28.09.2017 – Mörderische Phantasien

Korfu Altstadt - kein Mensch
Gestern war der Tag des Welttourismus und ich war vor drei Tagen noch in der Altstadt von Korfu, wo es zwei Gassen jenseits des Trubels Plätze gibt, an denen kein Touri abhängt.
Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste. (Susan Sonntag). Reisen ist fatal für Vorurteile, Bigotterie und Engstirnigkeit. (Mark Twain). Im Prinzip ja, aber wenn ich schmierbauchige, weissbesockte, alte Männer sehe, die nur in Bermudashorts bekleidet eine Strandbar entern und Bestellungen sächselnd daherpoltern, regt sich bei mir zweierlei: Der Wunsch nach Wiedererrichtung der Mauer und nach einer .45er am Gürtel. Sie wissen schon, die mit hoher Mannstopp-Wirkung.
Und wenn ich noch einmal einen Politiker nach einer Niederlage den Satz sagen höre: Wir gaben begriffen, dann, dann, …. weiß ich auch nicht, mit was soll ich denn drohen? Mit Liebesentzug oder Schlägen? Mit Sätzen ist es wie mit Konflikten: wer einen anfängt, muss auch sehen, wie er da wieder rauskommt.
Im Zusammenhang mit Trumps weiterer Umverteilung von unten nach oben habe ich heute Morgen im Deutschlandfunk mehrfach gehört: Die Frage der Gegenfinanzierung seiner Steuerreform ist noch offen.
Kann mir irgendjemand mal den Unterscheid zwischen Gegenfinanzierung und Finanzierung erklären? Ode den zwischen Unkosten und Kosten?
Nach über 20 Jahren kontinuierlicher Ausplünderung der Leute, die eh wenig bis nichts haben, in fast allen westlichen Industriestaaten, frage ich mich langsam, wo finden die Regierungen vor allem in den angelsächsischen Staaten überhaupt noch was zum Plündern? Bei „uns“ gibt es da noch einiges zu holen, konsequente Privatisierung bei Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, Halbierung von Hartz IV, keine Inklusion … , aber bei den Amis herrschen doch eh schon massenhaft Hunger und Drittweltverhältnisse?
Bei „uns“ ist da auch noch die Partei der kleinen Leute vor, die Dingsda, die SPD. Mittlerweile bin ich weit jenseits von Häme über deren vor allem durch den Parvenü Schröder verursachten Niedergang. Ich halte das für eine Tragödie und wenn überhaupt Empfindungen, dann Mitleid. Das sich dann wieder in Grenzen hält, wenn ich lese, wie die „solidarischen“ Genossen miteinander umgehen, wie der merkbefreite Herr Oppermann Frau Nahles in Sitzungen abbügelt. Machoverhalten der alten Schule, nichts begriffen und davon die Hälfte vergessen. Insofern ist die SPD als Konsequenz von Globalisierung, Digitalisierung und Medialisierung von Arbeitswelt und Öffentlichkeit eine Partei der Modernisierungsverlierer, einer Klientel, die dem Wandel nicht folgen kann.
Sie ist aber auch, und das ist schlimmer, als Organisation eine Modernisierungsverweigerin. Sie könnte sich ändern, lernen, wenn sie wollte, aber sie will nicht. Damit überlässt sie das Spielfeld den Anderen.
Die bleichen alten Männer in ihrer Angst vor dem Wandel stehen sprachlos und kalt, im Wind klirren die Fahnen. (der zweite Halbsatz ist leider zu grausig-schön formuliert, um von mir zu sein).
20170924_133851_resized_1
Hölderlin, mit Badehose. Nicht einmal reingeguckt im Urlaub. Ich war zu Sonnensatt.

27.09.2017 – Faul wie ein toter Hering

sonnenblume
Die Aussicht: trübe. Und das nicht nur bei mir im Garten. Dass die Goldenen Neger die Köpfe hängen lassen, ist verständlich. Hat doch die Fraktion der Rassisten im Bundestag bedeutenden Zuwachs erhalten.
Genug des platten Natursymbolismus. Sonnenblumen lassen nun mal im Herbst die Köpfe hängen und die Realität ist auch ohne literarisches Bemühen trist genug. Ich merke das unter anderem an meinem Blog, der sich immer mehr meinem progressiven Alltag annähert, wo er vorher eher ein Metablog war, also mehr satirische, fiktive Reflexion, die Realität simulierte, über das notorische Blogschreiben von Zeitgenossen (seltener Genossinnen), die sich wichtig nehmen.
Die Welt ist im Wandel, aber zurzeit sicher radikaler und schneller als in den bleiernen Achtzigern zum Beispiel. Das bürgerliche Milieu, vollgesogen mit Angst, fängt schon an, im Wald zu pfeifen. Jüngstes Beispiel Norbert Lammert, amtierender Bundestagspräsident, der der AfD im Rahmen des parlamentarischen Antifaschismus wehrhaft entgegenschmetterte (sinngemäß, ich hab keinen Bock, hier alles zu be-quellen, was ich übrigens einen schönen, neuen Ausdruck finde, den ich mir gerade im Schreiben ausgedacht habe):
„Ihnen wird es so ergehen wie den Grünen. Das Parlament wird Sie mehr verändern als Sie das Parlament verändern.“
Das, mit Verlaub, Herr Präsident, ist eine kühne These, deren Nährboden vergebliche Hoffnung sein und deren Erntetermin um den St. Nimmerleinstag herum liegen dürfte. Ich stand den Grünen von Anfang an skeptisch gegenüber, aber wer ihre Geschichte nüchtern (auch das noch) aus dem Blickwinkel von Empirie sozialer Bewegungen betrachtet, muss ihnen zugestehen: Die Grünen waren ein emanzipatorisches Projekt, getragen von einer Utopie. Sie wollten die Gesellschaft im Sinn einer kollektiven und herrschaftsfreien Zone vorwärts entwickeln. Ziel letztlich: Die gezähmte, ökologisch nachhaltige Herrschaft des Menschen über den Menschen, mit einer feministischen Perspektive. Dazu bedarf es bestimmter Charaktereigenschaften und Fähigkeiten, wie zum Beispiel zäher Arbeit anhand von Interessen. Dass dabei letztlich eine Koalition mit der CSU herauskommt, nun denn, man grinst sich eins. Aus Kindern werden Leute. Aber das wird nicht dazu führen, dass sich der Mob in Straßen noch breiter macht.
Die angeblich zähmbare AfD hat ein enormes faschistisches Potential. Sie steht für eine rückwärtsgewandte antiaufklärerische Dystopie, die sich aus Wut, Aggression, Ressentiment speist. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die von zornigen alten weißen Männern beherrscht wird, koste es, was es wolle. Terror, Gewalt ist nicht eins ihrer Mittel, es ist eins ihrer Ziele. Die Vertreter der AfD sind letztlich Vertreter einer Metaphysik und im Normalfall im Parlament faul wie ein toter Hering, dumm wie Brot, korrumpiert, niederträchtig und egoistisch. Wie derartige Charaktere durch ein Parlament domestiziert werden sollen, bleibt ein Geheimnis von Norbert Lammert, den alle Welt (= Feuilleton von FAZ, Zeit, taz) für einen Intellektuellen und begnadeten Redner hält, der aber nur mit gestelzten Stanzen so viel Überraschendes von sich gibt wie eine Kuh, wenn sie gemolken wird.
Was soll da schon bei rauskommen.
Und wo bleibt das Positive? Hier, die Aussichten für Frühjahr 2018:
panoramablick korfu westküste
Panorama Korfu Westküste

Ouzo zum Frühstück und Benzin für die Brandstifter

20170925_120836_resized
Blick vom Kloster Paläokastritsa auf das ionische Meer. Farben, Licht, Geruch sind im Süden eine ganz andere Qualität, nicht umsonst sind diese Naturkonstanten immer wieder für Maler, Fotographen etc. Auslöser, raus zu gehen, zu reisen. Auch für Schreiberlinge. Diese Erfahrungen sind durch nichts zu ersetzen. So weit, so bekannt. Neu und fast bedenklich war für mich, wie sehr ich die Stille hier genossen habe. Bin empfindlich geworden.
20170925_161029_resized
Das fiel mir beim 2. Frühstück in meiner Strandbar ein, hier mit Ouzo als zweitem Gang. Es war still. Ich genoss es. Links meine Lumix Camera, rechts der Sony Camcorder. Bei aller Liebe zum Smartphone; an die Qualitäten der Beiden reicht es bei weitem nicht. Während ich meinen Abflug morgen checke und aus dem Nachbar Apartment leckere Kochgerüche wehen – da ist die Welt noch im Ordnung, da kocht die Mutti für Männe was – gucke ich ab und zu News auf Spiegel online und frage mich, wie schnell hier wohl faschistoide Diskurse Mainstream fähig werden. Motto: Man muss doch die Sorgen der Menschen Ernst nehmen. Was nichts anderes heißt; man muss dem Brandstifter das Benzin verkaufen.

Oje

20170924_115814_resized
Pfad zwischen zwei Bergdörfern auf Korfu.
Erst versperrt mir ein Fels Abbruch einen bequemen Weg, so dass ich mir eine halsbrecherische Kraxelei gönnen musste, siehe oben, und dann hatte ich,als ich am Strand ankam, am Ende des Weges eine Blutblase. Oje. Was soll nur aus Deutschland werden? Dachte ich, erst in tiefem Selbstmitleid und dann im 25 Grad warmen Mittelmeer badend, das ganze Vaterland in meinen Jammer einbeziehend.
Später las ich das Wahlergebnis auf Spiegel online und dachte: scheiss aufs Vaterland. Millionen von Halb- und Vollfaschisten, neoliberalen Halsabschneidern und dumpfbackigen Reaktionären. Und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Die nächste Krise kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Gesetz der zyklischen Krisen hat Naturgewalt. Da bin ich mal gespannt,was sich der ostgotische Mob dann zusammenwählt. Oje.

Reisetagebuch

20170922_204730

Hippiebucht bei Vatos auf Korfu.
Dort hänge ich zur Zeit ab. Aber nur kurz zum schwimmen nach dem Wandern. In jedem Reiseführer auf dem Kontinent stand eine Zeit lang: “ Geheimtipp! Hier treffen sich Hippies in paradiesischer Nacktheit ktheit aus aller Welt. “ Demzufolge ist die kleine hübsche Bucht zugepflastert mit schmierbauchigen Spiessern, die begierig drauf lauern was und wie es der Hippie nun treibt. Der Hippie ist aber auch in die Jahre gekommen und die zwei,die da noch abhängen, sind kein erbaulicher Anblick. Die Bucht ist ein fleischgewordenes Argument dafür Vegetarier zu werden. Die Hippiefrau textete mich dort zu. 40 Jahre Sonne und Hasch hatten nicht nur ihren Körper sondern auch ihren Geist verdörrt und geschrotet, sie sonderte dermassen dummes Zeug ab und bekreuzigte sich nach jedem Satz, dass sie mir keine Wahl liess und ich verhohnepipelte sie nach Strich und Faden. Nach quälend langer Zeit merkte sie es, zeigte mir den Mittelfinger und keifte: “ Du blöder Spießer!“ War das unchristlich von mir? Ja. Aber lieber intelligent und gutaussehend in der Hölle braten als grunzdumm und mumifiziert im Himmel Hosianna jauchzen. Jetzt bin ich leicht breit. Ich pflege diesen Blog gerade mit meinem Smartphone,was echt nervig ist. Toll was man mit den neuen Medien alles machen kann, aber ich bin keine 30 mehr und tu mich mit Lernen schwerer als damit Leute zu verarschen. Oops. Sorry. Ich meinte verhohnepipeln. Jetzt noch ein Bild hochladen und dann aber Bubu. 20170919_100229
Meine Home Base

Wahlkampf

Herr: es ist Zeit. Der Wahlkampf war sehr klein.
Leg deinen Schatten auf die Wahlplakate
Und würg den Parteien eine rein.

Im Original bei Kitschmeister Rilke heißt es:
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Rilke dichtete immer einen grandiosen Schmarren vor sich hin aber als Anregung ist er immer gut für höheren Blödsinn. Die ganze Republik im Wahl“kampf“ scheint mir postcoital ermattet, wobei der Akt als solcher auch eher auf ejaculatio praecox hindeutet. Es ist alles so fade, so öde, so unendlich laaaangweilig, wie der Zauberberg oder Filme von Wim Wenders. Man hat ja überhaupt keine Lust, sich die Analysefeder an derartigem Nullum schmutzig zu machen. Ein schwacher aber brillanter Trost waren die Wahlplakate des Kollegen Sievers
fdp
Die allerniederträchtigste Partei von allen. Plakat H. Sievers.
Das ist nicht die AfD, die macht aus ihrem steinernen Herzen nicht nur keine Mördergrube sondern eine dunkelbraune Güllegrube und ist in ihrer Offenheit durchaus weniger niederträchtig.
Ganz famos zum Ende des Wahlkampfs der bundesweite Aktionstag Reichtum umverteilen, Details hier
Ein riesiges Bündnis von Verbänden, Gewerkschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen kriegte keine 20 Aktionen im ganzen Bundesgebiet hin.
Forderung-560 Euro Hartz IV
Die offensichtlich größte und kreativste fand in Hannover statt, ausschließlich getragen von der Landesarmutskonferenz und der Betroffeneninitiative Gnadenlos Gerecht. (Rechts Thomas Schremmer, sozialpolitischer Specher der Landtagsfraktion Bündnis 90/Grüne, zuverlässiger Unterstützer. Von der Linken waren auch Genossen da.)
Reichtumsverteilung-40-Proz
Umverteilen ist weder mehrheitsfähig noch diskursträchtig. Da kann man mit einer Kampagne schon mal verlieren. Das ist keine Schande. Aber vorauseilenden Selbstmord zu begehen aus Angst vor dem Kampagnen-Tod, das ist …
Ach scheiss drauf. Ich mach Urlaub. Tschüss.

15.09.2017 – Der Goldene Neger in den Medien

170915NeuePresse-Goldener NegerNeue Presse 15.09.2017. (Hier als lesbareres pdf Neue Presse Goldener Neger)
Demeter will also die Gärtner in die Umbenennung der Sonnenblume „Goldener Neger“ einbeziehen. Auf den Shitstorm freue ich mich jetzt schon, wenn Deutschlands Gartenmob über mich herfällt. Dann weiß ich auch endgültig, dass die Aktion richtig war.
Das hat mir gut gefallen, dass der Reporter gleich nach der Aktion bei Demeter nachgefragt hat. Deshalb hab ich sie auch um 12 Uhr mittags gemacht, damit noch Zeit zur Recherche bleibt. Zur Aktion gab es einen Weissburgunder Sekt Extra brut aus der Pfalz. Die Aktion fand auf einer Brücke statt, wegen des Symbolcharakters. Brücken verbinden …
Zufälligerweise war die Brücke ca. 100 Meter von meiner Homebase entfernt. Was meine Arbeit nach dem Weissburgunder erleichterte.
Ein bedauernswerter Mangel an Bildung ist dem sonst sehr lobenswerten Artikel dann doch unterlaufen: Das ist kein ordinärer schwarzer Anzug, den ich da trage, sondern ein Smoking. Schwarzer Anzug 12 Uhr mittags = Snob. Smoking 12 Uhr mittags = Dandy. Das ist ein kleiner Unterschied, der Welten ausmacht. Dazu demnächst mehr an dieser Stelle.
Ein Vorteil von sozialen Medien: man kriegt sofort ungefiltert mit, wie das Publikum reagiert. Für professionelle Künstler unabdingbar. Schaun mer mal und zwar hier beim Stadtkind facebook.
Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, so Karl Valentin. Hinter dieser Aktion stecken zum Beispiel Monate der Aufzucht der Goldenen Neger, die jetzt Goldhelm heißen. Und das Design einer solchen Kunst-Intervention zu erstellen, das ist die eigentliche Kernarbeit. So eine Aktion darf nicht in Satire ausarten, sie darf nicht plump agitatorisch rüberkommen, sie muss medial, also bildmächtig, inszeniert sein, sollte das Publikum ansprechen etc. pp.
Und dann noch die ganzen Interviews und Fototermine!

making-of-...
Making of …
making-of-2...
Presse, Funk und leider kein Fernsehen … (Fotos: BRV)
Wenn Sie, liebe Leserinnen, es nicht weitersagen, gestehe ich Ihnen ein intimes Geheimnis: Bei solchen Presseterminen blühe ich auf wie eine Sonnenblume nach einer Woche Dürre.
Sows könnte ich den ganzen Tag machen.
Aber nein, ich muss mir die Tage ja mit Arbeit versauen.

SCHUPPEN 68 Aktion „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“

Klaus-Dieter Gleitze- Einweihungsperformance Goldener Neger
Spektakuläre Eröffnungs-Performance der Aktion. Zahlreiche „Goldene Neger“ auf Rekordhöhe, bis zu 300 Zentimeter.
Am 14.09.2017, 12 Uhr, findet auf der Brücke Nieschlagstr. in Hannover eine Aktion des Künstlerkollektivs SCHUPPEN 68 statt: „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“.
Nach wie vor gibt es Sonnenblumen mit dem diskriminierenden Namen „Goldener Neger“. Bemerkenswert: Die Samen der Blumen, die für diese Aktion angepflanzt wurden, tragen das Öko-Siegel des „Demeter“ Verbandes.
Klaus-Dieter Gleitze vom Künstler-Netzwerk SCHUPPEN 68 unterstreicht:
„Bei unserer Aktion „Umbenennung der Sonnenblume Goldener Neger“ stellen sich Fragen: Ist das nicht übertriebene Political Correctness? Lassen wir uns unsere Sprache nicht zu sehr von Tugendwächtern der Political Correctness verbiegen? Neger – das wird man ja wohl noch sagen dürfen?
Unsere Antwort lautet: Nein.
Sprache prägt unser alltägliches Bewusstsein. Rassismus fängt im Kopf an, wächst im Alltag und endet in Gewalt. In Zeiten von wachsendem Rassismus, Hass auf andersartige Menschen und Ausgrenzung hat es nichts mit übertriebener Political Correctness zu tun, wenn man auf Änderung von diskriminierender Sprache besteht. Sprache ändert sich dauernd: Der Begriff „Nigger“ oder „Bimbo“ ist mittlerweile zu Recht gesellschaftlich geächtet, der Sarotti „Mohr“ heißt nicht mehr so, Negerküsse gibt es nicht mehr. Und das ist auch gut so.“
Im Rahmen der Aktion wird eine Sonnenblume „Goldener Neger“ feierlich von ihrem Namen entwidmet und mit einer Flasche Sekt neu getauft auf den Namen „Goldhelm“, in Anlehnung an das berühmte Gemälde aus der Rembrandt-Schule „Der Mann mit dem Goldhelm“. Für Teilnehmerinnen und Passantinnen gibt es neben einem Glas Sekt ehemalige „Negerküsse“, heute Schaumküsse. Sie beweisen, dass Sprachwandlungen etwas Normales sind und bringen eine heitere Note in die Aktion. Den Abschluss der Performance bildet eine Lesung, unter anderem mit dem Gedicht „10 kleine Negerknaben“ Gedicht Zehn kleine Negerknaben, der Ur-Version des früheren Kinderlied-Klassikers „10 kleine Negerlein“
…..

Die komplette PM gibt’s hier PM SCHUPPEN 68 – Aktion Goldener Neger
Unterstützerinnen aus der ganzen BRD tragen ihren Teil zum Erfolg der Aktion bei. Ein Kunst-Netzwerk der besonderen Art. Allen ein herzliches Dankeschön!
Die Bilder-Galerie wird fortgesetzt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

brv

wv

cv

10.09.2017 – Wenn gehobenes Bürgertum politisch wird, geht das meistens in die Hose

winkelemente
Kuppelsaal, Hannover, Last night of the proms, 09.09.2017. Last Night of the Proms ist ein Spektakel, das seit über 100 Jahren in London stattfindet, meist in der Royal Albert, klassische Musik für alle mit Partycharakter. Wird seit Jahren auch in Hannover veranstaltet und im TV übertragen, hier ein eher steifes Fest für das gehobene Bürgertum.
Ein Freund hatte Karten für 5 Euro ergattert. Man war etwas sichteingeschränkt, ich konnte den Dirigenten nicht sehen. Kein Verlust, Dirigenten werden maßlos überschätzt. Ich hab mal einen Crashkurs in Sachen Dirigieren gemacht. Mit 5 verschiedenen Schlägen, so bezeichnet man das Gehampel der Pinguine auf dem Pult, kommt man locker durch die meisten Dirigate. Der hiesige Hampelmann, der Engländer Andrew Manze vom NDR Symphonieorchester, zeichnet sich dadurch aus, dass er immer noch kein Wort Deutsch spricht, obwohl er seit Jahren hier arbeitet. Zum Vergleich: der Engländer John Cryan ist seit 2015 Chef der Deutschen Bank und spricht mittlerweile akzentfrei und besser Deutsch als 95 % der Ostgoten. Soviel zum Unterscheid von Kultur und Kapital.
Es war ein außerordentlich unterhaltsamer und angenehmer Abend, mit einer herausragenden Sopranistin, deren stimmliche Strahlkraft den Raum selbst in zarten Pianophasen füllte. Der Tenor kackte dagegen ziemlich ab. Es gab auch entsetzliche Scheußlichkeiten wie ein Duett aus der Operette „Der Vogelhändler“, wo mir vor lauter Kitsch die Ohren bluteten. Geschenkt. Für 5 Ocken kannste nich mekka.
Leider gab es auch einen Abschluss und Höhepunkt. Edward Elgar, Pomp and Circumstance, mit dem Text von “Land of Hope and Glory” von 1902. Der Text ist ein schwülstiges Abfeiern der imperialen Größe der Kolonialmacht Großbritannien, genau der nationalistische Müll, der überall in Europa damals gefeiert wurde und folgerichtig in den ersten Weltkrieg führte.
Gott, der dich mächtig gemacht hat,
Möge dich noch mächtiger machen.

Nun hatte sich für gestern der NDR ein politisches Zeichen ausgedacht für die höheren Stände. Überall lagen EU Wink-Elemente herum, die dann bei Land of Hope and Glory geschwenkt werden sollten (TV Übertragung!). Sie wissen schon, Brexit und so (vielleicht auch Anti-EU AfD!?), da muss man doch mal Flagge zeigen!
Was die gehobenen Stände auch wie närrisch taten, das sieht man an den hellen Stäben oben im Bild, wenn man es sehen kann.
Ich aber war ergriffen ob so viel politischer Grunzdämlichkeit. Wenn man was Positives über die EU sagen kann, dann ist es ihr Ansatz, den Nationalcharakter von Staaten zu überwinden und in ein Friedenstiftendes Moment zu überführen (Na gut, „wir“ haben die Kriege externalisiert, exportiert, aber intern ist erstmal Ruhe im Karton. Ein erster Schritt.).
Das in direkte Verbindung zu bringen mit einem imperialistischen Lobgesang wie Land of Hope and Glory, soviel unfassbare Blödheit trieb mich sofort aus dem Kuppelsaal und auf die Toilette. Wie gesagt: Wenn gehobenes Bürgertum politisch wird, geht das meistens in die Hose.
Da bin ich mal auf das Feuilleton von morgen in der hiesigen Bürgerpresse gespannt.
Ich wünsche Ihnen, geschätzte Leserinnen, einen charmanten Start in die Woche.

09.09.2017 – Rotrotgrün ist möglicher.

walter-benjamin
Tiefrot – Originalausgaben auf der Documenta von Walter Benjamin, undogmatischer Linker, der die ästhetische Diskussion der klassischen Moderne wie kein Zweiter geprägt hat. Benjamin ist ein schöner Beweis dafür, wie sich Lebenswelt-Erfahrungen in der Tendenz des Werkes widerspiegeln. Er reiste in den Dreißigern schon nach Ibiza, verliebte sich in eine Künstlerin, und war ein großer Kiffer vor dem Herrn. Ein anderer großer Denker der Linken, Adorno, hingegen war vom Lebenswelt-Ansatz her eher großbürgerlicher Spießer. Konsequenterweise kam Adorno mit der Moderne nicht zu Recht, Popmusik der Nachkriegszeit (höre auch der unvergessene Walter Ulbricht und die „Monotonie des yeah, yeah, yeah“) war ihm ein Graus.
Adorno sah die Tatsache sehr kritisch, dass das Kunstwerk seine Aura, den Glanz der Einmaligkeit, verlor im Zeitalter von technischen Reproduzierbarkeiten. Er hing halt lieber in der Oper ab, mit der Aura der Einzigartigkeit einer Aufführung, statt Schallplatten zu hören. Benjamin, Hippie, Freak und Kosmopolit, sah im Verlust der Aura hingegen einen Gewinn an Demokratie. Die Kunst stand potentiell den Massen zur Verfügung, ein enormer emanzipatorischer Fortschritt (das ist jetzt sehr verkürzt! Wir sind hier in keinem Oberseminar). Benjamin wäre heute in den sozialen Netzwerken unterwegs, Adorno würde die „Zeit“ lesen und das Internet für Teufelswerk halten. Womit er nicht ganz Unrecht hat. Mehr Medien mit offenen Kanälen für alle = mehr Fortschritt? Das hat sich als Irrtum erwiesen. Tendenziell wird der Dreck in den Köpfen eher nur vervielfältigt. Aber wir arbeiten dran. Am Dreck in den Köpfen.
Was der bewirkt, sieht man an den Umfragen. Die AfD im Aufwind, im Bund drittstärkste Partei und in Niedersachsen ziemlich sicher im Landtag. In Niedersachsen ist rotrotgrün möglich bei der Landtagswahl am 15.10, auf Basis der letzten Umfrage und wenn der Trend anhält.
So eine Koalition fände ich einen Fortschritt. Aber da wetzen sicher schon die ersten Verräterinnen bei der SPD und bei den Grünen ihre Dolche wie weiland bei Heide Simonis. Die regionalen Medien werden das madig schreiben und bei den Linken laufen so viele Spinnerinnen rum, die torpedieren das lässig. Außerdem gibt es keine wie auch immer geartete „linke“ – wobei ich SPD und Grüne nur schwer als „links“ verorten kann – Mehrheit in der Gesellschaft.
Was politische Konstellationen im Land bewirken, sieht man an einem kleinen Beispiel: als schwarzgelb unter Christian Wulf hier ans Ruder kam, kürzten sie mit als erste Maßnahme die Fördermittel für unabhängige Erwerbslosen-Beratungsstellen. Auf Null. Mit der Folge, dass die Hälfte der Beratungsstellen über den Jordan ging. Im aktuellen Haushalt stehen dafür 600.000 Euro im Etat.
Und nach der Wahl?
Also wählen gehen. So nervig der Spruch vom kleineren Übel auch ist.
Wenn sich die neoliberal grundierte, völkische Anti-Moderne weiter durchsetzt, sieht das Modell für die Zukunft eventuell so aus wie der Blick in die Vergangenheit auf der Documenta zeigt:
silbermühle-mit-lak-logo
Mühle des Blutes. Mit Werbe-Einblendung LAK Logo.