22.09.2018 – Ich kann beruhigt mein Haupt zur letzten Ruhe betten


Empfang der FDP im niedersächsischen Landtag
Nach einer gewissen Strecke des Weges hält man inne, schaut zurück, was hat man erreicht, schaut nach vorne, wo will man noch hin, man wägt die Gedanken, wiegt sein Haupt, und kommt zu einem Urteil. Mein Urteil: Es war gut so, wie es war, und nun, nach dem Höhepunkt meines Schaffens, kann ich beruhigt mein Haupt zur letzten Ruhe betten, denn siehe, ich ward geladener Gast beim Empfang der FDP im niedersächsischen Landtag in der großen Halle des Volkes. Zyniker werden sagen: Der nassauert sich gnadenlos durch, egal wo. Romantiker werden sagen: Der lässt sich auf das Treiben des Klassenfeindes ein und studiert vor Ort dessen Treiben, Habitus, um sich ein fundiertes Urteil bilden zu können.
Die Wahrheit ist mitunter prosaisch. Ich traf dort Jörg Bode, ex-Wirtschaftsminister und stellvertretender FDP-Landtagsfraktionsvorsitzenden, in Sachen öffentliche Diskussion beim Politiktalk im ka:punkt, Grupenstr. 4, 30159 Hannover, wo sich Menschen mit wenig Geld auf einen kostenlosen Kaffee und Kuchen treffen können. Mit denen wollen wir diskutieren, um was gegen Politikverdrossenheit zu machen. Mein Thema mit Jörg Bode: Stichwort Geld – brauchen wir eine gerechtere Umverteilung? Also die Antwort ist: Ja. Da brauch ich nicht lange zu diskutieren. Aber der Job von Jörg Bode ist es, unter allen Umständen das Aufflackern von derartigem Wärmestuben-Sozialismus im Keim zu ersticken. Ich hoffe daher, dass es deshalb wesentlich lebhafter zugeht, als wenn ich das Thema mit Oskar Lafontaine kopfnickend übereinstimmend abhaken würde.
Nach solchen Empfängen erzähle ich draußen, im wirklichen Leben, gerne, dass ich zu den 500 wichtigsten Leuten in Niedersachsen gehöre, sonst war ich ja nicht geladen, und freue mir ein Loch in den Bauch, wenn es Zeitgenossinnen gibt, die so einen Unsinn glauben. Dann denke ich mitunter: Ich hätte doch in die Politik gehen sollen.

Nach dem Empfang füllte ich Zuhause meinen Flachmann aus 925er Sterlingsilber mit Mampe Halb und Halb. Der Flachmann trägt meine Initialen, worauf der Mann von Welt unbedingt zu achten hat. Ein Flachmann ohne Initialen ist vollkommen Proll und Mob und ein absolutes No-Go. Der Flachmann ist ein Geschenk meiner Neffen. Ein Geschenk, dass mich zu Tränen gerührt hat, weil es mein Wesen im Kern trifft, und die jungen Burschen das so präzise erkannt haben. Die Jungs geben zu den allergrößten Hoffnungen Anlass, sie sind die Sonne meines ermattenden Augenlichtes und Quelle von Freude und Zuversicht. Das war eigentlich schon immer so und was das Allerbeste an den Jungs ist: Wenn sie mir auf den Sack gehen, könnte ich jederzeit sagen: verpisst Euch, ich bin schließlich nicht Euer Vater.
Ich weiß nicht, wer sowas wie Neffen erfunden hat, aber ich find’s genial.

21.09.2018 – Drogenorgel


Drogenorgel

Die Produktions- und Verkaufsstätte vom legendären Mampe Halb und Halb, einem Orangenbitter, im 19. Jahrhundert entwickelt, sollte auch gegen Cholera wirken. Zufällig bei mir umme Ecke am Tempelhofer Berg entdeckt, in einem schicken Ensemble cooler Läden auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei, glaube ich. Jedenfalls trieb mir der Name Drogenorgel in dieser Alk-Umgebung die Freudentränen in die Augen, ich blieb zu einem kurzen Fachgespräch und einer Verkostung. Danach war der Vormittag gelaufen, ich hatte eigentlich an der Marheineke Markthalle einen zweiten Frühstücksespresso nehmen wollen, die Sonne hatte wieder so köstliches Morgenaroma verbreitet, ein Ahnen von Aufbruch und Entdeckungen lag in der noch halbkühlen Luft, bevor der Würgegriff der Hitze das ersticken würde und in Trägheit wandeln. So schlappte ich angedüdelt durch den Kiez und dachte mit gedämpfter Vorfreude an den nachmittäglichen Fachtag, der auf mich wartete. Soll er warten, viel Erfolg dabei. Mir fiel über meine Mampeverkleisterten Geschmackspapillen Southern Comfort ein, auch so eine Orangenpampe mit noch mehr Umdrehungen, die coole Leute im vorigen Jahrtausend tranken. Mich dürstete nach einem Crémant. Der Tag konnte ja noch heiter werden. Eine Fin de Siècle Stimmung breitete sich in meinem Gemüt aus.
Warum sollte es meinem Gemüt besser gehen als der Gesellschaft.

19.09.2018 – Dekonstruktion heroischer Männerbilder


Speerwerfer, Volkspark Schöneberg.
Unser Männerbild wurde Jahrzehntelang von heroischen, gestählten, jederzeit zum Kampf bereiten Körpern geprägt. Das wurde in gewissen Kreisen eine Zeitlang aufgebrochen, durchaus mit Ausstrahlung in den Mainstream und die Kunst, durch ein weicheres, androgyneres Männerbild. Keine Künstlerin könnte heute ernsthaft so eine Skulptur fertigen wie obige aus den Zwanzigern. Das kommt aber wieder.
Und wenn man sich heute den Fitness- und Selbstoptimierungswahn anschaut, ist vom androgynen fliessenden Männerbild nix übrig geblieben. Der Mann und mit ihm jetzt die Frau, das ist dann der Fortschritt, stählen und quälen sich für den Kampf an der Kapital- und Geschlechterfront in der Muckibude.

Da freut man, jedenfalls die Restandrogyne Fraktion, sich über kleine Dekonstruktionen heroischer Männerbilder wie diese hier.
Eigentlich hasse ich es, wenn Schmieranten und Spräher überall ihre nichtsnutzigen Kommentare hinterlassen, aber wenn das so Materialschonend hier passiert, lasse ich nochmal viere gerade sein.

18.09.2018 – Trauen Sie Ihrem Verstand


Trauen Sie nicht Ihren Augen

Trauen Sie Ihrem Verstand – zumindest etwas zu.
30 Prozent aller Deutschen vertrauen Daten der Cloud an, las ich unlängst. Und wenig später, dass Microsoft seine Deutschland Cloud eingestellt hat. Ich würde weder dienstlich noch privat jemals Daten einer Cloud anvertrauen. Ich bin doch nicht blöd. Dachte ich bis zu dem Moment des nächsten Blog Eintrags.
Dieser Blog hier ist nichts anderes als Cloud. Und diese Einträge gibt es nirgendwo anders. Sie leben von ihrer Spontaneität und Flüchtigkeit. Wenn sie denn überhaupt leben. Hier packe ich alle Bilder, Impressionen, Gedanken rein, die woanders keinen Platz haben, weder im realen Tagebuch noch in wichtigen Ordnern, Projekten, aber die ich doch in irgendeiner Form speichern möchte. Dieser Blog spiegelt unter anderem meine subjektive Sicht des objektiv anschwellenden Verfalls unserer Demokratie wieder.
Und was mache ich, wenn der Provider WordPress hier Pleite geht oder gehackt wird?
Na ja, aufhängen werde ich mich nicht. Und das nächste Mal, wenn ich wie so oft denke, wie blöd die Menschheit doch ist, werde ich für einen kurzen Moment verharren und erstmal bei mir selber nach Blödheitsalarm suchen. Aber nur das nächste Mal. Danach wieder Normalbetrieb. Demut ist echt nicht mein zweiter Vorname.

17.09.2018 – Neulich in der Scheinbar


Scheinbar, Berliner Kleinkunst-Bühne.
Es gibt Momente, da schwappt eine Jahre zurückliegende Entscheidung ins Bewusstsein hoch und lässt einen erleichtert seufzen:“Gut gemacht. Göttin sei Dank.“
So neulich in der Scheinbar,bei mir umme Ecke. Von hier ging vor ca. 30 Jahren der deutsche Comedy Boom aus, hier fragten unter anderem Kurt Krömer und Mario Barth bescheiden an, ob sie mal auftreten dürften. Bei meinem Besuch waren 5 Comedians und ein Moderator des Abends auf der Bühne. Manches war platt,manches einfach nicht mein Ding,bei zwei Leuten, Heino Blu und Mark Addams, habe ich Tränen gelacht. Eins einte alle: herausragendes Handwerk.
Die Scheinbar bietet Platz für allerhöchstens 50 Zuschauerinnen, sie war an dem Abend knapp zur Hälfte gefüllt, von denen hat erfahrungsgemäß knapp die Hälfte nur den vollen Eintritt bezahlt von 8 Euro. Wenn sich Veranstalter und Comedians die Abendkasse geteilt haben, blieben für letztere pro Kopf weniger als 10 Euro Gage. Und das bei dem excellenten Niveau, das im Fall Heino Blu und Mark Addams TV- kompatibel war. Wenn etwas die prekäre Situation der Branche der Kulturproduzenten in unserer Gesellschaft beschreibt, dann das.
Ich habe mich vor Jahren entschieden, kein Kabarett mehr zu machen. Zum Schluss hatte ich eh nur noch was für Verbände und Gewerkschaften gemacht, was um ein vielhundertfaches besser bezahlt war als der letzte Auftritt auf einer alternativen Kleinkunst-Bühne, wo nach Abzug der Reisekosten 2 Euro Abendkasse übriggeblieben waren. Und trotzdem war mir das irgendwann zu anstrengend in dem Wissen, das weder Talent noch Handwerk für Hollywood reichen würden. Ich beschloss also, mal wieder echtes Geld zu verdienen und in Würde zu altern.
Eine Entscheidung, über die ich angesichts der Situation in der Scheinbar einfach nur noch erleichtert war. Denn manchmal hatte ich ihn schon vermisst, den letzten Auftritt im alternativen 2raum in Neutramm, 4 Stunden auf der Bühne, die beiden letzten im Vollsuff, fast alle Zuschauerinnen zum Schluss mit auf der Bühne, nachdem der Bürgermeister des Ortes während der Vorstellung eingeschlafen war. Und dann noch 2 Euro Gage!
In welchem Job gibt es schon sowas…

16.09.2018 – Ich wohne in der lautesten, dreckigsten und hässlichsten Strasse des Universums


Hausbesetzung Berlin Grossbeerenstr. 17a, September 2018.
Der Teaser in der Überschrift ist etwas übertrieben, es handelt sich nicht um das Universum, sondern nur um Hannover. Der Dreck und Lärm von über 20.000 Autos am Tag kostet mich wahrscheinlich das Lebenszeit-Äquivalent von 10 Zigaretten pro Tag Dauerqualmen. Andererseits habe ich nach hinten raus mit Garten, Veranda,Teich, Obst und allerlei Getier ein lebensverlängerndes Paradies. Es ist wie die bürgerliche Gesellschaft, nur umgekehrt: vorne pfui, hinten hui.
Ausserdem muss ich mir um Miete keine Sorgen machen, das sind nochmal zwei Jahre länger leben, so dass ich vermutlich mindestens ewig leben werde.
Bezahlbares Wohnen treibt Menschen so oder so um. Das Thema ist mittlerweile sogar in der Politik angekommen. Bei mir in Berlin umme Ecke ist nach längerer Zeit wieder ein leerstehendes Haus besetzt worden, siehe oben.

Das wird von den Anwohnerinnen ausnahmslos begrüßt. Am Haus hängt auch ein Schild: „Kirchen enteignen.“ Ich hab mich mit den Besetzerinnen unterhalten und darauf hingewiesen, dass Kirchen eventuelle Unterstützerinnen sein können bei solchen Aktionen und es taktisch kontraproduktiv ist, potentielle Bündnispartner zu verprellen. Antwort: „Eigentümer hier ist eine katholische Wohnungsbaugesellschaft.“
Da ich in einem meiner diversen Brotjobs auch Zeitungsmacher bin, glaub ich grundsätzlich erstmal gar nichts und hab das mal kurz recherchiert.
Der Fakt als solcher stimmt. Allerdings hat diese Gesellschaft schon Häuser für wohnungslose Roma gebaut und plant für die Grossbeeren 17a Unterkünfte für obdachlose Frauen. Also da stellen sich mir schon ein paar Fragen. Grundsätzlich sind Hausbesetzungen natürlich legitim unter bestimmten Voraussetzungen. Aber wie verhält es sich mit der Forderung nach solidarischen Gemeinschaften im Bild oben, im Fall der Grossbeeren 17a? Gäbe es da nicht wesentlich tauglichere Objekte? Und was wird aus dem auch angekündigten „heissen Herbst der Haus Besetzungen“, der meine volle Sympathie hätte, wenn es in ganz Berlin nur knapp 70 leerstehende Häuser noch gibt? Die Spekulationswelle ist offensichtlich auf ihrem Peak, es wird nicht mehr spekulierend gewartet, sondern gebaut und saniert auf Teufel komm raus.
Sind so viele Fragen, musst Du tüchtig grübeln.
Ich muss jetzt Schluss machen und mit meinem Klappstühlchen vors Haus, da kommt gleich der Berlin Marathon vorbei. Hier ist dauernd was los. So wird das nie was mit dem Projekt Buchschreiben.
Gibt schlimmeres.

15.09.2018 – Einer der zahlreichen ungekrönten Tiefpunkte meines Lebens


Linken-Demo in Berlin für bezahlbare Mieten am 14.09.
Das Wohnungsproblem ist existentiell. Nach Wohnen kommt die Strasse. Dieses Problem betrifft direkt allein in Berlin Hunderttausende, die Angst haben müssen, mit den Mieten nicht mehr Schritt halten zu können. Bei der Linken Demo, mit den Parteioberen Riexinger (Bild oben am Transpi), Katja Kipping und der Berliner Bausenatorin Lompscher waren keine 300 Teilnehmerinnen. Ich wollte eigentlich auf dem Absatz kehrt machen, so frustriert war ich, so grotesk fand ich diese Unfähigkeit nicht nur von Berlinerinnen, für eigene existentielle Interessen Flagge zu zeigen.
Wenn in der Ostzone zur Menschenjagd geblasen wird, sind jederzeit Tausende auf der Strasse. Das reale Problem, das dieser Mob hat, ist auf einer ganz anderen Ebene existenziell. Es ist der Hass auf sich selbst, auf ein erbärmliches, verpfuschtes Leben, das lebendige Selbstäusserung nur zulässt in der Bedrohung und Vernichtung allen Fremdens.
Was für ein Volk.
Dieser so von mir wahrgenommene Zustand des Menschengeschlechts, bei dem die Betonung auf der letzten Silbe liegt, verursachte mir bei der Demo, wo ich dann doch mitlatschte,erste Depressionen. Die sich zu dunklen Wolken am Seelenhimmel auswuchsen, als ich realisierte, dass ich da niemandem kannte. Nicht überraschend, in einer doch immer noch ziemlich fremden Millionen-Stadt. Aber auf einer Demo allein abzuhängen, ohne lästern zu können, ist ein Gefühl, das eher nicht Vergnügungssteuerpflichtig ist. Meinen Rucksack mit der Notfallration erlesenen Schlehenbrand im Flachmann aus Silber hatte ich auch nicht am Mann. Das Ganze drohte zu einem der zahlreichen ungekrönten Tiefpunkte meines Lebens zu werden, durch Beobachtungen am Rande keineswegs erhellt, wie dieser hier

Obdachloser, der sein Quartier auf dem „Grün“streifen einer viel befahrenen Hauptstraße bezogen hat. Vermutlich, weil er da vor Gewalt gegen Obdachlose besser geschützt ist.
Was für eine Welt.
Der folgende Blick auf ein Werbebanner an einer Zugbrücke hatte dann schon etwas erheiternd-surreales

Sie sind am Ziel.
Und als ich dann doch dieses wärmende Gefühl in der Magengegend verspürte namens Solidarität, das links unten verortet ist, wo die Schmetterlinge im Bauch ihren Platz haben, wusste ich: es war kein glänzender Tag, aber zumindest ein lebendiger. Und angesichts der Tatsache, dass ich heute auf einem Weinfest in Berlin-Britz abhänge, wo ich Pate von 10 Berliner Weinreben bin zwecks Förderung des Berliner Weinanbaus,besteht Aussicht auf Licht am Tunnel. Ihnen, liebe Leserinnen, ein lebendiges Wochenende. Denken Sie dran: Tot sind Sie noch lange genug.

09.09.2018 – Dem Gesang der Sirenen lauschen


Korfu.
Wenn ich im Zug von Hannover nach Berlin sitze, freue ich mich auf Berlin, und wenn ich im Zug von Berlin nach Hannover sitze, freue ich mich auf Hannover. Das Experiment, sich mal auf diese zwei Hoods für eine Zeit einzulassen, ist offensichtlich geglückt. Als ich aber neulich in Frankfurt inmitten von Stahl, Beton, Glas, Autos, Lärm, inmitten der Bright lights oft the Cities stand, hatte ich auf einmal Sehnsucht nach blauem Meer, Strand, untergehender Kitschsonne, Stille, Geruch nach wildem Thymian und Kiefernharz. Kein Gesang der Metropole mehr. Ich werde meinen Ranzen schnüren, mich an Odysseus‘ Gestade begeben und dem Gesang der Sirenen lauschen. Der Grieche braucht meine Taler bitter nötig und wohlan, ich will sie ihm reichlich in den Rachen werfen. Berlin wird demnächst mal Pause haben. Aber das ist noch nicht zu Ende! Ich habe noch zwei Wünsche im Leben: Ich will einmal mit einer Luftmatratze einen kleinen Bach bei mir in der Nähe runterrauschen, der fast wie ein Wildbach plätschert, und einmal einen echten revolutionären 1. Mai in Berlin erleben. Da muss man wahrscheinlich zwischen drei, vier Veranstaltungen hin- und herpendeln, weil jede versteht unter Revolution was vollkommen anderes und man kann nur beten, dass keine von denen auch nur annährend in die Nähe gesellschaftlichen Einflusses kommt. So richtig die Ansätze mitunter sein mögen: das sind ganz schrecklich verpeilte Menschen, die niemals zuhören können, vollkommen kompromissunfähig sind und meist auch kulturlos wie eine Packung Dosenbrot. Die Geschichte des 1. Mai in Hannover ist für mich jedenfalls auserzählt nach dem absolut desaströsen letzten, wo deprimierende 2.000 schwankende Gestalten einen Zug des Elends bildeten, ganz anders als es mein Frankfurter Kumpel Johann Wolfgang im Faust recht ordentlich formulierte:
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Nein, tut mein Busen nicht. Und es war kein Zauberhauch, der diesen Zug umwitterte, sondern Verwesungsodem.
Außerdem lockt im Frühjahr wieder der Karneval der Kulturen und überhaupt. Aber Winter in Berlin? Eher nicht.

Winter eher so. Strand am Mittelmeer, bei 18 Grad. Das reicht mir schon. Hauptsache Licht, Sonne, Stille. Es ist jetzt nächtens schon kühl, man braucht schon mal ein Jäckchen. Und gerne auch ein Cognäkchen. Es liegt schon ein Ahnen von grauen, kalten Tagen in der klaren Luft.
Prost, liebe Leserinnen.

08.09.2018 – Ich, Johann Wolfgang und im Hintergrund die Commerzbank


Firmensitz von PricewaterhouseCoopers PwC in Frankfurt.
PwC ist eine, Steuerberatungsgesellschaft genannte, verbrecherische Vereinigung, die im Verein mit anderen Unternehmensberatungen und Beteiligungsgesellschaften für wesentlich mehr Not und Elend in der Welt verantwortlich sind als alle Mafiaclans zusammen. Was für groteske Ausmaße die kriminellen Aktivitäten solcher Gangs annehmen, zeigt allein der Skandal um einen „Buchungsfehler“ in Höhe von 55 Mrd. Euro bei PwC, ein Skandal, den keiner kennt, bei dem es zu keinem Urteil kommt und kein Verantwortlicher jemals zur Rechenschaft gezogen wird. Für solche „Fehler“ kommt der Steuerzahler auf, das Geld fehlt dann in Schulen, Krankenhäusern, Obdachlosenunterkünften. Während danach keine Henne kräht, wird exzessiv in Medien breitgetreten, wenn ein Hartz IV Bezieher schwarz nebenbei ein paar Euro verdient.
Zu den oben genannten Gangs gehören natürlich auch Banken wie JP Morgans, die durch betrügerische Machenschaften in Griechenland mit verantwortlich dafür sind, dass dort für Jahrzehnte Massenarmut und Elend herrschen, solche Gangs treiben komplette Volkswirtschaften wie Argentinien oder in Südostasien in den Ruin. Das lässt sich elend lange fortführen, interessiert aber kaum eine Sau. Der Mob hierzulande ist bis in die letzte Zelle und Hirnwindung infiziert mit neoliberalem Ökonomiewahnsinn, jeder seine eigene Ich AG, die nach permanenter Selbstoptimierung schreit: „Chakka, ich bin gut. Ich liebe mich. Ich bin gierig. Ich kann alles schaffen und viel Geld ist mein Gott.“
Wer sollte da PwC seine kleinen kollaterativen Schweinerein verübeln.
Und so stand ich also gestern in Frankfurt staunend vor diesen Himmelsstürmern, fast wurde mir schwindelig und ich kam mir klein und hilflos vor. Ich finde dieses für Europa nahezu einzigartige Wolkenkratzerensemble faszinierend und wann immer ich in Frankfurt bin, spaziere ich da durch. Natürlich ist es eine Faszination des Grusels, aber auch des Staunens vor dem, was Menschen und der Kapitalismus schaffen können. Toll. Und tödlich. Natürlich wird einem auch die Sinnlosigkeit von Widerstand in der jetzigen Situation klar, die Machtverhältnisse sind bis ins Groteske, siehe oben, verzerrt. Oder glaubt jemand, eine Unterschriftsbewegung wie „Aufstehen“ kann etwas bewegen? Hiesige Gewerkschaften? Attac? Occupy? Ich glaube, das reicht an faulen Witzen.
Wenn bei mir ab und zu der Rebell, der Widerständige, zuckt, dann aus zwei Gründen: 1. Ich könnte ja unrecht haben und es geht doch was (unwahrscheinlich. Ich habe fast nie unrecht.) und 2. Ich pisse in Diskussionen gerne Leuten ans Bein mit Bemerkungen wie „Es gibt zwei Möglichkeiten und Du kannst Dich entscheiden, die Aufklärung hat uns das Geschenk des freien Willens und der Verantwortung gemacht: Bist Du Teil des Problems oder Teil der Lösung?“
Aber wenn ich ehrlich bin, geht es mir hauptsächlich um Spaß, Action und Inszenierung, selbst wenn es mit so etwas Erbärmlichem wie ein Selfie ist

Ich, Johann Wolfgang und im Hintergrund die Commerzbank

07.09.2018 – Offensichtlicher Mist


Hauptbahnhof Berlin, Tiefebene.
Ich bin kein guter Fotograf und zu allem Übel habe ich mir auch noch angewöhnt, mein visuelles Tagebuch mit der Smartphone Kamera zu führen. War meine Kompaktkamera schon mäßig, ist die Qualität der Smartphone Kamera eigentlich inakzeptabel. Der Zoom ist natürlich kein optischer, da wird also nur gerechnet, und das sieht man sofort, abgesehen davon, dass die bei prekären Lichtverhältnissen sofort überfordert ist. Aber wer ist das nicht in heutigen Zeiten. Das Foto oben von der Tiefebene des Berliner Hauptbahnhofs, wo mein ICE meist einläuft, ist aber von der Stimmung, die ich einfangen wollte, gelungen. Einsamkeit, Distanz, Fremde, Unwirtlichkeit, wenn ich nach solchen Stimmungsanflügen nicht sofort in das oben brodelnde Leben der Symphonie einer Großstadt eintauche, wären eigentlich ruckzuck Mother’s little Helper fällig. Wenn Sie die Gelegenheit haben, sich den Film „Symphonie einer Großstadt“ aus den Zwanzigern von Walter Ruttmann anzusehen, machen Sie es. Faszinierend. Das Gegenstück zu Döblins Berlin Alexanderplatz, beides Dekonstruktionen einer linearen Erzählweise und die konsequente Anwendung des Montageprinzips auf die Kunst. Anders kann man die Komplexität einer Metropole auch nicht mehr einfangen. Kein Montageprinzip sondern sehr linear ist die Kameraarbeit bei meinem Interview im hiesigen Lokal TV h1 zum Thema „aktuelle Armutsentwicklung“. Ich gehe da gerne hin, einer Kamera sieht man nicht an, ob „dahinter“ ein paar tausend oder Hundertausende Zuschauerinnen zugucken. Also übt h1 durchaus. Beim Angucken dachte ich: Da stimmt doch was nicht. Ich musste aber dreimal gucken, ehe ich die zwei sinnentstellenden Wortdreher von mir mitgekriegt habe. Offensichtlich wirkt mein Rededuktus zumindest für mich so überzeugend, dass ich gar nicht realisiere, wenn da offensichtlicher Mist rüberkommt. Ich sollte in die Politik gehen. Mit dieser Drohung wünsche ich Ihnen ein aufregendes Wochenende, liebe Leserinnen.