20.03.2021 – Totland


Siedlung aus den Fünfzigern, mit Teppichstangen. Eine offene Blockrandbebauung, auf hauswirtschaftliche Funktionsnutzung Wäschetrocknen reduziert. Solche Siedlungen wurden nach dem Krieg in oft mangelhafter Bausubstanz als Werkssiedlungen, kommunaler Wohnungsbau oder in halbstaatlicher Regie von Post und Bahn errichtet. Die Bestände wurden im Privatisierungswahn ab den 90ern oft billig verramscht, daraus wurden kriminelle Vereinigungen wie Vonovia und Deutsche Wohnen, beide im DAX Börsennotiert.
Konzerne entdecken jetzt das Prinzip des Werkswohnung-Baus wieder, weil sich selbst gutverdienende Fachkräfte Wohnen in Ballungsräumen nicht mehr leisten können. Geht der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde? Bloß nicht, die Alternative wäre aktuell Barbarei.
Die Blockrandbebauung setzte sich in den Achtzigern gegen das Paradigma der Großwohnsiedlung wie Märkisches Viertel oder Mümmelmannsberg durch, sie steht heute oft für Szeneviertel. Protagonisten der Blockrandbebauung waren oft Leute, die aus der Hausbesetzerszene und radikalen Linken kamen und nach den gescheiterten Kämpfen der Siebziger jetzt nicht mehr die ganze Bäckerei haben wollten, sondern wenigsten ein kleines wohnliches Stück vom Kuchen.
Die Siedlungen aus den Fünfzigern sind oft eine hermetische Welt für sich, in denen vermutlich trotz mangelhafter Bausubstanz eine hohe Wohnzufriedenheit der Insassen herrscht. Orte einer faszinierenden Zeitreise.
An der oben komme ich bei meinen Walks zwecks Körperertüchtigung fast täglich vorbei. Ich bin zu völlig unterschiedlichen Zeiten unterwegs, wie’s halt gerade passt, und ich habe in diesem halboffenen Geviert von geschätzt ca. 1.500 qm in all den Jahren niemals irgendjemanden da draußen gesehen. Eine Fläche von 1.500 qm mitten in einem Ballungsraum völlig ungenutzt als Brachland, nein, schlimmer als Brachland, denn eine Brache kann sich im Laufe der Zeit entwickeln, entfalten, die Natur wieder aneignen. Das ist kein Brachland, das ist Totland.
Hier öttelt regelmäßig der Huusmeester mit seinem Diesel-Aufsitzmäher über das Grass und hält es flach, alles Insekten- und Vogelleben im Keim erstickend. Würde einer der Insassen es wagen, sich da mal mit einem Liegestuhl auszubreiten, würden ihn die Restinsassen vermutlich aus lauter Missgunst am nächsten Baum aufhängen. Und so sieht die ganze verkackte Siedlung aus. Vermutlich hat ein engagierter Neuankömmling da mal ein Treffen Aller anberaumt zur Initiierung von Anwohnerinnen-Gärten auf den Totflächen – und ist sofort nach dem Feedback ins märkische Viertel, in die Anonymität gezogen.
Ich aber habe für das Frühjahr eine Aufgabe: Die akribische Dokumentation des Lebens, ach, was sag ich, des Vegetierens auf dieser Vorhölle. Und den nächsten Blogeintrag werde ich einer weiteren vergangenen Welt widmen: Dem Instrument zum Bearbeiten von Teppichstangen und Hosenböden von renitenten Halbwüchsigen, dem Teppichklopfer.

19.03.2021 – Über Spiritualität


Anker Box, kleiner als ein Brikett. (Preisfrage: Wann hatten Sie das letzte Mal ein Brikett in der Hand?).
Religionen, zumal die katholische, seien der Hort der Spiritualität. Sagt man. Wie üblich, wenn man was sagt, ist das Blödsinn, und so gilt es, jene gegen diese in Schutz zu nehmen. Der Hort des Spirituellen ist das Individuum, keine Götzenanbetervereinigungen.
Spiritualität ist laut Wiki das subjektive Erleben einer sinnlich nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Wirklichkeit. Also wohnt einer Kathedrale, einem Kloster oder einem Götzendienst, einer kultischen Handlung, einem Naturerleben, einer Musik nicht per se ein ewig-heiliger, vom Schöpfer intendierter Schauer inne, Spiritualität liegt einzig in der Wahrnehmungsfähigkeit der jeweiligen Individuen, der Konsumenten. Das Erleben von Händels Messias in einer Kathedrale ruft bei diesem spirituelles Entzücken hervor, bei jenem Langeweile.
Da wir aus mehr bestehen als aus der Anhäufung von Molekülen, Verstand und Logik (versuchen Sie nur mal, Liebe oder Leben zu definieren oder zu verstehen .. ) bedarf unsere Existenz der Spiritualität, die uns allerdings in einer säkularisierten Gesellschaft zunehmend flöten geht.
Das ruft mehreres hervor: Die bedauernswerte Flucht in Esoterik, Sekten, Irrationalismen und die Zunahme von Süchten (besser: Abhängigkeiten), ob stofflich wie Alkohol und Drogen oder nicht substanzgebundene, die deutlicher zunehmen, wie Handyabhängigkeit, Kaufsucht, Porno, Glücksspiel etc.
Solcherlei ging mir eben durch den Kopf, als ich erfolgreich mein Handy mittels Bluetooth mit der Anker-Box oben verband. Ich höre immer öfter nichtlinear Beiträge (über Spiritualität z. B.) aus der Mediathek in meiner Deutschlandfunk App und das ist mit dem reinen Handy-Lautsprecher ein Unding auf Dauer. Da ich nicht gerade technikaffin bin, löste der gelungene Installationsakt in mir ein fast spirituelles Glückserleben aus. Natürlich testete ich die Box auch mit Musik. Spontan fielen mir zwei Konzerterlebnisse ein, denen ich also nachspürte: Rare Earth, in einer angenehm mittelgroßen Konzerthalle und Händels Messias in einer Basilika (das ist nicht der Plural zu Basilikum!). Beide Stücke haben für mich auch heute noch in der Magie ihrer Reduziertheit und in Verbindung mit der Erinnerung an das Konzerterleben etwas Spirituelles. Konzerte sind, anders als Konserve-Hören Zuhause, immer Unikate, keins gleicht dem anderen in der Verbindung von kollektivem Erleben, individuellem Genuss und Atmosphäre. Anders als die Konserve hat ein Konzert das, was Walter Benjamin so trefflich beschreibt: Aura.
Sie gehört zur Spiritualität wie die Fliege zum Smoking. Egal ob Sie, liebe Leserinnen, sie erleben auf einem einsamen Ölberg mit Blick auf türkisfarbenes Meer oder in einer Kathedrale mit Meister Händel.
Die nach wie vor angeblich bestehende Notwendigkeit von Religionen aber mit dem Bedürfnis nach Spiritualität zu verteidigen, wie es aktuell in der Bürgerpresse geschieht, macht mich angesichts des katholischen Kinderfickerskandals sprachlos.
Was für einen beschränkten Begriff von Spiritualität die Bürgerschreiberlinge doch haben.

16.03.2021 – Follow the market


AstraZeneca, Stand heute 09:11:59 Uhr. Wenn Sie Zweifel an AstraZeneca haben, folgen Sie dem Markt, der Stoff ist mit einem Plus von 1,75 Prozent in den Markt gestartet und hat übers Seuchen-Jahr fast 20 Prozent zugelegt. Der Markt besteht zwar zu einem gerüttelt Maß an Psychologie, aber bei Bewertung und Kauf von Einzelwerten haben überwiegend Experten und Algorithmen das Sagen, und die richten sich eher nach Fakten und nicht nach Gemunkel in Internetforen und Entscheidungen des großen Obervirologen Jens Spahn. Das mit den Experten haut natürlich nicht immer hin, siehe Wirecard, aber im Großen und Ganzen glauben Sie mir als dem Warren Buffet der Norddeutschen Tiefebene mal: Follow the market.
Gemessen an der logistischen Bewältigung des Impfgeschehens bisher, komme ich zu dem beruhigenden Schluss: Die BRD ist nicht mehr kriegsfähig, im Gegensatz zu Israel oder dem Ami. Ein paar Kilometer hinter der Grenze würde wegen akutem Munitions- und Benzinmangel „unser“ Vormarsch gestoppt, zum Bedauern der AfD-Volksgenossen an der Heimatfront.
Das Potential dieser Lumpen ist beträchtlich und wächst, je nach Krisenstand. Trotz Beobachtung durch den Verfassungsschutz, da hackt eine Krähe der anderen dann doch mal das rechte Auge raus, hat die AfD locker den Einzug in beide Landesparlamente am Sonntag geschafft. Obwohl der Partei nun ein halbamtliches Siegel draufklebt: Faschisten, bleiben ca. 10 Prozent bei der braunen Fahne. Von den weit über 30 Prozent, die nicht zur Wahl gegangen sind, dürfte ein erheblicher Prozentsatz eine solide mindestens halbfaschistische Grundierung haben.
Und das Potential ist ausbaufähig, der beträchtliche rechte Rand der CDU und die ganzen frustrierten Existenzbedrohten SPD-Facharbeiter werden zu einem beträchtlichen Teil je nach Krisenverlauf (dem nächsten Finanzcrash?) nur allzu gern dem Appell folgen: Rechts um.
Da muss man schon dankbar sein, dass das Wahlvolk die grünen Systemsprenger nicht abgestraft hat mit ihrer Anti-Eigenheim-Attacke. Es ist zwar auch Subintelligenzlerinnen logisch nachvollziehbar, dass Singles in der Stadt in Wohnungen über 80 qm oder Ehepaare (die Kinder sind aus dem Gröbsten und damit aus dem Haus raus) in der Pampa in Einfamilienbunkern über 140 qm asozial und ökologiefeindlich wohnen, aber wer am doitschen Wohnideal rüttelt, lebt Wahlgefährlich.
Ich selber tröste mich als asoziale Vielurlauber-Öko-Sau resp. Eber damit, dass die Zahl meiner Kinder überschaubar ist. Die sind mit Abstand die größte Öko-Eberei. Mit jedem Kind vergrößern dessen Verursacher*innen ihren ökologischen Fußabdruck ins potentiell Exponentielle, denn die übelste Eigenschaft von Kindern ist: Sie vermehren sich ebenfalls.

14.03.2021 – Naive Rachegelüste


Plakat an einem Altglas-Container, Hannover. Nicht nur in Berlin erzählen Plakate Geschichten von einer anderen Welt. Ideologiekritisch könnte man hier einiges bemäkeln, ein angestellter Chef wäre z. B. auch nur besser bezahlter Lakai des Kapitals. Darüber hinaus stellt sich angesichts vom am Firmament heraufziehendem Seuchen-Armageddon und sich selbst verstärkenden Klimakatastrophen schon die Frage nach dem Klassenübergreifenden Interesse am gattungsgeschichtlichen Überleben der Spezies Mensch. Aber diese Kritik zielt am Medium Plakat vorbei, das von Zuspitzung, Verkürzung, Dramatik, Verständlichkeit, Irritation und Akzeptanz lebt. Ellenlange Bleiwüsten, so informativ sie sein mögen, verfehlen da ihren Zweck. Für vertiefende Infos beim Medium Plakat hat heutzutage jede auf ihrem Handy einen QR & Barcode Scanner. Das fehlt auf den Plakaten, es ist eine ganze Serie, noch, aber ansonsten sind da Profis am Werk, medial auf der Höhe der Zeit, mit Drohnenästhetik arbeitend, nicht mit altlinkem Kitsch behaftet, der auf Plakaten gerne mal den zornigen Proleten mit geballter Faust und Schraubenschlüssel zelebriert. Gruselig. Auf diesem Plakat ist – zeitgemäß – das digitale Prekariat Ikone und Ziel zugleich.
Und was mich am meisten freut: Lauter junge Leute, die hier teilweise fröhlich durch meinen Kiez hopsen. Von wegen, die Jugend taucht nix. Es gibt sie noch, die Engagierten, die ein bisschen anders drauf sind als Karriere-Jusos, wo Kevin Kühnert schon als Ausbund kritischen Bewusstseins gefeiert wird (Von korrupten Hanswursten wie Philip Amthor ist hier nicht die Rede, solche Kreaturen sind nicht satisfaktionsfähig). Kevin, wir sprechen uns in zwei Legislaturperioden wieder, wenn Du dann im Sozi-Vorstand sitzend Olaf-Scholziaden von Dir gibst. Wenn die SPD bis dahin noch im Bundestag ist.
Meine Wette für die Wahl heute in Ba-Wü: SPD unter 10 Prozent. Ich hoffe, ich liege falsch. Nichts wäre falscher als in naiven Agenda 2010-Rachegelüsten schwelgend der SPD den Untergang zu wünschen angesichts der Alternative, die eine für Deutschland ist und damit in den brauen Sumpf führt. Der Claim auf dem Plakat trifft es schon, die ideologische Funktion des Fußballs auf den Punkt gebracht: Panem et circenses, die Vertuschung des Klassenkonfliktes.
Solange es junge Leute wie die von direction f gibt, die das engagiert und kreativ auf den Punkt bringen und über den Horizont von weißen. alten Männern wie mir hinaus entwickeln, besteht noch ein Funken Resthoffnung.
Mann, das war ja wieder ein Wort zum Sonntag. Ich sollte Wanderprediger werden. Frost- und Frustfreien Start in die Woche, liebe Leserinnen.

11.03.2021 – Anderthalb Pfund Linda


Aufruf zu Demo am Weltfrauentag. Ich hab eine verschwommene Ahnung, was es mit Intersex und Nicht-binäre auf sich hat, keinen Schimmer hatte ich bis dato ich von der Bedeutung von intersektional und Agender, letzteres hab ich sogar zum ersten Mal auf dem Plakat gelesen. Irgendwann ist man eben abgehängt von Entwicklungen, Veränderungen, Diskursen. Sollen die jungen Leute mal machen, wird schon seine Richtigkeit haben und vermutlich in 10 bis 20 Jahren Standard sein.
Wenn man in Berlin durch Szeneviertel flaniert und die Plakate da studiert, ist das wie ein analoger Kunst-Stadtführer, bunt, ästhetische Avantgarde, kreativ, aber auch wie Bildungsurlaub, hochinformativ, andauernd muss ich da mein Smartphone zücken, um irgendwas Unbekanntes, wie eben Agender, zu dechiffrieren. Allerdings ist diese Art des Flanierens wesentlich nachhaltiger als Buchlesen oder Fernseh gucken, allein deshalb, weil man nach einer Lerneinheit gerne mal in einem Straßencafé pausiert und dem Gelernten bei einem Portwein oder Stück Kuchen nachsinniert.
Wenn ich daran denke und jetzt zum Fenster rausschaue, wo der Sturm Regentropfen senkrecht durch die feuchtdunkle Abgasgeschwängerte Straße pfeift, könnt ich Trübsal blasen. Ein Tief, das meinen Namen trägt. Auch das noch, jetzt geht mir auch noch Popkacke durchs Hirn.
Vor dem Plakat oben fiel mir die Szene auf dem Wochenmarkt, das bisschen Leben bleibt einem ja noch, ein paar Tage vorher ein, am Kartoffelstand: “Ich hätte gerne anderthalb Pfund Linda“. Der junge Verkäufer blickte mich einen Moment fragend an, es arbeitete in ihm, dann die erleichterte Antwort, Marktverkäufer*innen sind per se eher pfiffig: „Ah, Sie meinen 750 Gramm.“ Aussterbende Begriffe, anderthalb und Pfund, stattdessen technokratisches. C`est la vie. Was soll’s.
Über die Dialektik von Sprache und Bewusstsein könnte ich stundenlang sinnieren. Gestern in einem Interview im DLF sagte irgendein Verbandschef, Kliniken oder so, zum Thema mangelhaftes Impfgeschehen: „Wir müssen nur die PS auf die Straße bringen“.
Und sofort habe ich ein Bild vor mir: CDU-Wähler, BMW (5er oder 7er, auf jeden Fall Dienstwagen)-Fahrer, Lichthupenfetischist mit Tempo130-Allergie, redet seine „Untergebenen (sic!)“, meistens Frauen, nur mit „liebe Mitarbeiter“ an, etc. pp.
Und ich warte nur auf eine Veranstaltung, wo einer eine derartige Metapher ins Auditorium zimmert. Der Typ – Frauen würden eher selten einen derartigen anachronistischen Sprachmüll absondern – tut mir jetzt schon leid.
Zwei Stunden später, Nachtrag: die Vorsitzende des Ethikrates, Alena Buyx, fordert in Sachen „Impfen“ im ntv-Interview, ab 0:35: „Wir müssen Meter machen“ Geht auch ohne PS.

07.03.2021 – Kunst ist der Wein des Lebens.


Der arme Poet. Von Carl Spitzmaus. Duckomenta, Niedersächsisches Landesmuseum.
Kultur pflastert meinen Weg. Als Konsument in Ausstellungen, Konzerten, Theater, bei Kulturevents, aber auch als Produzent: als Künstler, Kabarettist, Kulturmanager, Autor, Produzent von Theaterstücken, Herausgeber von Zeitungen, Kurator, Vernissagen-Redner und bei der Aufzählung hab ich wahrscheinlich die Hälfte noch vergessen, z. B. Unwesentliches wie Blogschreiber ohne Lohn. Man sollte also meinen, dass ich in der Seuche leide wie Hund, weil fast alles davon seit einem Jahr komplett entfällt. Und wenn ja über eines Einigkeit herrscht, dann darüber: Kultur ist systemrelevant. Oder wie Dostojewski es sagt: “Kunst ist für die Menschen genauso ein Bedürfnis wie Essen und Trinken”. Ist also ein Grundbedürfnis.
Ich halte das mit der Systemrelevanz für eine Wunschvorstellung von Kulturproduzentinnen und des Feuilletons und für eine Wahnprojektion des gehobenen Bürgertums, das beim Gang durch die Uffizien vor lauter Kunst-Ergriffenheit in hyperventilierende Delirien verfällt.
Kunst ist nicht systemrelevant.
Insofern ist die Vernachlässigung des Kultursektors durch die Politik und die Entlohnung der Kulturschaffenden in unserer Gesellschaft nichts weiter als eine reale Widerspiegelung des Stellenwertes von Kultur. Bildende Künstler*innen z. B. haben ein durchschnittliches Einkommen p. a., das der Armutsgrenze entspricht, und die Meisten schaffen es noch nicht einmal in die Statistikrelevante Künstlersozialversicherung, weil sie ein Einkommen von unter 3.900 € p. a. haben.
Fragen Sie also für Systemrelevanz-Einschätzungen, liebe Leserinnen, nicht das Feuilleton und Ihre eigenen Klischees, fragen Sie im Zweifel immer die Märkte. Ob die Antwort ihren Wünschen entspricht, ist eine ganz andere Sache.
Sie können natürlich auch anfangen, in sich hineinzuhorchen und ihren Bedürfnissen nachzuspüren. Das ist im Fall von Hunger und Durst relativ leicht. Was ist da mit dem Verlust von Kultur: Verspüren Sie ein schmerzhaftes Sehnen? Leiden Sie etwa wie ein Hund?
Ich nicht, siehe oben. Was mir wirklich fehlt, sind z. B. Reisen, Restaurants. Nicht gerade schmerzhaft. Schmerzhaft ist Hammer auf Daumen. Aber ein leichtes Ziehen in der Brust mit angeschlossenem Seufzer, mehr so nach innen, ist da schon.
Soweit zu den wahren Maßverhältnissen in der Gesellschaft und zum groben Seuchen-Unfug „Kultur ist systemrelevant“.
Ich halte es mit Jean Paul:
„Kunst ist der Wein des Lebens.“
Aber wenn gerade mal kein Wein da ist, trinken wir halt Sekt.

06.03.2021 – Ein freies Land.


Wenn Wolfgang Richter so malt, kriegt er Millionen (für ein Bild bis zu 41 Mio. Euro). Bei mir landen solche Produkte – Foto einer Polaroid 635 – missratener Kunstproduktion in der Mülltonne.

Original Polaroid 635 aus dem vorigen Jahrtausend. Makellos schön und zeitlos.
Versteh einer die Kunst, siehe oben, und den Markt sowieso nicht. Versteh einer die alten, weißen Männer? Das ist schon einfacher. Die schickten neulich im Streit um Identitätspolitik und Gendersprache, also um ihren Machterhalt, ihr letztes Aufgebot in die Schlacht, Wolfgang „Ossibär“ Thierse. Sprach-Volkssturmmann Thierse jaulte ob des vermeintlich zunehmenden Machtverlustes weißer alter Mann tief getroffen auf, er lasse sich seine Sprache nicht vorschreiben, er insistiere auf Diskurs mit Augenhöhe etc. pp., kurz, er gerierte sich als Opfer einer Identitätspolizei, die ihn vermutlich demnächst ins Sprachlager deportieren würde. Fast das gesamte Männerbürgerfeuilleton sprang dem wackeren Streiter beiseite, ein sicheres Zeichen dafür, dass hier Blödsinn der gehobenen Kategorie verzapft wird.
Irgendwie hat es das Gendersternchen * wohl in den Duden geschafft, damit ist auch die letzte „Argumentations“bastion der weißen Alten gegen diese Neuentwicklung der Sprache gefallen: „Für mich gilt der Duden“. Mir ist der Duden egal, ich lass mir nicht vom Duden vorschreiben, wo die Sprache lang geht, ich sage der Sprache an, wo’s lang geht. Der Duden ist was für Loser.
Vorher hatten weiße Alte Quark auf der Palette wie „Ich lass mir meine Sprachästhetik nicht verderben“. Jeder Dialektik-Klippschüler weiß, dass Ästhetik ein normatives Funktionssystem bildet, das gesellschaftlichen Wandlungen von Herrschaft und Macht unterliegt. Was wir früher schön fanden, röhrende Hirsche und Nazibauten, ist heute obsolet. Kommt Morgen vielleicht wieder, weiß keiner. So auch Sprache.
Sie bildet Herrschaft und Macht ab und transportiert sie fort. So natürlich auch im Geschlechterverhältnis. Das ändert sich jetzt. Nicht, dass sich dadurch etwas ändern würde. Es gibt nichts Besseres als Klassenverhältnisse durch Identitätsdiskussionen zu verschleiern und zu erhalten. Aber ein guter Schritt wird gemacht, auch wenn die Mehrheit dagegen ist. Die Mehrheit ist vermutlich auch für die Todesstrafe.
Ossibär war, tief im Westen angekommen, schon immer von Veränderungen im Leben überfordert. So wetterte er einst gegen den Einfall der Hunnen im Abendland, respektive den Zuzug der Schwaben im Prenzlauer Berg, was für ihn aufs Gleiche rauskam.
Und ich dachte, das Thema Gendersprache wäre nun endlich durch, nachdem die sogar in der Industrie – bei Audi – angekommen ist. Tröstlich, dass heute auch niemand mehr über die Gurtpflicht im Auto und das Rauchverbot in Restaurants redet. Irgendwann hat’s auch der letzte Trottel kapiert.
Bis dahin hindert niemand den Ossibär daran, ebenso konsequent nur noch die weibliche Form zu verwenden wie in den letzten Jahrhunderten die männliche angewandt wurde. Ist ein freies Land.
Leider.

05.03.2021 – Morpheus ist schuld.


Vom 05.03.2021.
Der Krankheitsverlauf bei diesem Subtyp der Vogelgrippe ist milde – bisher. Niemand weiß, wie viele Mutationen er von einem Verlauf wie beim Subtyp H5N1 er entfernt ist, der eine Mortalität von 50 Prozent besitzt. Eine Ansteckung damit ist zwar äußerst unwahrscheinlich – bisher. Anders sieht es allerdings aus, wenn sich das Vogelgrippevirus mit einem Erreger der Humangrippe kreuzt oder sich die Erbanlagen der Viren ändern. Dann ist laut Robert-Koch-Institut die Gefahr einer Pandemie real und das Risiko derzeit so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Bei mittelschwerer Virulenz dieses Erregers können ca. 30 Prozent der Bevölkerung an der Virusgrippe erkranken, laut RKI. Wenn man obige 50prozentige Mortalität zu Grunde legt, liegen wir dann rein rechnerisch bei ca. 12 Millionen Toten.
Ich kann nur hoffen, dass meine begrenzte Fähigkeit zu logischem Denken, meine mathematische Unfähigkeit und meine völlige Unkenntnis virologischer Zusammenhänge mich hier auf eine völlig falsche Fährte gesetzt hat.
Eins ist sicher: Meine zynische Hoffnung „Nach mir die Sintflut“ angesichts der sich – erst anbahnenden – menschengemachten Katastrophen, seien sie sozialer oder ökologischer Natur, wird zunehmend Makulatur. Ich bin mitten drin am Anfang vom Ende. Jetzt noch ein, zwei monströse Hitzesommer und ich wandere aus. Aber wohin? Lappland? Jede Menge Mücken, die dann auch da das Westnilvirus, Malaria und anderes übertragen. Das Leben jetzt genießen, solange es noch geht, in vollen Zügen? Wer will jetzt schon in vollen Zügen sitzen, und Restaurants haben immer noch alle zu. Da seh ich auch nicht rosig in die Zukunft angesichts wachsender Infektionen, immer nur paar Prozent, aber wer Wellen kennt, weiß, was da auflaufen kann.
Ich hatte heute Nacht einen Traum: Ich sollte in den Knast, Drogengeschichte, anderthalb Jahre. Ich war aber heiterer Dinge, zwar knapp in der Zeit wegen Uhrzeit Haftantritt und in Hektik (kenn ich vonne Maloche her), aber eigentlich recht gut gelaunt. Ich verstaute noch einen Riesenbeutel Grass (gelber Sack!?) im Keller (so blöd kann man auch nur im Traum sein) und wollte gerade los, als der Prozess des Aufwachens einsetzte.
In diesem kurzen Moment, wo der Traum das Ich an das Bewusstsein weiter reicht (Sie, liebe Leserinnen, kennen diese Momente, wo Sie im Aufwachen halb bewusst in einem verwehenden, wunderschönen Traum denken „Bitte nicht wach werden“), wurde mir klar:
„Ach Du Scheiße, Knast bedeutet ja, anderthalb Jahre nicht reisen können!“
Ich lag dann mehrere Sekunden wach und sondierte meinen Geist, in Panik, um sicherzugehen, dass der alte Drecksack Morpheus da seine Finger im Spiel hatte.
Die Seuche frisst sich mählich ins Zentrum des Denkens und in die Träume.

02.03.2021 – Minenhunde vor!


Hallo Niedersachsen, NDR-TV Regionalnachrichten 19.30 Uhr. Mit meiner Lieblingsmoderatorin Christina von Sass nach einem Live Interview.
Normalerweise ist die HAZ für mich keine Referenz für irgendwas. Hier aber Zitierenswertes im Artikel „Populistische Lachnummer?“ (Für semantische Feinschmeckerinnen: Printausgabe: Lachnummer. Online: Luftnummer.), über eine Initiative der CDU-Mittelstandsunion zur Verschmelzung von ARD und ZDF zu einem Sender:
„ … Warum braucht das Land zwei öffentlich-rechtliche Systeme? …. Die Antwort lautet: Weil ein unabhängiger, von der breiten Gesellschaft kontrollierter, keiner politischen Richtung verpflichteter, möglichst pluralistischer und solidarisch finanzierter Rundfunk eine heilsame Wirkung auf das öffentliche Leben einer Demokratie hat…“
Auf den Punkt gebracht. Wie eine Gesellschaft aussieht, in der ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem nur eine Spendenfinanzierte Nischenexistenz führt, ist den USA zu besichtigen, wo über 70 Millionen Menschen das Produkt des Commercial-TV, einen quartalsirren, notorischen Lügner, Rassisten und homophoben Frauenhasser notfalls mittels Bürgerkrieg als Präsidenten haben wollen.
Um zu testen, wie in Deutschland derartige Verhältnisse via Medienlandschaft durchzusetzen sind, schickt das Kapital in unregelmäßigen Abständen Minenhunde, wie heuer die CDU-Mittelstandsunion, ins politische Terrain. Das ist ein von allen politischen Parteien praktiziertes Ritual: Wenn zu viele Minen explodieren, werden die Hunde wieder an die Kette gelegt. Bis zum nächsten Mal.
In Deutschland funktionierte das im Rahmen der geistig-moralischen Wende unter Helmut Kohl in den Achtzigern schon prima mit der Einführung des Privat-TV. Mitinitiator war der damalige niedersächsische MP Ernst Albrecht, der den Bürger*innen keine Dauerindoktrination nach Feierabend mit Themen über Homosexuelle und Atomkraft durch den Rotfunk NDR zumuten wollte. Hört sich wie Satire an, aber so lief die Diskussion damals, und sie war erfolgreich.
Der NDR war und ist natürlich kein Rotfunk, die Leitungsposten werden schiedlich-friedlich zwischen CDU und SPD, zunehmend auch Grüne, aufgeteilt. Der NDR kommt nur umfassender als z. B. die HAZ der Chronistenpflicht nach und berichtet auch schon mal kritisch über die Spaltung der Gesellschaft, Armut, Wohnungsnot, immer mit regionalem Bezug. Er ist ein Heimatsender im positiven Sinn, so der Begriff Heimat überhaupt eine positive Konnotation haben kann.
Das alles würde auf dem Altar des Profits durch kommerzielle Medien geopfert, wenn die Minenhunde das nächste Mal Erfolg haben. Brot und Spiele für den Mob und US-Verhältnisse in der BRD.
Ich aber würde jederzeit für den Erhalt von ARD, ZDF und vor allem der regionalen Vielfalt, wie NDR, mit der Waffel in der Hand auf die Straße gehen, allein schon deshalb, weil Letzterer mich in schöner Regelmäßigkeit in sein Studio einlädt.

01.03.2021 – Über das Phänomen der vermissten Krankheit


Onkel Olli, die Kiosk Legende. Ich liebe solche Orte, jenseits der Normativität des Alltags. Jedes Mal lese ich: Der Rest übergibt sich. Passt sicher auch. Vor über 10 Jahren war Onkel Olli schon Ziel einer Soli-Sauf-Aktion des SCHUPPEN 68, was Sie hier im relativ sinn- und formfreien Video bewundern können. Manchmal stelle ich mir schon die Frage, ob meine Aktivitäten nicht etwas zielgerichteter auf Ruhm, Ehre, Erfolg und Reichtum ausgerichtet sein hätten können (ausgerichtet hätten sein können?) …
Aber begraben wollen wir die Vergangenheit, nicht preisen oder klagen wider sie.
Ähnlich und auch nicht schlecht hat das Shakespeare seinen Antonius am Grabe Cäsars (nein, nicht des Hasen!) sagen lassen:
Mitbürger! Freunde! Römer! Hört mich an:
Begraben will ich Cäsar, nicht ihn preisen.
Was Menschen Übles tun, das überlebt sie;
das Gute wird mit ihnen oft begraben.

Wenn Sie, liebe Leserinnen, ab und zu Reden halten müssen, Ansprachen, die den Mob erreichen sollen, grooven Sie sich in diesen Monolog von Antonius rein, er ist ein ragendes Beispiel mitreißender Rhetorik.
Welche Reden werden wir dereinst über die Seuche halten? Wie wird das Fazit ausfallen?
Dankbarkeit, dass es vorbei ist, verbunden mit dunklen Mahnungen über die Zukunft (um den Mob im Zaum zu halten)?
Ein sinistrer Seiteneffekt: Es wird Menschen geben, die die Seuche vermissen werden. Nicht weil sie Krisengewinnler wären. Das ist normal-pervers, siehe Amazon und die anderen zahlreichen Bereicherer, die nicht so blöd waren wie Nüßlein, sich zu erwischen lassen. Es geht um anderes.
Es gibt nicht wenige Menschen, die nach erfolgter Heilung eine Krankheit vermissen. Dafür gibt’s sicher einen Namen, aber zum Googlen bin ich zu faul. In extremer pathologischer Spitze lassen sich Menschen nach Verlust transplantierte Glieder wieder amputieren. Die vertraute Versehrtheit ist ihnen näher als die irritierende Veränderung zu vermeintlicher Normativität. Veränderung überfordert. So bedrohlich die Seuche auch ist, für Leben, Gesundheit, Existenz, sie nimmt ja auch Verantwortung ab, die Pflicht zur Entscheidung, die Qual der Wahl. Es ist ein gleichförmiges Dahin-Leben, eingeschränkt, bedrohlich, aber eine ideale Variante der eigenen Existenz, um Fehlentwicklungen, Scheitern, Misserfolge auf etwas Externes zu schieben: Die Seuche ist schuld. Wie entlastend.
Wie viele Menschen werden postpandemisch sagen, mit einem Seufzer des Vermissens:
Es war nicht alles schlecht in der Seuche?
Schaun mer mal.