14.10.2019 – Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.

Humor auf dem Lande in Südnorwegen bei Fiske


Fotografiert vom SCHUPPEN 68-Korrespondenten Michael Foedrowitz, in Fiske, Südnorwegen, versehen mit der Frage: Skulpturenpark oder Neugestaltung eines Friedhofs?
Mich hat es an die Frage des großen Existentialisten Loddar Matthäus erinnert:
„Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“
Besser hätte man den Zustand von Staat und Gesellschaft angesichts des wachsenden Faschismus im Lande nicht ins Bild setzen können, um mal jenseits der transzendenten Loddar-Matthäus-Ebene zu wandeln. Der bürgerliche Betroffenheits-Antifaschismus der letzten Tage nach dem Anschlag von Halle bleibt folgenlos, weil er analytisch unpräzise ist und so zwangsläufig falsche oder unzureichende Konsequenzen zieht. Betroffenheit ersetzt keine Analyse. Mich rührt das in manchen Fällen unangenehm an, wenn Sätze fallen wie: „Dieser Anschlag galt uns allen.“ Genau das tat er nicht, anders als beispielsweise Bombenanschläge von Nazis auf belebten Plätzen, wie zum Münchener Oktoberfest 1980, mit 12 Toten. Dieser Anschlag verfolgte das faschistische Muster des „Wahllos Terror verbreiten“, richtete sich also gegen alle. Der Anschlag von Halle galt konkret Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland und eben nicht Politik*innen, Blogschreibern, Frauen oder Homosexuellen. Das so zu benennen, würde unter anderem auch eine ganz andere Sicherheitspolitik zum Schutz jüdischer Bürger*innen, eine ganz andere politische Bildungsarbeit und eine konsequente Anwendung des Strafrechts im antisemitischen Bereich bedeuten.
Der bürgerliche Betroffenheits-Antifaschismus wird auch deshalb folgenlos bleiben, weil er an der Kumpanei staatlicher Behörden mit rechtsradikalem Gedankengut nicht rührt. Auf dem rechten Auge blind, das hat in Deutschland jahrzehntelange Tradition. Mittlerweile ist die gesamte linke Körperseite, um mal in der Symbolik zu bleiben, gelähmt und die rechte Seite zuckt und bebt vor Leben, immer wieder schnellt der rechte Arm in die Höhe.

Kleiner deutscher Gruß. Siegfried Neuenhausen, 1970. Sprengel-Museum.
Beim Oktoberfestattentat wurde wider besseres Wissen von den Ermittlern eine Einzeltäterschaft unterstellt (die es so natürlich niemals gibt, die Täter werden immer getragen von einem Netz aus Unterstützung und Solidarität). Seit 2014 ermittelt die Bundesanwaltschaft auch in andere Richtungen von rechten Netzwerken. Man darf auf das Ergebnis im Jahre 2114 nicht gespannt sein: Verfahren eingestellt.
Der bürgerliche Antifaschismus wird auch deshalb folgenlos bleiben, weil er eine zentrale Ursache des Faschisierungsprozesses nicht hinreichend benennt, nämlich die krisenhafte Ausformung des Kapitalismus und sein Systemversagen. Genauer gesagt: Nicht der Kapitalismus ist in der Krise, sondern er ist die Krise. Und langsam wird das offensichtlich, auf zentralen Gebieten wie Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, Klimapolitik, Antifaschismus, Friedenspolitik. Bei Genderpolitik, Inklusion und Diversität sind „wir“ schon ganz gut aufgestellt ….
Nicht zuletzt wird der bürgerliche Antifaschismus folgenlos bleiben, weil er weder radikal noch wehrhaft ist. Wo bleibt das Verbot der AfD? Die Entfernung aller Beamten aus dem Staatsdienst, die AfD Mitglieder sind? Die Auflösung aller Sicherheitsdienste, die die Beobachtung, Kontrolle und Strafverfolgung der AfD jahrelang absichtlich vernachlässigt haben oder wie im Fall Maaßen die Partei begünstigt haben oder nach wie vor begünstigen?
Wehret den Anfängen?
Über das Stadium sind wir hinaus.
Sonnigen Wochenbeginn, liebe Leserinnen, allzeit ein fröhliches Lied auf den Lippen oder eine schöne Urlaubsreise vor Augen. Alles wird supi.

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