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02.10.2016 – Nach der Atombombe

nach dem atomangriff
Körnerpark, Neukölln. Wenn ich in Berlin bin, sitze ich vor Aufnahme der Tagesgeschäfte gerne morgens im Körnerpark, bevor er von den Eingeborenen bevölkert wird. Momente der Ruhe, Beschaulichkeit, Kontemplation und einfach ein zauberhafter Anblick, ein Kleinod mitten im wuseligen Betonkessel Neukölln (wobei die riesige Freifläche Flughafen Tempelhof auch nur ein paar Minuten mit dem Radl entfernt liegt). Der Anblick des Parks im Foto oben erinnerte mich an postapokalyptische Visionen aus den 70ern und 80ern des vorigen Jahrhunderts. Ein Strang der damaligen Subkultur waren Underground Comics, die sich mit der Welt nach einem Atomkrieg auseinander setzten, keine unwahrscheinliche Politikvariante damals. Ich stand mehr auf Szenereferentielle Zeichner wie Gilbert Shelton mit meinen Lieblingen, den Freak Brothers, und natürlich dem Comic-Titanen Robert Crumb, war aber mitunter auch von der rohen, archaischen Gewalt der Postapokalyptiker fasziniert. Meine Comicsammlung aus der damaligen Zeit dürfte mittlerweile ein, zwei exzellente Kisten Rotwein wert sein. Endzeit-Visionen ändern sich allerdings mit dem Gang der Geschichte und der Naturwissenschaften. Gestern sah ich den Film Contagion, der das realistische Bild einer Pandemie zeichnet. Das Ende einer Gesellschaft, wie wir sie kennen, durch einen Virus ist zeitgemäßer als das eines globalen Atomschlags. Insofern ist also der Mann oben im Schutzanzug nicht dabei zu dekontaminieren sondern zu desinfizieren.
Ich für meinen Teil war froh, ohne Kontamination oder Infektion in einem Cafe am S-Bahnhof Sonnenallee einen Espresso und ein Törtchen zu mir zu nehmen, bevor ich einem relativ öden Fachtag entgegenritt. Am Nachbartisch unterhielten sich zwei szenebärtige Jungunternehmer über Gebrauchsmusterschutz in den USA ihrer Weihnachtsartikel. An einem Laternenpfahl hing ein Plakat, das mich irritierte
mut zur militanz plakat
Plakat. Zeitgenössische politische Kunst
Die Sonne schien. Die Spatzen zwitscherten. Alles in allem schien mir an diesem Morgen das Leben eine Wundertüte zu sein.

01.10.2016 – Freiheit für alle Tische!

freiheit für alle tische
Und was ist mit den Stühlen?! Ich fordere vehement Freiheit für alle Stühle. Nichts ist symbolhafter für die Unterdrückung durch das kapitalistische Ausbeuter_innen System als der Stuhl. Jeder Arsch macht sich darauf breit und dauernd ist er besetzt. Der Stuhl ist das Proletariat und Palästina zugleich! Nur wenn wir Solidarität mit allen besetzten Stühlen dieser Welt üben, sind wir auch solidarisch mit dem unterdrückten Proletariat und dem besetzten Palästina! Der Stuhl ist eine Erfindung des zionistischen Bankenkapitals. Nieder mit dem Stuhl! Es lebe der Hocker! Es leben alle Hocker_innen dieser Welt!
Das hört sich an, als ob ich zuviel illegale Drogen inhaliert hätte?
boykottiert die ahlen der bonzen
Dann lesen Sie mal hier nach, was die Jugend dieser Welt so treibt im Widerstand.
Da bleibt kein Auge trocken und der Genosse Stalin würde sich den Schnurrbart im Grabe zwiebeln vor Freude wenn er das noch erleben dürfte.
boykottiert die wahlen der bonzen plakat
Gestoßen bin ich auf diese realsatirische Seite des Gruselns durch dieses Plakat in Neukölln.
Ich war dann doch neugierig, womit Schluss sein sollte. Es war wie üblich das „System“, zu dem natürlich auch die revisionistische Gysi/Wagenknecht-Verräterclique gehört. Was diesem Renegatenpack droht, wenn erst der volksrevolutionäre Jugendwiderstand überall im Lande Sowjets (= Räte, und damit sind nicht Studienräte gemeint) installiert hat, kann sich jede mit einer halbwegs blutrünstigen Phantasie ausmalen. Dann doch lieber Gerontokratie als Jugendwiderstand. Mir ist regelrecht kalt geworden.
Liegt aber vorrangig am ersten Herbsttag. 14 Grad, Nieselregen, brrr. Bald kommt der ätzendste Handgriff des ganzen Jahres im Haushalt: Das Umschalten der Therme auf „Heizung“. Aber wir wollen nicht klagen, der September war sehr freundlich, ein außerordentlich milder Gesell und der Gott, der Eisen wachsen ließ , hat in seiner unendlich Großmut auch das Mittelmeer geschaffen. Auf dass wir Teutonen es in kalten Zeiten heimsuchen wie die Heuschrecken. Und ich werd auf jeden Fall ein Auge drauf haben, was der mediterrane Jugendwiderstand so alles vollkleistert.

25.09.2016 – Soll ich mir einen Nasenhaarrasierer zulegen?

Je weniger Haare auf dem Kopf wachsen, desto unmöglicher mäandern sie woanders. Alte Männer mit Büscheln von Nasenhaaren, die sich an den Ohrmuscheln einen Mittelscheitel ziehen können und durch den Vorhang von Augenbrauen kaum gucken können, find ich so eklig wie zerfließende Quallen am Strand. Wie sich überhaupt das Alter nicht gerade durch eine Zunahme von Ästhetik auszeichnet. Die zentrale Frage ist: Ab wann interveniert man (frau auch, wobei alte Frauen viel seltener eklig aussehen) wo und wie? Im Prinzip könnte man sich doch mit der Anschaffung eines Nasenhaarrasierers gleich einen 45er Colt zulegen und Zuhause ne Kugel durch den Kopf jagen. Vom Moment der Anschaffung eines Nasenhaarrasierers ist klar, dass die eigene Existenz maximal ein physio-psychosoziales Moratorium vor der finalen Kompostierung ist. Noch 20, 30 Jahre dahinvegetieren und sich jeden Morgen die Frage stellen: Schmeiß ich meinen Nasenhaarrasierer an? Ist das erstrebenswert?
Solange ich mich noch kindlich-kindisch (oder präsenil?!) an solchen Abseitigkeiten menschlicher Existenz erfreuen kann, kann ich mit solchen grundstürzenden Problemen leben:
mallorca
Abseitigkeit menschlicher Existenz 1
mallorca2
Abseitigkeit menschlicher Existenz 2

24.09.2016 – Wie in der Sowjetunion.

Irene Zahn zur SCHUPPEN 68 Aktion „Freibier zur Kommunalwahl:
Wie in der Sowjetunion, da gabs für alle Wähler, die für die einzige zugelassene Partei der Kommunisten gestimmt haben, im Anschluss Wodka und Bier. Das war allerdings für viele der einzige Grund überhaupt wählen zu gehen. Wir haben aber die Alternative.“
media night
Sprengelmuseum, bei der Media Night 2016.
Mir ist fad. Was selten vorkommt. Draußen bahnt sich ein herrlicher Spätsommertag an, ich hab einen Kater und warte nur darauf, zum ausnüchternden Schwimmen zu fahren. Ich werd mir bestimmt dieses Wochenende nicht mit Arbeit, Kochen, Putzen versauen, zum Lesen hab ich keinen Bock, Gartenarbeit hasse ich wie die Beulenpest, der kommt auch ohne mich klar, Shoppen wär ne Idee, hab ich aber letztes Jahr schon gemacht. Das könnte ich noch stundenlang so fortsetzen, hab ich aber auch keine Lust zu. Als google ich mal meinen Namen, was in der letzten Zeit so im Netz kursiert, und schon geht es mir lustig, als ich auf Feedback Artefakte dieser „Freibier zur Kommunalwahl“ Aktion stoße, dieses mal beim Focus:
10 Kommentare, alle negativ. Was 132 mal positiv bewertet wurde. Negativ Bewertungen (die also die Aktion gut fanden): 16. Die Aktion stieß also auf 90 Prozent Ablehnung. Ein Unternehmen, das ein Produkt am Markt einführen will, und bei der Marktanalyse derartige Negativ Werte erzielt, würde den Verantwortlichen dafür vermutlich Teeren und Federn. Die Kunst funktioniert da anders.
Gefallen hat mir der Kommentar von Frank Westphal:
„Na dann Prost, Ich hoffe mal sie konnten nicht mal ein Bier loswerden! Noch 45 Zeichen bis ich den Text voll habe .“
Und der von Ralph Kübler, nomen est omen:
„Aha! Und wie wird das Wahlverhalten geprüft? Ist doch eigentlich geheim. Im Übrigens vertragen sich Alkoholgenuß und Stimmabgabe sowieso nicht. Man stelle sich die möglichen Folgen vor: Der Wähler schnappt sich schon auf dem Weg zur Wahll das Bier. Ordentlich abgefüllt verfehlt er dann entweder das Wahllokal oder malt sein Kreuzchen auf den Fußboden der Kabine.und übergibt sich evtl. dort. Und der Stimmzettel landet irgendwo im Abseits, nur nicht im Wahlbehälter!“

23.09.2016 – Muskulöse Männerkörper

muskulöse männerkörper
Service für die Leserinnen. Gesehen in Berlin auf dem Flughafen Tempelhof. Ich hatte bei dem Anblick sofort den miefigen Schweißgeruch aus den Umkleideräumen der Turnhallen unseliger Schulzeiten in der Nase. Außerdem fragte ich mich, was passieren würde, wenn so ein Gummiband, an dem die beiden Turnvater Jahn Epigonen rumzappelten, reißen würde.
Leserinnen stellen sich da vermutlich andere Fragen.
060311einfahrtAuto
Aus dem Archiv – Einfahrt zu unserem Garten. Dieses Foto wollte ich keinesfalls der analogen Vergänglichkeit anheim fallen lassen. Über diesem Bild schwebt ein Schleier von verwunschener Wehmut, in den ein Hauch von Rausch eingewebt ist.
Was mir manchmal spontan für poetische Sätze einfallen – sagenhaft.

22.09.2016 – Einfach mal was Schönes

stockrose
Stockrose. Die wachsen eigentlich wie Unkraut auf jedem Boden. Ich hab Schwierigkeiten. die hoch zu kriegen. Ob das am Boden im Garten liegt? Da ist unter einer dünnen Schicht Mutterboden jede Menge Schutt, Geröll, ganze Versorgungsrohre. Auf dem Boden des jetzigen Gartens stand früher unter anderem ein Haus
EPSON scanner Image
Das wurde irgendwann in den Achtzigern abgerissen, die Trümmer untergepflügt und bisschen Boden drüber. Eines meiner zahlreichen angefangenen und nie beendeten Projekte war eine Videodokumentation über die Geschichte dieses ehemals fest in den Händen linker Projekte und quasi Instandbesetzte Haus. Es gibt ein, zwei Videokassetten mit Interviews von Protagonist_innen aus der Zeit. Die Kassetten sind analog und wer hat heute noch analoge VHS Rekorder? Die Digitalisierung fordert ihre analogen Archiv-Opfer.
Mit meinem Einzug in das Haus endeten die linken Flausen und künstlerische Realpolitik in Form des SCHUPPEN 68 hielt Einzug. Am Ende wurden aus den Besetzern Besitzer. Sic transit gloria mundi. Wobei doch heute linke Ansätze dringender denn je wären. Den SPD Bezirk hier im Kiez, einem der Mitgliederstärksten in der ganzen BRD, hat man früher mal Klein-Albanien genannt. Links von diesem Bezirk kam nur noch die Wand. Damals.
Ach ja, wenn die Veteranen erzählen… Da spielt die Jugend lieber Popelmon.
Apropos Veteranen. Zu meinem Job gehören auch Seminare und Vorträge. Unlängst hielt ich einen bei den hiesigen DGB Senior_innen über Altersarmut. Trotz übler Kreuzschmerzen quälte ich mich dahin. Da bin ich Preuße. Und Gewerkschaftssenioren sind Zeugen einer Zeit, als es noch eine Arbeiterbewegung gab, bei so was bin ich mit Herzblut dabei, selbst an Krücken. Insofern hat mich der Anwurf auf der facebook Seite der AfD Dachau zu regelrechten Lachkrämpfen veranlasst, wo es hieß:
„Künstler“ ist Neusprech für „arbeitsscheuer Hygieneallergiker“.
Ich und Arbeitsscheu, das ist echt ein Witz.
Und als Dandy alter Schule verbringe ich morgens durchaus nennenswert viel Zeit im Hygieneboudoir.
Aber was wäre der Mob ohne seine Vorurteile? Richtig. Kein Mob mehr.
Der Urvater aller Dandys Georg Bryan Brummel übrigens brauchte 5 Stunden, um sich anzuziehen. Es musste aber hinterher unbedingt so aussehen, als ob das Ergebnis nur Minutenwerk gewesen sei. Alles andere wäre Stutzerwerk und Geckentum.
Der Stutzer und Geck hat Geld.
Der Dandy hat Stil.

20.09.2016 – Liebesgrüße aus dem KZ

freibier in berlin
Die Aktion des SCHUPPEN 68 Freibier für Nicht AfD Wähler findet Nachahmerinnen, wie hier Frau Sommerfeld in Berlin. Gut so. Mehr davon.
Das KZ Dachau war das erste durchgehend betriebene KZ im Nationalsozialismus. Von den ca. 200.000 Häftlingen, die in den 12 Jahren dort eingesperrt waren, starben ca. 41.500, in keinem anderen KZ wurden so viele politische Morde begangen. Die AfD hat auch in Dachau eine regionale Gliederung und eine facebook Seite. Für die Aktion „Freibier für Nicht-AfD Wähler“ zur Niedersachsen-Kommunalwahl gab es am 11.09 dort Reaktionen, von denen ich einige hier zitiere, Rechtschreibung im Original:
„Werner Wagner: Ich Scheisse auf euer Freibier !!!!!! Wir wählen alle AfD, egal was ihr uns bietet. Und dann schafft man hoffentlich Gesetze, wie man Sie z. Z. gegen die AfD auslegt, gegen so ein Pack wie ihr seid, damit es euch dann auch mal an den Kragen geht!!!!!!!!!!“
….
„Bernhard Lachner: Es ist wirklich nur noch erbärmlich,, das ist Schande ohne Ende,, warum nur kann jeder staatlich subventionierte Vollpfosten der dem Land nicht das geringste bringt ausser kosten aufrufe und gegen demos an die Menschen richten die ihr Hirn verbranntes Steuer bezahlendes leben finanzieren… Fragt doch die Künstler Aersche mal von was Sie Leben? Von ihrem Erfolg oder von der Staatskasse…“

„Roland Berger: Ich lach mich krum! Das können nur Alkis sein die das wahr nehmen. Wie armselig ist das, wenn nicht mehr kommt ! Tolles Wahlprogram . Da sieht man wie unser Land regiert wird. Mit dem Kopf im Ar….“
….

Auf disqus.com, einem Onlinedienst für zentralisierte Diskussionsplattformen, der facebook, twitter etc. integriert, wurde der SCHUPPEN 68 gewürdigt und der Künstler als solcher einer linguistischen Transformation unterzogen:
„ …. Ja achso,Schuppen 68 und der dreck hat sich über Jahrzehnte ins Hirn gefressen…..ich verstehe…..“
….
„Künstler“ ist Neusprech für „arbeitsscheuer Hygieneallergiker“.

Ich habe durch die Freibier Aktion viel über soziale Netzwerke und ihre Funktion und Arbeitsweise bei Kampagnen gelernt. Das war – weil praxisgesteuert – hilfreich, kostengünstig, effizient und erfreulich und ist für meine Arbeit als Künstler und sozialpolitischer Akteur von hohem Nutzen.
Ich habe auch einiges über Deutschland gelernt.

Fachtagung „Armut. Macht. Flucht. “ Montag,17.10.2016, Weltarmutstag

„Armut. Macht. Flucht. Wie globale Armut und Migration unseren Alltag verändern.“
Termin: Montag,17.10.2016, Weltarmutstag, 10 – 16 Uhr.
Ort: Ver.di Veranstaltungszentrum Goseriede 10, 30159 Hannover.
Veranstalter: Landesarmutskonferenz Niedersachsen, mit Anderen.
Anmeldung: bis zum 10.10 an: merten@rosalux.de . Fon: 0511/2790934.
Teilnahme und Imbiss kostenfrei. Barrierefreier Zugang.
Einladung mit Details hier LAK Fachtagung 2016 Armut. Macht. Flucht. Einladung

Fachtag-Flyer-Deckblatt (1)

15.09.2016 – Abschied vom Sommer

sonnenaufgang
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Von Theodor Storm. Bisschen flach im Niveau, trifft’s aber, auch wenn erst der morgige Tag grau wird. Toller Spätsommer, ich habe jeden Tag genossen, auch eingedenk des Tagebuchs von Wolfgang Herrndorf „Arbeit und Struktur“, in dem er die Entwicklung von der Diagnose seines Hirntumors bis kurz vor seinem Selbstmord beschreibt. Weiß ich, wie viele Sommer mir noch bleiben? Herrndorfs Erfolgsroman „Tschick“ kommt jetzt in die Kinos, den beginnenden Erfolg hat er noch miterlebt, nachdem er jahrzehntelang als prekärer Kulturarbeiter rumgegräpelt hatte, trotz diverser Veröffentlichungen und Preise.
cdu springe
Weißt Du’s schon oder überlegst Du noch?
Ich bin wegen eines Aspektes ganz froh, dass ich seit einigen Jahren, hauptsächlich aus Zeitgründen, kaum noch eigene professionelle Kulturprojekte verfolge: Erfolg bemisst sich immer auch an Einnahmen (neben der Komplementärwährung „Aufmerksamkeit“) und da würde ich bei jeder finanziellen Jahresbilanz unweigerlich ‚ne Sinnkrise kriegen. Diese Frage stellt sich zur Zeit nicht.
Mit zunehmendem Alter stellt sich das vermeintliche Bohémienleben von Kunstproduzentinnen als schlichte Vorbereitung auf Altersarmut dar. Ich kenne keinen auf Hartz IV angewiesenen Künstler jenseits der 50, der vor Kraft, Gesundheit und Zuversicht nur so strotzt.
Das muss ich nicht haben. Dann lieber die bittersüße Einsicht: Es hat eben nicht gereicht.
Ich hätte ja jeden Tag nach Feierabend Kultur produzieren können. Kafka hat seinen „Prozess“ schließlich auch nach Büroschluss geschrieben (Kafka war natürlich nicht arm, das ist ein Mythos). Ich habe nichts gegen Fleiß, im Gegenteil, mitunter arbeite ich 7 Tage die Woche. Aber sobald die Grenze zur Selbstverleugnung überschritten wird, ist Ende im Gelände. Dann lieber paar Tage in Berlin abhängen oder am Kiesteich frohgemut die Fachartikel und Konzeptpapiere, die ich zwecks Lektüre und Korrektur immer dabei habe, ignorieren und einfach aufs Wasser glotzen. Wenn ich nicht gerade drin bin.
Und das Leben kann mitunter so schön sein, wie meine morgendliche Spam von „Dealx“, die mir heute folgendes anbietet:
„FOTL Jogginghose offen 6,99 €, Geographical Norway Herren Poloshirt – Kakao 16,99 €, Überraschungspaket Trachtenhemden (4 Stück) Herren Gr. 40 45,- €.“
Abgesehen davon, dass es Lichtjahre an personengebundener Werbung vorbeizielt, ist das ganz große Literatur, die die Grenzen von Transzendenz und Komposition weit hinter sich lässt: „FOTL Jogginghose offen 6,99 €“. Kann man nichtgreifbares Grauen besser in Worte fassen? Und wo wäre je konzisere Humordialektik des irrlichternden Widerspruchs als in „Überraschungspaket ….. Trachtenhemden (4 Stück) Herren Gr. 40 45,- €“.
6.17 Uhr, 20,3 Grad Celsius, noch eine Tasse Tee, dann bis 14 Uhr ackern und dann ….

14.09.2016 – Billige Retourkutsche!

Die AfD schenkt Freibier aus. Das ist eine billige Retourkutsche auf meine Aktion „Freibier für alle Nicht-AfD-Wähler“. Die Phantasielosigkeit der AfD korrespondiert mit ihrer Kulturlosigkeit. Die AfD steht für eine grundsätzlich andere Republik, sie ist frauenfeindlich, homophob und hat einen Kulturbegriff, der schon im 19. Jahrhundert obsolet war. Die AfD steht nicht nur für Ausgrenzung und Rassismus, sie steht auch für einen Kulturkampf. Wir erinnern uns: Im „goldenen Zeitalter“ des Kapitalismus um die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts herum entwickelte sich neben erhöhten Sozialstandards auch eine offenere Gesellschaft: Frauen brauchten nicht mehr die Unterschrift ihres Mannes, wenn sie arbeiten gehen wollten (1977), Schwule mussten nach der zweiten Strafrechtsreform 1973 keine Angst mehr vor dem Knast haben, die Kunst fand nicht mehr nur in den Sälen der höheren Stände statt. Dass bunte und radikale politische Widerstandsformen auch ausgerechnet in dieser Zeit entstanden, wo es historisch betrachtet am wenigsten notwendig gewesen wäre, ist einer der zahlreichen Treppenwitze der Geschichte. Aktuell wären bunte und radikale politische Widerstandsformen notwendiger denn je, aber die Geschichte scheint sich bei der Beantwortung der Frage: Was kommt nach dem Kapitalismus? für die Variante „Barbarei“ zu entscheiden.
Eine der ersten Maßnahmen der AfD bei Übernahme der Regierungsgewalt:
schwule tüte pommes mit joint
Das Verbot von schwulen, kiffenden Pommestüten im Transgenderlook.
Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner? Der von mir massiv unterstützte Kandidat der Linken in Springe hat es in den Rat geschafft.
Beim letzten Mal hatten ihm noch ca. 30 Stimmen gefehlt. Hätte es wieder nicht geklappt, hätte ich das als persönliche Schlappe empfunden.
So endet dieser Blogeintrag bei aller gesellschaftlichen Schwarzmalerei mit einer positiven Wendung und ich versuche, diese unglaublichen Hochsommertage im September in vollen Zügen bis zur letzten Minute zu genießen. Das Wasser im Kiesteich ist so milde, dass ich beim Eintauchen vor Wonne stöhne. Ganz leise, mehr so nach innen. Was sollen sonst die Leute denken …
Aber erstmal liegen vor mir ein derartiger Haufen Arbeit, dass ich graue Haare kriegen könnte.