19.11.2017 – Das wird man ja wohl noch sagen dürfen

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Was für ein Titel für eine Kunstausstellung: Reframing Worlds – Mobilität und Gender aus postkolonial, feministischer Perspektive.
Ich grinse ja politisch gesehen nur noch vor mich hin und in mich rein. In der aktuellen Debatte um Belästigung, Übergriffe und Vergewaltigung zum Beispiel haben sich ja auch jede Menge alte, weiße Männer in den hiesigen Feuilletons unserer Studienräterepublik zu Wort gemeldet, von „Zeit“ über „Welt“ bis „Süddeutsche“, kurz, sie haben sich in all jenen Organen ergossen, die man als Mann von Welt und Geschmack höchstens für rückwärtige Zwecke benutzt. Teilweisiger Tenor ihrer Ergüsse: Nun sollten sich die Weiber aber mal am Riemen reißen, so schlimm ist das alles gar nicht und das (Zoten, dümmliche Anbaggereien etc.) wird man ja wohl noch sagen dürfen und wo bleibt das Flirten etc. pp? Das sind die gleichen Typen, die in wohlgesetzten Worten zu Recht Antisemitismus und Rassismus verurteilen, wenn er, was er fast immer tut, in der rhetorischen Floskel des „Ich hab ja nichts gegen die Juden, aber das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen …“ daherkommt.
Aber wenn es um den eigenen Königstiger geht, der bei einigen mittlerweile nur noch als Bettvorleger taugen dürfte, verschiebt sich die Perspektive auf einmal … Erst können sie das Wasser nicht mehr halten und dann die Tinte nicht. Es ist so lächerlich.
Leider sieht es am entgegengesetzten Ende des gesellschaftlichen Spektrums nicht so hoffnungsvoll aus, dass oben erwähnte Bettvorleger zukünftig einfach mal die Schnauze halten würden.
Der Titel der oben abgebildeten Ausstellung ist derartig peinlich und daneben, einfach komplett unprofessionell und bringt das Desaster des real existierenden Feminismus auf den Punkt: Völlig abgehoben und entpolitisiert akademisch jenseits jeder Wirklichkeit, gekreuzigt in zahlreichen Gleichstellungsbüros und begraben in universitären Zirkeln, wo frau sich überbietet im Zählen von wieviel Geschlechter denn diese Woche neu dazugekommen sind.
Mädels, schon mal was davon gehört, dass in sozialen Brennpunkten 80 Prozent aller Alleinerziehenden, und das sind zu über 90 Prozent Frauen, von Armut bedroht sind?
Schon mal was von Gender Pay Gap gehört?
Oder der gläsernen Karrieredecke?
Wer bitte schön soll sich von so einem Ausstellungstitel angezogen fühlen? Das ist unprofessionell, weil man nicht jeden Mist, der in Fördermittelanträgen drinsteht, in die Wirklichkeit überträgt. Und der Titel ist schlicht falsch. Das Komma bei „ … postkolonial, feministischer…“ gehört da nicht hin. Entweder heißt es „… postkolonialer, feministischer …“ oder „ … postkolonial-feministischer ..“. Beides möglich, aber inhaltlich liegen da erhebliche Differenzen.
Die Ausstellung war übrigens nicht schlecht. Aber welche Rolle spielt das schon.
Einfach auf mich hören, Mädels. Dann klappt das mit dem Feminismus schon.
Gut, dass ich meinen Humor nicht verloren habe. Aber manchmal muss ich mir echt Mühe geben

12.11.2017 – Im Zweifel endet alles im Pop.

Die FDP will privatisieren, was noch im Besitz des Bundes ist, so hört man es aus Jamaika. Gier kennt kein Maß. Ob das Kapital an seiner Gier noch ersticken wird, weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass ich nicht in der Nähe bin, wenn das passiert. Dieser Prozess dürfte für den Rest auch nicht angenehm verlaufen. „Privatisieren“ kommt etymologisch vom lateinischen privare: vorenthalten, berauben, entziehen.
Irgendwie geht mir angesichts der politischen Entwicklung langsam der Zorn aus und macht einer ermattet-wurstigen Lustigkeit Platz. Erinnerungen an meine Privatisierungsvorschläge kommen auf – die natürlich kein Schwein realisiert hat.
100502Hallo Sonntag - Landtag privatisieren
Landtag privatisieren
110215HAZ Privatisierung Luft
Luft privatisieren

Irgendwann in der Geschichte ging es auch mal anders rum, links, zwo drei vier. Ich war unlängst in der Ausstellung „1917. Revolution” im Deutschen Historischen Museum
revolution
Ob damals für einen Moment eine andere Welt möglich war? Aber erstmal mussten ja die Sozialfaschisten besiegt werden (so die KPD über die SPD) und später dann die rotlackierten Faschisten (so die SPD über die KPD).
lenin-micky-maus-jesus
Im Zweifel endet alles im Pop.
Die Ausstellung ist sehenswert. Angenehm neutral, macht sie anhand sinnlicher Exponate augenscheinlich, wie die Zeit damals aussah.
Da geht’s uns noch Gold.
Jedenfalls Zwei Drittel der Insassen der BRD.

11.11.2017 – Was mache ich mit meinem Zipfelmännchen?

zipfelmännchen
Die stehen bei mir rum und warten darauf, dass mir was Witziges dazu einfällt. Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Das sind Zipfelmännchen der Firma Penny und die haben Shitstorms allenthalben ausgelöst. Von wegen Untergang des Abendlandes usw. Siehe hier zum Beispiel
Bemerkenswert unter anderem, wie viele Wutbürgerinnen einen rektalen Umgang mit dem armen wehrlosen Wicht in Erwägung ziehen.
Die Gegenseite will klare Fronten und fordert: Ich will einen AfD-Weihnachtsmann – außen braun und innen hohl.
Eins wird gerade an solchen eher harmlosen Beispielen immer klarer: Die Spaltung unserer Gesellschaft ist nicht nur eine ökonomische zwischen Arm und Reich. Sie ist auch ein Kulturkampf quer durch die Fronten der Ökonomie. Mittels kultureller Chiffren hat es der Weiße-Kragen-Mob der vermeintlichen Elite im Lande geschafft, den Prekariats-Mob in den sozialen Brennpunkten für seine völkisch-nationalen Zwecke zu mobilisieren. Die ärmsten Regionen sind im Normalfall die mit dem höchsten AfD Anteil, die AfD ist die Partei im Bundestag mit dem höchsten Akademiker-Anteil.
What’s left? Der AfD Bundesparteitag in Hannover am 2.12.
afd demo
Machen wir halt ne Latsch Demo. Ob ich hingehe, hängt vom Wetter ab. Die Zeiten sind vorbei, wo ich an Bahnhöfen um 5 Uhr morgens bei minus 10 Grad die Massen mittels Flugi zur nächsten Tarifrunde agitiert habe. Aber wer mich auf der Demo anspricht, kriegt ein Zipfelmännchen von mir. Was Besseres fällt mir einfach nicht ein.

10.11.2017 – Diverse Scheisse 1,50 – 3,50

diverse-scheisse
Diverse Scheisse. Kann man als politischen Kommentar zur Lage der Situation lesen. Kann man aber auch einfach erfreut zur Kenntnis nehmen, dass einem beim Blick in Schaufenster nicht immer nur die normierte Reichs-Einheits-Scheisse geboten wird.
scheisse
Scheisse in ihrer bezaubernden Vielfalt.
zauberkönig
Gesehen im Zauberkönig in Berlin-Neukölln, Hermannstr. Eine Oase der Singularität, eine Zeitreise in verwunschene Ecken von Kindheitsträumen, ein Paradies analoger Absurdität. Analoge Scheisse. Wo gibt es die noch?!
In zwei, drei Jahren wird es diesen Laden nicht mehr geben. Er grenzt auf der Höhe des Tempelhofer Flugfeldes an den Schillerkiez. Über den Schillerkiez heißt es auf Wikipedia noch im sonst sehr lesenswerten Eintrag über die Hermannstr.:
„Zählt schon der Schillerkiez in seiner Bevölkerungsstruktur heute zu den eher benachteiligten Vierteln mit einem hohen Anteil an Sozialhilfeempfängern, ….“
Das ist hanebüchener Unsinn. Richtig ist vielmehr, dass dieser Kiez mittlerweile schwerstens angesagt ist. Dort liegt mein Lieblingswochenmarkt, überschaubar, mit einem charmanten Weinlokal und allerlei Spezereien.
Wer meinem subjektiven Faktor misstraut, Fakten gefällig?
Mietspieglein an der Wand,
wer ist der Angesagteste im Land?
Zitat Morgenpost über den Schillerkiez: „ … So lag die Nettokaltmiete für angebotene Wohnungen pro Quadratmeter 2006 noch bei 4,80 Euro, mittlerweile werden Wohnungen durchschnittlich für 12,90 Euro pro Quadratmeter vermietet …“
Also wird an Stelle des Zauberkönigs in zwei, drei Jahren irgendein bioveganes katalanisches Spezialitätenrestaurant seine Pforten öffnen oder das „Brexit“, ein Laden, in dem es englisches Essen gibt, für die ganz Hippen.
Ein paar Meter weiter ist dann allerdings Ende mit Schicki Micki. Das Rollberg Viertel, mit dazugehörigem Jobcenter, im Brutalismus Stil der 70er erbaut, was nichts mit Brutal zu tun hat.
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Da ist sogar die Straßenkunst gruselig. Ob in 30 Jahren hier die angesagten Szenekieze sind?
Natürlich leiste ich durch meine Besuche und meinen Konsum in früher Friedrichshain und den letzten Jahren Neukölln solchen Gentrifizierungsprozessen Vorschub. Wäre ich ein Working class Hero, zöge ich ins Rollberg Viertel und gründete dort eine Basisinitiative. Erfahrung und Kompetenz dafür hätte ich. Aber in meinem Alter noch den Heiligen geben?
Das hätte denn doch etwas Don-Quichoteskes…
Ich habe mich auf einen Kompromiss geeinigt. Für nächstes Jahr habe ich mir ein WG-Zimmer direkt am Bergmann-Kiez genommen. Da kann man nun echt nichts mehr gentrifizieren. Der Bergmann ist durch.
Und weil ich dann da wohne, kann ich aber sowas von über diese Scheiss-Touris ablästern, die einem die ganze Gegend vermiesen.
Das, liebe Genossinnen, nennt man semiparadoxe Intervention.
Früher hieß das negative Dialektik.

07.11.2017 – Hingehen wo es weh tut.

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Die hier vorgestellte Gruppe Gnadenlos Gerecht wurde vor einem Jahr von der Landesarmutskonferenz initiiert. Gemeinsames Ziel aller Beteiligten: Nicht reden, sondern handeln.
Action speaks louder than words .
So heisst auch der dazu passende Soundtrack: eine der gefährlichsten Funknummern ever , ich habe die Combo Chocolate Milks live erlebt, das war eines jener Konzerte, bei denen man merkt, dass man Hüften hat und nach denen man eine Woche lang nicht mehr gerade geht, sondern nur im Groove tänzelt. Zumindest Zuhause, wenn’s keiner sieht. Worum es geht, ist auf einen Nenner gebracht: Das Leben, die Politik, die Kunst findet nicht im Ohrensessel statt, nicht im Saale, nicht im Museum, sondern draußen, da wo es wehtut und wo die Kacke am Dampfen ist. Wer es gerne intellektueller hätte, hier die Literaturliste zum Thema:
„Der Autor als Produzent“, Walter Benjamin, vor allem unter Berücksichtigung des von Sergej Tretjakov postulierten Typus des „operierenden Schriftstellers“.
Baukasten zu einer Theorie der Medien, als Enzensberger noch alle Medientassen im Schrank hatte
– Lipstick Traces, von Greil Marcus
– alles über Kommunikationsguerilla

Presseinformation 03.11.2017 SCHUPPEN 68: Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU

SCHUPPEN 68 Logo
SCHUPPEN 68 Presseinformation 03.11.2017. Übergabe Instrumentenkoffer an MP Stephan Weil für Koalitionsverhandlungen mit CDU
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Klaus-Dieter Gleitze und Hermann Sievers vom Künstlernetzwerk SCHUPPEN 68 haben in einer feierlichen Zeremonie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) einen Instrumentenkoffer für die Koalitionsverhandlungen mit der CDU überreicht. Hier das offizielle Foto von der Übergabe (alle Rechte: SCHUPPEN 68).
Gleitze & Sievers (SCHUPPEN 68) betonen:
„Koalitionsverhandlungen sind keine Selbsthilfekuschelgruppe. Da geht es knallhart zur Sache und gerade das Verhältnis zwischen SPD und CDU in Niedersachsen ist außerordentlich konfliktbelastet. Da wurden in der Vergangenheit jede Menge vergiftete Pfeile abgeschossen, Tiefschläge waren an der Tagesordnung und viele Verletzungen sind nur oberflächlich verheilt. Daher ist das politische Gebot der Stunde, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Wer da nicht den richtigen Instrumentenkoffer im Verhandlungsgepäck hat, kann gleich kapitulieren.“
Der Instrumentenkoffer besteht unter anderem aus der PATZIK (Panzerbrechende Anti-Althusmann Zimmer-Flak, im Bild Nr. 3. Der Verhandlungsführer der CDU, Bernd Althusmann, trägt den Spitznamen „Panzer“).
Gleitze & Sievers sind seit Jahren mit Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung „Joke-Doctors“ der niedersächsischen Politik, in Ergänzung zu den klassischen Spin-Doctors.
taz SCHUPPEN 68 Witze Verkauf
2011 sanierten sie maßgeblich den Haushalt der Stadt Hannover durch den Verkauf von Witzen aus dem einzigen Witze-Verleih der Welt.
SCHUPPEN 68 Scheckübergabe an Stephan Weil
Hier ein Bild der Scheck-Übergabe mit dem Erlös an den damaligen OB Stephan Weil.
Mit der Bitte um Berichterstattung und besten Grüßen
Klaus-Dieter Gleitze & Hermann Sievers
SCHUPPEN 68

31.10.2017 – Notwendige, aber keineswegs hinreichende Überlegungen zur Unterscheidung von Dandy und Snob.

Ein Dandy sollte jederzeit sicher in allen Kleidungsstilen und – arten sein. Ein Snob muss für sowas in Ratgebern nachschlagen.
Dandy ist eine Frage der inneren Einstellung, Snob ist eine Frage des Geldes.
Inwieweit es heute noch den Dandy gibt und was ihn überhaupt ausmacht, ist eine zu diskutierende Frage. Den Snob gibt es sicher noch.
Man sollte sich selbst nicht als Dandy bezeichnen, das wäre stillos. Man sollte danach trachten, einer zu werden.
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Ich trage gerne Smoking, siehe oben
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Aber genauso gerne autonomes Schwarzleder (hier bei meiner „1. Mai Zwerg-Performance“).
Beim Dandy sitzt das Herz links, beim Snob sitzt das Portemonnaie rechts.
Ein Dandy ist Mitglied in keiner Partei, der Snob ist Vorsitzender der Jungen Liberalen.
Ein Dandy kann auch in einem sozialen Brennpunkt wohnen, der Snob kann nur in einem Penthouse überleben.
Ein Dandy kennt sich mit Weinen aus, der Snob prahlt mit seinem Weinkeller.
Der Dandy legt Wert auf Nuancen und Accessoires. Der Snob trägt an allem ein unsichtbares Preisschild.
Stilmittel des Dandys sind Scherz, Selbstironie, Satire und tiefere Bedeutung. Der Snob ist stillos, ironiefrei und dumm.
Der Dandy setzt Trends. Der Snob hechelt ihnen hinterher.
Ein Dandy ist nirgendwo Mitglied, der Snob ist zweiter Vorsitzender im Club der Cohiba Raucher.
Der Dandy ist Kosmopolit, der Snob deutschnational, solange es den Geschäften nicht schadet.
Eine üble Sonderform des Snobs ist der Parvenü, siehe Gerhard Schröder.
Der Dandy trachtet jederzeit danach, eine umfassend gebildete Persönlichkeit zu werden.
Der Snob besitzt Notabitur und lernt „In and Out“ Listen aus dem Playboy auswendig.
Der Dandy benutzt selbst produziertes Rosenwasser als After Shave, der Snob Penhaligon’s Blenheim Bouquet, 200 ml für 100 Euro.
Der Dandy erinnert sich gerne an ein Konzert mit 30 Anderen von Townes van Zandt in einem winzig kleinen verrauchten Club. Der Snob prahlt von seiner VIP-Lounge beim letzten Stones Stadionkonzert.
Der Dandy spart zur Not jeden Monat 10 Euro, um sich alle zwei Jahre einmal ein Essen im besten – keinesfalls im teuersten – Restaurant der Region zu leisten. Der Snob verwechselt die Begriffe „Gourmand“ und „Gourmet“.
Ein Dandy verbringt morgens angemessen lange Zeit vor dem Spiegel, was aber nur ein Eingeweihter erkennt. Bis zum Abend würdigt sich der Dandy dann keines Blicks mehr. Er ist sich seiner selbst sicher.
Der Snob schaut dauernd nach seinem Spiegelbild in Schaufenstern und fragt seine Begleiterin mit jedem Glockenschlag: Wie sehe ich aus?
Der Snob ist eine Wurst. Eine dumme fette Mortadella.

29.10.2017 – Da glotz ich lieber einfach nur vor mich hin

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Panoramafotos sind eine tolle Sache. Sie erweitern das Bildformat im Extrem bis auf 360 Grad. Im vorliegenden Fall hätte man von der zauberhaften Bucht maximal nur das mittlere Drittel auf einem Bild ohne Panoramafunktion gehabt. Also ein Hoch auf die moderne Technik. Wenn da nicht die dunkle Seite ihres Januskopfes wäre … die Technik eben. Manchmal setz ich mir da echt die Hasskappe auf und frage mich, ob die Produzenten im Entwicklungsprozess nicht ein einziges Mal einen normalen User eingebunden haben, um die Alltagstauglichkeit zu gewährleisten. Stattdessen hochbezahlen sie lieber Heerscharen von Lügnern in ihren PR-Abteilungen, die einem das Blaue vom Himmel herabschwindeln. Plug & Play vor Jahrzehnten zum Beispiel, wenn ich daran denke, könnte ich heute noch ansatzlos ein Kettensägemassaker veranstalten. Und ich meine damit noch nicht einmal die tausenden verschiedenen Funktionen, die moderne Mediengeräte besitzen und für deren Beherrschung man einen Master Studiengang bräuchte.
Es geht um Grundlagen wie Datentransport, Speicherung, Akku aufladen etc..
kabelsalat
Das sind ausschließlich Kabel, die ich für reinen Daten-Transport benötige.
Man muss ja dankbar sein, dass sich der USB Standard durchgesetzt hat. Aber am anderen Ende des Kabels: Salat ohne Ende. Die Idioten von Lumix haben es z. B. fertiggebracht, dass bei meinem Modell ich für Datenübertragung und Akku-Aufladung zwei verschiedene Kabel benötige.
Ach, wie gut kann ich mitunter Skeptiker der Moderne verstehen. Manchmal hab ich einfach keine Lust, jeden technologischen Mist mitzumachen. Mach ich auch nicht. Sicher, ohne Google Maps auf meinem Smartphone wäre ich beim Wandern, Radfahren, Cruisen, kurze Wege suchen in Berlin und oder im Urlaub völlig aufgeschmissen. Ich habe den schlechtesten Orientierungssinn des Universums. Es hat zwei Jahre gedauert, bevor ich in meiner Homebase ohne Verirrungen und Wirrungen den Weg von der Haustür zum Mülleimer verinnerlicht hatte.
Aber wenn ich mir das Bild von den Insassen eines Zuges oder Flugzeugs vor Augen führe, wie alle ihren Kopf gesenkt halten und auf das Handy-Display glotzen, dann gruselt es mich. Mich erinnert das an meine Zeit als Messdiener in der katholischen Kirche. Da hat es mich auch komisch berührt, dieser Anblick der betenden Masse, alle die Köpfe gesenkt.
Ich sitz lieber im Zug oder Flugzeug und glotz einfach nur vor mich hin. Ich lese auch nicht. Hab genug in meinem Leben gelesen. Auch am Strand im Urlaub. Kein Buch, kein Handy, ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal mache ich die Augen zu. Mehr Abwechslung brauche ich nicht. Das ist ein bewusstes gewähltes kontemplatives Antidot zu den Anforderungen der Moderne, zu meinem zwangsneurotischen Verhältnis in Arbeits- und Projektzusammenhängen in Sachen Pünktlichkeit, Disziplin, Ordnung, all den preußischen Tugenden. Ich habe nicht die geringsten Hemmungen, Leute zusammenzufalten, die zu Meetings zu spät kommen. Das ist Diebstahl meiner Lebenszeit. Da werd ich zum Eber.
Find ich scheiße, kann aber nicht anders. Und dafür gönne ich mir, siehe oben, Auszeiten von diesen verdammten auf Funktionalität, Effizienz und Optimierung getrimmten Verhaltensweisen. Ich glotz einfach nur vor mich hin. Manchmal denke ich was.
Aber selten was Brauchbares. Wussten Sie übrigens, dass der Männeranteil beim AfD Wahlvolk 82 Prozent beträgt?

28.10.2017 – Wir leben in einer Leistungsgesellschafft. Und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.

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Ich war kürzlich ein paar Tage um Süden. Das Wasser in der Bucht, die gemalt man als kitschig bezeichnet hätte, so märchenhaft ist sie, war 23 Grad warm, der Wind streichelte sanft die Wassertropfen vom Körper, meine Zehen bohrten sich lustvoll in den feinen weißen Sand eines strahlend türkisfarbenen Meeres – kurz, es war 5 vor Paradies. Vom schlechten Gewissen des mitunter von einer kargen protestantisch-kapitalistischen Arbeitsethik Gebeutelten, redete ich mir vermeintlich gut zu: „Das hast Du Dir verdient, Du hast die letzten Jahre hart gearbeitet und darfst Dir auch mal zweimal Urlaub leisten.“
Mal abgesehen von meinem Privat-Gedöns, war ich damit in die Falle der Leistungsgesellschaft-Ideologie getappt, nach der wir eben in einer Leistungsgesellschaft leben und nur der sich was leisten darf, der entsprechendes geleistet hat.
Wenn wir in einer Leistungsgesellschaft leben, bin ich Immanuel Kant und die Erde ist eine Frisbee-Scheibe.
20 Prozent aller Menschen in Deutschland können sich überhaupt keinen Urlaub leisten, 40 Prozent aller Alleinerziehenden (fast alles Frauen).
25 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor mit ca. 10 Euro Stundenlohn, da liegt man in Steuerklasse 1 netto nicht sehr weit über der Armutsgrenze – bei Vollzeit wohlgemerkt. Wie sollen die sich bei explodierenden Mieten in den Ballungsräumen jemals auch nur eine Woche Malle leisten können.
Zeitarbeitnehmerinnen, Hotel und – Gaststättenbeschäftigte, Kurierdienstfahrer, Menschen, die froh wären, wenn sie den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde bekämen, obwohl sie sich mitunter regelrecht krank arbeiten, die alle leisten extrem viel und können sich nichts leisten.
Im Gegensatz zu den Milliardenerben der Quandts, Flicks, Schäffers, Oetkers, Aldi Albrechts etc. pp., to be continued, die nicht nur absolut nichts leisten, sondern obendrein jedes Jahr bis zu 100 Mrd. Euro Steuern hinterziehen und sich trotzdem allen Luxus dieser Welt leisten.
Wir leben ganz bestimmt nicht in einer Leistungsgesellschaft, wir leben in einer Erfolgsgesellschaft, in der nach Art der Raubritter die, die Macht haben, den Rest ausplündern. Eine feine Gesellschaft.
Jetzt hab ich mich schon wieder so aufgeregt, dass ich glatt nochmal urlaubsreif bin.
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Hoffentlich besänftigt mich das Bild des Zickleins, das direkt hinter mir in der Bucht graste.

27.10.2017 – Wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien

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Genauer Text und Sinn des Ganzen am Ende dieses Blog-Eintrags.
Wir leben in einem sich verschärfenden Kulturkampf. Jeder politische Konflikt wie der aktuelle mit dem Erstarken einer völkischen Rechten und ihren antizivilisatorischen Reflexen ist immer auch ein kultureller Kampf um die Hegemonie von Bildern, Erzählungen, Mythen in einer Gesellschaft (Nachtigall Gramsci, ick hör Dir trapsen, während ich mich frage , warum ich mich da eben vertippt habe, statt „trapsen“ „strapsen“ geschrieben habe).
Das mit der Bild-Hegemonie insofern nicht unwichtig, weil in der Diskussion darüber, wie umgehen mit der AfD, Hilflosigkeit herrscht. Das mit den besseren Argumenten und dem Appell an die Vernunft und man müsse den Gegner in Diskussionen stellen etc. pp., kurz, das Prinzip „Ratio“, das haut ja weder bei der AfD noch bei Trump noch sonst irgendwo bei der Rechten hin.
Offensichtlich wirken bei den Kräften der Gegenaufklärung untergründig Bildströme, die sie immun machen gegen das Argument. Von Moral mal ganz zu schweigen.
Die Rambo Filme zum Beispiel im kalten Krieg haben mehr antikommunistische (Bild-) Wirkmächtigkeit entfaltet als jeder reaktionäre Geschichtsunterricht in den Oberstufen damaliger höherer BRD-Lehranstalten.
Harmloses aktuelles Beispiel von subkutan reaktionärem Mist: die Asterix und Obelix Comics, von denen es wohl 2017 eine Neuausgabe gibt. Ich fand die früher auch ganz drollig, mangels Alternativen. Im Prinzip geht es um zwei verklemmte kulturlose Haudraufs, die nach alter Art von Männerbündlern nur Saufen, Fressen und Gewalt im Kopf haben, mit Frauen völlig überfordert sind und auf das Eindringen von Zivilisation in ihren Kulturkreis, also auf den Vormarsch der Römer nach Gallien, mit maximaler Aggression reagieren. Das Einzige, was man zu Gunsten von A & O annehmen kann, ist der Gebrauch von Drogen, vulgo der Zaubertrank.
Wenn es eine AfD Entsprechung auf Comic Ebene gibt, dann sind es diese beiden Dumpfmeister Asterix und Obelix. Bei mir war die Begeisterung für diese Art Comics in dem Moment gestorben, als amerikanische Underground Comics hier landeten, wie fremde Wesen aus dem Weltall.
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Zum Beispiel der schräge „Fritz the Cat“, von Robert Crumb, ein arbeitsscheuer, drogensüchtiger, sexistischer Kater, der als Bombenleger bei einer Terrorgruppe landet und schließlich von einer Frau, die er verarscht hat, mit einem Eispickel (Anspielung auf den Mord an Trotzki) erstochen wird. Und nicht wie Wikipedia schreibt: „erschlagen wird“. So ein Blödsinn, da macht die Anspielung auf Trotzki überhaupt keinen Sinn.
Während der regelrecht niedlich-harmlose, handwerklich biedere Farb-Strich bei Asterix und Obelix die eigene Perspektive immer nur wiederholt und verstärkt, wird sie bei Crumb zuweilen derbe verschoben, düster schwarz-weiß die Paneels, nie niedlich-identifikatorisch, das ist bestimmt kein Kater zum Knuddeln, sondern ein Kotzbrocken.
Wer Fritz the Crumb goutiert, ist natürlich per se kein besserer Mensch als der Asterix und Obelix Freund, aber im Zweifel weniger langweilig. Und das ist schon mal kein schlechter Ansatz, um im Auftrag der Aufklärung unterwegs zu sein.
Und wenn gar nichts mehr geht, hilft die Lektüre von Batterien. Auf meiner steht gerade:
„Achtung, kann explodieren oder lecken, wenn aufgeladen, eingefügt unrichtig oder in über Feuer verfügt hat. Öffnen Sie Batterien nicht.“
Und ich mach mir wegen „strapsen“ Gedanken.