im technologischen Bereich, hier wäre in der Forschung unbedingt der Gender und Diversity Aspekt zu beachten.
Es kann unterstellt werden, dass – und hier orientieren wir uns an Michel Foucault, Jacques Derrida und Charles Latan – das Verschwinden von identitären Alltagsritualen auch den Kitt unserer Gesellschaft erodiert, anders formuliert:
Die wachsende Spaltung der Gesellschaft und das Aufkommen der braunen Brut von der AFD hat auch mit dem Verschwinden der analogen Toilettenlektüre zu tun.
Um überhaupt ein öffentliches Bewusstsein für diese Problematik herzustellen und Anstoß für tiefergehende Forschungen zu geben, wird hiermit der Startschuss zur Kampagne für Anerkennung der analogen Toilettenlektüre als immaterielles Weltkulturerbe gegeben.

12.05.2017 – Platos Höhlengleichnis oder: it’s only Rock’n Roll!

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Was ist Spiegelung und was ist Realität? Das ist nicht nur eine Frage der ästhetischen Wahrnehmung sondern natürlich auch eine erkenntnistheoretische, siehe auch Husserl et. al.
Die Frage ist seit Platos Höhlengleichnis in der Welt, was ist Realität, was ist nur Schein, Spiegelung der Realität. Diese Fragen sind durchaus nicht nur abgehobenes Reflexion Brimbamborium. Haben Sie sich noch nie gefragt, ob das real ist, was Sie gerade erleben oder nur ein Schatten an der Wand, eine Idee, ein schlechter Film?
Spieß zum Gefreiter Neumann, frisch von der Schule beim Barras:
„Neumann, was ist eine Idee?“
Neumann: „Eine Idee im Sinne von Plato ist eine ….“
Spieß: „Neumann, Sie Vollidiot, Sie sollen Ihr Gewehr eine Idee höher halten!“
Ich frage mich immer öfter, ob das Leben nicht eine gigantische Inszenierung ist, so wie im genialen Jim Carey Film „Die Truman Show“.
Tröstlich ist da immer ein Gedanke:
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It’s only Rock’n Roll!

10.05.2017 – Wer war Albert Norden?

wer war albert norden
Jude und Kommunist, das verzeiht die Reaktion niemals, über den Tod hinaus nicht. Und um der Niedertracht noch eine Krone aufzusetzen, ersetzt man den Namen des jüdischen Antifaschisten mit dem einer alten Nazi Schlampe. Vae victis.
Manchmal helfen nur noch Alkohol und Drogen.
bier
Bier. Da weiß man, was man hat. Schwieriger wird es bei Drogen, bei denen man meint, überall lilafarbene Elefanten zu sehen. Und hinterher völlig überrascht ist, dass es sich um Realität handelt. Wie im vorliegenden Fall auf der IGA in Berlin.
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09.05.2017 – Bert Brecht und Helene Fischer

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Dem unbekannten Stadtführer auf der Schifffahrtstour durch das Regierungsviertel in Berlin gewidmet.
Solche Touren macht man, wenn man Fremden die Stadt zeigen will und man vom Cruisen durch Berlin ermattet ist. Wenn man Pech hat, kriegt man bei den Touren einen Führer, der einen mit den immer gleichen Fips Asmussen Witzen zur immer gleichen Stelle wahnsinnig macht. Wenn man Glück hat, kriegt man ein Tonband abgespielt, das erleichtert das Weghören. Wenn man großes Glück hat, kriegt man einen Stadtführer, wie den oben im Bild. Neben der selbstverständlichen Sachkenntnis und Zweisprachigkeit ganz großes Stand Up Theater, geniales Feeling für Impro und perfektes Gespür dafür, linke Botschaften so subkutan-inexplizit an die Frau zu bringen, dass auch ein CDU Kreisverband sich hinterher nicht bei seinem Arbeitgeber über linksradikale Indoktrination beschweren kann. Ich merkte nach zwei Sätzen, was da vorne abging, war schwer begeistert und sparte nicht mit Beifall, Daumen hoch und zustimmendem Gejohle. Das Restpublikum glich eher einer Ansammlung von unbeseelten Lehmklumpen. Der Vorhof zur Hölle. Was den unbekannten Stadtführer nicht verdross:
„Und links am Schiffbauerdamm sehen Sie das Haus des Berliner Ensembles, das maßgebend geprägt wurde von Bert Brecht und Helene Fischer. Toll, was die Frau alles macht.“
Pause. Ich lag mit Lachtränen schon lange am Boden. Er:
„Das war jetzt ein Test, ob Sie auch aufpassen. Es war Helene Weigel, nicht Helene Fischer. Helene Fischer is, by the way, our Celine Dion. Aber keine Angst, nachher kommen wir noch an einer Strandbar vorbei, am Mon Bijou Park, da können Sie dann wieder nach rechts gucken.“
Die Lehmklumpen rührten sich nicht. Er:
„Meine Witze versenden sich offensichtlich.“
Ich war am Ende der Fahrt außer Rand und Band.
Zum Schluss bedankte ich mich bei ihm, mit Trinkgeld und natürlich Lob, und der Bemerkung: „Schade, so viele Perlen vor so viele Säue.“ Das ließ er, zu Recht, als Profi so nicht stehen: „Ich versuche, es möglichst breit aufzustellen und allen Recht zu machen.“ Als ich schon auf der Gangway war, rief er mir halblaut nach: „Danke fürs Mitmachen, das passiert nicht so oft.“
Nachtrag: Das mit den Lehmklumpen muss ich etwas relativieren, der Beifall fiel sehr freundlich aus und es war ein regelmäßiges Klimpern im Trinkgeldtopf zu hören, fast alle gaben was.
Der Typ ist vermutlich Mitte 20 und schon jetzt so gut, dass ich ihm wünsche, dass er nicht auf diesen Dampfern verschimmelt. Ich hab früher auch Stadtführungen gemacht, im Rahmen von Projekten für die ehemalige Carl-Duisberg- Gesellschaft, und ich war gut darin. Aber ich war nicht halb so gut wie der Berliner und damals hätte ich schon sein Vater sein können.
Wer allerdings irgendwas als Kulturschaffender werden will, muss auch durch Scheiße waten, sei es Verrisse, Verachtung, falsches Publikum oder wenig Publikum.
Ein zuschauer
IGA Berlin, Band, mit einem Zuschauer. Und das ist nicht der Typ am Bildrand, der gehörte zur Band. Der eine Zuschauer war ich. Aber die Band machte trotzdem Power.
Meine geringste Zuschauerzahl bei einem Auftritt waren ca. 10. Viel, viel schlimmer ist falsches Publikum. Das ist die Hölle. Es gibt kein falsches Publikum im richtigen Künstlerleben, es gibt nur eine falsche Show, höre ich da als Einwand?
Da sach ich mal Argumentreduziert: Dummes Zeug