13.09.2022 – Die wird mir fehlen


Oranienstr., Zentrum des Kreuzberger Hardcore-Kiezes SO 36. Das war und ist nicht meine Lebenswelt. Punk, Anarchie, Militanz, bei aller Sympathie für andere, radikale Lebensentwürfe haben die Styles und Codes, die da herrschten, nicht so viel mit meinem Alltag zu tun. Demzufolge hing ich früher da auch eher selten ab, im Dreieck zwischen Rio-Reiser-Platz, Oranienstr., Mariannenplatz und Kotti. Und wenn doch, kam ich mir mitunter vor wie beim unangemeldeten Eindringen in ein Kinderzimmer, ähnlich wie bei Konzerten, wo man merkt, dass man eher zu den Gesichtsältesten gehört.
Heuer war das anders. Des Öfteren leitete der Gott des Flanierens meine Schritte dorthin, auch zum Verweilen, Auf- und Abschreiten, Begutachten der Auslagen, Graffiti, Transpis, Plakate. Bei aller Digitalisierung sind Plakate mein zentrales Informationsmedium in Berlin. Erstens sind sie mitunter ästhetische Offenbarungen und zeigen den Weg des Designs in der Restrepublik der nächsten Jahre und zweitens wüsste ich kaum, wo nach was in Berlin im Internet zu suchen, die überwältigende Fülle des Angebots ist so erschlagend. Außerdem glotz ich schon genug auf mein Handy.
Ich fühle mich also wohl in der Oranienstr. und sie wird mir jetzt irgendwie fehlen. Wie kömmt’s?
Liegt wohl an den überwältigenden Krisenzeiten, die das Hier und Jetzt der kahlen Realität grauer, nackter Mauern, auf denen in flammendroter Menetekelschrift steht: Alles wird Scheiße, so schwer erträglich macht.
No future, selten passt das Motto der Sex Pistols in der wundervollen Hymne „God save the Queen“ so gut wie heuer. Klima, Corona, Inflation, Energie, Krieg, Rechtsruck am laufenden Band weltweit, Armut, Migration, weltweite Verelendung, ich hab bestimmt jede Menge vergessen, reicht auch so schon.
Da ist das Aufscheinen einer anderen, besseren möglichen Welt, wie sie in der Oranienstr. aussieht, Labsal. Freundlich, friedlich, bunt, kreativ, solidarisch, kämpferisch, ich wüsste gar nicht genau, wie ich diese mögliche Welt, die da vielleicht am Ende der Straße auf dem Foto liegt, genau benennen sollte, und die Protagonisten dort wüssten es auch nicht. Zumal viele davon Touris sind, von den Eingeborenen gehasst wie die Pest, weil die die Hauseingänge vollkotzen und scheißen, keinen Respekt vor der Hood haben und die Preise treiben.
Egal, dass eine Möglichkeit als Schimmer, als Morgenröte am Horizont der Geschichte überhaupt existiert, ist schon mal ne feine Sache.
Und so saß und flanierte ich da des Öfteren, peinlich drauf achtend, den Rucksack zuhause zu lassen, I am not a Tourist, I live here, sammelte Eindrücke, Impulse, schimpfte auf die Rollkoffer-Asis, die den Pflasterstrand vollklackerten, und ließ mir die Sonne auf dem Pelz brennen.
Hier nun Auszüge aus dem Queen-Requiem der Sex Pistols, von wegen No future und so:
God save the queen
The fascist regime
They made you a moron
A potential H bomb
God save the queen
She’s not a human being
and There’s no future
No future
No future for you

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