28.03.2018 – Sex

kanone
Symboldarstellung.
Fort Dick, so heißt ein Ort in den USA. Ich musste lachen, als ich den Namen in einem Artikel las über ein Pornoportal, das den Einwohnerinnen von Orten mit vermeintlich „schlüpfrigen“ Namen lebenslange kostenlose Mitglied(auch ohne Glied? hahahaha,)schaft verspricht.
Ein gelungener PR Gag mit eher pubertärerem Humor. Aber wer frei von pubertären Anwandlungen ist, der werfe den ersten Stein. Ich für meinen Teil (für wessen sonst?) musste auch über „Horni Police“ lachen. Und damit wäre das Thema Sex abgehakt, was ich ja für diesen Blogeintrag im letzten versprochen hatte, wie ich in einem der seltenen Fälle, wo ich nochmal nachgelesen habe, feststellen musste. Aber ein Header „Sex“ verkauft sich 10x besser als „Kritische Würdigung des SPD Vorschlags zur Abschaffung von Hartz IV“. Da läuft einem nach den ersten zwei Wörtern schon die Leserinnenschaft weg.
Der Vorschlag ist aus mehreren Gründen interessant: Für die SPD kommt die Abkehr vom Prinzip Agenda 2010 zu spät. Wenn der Markenkern, also Solidarität bei der SPD, beschädigt ist, hilft auch kein kosmetischer Relaunch mehr. Der FDP würde es ihre Klientel auch nicht verzeihen, wenn sie sich auf einmal nachhaltig gegen Steuerhinterziehung engagieren würde. Der Vorschlag geht aber tendenziell in die richtige Richtung, wenn man auch über vieles im Detail diskutieren kann. Die Causa ist insofern interessant, weil auch dieser Vorschlag ein Indiz dafür ist, dass Parteien im Zweifel solidarischer, fortschrittlicher aufgestellt sind als das „Volk“, vulgo die Wählerinnen. Siehe auch die Tatsache, dass laut Verteidungsministerin von der Leyen die Hitler-Wehrmacht nicht mehr für die Traditionspflege der Bundeswehr zur Verfügung steht. Wo doch die Mehrheit des Mobs meint, es war nicht alles schlecht bei Adolf. Nur das mit dem Autobahnbau, das hätte er sein lassen sollen.
Das Volk wird immer asozialer und reaktionärer. Und so traurig das ist: man muss Parteien (na ja, einige, nicht alle) als konstituierenden Bestandteil von Staat gegen die Gesellschaft in Schutz nehmen. Sie sind eine Art Brandmauer vor dem Verfall. Bis auf die AfD, die ist dann doch mehr eine Art Brandsatz.
Demokratie des Volksentscheides? Dann wandere ich aus. In den Süden. Wo es noch archaisch beschissen zugeht, wie hier im Bild.
arabisch
Heute noch in Betrieb. Arabisches Stehklo.
Schrecken früherer Trampurlaube in südlichen Gefilden. Wer jemals besoffen ohne Training im Stehen gekackt hat, weiß was ich meine.

19.03.2018 – Drogen

kunst
Hoch lebe unser Bundeskanzler. Mit Kunst.
Das Bild muss um die Jahrtausendwende entstanden sein und ist ein flammender Apell gegen die Legalisierung von Drogen. Wenn dabei Personenkult um einen Parvenü rauskommt, dann lieber jeden Tag zwei Liter Kaba, der Plantagentrank. Gibt’s den noch?
Das ist übrigens ein beliebter Kunstgriff auch von mir seit Jahrzehnten, irgendeinen öffentlichen Blödsinn machen, was Illegales, und dann das Etikett „Kunst“ drauf pappen, im wahrsten Sinne des Wortes, ich habe mehrere Schilder, wo groß und breit draufsteht: Kunst. Sobald man die öffentlich hochhält, kann man sich fast alles erlauben. Sogar auf einer Theaterbühne rauchen. Ist ja Kunst. Insofern habe ich mit einem Schmunzeln wahrgenommen, dass der MdB Diether Dehm bei der Kurdendemo in Hannover am Wochenende bei seiner Ansprache ein Bild von Öcalan hochhielt, obwohl das verboten ist. Er behauptete, das sei Kunst. Er wurde polizeilich behandelt und es ist keineswegs so, wie das Zentralorgan der hiesigen Schnarchsäcke, die HAZ, behauptet, dass ihm nun Ärger droht. Richtig ist vielmehr, dass der Repressionsapparat am Ende des Tages den Kakao auch noch wird austrinken müssen, durch den er gezogen wurde. Und Genosse Dehm hat eine PR, für die er bei einer Agentur Tausende zahlen müßte.
Sie machen es einem aber auch leicht. Ich stehe auch deshalb auf öffentlich inszenierte (Kunst-)Raufhändel, weil ich im Zweifel immer einen Tick dickfelliger und witziger bin als der Rest. Wer hat schon gerne eine Mahnwache vor seiner Homebase von jemandem mit einer Pappnase im Gesicht (witzig! Hohoho!) und einem KUNST-Schild vor dem Bauch, der aus dem Grundgesetz zitiert, worüber dann die BILD berichtet…
Soviel zum Thema Drogen. Im nächsten Blogeintrag geht es um Sex. Bleiben Sie drin, liebe Leserinnen!

18.03.2018 – Gewalt

kurden
Kurdendemo am 17.03. bei mir umme Ecke. Sympathisches Völkchen allein aus dem Grund, weil Vermummung hier nur aus Wettergründen geschieht. Es war nur wenig über 0 Kelvin, das ist ziemlich frisch, und der Wind, der dabei blies, hat mir ein Lied erzählt, in dem es um eine Mama ging, die ihren Sohn Kelvin nannte statt Kevin. Vermummung fand bei der Demo auch aus Vorsorge gegen Repression statt. Das lassen wir nochmal durchgehen, zumal bei den Kurden keine Frau auf die Idee käme, eine Gesichtswindelartige Burka, Nikab, Tschador oder Hidschab zu tragen, was weitere Sympathiepunkte gibt. Es war bunt, es war laut, es war schön, ich zog meiner Wege. Solidarität ist bei mir auch an Temperaturuntergrenzen gebunden. Gewalt gab es bei der Demo wohl nicht. Eine Ecke weiter stieß ich auf jenes zumindest korrekt gegenderte Plakat
liebe anwohner
Plakat.
Kurden werden seit Jahrzehnten Krieg und massiver Gewalt ausgesetzt. Durch die Linke geht seit ihrer Existenz eine unsichtbare Demarkationslinie, die Frage: Wie hältst Du es mit der Gewalt? Hier ist weder Raum noch Zeit für das Nachbeten von diesbezüglich divergierenden Positionen. Nur ratterte beim Anblick des Plakates bei mir die Decodierungsmaschine:
„ … ob direkte Aktionen, die die Verwertungslogik des Kapitalismus direkt angreifen …“
Ob die jungen Aktivist*innen die Formulierung im Giftschrank ihres vormals revolutionären Papas neben den privat gedrehten Pornos (nicht die mit der Mama) gefunden haben? Also mich erinnert das an die Action directe, die die „Verwertungslogik des Kapitals“ na ja, sagen wir mal, ziemlich direkt angriffen hatte in den Achtzigern.
Die Wut auf die Verhältnisse wächst überall, rinks wie lechts, und ein Kristallisationspunkt ist sicher Gentrifizierung. Bin gespannt, worüber wir in fünf Jahren reden. Aber bevor der staatliche Repressionsapparat gleich wieder loshyperventiliert: Aus den jungen Leuten wird sicher mal ordentliches, Außenminister oder die Richtung. Die lassen sich jetzt mal den Wind um die Nase wehen, erproben den Erwerb von Karrierekompatiblen Durchsetzungsfähigkeiten, wandeln halt auf dem Joseph-Fischer-Gedächtnispfad. Mit einem Stein in der Hand kommt man auch bei uns später ziemlich weit.
Allerdings sind mir die Plakatkleber*innen 10x lieber als all jene Duckmäusinnen, die ihre Vitalfunktionen in dem Moment einstellen, wo die Abifeier vorbei ist.
Was kann man über Jens Spahn sagen, ohne beleidigend zu werden? Gibt es Positives über diesen Lemuren zu berichten? Zwei Dinge: er ist nie einer geregelten Arbeit nachgegangen, hat 28 Semester studiert und in betrügerischer Absicht Staatsknete abgegriffen.
Wenn sich der Mann auf meine Einladung zu einem Armuts-Praktikum meldet, werde ich mindestens in direkter Aktion die Reste-Verwertungslogik des Parlamentarismus direkt angreifen. Mit so einem ekligen Menschen möchte ich ganz bestimmt nicht den ganzen Tag abhängen.
Hasta la vista, Baby.

16.03.2018 – Schafft das Wetter ab.

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Naive Einfallspinselinnen hauchen bei dem Anblick romantisch entzückt: „Ach, das sieht aber schön aus!“
Gemäß dem Newtonschen Axiom: Einfallspinsel gleich Ausfallspinsel werde ich bei solchen Äußerungen ausnehmend ausfallend. Wer derlei Natur- und Wetterkitsch von sich gibt, kann das Wesen der Dinge nicht von ihrer Erscheinungsform trennen. Was so vorgeblich romantisch aussieht, sorgt in der Großstadt für Matsch, Verkehrschaos, ich kann nicht Radfahren, das ist eine Kränkung der Natur mir gegenüber sondergleichen, Dreck auf meinen Fußbodenkacheln, gefrierende Glätte, ich stürze, Oberschenkelhalsbruch, das war’s in meinem Alter, Ende, Exitus. Das ist wetterbedingter Mord an mir durch die Natur. Normalerweise brauche ich auch gar keine Natur, ich habe einen Garten.
Aber der sah so aus wie oben und das soll wiederkommen, Mitte März minus 10 Grad! Das ist krank, unzivilisiert, barbarisch, schlimmer noch: romantisch, siehe Bild. Bekanntermaßen führt ein direkter Weg von der Romantik in den deutschen Faschismus, das wissen sogar Stupidienräte, die das in ihrem Zentralorgan, der „Zeit“, lesen konnten , bei deren Lektüre ich normalerweise bitterlich um jeden Baum weine, der dafür sterben musste. Also ist Wetter was genuin Faschistisches und gehört abgeschafft. Nieder mit dem Wetter! Kloppt die Natur in die Tonne, meinetwegen in eine Biotonne. Ich bin urban, zivilisiert, und liebe Metropolen. Was hat die Natur zu bieten?
Zecken und FSME. Jetzt auch an meinem Badesee. Es reicht.
Was tröstet? Ich bin nicht mehr nur „regional teilbekannt“, wie mir ein Kunstkollege mal treffend hinterherwarf. Ich bin jetzt prominent. In Bad Pyrmont. Solche Sätze über die dortige Veranstaltung zu Armut wie: „Die eingeladenen Mitdiskutanten … waren sich im Grundtenor mit Gleitze einig“ gehen mir runter wie Öl, Nektar und Portwein. Sowas heißt übersetzt: Ich sage an, wo es langgeht und der Rest hinterher. Für einen eitlen Fatzke wie mich besteht in so einem Fall die Morgenzeitung zwei Stunden lang in der ausschließlichen Lektüre eines solchen Satzes. Mit Nebensächlichkeiten, ob das denn fachlich alles seine Richtigkeit hatte, was ich von mir gab, befasse ich mich da nicht. Und glauben Sie mir, wenn Sie es nicht ohnehin schon lange wissen, liebe Leserinnen, alle Männer sind so. Ich bin nur ehrlicher als der Rest.
Davon abgesehen ist das Bündnis gegen Armut in Bad Pyrmont eine tolle Sache. Es ist sich auch der Ambivalenz seines Handelns durchaus bewusst: das notwendiges zivilgesellschaftliches Handeln unter Umständen den Staat veranlasst, sich aus seiner verpflichtenden Rolle als Organisator der Daseinsfürsorge zurückzuziehen. Und das ist eine noch größere Sauerei als …siehe oben .. das Wetter.
Das Positive zum Schluss:
OSK-Die-Mauer-zwischen-Arm-und-Reich-
Trump ist endlich zur Vernunft gekommen und hat seine Mauer-Obsession in richtige Bahnen gelenkt. Er reißt jetzt welche ein, die zwischen Arm und Reich!
Demnächst auch in Ihrer Region! Bleiben Sie drin.

12.03.2018 – Wissenschafts-Sensation: Neueste Studien belegen, dass Studien überflüssig sind!

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Aktion zur zwei Klassen Medizin, 20 Jahre her. Wenn ich allein meine Aktions-Kunstwerke katalogisieren sollte, müsste ich ein Sabbatical einlegen. Mach ich auch. Aber nicht deswegen.
Das Wissenschaftsmagazin Lancet wird in einer seiner nächsten Ausgaben über eine Studie berichten, die die grundsätzliche Wirkungslosigkeit und mangelhafte Aussagefähigkeit von Studien belegt. Die Studie wurde am MIT erarbeitet von Dr. Hoffstetter und Dr. Rostenkowski. Vom Verfahren her handelte es sich um eine epidemiologische Studie, es ging also um Inzidenz und Prävalenz, um die Verteilung und zeitliche Veränderung der Häufigkeiten von Studien innerhalb eines definierten Bereiches sowie um deren Ursachen und Wirkungen.
Eigentlich wollte ich zur SPD nichts mehr sagen, hatte sich für mich erledigt. Mich erinnert die SPD an meine Kindheit auf dem Lande. Wenn Omma ein Suppenhuhn brauchte, kam Onkel Gustav rüber, griff sich ein gackerndes Huhn vom Hof, hackte ihm auf dem Hackklotz mit der Axt den Kopf ab und warf den über den Zaun auf die Bahngleise, die am Hühnerhof vorbeiführten. Der Kopf vollführte auf dem Bahnschotter noch eine ganze Weile ein Eigenleben, Augen zu und auf, und der Restkörper flatterte mit beiden Flügeln (Achtung! Polit-Metapher! Sie ahnen schon, worauf das hinausläuft …?!) munter weiter. Also das Huhn war eigentlich tot, zeigte aber noch Vitalfunktionen. So wie die SPD. So, jetzt ham wer‘s. Pointe, Narhalla Marsch und Tusch.
Wie ich mich dabei als kleiner Pöks fühlte, fragen jetzt traumatisierte Großstadtweicheier? Ich fand’s lustig. Dörfliches Entertainment, Leben in der Bude – sieht man mal vom Huhn ab. Später, als ich durch Europa trampte, landete ich in Portugal bei einer Gastfamilie, wo ich ein paar Monate wohnte, ziemlich in der Pampa in Sao Pedro de Muel. Es gab mitunter Kaninchen. Die fielen nicht vom Himmel oder machten vor der Haustür Selbstmord, die waren in Ställen auf dem Hof. Wenn ich da einen Ohnmachtsanfall gekriegt hätte von wegen, ach, das Hasi hat doch gestern noch mit großen Kulleraugen in die Welt geguckt, wär ich da nicht alt geworden. Wer grundsätzlich nicht bereit ist, das, was er oder sie isst, auch zu töten, sollte Vegetarier*in werden. Ich esse wenig Fleisch, aber Vegetarier bin ich nicht.
Ob Olaf Scholz & Hubertus Heil Vegetarier sind, weiß ich nicht. Ich vermute, die haben so viel Stoffwechsel wie Emotionen – gar keinen. Als ich hörte, dass diese Prototypen eines Apparatschicks, diese seelenlosen Agenda 2010 Roboter, die ursächlich mitverantwortlich sind für den Untergang der SPD, jetzt auch noch Minister werden sollen, habe ich dann doch gelacht. Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera hat die SPD beides gewählt. Das muss man erstmal hinkriegen. Das als Epitaph auf die Arbeiterbewegung.
Ich hab meine Dipladenien schon rausgestellt. Wenn das mal kein Fehler war. Soll frostig werden. Ihnen, liebe Leserinnen, einen excellenten Start in die Woche und viel Spaß beim Osterlammfilet mit Rosmarin. Ich empfehle dazu mal keinen Rotwein, sondern einen festlichen Weissburgunder von Markus Molitor. Wohlsein.

11.03.2018 – Notdurft auf dem Trottoir

artefakte
Die Mehrzahl der Menschen unter 30 weiß nicht, was das ist. Papierfilme ASA 200, ein Konica mit 24 Bildern und Fuji mit 36 Bildern. Analoge Artefakte aus einer Zeit vor der Jahrtausendwende. Allein die Angabe der extrem begrenzten Bilderanzahl wirkt auf einen Digitalinski absurd. Die Vorstellung, dass man auf das fertige Produkt Bild mitunter tagelang, ja Wochen warten musste, ist für digital groß Gewordene vermutlich ebenso grotesk wie die Vorstellung, dass es mal eine Zeit ohne Internet gab, Zähne ohne Betäubung gezogen wurde oder man seine Notdurft Nächtens via Nachtgeschirr einfach auf die Straße kippte.
Was mich am Technologie-Wandel von Fotografie interessiert, sind Fragen nach unserer Wahrnehmung, nach dem Begriff des Originals (also Einzigartigkeit, Aura, Authentizität) und danach, wie sich durch Technologiewandel unsere – eigene – Kulturproduktion verändert.
Das Foto oben ist digital via Smartphone gemacht. Das nehmen Sie aber als solches nicht wahr. Was Sie wahrnehmen: ist das Bild interessant, langweilig, heiter, sonnig, unscharf etc. Die Frage nach der eventuellen Binärcodierung spielt bei der Wahrnehmung keine Rolle. Ebenso kaum noch eine Rolle spielt die Frage nach dem Original. Ein Foto ist heute seiner Aura beraubt. Der Papierabzug war etwas Einmaliges, Auratisches. Dass auch er reproduzierbar ist, spielt bei der Primärwahrnehmung, wenn man das Bild erstmalig in der Hand hält, keine Rolle. Ein Papier-Foto kann ein Schatz sein, ein Digitalbild ist die Summe von Nullen und Einsen.
Verändert der Technologiewandel unsere eigene Kulturproduktion? Zeitgenössisches Schreiben ist ohne die Vorstellung von Bildwelten im Kopf nicht möglich, wir schreiben, wie wir Bildwelten wahrnehmen, Videos, Filme, Plakate, Fotos. Wer nicht selber Bilder produziert, stößt an Grenzen. Ich merke Texten an, ob sie von Leuten geschrieben sind, die fotografieren, filmen, sich auf Bildwelten einlassen. Bildwelten, analog oder digital egal, erzeugen andere Dynamiken, einen Sog, Flow, sogar Rausch. Da hab ich jetzt aber kein Primär-Beispiel parat. Nur ein Rauschbeispiel über Vorbande. Ein Bild meiner Stammkneipe, ein klassisches Beispiel von Aura.
lorberg
Das Lorberg in Hannover-Linden. Ich wohne in einem sogenannten Szene-Kiez, was nichts anderes ist als eine Ansammlung von pseudoalternativen austauschbaren Besäufnis-Hallen, schlimmstenfalls mit TV Bildschirmen, wo sich Massen von Fussballproleten ins Koma saufen und hinterher ihre Notdurft auf dem Trottoir verrichten – siehe Mittelalter. Es gibt noch zwei Wirtshäuser, die hier, und nur hier stehen können, und nicht im Schanzenviertel oder in Kreuzkölln, und in denen es gepflegte Gastlichkeit gibt, das eine ist das Lorberg. Und ja, das Foto ist Scheiße, im Kneipendunkel mit Smartphone, da lacht doch jeder Hasselblad Analog Filmer. Ich bin mittlerweile sogar zu faul, meine Digitalkamera einzupacken. Schlimme Zeiten.

09.03.2018 – Die Letten werden die Esten sein

aura
Fensterbank
Ich hatte gestern im Blog anlässlich des Frauentages auf Lysistrata verlinkt, jene griechische Komödie, in der sich Frauen aus Athen und Sparta der männlichen Reproduktionssphäre entzogen (es ging dabei nicht nur ums Ficken, daher diese Formulierung), um den Frieden im Peloponnesischen Krieg zu erzwingen. In Spanien haben sie gestern Lysistrata 2.0 aufgelegt. Den Kapitalismus in seinem Lauf hält zwar weder das noch Ochs und Esel auf, aber wenn die Hoffnung nicht endgültig den Bach hinunter gehen soll, ist in heutigen Zeiten zwingend notwendig der „andere Blick“, so wie bei der Aktion in Spanien. Der „andere Blick“ ist im Ursprung eine ästhetische Wahrnehmung von Differenzen in und zum normalen Alltag. Also was läuft im ganz normalen kapitalistischen Alltag anders als die auf Effizienz getrimmte Normmaschine, nach der jede*r einen SUV zu fahren hat, im Besitz von 1,27 Kindern zu sein hat, tätowiert sein muss ersatzweise einen Ring durch die Nase zu haben hat, mit dem man ihn und sie durch den Ring der Warenwelt und anschließend durch den Kakao ziehen kann. Vergessen habe ich noch den jährlichen Besuch eines Helene Fischer Konzertes und den Besitz eines Thermomix. Und nein, ich bin auch nicht besser in meinem Bemühen, mich in ständiger Distinktion zu inszenieren, was nur ja die unabtrennbare Kehrseite der Medaille „Normmaschine“ ist. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben..
Interessant ist auch das, was im ganz normalen kapitalistischen Alltag normal läuft, aber eine andere Bedeutung bekommt durch den eigenen „anderen Blick“. Verstehen Sie überhaupt, worauf ich hinaus will mit meiner kleinen Geschichte des anderen Blicks?
Beispiel für den anderen Blick: das grandiose Erste Wiener Heimorgelorchester mit dem Lied „ Die Letten werden die Esten sein“ . Das Video im Zusammenspiel mit der Musik ist umwerfend. Und darauf kommt es bei ästhetischer und damit immer auch politischer Wahrnehmung an: Auf die Verschiebung eines Standpunktes.
Die Letten werden die Esten sein
bist du voran, dann bleibe steh’n
und lass den Elch an dir vorüber geh’n.

Sehr schön auch das Kreuzberger Nasenflöten Orchester, das ich vor Jahren im Goldenen Hahn erleben durfte. Beide, Kneipe und Orchester, waren so schwer abseits jeder „Normalität“, dass ich mich allein deshalb auf meine neue Hood inna Berlin freue. Wenn der Goldene Hahn nicht schon lange für einen Edelitaliener weggentrifiziert wurde, liegt er keine 15 Radminuten von meiner Homebase entfernt. Ist nur die Frage, wie ich da beulenfrei um den Kotti rumkomme.
Ein Mikrobeispiel für den anderen Blick ist der Blick auf meine Fensterbank im Arbeitszimmer, siehe oben. Die sieht nun signifikant anders aus als eine normierte Aluminium Fensterbank, an der kein Blick je haften bleibt, weil Eine wie die Andere aussieht.
An meinem Moos kann der Blick schon mal verweilen. Und wer so wie ich vom Land kommt und die Zeichen der Natur noch lesen kann wie ein Apache, der weiß: Das Fenster geht nach Norden. Wo Moos, immer Norden. In dem Sinne, liebe Leserinnen, charmantes Wochenende, und trainieren Sie Ihren ganz persönlichen anderen Blick.

08.03.2018 – Weltfrauentag: 51 % unseres Landes sind weiblich

blutwurst
Blutwurst-Wettbewerb (Zugesandt von einem unserer Blog-Korrespondenten)
Regelmäßig morgens fräsen Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes und des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik Schneisen voller Fakten, Argumente und Rationalität in meinen Mail-Eingang in eine ansonsten Welt voller Niedertracht, Lüge und schierem Arschkrampentum. Wenn ich zuverlässige Zahlen über die Heidelbeerernte 2017 erhalte, ahne ich: Noch ist Hoffnung in der Welt. Und bei der Meldung: „Einzelhandelsumsatz im Januar 2018 preisbereinigt um 2,3 % höher als im Vorjahresmonaten“ fühle ich ein dumpfes, böses Ahnen von Inflation und Lohnpreisspirale in mir. Es kann aber auch der nahende Stuhlgang sein.
Krass konkret wird es, wenn irgendwas mit Armut über den Ticker läuft, was ich nicht vorab in der Zeitleiste des Jahres hatte. Dann heißt es: Aktiv Handeln! Die PR Maschine anwerfen und machtvolle sprachliche Meisterwerke der Pressemitteilungskunst bis mittags durch den Äther jagen, damit die Agenturen der Welt im Bilde sind.
Manchmal ist es aber nur erhellend, wenn es, wie neulich, heisst:
„51 % unseres Landes sind weiblich.“
Wir gehen davon aus, dass Destatis, so das Kürzel für das Statistische Bundesamt, 51 % der Bevölkerung meint. Bei Land kommen archaisch-klebrige Assoziationen auf, von wegen Acker und Furchen und Sämann. Muss nicht sein. Fakt bleibt, dass wir es hier mit einem klassischen Fall von demographischer Mehrheit in Tateinheit mit soziologischer Minderheit zu tun haben, meint: Die Weiber sind zwar die Mehreren, ham aber nix zu melden. Ich werde einen Deibel tun und mich mit Lösungsvorschlägen hier blamieren. Was ich als Service anbieten kann, ist ein bildungsgrundierter Blick in die Geschichte .
Ich verbringe aber keineswegs 24 Stunden am Tag mit Bildungshuberei. Richtig ist, dass ich z. B. gestern zum x-ten Mal „Two and a half men“ gesehen habe, eine von mir hier schon mehrfach gepriesene und inhaltlich vollkommen unterschätzte US-Sitcom, die allerdings wegen ihrer handwerklichen Perfektion und ihres überragenden Humorpotentials vielfach ausgezeichnet wurde.
Die Sitcom zeichnet unter der Oberfläche des Lachens ein deprimierendes Bild von postmoderner Familie und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die gestrige Folge war für mich ein traumatisches TV-Erlebnis. Im realen Leben war der völlig durchgeknallte Hauptdarsteller Charlie Sheen gefeuert worden, das wurde in besagter Folge durch seinen fiktiven Serientod inszeniert und sein Nachfolger, ein affiger Hollywood-Schönling namens Ashton Kutcher, wurde eingeführt. Von der Sekunde an war die Serie für mich tot.
Ich lache immer noch pro Folge um die 20 – 30 Mal, Lachen ist für mich Lebenselixier, der Verlust war tragisch und durch nichts zu ersetzen. Die Tatsache, dass die einzigen DVDs, die ich besitze, die ersten 8 Folgen von „Two and a half men“ sind, spricht für sich. Also nix von wegen Lysistrata im Dauereinsatz.
Die Serie hatte 23 Nominierungen beim Wettbewerb um den Emmy. Ich hatte auch schon Nominierungen bei Wettbewerben, so unter anderem zum „Heinrich von Kleist Wettbewerb 2011“ mit dem Beitrag „Alles Kleister“ und zum Blutwurst-Wettbewerb, siehe oben. Beide Male nicht gewonnen. Schade, aber nicht tragisch.
Die Tragik meines Lebens ist der Verlust von „Two and a half men“.

04.03.2018 – Fußball und Pornografie

bar le stalingrad
Nizza, Bar le Stalingrad.
Gestern beim Italiener, das Übliche. Zuhause zappte ich kurz durch die 27 Sender, die ich frei empfangen kann. Mindestens, dahinter sind noch Dutzende oder gar Hunderte, die zu sortieren ich mir aber nicht antue. Ich landete wieder beim Italiener, diesmal bei einer Übertragung der Oper „Nozze di Figaro“ in einer Mailänder Inszenierung. In meinen Augen oder besser Ohren muss Mozart ein Alien gewesen sein. Seine Musik ist einfach überirdisch schön, an schwelgerischem Ideenreichtum, beschwingter Heiterkeit und betörender Harmonie, es gibt nichts Vergleichbares. Ich kenn jedenfalls nix, bin aber auch nicht der notorische Operngänger, von daher muss das kein Maßstab sein. Im TV guck ich mir auch nicht jede Woche Oper an, Fernsehen ist kein Medium dafür. Aber ich war am gestrigen Abend für eine Zeit durchaus ergriffen, der Wohlklang brachte die Seele zum Schwingen und ich wollte fürderhin ein besserer Mensch sein. Katharsis, hält meist zwei Stunden. Das Ganze fand auf 3sat statt.
Geht es nach 39 Prozent der Ostgoten, wird es diesen Sender irgendwann nicht mehr geben. Sie wollen eine Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 39 Prozent jetzt schon, ohne dass eine nennenswerte Kampagne in der Richtung stattgefunden hat, wie in der Schweiz. Sie wollen nicht zwangsbeglückt und bevormundet werden durch eine Zwangsabgabe zur öffentlich-rechtlichen Dauersubvention und durch Ansätze von Niveau im TV. Auf dem Level kann man auch gegen allgemeine Schulbildung, gegen staatliche Daseinsfürsorge grundsätzlich und für die Abschaffung von Steuern argumentieren; eine Richtung, die auch von libertären Silicon Valley Apologeten forciert wird. Allesamt Millionäre und Milliardäre, die sich die Abwesenheit von Staat leisten können. Interessant, dass sich jede Menge verarmter Zonis und verhärmter AfD Wähler dem anschließen. (Leider auch Frauen. Mädels, Ihr enttäuscht mich bitter!). Über die Verwendung einzelner Steuern und Abgaben bestimmt nicht der Bürger und das ist auch gut so. In einem Staat, in dem das der Fall ist, möchte ich nicht leben, jedenfalls nicht in dieser Welt, die zunehmend okkupiert wird von Achtelgebildeten und geistigen Tiefstfliegern. Da scheint am düsteren Horizont der Geschichte ein Terror der Mehrheit auf und es wäre dann ein neuer Terror der Tugend dagegen zu denken.
In unserem Land wird fast alles subventioniert. Hätten wir nicht eine derartig ungerechte Geld-Verteilung könnte man von präsozialistischen Verhältnissen sprechen: Landwirtschaft, Bergbau, Energiewirtschaft, Kultur, Forschung, Militär … Bildung, Gesundheit, Infrastruktur sind sowieso noch zu großen Teilen in staatlicher Verwaltung.
Und da empört sich der 39 Prozent Mob über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Wo er doch mindestens 27 Sender zur freien Auswahl hat?
Ich liebe Hollywood Kino Komödien und noch für die flachste aller Komödien lasse ich jedes Arte-Feature und jede 3sat-Oper stehen. Ich besitze wenig Tiefgang und bei mir ist die Verpackung der Inhalt. Für mich gilt: What you see is what you get. Aber für den Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werde ich mit der Waffe in der Hand kämpfen.
Der Feder natürlich, welche die Waffe des Satirikers ist
Frei finanzieren lassen sich übrigens Fußball und Pornografie und begrenzt Mainstream Popcorn Kino.
In der Schweiz wird heute abgestimmt über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In Italien grundsätzlich. Keine Ahnung, wie das ausgeht.
Im Schreiben dieser Zeilen überkommt mich eine tiefe Sehnsucht nach weg. Nach Nizza, in meine dortige Lieblingsbar le Stalingrad, siehe oben. Jeden Abend Orgelkonzert. Und hinterher zum Musée d’Art Moderne et d’Art Contemporain, wo es unter anderem einen Betonkopf zu bewundern gibt
nizza-betonkopf

01.03.2018 – Man darf gespannt sein auf die erste Regierungserklärung einer CDU-AFD Bundesregierung.

merkwürdig
Bankenkrise – war da mal was? Nein. Ist immer noch. Und kostet die Steuerzahlenden im hohen Norden im Falle des Verkaufs der HSH Bank pro Kopf 3.886 Euro. Mit den jetzt fehlenden Milliarden hätte man ein Dutzend Elbphilharmonien bauen können. Und Sozialwohnungen und Unterkünfte für Obdachlose. Ich weiß nicht, wie viele Obdachlose in der aktuellen eiskalten Frostphase jetzt unbemerkt auf den Straßen erfroren sind oder an Erschöpfung noch sterben werden. Eins weiß ich allerdings: Kapitalismus tötet.
Ich kann mich gut daran erinnern, wie gewaltig der öffentliche Aufschrei angesichts der explodierenden Kosten (Kosten explodieren immer, nie gibt es ein anderes Sprachbild) für die Elbphilharmonie war. Und natürlich war es eine Sauerei, dass der Staat den Pfeffersäcken mit Steuergeldern, die jene mit notorisch krimineller Energie hinterziehen, einen dauersubventionierten Tempel der Erbauung hinsetzt, damit besagte Säcke, die auch so aussehen, am Folgetag nach der Premiere von „Fidelio“ moralisch gestärkt ihren räuberischen Geschäften nachgehen (Das mit Fidelio war ein Witz für mich selber und die gehobenen Stände).
Aber die Elbphilharmonie ist ein faszinierendes Gebäude geworden, vom Wahrzeichencharakter her vergleichbar mit dem Eiffelturm oder, passender, mit der Oper von Sydney, die ich als noch kühner empfinde. Die Elbphilharmonie wird sich wahrscheinlich langfristig via Touri-Boom refinanzieren und wenn die eingangs zitierten Drecksäcke ihren Steuerbürgerpflichten nachkämen und es überhaupt etwas gerechter zuginge und die Elbphilharmonie ein Ort der Muße für alle wäre, so könnte man seinen Frieden machen. Aber ich bin nicht hier, um Frieden zu machen.
Ich bin hier, um mich zu wundern. Die Elbphilharmonie hat die Steuerzahler*innen pro Kopf ein paar Hundert Euro gekostet. Wenn die öffentliche Erregung über das HSH Desaster in Relation zu der um ein vielfach höheren Pro-Kopf-Belastung anwachsen sollte, was müsste man sich da vorstellen? Dann dürfte in Hamburg und Schleswig-Holstein in allen öffentlichen Gebäuden kein Stein auf dem anderen bleiben. Burn, Baby, burn. Riots. Straßenkämpfe, Molotow-Cocktails. Ca ira, ça ira, ça ira, …. à la lanterne! à la lanterne…?So weit, so witzig.
Was wirklich passieren wird: Dieses Desaster wird der AfD weiteren Zulauf bescheren, das öffentlich-rechtliche System wird weiter delegitimiert – die HSH Nordbank war Teil des öffentlich-rechtlichen Banken- und Sparkassensystems – und kommt langfristig auf den Müll der Geschichte. Siehe auch die im Moment eskalierende europaweit laufende Diskussion um die öffentlich-rechtlichen Medien. Man darf gespannt sein auf die erste Regierungserklärung einer CDU-AFD Bundesregierung:
„Wir werden den Wildwuchs und die Linkslastigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien auf ein Normalmaß zurückführen“.
Normalmaß meint hier: Null.
Eins ist beruhigend: noch mehr kann der deutsche Michel eigentlich nicht verblöden, selbst wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk abgeschafft wird. Mein Motto ist eh seit langem: Lieber Michelin, und damit meine ich NICHT den Reifen, statt Michel.
Und wo bleibt das Positive? Dass die Bürgerpresse niemals kapieren wird, was ich da eigentlich seit Jahrhunderten so mache, siehe NP Artikel oben: „der merkwürdige SCHUPPEN 68“. Würden sie es verstehen, hätte ich alles falsch gemacht und würde ich stante pede das Metier wechseln und Opernsänger werden
Und hätte einen Traum: einmal in der Elbphilharmonie singen.