Kategorie-Archiv: Schuppen aktuell

14.09.2025 – Von Schloß Bellevue bis zur Bülow 54

Schloß Bellevue, Sommerfest des Bundespräsidenten. Jekami, Jeder kann mitmachen. Steinmeier macht sich für 2 Stunden mit dem Mob gemein. Volksnähe nennen die bürgerlichen Schreiberlinge das. Ich nenne es eine Schmierenkomödie. Die politische Elite im Lande hat nicht den Hauch einer Ahnung, wie die prekäre Realität von zig Millionen aussieht. Wann ist Steinmeier, ehemaliger Bürobote von Gerhard Schröder und Agenda 2010-Architekt, das letzte Mal U-Bahn gefahren, alleine, nach Neukölln, in der Hauptverkehrszeit? In Lärm, Dreck, Gestank, wo in den Aufgängen der Stationen sich halbe Leichen in Kot und Urin einen Schuss setzen? Wo gehäuft auf den Straßen Menschen liegen, einfach so, ohne Decke, Tasche, Rucksack, als ob sie irgendein Blitz getroffen hätte. Von normaler Wohnungslosigkeit, Erwerbslosigkeit, Gewalt, ganz zu schweigen.

Und im Schloß klopft der Politikdarsteller leutselig dem Mob auf die Schulter, guckt bekümmert drein und fragt:“ Na, mein Guter, wo drückt denn der Schuh? Frank und frei heraus damit, nehme er kein Blatt vor den Mund!“

Kein Wunder, dass dessen Arbeiterpartei SPD Punkt 18 Uhr bei den Wahlen in NRW furchtbar aufs Haupt geschlagen wird, weiter in den Abgrund torkelnd.

Wesentlich drolliger, weil ehrlicher, schratiger und skurriler war da die Antisemitendemo zwei autonome Steinwürfe umme Ecke der Wagenknechtpartei vor dem Brandenburger Tor. Bevor allerdings ein Sturmgeschütz der Demokratie wie der Knattermime Hallervorden das Wort ergriff, ergriff ich die Flucht.

Und verbrachte den Abend bei der Soliparty für die Bülow 54, ein ehemals besetztes und jetzt selbstverwaltetes Haus, einen Steinwurf bei mir umme Ecke. Wir kifften ein bisschen, tranken ein, zwei Bier, sogen die Spätsommerluft ein, mit einem Hauch von Freiheit und Anarchie. Wird wohl eher der Hauch von Marihuanaschwaden gewesen sein, der wie Bodennnebel über dem Geschehen lag.

11.09.2025 – 11/09

Kommunismus, Kapitalismus, Sozialismus, ist doch eh alles gleich. Und fehlerhaft. So ähnlich die Botschaft dieses Kunstwerkes von der Eröffnung der Berlin Art Week in den Wilhelm Hallen, einer ehemaligen Eisengiesserei. So flach und dümmlich auch die Erkenntnisfallhöhe dieses Werkes ist, so großartig war dennoch die Gesamtkunst, die dort präsentiert wurde. Opulent, bunt, spektakulär, handwerklich brillant, die Gegenwartskunst auf einen funkelnden Nenner gebracht. Wenn es so etwas gibt, kann ich mir die Documenta sparen.

Crisis? What Crisis? Nach drei Stunden Kunst waren wir platt, chillten später noch im Volkspark Friedrichshain. An solchen Tagen sind russische Drohnenangriffe mit nachfolgender Nato-Habachtstellung und US-amerikanische Bürgerkriegsübungen mittels Attentate sehr fern. Wobei das ein ordentlicher Schütze gewesen sein muss, Entfernung über 150 Meter und gleich Blattschuss, gute amerikanische Waffenschule, wo rein statistisch auf jeden Ami mindestens ein Ballermann kommt. In Trump Regionen hat wahrscheinlich jeder Haushalt 5 Knarren. Im Grunde herrscht da doch jetzt schon asymmetrischer Bürgerkrieg mit unsichtbaren Frontverläufen quer durchs ganze Land.

Worüber wir wohl an 9/11 in 5 Jahren reden werden….? Bei aller Müdigkeit gegenüber den immer schneller immer gruseliger werdenden Nachrichten muss ich mich manchmal zur Ordnung rufen, wenn ich einfach keinen Bock mehr auf neue Nachrichten habe. Nach oben ist auf der Horrorskala der Nachrichten, der Krisen noch sehr, sehr viel Luft. Wir hier in unseren Breitengraden stöhnen auf sehr flachem Krisenniveau. Ein Blick in den Rückspiegel der Geschichte: 1942 z. B waren riesige Flächen des Globus braun eingefärbt vom scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug des Faschismus. Das war eine Form der Globalisierung, die ungleich mörderischer war als die unsrige. Wenn ich einen Musikwunsch für den heutigen Tag frei hätte, würde ich mir wünschen, dass heute, am 11.9 um 11 Uhr, die Bombenalarmsirenen im ganzen Land heulen und den Mob schon mal musikalisch auf die Zukunft einstimmen. Schaun mer mal.

Und nun wieder zur Kunst…

09.09.2025 – Das Hämmern der Bekloppten

Hoch die internationale Solidarität! Es lebe die Volkerfreundschaft zwischen der DDR und Italien! Gesehen gestern in Warnemünde, wohin ich vor der Welt, den Nachrichten und dem Lärm der Metropole für einen Ausflug geflohen war. Kost ja nix, hab BRD-Ticket. Es war wundervoll, der längste deutsche Strand an der Ostsee , Meer noch locker 19 Grad, strahlende Sonne, Warnemünde ist überaus entzückend. So döste ich also glücklich in der Sonne.

Und vernahm nach kurzer Zeit von irgendwo her ein Stakkatoartiges Hämmern, tock, tock, tock , fast immer der gleiche Rhythmus. Nach einer Weile stoppte das. Und ploppte kurze Zeit später woanders auf, wehte an mein Ohr. Irgendwann schwand mein Glück. Ich richtete mich auf. Und erkannte die Ursache

Eine immer größer werdende Zahl von Bekloppten hämmerte wahnsinnigen Sandspechten gleich Pflöcke in den unschuldigen Strand von Warnemünde, um daran irgendwelche bescheuerten Stofffetzen zu befestigen. Damit wurden riesige Areale abgesteckt, die das private Territorium dieser Arschkrampen bilden sollten. Eine unglaubliche Dummdreistigkeit. Strandimperialismus vom übelsten, eine Mischung aus Konquistadoren wie Cortez und Imperialisten wie Cecil Rhodes. Kein Mensch kommt da noch durch oder sieht irgendwas. Psychologisch erklärbar: Eine Mischung aus kapitalistischer Ellenbogenmentalität des „Alles meins hier“ und Flucht vor der bösen Außenwelt. Eine Art Krisen-Cocooning.

Ich steckte mir Ohropax in die Gehörgänge und rächte mich auf dem Rückweg auf meine Weise, indem ich mich demonstrativ an einige Stoffbunker aufbaute und einfach da stehen blieb. Ich merkte nach Sekunden, wie die Insassen da fast wahnsinnig wurden. Ein Oberarschloch fragte pampig: „Is irgendwas?“ Ich:“ Nee, wieso?“ – „Weil Du da stehst“ (Ostzone, da duzt jeder jeden. Furchtbare Unsitte ). „Ist nicht verboten hier zu stehen, ist public space“. Es wurde mir aber schnell zu blöd. Was für ein Pack. Ich rettete den Tag mit einem exceptionellen Zander an Ratatouille und einer trockenen Scheurebe von der Unstrut im „Weineck“ vom legendären ex DDR-Hotel Neptun (der große, weisse Klotz im Bildhintergrund), wo Uwe Barschel von Stasi Prostituierten abgezogen wurde und nach Irrungen und Wirrungen des Waffenhandels letztlich in der Badewanne des Beau Rivage in Genf den finalen Diver machte. Lange her.

03.09.2025 – Den Imperialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.

Plakat Klaus Staeck. 1984. Ausstellung „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft.“ Neue Nationalgalerie Berlin. Sammlung 1945 – 2000.

Belgien will die Palästinensergebiete bei der UN-Vollversammlung in diesem Monat als Staat anerkennen. Die Palästinensergebiete als Staat anzuerkennen, ist ein grotesker Witz. Weder gibt es ein einheitliches Palästina-Staatsgebiet noch eine einheitliche Staatsgewalt, die die Herrschaft im Staatsgebiet durchsetzt und garantiert. Was es gibt, ist eine Terrorbande namens Hamas in Gaza und eine etwas gemäßigtere Variante davon im Westjordanland namens Fatah, die beide 2006 Krieg gegeneinander geführt haben und sofort in einem Bürgerkrieg übereinander herfallen würden, wenn es ein einheitliches Staatsgebiet gäbe.

Zudem werde die belgische Regierung Sanktionen gegen Israel verhängen, teilte Außenminister Maxime Prévot auf der Plattform X mit. Zu den zwölf nationalen Sanktionen gehört ein Importverbot für Produkte aus israelischen Siedlungen.

Kauft nicht bei Juden, nannte man das früher.

Mir kommt es vor, als seien mittlerweile auch Teile der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft regelrecht erleichtert, dass sie sich in Sachen Antisemitismus nun, 80 Jahre nach dem Holocaust, keine Hemmungen mehr anlegen müssen. Und wer ist schuld daran? Der Jude. Wie immer in den letzten 2000 Jahren.

Anstand und Verstand gehen über Bord. Ob es das Bord jenes US-Kriegsschiffes war, das vor der Küste von Venezuela ein angeblich mit Drogen beladenes Schiff versenkt hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Vermutlich waren es eher arme harmlose Fischerschweine, die dem fröhlichen US-Imperialismus zu Opfer fielen. Dass der Spiegel in seiner Meldung als gesichert formuliert, dass es ein Drogenboot war, gehört zu den tausend kleinen Skandalen, die hierzulande kein Schwein interessieren.

Früher, vor dem ersten Weltkrieg, nannte man das, was der Ami da treibt, Kanonenbootpolitik . Die wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Scheckbuchpolitik abgelöst, in zivilisierten Zeiten, als die Sowjets noch am Ruder waren, in der Ostzone und anderswo. Damals kauften „wir“ uns im Wettkampf der Systeme die Zuneigung des globalen Südens mit Kohle.

Das haben wir heute, vor dem dritten Weltkrieg, nicht mehr nötig. Da gibt’s keine Kohle mehr, sollen die doch verrecken. Was sie auch immer mehr tun angesichts globaler Krisen, Hungersnöte und Kriege.

Und wenn sie nicht parieren oder die gelbsüchtige Föhnwelle aus dem Capitol von seinem desaströsen politischen Versagen ablenken will, gibt’s Schießbefehl.

Den Imperialismus ist seinem Lauf

Hält weder Ochs noch Esel auf.

Gibt es denn gar nichts, was wir kleinen Leute (< 175 cm) tun können? Doch, kleine zivilgesellschaftliche Zeichen setzen. Ich für meinen Teil werde zum Beispiel keine belgischen Weine mehr kaufen.

Zum Schluss, wie fast üblich, die gute Nachricht: Die Bevölkerungszahl in den östlichen Bundesländern ist seit 1990 um 16 % zurückgegangen. Das Problem mit der Ostzone ist also im Jahr 2235 gelöst. Die Einwohnerzahl ist dann bei Null. Ich freu mich drauf und werde den Tag mit einem belgischen Sekt begehen, wenn der Belgier bis dahin wieder zu Vernunft gekommen ist.

01.09.2025 – Berlin EXPO 2035!

Plakat Klaus Staeck. 1980. Ausstellung „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft.“ Neue Nationalgalerie Berlin. Sammlung 1945 – 2000.

Mehr Qualität geht nicht. Grandiose Langzeit-Ausstellung bis 2027 unter anderem mit Marina Abramović, Joseph Beuys, Francis Bacon, Rebecca Horn, Valie Export, Wolfgang Mattheuer, Bridget Riley, Pippilotti Rist, Andy Warhol usw. usf. Für mich auch anrührend, weil anhand der einzelnen Epochen, nach denen die Ausstellung aufgebaut ist, sich auch die eigene Lebensgeschichte mit entfaltet. Kunst war nach Popmusik eine frühe Begleiterin für mich, wobei letztere irgendwann für mich sanft entschlummerte. „Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Yeah Yeah Yeah und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen“ (Walter Ulbricht auf dem XI. Plenum des ZK der SED zum Verbot westlicher Beatmusik in der DDR). Was hätte der Mann erst zu Tekkno gesagt.

In der Ausstellung hängt auch eine Wand mit Plakaten von Klaus Staeck. Wer politisch in den 70ern sozialisiert wurde, kennt die Plakate. Staeck war ein wenig als SPD-Gebrauchsgrafiker verschrien. Umso erstaunlicher, wie fast alle Plakate den Zahn der Zeit überstanden haben und nach wie vor politisch und ästhetisch gültig sind, mitunter mehr denn je. Sei es zu Frieden, zum § 218, zu Klima und Umwelt, Reichtum und Armut.

Gegenüber in den Räumen der Nationalgalerie eine Dauerausstellung mit 100 Werken von Gerhard Richter. Der im Vergleich zur „Zerreißprobe“ relativ kraftlos wirkt, unentschlossen. Richter gilt als einer der bedeutendsten und teuersten zeitgenössischen Künstler. Für mich ein Fall wie Bob Dylan, Thomas Mann, Champagner und Darjeeling. Macht man nichts falsch mit, ecken nirgendwo an. Klassische Fälle von Konsenssoße. Ich steh mehr auf Lou Reed und deutsche Winzersekte. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Ist ein freies Land, sach ich immer. Um sofort bedauernd hinzufügen: Leider.

Freiheit ist in der bürgerlichen Philosophie der höchste Wert und sie als das in Frage zu stellen, kann sich nur leisten, wer – wir wir in unseren Breitengraden- dieses Gut im höchsten Maße genießt. Das tue ich. Und daher nehme ich mir die Freiheit, sie als höchstes aller erstrebenswertesten Güter in Frage zu stellen. Jene Freiheit zum Beispiel, die ich gerne anderen nehmen möchte, z. B. den Millionen Faschisten hierzulande. Jene Freiheit zum Beispiel, die sich die dummdreiste Berliner CDU/SPD-Betonmafia nach wie vor, nach Jahrzehnten, nimmt, um die Stadt im Interesse der Baukonzerne und der eigenen Taschen immer menschenunwürdiger zu gestalten. Der neue Abschnitt der Berliner Stadtautobahn A100 Dreieck Neukölln nach Treptow hat über 700 Millionen Euro gekostet und war schon vor Beginn seiner Planung völlig dysfunktional und spottete jeder Stadtplanung, Klimapolitik und Verkehrslenkung Hohn. Am Eröffnungswochenende staute sich der Verkehr dort auf den lächerlichen 3 km für 20 Minuten. Das mache ich locker zu Fuß. Für den Erweiterungsbau werden jede Menge Clubs wegrasiert, die an der Strecke liegen.

Den Freiheitsbegriff sollten wir also vielleicht nochmal diskutieren, unter der Prämisse: Wer nimmt sich welche Freiheit in wessen Interesse und wer nimmt dadurch wem welche anderen Güter? Zum Beispiel das auf körperliche Unversehrtheit, wenn im irrsinnigen Berliner Verkehr auch dieses Jahr wieder x Radfahrerinnen von LKWs zu Tode gewalzt werden, weil der verpflichtende Einbau in allen LKW von nicht abschaltbaren Abbiegeassistenzsystemen (ein Wort, fast so tödlich wie der LKW selber) nach wie vor aus Kostengründen nicht implementiert ist.

Und da sind wir noch lange nicht bei den ganz großen Freiheitsfragen, wie im Ukrainekrieg zum Beispiel. Wer verteidigt da wessen Freiheit? Die armen Schweine, die keine Möglichkeit haben, sich freizukaufen vom Militärdienst, die Freiheit der ukrainischen Oligarchen, sich im zweitkorruptesten Land Europas die Milliarden westlicher Militärhilfe in die Taschen zu stopfen?

Und wo bleibt das Positive heute? Wenn schon die Realität Scheiße ist, dann sind wenigstens die Aussichten positiv

Berlin EXPO 2035. Ich trainiere jetzt schon dafür….

28.08.2025 – Räumung der Rigaer 94

Draußen regnet es, ich sitze im legendären Café Sibylle in der Stalinallee, mit Blick auf dieses Plakat. Heute heißt sie Karl Marx Allee. Eben war ich an der Rigaer 94, einem der letzten (teil)besetzten Häuser überhaupt noch in der BRD. 700 Angehörige des Repressionsapparates haben dem heute morgen ein Ende gesetzt. Nennenswerte Demos gab es nicht, als ich dort mit dem Klapprad einritt, war der Spuk schon vvorbei. Nebenan die Liebigstr. Ist schon lange geräumt. Die Party ist vorbei. Alles weitere regelt der Markt.

Früher hatten solche Wohnprojekte meine Solidarität und ich beteiligte mich an Demos in der Sache. Zumindest bis es zur Sache ging. Ich muss in meinem Alter nicht mehr jeden Blödsinn mitmachen. Heute betrachtete ich die erfolgte Räumung als Chronist mit klammheimlicher Freude. Teilfreude zumindest, erfolgte doch aus der Rigaer 94 anlässlich des Terrorüberfalls der Faschisten von der Hamas am 7. Oktober eine Solidaritätdadresse an die barbarischen Killer unter dem Motto „Erfolgreicher Ausbruch aus dem Massengefängnis Gaza“. Der ganze Appell war so krank, dass er jegliche Solidarität innerhalb der Linken sprengte, auch innerhalb der Rigaer. Zusammen mit den gerichtlichen Risiken für die , die Wohnraum suchten und keinen Krawall, war das das Ende eines linken Projektes. So beerdigen Stalinisten die letzten Reste von Anstand in der Restlinken. Mir tut es leid um den Rest. Meine Begeisterung für den antisemitisch verseuchten Kultur- und Linkssumpf gerade in der Hauptstadt ist aber wie das Wetter auf dem Nullpunkt. Trübe Wolken allenthalben.

27.08.2025 – Stalinstadt

Eisenhüttenstadt. Reissbrettstadt, erbaut im Stil des sozialistischen Klassizismus Anfang der Fünfziger, als Heimat des Eisenhüttenkombinats EKO. Nach der Wende wurde das Kombinat von Arcelor Mittal übernommen, das die Belegschaft auf ein Fünftel eindampfte. Von den ursprünglich über 50.000 Einwohnerinnen sind weniger als die Hälfte übriggeblieben. Sie nennen ihre Heimatstadt, ursprünglich Stalinstadt, nach dessen Tod umbenannt, „Schrottogrod“. Die AfD erzielte bei den letzten Wahlen fast 33 (!) Prozent der Stimmen. Dieses Mal ist keine Rote Armee in Sicht, die im April 45 hier über die Oder setzte und dem Faschismus ein Ende setzte.

Die Herrschaft, die danach einsetzte, war natürlich keine bürgerliche Demokratie. Eine Terrorherrschaft wie die faschistische war sie natürlich auch nicht. Auch wenn Kulturkampfidioten wie Kulturminister Weimar immer noch mit der Lüge hausieren gehen: Linksextremisten gleich Rechtsextremisten. Kein Wunder, dass Staat und Gesellschaft hierzulande völlig überfordert sind mit der Bekämpfung des Faschismus, wenn sie noch nicht mal zu einer anständigen theoretischen Analyse fähig sind, geschweige denn zu einem radikalen, wehrhaften Antifaschismus.

Der Tag im ehemaligen Stalinstadt war ein sonniger. Die Innenstadt war wegen des Aufbaus für eine Volksbelustigung autofrei. Niemand war unterwegs, nur ein paar Rentnerinnen mit Rollator. Mir war beklommen zumute. Dieser steingewordene , gescheiterte Versuch, am Reissbrett einen besseren Menschen, eine bessere Gesellschaft mit Mitteln von Architektur und Städtebau zu konstruieren , stimmte mich wehmütig.

Diese Gefühlsflausen wurden mir beim Ausstieg aus dem RE am Bahnhof Friedrichstraße gründlich ausgetrieben, als ich mich auf mein Klapprad schwang. In Berlin immer lebensgefährlich. Helm auf!

Eisenhüttenstadt ist das größte Flächendenkmal Deutschlands. Für die, deren Augen und Gemüt nicht nur vom ewigen Venedig, Barcelona, Athen verkleistert sind, lohnt sich ein Besuch unbedingt.

23.08.2025 – 956 Autos auf 1.000 Einwohnerinnen.

Kunst. Saisoneröffnung in der hannöverschen Kestnergesellschaft. Alles, was Rang und Namen hat, war da. Ich auch, weil bis 19 Uhr die Drinks umsonst waren. Ab 19.05 Uhr schwelgte ich in Jugenderinnerungen, weil ich genau an der Stelle, wo im Bild oben die Palmen sind, Schwimmen gelernt habe. Früher war das ein öffentliches Schwimmbad, jetzt ist es der mit Millionen gepamperte Kunsttempel-Treffpunkt der hannöverschen Bürgergesellschaft. Dementsprechend war die Kunst belanglos, die Palmen oben sind echt. Eigentlich sollten sie künstlich sein, wg. Kunst. Früher hampelten bei solchen Veranstaltungen noch ein paar bunte Künstlerhoffnarren rum, um Brosamen vom Bürgertisch zu picken. Mittlerweile sehen selbst die verspießert aus. Sehnsucht nach Berlin überfiel mich, da sehen die Leute bei sowas wenigstens bunt aus. Wussten Sie übrigens, dass Berlin eine Autodichte von 334 PKW auf 1.000 Bewohnerinnen hat?

Zum Vergleich, weil die Zahl ohne Relation nichts sagt: Das stolze Wolfsburg, Meerumschlungen, hat eine PKW-Dichte von 956 Autos.

 Was zum Teufel ist mit den restlichen 44 los, die an 1.000 fehlen? Linksgrünversiffte Ökoterroristen? Wolfsburg ist die Stadt mit dem höchsten Einkommen in Niedersachsen, VW-Facharbeiter-Adel. Wolfsburg war immer fest in SPD-Hand und die immer fest in der Hand der IG Metall. In Wolfsburg konnte nur was werden, wer den Segen der mächtigen Gewerkschaft hatte. Bei der Bundestagswahl 2005 erzielte die stolze Arbeiterpartei dort über 49 Prozent.

Doch wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe: 2025 waren es noch 23,2 Prozent. Das Direktmandat gewann die CDU. Die AfD war mit 21,8 % auf SPD-Augenhöhe und wird sie bei der nächsten Landtagswahl 2027 zerschmettern, in den Orkus der Geschichte treten. Ähnliches, nicht ganz so schlimm, phasenverzögert, wird mit der IG Metall bei den nächsten Betriebsratswahlen 2026 passieren. AfD-nahe Gewerkschaften gibt es bereits in Süddeutschland in den großen Betrieben und die werden sich auch woanders ausbreiten.

38 Prozent der Arbeiter haben die AfD gewählt bei der letzten Bundestagswahl. Die AfD ist die Arbeiterpartei schlechthin und will das auch auf institutioneller Ebene verankern. Im Herzen der Bestie, in den Betrieben der Industrie, die nach wie vor trotz allem Dienstleistungsgedöns den Takt der Republik vorgeben. Die AfD rüttelt an der Monopolstellung der IG Metall bei den Betriebsräten und Vertrauensleuten.

Die IG Metall ist in heller Panik. Nicht etwa, weil der Faschismus auf breiter Arbeiter-Front im Vormarsch wäre. Nein, die IG Metall bangt um ihre Pfründe, ihren Einfluss, ihre Aufsichtsratsposten, gut bezahlte Funktionärsjobs und Kungeleien mit Arbeitgebern. Man nennt das beschönigend „Sozialpartnerschaft“ und das, was korrumpierte Betriebsräte in den Betrieben mit Personalchefs und Geschäftsführern zu Lasten der Beschäftigten mauscheln, wird euphemistisch „Co-Management“ genannt. Vom Klassenkampf ist spätestens nicht mehr die Rede, seit ich nicht mehr in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit tätig bin.

Die IG Metall beklagt keineswegs den wachsenden faschistischen Einfluss bei den Arbeitnehmerinnen, sondern die geschwächte Einheitsfront.

Einen Bericht der »WirtschaftsWoche«, wonach seit Jahresanfang Tausende VW-Beschäftigte der Gewerkschaft den Rücken gekehrt haben, kommentierte ein Sprecher der niedersächsischen IG Metall mit den Worten: »Wir liegen von den im Artikel dargestellten Zahlen meilenweit entfernt.“ Auf Deutsch: Die Meldung stimmt.

Das ist deshalb von Bedeutung, weil Gewerkschaften die einzige zivilgesellschaftliche Massenorganisation wären, die im Ernstfall auch auf der Straße antifaschistische Wirkmacht entfalten könnten.  

Enden wollen wir aber versöhnlich-kulinarisch: Das einzige Dreisterne Restaurant in Niedersachsen steht wo? Genau, in Wolfsburg. Das Aqua. Dort feiern die VW-Spesenritter fette Vertragsabschlüsse mit illustren Gästen aus aller Welt.

Noch. Wenn die VW-Verbrenner-Herrlichkeit erst richtig zusammenbricht, wird die letzte Feier, bevor da das Licht ausgeht, die eines AfD-Oberbürgermeisters zu seiner Wahl da sein.

Auf nach Berlin. Ist zwar auch verrottet, aber lustiger als Wolfsburg und die Kestnergesellschaft.

22.08.2025 – Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!

Aluchip. DDR-Währung, Markstück. Nach Gelde drängt, Am Gelde hängt doch alles. Frei nach Faust.

Zum Gelde also: Der Haushalt muss saniert werden. Nicht meiner, obwohl der es nötig hätte. Gemeint ist natürlich der Bundeshaushalt. Da hört man Gruseliges aus dem Reichstag. In der Finanzplanung gibt es in den Jahren 2027 bis 2029 eine Lücke von insgesamt rund 172 Milliarden Euro. Herrjemine, denkt da der deutsche Michel eingedenk des armseligen Fuffis, der in seinem Portemonnaie einsam vor sich hin knittert und bis Monatsende reichen soll. Die Neuverschuldung soll  auf  1.000.000.000.000 Euro steigen. Gigantisch. Viel Spaß beim Nullen zählen. Ich hab’s schon mal im Kabinett geübt. Da kommen mehr als doppelt so viel Nullen zusammen

 Also unvorstellbare Summen. Das kann ja gar nicht gehen. Alles geht den Bach runter. Denkt Michel, angefeuert von den Schreiberlingen der Bürgerpresse, deren nationalökonomischer Sachverstand sich auf dem Niveau eines Pudels (Faust!) bewegt. Die Magie der großen Zahl.

Verschwindet in dem Moment, wenn man sie in Relation setzt. Zahlen ohne Beziehungen zu anderen Größen sagen gar nichts. Wenn ich sage, ich habe gestern 100 Euro beim Essengehen ausgegeben, sagt das gar nichts. Außer dass ich vermutlich kein Bürgergeldbezieher bin. Wenn ich sage, dass ich das in einer Dönerbude ausgegeben habe, ist das gigantisch. Hört sich nach Betrug an. Kein Mensch kann in einer Dönerbude 100 € ausgeben. Wenn ich sage, dass ich das in einem Dreisternerestaurant ausgegeben habe, ist das auch gigantisch. Gigantisch gelogen. Da sind Sie im Normalfall pro Person mit Weinbegleitung locker mehr los als ein Bürgergeldbezieher im Monat kriegt.

Ohne Relation sagt eine statistische Größe nichts.

Die 172 Mrd. Neuverschuldung für 2027 sagen gar nichts. Die Verschuldungsquote der BRD würde dadurch kaum messbar steigen. Sie liegt aktuell bei 62 Prozent, hat in den letzten Jahren rapide abgenommen, von 82 Prozent 2010. Schuldenquoten im Vergleich: USA 127 %, Japan 250 %. Beiden geht es ökonomisch blendend. In Deutschland wachsen die Sozialbeiträge und Steuereinnahmen schneller als Staatsausgaben. Das Finanzierungsdefizit des Staates lag im 1. Halbjahr 2025 bei lächerlichen 28,9 Milliarden Euro. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, war das staatliche Defizit somit um 19,4 Milliarden Euro niedriger als im 1. Halbjahr 2024. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in jeweiligen Preisen errechnet sich für das 1. Halbjahr 2025 eine Defizitquote von 1,3 %. Das ist grotesk niedrig. Kaum ein anderes Land auf der Welt hat sowas.

Deutschland ist eins der kreditwürdigsten Länder der Welt, mit der Höchstnote Triple A als Kreditrating. Daran wird sich nichts ändern, auch wenn die Neuverschuldung auf eine Billion Euro klettert. Dem stehen über 20 Billionen Euro Anlagevermögen gegenüber. Fast 8 Billionen davon Privatvermögen. Wer nun behauptet, „wir“ müssten sparen, dürften auf keinen Fall noch mehr Schulden aufnehmen ist entweder dumm oder gefährlich. Gefährlich nämlich dann, wenn derjenige behauptet, „wir“ müssten bei den Sozialausgaben sparen. Also weiter umverteilen von unten nach oben. Denn das Geld, was bei den Sozialausgaben gespart wird, landet zu erheblichen Teilen in der Rüstungsindustrie, steigert dadurch deren Gewinne, Kurswerte und Dividendenausschüttung, was sich in den Bilanzen der Anleger, der Vermögenden als weiter wachsender Reichtum bemerkbar macht. Gleiches Spiel auch bei einer möglichen Reduzierung von Leistungen bei der Pflege, im Krankheitsfall etc., wie es diskutiert wird. Das muss privat bezahlt werden, macht die Menschen noch ärmer. Oder es wird von Gesundheitskonzernen privat angeboten und steigert deren Gewinne, Kurswerte und Dividendenausschüttung usw, usf… siehe oben

Und was macht die SPD, sprich Lars Klingbeil? Sich lächerlich. Dazu im nächsten Blog.

Obiges Originalzitat aus dem Faust endet übrigens wie folgt, als sich Margarete vor dem Spiegel betrachtend mehr Vermögen wünscht, weil Schönheit vergänglich sei, wohl wissend, dass dieser Wunsch verderblich endet:

Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles! Ach wir Armen!

Na ja, hängt davon ab, wann man in Gold investiert hat. Seit November 2024 hat die Krisenwährung Gold um über 30 Prozent zugelegt.

Da wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt.

18.08.2025 – Drogen im Kapitalismus.

Entwicklung Drogennutzung. Quelle: Destatis. Krise knallt gut.

Das Bemerkenswerteste an der Berliner Koalition ist die Tatsache, dass sie überhaupt noch existiert. Eine Ursache für das katastrophale Erscheinungsbild ist natürlich die handwerkliche Unfähigkeit der Agierenden. Eine Vollversammlung von Minderleistern, Unterkomplexlingen und Charakternullen. Es ist aber nicht nur individuelle, subjektive Beschränktheit, die da wie Mehltau über Berlin-Mitte liegt. Die Konflikte spitzen sich objektiv zu nach Jahrzehnten voller Formelkompromisse und Deals. Die Verteilungskämpfe können immer seltener mit Geld zugeschüttet werden, immer öfter stellt sich immer brutaler die Frage: Wer hat die Macht im Staate und bestimmt, wer die Kohle kriegt. Die Geschichte der Bundesrepublik ist eben auch eine Geschichte des Klassenkampfes, der mühselig über Jahrzehnte verdeckt war. Quasi zugekleistert mit bunten Wahlplakaten. Jetzt tritt zutage, wer ihn gewonnen hat, von Anfang an gewonnen hat. Jetzt wird der Mob abkassiert, bis in die Mitte der Facharbeiterschaft hinein, da kann die ehemalige Arbeiterpartei SPD lamentieren, wie sie will. Mit uns keine neue Agenda 2010 mehr, so die zwei übriggebliebenen SPD-Restlinken. Das können sie haben. Mit einer nagelneuen Agenda 2030.

Jede Entwicklung kommt an ihr Ende, so auch das erfolgreiche BRD-Nachkriegsmodell, geprägt von einer sozialpartnerschaftlichen Konsens-Variante des Kapitalismus. Die immerhin mehrere Jahrzehnte mit mehr Wohlstand für viele ganz ordentlich funktionierte. Im jahrhundertelangen Siegeszug des Kapitalismus ist das aber nur eine kurze Spanne, begrenzt nur bei „uns“ durchführbar, gekoppelt an ein Sondermodell des Kapitalismus mit begrenzter Haltbarkeit, das Auslaufmodell Demokratie. Wir können auch anders.

Die Zustände spitzen sich zu, die Zuständigkeiten wechseln. Zuständig für Proletariat und Prekariat ist jetzt die AfD. Die SPD kann ihren Mantel der Geschichte an der Garderobe abgeben.

Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs, niemand weiß, was am „Ende des Tages“ bei der aktuellen Entwicklung rauskommt. Diese Unsicherheit macht krank. Im wahren Sinne des Worte.

Entwicklung Psychopharmakaverbrauch. Quelle: Destatis

Alkohol- und Zigarettenkonsum nimmt seit Jahren ab. Dem Zeug haftet mittlerweile das Proll-Odium an, völlig uncool in Zeiten von Fitness als neuer Religion. Koks und Kiffen dagegen ist eher cool. Jede Krise hat ihre eigenen Drogen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das gesellschaftliche Klima sind die Teuerungsraten bei Genussgiften wie Alkohol, Zigaretten, Kaffee. Letztere sind im Preis regelrecht explodiert, auch aus ordnungspolitischen Gründen, um den Mob gesund zu halten. Kriegsverwendungsfähig zum Beispiel und lange, bis weit jenseits der 70, einsetzbar an der Arbeitsfront.

Dass das verheerende Folgen in der Etappe hat, wenn sich der kleine Mann auf der Straße, womit aber auch Basketballerinnen in Hallen jenseits der Eins Neunzig gemeint sind, den täglichen Kaffee zur Zigarette kaum noch leisten kann, darüber macht sich ein an Gesetzen und Erlassen mitfeilender Ministerialdirigent in Berlin-Mitte der Besoldungsgruppe B6 mit 11.000 Euro brutto im Monat vermutlich kaum Gedanken. Kann aber sein, dass diese Gedanken irgendwann an ihn herangetragen werden. Wenn marodierender Mob aus der Peripherie der Großwohnsilos schicke kleine Wochenmärkte mit Crémant und Austern heimsucht.

Wie den am Südstern in Kreuzberg, wo ich gerne am Samstag mal ein Gläschen nehme. Ein paar Meter weiter in dieser gentrifizierten Ecke Berlins, der Gneisenaustr., befindet sich der Spritzenbaum, ein Druckraum im Grünen: Annähernd 50 Spritzen stecken da in der Rinde eines Baumes auf dem Mittelstreifen.

Manchmal frage ich mich, worüber ich hier wohl in fünf Jahren schreiben werde.

Sonnigen Start in eine zauberhafte Restsommer-Woche wünsche ich allen Leserinnen.