23.03.2024 – Was hast Du vor 4 Jahren gemacht, als der erste Corona-Lockdown startete?

taz 28.03.2020 zur SCHUPPEN 68-Intervention im hannöverschen Ihmezentrum anlässlich des 250. Geburtstags von Friedrich Hölderlin am 20.03.2020. Die gesamte PM zur Aktion können Sie im renommierten Magazin „Kunstaspekte“ lesen. Mit der Aufforderung im Schlusssatz: „Folgen Sie den Spuren der Partisanen der Poesie!“ Einer meiner besseren Sätze . Soviel zur Frage: Was hast Du vor 4 Jahren gemacht, als der erste Corona-Lockdown startete?

Die Aktion fand 2 Tage vor dem ersten Corona Lockdown am 22.03.2020 statt. Zum vierjährigen Jahrestag sendete der DLF ein Pandemie-Rückblick Interview mit Christian Drosten. Ihm zuzuhören war für mich ein Genuss wie das erste Brandenburgische Konzert: Klarheit, Struktur, Präzision und dabei doch (abgesehen vom 2. Satz) beschwingt, zuversichtlich, mit einer Prise unprätentiöser Heiterkeit. Wissenschaft und Musik sind zwei Kehrseiten einer Medaille. Und Kunst ist die Trösterin. Interview und Konzert sind übrigens gleichlang.

Wenn ich mir vorstelle, dass er mit seiner Familie, mitsamt vierjährigem Sohn, auf einem Campingplatz im Osten (wo sonst) der Republik von biersaufenden Verschwörungs-Vollproleten, wahrscheinlich hässlicher als Mülltonnen, mit Netzhemden und vollgepissten Trainingshosen, bedroht und beleidigt wurde, wird mir echt übel.

Irgendwelche Würste, deren IQ sicher deutlich unterhalb der Schuhgröße ihrer Flipflops liegt, maßen sich an, wie leider Millionen andere Schwurbler und Impfversteher, die Kompetenz eines weltweit anerkannten Spitzenvirologen in Frage zu stellen. Das ist ungefähr so, also ob ich Einstein für seine Relativitätstheorie anpöbeln würde. Das Universum mag begrenzt sein, menschliche Blödheit und Niedertracht ist es nicht.

Quintessenz der Seuchen-Rückschau des Interviews: Deutschland ist aus epidemiologischer Sicht zu Beginn vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Auf Grund unserer exzellenten Labordiagnostik konnten wir früh evidenzbasiert mit einem Lockdown intervenieren (Die Diagnostiksituation hierzulande hat vermutlich auch zum Gamechanger Biontech-Impfstoff beigetragen, der viel früher auf dem Markt kam als erwartet. D. A.) Hätten wir die Seuche durchlaufen lassen wie in Großbritannien beispielweise, hätten wir in der Anfangsphase statt 9.000 Coronatoten ca. 70.000 gehabt. In der Fachliteratur wird bis dahin vom „German miracle“ gesprochen.

Manche Maßnahmen sind im Nachhinein übertrieben (Händehygiene, Hautkontaktinfektionen gibt es kaum) bis lächerlich (Menschen ohne Masken von den Skipisten wegfangen).

Dann kam der quälende Teillockdown des Sommers, weil viele dachten, das Schlimmste sei überstanden. Aus epidemiologischer Sicht hätte man noch ein paar Wochen länger konsequent sein müssen, aber hier wie an anderen Stellen war der gesellschaftliche Druck stärker als Einsicht in Evidenz. Aus heutiger Sicht darf über solche Maßnahmen keine Ministerpräsidentenkonferenz entscheiden, sondern ein Bundeskrisenstab. Analog zu Naturkatastrophen wie Überschwemmungen. Es ist egal, bei welchen Personengruppen man die Infektionszahlen senkt, wichtig ist die Senkung der Gesamtinzidenz. Dazu müssen auch nicht 100 % geimpft sein, für Herdenimmunität reichen auch ca. 90 %.

Kontraproduktiv: Es sind zu viele Außenseiter zu Wort gekommen, die nicht den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis abgebildet haben, sondern ihre persönliche Meinung. In der Gesellschaft grassierte zu viel Desinformation.

Meine persönliche Bilanz der letzten vier Jahre: Die Spaltung der Gesellschaft auf immer mehr Ebenen schlug bis in das persönliche Umfeld durch. Als überzeugter Vertreter evidenzbasierten Vorgehens rasselte ich mehrfach mit befreundeten Coronaschwurbler*innen aneinander. Da ich kein Kind verbaler Traurigkeit bin, war das mitunter unerfreulich, und das ist die Untertreibung des Jahres. Fazit: Solche Themen ausklammern. Diskussionen sind da sinnlos.

Die gesellschaftliche Bilanz ist verheerender als die epidemiologische: Die Spaltung der Gesellschaft zwischen Arm und Reich wurde noch krasser. Wer arm ist, stirbt in Seuchenzeiten noch früher als eh schon. Und die Seuche wirkte wie ein Katalysator für ohnehin vorhandenen Irrationalismus, Wut, Angst. Sie wirkte wie ein verbindendes, identitätsstiftendes Moment für alles, was bis dahin rechtsoffen frei vagabundierte. Unvergessen beispielhaft von der ikonischen Bilderwirkung her der Sturm auf den Reichstag im August 2020 .

Die Seuche war ein Faschismustreiber.

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