08.11.2026 – 9. November, revisited

Skulptur vor dem Museum Hamburger Bahnhof, Berlin. Segment der Berliner Mauer mit integriertem Geldautomaten. Besser kann Kunst Zusammenhänge nicht komprimieren, sinnliche Erkenntnis. Ich habe mich bei dem Anblick gefragt, ob das nicht eine gute Lösung gewesen wäre, damals an jenem schicksalhaften 9. November, als die von drüben mit ihrem unbedingten  Willen für den Kapitalismus die Mauer niederzwangen: Mauer stehen lassen, überall Geldautomaten in die Mauer, gefüllt vom Westen, mit der Geldauswurföffnung nach Osten. Einmal im Monat kriegt jeder der DDR-Bewohner 596 DM Westgeld! aus dem Automaten. Wieso 596? Die Annexion der Ostzone hat uns bisher über 2 Billionen Euro gekostet. Geteilt durch 16 Millionen Insassen, so viele hatte die DDR 1989. Macht das 297 Euro, entsprechend 596 DM West zum damaligen Kurs. Beim Durchschnittsumtauschkurs Westmark : Ostmark von 1 : 7 wären das 4.172 Ostmark für jede*n gewesen. Monatlich! Bei einem monatlichen Durchschnittlohn 1989 von 1300 Ostmark in der DDR. Die Menschen dort drüben hätten also ihren Durchschnittslohn auf einen Schlag mehr als verdreifacht.

Natürlich hätte das gewisse Inflationseffekte nach sich gezogen. Aber da sich das Warenangebot schlagartig vermehrt hätte, Bananen z. B., wäre der Anreiz „rüber zu machen“ weggefallen!

Die Vorteile liegen auf der Hand: es hätte zwei Staaten gegeben mit unterschiedlichen Systemen. Hier Demokratie, drüben Diktatur (des Proletariats). Die Systemkonkurrenz hätte das Kapital bei uns gezähmt, Konkurrenz belebt das Geschäft. Der Sozialstaat wäre nicht in dem Maße zerschlagen worden wie das aktuell der Fall ist. Die AfD würde es nicht geben. Ich könnte mit Passierschein jederzeit nach Ostberlin, mich in den verfallenden Ruinen von Prenzlau gruseln, die Lichtjahre entfernt von der heutigen Gentrifizierung wären, und dort trotz des nun nicht mehr ganz so hohen Währungsgefälles immer noch prassen wie Göttin in Frankreich: Broiler, Soljanka und Riesling von der Unstrut. Und alle Mädels würden bei mir sein wollen und alle Männer so wie ich sein wollen. So stelle ich mir den Sozialismus vor. Als Gast. Und wenn mir jemand auf die Eier geht, was ungefähr 20x am Tag der Fall ist, könnte ich sagen: „Wenn es Dir hier nicht passt, geh doch nach drüben.“

Im Schreiben fallen mir noch tausend weitere positive Aspekte ein, wenn beide Systeme friedlich weiter koexistieren würden. Vor allem für den Osten, der damit unser Vorbild in vielen Bereichen wäre, was das Kapital hierzulande weiter im Zaum halten würde. Im Osten gäbe es keine freien Wahlen weiterhin. Angesichts unserer derzeitigen Wahlergebnisse ein leuchtendes Vorbild. Es gäbe keine Presse- und Meinungsfreiheit, vor allem nicht in den sozialen Medien. Über diesen unfassbar positiven Aspekt muss ich kein Wort weiter verlieren. Es gäbe keine Reisefreiheit für DDR-Bewohner*innen. Angesicht der asozialen Vielfliegerei heutzutage, die unseren Planeten kaputtmacht, sollte dieser Aspekt unbedingt in das Parteiprogramm der Grünen aufgenommen werden.

Ich muss sagen, dass mich dieser Ausflug in eine Parallelwelt aufgemuntert hat. Angesichts dieses überaus deprimierenden Schicksalstag der Deutschen musste ich mich regelrecht aufraffen, um im Schreiben aus der Depression zu finden.

Das ist mir auf das Glänzendste gelungen

Ich werde ab Morgen an einem Roman arbeiten, der auf der Fiktion einer weiter existierenden DDR basiert. Der mein Modell als Grundlage hat, natürlich in anderer Form als das Kunstwerk oben, wohl eher mit realen Transferleistungen West-Ost. Die Geschichte wird aus der Perspektive eines Grenzgängers (weit verbreitetes Literatur-Topos) geschildert, der regelmäßig von Kreuzberg, der Yorckstr. aus, den Osten besucht. Als Flaneur, den Fußgängerübergang nach Friedrichshain nutzend: Die Oberbaumbrücke

Ich werde nie vergessen, wie ich die das erste Mal gesehen habe, derartig schräg durchgeknallte, orientalische Architektur, dass ich dachte, es wäre Gras in meinem Morgentee gewesen.

Draußen ist weiter trübe. Aber in mir strahlt ein Licht, genährt von der Kraft der Kunst und der Literatur

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