11.09.2022 – Verrückte Welt


Britische Botschaft, am Morgen nach dem Tod der Königin. Jetzt dürfte da das notorische Blumenmeer liegen. Mich interessierte, was sind das für Menschen, die da in echter Trauer Blumen ablegen, sogar Tränen vergießen. Sie kennen die Tote doch nur medial vermittelt. Was hatte die Frau mit ihrem Leben gemein? Ich finde dieses Promi betrauern verstörend. Ausweis einer Entfremdung eigener Gefühle. Als ich die Blumen im Detail fotografierte, stürzten sich mehrere Kamerateams auf mich. Viel Betrieb war noch nicht und die wollten ihre Statements. Ich äusserte meine Verstörung. Reporter:“ Aber die Frau hat doch viel bewegt.“ „Sie hat nichts bewegt. Brexit, Inflation, Energiekrise, Verarmung, was hat die Frau da bewegt? Nichts.“
Was ich mir verkniff: Nie ein Wort des Bedauerns darüber, dass der Reichtum ihrer Gang über Jahrhunderte mit Blut, Schweiss und Tränen aus ihren Untertanen und den Kolonien zusammengeraubt wurde. Das verkniff ich mir aus Pietät.
Und hier trauern Millionen Bekloppte und die Medien verfallen in kollektive Begeisterungshysterie über die Verblichene. Sie wäre so stoisch gewesen. Toll.
Was für eine verrückte Welt.
Nur einer normal. Nächste Woche erfahren wir, wer.
Stunden später, bei mir umme Ecke. Fußgänger und Radfahrer kriegen sich auf Bürgersteig in die Flicken. Der Fußgänger beleidigt den Regelverletzer mit nicht zitierfähigen Ausdrücken. Der, Typ Pensionär, hyperventiliert in Richtung Herzinfarkt und brüllt durch den Kiez:
„Primitivling! Ist das Dein Niveau, Du Schöneberger Schwuchtel?“
(Schöneberg ist das queere Epizentrum nicht nur Berlins).
Ich hab Zuhause noch Tränen gelacht.
Berlin macht einem den Abschied wirklich nicht leicht.

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