20.05.2021 – Ausländer raus.


Demo gegen Antisemitismus am hannöverschen Holocaust-Denkmal. Nach teilweise militanten propalästinensischen Ausschreitungen nicht nur hierzulande inklusive Angriffe auf Synagogen zeigte die Zivilgesellschaft Flagge. Ein bisschen wenigstens. Leider ist bei solchen Demos immer irgendein verpeilter Naivling, der die Deutschland Fahne schwenkt. Durchaus guten Willens in Sachen Solidarität mit Israel, aber unfähig zu begreifen, dass die Wurzel von Übeln wie Rassismus und Antisemitismus auch im Nationalismus liegt, dessen Beginn immer markiert wird vom Anfang einer Fahnenstange, und zwar der der eigenen Nationalfahne. Vom Ruf „Deutschland!“ ist es nur ein kleiner Schritt zu „Deutschland über alles!“
Natürlich war auch wieder der notorische, wahnhafte Antisemit dabei, der von außen ein paar wirre Parolen reinbrüllte wie „Freiheit für Jerusalem“, womit er im Zweifel meint „Raus mit den Juden“. Und dafür bleibt nach Lage der Geografie nur das Mittelmeer.

Dankbar stürzte sich die Presse auf den Wirrkopf, dem man die Durchgeknalltheit schon an Habitus, Gestus und Sprachduktus anmerkte. Ich überlegte kurz, ihm 50 Euro anzubieten für eine Intervention bei der gleichzeitig stattfindenden Pro-Palästina-Demo nebenan, bei der er einfach reinbrüllen sollte: „Hamas verbieten! Solidarität mit Israel“. Aber selbst mein Zynismus kennt Grenzen. Bei der Pro-Palästina-Demo bildete sich übrigens ein Zug zur Kundgebung am Holocaust Denkmal, der nur durch Polizei Einsatz aufgehalten werden konnte. Was dabei angesichts dieser Unterstützer der faschistischen Terrororganisation Hamas herausgekommen wäre, ist auf diesen Bildern des Spiegel TV-Beitrags über Demos in Berlin (47 an einem Tag! Allein dafür liebe ich Berlin) abzulesen.
Gegen Ende des Beitrags sind militante Pro-Hamas Unterstützer zu sehen, mit Israel-Vernichtungs-Phantasien, Pressebedrohung inklusive. Neukölln, Sonnenallee. Berlin ist meine zweite Homebase, ich flaniere nach wie vor gerne durch Neukölln, wenn es denn die Seuche erlaubt, auch über die Sonnenallee. Ein anderer Kosmos, dessen Existenz man sich schon durch physische Präsenz annähern sollte, um zu verstehen, was das heißt: Parallelgesellschaft. Diese Gerüche, Bilder, der Lärm, all das vermittelt kein Zeit-Artikel.
Aber meiner Toleranz geht es wie meinem Zynismus. Hat Grenzen. Militante Antisemiten gehören nicht in unsere Gesellschaft, dieser wahnhafte Antisemitismus ist auch mit der Repression des Strafrechts nicht zu „heilen“, ergo zu bekämpfen. Mit dem satirischen „Ausländer raus“ im Anreißer oben ist das natürlich nicht getan, denn das sind oft Menschen mit Migrationshintergrund in der dritten Generation hier. Jugendliche mit deutschem Pass.
Da wir natürlich nach wie vor rechten – wachsenden – Antisemitismus haben, der bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht, und unausrottbar auch „linken“ Antisemitismus (was der mit „links“ zu tun haben soll, erschließt sich mir nach wie vor nicht), erweitere ich meine Forderung also wie folgt: Ausländer und Inländer raus!
Aber wohin damit? Wem will man denn dieses Volk zumuten? Und wird es dann hier nicht sehr übersichtlich, einsam?
Die Ökos würd’s ja freuen, weniger CO-zwo Output.

16.05.2021 – Das Meer ist zugeschissen – Teil 2 der Chronik


Klettertiere auf dem Weg zum Bungalow.
Hier Teil zwei unserer Chronik (nach wie vor immer dieselbe Unterkunft und Rechtschreibung im Original).
Wie war die Erreichbarkeit der Unterkunft?
„ …. Bungalows für Gemsen und Klettertiere geeignet …“
„ …. Zimmer am Berghang man braucht fast eine bergsteigerausrüstung …“

Und sonst so?
…. die darauf befindlichen Ladegeräte für`s Handy und für die Digicam standen unter Wasser. Das TV-Gerät, das extra im Prospekt angepriesen wurde, war ein 37 cm Röhrenfernsehr, der mehr tief als breit war und lediglich auf der Wandhalterung mit einer vergammelten Schnur gesichert war (über dem Stockbett = Kinderbett !). Empfangbare Programme gab es 3 – nämlich die gleichen. Das Bild flimmerte und sprang – dafür war es in türkischer Sprache mit griechischen Untertitel. …
Wie hielt der Pfeffer am Finger?
„ …. Gewürze stehen in Müslischalen zur Verwendung einfach Finger rein und gut, wenn mann ihn anleckt hält der Pfeffer besser ….“
Immerhin hatte der Oberkellner seinen Humor nicht verloren:
„ …. Der Oberkellner rannte den Gästen permanent hinein und gab den Gästen die Schuld ….“
Und wer ist schuld an allem?
„ …. Vorwiegend sind dort Tschechen und Slowaken vorherschend! …“
Wenn es wenigstens Böhmen und Mähren gewesen wären.
Natürlich habe ich mich über die teils eigenwillige Ausdrucksweise und Orthografie amüsiert. Womit ich in die Ideologiefalle der Sprachkritik getappt bin, deren oberste Maxime lauten sollte: Die herrschende Sprachnorm ist immer die Sprachnorm der Herrschenden. Also des universitär geprägten gehobenen Bürgertums, dem kläffenden Kettenhund des Kapitals, das sich nicht nur über die mangelnde Ausdrucksfähigkeit des bildungsfernen (wofür das Bürgertum verantwortlich zeichnet, das BRD-Bildungssystem verhindert soziale Mobilität wie kaum ein anderes) „Mobs“ mokiert, sondern ihn qua Sprachauslese gleich da hin duckt, wo er nach Meinung des gemeinen Bürgers hingehört, nämlich nach unten. Reine Sprachkritik ohne Berücksichtigung der Klassenverhältnisse ist immer reaktionär und wird zumeist, und allein das sollte misstrauisch machen, von weißen alten Männern geübt („Geübt“ heißt: Sie können es eben nicht). Sie haben Angst vor der Lebendigkeit von Sprache, ihrem Veränderungspotential (siehe Gendersprache, die hier kein Thema mehr ist. Irgendwann ist der Argumentations-Drops gelutscht und die Veränderung wird per Machtfrage entschieden)
Was tut man aus Angst? Man zieht sich auf Regeln und Normen zurück, die letzte Bastion, die man noch hat.
Sie, liebe Leserinnen, werden also vielleicht verstehen, warum ich vor Jahren sofort auf die Idee kam, aus dem Literatur-Potential von Tourismus-Bewertungen eine Lesung zu machen. Materialsichtung war sehr einfach: bei ohnehin schlecht bewerteten Unterkünften sortierte ich die schlimmsten Bewertungen nach vorne und hatte so eine mitunter endlos tragikomische Suada von Klagen, Beschwerden, Flüchen, Verwünschungen, Beleidigungen, eben von allem Übel dieser Erde, was da lautet: Urlaub, endlich Urlaub.

15.05.2021 – Das Meer ist zugeschissen


Mehr Meer.
Dass es einmal eine Welt in der Fremde ohne Tripadvisor und andere Touristik-Websites gegeben hat, ist Menschen unter 30 nur schwer zu vermitteln. Mir war sofort nach Erscheinen der ersten Seiten im Internet klar, welch literarische Schätze sich da erschlossen. (Abgesehen von dem unfassbar praktischen Nutzen, in Verbindung mit Google maps sind mit diesen Werkzeugen Enttäuschungen in der Fremde maximal minimierbar).
Zurück zur Literatur. Hier folgt zu Ihrer Unterhaltung am Wochenende, liebe Leserinnen, die Chronik in zwei Teilen einer Urlaubs-Unterkunft auf der Basis einer Touristik-Website (immer dieselbe, alle Zitate von unterschiedlichen Personen. Rechtschreibung im Original, dazu mehr im zweiten Teil):
Wie fing alles an?
„… Am ersten Tag mussten wir Zimmer wechseln, da wir Ratten (!!!) im Zimmer hatten.“
Und wie war das Essen?
„… Zum Essen und zum Buffet gibt es nur wenig zu sagen, bis auf dass 45% der Gäste Krank geworden sind und das was die essen nennen nicht mal von den Katzen im Speisesaal angerührt wird sagt schon alles….“
….
Wir können nur bestätigen, was bezügl. Des Durchfallpotentials usw. bereits beschrieben wurde… viele – auch wir waren betroffen. Ein kleines Kind übergab sich vor unseren Augen beim Essen!!!
…..
Nach dem zweiten Tag ging der Horror los. Ich musste mich die ganze Nacht übergeben, hatte herzrasen und war schlaflos. Am Tag nur Tee getrunken und Zwieback gegessen. In der dritten Nacht ging es dann auch bei meiner Freundin los und wir waren wieder schlaflos. Wir haben uns den ganzen Tag wieder nur von Zwieback ernährt. Zum Abendbrot trauten wir uns noch einmal an das Buffet. (Ich nur Käse und Dessert, meine Freundin Gulaschsuppe). Leider Fehlentscheidung. Wieder musste sich meine Freundin übergeben.
…..
…. großzügig Immodium verteilt…Ich lag daher auch 20 Stunden mit schwerem Fieber (die weiteren Symptome erspare ich im Detail) und weitere 4 Tage mit Beschwerden danieder. An Urlaub war nicht zu denken. Ich rate jedem aus gesundheitlichen Gründen ab, dorthin zu reisen. (Die abendliche Geräuschuntermalung bestand aus lauten Würgegeräuschen aus den umliegenden Badezimmern, statt aus Meeresrauschen.)“

Fazit?
… Man sollte das Hotel eigentlich wegen Körperverletzung anzeigen …“
Vielleicht war es gar nicht das Essen, sondern …?
“ … Das Meer ist zugeschissen, die Kloaken aller Hotels laufen durch ein 1-M-Rohr unten links direkt in die Badebucht, es gibt keine Kläranlage!…“
Und wie waren die Zimmer?
„…. somit harmonierte das Zimmer fabelhaft mit dem Essen – also auch katastrophal….“

12.05.2021 – Joseph Beuys wäre heute 100 geworden


Irgendwas mit Eichen.
Hitlerjunge Beuys war neben Warhol der Kunst-Superstar der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beide stehen mit ihrer Arbeit pars pro toto für diese Zeit: Warhol mit seiner grell-affirmativen Verehrung des Konsumismus und Beuys mit seinem vermeintlich fortschrittlich erweiterten Kunstbegriff, der sich allerdings aus trüben braunen Quellen speist. Beuys ist insofern bedeutsam, als dass sich an ihm der Zerfall eines vermeintlich aufgeklärten Bürgertums deklinieren lässt und der unaufhaltsame Aufstieg von Esoterik, allgemeinem Kasperglauben und übelster Quer“denkerei“, die keine ist, sondern einfaches Naziwesen. Beruhigend an Beuys: er ist sowas von 70er/80er Jahre BRD wie Kulenkampff und Kassettenrekorder, dass seine Bedeutungslosigkeit nur noch vom Kunstmarkt nicht begriffen wurde, wo weiße alte Männer in seliger Jugenderinnerungen schwelgend „Weißt Du noch, wie der Joseph damals im Kunstverein ….“ Millionen für den sakralen Natur-Kitsch von Filzmeister Beuys bezahlen. Nichtsdestotrotz dachte ich unlängst so für mich hin, da kann man ja mal was zu machen. Irgendwas mit Eichen. Mir ward gerad Corona-fad.
In seliger Jugenderinnerung schwelgend, denn natürlich habe auch ich den Fettfrickler Beuys damals auf der Documenta bewundert – seine Nazi-Biographie war damals nicht im Bewusstsein.
Dass es ausgerechnet Eichen waren, ist kein Zufall und darauf gründete meine Aktion „7000 Eichen richtig verkehrt rum“ zum 100. Geburtstag des Hitlerjungen Beuys. Im Rahmen der Aktion pflanze ich 7000 Eichen im öffentlichen Raumn, allerdings verkehrt rum, also richtig, und jedes Jahr eine. Heute geht’s los.
Die Eiche ist der völkische Baum schlechthin. Kaum etwas hat die Nazi-Symbolik so geprägt wie die Eiche: der Eichenkranz war Bestandteil des Parteizeichens der NSDAP, kein Dorf ohne Hitler-Eiche. Beuys hätte ja auch 7000 Birken oder Marihuana-Pflanzen nehmen können, aber der konsequent braune Faden seiner Biografie setzt sich bis ins Werk hinein durch. Das Werk ist eben nicht von der Figur Beuys zu trennen.
Beuys war Hitlerjunge und meldete sich 1941 freiwillig zur Luftwaffe, wovon er sich nie distanzierte. Er war bis zum Ende glühender Verehrer des antisemitischen Anthroposophen Rudolph Steiner, umgab sich mit völkischen Nationalisten und Holocaustleugnern und war NRW-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl 1976 der AUD, einer rechten Splitterpartei.
Sein Werk ist mit geprägt vom Gedanken der Heilung, eine Kategorie, die auf die Couch des Psychiaters gehört, aber nicht in die Kunst. Ein Leitmotiv, gerade bei der Eichen-Aktion, ist bei Beuys der Körper der Gesellschaft, der geheilt werden muss. Die biologistische Vorstellung vom Körper einer Gesellschaft ist eine genuin antiaufklärerische, siehe der faschistische „Volkskörper“.
Nachhaltig an meiner Aktion: Eine Eiche hab ich privat, in meinen Garten gepflanzt. Richtig rum. Also verkehrt.

08.05.2021 – Bloß nicht auf der Seuchen-Zielgeraden schlappmachen


Das Firmenschild hängt als Memento Mori in meinem Garten. In dieser Weinhandlung (der Hinweis darauf ist im Laufe der Jahre verblasst) war ich im vorigen Jahrtausend längere Zeit Stammgast. Die Chefin des Hauses pries ihr Angebot in höchsten Tönen, trank aber selber keinen Schluck davon, sondern nur Fürst Bismarck und das in rauen Mengen. Ihre Lebensweisheiten waren sonder Zahl; teure Weine z. B kanzelte sie intern ab, wenn man und frau in trauter Zech-Runde beisammensaß, begleitet von mitunter durch die undichte Decke des Kelleretablissements in bereitgestellte Eimer plätschernden Regentropfen, mit der Einordnung: „Den Unterschied trinkste nich wech“. Und darauf einen Fü Bi.
Daran musste ich denken, als ich unlängst meine Erstimpfung (mit dem Rolls Royce aller Impfstoffe…) mit einem besonderen Tropfen feierte, einem der Fürsten aus dem Burgund. Der ein Mehrfaches dessen kostete, was ich für Alltagstropfen zahle. Etwas für ganz besondere, einmalige Anlässe eben.
Eine glatte Enttäuschung. Den Unterschied trinkste eben nich wech. Wie soll ich dann meinen abgeschlossenen Impfschutz feiern, und wie das Ende der Seuche? Wobei letzteres schwierig zu bestimmen sein wird. Es wird ja später im Jahr keine Regierungserklärung von Bundeskanzler FLaschet geben (und ich wette 5:1, dass es auf diese Nulllösung hinausläuft), in der er verkündet: „Liebes Volk, hiermit erkläre ich die Pandemie für beendet und die Party für eröffnet.“ Vermutlich wird uns die Seuche noch Jahre begleiten, unterwegs hoffentlich alle Impfquerulanten niederstrecken, peinigen und bekehren, und uns mit regelmäßiger Corona-Impfung im Herbst beglücken (kriege ich dann jedes Mal den Rolls Royce …?).
Nein, das Ende der Seuche muss jede*r für sich individuell bestimmen, Übergabe des Impfpasses, erste Auslandsreise, erster Indoor Restaurant-Besuch, whatsoever. Eingedenk der Burgunder-Pleite werde ich dann mit Sicherheit keinen edlen Tropfen köpfen. Ich werde dann etwas machen, was ich sonst fast nie mache: Ich drucke mir etwas aus (Auf dem Weg zum papierlosen Büro bin ich quasi auf der Zielgeraden). Und zwar meinen Blog von dem Tag an, wo ich das erste Mal den Begriff Corona verwendet habe, also vermutlich irgendwann im Februar oder März 2020. Diese komplette individuelle Dokumentation meiner Wahrnehmung dieser epochalen, und hier passt der Begriff ausnahmsweise, Zäsur „Corona-Pandemie“ werde ich dann binden und in aller Ruhe lesen. Wann und wo habe ich mich unter Seuchenbedingungen wie verändert, wie hat sich meine Wahrnehmung, wie hat sich die Welt geändert?
Das Ganze natürlich begleitet von einem edlen Tropfen.
Jetzt habe ich nur eine Sorge: Bloß nicht auf der Seuchen-Zielgeraden schlappmachen. Nicht auf den letzten Metern noch die Seuche einfangen. Vor der ich immer Respekt, aber nie Angst hatte. Hab sie ernst genommen, mich seriös informiert, die Regeln eingehalten, hier im Blog dafür geworben und ansonsten war ich dankbar für meine doch ziemlich privilegierte Existenz unter Seuchen-Bedingungen.
Aber jetzt, auf der Zielgeraden, werde ich doch etwas hibbelig, gurgele z. B. noch öfter als früher nach Draußen-Aufenthalten mit Dequonal. Natürlich ist eine Infektion für mich mittlerweile noch unwahrscheinlicher als früher, aber mit der Wahrscheinlichkeit ist das so eine Sache. Es soll ja auch Leute geben, die vom Blitz erschlagen werden. Oder die im Lotto Vermögen gewinnen.
Sonniges Wochenende, liebe Leserinnen, und halten auch Sie auf der Zielgeraden durch.

07.05.2021 – Warum muss immer ich den Sprachmüll runterbringen?


Lindenspiegel 05/21.
Dass die HAZ mit der deutschen Sprache das veranstaltet, was die Römer einst mit Carthago machten, ist bekannt. Neuer Tiefpunkt ist eine Überschrift am 05.05 „Stadt Hannover und Region planen Impfangebote für sozial schwache Viertel“. Nach meinem Leserbrief-Hinweis an die Redaktion ist das mittlerweile online geändert in „Neue Impfoffensive in sozialen Brennpunkten“, aber die HAZ verwendet diese falsche und diskriminierende Bezeichnung „sozial schwach“ permanent. Ich bin gespannt, ob die HAZ den Leserbrief veröffentlicht, und – viel wichtiger: Ob sie ausnahmsweise mal was begreift.
Derartiger Sprachmüll entsteht nicht einfach so. Grundsätzlich hat alles, was wir sagen und schreiben, einen Grund. Die Art und Weise, wie wir reden und sprechen, und wir nicht reden und nicht sprechen, hängt von unserem Bewusstsein ab. Das arbeitet permanent in uns, auch hinter unserem Rücken, und lässt uns, auch und gerade dann, wenn wir dagegen arbeiten und wüten, immer nackt als das dastehen, was wir sind, als „Ich“. „Es“ spricht aus mir und macht mich zum „Ich“.
Im Fall der HAZ wütet es aus den Autorinnen, auch ohne deren bösen Willen, heraus als ignorant, diskriminierend, verachtend.
Es ist auf sprachlicher Ebene der alltägliche Krieg der Bürgerklasse gegen den „Mob“.
Nicht von mir, aber auch schön: Ich sitze gerade auf dem Klo und habe die HAZ vor mir. Bald werde ich sie hinter mir haben.
Auch Ihnen, liebe Leserinnen, eine angenehme Verrichtung, bei allem was Sie heute vor oder hinter sich haben.

06.05.2021 – Vom Winde verweht


Den Zwerg hat’s bei den Stürmen der letzten Tage umgehauen. Das Bild hat irgendwie Symbolkraft. Wenn sich der Pulverdampf der Seuchenschlachten verzogen hat, werden die Opfer sichtbarer. Dazu gehören mit Sicherheit die ohnehin kläglichen Reste der Linken, Parteigebunden (die Partei „Die Linke“ taumelt zusehends in Richtung 5 %-Hürde) oder nicht. Von einer wie auch immer gearteten kulturellen Hegemonie ist die Linke hierzulande Lichtjahre entfernt, anders als früher, wo die Internationale und ähnlicher Revolutionskitsch zum guten Mainstream-Ton von Kulturbolschewisten und Feuilleton-Radikalinskis gehörte. Der Wegfall der Systemkonkurrenz im Osten hatte ein Riesenheer von Renegaten erzeugt, das umstandslos das Fähnchen in jenen Wind hängte, der in Richtung Neoliberalismus und Irrationalismus wehte.
Es gab und gibt viele, auch gute Gründe, den Sozialismus nicht für das Gelbe vom Ei respektive das Rote von der Fahne zu halten. Zu diesen Gründen gehören sicher nicht Opportunismus und Mainstreamverhalten, also das zu tun, was alle tun. Allein das wäre für mich persönlich ein Grund für ein „Jetzt erst recht links“: Niemals besinnungslos mit einer Horde Renegaten-Lemminge in die gleiche Richtung, nämlich Abgrund, rennen. Man macht sich nicht gemein.
Ein paar blieben bei der Fahne und diese Fahne wird offensichtlich als Folge von Corona-Collateralschäden derartig vom Wind des Irrationalismus zerzaust, dass sie als Orientierungspunkt nicht mehr dient. Rund um den 1. Mai tritt der Verfall der Rest-Linken katalytisch in Erscheinung. Beispiel: Eine sogenannte „Freie Linke“ betrachtet sich explizit als Linker Flügel der Querspinner-Nazis. Unter dem roten Lack riecht es schon nach brauner Kacke. Gespräche mit Linken werden zunehmend je unerfreulicher, je eher jene zum eigenen sozialen Umfeld gehören. Da wird die Wirksamkeit von Masken geleugnet, vom Merkel-Regime gefaselt, von staatlich verordneter Unterdrückung von Meinungsfreiheit in den Medien deliriert, von massenhaften Langzeitschäden nach Impfungen geraunt, das man meint, eine entvölkerte BRD steht ante portas. Wenn es nur so wäre, raunt der Zyniker in mir immer öfter angesichts solcher Hilfeschreie, und anders ist derartiger Irrationalismus nicht zu deuten.
Wissenschafts- und Evidenzfeindlichkeit aller linken Orten. Es gibt so etwas wie eine Erkenntnis nach derzeitigem Stand des Wissens und der Technik und mit dieser Maxime sind wir bisher in der Moderne summa sumarum ganz ordentlich gefahren. Aber nun in Seuchenzeiten gehört es zum guten linken Hobby-Virologen-Ton, 99,9 Prozent aller Expertinnen-Verlautbarungen anzuzweifeln und als Weisheit letzter Schluss aus den obskuren Tiefen des dreimal verfluchten Internets eine Veröffentlichung eines anderen Hobbyvirologen hervor zu zerren, nach der einer nach der Impfung mit Biontech in 60 Jahren Pickel auf der Nase wachsen.
Früher, in unseligen Zeiten, hieß es für „fehlgeleitete“ Intellektuelle: Ab in die Produktion, um Basiserfahrung und Einsicht zu erlangen, und damit zurück auf den rechten, nämlich den linken Weg zu kommen. Heute sollte es für die von mir skizzierte Verfalls-Restlinke lauten: Ab in die Intensivstationen und die Genossin Krankenschwester unterstützen (den Bruder auch). Der Geschmack der Wirklichkeit ist heilsamer als nächtelanges Surfen im Netz und stundenlange Buch- und Zeitungs-Lektüre.
Manchmal denke ich, das Schlimmste steht uns noch bevor, wenn die Seuche vorbei ist.

02.01.2021 – Beatz und Rote Fahnen


2021. Keine Satire.
Unlängst brauchte ich als Teilnehmer einer Video-Podiumsdiskussion in einem heisigen soziokulturellen Zentrum vorab einen offiziellen Schnelltest. Das war perfekt organisiert, im hiesigen Hauptbahnhof, nach 5 Minuten war ich dran. Ich fragte: „Und in 30 Minuten kann ich mir das Ergebnis dann hier abholen?“ Dass die freundliche junge Testerin mich mitleidig anlächelte, war sicher eine Projektion von mir: „Sie kriegen das Ergebnis spätestens nach einer halben Stunde auf Ihr Handy.“ Es dauerte keine 15 Minuten, dann lachte mich das Negativ-Ergebnis in freundlichem „Freie-Fahrt-Grün“ via Email an. Wenn die Seuche einen Vorteil hat, dann den, dass der alte Analog-Adam in mir zumindest ein paar Abstriche (hahaha) gemacht haben wird. Ich bin froh über jede halbe Stunde, die ich nicht mit öder Warterei oder überflüssiger Lauferei vergeuden muss.
Ich schlenderte also gemütlich über eine hiesige Flaniermeile. Ich hätte mit dem Testergebnis in der Tasche sogar dem Konsum frönen können in den jetzt sich langsam öffnenden Läden, aber die lange Enthaltsamkeit hatte in mir alle, ohnehin nur geringe, Lust auf Konsum abgetötet. Abgesehen von Socken fiel mir auch nichts ein und so sexy ist der Kauf von Socken – ohne Gummirand! – auch nicht. Von ferne hörte ich ein lange nicht vernommenes Geräusch. Bassdrum, ein Schlagzeuger hatte sein Instrument auf der Straße aufgebaut. Ein paar Leute wippten im Takt der Beatz und Groves und in mir kam ein verschüttetes Gefühl hoch, das Prickeln von Urbanität, Champagnerperlen im Gemüt.
Sie kennen das vielleicht noch, liebe Leserinnen, wenn Sie sich jenseits der bleiernen Theoriewelt von Büchern und TV bewegen, in Erwartung eines Konzertes, Ausstellungen, Theater, Straßenfest. Leben eben, wenn sich irgendwann dieses Prickeln einstellt, nur unzureichend mit Vorfreude beschrieben. Mehr davon, dachte ich, warf einen Nickel in den Hut des Schlagzeugers und schritt der Diskussion entgegen.
Am nächsten Vormittag ein ähnliches Gefühl, bei der Annäherung an das hiesige 1. Mai-„Fest“, was aus Seuchengründen keins war, sondern nur die Aneinanderreihung von öden Reden. Aber ein paar Rote Fahnen und die typische 1. Mai-Aura, die trotz allem über dem Treffen schwebte, erzeugte wieder dieses Prickeln von Urbanität, dieses Mal eher Bier als Champagner. Geht doch, dachte ich, kommt alles wieder, am Horizont zeichnet sich Morgenröte der Hoffnung ab. Wermutstropfen: Diskussionen mit alten Kumpelinnen, Altlinken, noch Aktiven. Teilweise voll auf diesem „Allenichtganzdichtda“-Kurs dieser unsäglichen Schauspielerinnen-Truppe um den eitlen und dummen Fatzke Liefers, also Querspinner-Geschwurbel. Kein Wunder, dass die Partei „Die Linke“ immer mehr abkackt und zur Wahl ein desaströses Ergebnis einfahren dürfte. So viele Spinner. Und spalterische Egomanen, wie leider auch die intellektuell durchaus schätzenswerte Sahra Wagenknecht.
Tragisch, weil selten war eine starke Linke so notwendig wie in Postpandemischen Zeiten, wo sich abzeichnet, wer die Seuchenzeche zahlen wird: Die Reichen werden es jedenfalls nicht sein.

1. Mai. Partisan mit Lenin, Stalin, Mao. Mit Rollator, aber immer noch dabei. Hier gebührt wieder dem unvergessenen Matthias Beltz das Schlusswort:
Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben?
Parmesan und Partisan, beide wurden sie zerrieben!

30.04.2021 – Zuchterfolge


Sonnenblumen Goldener Neger, vorne, und Kürbissetzling. Meine Zuchterfolge sind in Anbetracht der nächsten Seuche von wachsender Bedeutung. Wenn die nächste Seuche dergestalt gruselig aussieht in Sachen Letalität und Infektiosität, dass wir uns nach Corona zurücksehnen, ist Autarkie im Lebensmittelbereich ein entscheidender Survivalfaktor. Wenn jeder Gang vor die Tür zum lebensbedrohlichen Risiko wird, ist homegrown das Mittel der Wahl …. Von meinen 10 Kürbissetzlingen kann ich vermutlich monatelang mit Suppe überleben und aus den Sonnenblumenkernen Öl pressen für Fladen. Wahrscheinlich werde ich dann auf der Veranda übernachten müssen, mit einem Heckler und Koch Sturmgewehr mit stark Mannstoppender Wirkung (tut’s auch gegen Frauen). Da mir dieses Metier eher fremd ist, ohne Anruf das Feuer zu eröffnen auf Kürbisdiebe, muss ich auch den Marihuana Anbau revitalisieren, damit die nächtlichen Traum-Dämonen vertrieben werden.
In der ersten Stufe der nächsten Seuche wird man sich für jeden Gang auf die Straße per Smartphone einen Timeslot buchen müssen. Mir reicht’s jetzt schon, einen Termin für einen Schnelltest vor einem Videolive-Stream einer Podiumsdiskussion buchen zu müssen, dauernde Fehlermeldungen „Füllen Sie das und das richtig aus“ grrr, Hass… Was sollen später mal die Leute ohne Smartphone machen? Auch wenn das eine aussterbende Spezies ist – 80 Prozent haben aktuell eins, Tendenz rapide wachsend – heißt das, 20 Prozent sind immer noch ohne, meist aus Kohlegründen oder weil sie überfordert sind. Ein paar wird es auch 2028 (da kommt laut meinen Berechnungen die nächste Seuche) noch geben ohne. Sind die dann Kollateralschäden?
In einem Interview wurde ich gefragt, ob Menschen in prekären Lebenslagen jetzt prioritär geimpft werden sollten.
Wenn möglich, ja. Das sei aber auf jeden Fall Kernaufgabe für die nächste Seuche.
Wie aber wird Priorität dann festgelegt? Mit einem priority scoring? Für alles Mögliche von Gesundheit über Gesellschafts-Relevanz bis Lebenslage gibt es dann Punkte und je höher das Scoring am Ende desto eher die Impfung. Ohne große Diskussionen.
Schöne neue Welt? Warten Sie’s ab, liebe Leserinnen. In China läuft das Prinzip schon perfekt. Mehr als perfekt.

28.04.2021 – Wohlstandsverwahrlosung


Im Dschungel der Städte.
Ein 29jähriger Münchener (!) ist im April in Kolumbien entkräftet im Dschungel gerettet worden, nachdem er an einem Schamanenritual teilgenommen und dabei Yagé getrunken hatte, das Zeug wirkt psychodelisch. Unser deutscher Sinnsucher, offensichtlich zu blöd zum Kiffen und ähnlichem, hatte danach die Orientierung verloren, später Kontakt zu Bauern, die ihm Nahrung gaben und so sein Überleben sicherten. Er wurde letztlich von Rettungskräften nach Tagen aus dem Dschungel getragen. Danach erklärte er, nun an einem spirituellen Ritual teilnehmen zu wollen, um das Erlebte zu verarbeiten.
Wäre ich Cheffe der dortigen Rettungskräfte wäre, würde ich ihn nach seinem vorprogrammierten weiteren Scheitern, der Mann hat sich ja offensichtlich seinen Restverstand mit Drogen weggeschossen, im Dschungel verschimmeln und dadurch eins werden lassen mit den Pilzen und der Natur, mit der er sich so gerne selbst verbinden wollte. Dafür keinen Mann und keine Frau in Gefahr bringen.
Dieses asoziale Arschloch ist ein schöner Beweis dafür, dass bei der intensiven Suche nach dem eigenen Ich, der Verbindung mit der Natur (was soll das überhaupt sein?! Getrockneten Kuhfladen als Sombrero aufsetzen?) und dem Selbst meist nur gequirlte Scheiße rauskommt. Den bitterarmen Bauern die letzten Brocken wegschnorren, der hat bestimmt keinen Peso bezahlt, dann die Rettungskräfte in Gefahr bringen und als Krönung öffentlich androhen, diesen oder ähnliche Horrortrips zu wiederholen. Und das Ganze mit Sicherheit ungeimpft, also alle Beteiligten einem hohen Infektionsrisiko aussetzend. Die Kohle dafür muss derartige Eskapaden muss er ja haben, vermutlich aus begütertem Haus. Das kann sich nicht jeder leisten und leider werden ihn die wohl hoffentlich horrenden Rettungskosten nicht in den Ruin reiten.
Man stelle sich umgekehrt vor, die armen Bauern würden bei unserem Arschloch und seiner Sippe an der Tür klopfen und von den hiesigen schamanischen Ritualen schnorren wollen, sagen wir, bei der Spekulation an der Börse, unserem Religionsersatz. Die armen Kerle würden im Handumdrehen in Abschiebehaft landen und unsere Sippe Arschloch ihr Spendenaufkommen an die AfD verdoppeln, damit die denen solche Kanaken vom Leib hält.
Wenn es eines Beweises bedürfte, dass Wohlstand verwahrlosen lässt, dann liegt er hier vor.