10.01.2023 – Ist Erinnerung in der Lage, Wesentliches von Müll zu trennen?

Geschlechtersensibel oder Angebot für Innenkurse? Das sind skurrile Nebenaspekte, ansonsten ist die Kulturschlacht ums Gendern geschlagen. Für mich ist das Thema auch durch. Geschlechterdifferenz grundsätzlich ist aber natürlich weiter ein Thema, je drängender desto reaktionärer die Verhältnisse werden. Immer öfter gehen mir dabei Theorieversatzstücke früherer Zeiten (Sie wissen schon, als alles noch besser war …) durch den Kopf. Ich hoffe nicht, dass das beginnende Regression ist, sondern dass Erinnerung in der Lage ist, Wesentliches vom Müll zu trennen.

Auslöser war ein taz Artikel über lebensverkürzende toxische Männlichkeit . Wer dem Motto frönt „Jungs weinen nicht und Indianer kennen keinen Schmerz“ stirbt früher. Ein soziales Konstrukt, lässt sich lernen und abstellen. Wo aber fängt das Genetische dabei an und hört das Soziale auf? Die Frage stellt sich angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel der Coronatoten Männer waren, obwohl sie in der von schweren Verläufen besonders betroffenen Altersgruppe der Hochbetagten klar unterrepräsentiert sind: „ … Ebenso ungeklärt ist aber, warum nach Zahlen der Stanford University zu Beginn der Pandemie zwei Drittel der Verstorbenen Männer waren – obwohl sie in der von schweren Verläufen besonders betroffenen Altersgruppe der Hochbetagten klar unterrepräsentiert sind. Eine wissenschaftlich noch nicht hinreichend abgesicherte Hypothese dazu lautet, vereinfacht ausgedrückt: Östrogen stärkt das Immunsystem, Testosteron unterdrückt es. Hormonelle und genetische Unterschiede sollten also, trotz aller berechtigten Verweise auf die soziale Konstruktion von Geschlechterrollen, nicht vernachlässigt werden…“

Man (!) kann natürlich auch argumentieren, dass das die Quittung für Männer wegen mangelnder Selbstfürsorge ist, sie rauchen mehr, saufen, treiben keine Vorsorge, schlucken Pillen, Drogen und am Ende gibt es bei ähnlichen Krankheitsverläufen unterschiedliche Ergebnisse. Fakt ist, dass die Verknüpfung von Gender und Klasse (neudeutsch: Intersektionalität) massiven Einfluss auf Morbidität und Mortalität hat. Wer am Hochofen arbeitet im Schichtbetrieb, stirbt früher als eine evangelische Pastorin oder gar als Susanne Klatten, die leistungslos das größte Vermögen einer Frau in Deutschland besitzt – BMW, Dr. Oetker etc. Anteile geerbt…

Klasse und Geschlecht. Früher, und das fiel mir beim taz Artikel wie Schuppen aus dem Gebälk, lautete die Diskussion, ausgelöst durch die zweite feministische Bewegung: Haupt- oder Nebenwiderspruch . Wieweit ist die Unterdrückung der Frau zu einem Nebenwiderspruch der Produktion degradiert, also der Kategorie „Klasse“ nachgeordnet.

Das ist kein trivialer Schnee aus Opas Erzählungen vor vorgestern. Angesichts der Tatsache, dass sich heutzutage jede Minderheit marginalisiert, unterdrückt fühlt und es einen wahren Wettlauf darum gibt, wer am meisten unterdrückt ist, verschwindet das notwendige kollektive Widerstandspotential gegen den Hauptwiderspruch „Kapital – Arbeit“ völlig hinter lauter verzwergten Nebenwidersprüchen, wie ob ich jetzt vierfach diskriminiert bin, nur weil ich blöd bin. Jede nur für sich, keiner mehr aufs Ganze.

Eigentlich müsste man mehr lesen, Bücher von Frigga Haug z. B. waren da hilfreich. Aber meine Leselust ist begrenzt. Ich hoffe, dass mir Erkenntnis im Prozess des Erinnerns zuwächst.

Den Rest besorgt der eigene Kopf.

Immer mit einem guten Witz rausgehen. Grundregel Nr. 1 Rhetorik.

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