
Zu früh. Japanische Blutpflaume, Blütenbeginn. Ein zauberischer Anblick im Garten, wenn das zart weißrosa Blütenmeer in ein paar Tagen seine blendende Helligkeit ausbreitet, inmitten der noch trostlos gräulichen, nur vom ersten Rosengrün und den allfälligen Krokussen besprenkelten Restvegetation.
Zu spät ist es für den Staat hingegen nie. Mit eiserner Härte klebt er an den Resten der dritten Generation der RAF und hat nun Erfolg, wohl nach der TV-Oberpetze-Sendung „Aktenzeichen XY“. Daniela Klette wurde im SO 36 Teil von Kreuzberg festgenommen.
Als ich die Meldung las, war mein erstes Gefühl: Schade. Dient das jetzt noch substanziell dem Rechtsfrieden?
Ein klammheimliches Bedauern. Diese Codierung muss ich für die nach 1965 Geborenen erklären. „Klammheimliche Freude“ empfand der sogenannte Göttinger Mescalero in einem Artikel angesichts der Ermordung des damaligen Generalbundesanwaltes Siegfried Buback durch die RAF, ohne diesem Mord zuzustimmen und gegen derartige Terrorakte argumentierend. Also durchaus differenzierend. Zitat: „Der Göttinger Mescalero war der pseudonyme Autor des Textes Buback – Ein Nachruf, der 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion (RAF) in einer Weise kommentierte, die in der Öffentlichkeit vor allem als Zustimmung zu dem Mord gewertet wurde, obwohl der Autor in Wirklichkeit gegen solche Terrorakte argumentierte. Die Mescalero-Affäre führte zu einer kontrovers geführten, öffentlichen Debatte über Sympathisanten und das Verhältnis der extremen Linken zum Terrorismus der RAF. „
Die RAF besaß damals im juste milieu der radikalen Linken und darüber hinaus durchaus in bürgerlich-liberalen Kreisen eine nicht geringe Zustimmung und auch Unterstützung. Es galt für die, die Gewalt auch in der bürgerlichen Demokratie im Prinzip als Widerstandsmittel legitim hielten: Gewalt ist illegal, aber legitim. Die Grenze für die Meisten bildete Gewalt gegen Personen. Diese Grenze überschritten nur wenige.
In der Theorie waren sich alle weitgehend einig: Wir leben in einer Klassengesellschaft (richtig). Der Staat ist lediglich demokratische Fassade und Handlanger des Kapitals (halbrichtig). Das Kapital beutet die elenden Massen weltweit erbarmungslos aus (fast richtig). Die Gesellschaft, das Volk (!, oje, völkischer Alarm) wird verdummt und verblendet, muss nur aufgeklärt und agitiert (vor dem Werkstor) werden und wartet bloß auf ein revolutionäres Terror-Fanal der kämpfenden Avantgarde, um loszuschlagen (entsetzlich falsch). Vor dem Werkstor gab’s auf die Fresse beim Flugi verteilen und der Mob wollte nur eins: Häuschen, Auto, Urlaub, Bild und Glotze.
Der hier beschriebene Gegensatz Staat – Gesellschaft existiert nach wie vor noch. Nur haben sich die Vorzeichen radikal geändert. Sollte damals die aufzuklärende Gesellschaft gegen ein als faschistoid denunzierten Staat in Stellung gebracht werden, sieht die Realität heute so aus: Der bürgerliche Staat ist bei aller Kritik mit seinen verrechtlichten Institutionen (Justiz) eine der letzten Brandmauern gegen den grassierenden Faschismus in der Gesellschaft. Und so schwer es allen Staatsskeptikern (wie mir) auch fallen möge, ist dieser Staat und damit die Restdemokratie, zu verteidigen. Gegen seine Insassen. The times they are a changing.
Nichtsdestotrotz habe ich nach wie vor Sympathien für den reflektierten Ansatz der RAF, natürlich nicht für Desperados und Faschisten wie Baader und Horst Mahler, aber für Ulrike Meinhof , stellte er doch das Verhältnis Staat – Gesellschaft – Individuum in der BRD vor neue Fragen, wie: Wann wird Widerstand nötig, gar zur Pflicht. Gemäß dem Diktum: Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
Die Realität da draußen, jenseits meines Kopfes und meines Schreibtischs, wird immer surrealer. Wie ein Film. Und in diesem Film hätte ich es als versöhnlich empfunden, wenn Daniela Klette hinaus in die untergehende Sonne geritten wäre und der Sheriff im Saloon zu seinen Marshals geflucht hätte: „Verdammt, wieder entwischt. Die kriegen wir nicht mehr“.
Und so gilt meine klammheimliche Sympathie den beiden flüchtigen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Straub. Jungs, haltet durch. Und macht einen Bogen um SO 36.
Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Kommentar! Aber ich teste einige Software zum Ruhm unseres Landes und ihr positives Ergebnis wird dazu beitragen, die Beziehungen Deutschlands im globalen Internet zu stärken. Ich möchte mich noch einmal aufrichtig entschuldigen und liebe Grüße 🙂