14.07.2017 – Ich habe Tränen gelacht.

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Grabstein auf dem hiesigen Engesohder Friedhof. Dort liegt ausschließlich das gehobene Bürgertum. Hm.
Komödie im TV gestern: Clueless. Für Hollywood Komödien lasse ich alle anderen Kanäle links liegen, zumal das für mich auch eine Art Fortbildung ist. Es gibt keine bessere Schulung für das Timing von Pointen, den Aufbau von Spannungskurven und das Verdichten von Humorelementen auf kleinstem (Bild und Ton-) Raum als – gut gemachte – Hollywood Komödien. Clueless kam im Gewand einer Teenie-Komödie daher, verteilte aber gegen dieses verlogene Genre derart geniale und teils brutale Seitenhiebe und Leberhaken, dass mir mitunter die Tränen der Freude liefen. Über alle Bilder war eine übertrieben rosakitschige Satire-Patina gezogen, die Schauspieler überagierten permanent angemessen, die Regie zügelte sie aber meist kurz vor Slapstick und die Dialoge waren tödlich, besser kann man ein Genre mit den ihm eigenen Mitteln nicht hinrichten.
Sie, Typ zickig-überdrehter Oberschicht-Teen: “Ich möchte der Menschheit etwas Gutes tun.“
Er: „Lass Dich sterilisieren.“
Oder:
Vater zu Typ, der seine Tochter zum Date abholt:
„Hey, wenn meiner Tochter was passiert: Ich hab ne 45er und ne Schaufel und ich bezweifle, dass Dich jemand vermisst.“
Ich habe Tränen gelacht.
Morgenlektüre im Zentralorgan des niveaubefreiten regionalen Spießermilieus, der HAZ, Bericht über eine Studie an der hiesigen medizinischen Hochschule. Zitat:
„Unsere Kernaussage ist: Die meisten Frauen sind während des Zyklus viel normaler, als man denken würde“, sagte Krüger, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie an der MHH.“
Das kommt dabei raus, wenn man Insassen der Psychiatrie Studien anfertigen lässt. Ob die Weiber dem Krüger jetzt Kränze flechten werden und Denkmäler errichten?
Krüger, Du Vollpfosten, wenn Du Dich schon an die Weiber ranwanzen willst, dann fahr vorher nach Corfu, 4 Wochen im Zelt am Strand, mit den Mädels von Initiative „Synchronmenstruieren im Zyklus des Mondes“. Dann kriegst du vielleicht ein Feeling für das richtige Setting von Studien. So tust mir einfach nur leid ob des berechtigten Shitstorms an Peinlichkeit, der global über Dich hereinbrechen wird. Die Fortsetzung der Studie ist übrigens in Arbeit, mit der Kernaussage, Zitat: „Die meisten Frauen sind viel normaler, als man denken würde.“
Aber nicht alle!
Ich habe Tränen gelacht.
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Auf dem Engesohder Friedhof. Gustav Noske, SPD, der die Novemberrevolution 1918 in Blut ertränkte und mitverantwortlich war für die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In seinen Memoiren beklagte er den ostjüdischen Einfluss in der deutschen Arbeiterbewegung.
Der Text auf dem Grabstein ist aus dem „Faust“ und lautet:
„Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen
Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.“

Ich habe Tränen gelacht. Aber dieses Mal aus anderen Gründen.

13.07.2017 – Börsentipps

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SCHUPPEN 68 Performance „Venceremos. No pasarán. 1987.
Unsere Gesellschaft ist gewaltförmig. Jedes Jahr werden ca. 4.000 Minderjährige krankenhausreif geprügelt , jeden Tag stirbt ein Kind an Misshandlungen. Tatort: meist Familie. Fußballspiele arten bis in die Kreisklasse immer öfter zu „Orgien“ der Gewalt aus (dass sich Autoren nicht darüber klar sind, wie tief ihre Wortwahl bis ins Schlafzimmer blicken lässt… Was für Sehnsüchte und Projektionen stecken hinter dem Begriff der Gewalt“orgie“), Autoraser fahren immer öfter bei „Rennen“ Menschen zu Tode oder zu Krüppel. Die Aufzählung lässt sich fortsetzen. Gewalt ist alltäglich, und wächst. Das nehmen wir hin, verkleistern, verdrängen es.
Wieso aber rasten Teile der politischen und medialen Öffentlichkeit gerade bei der Gewalt anlässlich des G20 Gipfels in Hamburg so unkontrolliert und hysterisch aus? Diese Gewalt zu verurteilen ist eine – berechtigte – Sache, aber dabei davon zu delirieren, dass die Gewalt, die in Hamburg vom Mob ausging, gleichzusetzen ist mit faschistischer Gewalt von NSU und IS, zeigt für mich vor allem eins: Mit der Mob-Gewalt in Hamburg wurde bei großen Teilen der politischen und medialen Öffentlichkeit ein wunder Punkt so tief getroffen, dass sie noch weniger in der Lage als eh schon ist, klaren Gedanken zu fassen. Sie wurde in ihrem Kern verletzt. Sie ahnt: Da ist was faul im Staate. Die Fassade von scheinbarem Wohlstand, Wachstum, vielen bunten Jobs, vermehrten Eheschließungen und Häusle bauen erodiert. Der Kitt, der den Laden hier zusammenhält, wird immer brüchiger und an den Bruchkanten, wie in Hamburg, dampft die Kacke schon mal etwas heftiger hoch. Das erzeugt Angst, Aggression, Hysterie.
Und damit kommen wir zum Börsentipp der Woche, exclusiv für Sie, liebe Leserinnen: investieren Sie in Pharmakonzerne, die Blockbuster im Portfolio oder in der Pipeline haben gegen Angststörungen, Depressionen, Burn-Outs etc. Gucken Sie sich die Wachstumsraten von psychischen Erkrankungen an, da geht noch was an Return-on-Investment!
Auch gut für Aktien-Investitionen: Soft- und Hardware-Hersteller im Überwachungs- und Repressionsbereich, Kameras, Tränengas, Wasserwerfer, Gefängniserbauer, Handfeuerwaffen.
Und: Investoren, die sich im Bereich Gated Communities tummeln. Die werden in den Metropolen explodieren.
Das Motto für die dialektisch denkenden Investorinnen von morgen lautet:
Investiert in das, was Euch kaputt macht!
Ich bin Ihnen noch die beiden letzten Bilder von der Performance schuldig:
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12.07.2017 – Über den Umgang mit dem Tod

probeliegen im eigenen Grab

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto von meiner Performance „Probe III – Liegen im eigenen Grab“ (der Nachfolger von „Probe I – Wohnen in der eigenen Wohnung“ von 1995“ und „Probe II – Denken im eigenen Kopf“. Die Publikumsreaktionen habe ich mit einem Camcorder dokumentiert, damals noch analog und riesengroß (das Ding in meiner rechten Hand). Die Cassetten habe ich noch, den Camcorder auch. Wenn der aber in der Zwischenzeit den Geist aufgegeben hat, haben wir ein Problem. Respektive die Nachwelt hat das Problem, ein Abspielgerät für die Cassetten zu finden, wenn mir post mortem der Durchbruch gelingt und ich ein Megastar werde. Heitere Aussichten. Das Leben respektive der Tod kann aber noch grausamer sein, und das geht wie folgt:
Ich bin oft in Berlin. Dass ich dort trotzdem häufig Ausstellungen versäume, die mir wichtig sind, liegt in der Natur der Sache, und ist kein Drama. Richtig geärgert habe ich mich aber über eine verpasste Ausstellung 2015 mit Bildern von Wolfgang Herrndorf im Literaturhaus. Herrndorf hat tolle Sachen für die Titanic gemacht, richtig nahe geworden ist er mir aber durch seinen Blog „Arbeit und Struktur“. Dieser Blog handelt von seinem Sterben, nachdem ein Hirntumor bei ihm festgestellt wurde. Er hat dann am Ende Selbstmord begangen. Ich fand das bitter, dass ein derartig geniales Multitalent mit „Tschick“ seinen Durchbruch in späten Jahren erst dann hatte, als es ans Sterben ging. Lange Jahre trotz zahlreicher Veröffentlichungen und einiger Erfolge ein prekärer Künstler, der sich nur eine winzige schäbige Wohnung leisten konnte, dann der Mega-Erfolg, der ihn reich machen würde, und dann diese Diagnose. Liebe Göttin, mach, dass ich als Künstler nie erfolgreich sein werde und lass mich dafür lange leben! Und dass meinen Blog nur 15.000 Leserinnen pro Monat statt 15.000.000 lesen, ist auch nicht schlimm. Ich würd ihn ja selbst dann schreiben, wenn es nur 15 wären.
Es ist also alles gut so, wie es ist, und die Gemälde von Herrndorf kriege ich auch noch live zu sehen, im Kunsthaus Stade. Wie die das nach Stade gekriegt haben, würde ich auch gerne mal wissen.

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Es gibt Grenzen des guten Geschmacks, was den Umgang mit Tod angeht. Heimkehr ist eine Gnade. Unsere Kameraden, Opfer der Gewalt, mahnen. 1942.
Denkmal im Gedenken an Wehrmachtssoldaten und/oder Angehörige der Waffen-SS. Irgendwo in Deutschland, tausendfach. Mögen sich die Pforten der Hölle öffnen und diese Drecksmäler versinken lassen. Was für eine Infamie, eine Bande von Killern, die ab 1939 Europa in Schutt und Asche legten und mit ihrem Mörderhandwerk dafür sorgten, dass der Holocaust hinter der Front bis fast zuletzt industriell durchgeführt wurde, zu Opfern zu machen.

11.07.2017 – Ab Morgen werde ich ein besserer Mensch

Zumindest ist das einer jener Impulse, den große, ergreifende Kunst in mir auslöst. Mich ergriff die Kunst neulich beim Abschlusskonzert im Masterstudiengang Kirchenmusik in der Neustädter Kirche in Hannover. Solche Prüfungskonzerte kosten wenig Eintritt und die Prüflinge, in dem Fall Dirigentinnen, geben sich echt Mühe. Und wann sieht man schon mal fünf verschiedene Dirigentinnen an einem Abend, innerhalb einer Komposition? Außerdem liegt die Kirche nur zwei autonome Steinwürfe von meiner Homebase entfernt.
Man gab „Paulus“, ein Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Selten gespielt, mir völlig unbekannt. Aber gleich die ersten Takte der Ouvertüre schnürten mir den Hals zu, einfache, schlichte Streicher, aber was für eine Harmonieführung. Man wird, und so geht ja die Geschichte des Oratoriums, vom Saulus zum Paulus. Und wenn erst die Bläser zur Erlösung blasen, das hat was. Große Kunst wirkt immer auch als Katharsis. Man schämt sich ja ex post für alle Nickligkeiten. Wenn einem zum Beispiel alte Fotos in die Hände fallen, wie vom
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SCHUPPEN 20. SCHUPPEN 68 Konkurrenz am Hamburger Fischmarkt? Eher nicht, den 20 gibt’s nicht mehr. Und meine Geste drückt eine gewisse Geringschätzung der Konkurrenz aus. Schäbig, schäbig.
Ebenso schäbig, aber drollig mein Kommentar zum Auftritt von Helmut Kohl in Hannover bei der 98er Wahl. Die CDU hatte mich angesichts der drohenden Niederlage für eine lustige, volksnahe Kampagne für Helmut Kohl engagiert. Mein Ergebnis fand ich sehr gut:
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Original.
Meine lustige, volksnahe Kampagne für die CDU. Eine vollkommen revolutionäre & geniale Idee: Weniger Plakate, aber neben jedes Plakat ein Comedian, der volksnahe Stand-up macht!
Später überkam mich das schlechte Gewissen, ich kam mir vor wie Judas. Von der CDU Geld nehmen, das geht gaaaaarnicht. Man verrät nicht für lumpige 20.000 Mark, 98 gab es noch die DM, seine Ideale. 30.000 hätten es schon sein sollen.
In einer Nacht- und Küstennebel Aktion habe ich das Original dann gehässig geändert. Nicht schön von mir, aber handwerklich gelungen:
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Fälschung.
Lahm und uninspiriert. Sowas wählt doch keine. Kohl hat ja dann auch die Wahl verloren.
Außerdem habe ich gar keine Ideale. Was sollte also der Aufriss….
Zur Strafe kriegten wir Schröder und Fischer, mit der Agenda 2010 und dem völkerrechts- und verfassungswidrigen Angriff auf Jugoslawien und und und
Wie gesagt: Ab Morgen werde ich ein besserer Mensch. Der Spruch hängt über meinem Bett und ich erfreue mich jeden Morgen dran.
Und wenn es den Paulus mal in Ihrer Nähe gibt, liebe Leserinnen, mein Tipp: Nix wie hin.

08.07.2017 –G20 Gipfel & Gewalt in Hamburg

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Brot & Rosen für alle?
An jedem Tag, an dem sich die G20 Staatsoberhäupter in Hamburg treffen, sterben weltweit 10.000 Kleinkinder an Unterernährung.
„Wir“ können genug günstige Lebensmittel und Medikamente für die gesamte Welt produzieren. Der Hunger ist haupt- und ursächlich eine verteilungspolitische Konsequenz der Politik der G20. Diese Politik ist Gewalt. (Früher sagte man: strukturelle Gewalt. Ist mir zu breitbeinig. Ich bin Intellektueller, ich muss das nicht qua Sprachwahl wie eine Monstranz von mir hertragen.)
Abgesehen davon ist natürlich idiotisch, wenn testosterongesteuerte Macker in Hamburg Autos von Stinos anzünden. Würde das jemand mit meinem Auto machen, würde ich ihn erwürgen. Ich habe kein Auto. Erwürgen würde ich trotzdem.
Soviel zum Thema Gewalt. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass auf diesem Planeten Hopfen und Malz verloren ist. Ich hatte nur gehofft, dass ich zu Lebkuchenzeiten wenigstens von den Folgen der Klimakatastrophe verschont bliebe. Das dürfte sich als Irrtum herausstellen, nachdem ich in den letzten drei Wochen zweimal direkt in sogenannte „Jahrhundert“-Unwetter reingeriet.
Was mich gestern emotional allerdings mehr umtrieb, war die Tatsache, dass ich jünger werde!
So schien es mir auf dem Frisörsessel beim Blick in den Spiegel. Herrschen da normalerweise faltiges Elend, jammervolle Furchen und scharfgezeichneter Verfall vor, so lachte mich gestern ein zarter Mangel an Falten, eine fast botoxartige Weichheit der Gesichtszüge an. Nur die Anwesenheit der jungen Meisterin der Schere hielt mich davon ab, mich nach vorne zu beugen und diesem Adonis im Spiegel einen innigen Kuss zu geben. Die Ursache konnte nur mein selbstgemachtes Rosenwasser sein! Ich liebe Rosen. Ich habe in meinem Garten an die 15 verschiedene, teilweise Edelrosen, deren üppig-fruchtiger Citrus- oder Tee-Duft einem die Sinne raubt. Aus den Blättern destilliere ich ein eigenes Gesichts- und Körperwasser. Das ist billiger als jedes After-Shave, individueller und natürlich gesünder. Das hat mich lange Versuchsreihen der Art und Weise der Destillation und des Mischungsverhältnisses gekostet, das kann man nicht pur verwenden. Nun endlich ist es gelungen, offensichtlich! Es ist ein Produkt dieser Rose:
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Graham Thomas, von David Austin.
Wenn man den Morgen mit dem Duft dieser Rose beginnt, kann ein Tsunami über das Haus rollen, der Tag ist trotzdem nicht vergeudet. Duftrosen blühen nur ein paar Tage, sie konzentrieren ihre ganze Kraft in den Geruch. Andere halten Wochen, die duften aber kaum. Mein Glück auf dem Frisör-Sessel kannte kaum Grenzen. Ich würde diesen Duft vermarkten. Eine Aktiengesellschaft gründen. Millionär werden. Waaahnsinn. Ich tänzelte wie Fred Astaire aus dem Laden.
Zuhause vor dem eigenen Spiegel kamen mir erste Zweifel. Das Ganze kann auch ein Produkt meiner immer schwächer werdenden Augen sein….
Hat denn dieser Jammerplanet nichts Tröstliches mehr für mich bereit?

04.07.2017 – Nie wieder arbeiten

arbeiten
Das denke ich manchmal, wenn ich morgens mir all die Ordner auf dem PC angucke, hinter denen mich abzuarbeitende Projekte höhnisch angrinsen. Euch mach ich fertig! Denke ich dann zurück.
Nie wieder arbeiten, das wäre für mich eine Dystopie. Nie wieder erwerbsarbeiten, damit könnte ich leben. Aber ohne Arbeit als konstituierendes Moment menschlicher Existenz?
Das Foto des Graffitis oben ist um die Jahrtausendwende aufgenommen. Ich war im Begriff, arbeitslos zu werden. Massenentlassungen, wie der Kapitalismus halt so spielt. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad der betreffenden Firma war sehr hoch, ich würde daher im Rahmen eines Sozialplanes eine in meinen Augen fürstliche Abfindung erhalten. Da ich eh die Erwerbsarbeit reduzieren wollte, um an meiner künstlerischen Karriere zu feilen und zu fräsen (es handelte sich um eine Maschinenbaufirma, sowas prägt den Sprachduktus), kam mir diese Zäsur wie ein Geschenk des Himmels. Ich entwickelte Utopien, was zu tun sei.
utopien
Utopien müssen erkämpft werden. Nicht wirklich. Ihre Umsetzung muss erkämpft werden. Utopien werden erdacht. Aber das nur am Rande.
schuppen 68
Das ist Brot gewordene und realisierte Utopie. Das damalige Logo des SCHUPPEN 68, vom verdienstvollen Kollektiv der ex-alternativen Backstube Doppelkorn gebacken. Mittlerweile ist der Laden eine ganz normal kapitalistisch funktionierende GmbH, bei der neulich im Rahmen von Umstrukturierungen (also Gewinnmaximierung) diverse Mitarbeiterinnen rausgeschmissen wurden.
Da wollen wir doch das Logo seligen Gedenkens der Nachwelt erhalten.
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Ebenso wie dieses Bild aus meinem damaligen Arbeitszimmer, wo im Hintergrund eine Adlerschreibmaschine steht. Schreibmaschine. Unfassbar! Mit dem Logo der Kampagne zur Einführung der 35-Stundenwoche. 35-Stunden Woche. Unfassbar. Heute haben wir durch Neoliberalisierung, Smartphones und Digitalisierung erfolgreich den 35-Stunden Tag eingeführt. Wofür ich dankbar bin. Wie soll ich sonst meine Arbeit schaffen.
Fazit:
wer ruhe will muss Drogen nehmen
Wer Ruhe will soll Drogen nehmen.
Wer keine Ruhe will, darf aber ruhig auch welche nehmen.

03.07.2017 – So sehen Sieger aus!

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So sehen Sieger aus! Meine preisgekrönte Tanzperformance „Mary Poppins is singing in the rain“!
Der Verband der Choreograph*innen und Bühnenbildner*innen Neustrelitz e. V. (vormals: Verband der Choreographen und Bühnenbildner Neustrelitz e. V.) hatte im Herbst 2016 einen Wettbewerb ausgeschrieben unter dem Titel: „Do it! – Inszenierung einer Tanzperformance im urban-soziokulturell relevanten Raum unter der Berücksichtigung moderner Klassiker im Bereich Theater, Musical, Operette und Film.“
Als alter Pina Bausch Schüler baue ich in meine Performances immer tänzerische Elemente ein, mitunter auch als zentrales Moment, so in meiner Performance von 1997 „Volkstanz oder Veitstanz“.
Zum Wettbewerb des Verbandes der Choreograph*innen und Bühnenbildner*innen Neustrelitz e. V. hatte ich ein Video eingereicht und tatsächlich den dritten Preis gewonnen. 150 Euro!
Geschickt hatte ich in meiner vierstündigen Tanzperformance Elemente aus „Mary Poppins“, „I’m singing in the rain“ und dem „Kapital“ von Karl Marx eingeflochten.
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Das Kapital – vorübergehend geschlossen?
Die Aufführung fand im legendären „Klunkerkranich“ in Neukölln statt. Eine absolute Must-see location! Wenn Sie, liebe Leserinnen, auch nur ansatzweise im subkulturellen Metropolen-Diskurs mithalten wollen, müssen Sie einfach den Klunkerkranich kennen. Das Wetter spielte bei meiner Performance natürlich ideal mit. Die Aufführung der preisgekrönten Stücke fand während des Jahrhundert-Regens in Berlin im Klunkerkranich statt. Nach 10 Minuten hatten die vier Zuschauerinnen, die achtköpfige Jury und die zwei anderen Wettbewerbsteilnehmerinnen fluchtartig das Weite gesucht. Das verdross mich nicht. Dieses Gefühl, endlich mal bei einem Wettbewerb was gewonnen zu haben, verleiht Flügel (Auch das ist ja Leitmotiv meiner Performance, das Flügel verleihen.). Und das Geld ist ja auch nicht zu verachten. Dafür würde ich mir abends im Diekmann die geangelte Dorade Rose mit Karottenpüree und sautiertem Passe Pierre gönnen. Geangelt, nicht gekeschert. Eine gekescherte Dorade können Sie in die Tonne hauen. Es ist überhaupt nicht meine Art, den Geber raushängen zu lassen, aber lieber Fischstäbchen als gekescherte Dorade!
Eigentlich wollte ich in meinem heutigen Blog auf die globale Ungerechtigkeit eingehen und wie berechtigt der zivile Ungehorsam der Genossinnen beim G 20 Gipfel in Hamburg ist, aber mir hängt eine Geschichte aus Berlin noch in den Knochen. Beim Armutskongress in Berlin traf ich einen Kollegen, den ich ca. 15 Jahre nicht gesehen hatte. Er: „Hast Du nicht damals den Bahlsen Keks geklaut!?“
Das ist es, was am Ende des Tages einer Künstlerkarriere bleibt? Der Mann, der den Keks klaute?! Da gibt man sich Mühe sondergleichen, reibt sich mit Tanzperformances auf und dann sowas. Dabei hab ich das damals schon im Spiegel dementiert!

02.07.2017 – Cold Turkey. Mein Digitaler Entzug

friedel 54 danach
Tristesse – Friedel 54 am Morgen danach. Was mich frustriert an der Angelegenheit, ist die offensichtliche Rechtmäßigkeit der Räumung, soweit ich das beurteilen kann. Ich sehe den Zustand unserer Gesellschaft mittlerweile so verludert, dass der Staat vor der Gesellschaft zu schützen ist, der Staat als letzte Brandmauer vor de-zivilisierten Zuständen. Da es an aufklärerischer Gegenwehr mangelt, ist der Staat mit der eherneren Faust des Rechts gefordert und zu respektieren. Dieses herrschende Recht, und da sind wir bei der Frustration, ist allerdings nach wie vor das Recht der Herrschenden mitsamt ihrer Geschäftsordnung. Und die hat einen Namen: Eigentum. Wer diese Geschäftsordnung stört, siehe Friedel 54, kriegt die ganze Härte von Hundertschaften von Polizei zu spüren. Wenn Sie jemandem bei einer Wirtshausschlägerei den Schädel einschlagen, kriegen Sie maximal Bewährung. Klauen Sie zweimal Lippenstift, stehen Sie mit einem Bein im Gefängnis. Diese völlige Asymmetrie der Rechtsordnung zwischen Schutz des Eigentums und der körperlichen Unversehrtheit spiegelt den Fetischcharakter der oben zitierten Geschäftsordnung wider.
Entsprechend frustriert verklappte ich nach dem Tristesse-Foto einen Tee auf dem Hermannplatz in Neukölln. Und siehe, der Herr (die Frau!) hatte ein Einsehen und schenkte mir eine schöne Perspektive
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Denkmal „Tanzendes Paar“ Hermannplatz. Was machen die mit ihren linken Händen da? In aller Öffentlichkeit? Meine Gedanken mäanderten in andere Richtungen… Meine Laune stieg.
Zumal ich kaum Symptome eines digitalen Cold Turkey verspürte. Ich war seit vier Tagen ohne Smartphone unterwegs, dass direkt vor Reiseantritt kaputtgegangen war. Geht doch, dachte ich mir. Allerdings hatte ich in meiner Homebase digitales Methadon gebunkert, in meinem Hotel steht in der Lobby tatsächlich ein alter Rechner mit Internet. Puuuuh.
Ich steige nicht immer bei Kumpels ab in Berlin, Gastfreundschaft ist ein kostbares Gut und Gäste sind wie Fische: am dritten Tag fangen sie an zu stinken. Nächstes Jahr nehme ich mir ein WG Zimmer in Berlin. Kontakte zur hiesigen off-broadway Kunstszene bestehen schon. Ob das demnächst die Berliner Dependance des SCHUPPEN 68 wird:
kunstraum-gad
kunstraum gad – mitten im Reuterkiez. Nebenan Koks. Pitigrilli würde sich ein Loch in die Nasenscheidewand freuen. Lustig ist das Bohème-Leben. Mein vorläufig letztes größeres Projekt für die Landesarmutskonferenz wird die prekären Beschäftigungsverhältnisse in der Kulturbranche zum Thema machen, eine Branche, die mehr als doppelt so viel Bruttoinlandsprodukt produziert wie die Landwirtschaft und in der dreimal so viel Beschäftigte arbeiten. Altersarmut flächendeckend vorprogrammiert bei der dort vorherrschenden Einkommensstruktur.
Bohème-Leben? Da lachen ja die Hühner.

01.07.2017 – Urgewalten: Natur & Kapitalismus.

urgewalt natur
Berlin – Jahrhundertregen 28.06.2017. Innerhalb weniger Momente waren Straßen unpassierbar, Autos soffen ab, Gullys wurden hochgedrückt und Leute plumpsten in die Löcher. Beim Versuch eine Straße zu überqueren, war ich in Sekundenschnelle von Kopf bis Fuß durchnässt, trotz Schirm und Regenklamotten. Ein Tag voller Urgewalt und nach dem Regen in Hannover vor ein paar Tagen das zweite Jahrhundertereignis in Sachen Wetter innerhalb einer Woche. Ich nehme das dem Wetter nicht übel, die Natur kann nicht gegen ihre Natur.
Einen Tag später, in Berlin herrschte immer noch wetterbedingter Ausnahmezustand, eine Urgewalt der anderen Natur, der kapitalistischen: Die Räumung der Friedel 54, ein Nachbarschaftsladen in Neukölln.
urgewalt kapitalismus
Räumung is nich. Auch wenn Nachbarschaftsläden nicht das Soziotop sind, in dem ich verkehre, finde ich ihre Existenz sinnvoll, nützlich und unterstützenswert, also war ich bei der Demo dabei, zumal Neukölln mein Kiez ist, wenn ich in Berlin abhänge. Inmitten der überwiegend autonom abgedunkelten Kleidung wirkte ich mit meinem zartrosa Designerhemd im psychodelischen Retrostyle ungefähr so unauffällig wie ein Punk auf der Jahres-Hauptversammlung der Deutschen Bank, was durch die Tatsache, dass 99 % der Anwesenden meine Kinder hätten sein können, auch nicht viel besser wurde. Zwei Dinge fielen mir auf: Die Demonstrantinnen waren fast alle unvermummt, es blieb dann auch beim handelsüblich niedrigschwelligen Gerempel. Und es waren wenige „normale“ Anwohnerinnen oder Unterstützerinnen dabei. Ohne Unterstützung des liberalen Bürgertums, von der Zivilgesellschaft über die sogenannten „linken“ Parteien bis hin zur Ministerial-Bürokratie, sind aber alternative Lebens- und Arbeitsformen, wenn sie gegen zur Zeit noch geltendes Recht verstossen, nachhaltig kaum zu organisieren. Ansätze beim roten und grünen Spektrum der Berliner Koalition gibt es ja, siehe im Link der Zeit oben, nur die Sozis sind in alter Noske-Manier mal wieder ganz vorne dabei, wenn es nach rückwärts geht. Irgendwie muss ja die 20 Prozent Marke bei der Bundestagswahl zu knacken sein, nach unten …
Da selbst die Polizei einen beklagenswerten Mangel an Unpünktlichkeit an den Tag legte, um 9 Uhr sollte Räumung sein, und um 10 Uhr (!) war immer noch fröhlicher Parolen-Wettbewerb angesagt, zog ich mich zu einem revolutionären Zweitfrühstück in ein nahegelegenes Szenelokal zurück. Ich pfiff mir einen Cuba libre rein und krakeelte danach halblaut ein zorniges: „No pasaran“ in Richtung Tatort. Alkohol zu so früher Stunde zeitigt verheerende Wirkung bei mir. Wirkung zeigte auch das folgende Plakat bei mir
töte den miethai
Schönes Plakat, das erkenntnistheoretische Horizonte öffnet. Der Miethai steht für mehr: Es geht grundsätzlich um die Lücke zwischen Erkenntnis und Handeln. Wie werde ich ein besserer Mensch? Ich für meinen Teil halte es da mit dem Römer Properz: „In großen Dingen genügt es, sie gewollt zu haben.“ (In magnis et voluisse sat est.)
Hat übrigens nix mit Proporz zu tun.

26.06.2017 –Elefantenjagd & Modernisierungstriebsätze

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Ich – auf Elefantenjagd. September 1997, analoges Foto. Ein kleiner Zirkus hatte in der Stadt Halt gemacht und ließ seine Elefanten draußen weiden. Heute hätten solche Fotos kaum einen Reiz, weil man sowas mit Photoshop und etwas Geschick jederzeit basteln kann und damit dem Bild die Aura der Einmaligkeit oder des Ungewöhnlichen raubt. Wem oder was soll man noch glauben? Anfang der 2000er wurden Digitalkameras auch für den Amateur erschwinglich. Ich kaufte mir 2002 die erste und packte mein komplettes Papierarchiv in den Keller. Und da würde es ungenutzt bis zum Ende aller respektive meiner Tage verschimmeln. Ich gehe höchstens in den Keller, um ne Pulle Sekt hochzuholen, aber nicht für Fotos angucken.
Zurzeit lasse ich mein Archiv von einem Kumpel scannen und freu mich wie ein Schneekönig über neue alte Filme, dann in Form von Dateien. Was da so alles auftaucht….Elefanten zum Beispiel. Mittlerweile haben auch Smartphones akzeptable Kameras. Es ändert sich andauernd was, Modernisierungsschübe allenthalben, durch was auch immer angetrieben. Die Entwicklung und massenhafte Verbreitung von Videorekordern z. B. wäre ohne den Porno-Markt nicht denkbar gewesen. Weitere Treibsätze, besser: Triebsätze, neben Pornographie für technologische Entwicklungen sind der Spieltrieb und der Krieg, jeweils beschleunigt von grenzenloser Gier.
Ich hab ja bisher zumindest auf dem Kommunikationssektor aus beruflichen und künstlerischen Motiven fast alles mitgemacht, mitunter wie im Smartphone Fall spät und eher widerwillig, aber dann doch. Man will ja auch verstehen, was die Welt so zusammenhält, respektive auseinandertreibt. Und irgendwann will man „es“, PC, Mail, Internet, Smartphone, tablet, etc. pp. nicht mehr missen. Ich fahre Anfang der Woche nach Berlin, zum Armutskongress, letzter größerer dienstlicher Akt, bevor eine schier endlos scheinende Sommerpause vor mir liegt, in der ich nur das mache, was ich will (Was will ich eigentlich?). Und da kackt doch vorher mein Smartphone ab. Kreisch jaul jammer zeter. Wie soll ich denn da durch die Big City navigieren? Mit einem Falk Plan vielleicht?! Geben Sie, liebe Leserinnen, mal einer Nachgeburt aus den Jahrgängen 1990 aufwärts mal einen Falk Plan von Berlin in die Hand mit der Aufgabe, den Weg von Spandau nach Weissensee zu suchen. Der oder die erschlägt Sie mit dem Plan.
Ich für meinen Teil bin froh, dass ich außer diesem Kongress nichts weiter terminlich am Hacken habe, und keine Notfallkommunikation wie dahinsiechende Sippschaft oder drogensüchtige Brut. Ich kann mich also Head over Heals in einen mehrere Tage währenden digitalen Entzug stürzen.
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Nicht ohne mich vorher am Foto des Elefanten vor dem Schnellweg zu erfreuen. Eine Frage schwirrt mir aber schon durch den Kopf – Wann taucht die erste neue Technologie auf, bei der ich sage: Das mach ich nicht mehr mit. Und wie wird die aussehen?