05.11.2021 – Lindener Eisen- und Stahlwerke.


Schöner Backsteinbau auf einer der hiesigen Industriebrachen, die sich ein Privatinvestor gesichert hat. Auf der Fläche wird wahrscheinlich der übliche Büro/Gewerbemix entstehen, nichts, was irgendwie in die Zukunft weist. Als die Pläne bekannt wurden, meldeten sich sofort Architektur-Interessierte, die das Gebäude erhalten sehen wollten. Ihnen schwante Übles, da das das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Stand, muss man sagen, denn kaum hatte der Investor Wind von den Bestrebungen gekriegt, ließ er die Bagger anrücken und ruckzuck, war das Ding platt. Ich hab den Bau vermutlich als Letzter lebend gesehen und geknipst. Bei der derzeitigen Bodenknappheit und Spekulation hätte der Investor das Ding wahrscheinlich auch platt gemacht, wenn es unter Denkmalschutz gestanden hätte. Und sich hinterher entschuldigt. Ich kenn doch meinen Kapitalismus. Bei einem Profit ab 10 Prozent geht der über Leichen, ob aus Backstein oder Knochen. Also ruckzuck aufs Radl und geknipst.
Wobei ich nicht der Meinung bin, dass jede Pommesbude erhalten werden muss, bloß weil sie ein paar Jährchen auf dem Buckel hat. Das ist mitunter so eine alternative Kiezmentalität von Insassen, die vor 40 Jahren in die Kieze zogen, rebellisch, jeden Stein umdrehen wollten, in die Jahre kamen, 10x schlimmer als ihre Eltern wurden und jetzt nach Art des Hauses Disneyland alles so erhalten haben wollen, ihre Jugend erstarrt in einem Freilichtmuseum. Das artet in letzter Konsequenz in diese grauenvoll reaktionäre Mentalität aus, die Sachen wie das Humboldtforum in Berlin verbrochen hat.

03.11.2021 – surreal


surreal. Bei mir umme Ecke. Geschlossen. Riesige Handelsflächen stehen im Gewerbegebiet hier leer, ganze Bunker aus den prosperierenden 70ern wie der von Real. Dazu kommen noch größere Industriebrachen; Gewerbe und Industrie überlagern sich hier, gut erschlossen durch Schnellwege, sogar einen Hafen hat’s einen Steinwurf weit weg. Manchmal entsteht Neues, wie ein, zwei Gebäude mit dem verblasenen Namen Hannover-Docks. Da kann ich meine Wohnung auf Grund des Teichs in meinem Garten auch gleich beschreiben mit „Wohnen am Wasser“.
Aber ansonsten viel Brache, teilweise seit vielen Jahren, wie eine Feuerverzinkerei, die ich mal erkundete habe nach der Pleite. Da lagen noch Leporello-Lohnlisten auf den Schreibtischen und Pornos in den Toiletten. Surreal, wie nach einem Neutronenbombenangriff.
Wenn die Kommunen hier restriktiv ihr Baurecht anwenden würden, auf Wohnbebauung mit 50 Prozent Sozialwohnungsbau-Anteil, Flächenvergabe nur im Erbbaurecht und auch mal Bebauungspläne ändern, beispielsweise von reinem Gewerbegebiet in Mischgebiet, wäre hier ein Riesenpotential für existentiell notwendigen Neubau für Leute mit wenig Geld, die auf gut erschlossene Infrastruktur angewiesen sind. Nicht gerade die Feuerverzinkerei, dort dürfte der Boden bis zum Erdkern mit Schadstoffen verseucht sein, aber real ist bestimmt sauber wie ein Kinderpopo. Ein paar Meter weiter eine ehemalige Mödelbude von riesigen Ausmaßen, dahinter ein geschlossenes Gartencenter.
Stattdessen zieht alles, was Beine und Kohle hat, raus aufs Land, geht ja jetzt wegen zunehmendem Homeoffice, die Wege werden weniger. Was ja auch ökologisch ist. Weniger ökologisch ist allerdings die Tatsache, dass durch die unseligen Einfamilienbunker noch mehr Flächen zersiedelt werden. Macht andererseits aber auch nix, bei der Vermaiselung der Landschaften und ihren eintönigen Rapssymphonien.
Mir egal. Nach mir die Sintflut. Ich ergötze mich an Touren durch solche absterbenden Gewerbe- und Industriegebiete. Über ihnen schwebt ein wehmütiger Schleier von Abschied, Melancholie und Tod, eine ganz einzigartige Stimmung. Erinnert mich an meine Touren als DGB-Referent durch die damaligen DGB-Ortskartelle (so hieß das vor ein paar Jahren tatsächlich noch). Die Gewerkschaftsarbeit auffem flachen Land wurde ausschließlich noch von Senior*innen getragen, was zur Folge hatte, dass die einzelnen Kartelle einfach ausstarben. Mit ihnen die Reste einer Arbeiterkultur und ich war teilnehmender Zeuge dieser Zeitenwende.
Schwanengesänge. Wir aber brechen auf zu neuen Ufern.
Herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen!

01.11.2021 – Über explodierende Impfquoten, Idiotie, Niedertracht und Verblödung


Die Kunst ist oft schön anzuschaun. Das Leben in Seuchenzeiten hingegen erinnert an den November: Trist und trostlos, mit der Aussicht auf Verschlimmerung.
Ursache für einen schweren Corona-Ausbruch in einem Altenheim mit acht gestorbenen Bewohnern in Schorfheide: Nur 50 Prozent der Mitarbeiterinnen geimpft. Wären Angehörige von mir unter den Toten oder Erkrankten würde ich sowohl die Mitarbeiterinnen als auch die Verantwortlichen im Heim und des Trägers verklagen. Die Tatsache, dass hier kein 2 G Standard beim Pflegepersonal verpflichtend war und ist, erfüllt den Straftatbestand der fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge. Auch wenn es nur bedingter Vorsatz und der individuelle Tatanteil nur schwer festzustellen ist, reichen die Paragrafen 223 StGB ff. hier allemal für eine Verurteilung. Allgemeine Idiotie, Niedertracht und Verblödung nehmen derartige Ausmaße an, dass hier nur Druck, Zwang und Strafverfolgung helfen.
Die Untersuchungen, nach denen Druck bei Impfunwilligen eher kontraproduktiv wirken würde, sind in ihrem Fazit, mit Verlaub, Blödsinn. Es ist eine Frage des Druckausmaßes. Wenn in allen Teilöffentlichkeiten vom Supermarkt über ÖPNV bis Kulturveranstaltungen grundsätzlich 2 G gilt, und natürlich auch am Arbeitsplatz, ansonsten erfolgt unbezahlte Freistellung von der Arbeit, „explodieren“ die Impfquoten selbstverständlich. Wer kann sich seine Renitenz und Wichtigtuerei schon ohne Kohle leisten.
Nächste Konsequenz: Impfpflicht für alle, mit extrem hohem Ordnungsgeld bei Verweigerung. Das dient auch als Masterfolie für die nächste Pandemie, die bereits jetzt ante portas ist. Das letzte Mittel von Druck zum Erhalt der Zivilgesellschaft ist das Strafrecht. Das ist natürlich einerseits das auch letzte Mittel der Klassengesellschaft, um ihren Erhalt zu sichern, aber andererseits der am meisten von Ideologie befreite – bei „uns“ zumindest ziemlich unbestechliche – gesellschaftliche Sektor, der für Vernunftbasierte Gerechtigkeit sorgen kann.
Bei der Gesundheit als anderem Beispiel haben Sie von vorneherein gleich die Arschkarte gezogen, wenn Sie arm sind. Das ist der offensichtliche und blutige Ausdruck von Klassengesellschaft.
Also Druck auf die Idioten, bis sie quietschen.
Diese Impfverweigernden sind aber auch oft arme Würste, was Habitus, Gestus, Weltläufigkeit, Stil und Niveau angeht. Hors de question.

30.10.21 – Radikal ist nur das Leben.


Disma Land. Kunstprojekt des Streetart-Künstlers Banksy im Ferienort Weston-super-Mare in Somerset, England. Banksy ist linker radikaler Künstler, sowohl von Inhalten, Ikonografie und Arbeitsweise her. Wobei ich nicht glaube, dass Banksy ein Individuum ist, sondern ein Kollektiv, aus vielleicht drei Männern, sicher keine Frau dabei.
Banksy ist auf der Liste der bedeutendsten Künstler nicht zu finden, weil er sich dem klassischen Kunstbetrieb verweigert. Der ihn dafür umso hemmungsloser umarmt, zum umsatzstärksten lebenden Künstler macht und leidenschaftslos seine Rolle beschreibt:
Sein Werk tritt im Rahmen von Projekten zunehmend als eine politische Waffe hervor, die in der Kunstgeschichte wegen ihrer Kühnheit ein völlig neues Phänomen darstellt.“
An Banksy wird das unauflösbare Dilemma linker radikaler Kunst, ja Positionen grundsätzlich, deutlich: Sie sind im überwältigenden Neoliberalismus des 21. Jahrhundert von keiner Bedeutung, außer einer marktförmigen.
Trotzdem gilt: Zeitgenössische Kunst von Bedeutung kann nur radikal sein, findet nicht im Saale statt, greift ein und an, ist immer parteiisch und insistiert auf ästhetischer Autonomie. Sonst ist sie Firlefanz.
Und von wo kommt Banksy? Zitat:
„ „Mögen die Straßen für jedermann zum Festtag der Kunst werden.“ Keine Devise von Banksy, sondern von russischen Futuristen um Wladimir Majakovsky aus dem Jahr 1918, kurz vor der Oktoberrevolution. (Die sowjetischen Revolutionäre) … verbanden Protest mit Straße und aufrührerische Kommunikation mit einem sozialen Szenario, dessen bevorzugtes Aktionsfeld die Hausmauern der Stadt waren. … Banksys Kunst hat wie ein keimender Same die in diesen Worten Majakovskys und seiner Genossen schlummernde Kraft am Leben erhalten.“
Aus: The Art of Banksy. Gianni Mercurio. Prestel 2020. Aus dem auch das Bild oben ist, das ich risikolos verwenden kann. Wg. Banksy.
Eins der besten Bücher über Kunst, das ich kenne. Wobei: Lesen wird überschätzt. Radikal ist nur das Leben. Der köstliche Moment von Adrenalin, wenn Banksy zittern muss, auf der Straße erwischt zu werden bei seiner Produktion, ist durch Nichts zu ersetzen.

28.10.2021 – Wenn es fast nur Ware Kunst gibt, wo bleibt dann die wahre Kunst?



Vielleicht hier? Es gibt Kunstströmungen, die so radikal sind, dass sie noch nicht mal vom Mainstream – der sonst alles verwurstet – aufgesogen, verdaut, kommerzialisiert und ausgeschissen wurden. Wie die Situationisten, die zwar auf der im Ansatz revolutionären documenta 72 kurzfristig integriert waren, aber danach wieder ins Vergessen gedrückt wurden. 72 war, zumindest im Feuilleton, an Unis und angrenzenden Bereichen, sowieso alles so verbalradikal, dass man denken konnte, die Räterepublik stünde vor der Tür. Es wurde dann aber nur die Studienräterepublik.
Fundstücke über die Situationisten zu Gesicht zu bekommen, ist schwer. Originalflugis werden für 50 Euro im Internet gehandelt, es gibt einen Blog darüber, ansonsten Geraune im Zusammenhang mit der hier schon hochgelobten Ausstellung im DHM in Berlin über Kunst und Politik auf den documenten.
Parallelen gibt es auch woanders, Beispiel Rockmusik, wo die MC 5 wegen revolutionärer Umtriebe teils im Knast landeten oder vom Mainstream boykottiert wurden. Den Mainstream besetzten damals Schnarchcombos wie die Rollig Stones, deren Songs sich neben MC 5 wie Skifflemusik anhören.
Es gibt Verbindungslinien, Entwicklungsströme (Neostrukturalisten würden von Rhizomen faseln), die radikale, und damit interessante, Kunstgattungen miteinander verbinden. Sie alle wurzeln in der russischen Avantgarde, die nach ihrer kurzen Blüte von Stalin erdrosselt wurde. Ihr Geist wanderte zu Dada, wucherte in die Situationisten, befruchtete kurz Fluxus und Perfomance, explodierte im Punk, der sich schnell als kommerziell zu interessant erwies, um nicht aufgesogen zu werden.
Wo ist dieser Geist heute? Bei Banksy? Auf jeden Fall ist Banksy ein Beleg dafür, dass der Kapitalismus derart an allen Fronten gewonnen hat dass er, anders als 72, wo es für einen kurzen, historischen Moment nach seinem Schwächeanfall aussah, alles und jede*n verwursten kann. Im Fall Banksy, der ihm und dem Kunstmarkt kräftig ans Schienbein tritt, sogar zu Höchstpreisen.

26.10.2021 – Einer der größten Trunkenbolde


Der Wertgigant. Ist vom hannöverschen Rathaus, hier im Bild, nach Düsseldorf weitergewandert und wird dann wo landen? Genau. In Berlin. Dieser dekorative Schrott soll an unsre böse, böse Wegwerfkultur gemahnen. Die Skulptur dürfte beim Sonntagsspaziergang einen maximal kritischen Impuls beim vorbeiquengelnden Nachwuchs erzielen à la: „Papa, kaufst Du mir auch so einen Transformer?“ Dem Gebrauchskunstwerker HA Schult muss man zu Gute halten, dass er an dem Thema seit über 50 Jahren dran ist und sogar die documenta 1972 mit dergleichen dekorierte. Immerhin die documenta, die nach wie vor als die Bedeutendste gilt.
Der Wertgigant heißt so, weil sein Sponsor der Versicherungskonzern Wertgarantie ist, der mit dieser Schrotttour pfiffig jede Menge kostenlose PR generiert. Gegründet wurde der Konzern von einem der größten Trunkenbolde, und das will etwas heißen, die den Bundestag je bevölkerten, von Detlef Kleinert, FDP. Heutiger Vorstandsvorsitzender ist Patrick Döring, eine ehemalige hiesige FPD-Größe. Da ist Meister Schult genau bei denen gelandet, die schon immer für nachhaltiges Wirtschaften eintraten, für erneuerbare Energien und einen radikalen ökosozialen Umbau der Gesellschaft.
Schöner kann der Pardigmenwandel der Kunst von 72 (und in Teilen der Gesellschaft) bis heute, von radikaler Systemkritik hin zur affirmativen Umarmung der real existierenden, kaputtmachenden Verhältnisse, nicht illustriert werden.
Immerhin stapft der Wertgigant noch in den Erinnerungsspuren der damaligen Epoche, in der die Kunst im öffentlichen Raum zaghaft das Licht der Agoren der Republik erblickte, verbunden mit allerlei Hoffnung auf mehr Demokratie und Emanzipation. Was ereiferte sich damals Volkes Mund über moderne Kunst im öffentlichen Raum. Das Fazit des damaligen Gegeifers dürfte ungefähr sein: „Unter Adolf hätte es sowas nicht gegeben“.
Insofern ist der Wertgigant in seiner Ambivalenz ehrlicher als das Brimbamborium um die neulich erschienene Liste der wichtigsten Künstler*innen der Gegenwart.
An der Spitze seit Jahren der in den Olymp entrückte, im Vagen und Konturlosen rumpinselnde Gerhard Richter, gefolgt von notorischen Schmieranten wie Baselitz, nur unwesentlich erträglicher gemacht durch Rosemarie Trockel und Bruce Naumann.
Diese Liste ist ein Beleg dafür: Kunst, die im Saale, in Museen, Galerien stattfindet, ist nicht nur nach wie vor sondern mehr denn je reine Belustigung der höheren Stände, reaktionär in ihrer Wirkung und albern in ihrem selbstreferentiellen Aufplustern.
Hugh, ich habe gesprochen.

23.10.2021 – Wenn ich jemanden erwische, der in meinen Hauseingang kackt …


Gestern Morgen im Garten. Auf einmal war sie zu purpurner Pracht erblüht und schenkte dem derzeit eher graubraun nieselnasstrüben Gartenbild einen seelenwärmenden Glanz in ihrer kühlen, fast strengen Schönheit. Ich mag eher die verschwenderischen zartgelben Duftrosen, die ihre üppige Fülle in wenigen Tagen mit vollen Blüten an den Gartenflaneur verschwenden, der seine Nase kaum von ihnen wenden mag. Nach kurzer Zeit rieseln die Blätter zu Boden. Anders ihre kardinalsfarbenen dunkelroten Schwestern, die nur das Auge erfreuen, aber das viele Tage lang, gerade bei dem Wetter. Je nach Frost bis über Weihnachten hinaus. Das hat doch was tröstliches in trüben Tagen, die mitunter selbst mein Gemüt eintrüben, mich gar zu einer spießerhaften Fehlwahrnehmung verleitet haben. Ich wohne in einem „Szeneviertel“ mit nächtlich hohem Partyaufkommen, mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen, die Sie gerne den Medien entnehmen können, und die es in jeder „Großstadt“ geben dürfte.
Leider kotzt die Jugend der Welt ihre Drogenexzesse nicht in den Villenvierteln der eigenen Eltern vor die Türen und auf die Plätze, sondern bei „uns“. Es kommt zu Prügeleien, Messerstechereien, es war gar die Rede vom versuchten Anzünden von Personen. Ich kann die Jugend sowieso nicht leiden, darin gleicht sie meinen Altersgenoss*innen, die ich noch viel weniger leiden kann, und so stand auch bei mir neulich das Urteil fest: Früher war alles besser, nur noch Kriminelle unterwegs und Gesindel, da müssen Hundertschaften an Polizei in Dauerpräsenz her, alles verbieten, da muss man die Straßen auch schon mal freikärchern.
Ich meinte eigentlich eins gelernt zu haben, nicht nur im Job-Leben: Guck erst auf die Fakten und in die Statistiken und bilde Dir dann ein Urteil. Der einzige Ort, an dem ich das mitunter anders handhabe, ist dieser Blog hier. Das ist mein Luxus, hier gönne ich mir Freiheit, was schert mich mein Geschreibsel.
So kann man, vulgo ich, sich täuschen. Es kam, wie es kommen musste. Das hiesige Zentralorgan der Spießer, Ducker und Flachdenker, die HAZ, die ich noch weniger leiden kann als die Jugend, bringt in seiner heutigen Ausgabe ein verdienstvolles Interview mit der Leiterin der hiesigen Polizeidienststelle, das in dem Fakten-Fazit gipfelt:
„Wir haben … keine Lage, die wir als Polizei bedenklich einstufen …Das derzeitige Kriminalitätsgeschehen macht eine Dauerpräsenz … nicht erforderlich… Das derzeitige Straftatenaufkommen gibt keine Begründung für eine Verbotszone her …“
Fazit 1: Lob für die HAZ
Fazit 2: Ich werde langsam alt …
Trotz allem: Wenn ich jemanden erwische, der in meinen Hauseingang kackt, breche ich ihm …
Ooops, das geht selbst mir zu weit.
Schönes Wochenende, liebe Leserinnen. Hier noch eine aus dem Garten …

22.10.2021 – Irgendwo zwischen müde und zornig


Mehr Nichts wagen. Plakat Hermann Sievers, 2020.
Muss man angesichts der Alternativen dankbar sein für die sich abzeichnende Koalition, mit einem Olaf Scholz als Kanzler? Dem Mann, der bis über die Knie im hanseatischen Filzsumpf steckte, für Steuer-Millionenverluste in der Causa Warburg Bank mitverantwortlich ist und sich mit seiner Untätigkeit in Sachen Steuerhinterziehung und Geldwäsche in eine unselige Linie mit seinen ex-Amtskollegen und Parteigenossen Eichel und Steinbrück stellte? Von der Finanzmister-Zwischenlösung Schäuble war ja Nichts anderes zu erwarten als die grenzenlose Duldung von Ausplünderung der Staatskassen durch Banken und Konzerne.
Aber das sozialdemokratische Finanzminister und der zukünftige Kanzler mitverantwortlich waren und sein werden für diesen mafiosen räuberischen Umgang mit dem Gemeinwesen, der allein in Sachen cum ex den Staat mehr Milliarden gekostet hat als der gesamte Landeshaushalt 2021 des Landes Niedersachsen beträgt, das macht ….
ja, was macht das eigentlich mit uns, mit mir? „Uns“, vulgo den Wähler*innen war das völlig egal, die wählten Scholz und Schlimmeres. Der deutsche Michel und die deutsche Michaela waren schon immer zu dumm, auch nur die schlichtesten nationalökonomischen Zusammenhänge zu begreifen. Bei denen verfängt noch immer das dümmlichste aller Argumente für eine Schuldenbremse: „Die sparsame schwäbische Hausfrau gibt ja auch nicht mehr aus als sie einnimmt.“
Dir schwäbische Hausfrau als Masterfolie für ein Staatswesen, dessen Funktion der Erhalt und solidarische Ausbau einer sozial gerechten Infrastruktur zu sein hat, was Investitionen im Hunderte-Milliarden-Bereich voraussetzt: Das ist ein Ding im Tollhaus.
Wenn ich vor diesem Hintergrund weiß, dass in Niedersachsen auf Grund von Mittelstreichungen die Struktur der Migrationsberatung bedroht ist und damit die der unabhängigen Erwerbslosenberatungen gleich mit, dann macht mich das … irgendwas zwischen müde und zornig? Zornig als zoon politikon, weil es eine Sauerei ist, die politisch geändert werden kann. Müde als Dandy, weil diese und andere Sauereien seit Jahrzehnten in einer Art Dauerloop durch die politische Landschaft rotieren. Diese ewige Wiederkehr des ständig Gleichen, oft im roten Mäntelchen, das dem Zeitgeist hinterher weht, es ist ermüdend. Ja, es erfüllt mitunter mit ennui. Man würde sich angeekelt abwenden irgendwann, wäre da nicht der Alltag, der der Ausdruck des Politischen an der Tankstelle, im Bus, in der Bäckerei und im Bekanntenkreis ist. Maskenverweigerer rasten aus, verprügeln und ermorden arme Schweine, die einfach nur auf Maskenpflicht hinweisen. Für erbärmliche Bezahlung müssen sich Niedriglöhnerinnen in Bäckereien etc. jeden Tag vollpöbeln lassen von solchem Gesindel.
Und im eigenen Bekanntenkreis muss ich mir Idiotien anhören lassen wie „Scheiß-Impfpflicht in Deutschland… Ich lass mich nicht impfen … warte erstmal ab etc. pp..“ Gerne auch vor dem Hintergrund esoterischen Irrsinns, homöopathischen Aberglaubens, religiösen Wahns oder linken Verschwörungstheorien. Solche Arschlöcher sind der Resonanzboden für gewaltanwendende Maskenverweigerer, sie tragen Mitverantwortung für den Verfall des Restes an zivilisatorischem common sense, den wir noch haben. Das macht mich dann doch zornig. Da gehe ich dann auch schon mal verbal rustikal vor, vulgo schwerst beleidigend. Da bleibt dann auch schon mal die eine oder andere zwischenmenschliche Beziehung als Pandemie-Collateralschaden auf der Strecke.
Lese gerade, dass das Infektionsgeschehen sprunghaft ansteigt. Es ist fast auf den Tag genau die gleiche Entwicklung wie vor einem Jahr. In den Iden des Oktobers „explodierten“ die Zahlen.
Und nun das Wetter von Morgen …

14.10.2021 – Im elftcoolsten Stadtviertel der Welt


Sonnenflecken. Körnerpark, Neukölln.
Kürzlich wurden die 50 coolsten Stadtviertel der Welt gekürt. Einziges aus Deutschland auf Platz 11: Berlin-Neukölln. Mit dem expliziten Hinweis, ein idealer Tag in diesem coolen, multikulturellen Kiez würde gekrönt durch einen Spaziergang vom Körnerpark zum Tempelhofer Feld
Auf dass die Jugend der Welt noch häufiger nach Neukölln kommen, nächtens die Bürgersteige vollkotzen möge und die Mietpreisexplosionen wegen schicker Gegend die Ureinwohnerinnen vertreibe. In Neukölln gibt es das einzige Zwei-Sterne-Restaurant der Welt, das ausschließlich Desserts serviert.
Direkt um die Ecke war eine der letzten Räumungen eines besetzten Hauses, Friedel 54. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ich war bei der Räumung dabei, hab mich aber altersgemäß verzogen, als es brenzlig wurde.
Natürlich ist Neukölln mittlerweile völlig out, wie alles, was in irgendwelchen bescheuerten Rankings auftaucht. Selbst der Wedding ist nicht mehr der heißeste Scheiß. Wenn Sie mich fragen, was richtig cool ist: Marzahn.
Nett ist es trotzdem im Körnerpark, die dortige Galerie macht ein feines Ausstellungsprogramm und Touris verirren sich komischerweise selten dahin. Bleibt die Frage: Wo soll das alles enden? Das Elend der Obdachlosen wird immer offensichtlicher, es werden immer mehr. Und die selbstkritische Frage muss immer im Hinterkopf bleiben: Wieweit bin ich selbst Teil dieses Verdrängungsprozesses. Ich gehe zum Beispiel auch gerne gut essen, jedenfalls lieber als an den Millionen Dönerbuden der Karl-Marx-Straße.

Wo die allerdings hinführt, wissen wir ja. Direkt nach Moskau. Diese Plakatgegenüberstellung stammt aus der famosen Ausstellung „Documenta. Politik und Kunst“ im DHM in Berlin
Dort wird deutlich, dass der Gründungsmythos der documenta von Nazis durchseucht war. Das Odium des vermeintlich Aufklärerischen, Rebellischen kriegte sie erst viele Jahre später, zu Unrecht. Kein Mensch thematisierte in den Gründungsjahren, dass Documenta-Oberguru Haftmann beinharter Nazi war und blieb, dass jüdische Künstler*innen nicht ausgestellt wurden, Frauen nicht stattfanden und fast ausschließlich abstrakte Kunst präsentiert wurde – Abstraktion ist Flucht aus dem konkreten, ergo Beliebigkeit & Feigheit. Späterhin blamierte sich die Documenta mit einer weitgehenden Missachtung der DDR-Kunst. All das wird excellent mit zahlreichen Documenta-Werken im DMH dokumentiert. Wer sich nächstes Jahr nach Kassel auf den Weg macht, wird das, was dort passiert, nur halb verstehen ohne Kenntnis dieser Ausstellung.

09.10.2021 – Arme Sparschweine der Nation


Sparschwein mit drei Euro mehr Hartz-IV ab 01.01.22 vor Jobcenter.
Das ist von allen bisherigen Hartz-IV-Erhöhungen die zynischste. Der Regelsatz ist eh schon verfassungswidrig niedrig, die Erhöhung bleibt weit unter der Inflationsrate und die existentiellen Bereiche wie Wohnen und Ernährung sind überdurchschnittlich teurer geworden während Corona: Grundnahrungsmittel über 10 Prozent, Mieten in Ballungsräumen teils auch in der Größenordnung und die Unterdeckung bei Stromkosten für Hartz-IV-Bezieher*innen beträgt mittlerweile fast 100 Euro im Jahr. Hartz-IV-Bezieher*innen haben statistisch gesehen ca. 5 Euro am Tag für Ernährung, das heißt, sie müssen fast zwei Tage mit Essen aussetzen, um die Stromlücke zu finanzieren. Das ist keine statistische Spielerei, sondern Realität im Deutschland eines Olaf Scholz. Mit seiner Laienspielschar demnächst auch in Ihrem Theater. (Oder glaubt irgendjemand ernsthaft, Hartz-IV würde grundlegend reformiert oder erhöht?)
Dem Rest der Bevölkerung ist das weitgehend egal, die Mitte der Gesellschaft verdrängt das aus Angst vor dem eigenen Absturz und die höheren Stände leben eh nach dem Motto: Mehr ist nie genug, egal woher es kommt, und wenn es aus den Fressnäpfen der Armen geklau(b)t wird.
Zur Orientierung: Nur das Vermögen der 50 reichsten Deutschen übersteigt die Höhe des gesamten Bundeshaushaltes 2021.
Am 17.10, dem Weltarmutstag werden diverse Sparschweine mit drei Euro Inhalt vor Jobcentern, der Deutschen Bank, der Börse und dem hiesigen Landtag auftreten (der soll via Bundesratsinitiative sich für eine Erhöhung um 100 Euro einsetzen).
Die Schweine werden vom Meister handsigniert. Seien Sie rechtzeitig vor Ort und sichern sich ein Schwein. Durch Handsignatur und Nummerierung steigt der Wert dieser Sauerei, zusätzlich gepusht durch eventuelle Übertragung in den Medien, ins Unermessliche.
Fachleute gehen davon aus, dass die Werke samt Inhalt hinterher vier Euro wert sein werden.