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25.06.2026 – Stehlt! Massenhaft!

Marie-Elisabeth-Lüders Haus. Im Regierungsviertel, im sogenannten „Band des Bundes“. Hier sind unter anderem die Bibliothek und das Archiv des Bundestages. Auf der Terrasse finden die Sommerinterviews der ARD statt, den Blick kennen Sie vielleicht. Das „Band des Bundes“ ist ein architektonisches Kleinod, im Gegensatz zu ungezählten Neubauten im Post-Wende-Berlin, die der Stadt einen Stempel der reinen Profitgier jenseits von Geist und Geschmack aufgedrückt haben, alles austauschbar, gesichtslos, trostlos. In Beton gegossener Kapitalismus, Denkmäler des eigenen Verfalls. Die Aufnahme ist vom Wasser der Spree aus. Bei dem Wetter ist Flanieren im Betonmoloch Berlin eher ein Survivaltraining denn ein Vergnügen und zumindest unterhalb der 40-Grad-Marke ist eine Bootstour durch das „Band des Bundes“ ein fast erholsames, ästhetisches Vergnügen, mit neuen Perspektiven.

Früher war das ganze Regierungsviertel für mich eine No-Go-Area, das gigantische Bundeskanzleramt ein riesiger Palazzo Prozzo (was eigentlich neben „Erichs Lampenladen“ der Spitzname des von den Wendesiegern abgerissenen Palastes der Republik war), der die Unappetitlichkeit des dicken Helmut Kohl prahlerisch in den märkischen Sand setzte, und der Reichstag gar allein schon des Namens wegen ein unter allen Umständen zu meidendes Glaskuppel-Brechmittel. Mittlerweile schätze ich die reine Architektur, was können die Steine  für ihre Maurer, und was die Distanz zum hiesigen Systems angeht: Alles Scheiße, aber wir haben zur Zeit nix besseres und sollten für den Rest der ca. noch 60 cm hohen Brandmauer gegen AfD und Faschismus dankbar sein. Der Furor hier in diesem Blog gilt immer dem Kapitalismus, der düsteren Seite der Medaille Demokratie.

Ich sitze gerade in meinem kühlen Arbeitszimmer, nach Norden, das nie wärmer als 25 Grad wird. Habe eben den Kolleg*innen der Müllabfuhr eine Karte der Hausgemeinschaft mit einem kleinen Schein für kühle Getränke übergeben, der Kollege stöhnte nur kurz „Grausamer Job bei dem Wetter“ und musste gleich weiter, Tonnen im Akkord wuchten.

Gegenüber Gerüstbauer, den ganzen Tag nach Süden pralle Sonne, eine Frage der Zeit, wann da die 50 Grad-Marke geknackt wird. Und im gut gekühlten Reichstag diskutieren sie über das Rentenpaket, mit Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Die dafür Verantwortlichen würde ich als Revolutionsrichter nach erfolgreichem kommunistischem Umsturz (Kommunismus ist möglich! Siehe Graz ) , zu 20 Jahren Müllabfuhr mit anschließender Sicherungsverwahrung im Gerüstbau verurteilen.

Ist das schon ein Hitzeschlag, der mich in derartig dantonesken Phantasien suhlen lässt. Handfester ist eher mein Appell: Stehlt! Massenhaft!

Die Schäden durch Diebstahl im Einzelhandel sind laut einer Studie auf einen Höchst-Gegenwert von mehr als 4,3 Milliarden Euro gestiegen. Und das ist auch gut so. Während bei uns immer mehr Alleinerziehende nicht wissen, wie sie Essen für ihre Kinder bezahlen für sollen, über eine Mio. Menschen Flaschen sammeln und Obdachlosigkeit neue Rekordzahlen erreicht, häufen die Könige des Einzelhandels schamlosen Reichtum in unvorstellbarem Ausmaß an. An der Spitze Lidl-Schwarz 46,5 Mrd. Euro, Platz 3 Aldi-Süd Familie Albrecht 27,7 Mrd. Euro, Platz 10 Aldi-Nord Familie Albrecht 17,6 Mrd. Euro, usw. usf. Ich kaufe übrigens gerne bei Platz 46 ein, Familie Roßmann, 4,9 Mrd. Euro …. Danton hätte die alle ….

Nun ist aber gut. Abkühlen. Ich muss weiter arbeiten an meiner Geschäftsidee. Da der Bahnverkehr demnächst zumindest auf der Strecke Berlin Hannover für Jahre komplett zusammenbrechen wird, wegen Umbau, werde ich ein Start-up gründen, das eine entschleunigte, zuverlässige und umweltschonende Alternative bietet, mit jenem individualistischen Flair, das der konsumorientiere postmoderne Citoyen so schätzt:

Einen Postkutschen-Service. Damit gehe ich an die Börse und dürfte laut meinen Planzahlen spätestens 2028 auf Platz 45 landen ….

19.06.2026 – Hitze, Einführung einer Schwanzsteuer und 4 Euro mehr für eine Pulle Fusel

Temperatur auf Veranda, 11.51 Uhr: HH.H. Heisst: Oberhalb des maximalen Anzeigebereichs von 50 Grad.

Bei so einem Wetter ohne Klimaanlage unter dem Dach wohnen, ist eine Risikolebenssituation, vor allem für Ältere, Kinder, Kranke, Trinker …. Und schon sind wir wieder mitten in jenem Leben, das unweigerlich zum Tode führt. Die Bundesregierung plant, die Tabaksteuer zum 1. September 2026 um 13 Prozent im Schnitt zu erhöhen. Das verteuert eine Packung Zigaretten um bis zu 2 Euro. Die Alkoholsteuer soll schrittweise ab 2027 von 13 auf 26 Euro verdoppelt werden, so dass eine Pulle Fusel bis 2029 um ca. 4 Euro teurer wird. Bier und Wein sind davon ausgenommen. Eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke soll ab 2029 eingeführt werden, mit 32 Cent pro Liter ab einem Zuckergehalt von über 8 Gramm pro 100 ml.

Diese Steuererhöhung soll pro Jahr mehrere Milliarden Euro zusätzlich generieren. Fiskal- und Gesundheitspolitisch ist das sicher zu begrüßen. Gesamtgesellschaftspolitisch dürfte diese geplante (!) Maßnahme ein fulminanter Rohrkrepierer werden, braunes Zuckerwasser auf die Mühlen der AfD. Die sich denn auch als Anwältin des kleinen Trinkers und der Kettenraucherin geriert und das ganze Paket radikal ablehnt. Als Bevormundung der mündigen Bürgerin durch die Altparteien.

Diese Steuermaßnahmen treffen ausschließlich Menschen mit wenig Geld, die das sofort an ihrem Budget merken und spätestens nach einer Kampagne der Blöd gegen diese Steuern noch mehr in Scharen den Rattenfängern der vermeintlichen Selbstbestimmung hinterherlaufen und saufen werden. Das letzte Vergnügen, was sich die kleinen Leute, womit auch Prekariats-Angehörige über 1,90 Meter gemeint sind, noch leisten können, sind ein paar Zigaretten und eine Pulle Schluck. Eventuell noch Sex und daher soll ab 2030 gerüchteweise eine Schwanzsteuer eingeführt (hahaha) werden. Urlaub und Auto liegt bei immer mehr Menschen außerhalb jeder Reichweite.

Die, die dieses Steuerpaket entwickelt haben und irgendwann im Bundestag verabschieden werden, sind davon nicht betroffen. Sie rauchen nicht, trinken höchstens Crémant und meiden Zucker wie die Beulenpest. Sie sind zu 90 Prozent Angehörige der neuen Oberschichtsreligion namens „Fitness“ und vermeiden strikt alles, was Spaß macht. Und wo nicht, ist ihnen z. B. eine Erhöhung der Spirituosensteuer um 4 Euro bei einer Flasche Cognac Landy Nr. 1 für 100 Euro scheißegal, bei einer Besoldung für einen Ministerialdirigenten von ca. 15.000 Euro im Monat. Der normale popelige Bundestagsabgeordnete liegt da mit 11.900 Euro deutlich niedriger, ohne auf Details einzugehen, den juckt das aber auch nicht.

Ein Ding wie aus dem Tollhaus: jede mit einem Hauch politischer Phantasie kann sich die Wirkung dieser mitten in den Alltag von Millionen Menschen explodierenden Spaßbremsenbombe ausmalen. Und trotzdem planen sie ein derartiges Kamikazeprogramm, das jeder bürgerlichen Koalition, wenn sie dann überhaupt noch besteht, den Rest geben wird.

Anstatt den Spitzensteuersatz zu erhöhen, eine Transaktionssteuer einzuführen oder das Dienstwagenprivileg zu streichen, von der Abschaffung des idiotischen Ehegattensplittings ganz schweigen. Und mit diesen Maßnahmen wären wir noch lange nicht bei den richtig Reichen. Bei einer Kappung der Vermögen bei 30 Millionen Euro zum Beispiel. Kein Mensch braucht mehr als 30 Millionen Euro. Ich komme sogar schon mit 20 aus.

Nicht alles, was gesundheitspolitisch wünschenswert ist und machbar, ist gesellschaftspolitisch sinnvoll. Von Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Prost.