09.09.2022 – Zwei Zimmer, 1.300 Euro


Aushang Yorckstr. Kreuzberg. Wer wollte dem Paar nicht alles Gute wünschen, und einen Rechtschreibkurs für den Grundschullehrer. Stadtsoziologinnen können auf dem Sektor vielleicht eher mal Viere gerade sein lassen. Die Beiden gehören sicher dem Lager der Guten an, wählen beide grün, er vegetarisch, sie vegan, Mitglieder bei Greenpeace, sympathisieren mit Fridays for future und unterschreiben beim Volksbegehren für bedingungsloses Grundeinkommen. Vielleicht finden sie eine Zweizimmer-60 qm-Wohnung zu dem Kurs hier in der Gegend, also über 20 Euro pro Quadratmeter.
Für die Mieter*innen unseres Hauses liest sich der Aushang allerdings wie eine Bedrohung. Hier liegt die Miete teilweise noch unter dem Mietspiegel, was in Gegenden wie Kreuzhain, Prenzlauer Berg, Mitte etc. so selten ist wie ein Einhorn. Dieser Aushang macht deutlich, dass in Gentrifizierungsquartieren die Mieten um ein xfaches über unseren liegen. Da unser Haus zum Verkauf ansteht, ist das für alle Mieter*innen eine existenzielle Bedrohung, täglich vor Augen geführt durch Aushänge wie oben, der zeigt: da geht die Reise hin nach Modernisierung.
Widerstand regt sich. Wie er enden wird, steht leider zu vermuten. Aber Binsenweisheiten haben ja einen Vorteil, sie bringen es sur le point: Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.
Ich habe etwas gegrübelt, wie ich mit kleinerer Münze aus dem heutigen Eintrag rauskomme, das eben grenzt schon etwas an dicke Hose und Pathos. Mir ist aber nix eingefallen, ausser: Für den Fall, dass Sie eine Wohnung für Malte und Marina haben, Sie sich bitte bei denen melden. Irgendein Happy-End muss es doch mal in diesem irdischen Jammertal geben.

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