29.07.2018 – Christopher Street Day oder das gleiche Recht für Schwule und Ausländer, sich wie alle Anderen zum Affen zu machen


Fangen wir mit dem Ausländer an.
Anfangs war ich auf der Parade zum Christopher Street Day froh, mal nicht auf einer Massenveranstaltung mit Nationalfarben und Fahnen belästigt zu werden. Und dann kommt diese überassimilierte Ausländer-Wurst mit diesem Nationalbaldachin. Als ob Identifikation mit dem Aggressor schon jemals geholfen hätte.
Da wollten die Organisator*innen der Parade nicht hintanstehen:

Süsse Spezialitäten. Wagen der Deutschen Bank auf der Parade.
Der Kampf von Minderheiten, auch sexueller Orientierungen, um Gleichberechtigung ist immer ein politischer. Bei sowas auf die Kumpanei der Deutschen Bank zu setzen,die eine mafiaähnliche kriminelle Vereinigung bildet, heisst allen anderen Minderheiten in den Rücken zu fallen. Und so sah jeder zweite Wagen aus. Der groteske Höhepunkt:

Zalando: Mein Körper, meine Identität, mein Leben.
Liest denn da niemand mal Wirkungskontrolle bei den Wagen?
Schrei vor Glück
Bei Konsum und beim Fick?
Die ganze Parade war so schwerstkategorial peinlich, dass ich Hirnsausen bekam. Die Wagen sahen alle gleich aus, die Musik war erbärmlicher und einfältiger als Ernst Mosch und die Egerländer und alle 500.000 Teilnehmer*innen hatten gelbe Hüte auf und waren in Regenbogenfarbene Fahnen gehüllt.
Es war alles so peinlich, dass ich im Tiergarten auf die Knie sank und wie folgt betete:“Liebe Göttin, wenn es dich gibt und du irgendwie antikapitalistisch und kritisch bist, setz diesem Unfug ein Ende!“
Was soll ich sagen. Sofort zogen Gewitterwolken auf, später zuckten Blitze und ein Wolkenbruch prasselte hernieder. Die Party nach der Parade wurde abgesagt.
Zum Schluss das Positive: die Parade strahlte eine friedliche Athmosphäre aus und machte einen erfreulicheren Eindruck als die Aufmärsche vor Fussballstadien- und Kneipen.
Einen unerfreulichen Eindruck als letztere machten allerdings lediglich Hitlers Truppen beim Einmarsch in Polen.

28.07.2018 – Ich bin wie der Mars


Mars, gerade nicht zu sehen.
Gestern war der Mars da, wo ich immer bin: in Opposition. Natürlich bin ich das aus Überzeugung und nicht, wie der Mars, von Himmelskräften getrieben. Und natürlich bin ich nicht in Opposition gegen die bürgerliche Gesellschaft, wie Milliarden Post-68 Kasperinnen, sondern in Opposition zum Rest, vulgo Mob.Vielmehr bin ich vehementer Verteidiger der zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft, deren es ebenso viele gibt, wie der ihr innewohnenden zerstörerischen Elemente. Schliesslich ist der Mob ein Kind des Bürgertums.
Aber unter uns Pfarrerstöchtern und bitte sagen Sie, liebe Leserinnen, es nicht weiter: am innigsten bin ich aus marxistischen Gründen in Opposition. In dem Fall bezogen auf Groucho Marx, der vormals so schön sang:
Whatever it is, I am against it.

Haus der Kulturen der Welt, gestern beim Anti-Brexit Open Air Festival. Das bezauberndste Veranstaltungsort-Ensemble, das ich kenne.
Von da hat man tollen Blick auf Kanzleramt, Reichstag – und Mondfinsternis. Wobei mir die Sehnsucht nach den Sternen nicht ganz geheuer ist. Hier unten gibt’s genug zu tun und sitzt bei den Fernsehnsüchtigen das Trauma ihrer Geburt so tief, dass sie so ausserirdisch weit weg wollen?
Schönes Wort zum Sonntag, liebe Gemeinde, und ja, gegen den Brexit bin ich auch. Irgendwie. Aber mehr, weil für den sind die Uncoolen, die Idioten, die Tories. Dieses Geschrei nach grenzenlosem Freihandel hierzulande ist pure neoliberale Ideologie. Freihandel kann tödlich sein. Was meinen Sie, woher die ganzen Flüchtlinge kommen? Aus Ländern Afrikas z. B., in denen der von uns dort durchgesetzte Freihandel die örtliche kleinteilige Erwerbsstruktur zerstört hat.
Nun aber, Schwestern, zur Sonne, zur Freiheit.
Ab an den Wannsee.

27.07.2018 – Karibische Zustände


Ist aber nicht Karibik oder Sizilien sondern Berlin Müggelsee. Eigentlich wollte ich nur eine Runde schwimmen und relaxen. Ich hatte ein paar Tage den Bärenführer für Berlin Touris gemacht, was bei dem Wetter eine echte Herausforderung ist. Seit ich Berlin-Resident bin, sind Touris für mich eine Landplage wie Heuschrecken-Schwärme oder Wanderratten. Stehen mit ihren Rucksäcken dumm in der Gegend rum, glotzen auf ihr Smartphone, versperren einem den Weg und reden in vollkommen unverständlichen Sprachen wie Sächsisch oder Schwäbisch. Selbst wenn man Touris mag, so wie ich meine, sind sie eine Landplage, weil sie in Haufenform zu Undiszipliniertheit und Konzentrationsmängeln neigen. Sie schwatzen,rennen bei Rot über die Ampel und vor Autos und, am aller, allerschlimmsten: Sie hören mir nicht zu!
Ich war vor vielen Jahren Projekt- Verantwortlicher für Fortbildungen von Leuten aus ganz Europa, die sich unser Bildungssystem angucken wollten. Kein Witz. Da musste ich die Horde, über 20 Insassen, auch im Rahmenprogramm durch Hannover führen, Sightseeing, und rechts sehen Sie blablabla. Wie ich das überlebt habe, ist mir nach der Berlin-Arie völlig schleierhaft.
Mit dem relaxen am Müggelsee das hat auch nicht so recht geklappt. Vom Entdecker-Geist getrieben, bin ich einmal ganz rumgeradelt, und war hinterher wieder platt. In Köpenick hatte ich mich auch noch verfahren, stand mit meinem Rad und Rucksack und suchte auf Google Maps nach dem Weg, da bittet mich ein Eingeborener, ihn vorbei zu lassen. Was die sich einbilden. Eingeborene sind ne echte Landplage, sowas von arrogant. Ich sorge schließlich für Umsatz bei denen..
Eigentlich wollte ich heuer was politisches schreiben, zu SPD und Özil. Jaja, der Özil. Und der DFB. Und die SPD. Und die AfD. Das sind aber auch Sachen, mein lieber Scholli.
Ihnen, liebe Leserinnen, angenehme Stunden im Strandbad.

26.07.2018 – Kannst du mir was pumpen?


In Berlin gibt es noch über 2000 alte Wasserpumpen. Die sind bei den aktuellen Temperaturen eine Labsal sondergleichen, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Zwar würde ich das Wasser nicht unbedingt trinken, aber in Momenten, wo einem unter dem Helm der Hitze-Schädel zu platzen droht, erfährt man mit dem Wasser der Pumpen ganz kreatürlich, warum Wasser nicht alles, aber ohne Wasser alles nichts ist. Dieses Loblied auf den kühlen Saft des Lebens von einem Portwein Trinker.
Bevor man in diesen Genuss kommt, heisst es allerdings: pumpen. Die Pumpen sind nämlich Brunnen, bis zu 80 Meter tief. Aber ich liebe solche kurzfristigen archaischen Tätigkeiten, auch wenn ich ansonsten körperliche Arbeit für völlig überschätzt halte.
Ich hatte in meinem Leben den einen oder anderen beschissenen Job und die zeichneten sich meist durch die Anwesenheit von körperlicher Arbeit aus. Ich weiss nicht, was bei geistbegabten Menschen nicht stimmt, wenn sie davon schwärmen, sich beim Holz hacken mal wieder selbst zu spüren, oder tapezieren oder Löcher graben, eins aber weiss ich sicher: die ticken nicht ganz richtig. Mich selbst spüre ich auch, wenn ich mir einen Nagel in den Kopf hämmere. Aber muss ich das haben?

Ich bevorzuge anderes zum selbst spüren, wie zum Beispiel kaltes Wasser über den Kopf bei 35 Grad Hitze.
Die körperliche Arbeit hat mir übrigens nie geschadet, das habe ich den armen Schweinen voraus, die bei so einem Wetter Teer auf Asphalt bringen müssen oder ähnliches. Diese Arbeit hat mir einen gewissen Härte-Grad verliehen und Dankbarkeit für all die Jobs, bei denen ich mehr als ausreichend Geld einfach damit verdient habe, Leuten eine Kante an den Kopf zu labern.
Wenn es eine Verheißung des Fortschritts gibt, dann doch die, den Menschen vom Joch der körperlichen Arbeit zu befreien. Leider befreit er die dann oft auch gleich von ihrer Existenzgrundlage mit und es ist noch lange nicht gesagt, dass mögliche Ersatzjobs nicht entfremdet wären.
Der Fortschritt ist ein, und hier sei mir zum Schluss eine ganz schräge Metapher gestattet, zweischneidiger Januskopf.

22.07.2018 – Im Exil Debakel und Fiasko


Dipladenie. Schönheit im Kleinen.
Im Exil Debakel und Fiasko. Das hätten zum Bespiel Walter Benjamin und zahlreiche andere Exilanten aus Nazideutschland als Fazit ihrer Vertreibung aus dem Land ihrer Muttersprache ziehen können. Die allerwenigsten landeten wie der großbürgerliche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann in einer Villa in Malibu und mit einer Gastprofessur in Princeton. Dem linken oder jüdischen Exilanten wurde in der Fremde selten Kränze geflochten und im Falle von Walter Benjamin – und vielen anderen – endete das Ganze tödlich.
„Im Exil“, „Debakel“ und „Fiasko“ sind in unserem Falle allerdings drei Kneipen in Hannovers Szenekiez Linden, an denen ich Gestern vorbei radelte und die drei erstmals zusammendachte. Kein Verlust bisher, warum soll ich mir in meinem Alter noch Gedanken über Kneipen machen. Da mein Dauerthema seit einiger Zeit in diesem Blog aber der anschwellende Abschied vom Goldenen Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung ist, ein Abschied, der als Epoche sich nicht zufällig an den Abschied vom Goldenen Zeitalter des Kapitalismus in den 70ern und 80ern anschließt, fiel mir diese düster grundierte Namensgebung einfach mal auf. Ich bin es gewohnt, gesellschaftlichen Wandel, Modernisierungsschübe, Bewusstseinsveränderungen vor allem und erstmal in der Sphäre des Privaten, Intimen und des Alltags zu registrieren und nicht so sehr in der großen Ebene einer normativen, weitausholenden Ideologiekritik zu wandern. Das endet meist unoriginell.
Sind solche Kneipennamen vorausahnende Menetekel an der Wand der Kneipenkultur, wie ja überhaupt die feineren Sensoren für Wandel in der Kultur verortet sind? Na ja, sollten sein. Heute kannste die Kulturprotagonisten doch eh meist in die Tonne kloppen.
Andere Namen von Kneipen umme Ecke sind selbsterklärend: Lindwurm (hört sich nach Mittelalterkaspern an, gruselig), IhmeRauschen (trendy, in sowas würde ich allein wegen der Rechtschreibung niemals gehen), Eliseneck (da ist die Zeit stehen geblieben) .
Ich hatte vor Zeiten in diesem Blog mal über die psychoanalytische Funktion von Kneipen räsoniert, die für nicht zu Ende geborene Männer eines bestimmten Habitus und ab einem bestimmten Alter eine Art Flucht back to the Uterus bedeuten: Dunkelheit, Geborgenheit, ständiger Strom von Lebenssäften…Nun sollte hier ein eher soziologischer Exkurs über die Funktion der Namensgebung von Kneipen im allgemeinen gesellschaftlichen Wandel erfolgen.
Draußen aber scheint die Sonne, es sind 96 ° in the shade und ich pflege lieber meine individuellen Fluchten aus dem großen Ganzen vulgo Kladderadatsch.

Kleine individuelle Fluchten mit Tendenz zur Regression, während von rechts sich dunkle Schatten der Veränderung über die Idylle schieben.
Ab an den Kiesteich. Nichts denken, nichts reden, nichts wahrnehmen.
Schattige Woche wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen.

21.07.2018 – Jahrhundertsommer


Der Wein an meiner Verandatür ist bereits jetzt reif.
Ob es ein überragender Jahrgang wird, muss sich zeigen. Im Moment liegt er bei ca. 80 Grad Öchsle, ganz ordentlich. Auf Grund der raren Flaschenanzahl wird der 2018er auf jeden Fall Rekordpreise erzielen. Wenn es überhaupt zur Flaschenreife kommt. Die Trauben hängen zum Teil in Mundhöhe und die archaische paradiesische Verlockung gemäß der alten Verheißung vom Ort, wo einem die Trauben ins Maul wachsen, ist doch heftig.

Paradiesische Zustände.
Wenn ich da jedes Mal zubeiße, wenn ich in die Sonne trete, erlebt der Wein die Lese nicht und eine weitere Säule meiner Altersversorgung, seltene Weine zu Höchstpreisen, wäre verfrühstückt.
So nah ich mitunter meinem Individual-Paradies sein mag, so desaströs und am Abgrund stellt sich die böse, böse Welt da draußen dar. Irrationalität und Ressentiment ersetzen Argument und Vernunft, auf ganzer Linie. Kleines Beispiel: am 18.07 habe ich die alternative Medizin vulgo Eso höchst subjektiv und nur gering validiert gedisst, mir war danach, ich hatte einfach mal einen Hass. Auch dafür bin ich meinem Blog dankbar, dass ich ihn als Müllhalde für meine negativen Vibrations nutzen darf: Danke, Bruder Blog, sei umarmt.
Am 20.07 wird über eine Studie zu Eso-Gedöns berichtet. Fazit: Patienten, die auch auf Alternativmedizin setzen, haben ein viel höheres Risiko, in den ersten fünf Jahren nach der Krebsdiagnose zu sterben. Dies liegt laut der im Fachblatt „Jama Oncology“ veröffentlichten Studie daran, dass sie häufig von Ärzten empfohlene Therapien ablehnen. …. Welche Verfahren der Alternativmedizin die Krebskranken nutzten, wurde nicht im Detail erhoben. Infrage kommen unter anderem Vitaminkuren, Ayurveda, Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin, Akupunktur, Chiropraktik, Meditation, Gebete und spezielle Diäten.
Gebete. In echt, steht da.
Aber versuchen Sie mal, mit Esos über sowas zu diskutieren:
„Du bist ja überhaupt nicht offen .. es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde … ach, die Schulmedizin … „
Liebe Esos, ich werde für Euch beten, den Psalm 68: „Herr, lass Hirn vom Himmel regnen.“
Aber der Herr hat meine Gebete noch nie erhört. Entweder fehlte ihnen die Demut oder, und das halte ich für wesentlich wahrscheinlicher, der Herr ist eine Frau.
Und dass eine Frau meine Gebete erhört, da kann ich bestimmt warten bis zum St. Immerleinstag.

20.07.2018 – Das Attentat vom 20. Juli und die Frage, was wäre gewesen, wenn …?


Opfer und Täter.
Ich bin froh, in einer Epoche und einer Region aufgewachsen zu sein, in der es eine bespiellos lange Zeit Frieden gab. Vertreibung, Verschleppung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit sind schrecklich, ohne Wenn und Aber. Nach solchen rhetorischen Floskeln kommt fast immer ein Aber, so auch hier. Dieses Denkmal des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge weist eine kleine aber entscheidende Leerstelle auf: Den Hinweis darauf, dass der hier geschilderte Krieg von Deutschland ausging und alle Konsequenzen daraus in der Verantwortung der Täter liegen. Diesem Denkmal hätte ein Satz wie: „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ wohl angestanden.
So ist dieses Denkmal ein empathieloses Beispiel für jenes Selbstmitleid, mit dem eine antifaschistische Aufarbeitung des Terrors, der von deutschem Boden ausging, in der Nachkriegszeit verhindert wurde. Solche Denkmäler sind Teile einer Alltagskultur, die in unserem Unterbewusstsein wirksamere Sedimente hinterließen, als alle lyrischen Beschwörungsformeln über den vermeintlich heldenhaften Widerstand von ein paar adligen antidemokratischen Offizieren am 20. Juli. Viel wirksamer als diese Sonntagspredigten sind auch all die Kriegerdenkmäler, die mitten in jeder noch so winzigen 6-Häusersiedlung ihr todessehnsüchtiges Pathos verbraten, mit Oden an Mörderbanden wie: „Den Helden zweier Weltkriege“. Famose Helden wie das 101. Polizeibataillon, die hinter der Front im zweiten Weltkrieg 38.000 wehrlose Juden ermordeten. Ordnungshüter wohlgemerkt. Keine regulären Wehrmachts- oder gar SS-Einheiten. Hinweise, geschweige denn Denkmäler, die an die ermordeten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle etc. erinnern, habe ich in den Dörfern nie gefunden.
Das hat „unsere“ Alltagskultur, unser Bewusstsein geprägt, zusammen mit vielen kleinen Erzählungen wie die von meiner Oma auf meine Frage zum Juden Katz, der irgendwann nicht mehr als fahrender Händler in ihr Dorf im Eichsfeld kam:
„Was meinst Du, was mit dem passiert ist?“
„Den haben sie abgemurkst.“
Wörtlich, ohne jedes schuldbewusste Rumeiern oder Verdrängen. Solche Formulierung vergisst man nicht, hinter ihnen verbergen sich ganze Bände einer großen Erzählung, an deren vorläufigem Ende aktuelle Meldungen stehen wie:
„Soviel Judenhass wie noch nie im Netz.
Und was wäre gewesen, wenn das Attentat am 20. Juli erfolgreich gewesen wäre?
Vermutlich wäre der Verdrängungsprozess der Nachkriegszeit noch verheerender gewesen und wir hätten schon seit 30 Jahren sowas wie eine AfD, nur schlimmer.
Und nun zum Wetter: zur Dürreperiode in weiten Teile des Landes kommt eine Hitzewelle hinzu. Ein Thinktank des Künstlernetzwerkes SCHUPPEN 68 macht den Dürregeplagten Landwirten in Niedersachsen den Vorschlag, statt wasserintensiver Rinderzucht auf Kamele umzusteigen.
Aber auf uns hört ja wieder kein Schwein. Das wird sich bei unserer Aktion zum Sommerloch ändern.
Stay on tune!

18.07.2018 – Am Samstag ist Männerkreis mit Anselm


Medizinradkreis und Medizinschildbau.
Wenn ich auf etwas einen Rochus habe, dann ist es die Esoterik-Szene. Das verüble ich der rotgrünen Schröder-Fischer Gang noch heute, dass sie Teile dieses unfassbaren Humbugs als Kassenleistungen der Allgemeinheit der Beitragszahler aufgehalst haben.
Nichts dagegen, wenn arme Eso-Mäuse, die sonst Hartz IV anheimfallen würden, Midlifekrisengebeutelten Akademikerinnen für hanebüchene Hokuspokus-Zeremonien das Geld aus dem Beutel zaubern. Aber wenn arme an Krebs erkrankte Schweine ihren letzten Cent dahin tragen und deshalb aus lauter Verzweiflung und Angst die vielleicht letzte Chance einer Chemo oder Strahlentherapie versäumen, dann möchte ich unter diese Scharlatane fahren wie weiland der Herr im Tempel unter die Geldwechsler, die er mit Gewalt von dort vertrieb. (Wir halten fest: Die Bibel rechtfertigt Gewalt als Mittel der Moral.)
Mich macht das echt betroffen. Aber wo kann ich mit meiner Betroffenheit angstfrei einbringen, gerade als Mann? Der Fragen hat wie: Wie kann heute ein erfülltes Leben als Mann in Verbundenheit aussehen? Wer will ich da sein?
Gut, dass es den Männerkreis mit Anselm gibt! Dort gehe ich am Samstag hin. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit Männern in einem Kreis zusammen zu kommen, die erzählen, die zuhören, die mit allem was da ist, da sind, viel voneinander lernen. Gemeinsamkeiten und Ursprünglichkeit, Kraft und Nähe erleben.
Das ist wie Bundeswehr, nur ohne Waffen.
Und wer glaubt, dass ich jetzt vollends durchgeknallt sei, dem empfehle ich den Besuch bei Anna Muni in Berlin-Neukölln, dort hat Anselm sein Domizil aufgeschlagen. (Alles in kursiv ist O-Ton von der Homepage).
Es rächt sich aber alles im Leben, vor allem das Unterbewusstsein. Zwei Häuser entfernt von unserer famosen Medizinradkreis-Hütte stieß ich auf dieses Etablissement:

Ich aber las, gebeutelt von irdischer Erlösungs-Sehnsucht vom Eso-Wahn: FrauenNacktCafé.
Da würde ich denn, und hier mögen mir Anselm und alle seine Kumpels verzeihen, denn doch lieber abhängen.
Sorry, Mädels, aber diese Geschichte ist kein fauler Witz auf Eure Kosten. Ich denke mir das nicht aus, das sind Geschichten, die die Großstadt erzählt. Und ist es nicht besser, ich mache das hier offen und angstfrei öffentlich, damit Ihr wisst, woran Ihr mit Männern wie Anselm und mir seid? Wir sollten mal bei einem Rooibusch-Tee darüber reden.
Bis dahin sonnige Tage und dito Gemüt.

16.07.2018 – Hört denn dieser Sommer nie auf?


Meine Hood inna Kreuzberg. Ohne Bros und Deine Gang kackst Du da ganz krass ab, Digga.
Davon mal abgesehen war Kreuzberg früher geteilt in einen eher proletarischen Bezirk SO 36, siehe auch der legendäre gleichnamige Club und einen eher gutbürgerlichen Bezirk SW 61. Ein Identitätsgefühl von „Kreuzberg“ als Bezirk entstand erst nach dem zweiten Weltkrieg, und nicht, wie viele Kiezinsassen meinen, parallel zu jenem kleinen gallischen Dorf von Asterix und Obelix zu Zeiten Cäsars, das sich als Metapher für Widerstand schlechthin mehr ins popkulturelle Gedächtnis eingebrannt hat als alle 68er Straßenschlachten zusammen. Der gemeine Kreuzberger, links von dem nur die Wand, früher die Mauer, ist, vergisst oder weiß nicht, dass für den Impuls zur Kreuzberger Identität ein Sozi zuständig war, der legendäre Willy Kressman. Ein scheinbar nicht ganz unsympathischer notorischer Querschläger und Einzelgänger, der in Kreuzberg als Kümmerer auftrat, bevor die Neonazis den Begriff für sich okkupierten.
In den Achtzigern wurde die Kreuzberger Identität vollends zum Mythos nach zahlreichen diversen Straßenschlachten, die später zur 1. Mai Randale Folklore entgleisten. Jetzt ist Ruhe im Karton.
Eine Ansicht, die die geplagten Anwohnerinnen der Szenegegenden nicht teilen. Eigentlich ist dort nie Ruhe im Karton, vor allem Nachts nicht, wenn die Kinder der Kinder von Marx und Coca Cola aus ganz Europa die Reiseschecks (gibt’s sowas überhaupt noch?) ihrer Eltern verbraten, die sich Zuhause als Ministerialrätin, Anwalt oder Zahnarzt für das Wohlergehen der Brut abrackern. Die nichts Besseres zu tun hat, als den Ministerialrätinnen, Anwältinnen oder Zahnärztinnen, die zum Beispiel in der Nähe der Admiralbrücke in Kreuzberg wohnen, durch grauenhafte Straßen-Musik, Flaschenwürfe, Grölen, Kotzen etc. pp. den Schlaf zu rauben und natürlich pissen und scheißen die Söhne und Töchter aus gutem Hause, wo sie gerade gehen und stehen. Irgendwann nahm das derartige Ausmaße an, dass jetzt ab 22 Uhr da Polizeistunde herrscht. Wodurch sich das Problem demokratisch über den gesamten Kiez verteilte.

Weshalb ebenfalls genervte Ex-Revoluzzerinnen die Gegend nicht ganz korrekt (Kohlfurter/Ecke Admiral dürfter eher SW 61 sein) umgetauft hatten, in Anlehnung an das proletarisch-revolutionäre SO 36 in Ballermann 36.
Die Parallele zwischen Asterix und Obelix und Kreuzberg steht hier nicht zufällig. In jenem kleinen Dorf in Gallien gab es bekanntlich einen Clash of Cultures, wobei man bei den Galliern nicht von Kultur sprechen kann. Ihr Alltag war gekennzeichnet von Prügeln, Saufen, Fressen, Drogen, Tiere töten und sobald Kultur wagte, ihr Haupt zu erheben, wurde sie verspottet und ihr Gewalt angetan (Troubadix, der Barde). Die Gallier waren also durch und durch regressiv-reaktionär.
Der Alltag der Römer war gekennzeichnet durch Bäder, Straßen, Kanalisationen, mehrstöckige Häuser, Gelehrsamkeit, Poesie, durch Cicero und Ovids „Ars amandi“ etc. pp. Die Römer waren also der Inbegriff von Kultur und Zivilisation (o.k, die Sklaven und Gladiatoren sahen das vermutlich anders).
Dass Generationen, meine inbegriffen, diesen infantil gezeichneten Asterix und Obelix-Müll regelrecht verehrten, sagt zweierlei:
1. Er hat sich in ihre Matrix derart eingraviert, dass sie den nationalen Widerstand selbst von Barbaren gegen zivilisatorische Einflüsse über alles stellten, Hauptsache: Identität.
2. Brauchen wir nicht. 1. reicht.
Ich aber wandte damals mein Haupt mit Grausen und mich selbst den amerikanischen Underground Comix zu, von denen ich noch diverse Exemplare besitze, was einen Teil meiner Altersversorgung darstellt.
Hört denn dieser Sommer nie auf?

15.07.2018 – Ich wünsche mir seit Jahren eine eigene TV-Show.


Wir. Dienen. Deutschland? Hereby I solemnly declare as a citizen of planet earth: Fickt. Euch!
Zur Bundeswehr geht man nicht, weil man Lust hat, Deutschland zu dienen. Zur Bundeswehr geht man eher, weil man Lust auf Abenteuer hat, Lust auf faschistoide Männerbünde, Lust aufs Töten und weil man einen existenzsichernden Job haben möchte, bei dem das Saufen nicht nur nicht verboten ist, sondern Grundvoraussetzung für Anerkennung und Erfolg.
Hätte da oben gestanden: „Wir. Dienen. Dem. Staat.“ hätte ich das nicht fotografiert. Ich bin kein Pazifist und betrachte Waffen & Militär als mitunter notwendiges Übel. Wäre beispielsweise der Staat Israel nicht bis an die Zähne bewaffnet, existierte er nicht mehr. Um den Staat als ebenfalls notwendiges Übel aufrecht zu erhalten, braucht es „Staatsdiener“ aller Art und je mehr die Verhältnisse in unserer Gesellschaft barbarischer werden, desto mehr bin ich für einen starken Staat als letzte Brandmauer gegen die Herrschaft des Mobs. Kein notwendiges Übel aber, sondern so notwendig wie ein Pickel am Arsch ist die Nation, an die im obigen Bild unverhohlen appelliert wird.
Zu Recht hat sich im zivilen Sprachgebrauch der Begriff „Nationsdiener“ nicht eingebürgert. Es gibt aber zum Beispiel eine doitsche „National“mannschaft, ein weiteres Indiz für den pathologischen Charakter der Ersatzreligion Fußball und all ihrer Insassen.
Der Staat ist etwas Konkretes, er besitzt eine Bevölkerung, eine Verfassung, ein Gebiet, er hat Rechte, vor allem das der Ausübung des Gewaltmonopols, und er hat Pflichten, wie zum Bespiel das Sozialstaatsgebot im Grundgesetz. Die Nation ist etwas Metaphysisches, eine Wahnidee, sowas wie „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation.“ Redet man von einem großen Staat, meint man seine Quadratkilometer oder sein BIP. Redet man von einer großen Nation, meint man die Toten ihrer Eroberungskriege. Der Staat verfolgt Interessen, die Nation verfolgt Minderheiten. Die Nation ist wie Dünnschiss: viel heiße Luft, jede Menge Dünnes und nach hinten raus nur Braunes in der Hose. Nationalismus hat natürlich auch während der WM andauernd seine hässliche Fratze erhoben und deshalb drücken wir Alle heute beim Endsieg, äh Endspiel Frankreich die Daumen und nicht den Ustascha Nazis. Am schönsten aber wäre es, all die National-Spacken, die heute wieder im Tran vor der Glotze hängen, würden einmal im Leben einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.

So wie im Bergmann-Kiez in Kreuzberg am Tag der Verkündung der NSU-Urteile, wo jede Menge junge Leute mit einer Demonstration den Staat und die Gesellschaft daran erinnerten, dass mit einem Urteil der Gerechtigkeit noch lange nicht Genüge getan ist.
Da würde ich mir mehr von wünschen, siehe oben.
Aber ich wünsche mir seit Jahren auch eine eigene TV-Show.