26.07.2019 – Hitzewahnsinn


Dünenlandschaft in Portugal oder Ausläufer der Sahara? Berlin Grunewald, gestern.
Ich weiss nicht, ob Berlin in 30 Jahren flächendeckend so aussieht. Ich denke allerdings, dass wir Klimaproduzierte neue Krankheitsbilder bekommen werden. Wie zum Beispiel den Hitzewahnsinn, analog zum Rinderwahnsinn. Erste Anzeichen machen sich schon bei Steffen Kampeter bemerkbar, Chef der Arbeitgeber Verbände, der auf das Ansinnen der Grünen für Hitzefrei bei Arbeit im Freien unter derzeitigen Bedingungen folgendes in die Mikrofone erbrach:
„Immer neue staatliche Einheitsfantasien und Regulierungsregelungen für unsere Unternehmen sind nicht der richtige Weg.“ Derart sinnfrei kann nur faseln, wer nahe am Delirium ist. What the fuck hat die Einheit mit Hitzefrei zu tun, was hat die Phantasie hier verloren und was um Dudens Willen sind Regulierungsregelungen? Regulierungen? Oder gar Regelungen?
Herr Kampeter ist der lebende Beweis für die Notwendigkeit von Hitzefrei auch für Bürohengste,ein leider schnöde in Vergessenheit geratenes Wort, wobei es sich in einigen Fällen eher um Wallache handeln dürfte.
Kann diese Scheissrepublik nicht ab und zu einfach mal durchatmen und flächendeckend Siesta machen, mal viere gerade sein lassen?
Und in dem Moment, wo ich das schreibe, merke ich, dass ich wirres von mir gebe. Schwachsinn. Himmel hilf, ich habe Hitzewahnsinn!

25.07.2019 – Geschichten, die die Hitze erzählt


Turm am Frankfurter Tor, Berlin, mit Laternenpfahl und Werbeschild „Eislatte“.
In der Hitze des Tages zerfliesst der Körper und mit ihm die Wahrnehmung, sie mäandert an ihren Rändern in unkontrolliertes Terrain. Bilder fluten ins Hirn, im obigen Fall dachte ich, vermutlich konditioniert durch den feministischen Blick: „Phalli, überall Phalli.“ Denkt man überhaupt so oder ist das jetzt eher der Transfer „Denken-Schreiben „? Dann nahm ich wahr: Eislatte.
Bei Tarifforderungen von Gewerkschaften schreibt die Journaille gewöhnlich: die Messlatte liegt hoch. Eine Gewerkschaftspostille schrieb vor Jahren zu meinem Ergötzen: Die Messlatte steht!
Ob dem Autor dabei noch seine Morgenlatte im Gehirn oder sonstwo herumspukte,wissen wir nicht. Die Begegnung mit der Eislatte gestern in Berlin bei gefühlten 45 Grad jedenfalls hatte was.
Heute soll es noch heisser werden. Ich bin gespannt auf die heutigen Bilder des Tages und halte Sie, liebe Leserinnen, auf dem Laufenden.

21.07.2019 – Es wird gelesen, was auf den Tisch kommt


EXPO – wir lieben Dich brennend.
Ich lese gerade das Buch „Berlin – Stadt der Revolte“ von Michael Sontheimer und Peter Wensierski, erschienen 2018 im Ch. Links Verlag. Das Buch ist für mich eine doppelt ärgerliche Lektüre, erstens inhaltlich und zweitens ärgere ich mich über mich selbst, dass ich den Schinken überhaupt zu Ende lese. Das Buch listet Anekdoten auf von Orten, die Schauplätze oder Kulisse unterschiedlicher Aufstände waren, in einem peinlich-schülerhaften Authentizitätston, als ob die Autoren immer und überall dabei gewesen wären, eine Analyse findet nicht statt. Mit Kitschüberschriften wie „Ein Schuss in viele Köpfe“ (Zum Tod Benno Ohnesorgs). Es muss sich um einen Sockenschuss an den Kopf der Autoren gehandelt haben.
Es wäre ja mal interessant gewesen, näher als in zwei Halbsätzen zu erfahren, warum sich an manchen Orten, Kreuzberg im Westen oder Prenzlauer Berg im Osten, solche Orte ballen. Ganz zu schweigen von Differenzierungen zwischen legaler und legitimer Opposition, was das Spannungsfeld der Bürgerbewegung im Ostteil der Stadt kennzeichnete, und den gewaltbereiten, autonomen Aufständen rund um die Hausbesetzerszenen im Westen, siehe „Kreuzberg brennt“. Wer mehr Kritisches erfahren will, hier.
Natürlich sind auch schöne, mir unbekannte Geschichten darin, wie die über den „Schwarzen Kanal“, einen Ost-West-Piratensender in Prenzlberg, also DDR, in dem westdeutsche Autonome und ostdeutsche Bürgerbewegte unter hohem Risiko Oppositionelles zur Atomkraft-Situation nach Tschernobyl sendeten, Bürgerradio vom feinsten. Und bei vielen Orte nickte ich kennerhaft: „Kenn ick, wa, bin ick jestern vorbei jeradelt, wohn ick umme Ecke, wa.“
Aber was bleibt, ist der Ärger über vertane Zeit, Geld und die wiederholte Verwunderung, wie tief und nachhaltig meine Erziehung wirkt. Einer der 467 Erziehungs-Leitsätze, gegen die das Abtreibungsverbot der katholischen Kirche eine lockere Diskussions-Tischvorlage ist, lautete: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt und der Teller wird leergemacht, eher stehst Du nicht auf, und solange Du die Füße unter meinen Tisch steckst …“
Dieses unausrottbare Genügsamkeitsdiktum hat zur Folge, dass ich an Lebensmitteln pro Jahr maximal ein Kilo wegschmeiße, und das ist noch hochgeschätzt. In der BRD sind im Durchschnitt pro Person 82 kg, zwei Einkaufswagen voll bis obenhin im Wert von 284 Euro. So weit so positiv.
Negativ wird dieses Reste-Verwertungs-Programmierung aber in anderen Lebensbereichen: Ich lese Scheißbücher zu Ende, was mir Zeit stiehlt, gucke mir dämliche Theateraufführungen bis zum Schluss an und habe echte Probleme, mich aus öden, dämlichen Gesprächen und Diskussionen zurückzuziehen. Nach Jahrzehnten stiller Duldung habe ich es jetzt endlich fertiggebracht, nervende Gäste loszuwerden mit der Ansage: „Oh, die böse, böse Uhr, vertreibt die lieben Gäste! Böse Uhr!“
Schön wäre es ja auch gewesen, in diesem Buch, was leider zu dick ist, um unter das wackelnde Gartentischbein gepackt zu werden, was zu erfahren über Veränderungen: was passiert warum mit Orten und Protagonisten im Laufe der Jahre, warum ist es so, dass Berlin „nicht mehr junge Anarchisten und Künstler an(zieht), sondern die karrieristischen Töchter und Söhne der Wohlhabenden aus München und Stuttgart“. Und was bedeutet das für zukünftige Formen von Revolte. Also ich wäre gerne Pate eines zukünftig besetzten Hauses, ich war ja selber mal jung & rebellisch. Ich besitze heute noch das oben abgebildete Feuerzeug aus der militanten Anti-Expo 2000 Bewegung in Hannover!
Ich mutierte dann aber innerhalb von zwei EXPO Besuchen vom Saulus zum glühenden EXPO Paulus.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ich muss jetzt das Buch zu Ende lesen…

20.07.2019 – Der neue Blick


Drohnen-Blick auf das Hausprojekt eines Freundes, irgendwo in den Weiten der norddeutschen Tiefebene.
Wir sind in der Wahrnehmung unserer Bebauung nur zweidimensional. Wie das, was uns prägt, die Stadt, das Dorf, unseren Alltag maßgeblich strukturiert und beeinflusst, von oben aussieht, entzieht sich weitgehend unserem Blick. Wie bedauerlich dieser Mangel ist, sieht man an der Faszination, die Luftbilder auf uns ausüben, auf mich jedenfalls. Das einzige Foto, das bei mir in der Küche hängt, ist eine Luftaufnahme unseres Grundstücks, mit Haus und Garten. Die komplette Schönheit von Gartenanlagen wie dem Großen Garten in Hannover, einem einzigartigen Barockensemble, entfaltet sich nur in der Draufsicht. Dieser Mangel an Wahrnehmung ist mit ein Grund für einen uralten Menschheitstraum: Das Fliegen. Als wir dann fliegen konnten, sahen wir allerdings: Nichts. Bis auf Start- und Landebahn. Abgesehen davon, dass die Realisierung dieser Utopie uns aus ökologischen Gründen jeden Tag dem Abgrund einen Schritt näherbringt, was wir Fort-Schritt nennen.
Insofern ist die massenhafte Verfügbarkeit von Drohnen ein Schritt der Emanzipation, er befreit uns mittels günstiger technischer Hilfsmittel gefahrlos von der bleiernen Schwere der zwei Dimensionen und lässt uns Adlern gleich die Lüfte erobern. Na ja, fast. Ich persönlich bin zu blöd für die Technik, die dahintersteht. Der erste Drohnenflug wäre mein letzter und vermutlich würde ich als Kollateralschaden noch das Flugzeug der Bundeskanzlerin vom Himmel holen, was im Falle von Angela ein Verlust wäre, menschlich gesehen. So bin ich froh, technikaffine Freunde zu haben, die Einem neue Perspektiven ermöglichen. Und das ist tatsächlich das Fortschrittliche an Drohnen: sie ermöglichen eine neue Sehweise, Veränderung der Perspektive. Früher hat mich das Haus-Projekt, siehe oben, ein wenig gegruselt. Als Mann jenseits aller handwerklichen Fähigkeiten erschien es mir unfassbar, wie man sich auf ein derartiges Projekt einlassen kann, wo außer dem Fachwerk alles erneuert werden muss. Natürlich, Pioniergeist, Go west, young man! Aber wie heißt es auch für Siedlergenerationen: Der Erste den Tod, der Zweite die Not, der Dritte das Brot. Und ich muss nicht überall der Erste sein. Pioniergeist ist mir irgendwie wesensfremd.
Aber diese Aufnahme hat meine Sichtweise verändert. Sie bildet nicht mehr die bedrückende zweidimensionale Enge und Schwere einer Baustelle ohne Ende ab, sondern wirft einen freien Blick auf das Ganze, die Welt, wie sie wirklich da unten ist, in ihrer ganzen Schönheit.
Natürlich sind Drohnen wie viele Fort-Schritte, ambivalent. Sie können als Killermaschinen genutzt werden und haben die Vision vom Big Brother in neue Dimensionen gebracht. Aber vielleicht sind sie auch ein Beitrag zur Lösung des CO2 Problems, indem sie perspektivisch den Warentransport auf der entscheidenden letzten Meile vom Auto befreien.
Und manchmal bin ich ja doch zumindest ansatzweise auf der Höhe des technischen Fortschritts und sooo dankbar dafür. Wenn ich mir vorstelle, ich mit meinem gruseligen Orientierungssinn müsste mich in Berlin statt mit Google Maps mit einem Falkplan (für die Jüngeren: ein Faltpapier-Stadtplan, der bei jedem Windhauch ein groteskes Eigenleben ent-faltet) orientieren, entspringt ein Lachanfall meiner Kehle. Eine Nummer für einen Witzfilm. Man sieht sie mitunter noch in Berlin, Menschen mit Papierplänen, das hat etwas melancholisch-rührendes an sich, wo Jüngere vielleicht denken, es sei eine religiöse Kulthandlung. Dann möchte ich zu ihnen gehen, sie umarmen und sagen: Alles wird gut.
Aber das wäre gelogen.
Ich freue mich jedenfalls wie ein Schneekönig darauf, wenn besagter Pionierfreund demnächst mit seiner Drohne Fotos von meinem Garten von oben macht, und ich mitten drin, winkend, an meinem Teich.

19.07.2019 – Warum arbeiten wir oder: Der Schlüssel zum Erfolg!


NEKRO – Das Magazin für die Generation Gehhilfe. Einziger Inhalt: Ich.
Das Geburtstagsgeschenk eines geschätzten Freundes und Kollegen, was mich überaus erfreute, auch wenn ich in Bild und Wort darin zu 99 % schlecht aussehe (Andersherum wäre es eine Hagiographie und monströs peinlich und besagter Freund & Kollege ist ein Titan an gutem Geschmack, also …)
Professionell eine Zeitung mit mehreren Ausgaben in nennenswerter Auflage, spürbarem Erfolg, guter Qualität und politischer Relevanz herauszugeben ist ein Haufen Arbeit. Das habe ich zweimal in meinem Leben gemacht. Diese Arbeit schmeichelte unter anderem auch der eigenen Eitelkeit, ein Motiv, das für Erwerbsarbeit mittlerweile anerkannt, aber noch unterschätzt wird.
Allerdings habe ich noch keine Zeitung herausgegeben, derem Inhalt dem der NEKRO entsprach. Ich muss meinem Affen ja nicht zusätzlich Zucker geben…
Zwar sagt heute kein Mensch mehr, oder höchstens noch Gewerkschafter, wobei hier die männliche Form bewusst und zu Recht steht: „Es geht mir nur um die Sache.“ Geht es nie, es ist immer auch persönlich. Aber die Befriedigung von Eitelkeiten wird in Zusammenhang mit Arbeit gerne noch unter dem Deckmantel „Sinnhaftigkeit“ versteckt. Arbeit soll Sinn machen und befriedigend sein, dann unterliegt ihre Erfüllung einem intrinsischen Motiv, also aus sich heraus. 90 % aller Arbeit wird aus extrinsischem Motiv ausgeführt, also unter dem Druck der Verhältnisse: Kohle.
Eitelkeit als Superbia in Verbindung mit Hochmut und Stolz ist die erste der Todsünden der katholischen Kirche, sie wird Frauen eher zugestanden als Männer, was ich für diskriminierend halte und auch eher zugeschrieben, was ich für falsch halte. Man schaue sich nur Männer in Diskussionen bei Veranstaltungen an, wie oft möchte ich aufstehen und einfach laut und grell intervenieren: Kikeriki, wenn die Hähne wieder ihr Gefieder plustern. Ich habe irgendwann gemerkt, dass Männer bei Ausübung von Eitelkeit im öffentlichen Raum sehr peinlich aussehen und mir auch aus diesem Grund ein gerüttelt Maß an Selbstironie angewöhnt, denn natürlich bin auch ich eitel. Und es nimmt der Peinlichkeit einiges an Spitze, wenn man vor sich selbst und anderen dazu steht und darüber lachen kann.
Ich halte es mit dem legendären Dandy George Bryan Brummell, dessen Diktum lautet: Verbringe den Vormittag vor dem Spiegel, aber wenn Du das Haus verlässt, darf Dir das niemand ansehen. Beim zeitgenössischen Dandy muss es hierbei auch immer um innere Haltungen und Ansichten gehen.
Die Sicht auf Eitelkeit ist zwar ambivalenter geworden und das etwas altfränkisch klingende Qualitäts-Urteil „superb“ hat ja nicht umsonst die Bedeutung „vorzüglich“, trotz des inkriminierten Wortstammes. Aber nach wie vor ist Eitelkeit ein Karrierehemmnis. Ich kenne mehrere Beispiele, wo Kollegen trotz ausgewiesener Kompetenz, Fleiß und excellenter Arbeit keine Karriere machen, weil sie da ihre Eitelkeit wie eine Monstranz vor sich hertragen, wo Demut angezeigt wäre. Das kommt in der Modebranche vielleicht gut an, aber nicht in meinen Zusammenhängen. Womit explizit nicht die Kulturproduktion gemeint ist, da ist mitunter 24stündiges Hähnekrähen ein Schlüssel zum Erfolg.
Bliebt die Frage: Wann schlägt Eitelkeit um in den Verlust von Scham? Scham ist konstituierend für das Funktionieren unsere Gesellschaft. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft als zunehmend verblödet und irrsinnig bezeichnet werden muss, hängt damit zusammen, dass sie zunehmend schamlos ist.
Eins ist mal sicher:

Der Verlust der Scham geht der Verblödung voraus. NEKRO Nr. 1, Seite 18.

17.07.2019 – Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Feminismus


Zwei Jungen beim Damespiel, Henri Matisse, Berggruen-Museum Berlin.
Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst des Feminismus. Mit diesem Fanfarenstoß nach Art des Hauses Marx beginnt ein Raimund Krupinski seinen Leserbrief, der in der HAZ am 16.07.2019 veröffentlicht wurde, um danach die Unverschämt der Weiber anzuprangern, die so dreist sind, wenigstens einen kleinen Teil vom Kuchen einzufordern. Krupinski hat offensichtlich mittlere Reife und das lässt er die HAZ-Leserinnen auch spüren, als er die Verantwortung der Weiber für sämtliches Unbill der Weltgeschichte zitiert:
„Hat nicht Salome den Kopf des Johannes gefordert, Kleopatra die römischen Legionen aufeinandergehetzt, Lady Macbeth ihren Mann zu blutiger Mordtat angestachelt und nicht zuletzt Margret Thatcher ihre Soldaten gegen Argentinien in den Krieg geschickt?“
Abgesehen davon, dass das mit Salome eine Legende ist, Bibel Gedöns halt, war es ein Mann, nämlich Herodes, der Johannes köpfen ließ. Den Königsmord an Duncan beging ein Mann, eben Macbeth, und für die Kriege um und in Ägypten waren Männer verantwortlich, Cäsar und Marcus Antonius. Das mit Margret Thatcher ist korrekt.
Hätte Krupinski zumindest Dreiviertelbildung, wüsste er, dass in der Originalversion des Salome-Mythos die Rolle der Salome ein Mann einnahm, nämlich ein römischer Lustknabe, zu dessen Begehren ein Mann, ein römischer Konsul, einen Gefangenen erschlagen ließ. Das wurde Jahre später in die Rolle einer Frau umgedichtet. Von einem Mann, dem römischen Geschichtsschreiber Titus Livius.
Die Figur der Salome wurde wie kaum eine andere Frauenfigur später in der Kunstgeschichte zu einem weiblichen Archetyp inszeniert, den männermordenden, mit bedrohlich-verschlingender Sexualität ausgestatteten Vamp. Es waren alles Männer, die ihre abgründigen Obsessionen und Projektionen an der nie existiert habenden Salome austobten, wie der von mir ansonsten hoch adorierte Caravaggio, von dem aktuell ein Werk im Barbarini-Museum in Kotsdam zu besichtigen ist. (Mit einem Motiv, dass ich mir auf mein T-Shirt drucken lasse: Der Narziss.)
Unser wackerer Raimund Krupinski, dem wohl leider eins seiner zwei Bücher Zuhause auf den Kopf gefallen ist, kriegt, und das muss ihm der Neid lassen, literarisch gesehen adäquat die Schlusskurve seines Leserbriefes und endet in einem regelrechten Finale furioso:
„ … Die Welt wäre eine bessere, wenn die Frauen das Sagen hätten, sagen die Frauen. Ja, zumindest die Klimakatastrophe wäre uns erspart geblieben. Denn wir würden immer noch in kalten, unbeheizten Höhlen hausen, weil Rad und Feuer noch nicht erfunden wären…“
Hier lähmt Ergriffenheit vor einem solchen Übermaß an Däm(!)lichkeit meine Feder. Da fällt mir nichts zu ein und so halte ich es mit dem Leserbriefschreiber Thomas Weiler am gleichen Tag, der die Ehre der Männer rettet mit der vollkommen berechtigten Frage: „Aber vielleicht wird uns so langsam klar, dass das „Experiment Mensch“ seinem Ende entgegengeht?“
Das Experiment Mann auf jeden Fall.

15.07.2019 – Tünnes, Schäl und Buddha


Wen stellen diese beide Figuren dar? Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar. Komplett handgearbeitet und bemalt, ich schätze aus den 30er Jahren, aus Ton und in allen Metall-Gelenken drehbar. Immer wenn ich von Arbeit genervt vom PC auf den Sekretär schaue, der in meinem Fall leider nur ein Möbelstück ist, versetzen die fröhlich winkenden Gesellen mich in bessere Laune. Tünnes und Schäl, die mir zuerst einfielen, sind es wohl nicht, Tünnes kommt eher im proletarischen Gewand daher. Sicher gibt es in anderen Ländern Pendants, aus der Filmgeschichte kennen wir Pat und Patachon und Dick und Doof. Aber meine Google Bildersuche ergab nichts Handfestes. Allerdings kommt man aus sowas nie dümmer raus als man reingeht. Gleich der erste Wikipedia-Eintrag erfreute mein Gemüt:
„Im Jahre 1993 zeigte die Kölner Stunksitzung ein Kruzifix mit der Inschrift Tünnes anstatt „INRI“. Das Schild wurde nach einer Strafanzeige wegen Beschimpfung von Religionsgesellschaften polizeilich beschlagnahmt.„
Ich habe keine Ahnung, wie man Religionsgemeinschaften überhaupt beschimpfen kann, versammelt sich in ihnen doch aller irrationaler Kopfmüll, der sich im Lauf der Geschichte angesammelt hat, und sind sie für schwerste Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen im Laufe der Jahrhunderte zuständig. Einen kleinen Beispiel-Einblick in die faschistische Ausprägung des angeblich so friedfertigen Buddhismus gibt dieser Artikel über die Zustände in Myanmar.
Und nein, das ist kein Sonderweg oder Ausrutscher, das ist wesensbedingtes Strukturmerkmal. Die Zustände in Tibet, einer Hochburg des Buddhismus, vor der chinesischen Besetzung 1951 waren die einer Sklaven haltenden Feudalgesellschaft:
„ … 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten …. sexuelle Mißhandlungen waren keine Ausnahme. Frauen wurden als minderwertige Lebewesen angesehen und schon in jungen Jahren von buddhistischen Mönchen mißbraucht. Als Strafen für Widerstand oder Diebstahl waren Maßnahmen wie Augenausstechen, Zungeabschneiden, Amputation, Lähmen durch Zerschneiden der Kniesehne und andere Foltermethoden per Gesetz legitimiert und auch praktiziert, wie frühe Tibetbesucher gesehen und dokumentiert haben. …“
1951!
Dass der Dalai Laba als Chef dieser Kasperköpfe in unseren Breitengeraden hymnische Verehrung bei Bachblütensüchtigen, Globulifetischisten und pensionierten Stupidienrätinnen geniesst, überrascht nicht und zeigt mir eins: Das Ende ist nahe. Wenn man die Sprüche dieses geistigen Tieffliegers liest, möchte man weinen, den ganzen Tag nur weinen, aber leider nicht vor Lachen, und wünscht sich sehnlichst die Einrichtung einer Sonderdeponie für Sprachmüll herbei. Beispiel:
„Jeder ist Meister seines Schicksals; es ist an uns, die Ursache des Glücks zu schaffen. Das liegt in unserer eigenen Verantwortung und nicht in der irgendeines anderen.“
Das sollen sich die Rohingya mal hinter die Löffel schreiben, wenn brandschatzender Buddha-Mob mal wieder über ihre Dörfer herfällt.
Aber kehren wir wieder Dreck von unserer eigenen Matte: Ich weiß nicht, welcher Idiot von Richter damals für das Tünnes und Schäl-Urteil zuständig war. Ich weiß aber, dass mich die Titulierung „Idiot“ bis zu 30 Tagessätze meines Einkommens kosten kann.
Erschwerend käme hinzu, wenn ich damit ein Staatsgeheimnis verriete.

13.07.2019 – Ehrenwerte Gesellschaft


AbsetzBar, Berlin-Charlottenburg. Eine feine Gegend, in der ehrenwerte Gesellschaft Zuhause ist: Nobelgeschäfte, Bürgerhäuser mit allerlei Zierrat, Edelitaliener, jede Menge Anwaltspraxen und Steuerberater, die sich nach gelungenem Vertragsabschluss noch auf einen Absacker in der AbsetzBar treffen und schenkelklopfend darüber feixen, ob der Deal eben gerade noch legal war oder nicht. Letzteres nennt man Steuerhinterziehung, ersteres aggressive Steuervermeidung, beides zusammen hat in der BRD eine Größenordnung von über 200 Milliarden Euro. Per Anno natürlich.
Im Bezirk Berlin-Charlottenburg wohnt der Weiße-Kragen-Nazi Thilo Sarrazin, einer der letzten Nägel zum Sarg der SPD. Dort gelegen ist auch der Walter-Benjamin-Platz, benannt nach meinem Lieblingsphilosophen, einem linken, jüdischen Freigeist, der auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen Selbstmord beging. Am Walter-Benjamin-Platz hat der Architekt Kollhoff eine Platte mit einem antisemitisch konnotierten Text des bis an sein Lebensende 1972 dem Faschismus anhängenden Ezra Pound im Boden versenken lassen, wozu die Architekturhistorikerin Verena Hartbaum schreibt „ …. (dass) der konservative Architekt eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt hat“.
Die Umgebung des Walter-Benjamin-Platz ist übrigens übersät mit Stolpersteinen, die an dort wohnende und später ermordete Jüdinnen und Juden erinnern, Charlottenburg war eine Hochburg des großbürgerlichen und linken Judentums in Berlin.
Wer wie Kollhoff handelt, ist ein Bruder im Geiste von Thilo Sarrazin, Björn Höcke, usw. usf. und ein geistiger Brandstifter. Wahnhaften Irren gleich, treibt es solche Täter immer wieder an Tatorte, an Orte, die mit dem Grauen des Holocaust kontaminiert sind, sie können die Ermordeten nicht ruhen lassen. Der Eine macht es mit der Waffe seiner Halbbildung, der Andere schändet Gedenkstätten mit Springerstiefeln und Brandsätzen.
Ich überlegte für einen Moment, mir einen Presslufthammer zu besorgen und die Tafel da rauszubohren. Aber ach, ich bin ein Arbeiter der Stirn und nicht der Faust, und dieses Unterfangen wäre böse geendet (nicht der eventuell fällige Knast hätte mich geschreckt, dort hätte ich endlich mein Opus Magnum beenden können, nein, es war mir ausschließlich um meine körperliche Unversehrtheit zu tun, ohne Beine flaniert sich’s schlecht).
Ja, das Ambiente in Charlottenburg gefällt mir gut, die Weine sind fein und erlesen, das Essen, das dort credenzt wird, sagt mir zu und die Garderoben der Damen, die dortselbst flanieren, finden mitunter durchaus mein Wohlgefallen
Aber dort wohnen?
Lieber 20 qm Platte Marzahn als 100 qm Stuck in Charlottenburg.
Zum Schluss ein Bilderwitz, aus meiner derzeitigen Hood Moabit.

Der Reichstag ein Haus der Kulturen der Welt? Das ist ein echter Brüller.
Richtig ist vielmehr, dass jenes „Haus der Kulturen der Welt“ die sogenannte „Schwangere Auster“ ist, wo mitunter sensationelle Ausstellungen und Konzerte stattfinden. Einmal über die Spree und schon bin ich dabei.
Wer braucht da schon Charlottenburg und seine Ehrenwerte Gesellschaft.

11.07.2019 – Über den allgemeinen Verfall der Sprache und der Sitten


Aus der Ausstellung „Summer of Love 1967“ im PalaisPopulaire, Berlin. Gesellschaftlichen Verfall, Zerstörungen mittels Drogen wie LSD zu stoppen, hat einen ähnlichen Charme wie den Abwasch des Meißner Porzellans mit dem Vorschlaghammer zu erledigen.
Dass die soziale und ökologische Zerstörung unserer Lebensgrundlagen rapide zunimmt, ist allgemeiner medialer Tenor (Betonen Sie’s beim Smalltalk nicht auf der zweiten Silbe!). Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus nehmen zu, Fluchtursachen werden durch den Klimawechsel ein Ausmaß annehmen, das ich lieber nicht mehr miterleben möchte angesichts der Tatsache, dass der gemeine Ostgote jetzt schon, wo wir fast jeden Neuankömmling dringend brauchen, in eine angsthysterische Dauerhyperventilationsstarre verfällt. Zum Vergleich: Nach dem zweiten Weltkrieg integrierte die BRD 16 Prozent ihres Bevölkerungsanteils an Flüchtlingen, die DDR 25 Prozent. Das wären auf heutige Verhältnisse umgerechnet ca. 15 Millionen Flüchtlinge, die wir integrieren müssten. Zur Finanzierung dieser Aufgabe wurde eine Vermögensabgabe eingeführt von 50 Prozent. Details hier.
Schließen Sie, liebe Leserinnen, für einen Moment die Augen und stellen sich diese Verhältnisse auf Heute übertragen vor. Heidewitzka!
Das Heute ist gekennzeichnet durch eine Verrohung von Sprache, Sitten, Verhalten. Das ist allenthalben den Medien zu entnehmen und die darin zitierten Berufsgruppen geben diesem Befund recht. Alle, die mit Öffentlichkeit konfrontiert sind wie Rettungskräfte, Ordnungshüter, Bademeisterinnen, Lehrerinnen etc. pp., beklagen mangelnden Respekt, Verrohung, zunehmende Rücksichtslosigkeit, Gewalt, ein nicht gekanntes Ausmaß an Empathielosigkeit. Ein allgemeiner Verfall der Sprache und Sitten.
Über die Ursachen liest man eher weniger. Kein Wunder, dann würden die Kassandras in den Medien auch über ihre eigenen Leichen im Archivkeller stolpern. Waren sie es doch, die jahrzehntelang einem ungebremsten Neoliberalismus das, zumeist miserabel formulierte, Wort geredet haben. „Ich kenne keine Gesellschaft, ich kenne nur Individuen“, dieses ökonomisierte Mantra von Magret Thatcher, der Teufel hab sie unselig, hat sich bis in jede Pore der Gesellschaft, eines jeden Individuums festgesetzt. Ein Markt voller Individuen, wo jeder dem Anderen erbarmungsloser Konkurrent ist, wo nur der Starke überlebt und alle menschliche Regung eine Kostenfrage ist, was glauben die Schreiberlinge denn, was bei so einer gesellschaftlichen Grundierung nach ein paar Jahrzehnten rauskommt? Eine Kuschelgruppe?
Wenn wir nach gesellschaftlichen Triebkräften fragen, lohnt sich ein Blick ins Ökonomische. Ein Gedankenexperiment: Wie lange, liebe Leserinnen, reichen Ihre Rücklagen, wenn alle Zahlungen ausfallen, wie Rente, Gehalt, Transferleistungen, Zinsen (hahaha)?
Tagespiegel: „Jeder dritte Haushalt könnte seine Konsumausgaben nur wenige Wochen lang von seinem Ersparten bezahlen. Die ärmsten 20 Prozent … überhaupt gar keine Rücklagen“.
40 Prozent der Bevölkerung haben Schulden, Nichts oder fast Nichts an Rücklagen. Weitere 40 Prozent haben zwar etwas auf der hohen Kante, aber wissen um die Tatsache, dass es jede Menge (= 40 %) arme Schluckerinnen gibt und dass es ihnen ganz schnell genauso gehen kann. Die eigene Vermögensentwertung bis zur Rente kann sich jede selbst ausrechnen, wer heute noch eine Lebensversicherung abschließt, denkt vermutlich, dass unser Bundeskanzler noch Ludwig Erhard heißt. Diese Verhältnisse produzieren Angst. Das ist der Treibstoff, aus dem die allgemeine Verrohung der Sprache und der Sitten kömmt.
Wer darauf und auf mögliche Lösungen der sich anbahnenden Katastrophen eingeht, müsste aber bald eine andere Gesellschaft fordern. Und da hat der mediale Schreiberling zu Recht, weil er dann sofort seinen noch gut bezahlten Job los wäre, eins vor:
Angst.

10.07.2019 – Exkurs über Pop


Toto mit „Africa“. Spandauer Zitadelle, 30.06.2019.
Am heißesten Tag seit Bestehen des Universums hing ich in der Spandauer Zitadelle ab, wo die Popkapelle Toto ihre über 40jährige Hitgeschichte zelebrierte. Temperaturen wie in Afrika, ich war froh, ungedörrt am Ziel anzukommen. Die Spandauer Zitadelle ist eine überaus stilvolle und angenehme Open-Air Location und vermutlich der einzige Ort auf der Welt, wo ich mir die Gegenwart von 5.000 anderen Popfans gefallen lasse, schattig, viel Platz und gut gemixte Cocktails. Toto selber betrachte ich als eine meiner wenigen Geschmacksverirrungen, eine uncoole Band, zu der man sich in Vernissage-Kreisen eher nicht bekannte. Anders als beispielsweise Steely Dan oder Little Feat, (wobei letztere allerdings Rock’n Roll pur sind). Wenn man sich zu denen bekannte, bedeutete das einen hohen Grad an Distinktion. Popkultur dient immer auch zur Abgrenzung und dem Zugewinn an Sozialstatus.
Allerdings erwartet einen bei Toto wegen der hohen handwerklichen Fähigkeiten und dem kompositorischen Geschick der Musiker immer ein perfektes Konzert. Ich vermutete als Publikum jede Menge uncoole Leute wie Männer in Shorts und mit Socken, was stimmte, und ausschließlich die Generation „Ich-hab -Rücken-und-krieg-demnächst-Rollator“. Was absolut nicht zutraf. Die Hälfte des Publikums waren junge Hüpferinnen. Das war derart eklatant, dass ich noch vor Ort googlete. Ein Nr. 1 Hit von Toto aus den Achtzigern, Africa, ist vor ein paar Jahren offensichtlich eine virale Bombe geworden. Wieso genau, weiß keine, eine Netflix Serie mit dem Titel als Filmmusik, ein Youtuber, die Coverversion einer Alternative Band…? Jedenfalls hat das Lied über eine halbe Milliarde Klicks, ein Vielfaches von dem ihrer anderen Hits zusammen, und dieses digitale Jugend-Phänomen war eben auch im Publikum zu beobachten, viral goes live. Wer will, kann sich hier ein paar Takte bis zum ersten Refrain angucken, wie junge Leute glücklich und unironisch zu dem Lied rumhüpfen. Pop ohne Ironie ist für mich eigentlich ein Unding. Pop ist im Grunde Ironie pur.
Der für ein bürgerliches Organ durchaus lesbare Berliner Tagesspiegel ist dem Phänomen auf die Spuren gestiegen und bezeichnet „Africa“ als den Popsong schlechthin. Wenn man Pop als die perfekte, aufregende und oberflächliche Widerspiegelung einer beschissenen Welt betrachtet, kann man das so sehen. Die Texte von Toto sind so flach wie ein Einzeller, nur nicht so vielschichtig.
Ich grinste mir eins, genoss ein tolles Konzert und mir fiel meine persönliche Erfahrung zu Toto wieder ein, die mich beinahe echtes Geld gekostet hätte. Die Geschichte des englischsprachigen Pops ist voller falsch verstandener Texte, z. B. aus „I’ve got the Power“ wird der Verhörklassiker „Agathe Bauer“ oder Queens „… and bad mistakes“ (in „We are the champions“) wird zu „I made me steaks“. Mein persönlich falsch verstandener Text bei Toto: Statt richtig „Hold the line“ falsch „Hold the light“. Genau das war aber die Frage bei einem TV Quiz, wobei es nicht nur um die Ehre ging: Wie heißt dieser Song?

I am nach wie vor the champion.
Bei diesem Quiz ging die Sache trotz der falschen Antwort gut aus, ich konnte den Herausforderer durch K.- O. in der letzten Runde besiegen.
Die Geschichte hatte ich vergessen und sie fiel mir schlagartig bei den ersten Takten des Liedes ein. Bei einem anderen Quiz-Ausgang hätte der Abend einen Schatten bekommen.
So aber war es Vergnügen ohne Reue.
Pop eben.