12.07.2021 – Braungesprenkelte Flatterbänder


Die Krönung der sprichwörtlich einsamen Bucht ist die einsame Doppelbucht und zwar Rücken an Rücken, wie hier, und nicht einfach nebeneinander, was keine Kunst ist. Einsame Buchten, einsame Hütten im Wald, einsame Irgendwas-am-Arsch-der-Welt, wer liebt sowas nicht?
Oder haben Sie schon jemals eine Klage gehört wie „Also der letzte Urlaub war schrecklich, ich war an einer einsamen Bucht“? Nein, ein Kronjuwel der distinktionsorientierten Mitteleuropäerin mit Geschmack und Geld ist die beiläufige Erwähnung, dass die Bucht, in der sie in der Abendsonne immer schwimmen ging, aber sowas von einsam war. Wenn sie einen entsprechenden Hau hat, gerne in Verbindung mit Stanzen wie: „Ich war mir und der Natur so nahe wie selten.“
Einsame Strandbuchten von landläufiger Schönheit können natürlich nur jene sein, die mit dem Auto nicht erreichbar sind, am besten nur durch ganz beschwerliche Auf- und Abstiege zu erreichen. Da fallen Kleinkindfamilien und Senior*innen, also alles, was einem die Laune und den Anblick vermiest, schon mal weg. Herrlich, dachte ich also, als ich kurz nach Tau und Tag in obiger ankam, der Abstieg für mich kein Problem, nicht umsonst nennt man mich den Reinhold Messner der einsamen Buchten.
Aber ich hatte die Rechnung ohne Helios, den Gott der Mobilität, gemacht. Der hat den Menschen das göttliche Geschenk des Motorbootes gemacht und so setzten jene magischen Gefährten des Öttel-Öttel-Stink-Stink alsbald einiges an Völkchen im Doppelbucht-Paradies ab, was noch halbwegs über die Reling an Land fallen konnte.
Es war immer noch übersichtlich und herrlich, mich aber zog es weiter, hinauf auf einen angrenzenden steilen Hügel mit Gipfelkreuz und Kapelle. Nicht dass mich derlei Aberglauben-Gedöns besonders antörnt – auch wenn einem solchen Ensemble durchaus eine Aura der Transzendenz innewohnt – aber es war klar, dass da oben sowohl ein herrlicher Blick als auch kein Schwein vorhanden sein würde. Und so war es dann auch.
Aber ach, auf dem schmalen Pfad dorthin kränzten alsbald weiße, braungesprenkelte Flatterbänder in Form von Toilettenpapier das Unterholz und die eine oder andere Geruchsprise umwölkte meine Nase. Es erinerte mich an mein heimisches Eichsfeld im Frühjahr, woselbst ich als Waldbauernbub noch das Plumpsklo erklomm, und der Heimatdichter folgende unvergesslichen Zeilen zu Papier (sic!) brachte, angesichts der Postwinters auftauenden braunen Massen:
„Wenn es stinkt auf den Aborten,
Wird es Frühling aller Orten“
Die einfallenden Familien blieben offensichtlich den ganzen Tag mit Sack und Pack, Getränken und Verpflegung vor Ort, wo es Definitionsgemäß („Einsame Bucht“) kein Klo gab. Und wenn sie ein menschliches Rühren überfiel, nahmen sie die scheinbar einzig verbliebene Lösung:
Sie schissen den Weg zum Gipfelkreuz gnadenlos zu.
Einsame Buchten? Am Arsch.
Ich weiß es ja seit Jahrhunderten, dass dieses zivilisationsmüde Geschwafel von einsamen Buchten und Hütten im Wald die naive Kitsch-Ausgeburt des vom Leben und der eigenen Existenz überforderten distinktionsorientierten Mitteleuropäers ist. Falle aber trotzdem hin und wieder selber drauf rein.

Es geht nichts über eine funktionierende Infrastruktur mit Tavernen, Sonnenschirmen und Kackbalken.

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